Am vergangenen 15. Oktober wäre Michel Foucault, der wohl meistzitierte Intellektuelle des 20. Jahrhunderts, 95 Jahre alt geworden. Er wird von links und rechts in Anspruch genommen und muss für vieles herhalten. Grund genug für eine kleine Spurensuche.

Geschichte der Gegenwart
Geschichte der Gegenwart
#Foucault. Eine Spurensuche
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Das akade­mi­sche Zeit­schrif­ten­ar­chiv jstor.com verzeichnet 61’654 Artikel, Rezen­sionen und Buch­ka­pitel, die „Michel Foucault“ zumin­dest erwähnen. Martin Heidegger erreicht hier mit 24‘700 Nennungen nicht einmal die Hälfte dieses Werts. Etwas häufiger – je rund 38‘000 Mal – werden Walter Benjamin und Sigmund Freud genannt, während Jean-Paul Sartre mit rund 22‘000 Einträgen schon deut­lich weniger oft zitiert oder disku­tiert wird, gefolgt zum Beispiel von Simone de Beau­voir mit etwa 15’000 und Ludwig Witt­gen­stein mit 13’000 Nennungen.

Ähnli­ches zeigt sich im Netz: Google meldet für Foucault knapp 8 Millionen Such­re­sul­tate (Heidegger erreicht 4,9 Millionen, Witt­gen­stein 2,6). Geschlagen wird er nur von Simone de Beau­voir mit rund 8,5 Millionen Google-Hits. Trotz dieser aussa­ge­kräf­tigen Zahlen bleibt Michel Foucaults domi­nante Präsenz in den unter­schied­lichsten wissen­schaft­li­chen, künst­le­ri­schen, poli­ti­schen und akti­vis­ti­schen Diskursen eigent­lich ein Rätsel: Wie hat er das bloß geschafft?

Der Sohn eines Chirurgen

Ein Teil der Antwort liegt im Zufall seiner Geburt als Sohn einer stan­des­be­wussten Arzt­fa­milie in Poitiers. Es war eine sehr bürger­liche und sehr katho­li­sche Welt, in der Foucault aufwuchs, aber auch eine bildungs­stolze Welt des Wissens, die er später in seiner eigenen schran­ken­losen Gelehr­sam­keit auf seine Art reprä­sen­tierte. Genauer noch: Foucaults eigenem Zeugnis zufolge hatte sein Schreiben und seine Theorie der Diskurse, mit der er fast eigen­händig die Geis­tes­wis­sen­schaften revo­lu­tio­nierte, direkt mit dem Beruf seines Vaters zu tun. In einem 1968 geführten Inter­view bemerkte er, „vermut­lich“ habe er das Skal­pell seines Vaters für sich selbst „zum Feder­halter gemacht“ und ziehe nun auf dem Papier „dieselben aggres­siven Zeichen“, die „mein Vater in den Körper der anderen schnitt“.

Foucault arbei­tete damals gerade an einem Buch, das die Regeln des Spre­chens unter­suchte, die sich auf keine angeb­liche Autor­inten­tion zurück­führen lassen. Umso para­doxer erscheint es, dass er sich auf seine eigene Biogra­phie bezog. „Ich weiß ganz genau“, bemerkte er daher, „dass ich Ihnen alle diese Dinge nicht sagen sollte“ – aber er sagte sie trotzdem, weil sie einen zentralen Punkt berührten: Foucault war ein „kalter“ Analy­tiker, dessen Gegen­stände „tot“ zu sein hatten, die er „aufschneiden“ wollte wie ein Anatom, um analy­tisch den „Herd des Übels“ freizulegen.

