Halbzeit unserer Ferienlektüren! Und Zeit für folgende Frage: Wie war es möglich, dass rechtsnationale Parteien in ehemaligen kommunistischen Hochburgen heute so erfolgreich auf Wählerfang gehen? Auskunft darüber gibt Didier Eribons "Rückkehr nach Reims".

17. August 2016Lesezeit ca. 5 MinutenArtikel druckenIn Pocket speichern

Mit seiner Rück­kehr nach Reims hat Didier Eribon seine Vergan­gen­heit aufge­sucht, um sich von ihr heim­su­chen zu lassen. Die Heim­su­chung geschieht aller­dings nicht unver­mit­telt, sondern im Medium einer Analyse, die bis in die Gegen­wart hinein­reicht. Bekannt geworden vor allem als Foucault-Biograf, außerdem als LGBT-Aktivist sowie als philo­so­phisch und sozio­lo­gisch gebil­deter Kritiker der Psycho­ana­lyse, löste Eribon mit der auf Fran­zö­sisch bereits 2009 erschie­nenen Rück­kehr nach Reims (Retour à Reims) ein großes Medi­en­echo aus. Dieses hat sich nun mit der im Mai dieses Jahres bei Suhr­kamp erschie­nenen Über­set­zung auch im deutsch­spra­chigen Raum einge­stellt. Was ist das Beson­dere an diesem Buch?

Die eigene Vergan­gen­heit aufzu­su­chen – um schrei­bend heraus­zu­finden, wie man zu dem geworden ist, der man ist: Das ist auf den erst Blick kaum inno­vativ, so gut wie jede Auto­bio­grafie funk­tio­niert so. Aufre­gend an Eribons Rück­kehr ist jedoch gerade, dass es dem Autor nicht einfach um sich selbst geht, sondern konse­quent um die sozialen Bedin­gungen, Grenzen und – spär­li­chen – Chancen, aus denen heraus er sich seinen Weg aus der Provinz bis ins Zentrum der intel­lek­tu­ellen Avant­garde in Paris bahnte. Das liest sich stre­cken­weise wie ein Bildungs­roman und eine Aufstei­ger­ge­schichte zugleich. Und damit nicht genug: Die Coming-of-Age-Geschichte ist außerdem eine Coming-Out-Geschichte und nicht zuletzt eine poli­ti­sche Analyse sowie eine sozio­lo­gi­sche Milieustudie.

Der Faden, der das alles zusam­men­hält, ist zwar Eribons erzäh­lendes Ich, aber dieses Ich betreibt kaum Intro­spek­tion. Der Blick geht nicht nach innen, sondern er schwebt leicht außer­halb dieses Ichs. Von dieser Posi­tion aus wird das Milieu rekon­stru­iert, in dem Eribon groß­ge­worden ist: der Vater Arbeiter, die Mutter Putz­frau, Armut ist der Normal­zu­stand, Bildung liegt in der Ferne und erscheint auch kaum erstre­bens­wert, gewählt werden die Kandi­daten der Kommu­nis­ti­schen Partei. Zum Vater, an dessen Begräbnis Eribon nicht teil­nimmt, gibt es kaum eine Bezie­hung: „die Verbin­dung zu meinem Vater [war] für mich rein biologisch-juristisch: Er hatte mich gezeugt, ich trug seinen Namen, ansonsten war er mir egal.“ Das zurück­lie­gende Begräbnis wird gleich­wohl zum Anlass, nach Reims, der Stadt seiner Herkunft, zurück­zu­kehren. Eribon führt Gespräche mit seiner Mutter, begibt sich auf Spuren­suche, recher­chiert wie für einen Roman, dessen Prot­ago­nist fast zufällig er selbst ist.

Oder eben nicht der Prot­ago­nist: Denn Eribon verweilt tatsäch­lich kaum je bei sich selbst, er sieht sich eher als Reflektor, aber auch als Spiel­ball und allen­falls als Rebell in einem Gesell­schafts­spiel, in dem ein Arbei­ter­kind wie er im Grunde keine Chancen hat, das Milieu zu verlassen, in das es hinein­ge­boren wurde. Bildung und Zutrauen wären dafür nötig, finan­zi­elle Ressourcen, aber auch – wie Eribon mit Bour­dieu analy­siert – ein Wissen um den Habitus, die Bezie­hungen, die ‚feinen Unter­schiede‘: ein eher stummes Wissen, das man auf seinem Lebensweg durch Sozia­li­sa­tion mitbe­kommt – oder eben nicht.

Warum es ausge­rechnet ihm – im Unter­schied etwa zu seinen Brüdern – gelungen ist, aus dem Milieu auszu­bre­chen, das für ihn keinen Weggang vorge­sehen zu haben scheint, ist für Eribon selbst eine der Fragen, die ihn umtreiben. Dass die statis­ti­schen Chancen nahezu gegen Null gehen, seinen ‚Platz in der Gesell­schaft‘ zugunsten eines viel­leicht selbst gewählten Platzes zu wech­seln, betont Eribon immer wieder. Chan­cen­gleich­heit? Wo finden wir sie wirk­lich? Und was wäre dafür zu tun? Eribon gibt auf diese Fragen kaum Antworten. Über­haupt ist Eribon zurück­hal­tend beim Versuch, Antworten auf die von ihm selbst gestellten Fragen zu geben. Das liegt aller­dings auch und zunächst daran, dass er sich darum bemüht, über­haupt zu verstehen, wie eine Gemein­schaft, eine Gruppe, ein Milieu Präfe­renzen und Aver­sion gegen­über bekannten oder neuen Ideen, aber auch gegen­über anderen Gemein­schaften und Grup­pie­rungen ausbildet.

