Seit das Thema der Flucht Eingang in die öffentliche Debatte gefunden hat, setzt sich auch die Jugendliteratur damit auseinander. Sie baut Brücken zwischen altbewährten Genres, zwischen Kulturen und Gesellschaften und versucht ein neues Bild von Flüchtenden zu erschaffen. Doch das gelingt ihr nur teilweise.

  • Lena Brun promoviert im Fach Empirische Kulturwissenschaft an der Universität Zürich und beschäftigt sich mit dem Verhältnis von Menschen, Tieren und Pflanzen in populären Literaturen und Medien.
Geschichte der Gegenwart
Geschichte der Gegenwart
Flucht erzählen. Jugend­li­te­ratur auf schwie­rigem Terrain
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Derzeit gehen Bilder aus Afgha­ni­stan um die Welt, wo Menschen aus Angst vor den Taliban, die wieder das Land beherr­schen, zwangs­mi­grieren. Sie flohen aus den länd­li­chen Gebieten in die Städte, wo sie sich Schutz erhofften, und von den Städten versuchten sie schliess­lich ins Ausland zu gelangen. Hier im Westen sind neue ikoni­sche Bilder von Flucht entstanden: Menschen, die in Panik versu­chen, in den Flug­hafen von Kabul zu gelangen, sich an star­tenden Flug­zeugen fest­klam­mern und in den Tod stürzen.

Es handelt sich um kein neues Phänomen, dass Menschen aus und in Afgha­ni­stan fliehen, auch wenn das Bewusst­sein in Europa dafür erst mit der soge­nannten Flücht­lings­krise ab 2015 wieder gewachsen ist. Mit dem Eingang in poli­ti­sche, soziale und gesell­schaft­liche Diskurse schlug sich das Thema Flucht sofort auch in der Popu­lär­kultur nieder. Denn Flucht stellt grund­le­gende Fragen an Selbst­ver­ständ­lich­keiten der west­li­chen Welt: Menschen­rechte, Sess­haf­tig­keit, Selbst­be­stim­mung, natio­nale Zuge­hö­rig­keit, Heimat, Familie, Sicher­heit. Das Auf-der-Flucht-Sein ist laut der Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­lerin Ulrike Zeuch „eine exis­ten­ti­elle Erfah­rung des Menschen als eines Fremden […] in dieser Welt“, die von der Lite­ratur aufge­griffen und verar­beitet wird. Die Flucht­li­te­ratur ist an der Produk­tion sozialer Bedeu­tung von Flucht mit betei­ligt, da sie sich als Sparte selten auf reine Fiktio­na­lität begrenzen lässt, ja gar von ihrem Reali­täts­bezug und der Möglich­keit, wahr zu sein, lebt. Sie erschafft und trans­por­tiert Vorstel­lungen von Flucht und Geflüch­teten, die den Diskurs mitprägen.

Reprä­sen­ta­tionen von Jugend­li­chen auf der Flucht

Die Suche nach Obdach und Heimat scheint gerade in Bezug auf flüch­tende Kinder und Jugend­liche beson­ders dring­lich und der Verlust von Zuge­hö­rig­keit grausam. Die Lite­ratur trägt der Tatsache Rech­nung, dass sich aktuell beson­ders viele minder­jäh­rige und junge Menschen auf dem Weg in eine sichere Welt mit Hoff­nung auf Zukunft befinden. Sowohl in der Lite­ratur für Erwach­sene als auch in jener für Kinder und Jugend­liche erscheinen seit 2015 auffal­lend viele flüch­tende Kinder und Jugend­liche. Auf dem Kinder- und Jugend­buch­markt werden Werke zur Thematik rund um Flucht und Inte­gra­tion in beacht­li­cher Menge und Formen­viel­falt heraus­ge­geben, häufig mit der Inten­tion, Empa­thie, Inklu­sion und damit kultu­relle Diver­sität zu fördern und Flucht verständ­lich zu machen.

