Im Auftrag des Institut National d’Audiovisuel reiste Georges Perec 1978 nach New York, um dort einen im Jahr darauf gedrehten Film über Ellis Island vorzu­be­reiten. Ellis Island wurde zwischen 1892 und 1924 zum Nadelöhr für fast sech­zehn Millionen Menschen, die in die USA emigrieren wollten: Bis zu zehn­tau­send Menschen passierten dieses Nadelöhr täglich. Nach 1924 diente Ellis Island nur noch als Haft­an­stalt für dieje­nigen Einwan­de­rungs­wil­ligen, deren Papiere nicht in Ordnung waren. Die Erle­di­gung der Forma­li­täten wurde an die Konsu­late ausge­la­gert. Doch eine allmäh­liche Verschär­fung der Einrei­se­be­din­gungen erfolge bereits in den gut dreißig Jahren der ‚Hoch­zeit‘ von Ellis Island.

Georges Perec, Ellis Island, Buchcover; Quelle: diaphanes.net

Georges Perec, Ellis Island, Buch­cover; Quelle: diaphanes.net

Was passierte an diesem Ort? Wer passierte ihn – und warum? Was blieb von all den Durch­gängen und Proze­duren übrig? Was ist aus den Menschen geworden? Das waren die Fragen, mit denen sich Perec dem sagen­haften Ort näherte. Ende der 1970er Jahre war Ellis Island längst zum Touris­ten­ma­gnet geworden, zum Ort, an dem Reise­führer ihre einstu­dierten Anek­doten zum Besten geben. Anek­doten wie die von jenem alten russi­schen Juden, der sich einen „typisch ameri­ka­ni­schen Namen“ zulegen wollte, damit die Stan­des­be­amten ihm keine Schwie­rig­keiten bereiten. Umsonst versuchte er sich den Namen „Rocke­feller“ einzu­prägen. Kaum war er an der Reihe, um seinen Namen zu nennen, entfiel er ihm. Auf Jiddisch sagte er: „schon vergessen“ – „worauf er unter dem sehr ameri­ka­ni­schen Namen John Ferguson einge­tragen wurde.“

Der Witz im Namen „John Ferguson“ / „schon vergessen“ wird von Perec nach­er­zählt. Aber es geht ihm dabei nicht um den bloßen Wort­witz, sondern darum, dass in der Pointe jenes Vergessen nicht vergessen geht, durch das die monu­mental stummen Zeug­nisse von Ellis Island ansonsten ausge­zeichnet sind: endlose Listen, Namen, Nummern, Zahl­reihen, Abkür­zungen. Aber was steckt dahinter? Was wird durch sie verschwiegen – oder was bleibt einfach stumm?

Perec war als Schrift­steller selbst ein großer Lieb­haber von Listen – zu entde­cken beispiels­weise in La Vie mode d’emploi (erschienen 1978, im Jahr der ersten Ellis-Island-Recherchen). Mit seinem 1968 erschie­nenen radi­kalen Roman­ex­pe­ri­ment La Dispa­ri­tion – dem legen­dären Buch, in dem der Buch­stabe ‚e‘ nicht vorkommt – zeigte Perec aller­dings bereits eindrück­lich, dass sich gerade in einem obses­siven Inter­esse für formale Regeln und Beson­der­heiten der Sinn für all das schärfen lässt, was dem formal Fass­baren entgeht, ihm entgleitet und somit leicht vergessen geht.

In einer merk­wür­digen Analogie zu diesem Inter­esse für Formen, Anord­nungen, Listen, Regel­mä­ßig­keiten inter­es­siert Perec sich auch in seiner Ausein­an­der­set­zung mit den doku­men­ta­ri­schen Über­bleib­seln auf Ellis Island, den Listen, Frage­bögen, Zahl­reihen, Kata­logen etc. für das, was in diesen Doku­menten nicht enthalten ist: das Leben, die Indi­vi­duen, die Geschichten der einzelnen Einwan­derer.

nicht nur sagen: sech­zehn Millionen Auswan­derer sind in dreißig Jahren durch Ellis Island gekommen, sondern versu­chen sich vorzu­stellen, was diese sech­zehn Millionen Einzel­ge­schichten gewesen sind, diese sech­zehn Millionen glei­cher und doch verschie­dener Geschichten.

Zugleich nutzt Perec die in seinem Text repro­du­zierten nackten Zahlen, die stur geführten Listen und kühl vorge­nommen Einschät­zungen dafür, sich nicht in rührenden Geschichten zu verlieren. Im Vorder­grund steht viel­mehr der Versuch, die Aufzeich­nungen in ihrer stummen Gewalt selbst als Bestand­teile jener Leben zu begreifen, die durch Ellis Island ‚gezeichnet‘ worden sind: „es geht nicht darum, Mitleid zu empfinden, sondern zu verstehen.“ Nicht mehr, nicht weniger.