Diese analy­ti­sche Kälte war aller­dings nicht allein ein väter­li­ches Erbe. Der Zufall der Geburt am 15. Oktober 1926 machte Foucault in den späten 1940er und frühen 50er Jahren in Paris auch zum Ange­hö­rigen einer Genera­tion junger Intel­lek­tu­eller, die vom Struk­tu­ra­lismus von Claude Lévi-Strauss und der „struk­tu­ralen“ Psycho­ana­lyse Jacques Lacans faszi­niert waren. In beiden Fällen ging es nicht um das herme­neu­ti­sche Verstehen von Sinn, sondern um die Analyse von anonymen sprach­li­chen Struk­turen, die die Entste­hung von Sinn erst ermög­li­chen. Foucault wahrte zwar immer seine Distanz zum Struk­tu­ra­lismus. Er inter­es­sierte sich nicht für die Sprach­zei­chen, die Signi­fi­kanten, die nach struk­tu­ra­lis­ti­scher Auffas­sung die Welt als Wahr­nehm­bare struk­tu­rieren, sondern allein für die Signi­fi­kate, mithin das „Gemeinte“, das Ausge­sagte. Das hieß für ihn, dass er nicht, wie etwa Jacques Derrida, die Viel­deu­tig­keiten der Sprache in den Blick nahm, sondern die kompakten Aussa­ge­bündel von Diskursen, die er gleichsam Schicht um Schicht analy­sierte – eben genauso, wie der Anatom im toten Körper die „Häute und Schichten abhebt“.

„Wir kalten Systematiker“

Das änderte aller­dings nichts daran, dass Foucault 1966 mit seinem monu­men­talen Buch Les mots et les choses (dt. Die Ordnung der Dinge) von den Medien zum neuen Star des Struk­tu­ra­lismus erklärt wurde. Auch wenn das ein Miss­ver­ständnis war, so war zumin­dest richtig, dass er in ganz neuar­tiger Weise die epochen­spe­zi­fi­schen „Wissens­ord­nungen“ unter­suchte, die so unter­schied­li­chen Wissen­schaften wie der Lingu­istik, der Biologie oder den Wirt­schafts­wis­sen­schaften gemein­same Forma­ti­ons­re­geln von Wissen und Wahr­heit aufprägten.

Mit der These, dass Diskurse und ganze Wissens­ord­nungen nach ihren eigenen, histo­risch varia­blen Regeln funk­tio­nierten, und die seither zur Grund­lage vieler Forschungs­pro­gramme in den Geistes- und Sozi­al­wis­sen­schaften geworden ist, unter­grub Foucault zwar nicht als einziger, aber wahr­schein­lich als einfluss­reichster Philo­soph den illu­sio­nären Glauben an über­zeit­liche, von jeder mensch­li­chen Akti­vität unab­hän­gige Wahr­heiten. Man hat dieses Unter­graben ewiger Wahr­heiten „post­mo­dern“ genannt – oder gescholten –, dabei aber über­sehen, dass diese epis­te­mo­lo­gi­sche Posi­tion sich bereits seit Beginn des 20. Jahr­hun­derts, das heißt seit Nietz­sche, Witt­gen­stein und Heidegger, entwi­ckelt hatte. Und ganz so fern vom Struk­tu­ra­lismus, wie er selbst behaup­tete, war Foucaults berühmtes Buch auch nicht. In einem Inter­view bezog er sich auf Lévi-Strauss und Lacan – an anderer Stelle nannte er auch Witt­gen­stein –, um zu sagen, „das eigent­liche Tiefen­phä­nomen, von dem wir geprägt sind, das vor uns da ist und uns in Zeit und Raum trägt“, sei das „System“, das heißt eine Art Struktur. Daher trügen, zum Beispiel, „in der Biologie die Chro­mo­somen bekannt­lich in Form eines Codes, einer verschlüs­selten Nach­richt, sämt­liche Infor­ma­tionen, die für die Entwick­lung des jewei­ligen Lebe­we­sens erfor­der­lich sind…“

Wieder waren die Natur­wis­sen­schaften seine Refe­renz für sein anti-hermeneutisches Denken, diesmal die Mole­ku­lar­bio­logie. Und es war genauso gemeint. Foucault erklärte, es gehe „uns ‚kalten Syste­ma­ti­kern’“ darum, „uns endgültig vom Huma­nismus zu befreien“. Seiner Inter­viewerin versi­cherte er im Mai 1966 sogar, dass es „den Ange­hö­rigen unserer Genera­tion“ darum gehe zu zeigen, „dass unser Denken, unser Leben und selbst noch die alltäg­lichsten Formen unseres Daseins Teil derselben syste­ma­ti­schen Orga­ni­sa­tion sind und daher auf denselben Kate­go­rien beruhen wie die wissen­schaft­liche und tech­ni­sche Welt“.