Viele Jugend­ro­mane beschäf­tigen sich mit der Flucht an sich, obwohl die Mehr­heit dieser Bücher als Begeg­nungs­ro­mane konzi­piert sind, die sich um das Ankommen und Integriert-werden von Geflüch­teten in der Mehr­heits­ge­sell­schaft dreht. Gerade die Flucht aus Syrien und Afgha­ni­stan nach Europa scheint auf dem deutsch­spra­chigen Markt zu boomen. Diese gestaltet sich vornehm­lich in drei Etappen: das Herkunfts­land und das Aufbre­chen; die Flucht; das Aufnah­me­land und das Ankommen. Den jungen Protagonist:innen wird dadurch ermög­licht, sich zuerst als voll­stän­dige und teil­ha­bende Indi­vi­duen einer Gesell­schaft zu präsen­tieren, als Heimat-Habende, bevor sie entwur­zelt werden. Dieser iden­ti­täts­stif­tende Zugang wird in der poli­ti­schen und medialen Debatte meist unter­schlagen. Die Heimat gestaltet sich häufig als idyl­li­scher Gegen­ent­wurf zum spät­mo­dernen euro­päi­schen Leben: naturnah, geborgen, fami­liär und einfach. Dies erin­nert, wenn auch sicher von den Autor:innen nicht inten­diert, an eine kolo­niale Arti­ku­la­tion, die die Ursprüng­lich­keit soge­nannter Natur­völker rühmt – ihnen jedoch gleich­zeitig eine ratio­nale Zurech­nungs­fä­hig­keit abschreibt.

Die jugend­li­chen Protagonist:innen erzählen ihre Geschichten in einem perso­nalen Erzähl­stil, in Tage­buch­form oder als Ich-Erzähler:innen. Eine prozess­hafte Entwick­lung, ähnlich dem Entwick­lungs­roman, lässt tief in ihren Charakter, ihre Wünsche und Gedanken blicken. All dies führt zu einer leich­teren Iden­ti­fi­ka­tion der Lesenden und zu einer Art Miter­leben und Aneig­nung des Erzählten. Leicht wird ein direkter Bezug zu lebens­welt­li­chen Menschen herge­stellt, da die Stationen der Erzäh­lungen dem bereits bekannten Schema der Nach­richten folgen und in stereo­typen Beschrei­bungen von Flucht enden: Auffang­lager, Meeres­über­que­rungen in über­füllten Booten, geschlos­sene Grenzen, Leben auf der Strasse. Gleich­zeitig werden die Romane in der Regel von deutsch­spra­chigen Autor:innen ohne eigene Flucht­er­fah­rung geschrieben. Ihre Romane authen­ti­fi­zieren sie damit, einen grossen Recher­che­auf­wand betrieben und mit zahl­rei­chen Menschen gespro­chen zu haben, die eine Flucht erlebten. Sie erzählen ‚wahre‘ Flucht­ge­schichten, die sie aus erster Hand erfahren haben, oder als Ko-Autor:in im Namen einer geflüch­teten Person nieder­schreiben. So kann diese Lite­ratur als Versuch verstanden werden, margi­na­li­sierten und häufig von inter­sek­tio­neller Diskri­mi­nie­rung betrof­fenen Geflüch­teten in Form von Einzel­schick­salen in der deutsch­spra­chigen Mehr­heits­ge­sell­schaft eine Stimme zu verleihen.

Doch Flucht­li­te­ratur ist eben nicht Lite­ratur von Geflüch­teten und die Bear­bei­tung durch euro­päi­sche Autor:innen führt stets zu einer erneuten Wieder­gabe vorherr­schender Bilder, die sich in der west­li­chen Welt fest­ge­setzt haben und die sie weiter­trans­por­tieren. Die flüch­tenden Protagonist:innen spre­chen nur scheinbar mit ihrer eigenen Stimme, da in Wirk­lich­keit durch die Autor:innen für sie gespro­chen wird. Die reprä­sen­tierten Jugend­li­chen aus fernen Ländern erzählen also ihre Heimat und ihre Flucht mit der Stimme einer Euro­päerin oder eines Euro­päers. Das gut gemeinte Bestreben, einer an den Rand gedrängten Gruppe einzelne Stimmen und Gesichter zu gegeben, um der Entmensch­li­chung in Medien und Politik anhand kollek­tiver Wasser­sym­bolik wie ‚Welle‘, ‚Strom‘ oder ‚Flut‘ entge­gen­zu­wirken, führt häufig dazu, dass altbewährte Klischees versteift und rekon­stru­iert werden. Nur selten setzen sich die Romane etwa damit ausein­ander, was es heisst, der Kollek­ti­vi­den­tität ‚Flücht­ling‘ zuge­ordnet zu werden und dadurch einen Teil an persön­li­cher Iden­tität zu verlieren.

