Fitter, healthier, and more productive: Das Ideal des selbstoptimierten Menschen ist der Cyborg

Cyborgs haben Konjunktur und sind mitten unter uns. Ein Rückblick in die Geschichte dieses Konzepts kann helfen, die ökonomischen Hintergründe unseres Dranges zur Selbstoptimierung durch Anpassung zu verstehen.



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Im März dieses Jahres publizierte der französische Web-Designer und Datenschützer Aral Balkan in der ZEIT einen bemerkenswerten Artikel. Unter dem Titel „Wir sind alle Cyborgs“ postulierte er, es sei notwendig, „dass wir die Grenzen dessen, was wir Ich nennen, neu definieren und jene Technologien mit dazu zählen, die wir nutzen, um über unsere natürlichen Fähigkeiten hinauszuwachsen. Wenn wir unsere vernetzten Alltagsgegenstände so begreifen – nicht als von uns getrennte Akteure, sondern als Erweiterung unserer Persönlichkeit –, können wir vieles klarer sehen.“ Längst scheinen diese Mischwesen aus Lebendigem und Technologischem also nicht mehr nur die Romane ständig anwachsender Science-Fiction-Bibliotheken oder die Leinwände Hollywoods zu bevölkern, sondern mitten unter uns zu sein.

Cyborgs sind der Inbegriff, ja die ikonische Figur einer Verschmelzung, die in den letzten Jahren unter den Stichworten „Human Enhancement“ und „Transhumanismus“ zu einem breit gefächerten Forschungs- und Entwicklungsfeld der großen Technologiekonzerne avanciert ist. Aral Balkan sieht in der Entwicklung des Menschen hin zum Cyborg jedoch auch zunehmende Gefahren. Denn auch die Daten, die wir in Zusammenarbeit mit unserer technologisch vernetzten Umwelt laufend produzieren, sind, so Balkan, ein Teil unserer Persönlichkeit. Das bedeutet nicht weniger als eine essentielle Neubestimmung dessen, was in unserer digitalen Gegenwart ein Subjekt ausmacht, eine Neubestimmung der Grenze, wo der Mensch aufhört und wo Technologie beginnt: „Ab einer gewissen Informationsdichte werden Daten über eine Sache zu dieser Sache selbst. Ihre Daten sind Sie“, so Balkans beunruhigende Diagnose. Diese Daten können selbstredend auch zur Überwachung und Kontrolle genutzt werden. Dann aber „wäre Überwachung nicht länger nur ein Abfangen von Signalen, sondern Körperverletzung.“

Das digitale Selbst und seine ökonomische Verwertung

Allein, unsere Daten, also unser digitales Selbst, sind nicht nur Objekt staatlicher Überwachungsbestrebungen, sondern sie sind auch zu einem ökonomischen Faktor geworden. Mit der massenhaften Sammlung von Informationen, deren statistischer Auswertung sowie der Erstellung von Präferenz- und Verhaltensprofilen erhoffen sich Unternehmen, uns als Verbraucher noch gezielter und effektiver zu adressieren. Dahinter steckt auch der prognostische Traum, künftiges Verhalten innerhalb von Systemen vorausberechnen und steuern zu können. Dieser Traum ist älter, als es scheinen mag. Er stammt aus der Theorie der Regelungstechnik der späten 1940er Jahre – der Gründungsphase der Kybernetik. Heute läuft die vor allem von großen Konzernen erträumte Regulierungstechnologie darauf zu, unsere Bedürfnisse und Wünsche noch vor uns selbst zu kennen und vorhersagen zu können. Das Kalkül besteht darin, uns in unserer Zukunft gezielt ‚abzuholen‘ und dort gewissermaßen schon mit Angeboten auf uns zu warten.

Bereits im Februar 2012 veröffentlichte der Journalist Charles Duhigg unter dem Titel „How Companies Learn Your Secrets“ in der New York Times einen aufsehenerregenden Artikel, in dem beschrieben wurde, wie es der US-Discounterkette Target mittels algorithmisch-statistischer Verfahren gelingt, aus dem Kaufverhalten ihrer Kundinnen auf eine mögliche Schwangerschaft zu schließen und sogar den Zeitpunkt der Geburt etwa ein halbes Jahr im Voraus zu berechnen: „Take a fictional Target shopper named Jenny Ward, who is 23, lives in Atlanta and in March bought cocoa-butter lotion, a purse large enough to double as a diaper bag, zinc and magnesium supplements and a bright blue rug. There’s, say, an 87 percent chance that she’s pregnant and that her delivery date is sometime in late August.“ Es ist nicht allzu spekulativ anzunehmen, dass es dem Unternehmen bald auch gelingen wird, die Schwangerschaft noch vor der werdenden Mutter – vielleicht sogar noch vor Eintritt der Schwangerschaft – zu erahnen. Dass sich ein solcher Informationsvorsprung in vielfältiger Weise produktiv machen lässt, liegt hierbei auf der Hand.

