Philipp Sarasin

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Philipp Sarasin lehrt Geschichte der Neu­zeit an der Universität Zürich. Er ist Mit­be­gründer des Zentrums Geschichte des Wissens, Mitglied des wissen­schaft­lichen Beirats der Internet­plattform H-Soz-Kult und Heraus­geber von Geschichte der Gegenwart. Er kommentiert privat auf twitter.

Die Ferien sind wohl schon vorbei, oder bald vorbei, so wie der Sommer auch. Das macht nichts; freuen Sie sich auf eine Reihe verreg­neter Herbst­wo­chen­enden und eine ganze Reihe länger werdender Abende, denn für City on Fire brau­chen Sie Zeit, viel Zeit. Dass das Buch genau 1070 Seiten lang ist, sollte Sie nicht zum Gedanken verleiten, Sie könnten wohl ein wenig darin ‚herum­lesen‘, oder gar gleich zum Schluss springen, um zu wissen, wie es ‚ausgeht‘. Sie verstünden kein Wort. Nein, City on Fire müssen Sie ganz lesen, jede Zeile, auch die nur schreib­ma­schi­nen­ge­tippten oder gar die hand­ge­schrie­benen zwischen­durch, und es wird Ihnen so gehen wir mir, dass Sie plötz­lich merken, dass Sie schon auf Seite 700 ange­kommen sind und es bedauern, dass auch dieses Buch ein Ende haben muss.

Es geht um New York im Jahr 1977. Es war das Jahr des großen black-out, als sich die Stadt für eine schwarze, licht­lose Nacht ganz in jenes dysto­pi­sche Chaos auflöste, auf das sie sich schon die ganzen Sieb­zi­ger­jahre hindurch zube­wegt hatte. Es war das Jahr, in dem in der Lower East Side, in Harlem und in der Bronx die für die weiße Arbei­ter­klasse gebauten und jetzt seit Jahren zerfal­lenden, von Schwarzen, Gestran­deten, Süch­tigen, Punks und Ratten bewohnten Miets­ka­sernen brannten. Sie brannten aus vielen Gründen, nicht zuletzt aber, um für die Erneue­rungs­pro­jekte der Acht­zi­ger­jahre Platz zu machen, wenn dann die Stadt als post­mo­derne Finanz- und Kunst­me­tro­pole ihre Aufer­ste­hung feiern wird.

Es geht aber vor allem um die Leben von etwa einem Dutzend Haupt­fi­guren (und den unzäh­ligen irrlich­ternden Gestalten, die deren Bahnen kreuzen), arran­giert im Wesent­li­chen um zwei Pole: die Immo­bi­lien- und Inves­to­ren­fa­milie und -firma Hamilton-Sweeney auf der einen Seite, und eine Gruppe von Punks auf der anderen. Aber was heisst schon „Seite“. William Hamilton-Sweeney III., der gerade erst erwachsen gewor­dene künf­tige Erbe eines riesigen Fami­li­en­ver­mö­gens, ist natür­lich – das ist der notwen­dige Kniff des Autors, der die ganze Geschichte am Laufen hält – einer der Punks, oder viel­mehr: Er war als Billy Three-Sticks der Lead­sänger der schon legen­dären Punk­band Ex Post Facto, schwul, hero­in­süchtig, sehr untreuer Lieb­haber eines schwarzen Lite­ra­tur­leh­rers einer Mädchen­ober­schule (weiss und privat, natür­lich, d.h. sehr ‚uptown‘, während die Punks alle südlich der Housten-Street leben). Die Nach­folge als Firmen­chef und damit das ganz grosse Erbe hat Billy zwar ausge­schlagen (die Geschichte zwischen ihm und seinem Vater, dem unnah­baren, zuneh­mend alters­schwa­chen und von einer Anklage wegen Insi­der­ge­schäften bedrohten Unter­neh­mens­chef William (Bill) Hami­liton-Sweeney II ist traurig, und man kann Billy’s Enttäu­schung verstehen), aber der für den Sohn einge­rich­tete Trust­fonds hilft, die Jugend mit ausgie­bigem crui­sing, Punk­rock und Heroin durch­zu­bringen, ohne an eine andere Arbeit als erfolg­lose Malerei denken zu müssen (er wird später, very 80ties, ein berühmter Foto­graf).