Didier Eribon, Rückkehr nach Reims, Buchcover; Quelle: suhrkamp.de

Didier Eribon, Rück­kehr nach Reims, Buch­cover; Quelle: suhrkamp.de

Zentral für Eribon ist die Frage nach der poli­ti­schen Parti­zi­pa­tion. Wie kommt es, so fragt er sich, dass prak­tisch sein ganzes ehema­liges fami­liäres und soziales Umfeld, das sich in den 1960er und 1970er Jahren poli­tisch noch mehr­heit­lich durch die Kommu­nis­ti­sche Partei vertreten sehen konnte, seit den 1990er Jahren zuneh­mend konser­vativ und natio­na­lis­tisch wählt, und zwar auch dann, wenn die entspre­chenden Parteien munter jenen Sozi­al­abbau voran­treiben, der zu Lasten eines Gutteils der eigenen Wähler­schaft geht? Wie ist es möglich, dass eine poli­ti­sche Inter­es­sens­ver­tre­tung derart schief verlaufen kann? Eribon spart in seinem Buch nicht mit einer funda­men­talen Kritik an der etablierten Linken, die es versäumt habe, die Klas­sen­frage konse­quent auf die Agenda zu setzen – ein Versäumnis, das damit zusam­men­hänge, dass mit der (viel­leicht berech­tigten) Kritik am Klas­sen­be­griff zugleich die Aner­ken­nung von realen Benach­tei­li­gungen und das Inter­esse an real Benach­tei­ligten geschwunden sei.

Diese Lücke, so Eribons Diagnose, sei von rechts­na­tio­nalen Parteien wie dem Front National ausge­nutzt worden, um für die Benach­tei­ligten den Schein einer Aner­ken­nung ins Spiel zu bringen, der durch Abgren­zung (gegen­über den Auslän­dern, aber auch gegen­über den ‚Eliten‘ etc.) funk­tio­niert und dadurch die Sugges­tion eines Anerkannt-Werdens erzeugt. Es handelt sich dabei aller­dings um eine voll­kommen frag­wür­dige Form der Aner­ken­nung, weil der Selbst­wert der Aner­kannten sich mehr oder weniger in der beschä­menden Moti­va­tion erschöpft, sich noch stärker Benach­tei­ligten gegen­über über­legen fühlen zu dürfen. Der Rassismus, von dem Eribon sagt, dass er auch der Arbei­ter­schaft seiner Kind­heits­zeit keines­wegs fremd war, findet in einem poli­ti­schen Umfeld des nahezu totalen Desin­ter­esses für chan­cenlos gehal­tene und gemachte Mitmen­schen güns­tige Bedin­gungen vor.

Mit etwas Abstand frage ich mich, ob der Rassismus meiner Mutter (der Tochter eines Immi­granten!) und ihre unge­hemmte Verach­tung für einge­wan­derte Arbeiter (insbe­son­dere ‚Araber‘) nicht Mittel waren und bis heute sind, um sich gegen­über noch ärmeren und ohnmäch­ti­geren Menschen in Über­le­gen­heit zu wiegen. Sie gehörte von jeher einer sozialen Gruppe an, die perma­nent mit ihrer eigenen Unter­le­gen­heit konfron­tiert war. Viel­leicht erfuhr sie in der Abwer­tung der anderen eine Aufwer­tung ihres Selbst­bilds, viel­leicht sah sie darin einen Weg, die eigene Exis­tenz zu verteidigen.

Eribons Vorwurf an die Linke: Sie inter­es­siere sich schlicht nicht mehr – nicht einmal mehr zum Schein, wie die rechts­na­tio­nalen Parteien – für ihre mögli­chen Wähler, sondern allen­falls noch für sich selbst. Etwas abstrakter formu­liert, geht es Eribon um die Frage, wie poli­ti­sche Reprä­sen­ta­tion und Parti­zi­pa­tion denn über­haupt vonstat­ten­gehen soll:

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Wir stehen damit vor der Frage, wer das Recht hat, das Wort zu ergreifen, und wer auf welche Weise an welchen poli­ti­schen Entschei­dungs­pro­zessen teil­nimmt – und zwar nicht nur am Erar­beiten von Lösungen, sondern bereits an der kollek­tiven Diskus­sion darüber, welche Themen über­haupt legitim und wichtig sind und daher in Angriff genommen werden sollten.

Die auch von Eribon nicht gelöste Frage lautet, wie es möglich ist, eine poli­ti­sche Inter­es­sen­ver­tre­tung zu ermög­li­chen, die auch nur eini­ger­maßen diesen Namen verdient. Die Rolle der Medien in diesem Zusam­men­hang wird von Eribon leider kaum analy­siert. Dabei ist es doch offen­kundig, dass die Medien – ebenso wie die Bildungs­in­sti­tu­tionen – im Prozess der Einsichts­ge­win­nung in die eigenen Inter­essen eine zentrale Rolle spielen – oder spielen sollten. Das Feld der Medien – und erst Recht der Bildung – darf daher nicht jenen über­lassen werden, die nur ihre eigenen (vornehm­lich finan­zi­ellen) Inter­essen im Blick haben.


Didier Eribon, Rück­kehr nach Reims, aus dem Fran­zö­si­schen von Tobias Haber­korn, Berlin: Suhr­kamp 2016.
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