Unter diesen Vorzeichen und auch vor dem Hintergrund der von Balkan skizzierten Entwicklungen unserer digitalen Gegenwart, könnte es sinnvoll sein, noch einmal nach der Herkunft des Cyborg-Konzepts zu fragen und der aktuellen Debatte eine historische Kontur zu geben. Auf den ersten Blick führt diese Genealogie, die sich bis in die pharmazeutische Industrie der Schweiz zurückverfolgen lässt, weit weg von Daten-Ökonomie und Cyber-Überwachung. Auf den zweiten Blick enthüllt sie jedoch die Herausbildung eines Menschenbildes, das gerade in unserer Gegenwart eine besondere wirtschaftliche Aktualität erlangt hat.

Raumfahrtmedizin und Psychiatrie

In die Welt gekommen ist der Cyborg – also der ‚kybernetische Organismus‘ – 1960 auf einer von der US Air Force organisierten raumfahrtmedizinischen Konferenz in San Antonio, Texas, die sich mit den „Psychophysiologischen Aspekten der Raumfahrt“ befasste. Es ging darum herauszufinden, wie der menschliche Körper, aber auch dessen Psyche, auf die Herausforderungen des Weltraums reagieren würden. Wie würden sich die Schwerelosigkeit, die enormen Beschleunigungskräfte bei Start und Wiedereintritt, aber auch die Isolation in der Raumkapsel auswirken? Und würde der Mensch verlässlich mit dem technologischen System aus Rakete, Steuerungseinheit und Kontrollzentrum interagieren? Oder wäre er die Schwachstelle innerhalb dieses Netzwerks von automatisierten, kybernetischen Maschinen, wie von vielen Wissenschaftlern befürchtet wurde?

Um diesen Fragen und Problemen zu begegnen, präsentierten zwei externe Wissenschaftler, die nicht aus dem inneren Kreis der militärischen Forschungseinrichtungen kamen, ein ambitioniertes Projekt –  den Cyborg. Der Titel ihres Vortrags – „Drugs, Space, and Cybernetics: Evolution to Cyborgs“ – deutete bereits daraufhin, dass es sich hierbei in erster Linie um ein medizinisches Konzept handelt. Die beiden Autoren, Nathan Kline, ein Psychiater, der sich bereits einen Namen als einer der Pioniere auf dem Gebiet der Psychopharmakologie gemacht hatte, und Manfred Clynes, ein junger und ehrgeiziger Computerspezialist, waren beide in der Forschungsabteilung des Rockland State Hospitals beschäftigt. Nur wenige Kilometer nördlich von New York entfernt gelegen war Rockland eine der größten psychiatrischen Kliniken der Vereinigten Staaten, versorgte um 1960 bereits über 9000 Patienten und hatte durch die Anwendung von Lobotomien und elektrischen Schocks einen zweifelhaften Ruf in der amerikanischen Öffentlichkeit erlangt. Als Kline 1952 als Leiter der Forschungsabteilung nach Rockland kam, war er angetreten, die Psychiatrie zu modernisieren und fand schnell eine neue Methode, mit der die als schizophren diagnostizierten Patienten behandelt werden konnten.

Cyborgs made in Switzerland: Anpassung und Leistung

Anfang der 1950er Jahre hatte Kline Kontakt mit dem Schweizer Chemie- und Pharmazieunternehmen Ciba (heute Novartis) aufgenommen, das ihm ein neues Präparat zum Test an seinen Patienten anbot. „Reserpin“, so der Name des Wirkstoffs, wurde aus der indischen Schlangenwurzel (Rauwolfia serpentina) gewonnen und schien Wunder zu wirken: Bereits 1954 publizierte Kline erstmals über seine Erfahrungen mit der Substanz, die auf Schizophrene eine beruhigende Wirkung habe und diese von ihren Wahnvorstellungen und Halluzinationen zu kurieren verspreche. Am Ende seines Artikels, der in den Annals of the New York Academy of Sciences veröffentlicht wurde, berichtete er jedoch noch über ein weiteres mögliches Anwendungsgebiet: Die Einnahme von Reserpin habe einer Krankenschwesternschülerin beim Abschluss ihrer Ausbildung geholfen. Trotz hohem IQ und überdurchschnittlicher Motivation sei diese wegen zu großer Aufregung und Konzentrationsschwierigkeiten zuvor immer wieder gescheitert, habe durch das Medikament jedoch die nötige Ruhe gefunden.