Wissen­schaft und Technik waren in jenen Jahren der Hoch­kon­junktur noch kaum Gegen­stand tief­grei­fender und verbrei­teter Kritik geworden; Foucault beklagte ganz im Gegen­teil den „anthro­po­lo­gi­schen Schlaf“, in dem die Human­wis­sen­schaften sich befänden, das heißt den Glauben an „den“ Menschen, von dem jede Analyse auszu­gehen und zu dem jede zurück­kehren müsse. Dieser „Schlaf“ sei nicht mehr zeit­gemäß, denn ange­sichts der Fort­schritte von Wissen­schaft und Technik werde „der“ Mensch verschwinden „wie am Meeres­ufer ein Gesicht im Sand“.

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Zeit der Kämpfe

Damit deutet sich schon eine Antwort auf die Frage an, wieso Foucault so überaus berühmt wurde: Er verstand es wie kein anderer, „seine Zeit in Gedanken [zu] erfassen“, wie Hegel das Wesen der Philo­so­phie bestimmt hatte. Er verlieh einigen der avan­cier­testen Ideen seiner Zeit Ausdruck, blieb gleich­zeitig aber ganz eigen­ständig und wahrte seine Distanz zu vorherr­schenden Para­digmen. Aber nicht nur das: Im Februar 1971, nur zwei Monate nach seiner Antritts­vor­le­sung am Collège de France, grün­dete er zusammen mit Gilles Deleuze und anderen die „Groupe d’information sur les prison“ (G.I.P.) und setzte sich in unzäh­ligen Aktionen und Reso­lu­tionen für Straf­ge­fan­gene ein. Er erklärte jetzt, die Geschichte der Denk­sys­teme – so lautete die Deno­mi­na­tion des eben für ihn einge­rich­teten Lehr­stuhls – inter­es­siere ihn nicht mehr, und über­haupt habe er das „Bücher­ge­kritzel“ satt. In der Zeit nach dem Mai ’68, als die geschla­gene Linke sich in kleinen, zersplit­terten Gruppen radi­ka­li­sierte, wurde auch Foucault zum mili­tant, der, ausge­rüstet mit einem Megafon, Seite an Seite mit Jean-Paul Sartre auf die Straße ging und sich unter anderem  für alge­ri­sche Arbeiter:innen einsetzte.

Doch während Sartre dabei für die Arbei­ter­klasse agitierte, setzte sich Foucault für die Algerier:innen als Margi­na­li­sierte ein, als Menschen am Rand der fran­zö­si­schen Gesell­schaft. Die Ausge­sto­ßenen waren schon lange sein Thema. Sein erstes großes Buch, die Histoire de la folie à l’âge clas­sique (dt. Wahn­sinn und Gesell­schaft) von 1961, handelte davon, wie im 17. und 18. Jahr­hun­dert die aufklä­re­ri­sche Vernunft den Wahn­sinn aus dem Kreis des Sagbaren ganz ausge­schlossen hatte und die Psych­ia­trie die Wahn­sin­nigen ab 1800 ihren Klas­si­fi­ka­ti­ons­ras­tern und insti­tu­tio­nellen Prak­tiken unterwarf.