Verstehen heißt dabei auch und zunächst: nicht so zu tun, als wüsste man aufgrund der spär­li­chen Über­reste des Vergan­genen bereits, worin dieses Vergan­gene tatsäch­lich bestand. Dies zum einen. Zum anderen: trotzdem oder eben deshalb danach fragen, was nicht vergessen gehen darf:

Wir haben Dutzende und Aber­dut­zende

von Korri­doren durch­messen,

Dutzende und Aber­dut­zende

von Sälen aller Größen besich­tigt,

Hallen, Büros, Zimmer,

Wasch­kü­chen, Toiletten,

Abstell­räume, Rumpel­kam­mern,

und uns dabei jedesmal gefragt,

uns jedesmal vorzu­stellen versucht,

was dort geschah, was für einen

Sinn das hatte, wer dort hinkam und

warum, wer durch diese

Korri­dore lief, wer

diese Treppen hinauf­stieg, wer auf diesen

Bänken wartete,

wie diese Stunden und diese Tage

ihren Lauf nahmen,

wie alle diese Leute es schafften,

sich zu bekös­tigen, sich zu waschen,

sich schla­fen­zu­legen, sich zu kleiden?

 

Das will gar nichts heißen, diese Bilder

zum Reden bringen zu wollen, sie

zu zwingen, das zu sagen, was sie einfach nicht

zu sagen vermögen.

 

Zu Anfang kann man nur versu­chen,

die Dinge zu benennen, eines

nach dem andern, ober­fläch­lich,

sie aufzu­zählen, sie anzu­führen,

und das so banal wie möglich

und gleich­zeitig so genau

wie möglich,

und dabei versu­chen, nichts

zu vergessen.

Was wir hier lesen, sind die Aufzeich­nungen Perecs, die dieser für den Film Récits d’Ellis Island, Histoires d’errance et d’espoir, anfer­tigte. Der bei diaphanes erschie­nene kleine, nur fünf­zig­sei­tige Band konzen­triert sich ganz auf den Text Perecs, der zugleich eine Erin­ne­rung an die eigene Herkunft, das heißt an die Schwie­rig­keit, über­haupt von einer Herkunft spre­chen zu können, ist:

Worüber ich, Georges Perec, hier etwas erfahren wollte,

ist das Umher­irren, die Zerstreuung, die Diaspora.

Ellis Island ist für mich der eigent­liche Ort des Exils,

das heißt,

der Ort der Ortlo­sig­keit, der Nichtort, das

Nirgendwo.

in diesem Sinne betreffen mich diese Bilder, faszi­nieren mich,

beziehen mich ein,

als ginge die Suche nach meiner Iden­tität

über die Aneig­nung dieses Schutt­ab­la­de­platzes,

wo erschöpfte Beamte massen­weise Ameri­kaner tauften.

Was sich für mich hier findet,

sind keines­wegs Anhalts­punkte, Wurzeln oder

Spuren,

sondern das Gegen­teil davon: etwas Unge­staltes, an der

Grenze des Sagbaren,

etwas, das ich Umzäu­nung nennen kann oder Spal­tung oder

Einschnitt,

und das für mich sehr eng und sehr vage mit der Tatsache

verbunden ist, Jude zu sein. […]

 

Ich hätte, wie nahe oder entfernte Vettern, in Haifa,

in Balti­more, in Vancouver geboren werden können,

ich hätte Argen­ti­nier, Austra­lier, Engländer oder Schwede

sein können,

doch in dem nahezu unbe­grenzten Fächer dieser

Möglich­keiten

war mir gerade eines verboten:

nämlich im Land meiner Vorfahren geboren zu werden,

in Lubartów oder in Warschau,

und dort in der Konti­nuität einer Tradi­tion,

einer Sprache, einer Zuge­hö­rig­keit aufzu­wachsen. […]

 

Ich spreche nicht

die Sprache, die meine Eltern gespro­chen haben,

ich teile keine der Erin­ne­rungen, die sie gehabt haben mögen,

etwas, das ihnen gehörte, das ausmachte, dass sie sie waren,

ihre Geschichte, ihre Kultur, ihr Glaube, ihre Hoff­nung,

ist nicht an mich weiter­ge­geben worden.

Die zugleich eindring­liche und nüch­terne Über­set­zung von Eugen Helmlé erschien, zusammen mit anderen Doku­menten, bereits 1997 im Verlag Klaus Wagen­bach (Ellis Island oder Wie man Ameri­kaner macht). Hier nun aber steht der Text ganz für sich, nackt, genau, lako­nisch. Dass er gerade in diesem Jahr erneut aufge­legt wird, ist auch als poli­ti­sches Signal zu werten: Nicht zu vergessen, was, nein wer hinter den Zahlen abge­wie­sener und aufge­nom­mener Flücht­linge steht, ist heute nicht weniger dring­lich als vor vierzig, achtzig, hundert Jahren.


Georges Perec, Ellis Island, aus dem Fran­zö­si­schen von Eugen Helmlé, Zürich/Berlin: diaphanes 2016.
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