Dieser Ansatz, Menschen durch gezielte Medikamentierung an ihre Umwelt anzupassen und damit ihre Leistungsfähigkeit zu verbessern, wurde schließlich auch zum Grundgedanken für den Cyborg als Prototypen der künftigen Astronauten, und damit auf den gesunden Körper übertragen. Mittels einer selbstregulativen Pumpe, so die Idee von Kline und Clynes, sollten die Astronauten im Weltraum automatisch mit verschiedenen Medikamenten versorgt und stets perfekt an die lebensbedrohlichen Umweltbedingungen des Weltraums sowie die technologischen Anforderungen der Raumkapsel angepasst werden. In Momenten, die eine erhöhte Wachsamkeit verlangen würden, könnten beispielsweise Amphetamine verabreicht werden. In Stresssituationen oder bei großer Aufregung, schlagen die beiden unter anderem Reserpin vor. Die Astronauten haben auf ihre Medikamentierung selbst keinen Einfluss, diese verläuft vollständig automatisiert und wird vom kybernetischen Regelungskreislauf, der ständig zwischen Soll- und Ist-Zustand vergleicht, auf ein Optimum eingependelt.

Im Denkmodell der beiden Wissenschaftler schienen Medikamente sowohl ein probates Mittel zu sein, um Menschen mit einer Geisteskrankheit wieder auf ihre Umwelt ‚einzustellen‘, als auch Hochleistung und Effektivitätssteigerung bei Gesunden zu erzielen. Letztlich ging es in beiden Fällen gleichermaßen darum, Menschen produktiver und funktionsfähiger zu machen.

Unternehmer unserer Selbstoptimierung

Die heutigen Cyborgs unserer digitalen Gegenwart scheinen sich weit von ihrer Herkunft entfernt zu haben. Und doch weisen aktuelle Tendenzen wie der Trend zur „Selbstoptimierung“ durch Mobile Apps direkt auf die Geburt des Cyborg-Konzepts aus dem Geiste der Raumfahrtmedizin und Psychiatrie zurück. Mit Hilfe des Smartphones und zusätzlich eingesetzter Applikationen, wie den so genannten Activity Trackern, ist es heute möglich, als „Unternehmer seiner selbst“, der „für sich selbst sein eigenes Kapital ist, sein eigener Produzent, seine eigene Einkommensquelle“ (Foucault), an der ständigen Optimierung der eigenen Fitness, Ernährung, den Schlafrhythmen bis hin zur Kontrolle des Blutzuckerspiegels mitzuarbeiten. Optimierung und Produktivitätssteigerung werden hierbei oft synonym gesetzt.

Vor dem Hintergrund der von vielen Menschen als zunehmend flexibler und beschleunigter wahrgenommenen Arbeitswelt erscheint Selbstoptimierung dabei als ein Mittel der Anpassung und nimmt in vielen Fällen den Charakter einer ‚Selbstnormierung‘ an. Auch Medikamente spielen nach wie vor eine wichtige Rolle für diese Entwicklung: So bewegt sich das 1954 ebenfalls von dem Basler Unternehmen Ciba eingeführte Stimulanz „Ritalin“ heute in jenem ambivalenten Spannungsfeld zwischen medizinischer Fürsorge und Leistungssteigerung, in dem auch der Cyborg 1960 entstanden ist. Nicht nur, dass die Behandlung von Kindern und Jugendlichen mit der Diagnose „Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung“ (ADHS) zum Teil auch darauf abzielt, diese mit Blick auf den Anpassungs- und Leistungsdruck der Schule ‚produktiver‘ zu machen. In den letzten Jahren ist dieses Medikament auch an den Universitäten zu einer gefragten Lerndroge avanciert, die Konzentration fördern und deren Störung durch die Umgebung oder Selbstablenkung entgegenwirken soll.

Diese medizinischen Formen der Selbstoptimierung sind implizit nach der Logik der Cyborg-Vorstellung von Clynes und Kline strukturiert. Sie verweisen darauf, dass der Cyborg trotz seiner digitalen Gegenwart als Daten-Erweiterung des Menschen eine sehr materielle und greifbare Geschichte hat. Alles andere als beendet, haben sich Denkmuster und Praktiken dieser Geschichte bis in unsere Gegenwart gehalten und in den vorherrschenden ökonomischen Imperativen neue Formen der Anwendung gefunden. 1997 veröffentlichte die britische Alternative-Rockband Radiohead auf ihrem Album OK Computer das Musikstück Fitter Happier, dessen Text nicht gesungen, sondern von der ausdruckslosen Stimme des synthetischen Sprachgenerators PlainTalk eines Apple Macintosh Computers vorgetragen wird. Dieser Text bringt die instruktive Programmatik des Cyborgs auch noch knapp zwanzig Jahre später präzise auf den Punkt: „Calm, fitter, healthier, and more productive. A pig in a cage on antibiotics.“