Garth Risk Hallberg, City on Fire, Buchcover; Quelle: fischerverlage.de

Garth Risk Hall­berg, City on Fire, Buch­cover; Quelle: fischerverlage.de

Die Geschichte beginnt in der Silves­ter­nacht, als Samantha Cicciaro, eine junge Frau, ein 17jähriges Punk­mäd­chen, nachts im Central Park ange­schossen wird und dann den ganzen Roman hindurch im Koma liegt; sie wird weiter­ge­sponnen durch das Ehedrama der Schwester von Bill, die nicht mit dem Hamilton-Sweeny-Daddy gebro­chen hat, dafür aber mit ihrem Mann, weil dieser – ein weiterer kleiner Kniff des Autors – mit Sam Cicciaro ins Bett (und sonst­wohin) ging, bis zwei Kugeln sie blut­über­strömt in den Silves­ter­schnee schickten. Der schlep­pende Versuch eines Deputy Inspec­tors des New York Police Depart­ments, Licht ins Dunkel dieses Falles zu bringen, leuchtet vor allem dessen merk­wür­dige, aber durchaus rührende eigene Ehege­schichte aus, und trotz einiger B-Movie-würdiger Verhör­ver­suche und etwas Blau­licht wird aus dem Ganzen nie ein Krimi, auch nicht annä­hernd. Viel wich­tiger ist Bills Bezie­hungs­drama mit seinem schwarzen Lover aus der Provinz, den New York heillos über­for­dert (bis er sich einmal mit einem Skin­head prügelt), oder auch die Liebes­ver­wick­lungen der Punks (tatsäch­lich, soviel sei verraten, wich­tiger, wie sich am Schluss zeigen wird, wobei: nicht ganz am Schluss, Sie werden die Stelle beim Voraus­blät­tern nicht finden). Dazu das Coming of Age von Charlie, einem 17jährigen jüdi­schen Jungen aus New Jersey, der aller­dings weiss, dass er adop­tiert wurde und gar nicht jüdisch ist (und hinter dem Rücken seiner Mutter ein wenig in einer Gideon-Bibel liest), und der ein Punk werden möchte und dann auch langsam heraus­be­kommt, dass einige dieser Punks in ziem­lich dunkler Weise dem „Dämo­nen­bruder“, dem Geschäfts­führer der Hamilton-Swee­neys helfen, die Miets­ka­sernen in der Bronx abzu­fa­ckeln…

Kompli­ziert? Ach, es ist alles noch viel, viel verwi­ckelter, weil das ein Roman über eine Stadt ist, die aus nichts anderem als aus diesen unend­li­chen Verwick­lungen all dieser zufäl­ligen Bezie­hungen und Über­kreu­zungen jener Leben besteht, die Garth Risk Hall­berg in stau­nens­werter Präzi­sion, abgrund­tief, aber ohne jede Häme, und in langen Schleifen und Rück­blenden in aller Ruhe entfaltet. Die kurzen Kapitel folgen short-cut-artig aufein­ander, der Erzähler hockt zwar jeweils in den Köpfen der abwech­selnd auftre­tenden Haupt­fi­guren, aber er sagt niemals „ich“, sondern beschreibt die Wahr­neh­mungs­ma­schine in diesen Gehirnen, ihren Versuch, das andau­ernde Chaos zu ordnen.

Und am Schluss, wie gesagt, fällt in allen fünf Boroughs New Yorks der Strom aus, von der Bronx bis zur Südspitze Manhat­tans, und die Stadt stülpt die in ihr längst schon simmernde Anar­chie in einem Ausbruch wilder Plün­de­rungen und Zerstö­rungs­or­gien nach aussen. Zugleich formen sich Demons­tra­tionen, ange­trieben von Radio­mo­de­ra­toren: „Wir wollen unsere Stadt zurück!“ Die Kämpfe in der begin­nenden Post­mo­derne werden nicht mehr dem revo­lu­tio­nären Utopia gelten, sondern anstän­digem Lebens- und Frei­räumen in der Stadt. Wie die Punks, die die Miets­ka­sernen in Brand steckten, waren sie die Vorboten der Gentri­fi­zie­rung, die sie dann aus der Stadt vertrieben hat.

Aber das ist eine andere Geschichte; im Roman beschränkt sich die Post­mo­derne darauf, die ster­bende Moderne der Sieb­zi­ger­jahre in Gestalt der hinter­las­senen Aufzeich­nungen des an AIDS verstor­benen Billy Hamilton-Sweeney III. in einer Serie von Vitrinen in einer weiss­ge­tünchten Galerie in Soho auszu­stellen, zusammen mit einem Buch­staben für Buch­staben an die Wand gewor­fenen Text, der diese Geschichte erzählt, um sich dann wieder in weisses Licht aufzu­lösen.


Garth Risk Hallberg, City on Fire, aus dem Amerikanischen von Tobias Schnettler, Frankfurt am Main: S. Fischer 2016 (EA New York: Alfred A. Knopf 2015).
Philipp Sarasin

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Philipp Sarasin lehrt Geschichte der Neu­zeit an der Universität Zürich. Er ist Mit­be­gründer des Zentrums Geschichte des Wissens, Mitglied des wissen­schaft­lichen Beirats der Internet­plattform H-Soz-Kult und Heraus­geber von Geschichte der Gegenwart. Er kommentiert privat auf twitter.