Diesen Faden nahm er jetzt wieder auf, zum einen in seinen Vorle­sungen, zum anderen in Surveiller et Punir. La nais­sance de la prison von 1975 (dt. Über­wa­chen und Strafen). Die Gedanken, mit denen der Philo­soph seine Zeit zu erfassen suchte, waren hier nicht mehr nur kalt, sondern vor allem dunkel. Kühl war zumin­dest noch die Ausgangs­these: Dass die grau­samen öffent­li­chen Körper­strafen und Hinrich­tungen im Ancien Régime sich von den staub­tro­ckenen Gefäng­nis­ord­nungen des 19. Jahr­hun­derts und den peni­blen Formen der Diszi­plin auch in Fabriken, Schulen und Kasernen letzt­lich nur durch das blutige Spek­takel unter­schieden haben, mit dem das Gesetz des Königs in den Körper des Aufrüh­rers einge­schrieben worden war. Doch humaner, so Foucault, wurde das Gefängnis deswegen nicht. Denn es zielte darauf, im Körper des Delin­quenten eine „Seele“ – ein Gewissen, ein Schuld­be­wusst­sein – zu erzeugen und ihn, voll­ständig diszi­pli­niert, der Arbeit zuzu­führen. Die moderne Macht, so Foucaults berühmte Diagnose, ist „produktiv“, sie zerstört die Körper nicht, sondern macht sie „nütz­lich“. Tief­schwarz war dann die Schluss­fol­ge­rung: Die modernen Gesell­schaften seien über­haupt zu einem „Kerker-Archipel“ geworden, und wir alle seien Teil der großen Diszi­pli­nar­ma­schine – „jeder ein Rädchen“, wie es am Ende von Über­wa­chen und Strafen heißt.

Mit diesem Buch wurde Foucault in doppelter Weise zu einer Art Gene­ral­re­fe­renz für die Linke. Denn zum einen reflek­tierte Über­wa­chen und Strafen, wie auch schon Wahn­sinn und Gesell­schaft, die lang­same Verschie­bung des poli­ti­schen Fokus der Linken weg vom Prole­ta­riat hin zu jenen, die keine „Klasse“ im Marx­schen Sinne mehr bildeten, aber die Macht bürger­li­cher Normen in aller Härte am eigenen Leib erfuhren. Zum andern aber lieferte das Gefängnis-Buch scharfe Instru­mente für die Kritik jener west­li­chen Gesell­schaften, die sich, poli­zei­lich aufge­rüstet, auf einen Orwell­schen „Big Brother“-Staat zuzu­be­wegen schienen.

Dieses Bild akzen­tu­ierte sich noch, als 1976 La Volonté de Savoir (dt. Der Wille zum Wissen) in die Buch­hand­lungen kam: Foucault konzi­pierte darin den Zugriff staat­li­cher Kontroll­macht auf die Körper als „Biopo­litik“, die über die Sexua­lität als dem „Schar­nier“ zwischen indi­vi­du­ellem Verhalten und Bevöl­ke­rungs­po­litik das Leben selbst produ­ziere und normiere. Jetzt waren es Femi­nis­tinnen und Aktivist:innen der Homo­se­xu­ellen, die „ihren“ Foucault entdeckten. Zugleich fand sich – wie bei all seinen Büchern – eine große Zahl von Wissenschaftler:innen, die sich durch seine Thesen aufs Produk­tivste heraus­ge­for­dert fühlten.

Selbst­tech­niken

Obwohl Foucault längst welt­weit Vorträge hielt und in den Augen vieler seine Zeit zum Ausdruck brachte, änderte er aber­mals und recht abrupt die Gangart und die Blick­rich­tung seiner Arbeiten. Könnte es nicht sein, fragte er sich am Ende der 1970er Jahre, dass er mit seiner Macht­theorie übers Ziel hinaus­ge­schossen war, dass Bevöl­ke­rungen trotz allem „regiert“ werden müssen und dass der Libe­ra­lismus mit seiner Beto­nung der indi­vi­du­ellen Frei­heit den Poli­zei­staat des Ancien Régime über­wunden hatte? Und könnte es nicht sein, dass der Einzelne doch nicht nur ein „Rädchen“ in einer Diszi­pli­nar­ma­schine ist, sondern immer ein Stück Frei­heit zur Verfü­gung hat, um der Macht gegen­über „Nein“ zu sagen, oder zumin­dest: „Wir wollen nicht so sehr, nicht auf diese Weise regiert werden“, wie Foucault dies 1978 formulierte?