Flucht und Abenteuer

Das Etap­pen­schema Aufbruch – Flucht­reise – Ankommen, in welches eine Flucht in der Jugend­li­te­ratur häufig geglie­dert wird, orien­tiert sich an den Grund­struk­turen bürger­li­cher Reise- und Aben­teu­er­ro­mane, die sich im 19. Jahr­hun­dert grosser Beliebt­heit erfreuten. Sie befrie­digten das Inter­esse an fernen und exoti­schen Ländern, das sich parallel zu den Auswan­de­rungs­wellen aus Europa und zum Ausbau des Kolo­ni­al­be­sitzes entwi­ckelte. Das über­höhte Verständnis des Westens von sich selbst und die geogra­phi­sche und ethno­lo­gi­sche Vermes­sung und Bewer­tung der rest­li­chen Welt spie­gelt sich in der Lite­ratur wider. Die Migra­tion ist mit dem Motiv der Umsied­lung in ein fremdes Terrain, etwa in der Auswan­der­er­li­te­ratur, aber auch mit der nur zeit­weisen Deplat­zie­rung, wie in der Robin­so­nade oder dem Seeaben­teuer, in der Aben­teu­er­li­te­ratur schon seit ihren Anfängen vertreten. Es scheint daher natür­lich, dass sich die aktu­elle Flucht­li­te­ratur nach den Konven­tionen der Aben­teu­er­li­te­ratur richtet.

Georg Simmel schrieb 1919 in seinem Essay über das Aben­teuer: „Und zwar ist nun die Form des Aben­teuers, im aller­all­ge­meinsten: dass es aus dem Zusam­men­hange des Lebens heraus­fällt.“ Als „Exklave des Lebens­zu­sam­men­hangs“ werden denn auch die Flucht­reisen der flüch­tenden Figuren darge­stellt: losge­rissen vom bishe­rigen und zukünf­tigen Leben, mit klar fest­mach­barem Anfang und Ende. Auch was Simmel die „Inten­sität des Lebens“ nennt, also das Leben um des Lebens Willen, „als Gegen­warts­wesen“ gelöst von Vergan­gen­heit und Zukunft, lässt sich in der Flucht­li­te­ratur für Jugend­liche beob­achten. Die Figuren leben auf schon fast roman­ti­sierte Weise im Moment, lassen sich auf das ein, was ihnen der Zufall in einer fremden, noch zu entde­ckenden Welt an die Hand gibt – ganz wie die Eroberer und Aben­teurer der klas­si­schen Aben­teu­er­li­te­ratur. Dabei schwingt stets der Opti­mismus mit, dass am Schluss schon alles gut werden wird, wenn man nur das sichere Europa erreicht und die Menschen dort einem gut gesonnen sind, was durchaus als Anruf an die Leser:innen verstanden werden kann.

Carolin Phil­ipps: Talitha. 2. Aufl. Inns­bruck, Wien: Obelisk 2016 (2015).

Mit bemer­kens­wert wenigen Ausnahmen ist die Meeres­über­que­rung in einem über­la­denen Schlauch­boot oder Fisch­kutter der Höhe­punkt des aben­teu­er­li­chen Span­nungs­bo­gens. Dies ist durchaus zynisch in Anbe­tracht der huma­ni­tären Tragö­dien, die sich auf dem Meer und auf der Flucht abspielen – und der Tatsache, dass auch andere, weniger aben­teu­er­liche Flucht­ver­läufe erlebt werden, die jedoch genauso trau­ma­ti­sie­rend sein können. Auch hier zeigt sich, was weiter oben als stereo­type Bilder von Flucht beschrieben wurde, da sich die Aben­teu­er­kon­ven­tion nicht an indi­vi­du­ellen Erleb­nissen, sondern kultu­rell tradierten Normen der fiktiven Kinder- und Jugend­li­te­ratur richtet, die wiederum in der Form des Fluch­tro­mans als glaub­würdig verkauft werden.

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Anhand der Konven­tion der Aben­teu­er­li­te­ratur wird entgegen der Absicht aktu­eller Flucht­li­te­ratur für Jugend­liche, Geflüch­tete als eben­bür­tige Mitglieder der Gesell­schaft anzu­er­kennen, diskursiv ein ‚Anderes‘ entwi­ckelt. Wo zwar der bürger­liche Aben­teurer sich noch freudig ins Aben­teuer stürzte, um anders zu sein als seine regel­ge­lei­tete und unna­tür­liche Herkunfts­welt, werden die flüch­tenden Abenteurer:innen zum Aben­teuer gezwungen und als ‚Andere‘ expo­niert. Im Vergleich zur euro­päi­schen Norm sind sie bedroht, krisen­haft, nicht-sesshaft, und exotisch.