Am Ende seines durch eine HIV-Infektion am 25. Juni 1984 früh been­deten Lebens publi­zierte Michel Foucault noch zwei Bücher zur grie­chi­schen und römi­schen Antike, in welchen er seinen Leser:innen, die sich die Augen rieben, jene „Selbst­tech­niken“ vorführte, mit deren Hilfe athe­ni­sche Bürger und römi­sche Stoiker ihre „Frei­heit“ konsti­tu­ierten und pflegten. Abge­sehen davon, dass sich jetzt auch die Alter­tums­wis­sen­schaften mit Foucault ausein­an­der­setzen mussten, hatte dieser als Seis­mo­graph seiner Zeit regis­triert, dass gerade eine neue Kultur der Inner­lich­keit und der Spiri­tua­lität, aber auch der Selbst­be­zo­gen­heit und des unpo­li­ti­schen Indi­vi­dua­lismus aufkam. Mit Le souci de soi (dt. Die Sorge um sich) lieferte er gewis­ser­maßen jenes Stich­wort, das die kalte, neoli­be­rale Rede von den Ich-AGs zumin­dest ein wenig ausba­lan­cierte – oder auch, wie ihm linke Kritiker:innen bis heute vorwerfen, selbst die neoli­be­rale Wende vorantrieb.

Gegen das Gesetz

Neben der überaus breiten, hier kaum berührten wissen­schaft­li­chen Rezep­tion Foucaults ist dessen Denken immer auch poli­tisch gelesen und verwendet worden. Neben der Kritik an der Diszi­pli­nar­ge­sell­schaft wurde insbe­son­dere sein konstruk­ti­vis­ti­scher Ansatz als ein mäch­tiges Instru­ment zur Zurück­wei­sung angeb­lich ewiger Wahr­heiten und daraus abge­lei­teter Macht­an­sprüche verstanden. Zum andern aber wurde dieser Konstruk­ti­vismus von der Neuen Rechte miss­braucht, um ihre „ethnop­lu­ra­lis­ti­sche“ These von der grund­sätz­li­chen Verschie­den­heit der „Kulturen“ und damit deren wech­sel­sei­tige Unver­träg­lich­keit zu begründen. Das ist sowohl theo­re­tisch wie poli­tisch das Gegen­teil von dem, was Foucault sagte und vertrat, gehört aber zumin­dest am Rande zur komplexen Geschichte der Rezep­tion Foucaults.

Die Gefahr solcher Fehl­deu­tungen hängt zwar zwei­fellos auch damit zusammen, dass Foucaults  Denken nicht auf die Errich­tung eines philo­so­phi­schen „Systems“ zielte. Die offen­baren Inkon­sis­tenzen seines Werks – er lehnte den Begriff ab – täuschen aller­dings darüber hinweg, dass es ihm immer um die Frage danach ging, was ein Subjekt sei und wie seine Frei­heit zu denken wäre – falls über­haupt. Dazu wies er in erster Linie die von Jacques Lacan formu­lierte Vorstel­lung zurück, dass der Mensch, sofern er nicht den Wahn­sinn wähle, sich einem „Gesetz“ unter­werfen müsse, einer allge­meinen Norm oder Regel. Lacan verstand darunter die Sprache. Foucault dachte histo­risch konkreter als Lacan und entzif­ferte im genea­lo­gi­schen Unter­grund von dessen „Gesetz“ den kirch­li­chen Beicht­zwang, der sich in der Moderne in den ärzt­li­chen Willen zum Wissen und den Geständ­nis­zwang der Psycho­ana­ly­tiker verwan­delt habe. Dagegen, gegen diese Vorstel­lung eines unum­gäng­li­chen „Gesetzes“, stellte Foucault zuerst die Analyse der Wissens­ord­nungen, dann die Kritik jeder Macht und schließ­lich die Selbst­tech­niken. Wie kein anderer brachte er damit auch eine tief­grei­fende Verschie­bung auf den Begriff, die seit einem halben Jahr­hun­dert unsere Gegen­wart formt.