Zwischen Welten

Gerade die Konzep­tion als Aben­teu­er­li­te­ratur birgt jedoch das Poten­tial, die Figuren als handelnde und selbst­be­stimmte Personen darzu­stellen: als Abenteuerheld:innen. Obwohl die verein­fa­chende Erzähl­form und die Exoti­sie­rung von Flüch­tenden proble­ma­tisch gegen das inte­gra­tive Ziel der Romane arbeiten, erhalten die Protagonist:innen Hand­lungs­macht und entkommen der passiven Opfer­rolle. Gleich­zeitig wird den Leser:innen ange­boten, mit alter­na­tiven Perspek­tiven auf die Welt zu blicken.

Unter­wegs zu sein ist ein zentrales Motiv sowohl in der Abenteuer- als auch in der Flucht­li­te­ratur, das Ausgangs- und Zielort mitein­ander verbindet. Unterwegs-Sein bedeutet, nicht hier und nicht da, wegge­gangen aber nicht ange­kommen zu sein. Flucht und Aben­teuer bilden so ein lite­ra­ri­sches Dazwi­schen, einen Raum zwischen verschie­denen Welten. Der Fluch­t­raum befindet sich zwischen Herkunfts- und Zielort oder -gesell­schaft, von denen sich die Protagonist:innen während ihrer Reise gänz­lich lösen. Die Lücke, die sich zwischen fest­ge­schrie­benen Räumen öffnet, bietet die Möglich­keit, diese neu zu denken, sich zu entwi­ckeln und Oppo­si­tionen zu vereinen, wie es auch mit den schein­baren Gegen­sätzen von Aben­teuer und Flucht geschieht. Flucht­li­te­ratur wird zur Verhan­delnden zwischen Welten, zwischen Heimat und Ferne, zwischen Spra­chen oder unter­schied­li­chen Selbst­ent­würfen der Protagonist:innen, wie es die Aben­teu­er­li­te­ratur schon lange ist. Der Zwischen­raum der Flucht und des Aben­teuers ist Sowohl-als-auch und gleich­zeitig Weder-noch, in dem sich die Abenteurer:innen immer neu erfinden müssen und – in einem gewissen Rahmen – können. Im Unter­schied zur Aben­teu­er­li­te­ratur des 19. Jahr­hun­derts posi­tio­nieren sich die Protagonist:innen jedoch nicht in Abgren­zung zum eroberten Aben­teu­er­raum als dem Umfeld über­legen, sondern in Verbin­dung mit ihm, teil­ha­bend und mitge­stal­tend. Die flüch­tenden Figuren balan­cieren zwischen dem, was sie waren und dem, was sie sein werden. Sie vereinen in sich die Kultur ihrer Herkunft und jene all der Regionen, die sie durchreisen.

Im Dazwi­schen werden die Grenzen der domi­nie­renden Welt­ord­nung aufge­weicht und mit dem Über­schreiten schreiben die Protagonist:innen den Raum neu und vereinen, was unver­einbar schien. In Paral­lel­ge­sell­schaften über­winden sie soziale Grenzen und geben bekannten Räumen – beispiels­weise der Stadt Athen – neue Bedeu­tungen und neue Betrach­tungs­weisen. Sie schauen gewis­ser­massen durch die Hintertür auf die Kultur der Lesenden. In Athen etwa auf den Tourismus, der dadurch ganz absurd erscheint. Natio­nal­grenzen, geogra­phi­sche Grenzen wie Meere und Gebirge oder Sprach­grenzen, die unbe­weg­lich und unüber­windbar wirken, werden aufge­löst. Damit entsteht eine Wech­sel­wir­kung zwischen Herkunfts- und Aufnah­me­ge­sell­schaft, Bewe­gung und Still­stand, Ein- und Ausschluss, Realität und Fiktion, der sich die Flüch­tenden hingeben und die sie zu Mediator:innen zwischen Welten macht.

Jugend­li­te­ratur zum Thema Flucht bietet damit eine Alter­na­tive zu domi­nie­renden Anschau­ungen und stellt in Frage, was über ein Massen­phä­nomen erzählt wird, wenn sie auch tatsäch­liche jugend­liche Flüch­tende nicht zu reprä­sen­tieren vermag. Mit ‚dem Flücht­ling‘ als Denk­figur vermag sie Stereo­type zu hinter­fragen, die sie selbst vermit­telt, und regt dazu an, auf neue Weise über Flüch­tende, kultu­relle Iden­tität, Nationen, Menschen nachzudenken.

 

  • Lena Brun promoviert im Fach Empirische Kulturwissenschaft an der Universität Zürich und beschäftigt sich mit dem Verhältnis von Menschen, Tieren und Pflanzen in populären Literaturen und Medien.