Clément Oubrerie (Illustrator) und Marguerite Abouet (Autorin) (Quelle: www.graphic-novel.info/?tag=clement-oubrerie)

Clément Oubrerie (Zeichner) und Margue­rite Abouet (Autorin); Quelle: graphic-novel.info

Aya ist die Haupt­person einer wunder­baren sechs­tei­ligen Graphic Novel-Serie von der ivori­schen Autorin Margue­rite Abouet und dem Pariser Zeichner Clément Oubrerie, die zwischen 2005 und 2010 im fran­zö­si­schen Original bei Galli­mard in zwei verschie­denen Ausgaben (Collec­tion Folio und Collec­tion Bayou) erschienen ist. Seit 2007 folgten engli­sche und deut­sche Fassungen. Die drei ersten Teile auf Deutsch erschienen zunächst bei Carlsen, 2014 hat Repro­dukt in zwei Bänden erst­mals alle sechs Teile in deut­scher Sprache veröf­fent­licht. Der Über­setzer Kai Wilksen schrieb:

das Personal in ‚Aya‘ […] unter­hält sich in einem hinrei­ßenden afri­ka­ni­schen Fran­zö­sisch, dem man sich in der Über­set­zung allen­falls annä­hern kann (zum ersten und einzigen Mal habe ich bedauert, dass Deutsch­land so früh seine Kolo­nien verloren hat…).

Die Klam­mer­be­mer­kung verdeut­licht, warum Afri­ka­ni­sche Graphic Novels und Comics  im deutsch­spra­chigen Raum noch wenig bekannt sind. Trotz aller post­ko­lo­nialer Spuren fehlt die Verbin­dung zur afri­ka­ni­schen Popkultur hier weit­ge­hend – und das ist schade. Wer des Fran­zö­si­schen mächtig ist, sollte also unbe­dingt die Origi­nal­aus­gabe lesen, und wer keine Lust zum Lesen hat, kann sich auch die Verfil­mung von 2013 anschauen und anhören, die als bester Anima­ti­ons­film für den renom­mierten fran­zö­si­schen Film­preis César nomi­niert war. Schon der erste Band von Aya hatte beim Comic-Festival in Angou­lême den Preis für das beste Debüt-Album erhalten und war eben­falls für den ameri­ka­ni­schen Quill Award nomi­niert. Es handelt sich vermut­lich um eine der bekann­testen afri­ka­ni­schen Graphic Novels.

Marguerite Abouet, Clément Oubrerie, Aya, Quelle: www.reprodukt.com/produkt/aya/aya/

Margue­rite Abouet, Clément Oubrerie, Aya, Quelle: reprodukt.com

Woher die ganze Begeis­te­rung? Viel­leicht liegt es daran, dass hier eine afri­ka­ni­sche Frau vermeint­lich authen­ti­sche Einblicke gibt – doch darin liegt gar nicht die Stärke der Geschichte. Die Autorin Margue­rite Abouet wurde 1971 in Abidjan, der Haupt­stadt der Elfen­bein­küste geboren, in deren Arbei­ter­stadt­teil Yopougon auch Aya spielt. Mit zwölf Jahren kam sie mit ihrem Bruder nach Frank­reich und lebte bei einem Onkel, um hier die Schule zu besu­chen. Nach ihrem Abschluss absol­vierte sie eine Ausbil­dung zur Rechts­an­walts­ge­hilfin und bliebt in Paris. Während ihrer Arbeit in einem Vorort von Paris begann sie damit, Geschichten für junge Erwach­sene zu schreiben und erreichte schliess­lich mit Aya ihren Durch­bruch.

Die Geschichten handeln von einer Clique junger Mädchen im Abidjan der 1970er Jahre, die sich mit Jungs, Eltern und der Schule, mit Romanzen, unge­planter Schwan­ger­schaft und anderen Problemen und Alltags­dramen herum­schlagen. Die Haupt­person bzw. Erzäh­lerin Aya ist das schönste Mädchen in der Nach­bar­schaft, mag aber kein Kapital aus ihrer Schön­heit schlagen, sondern lernt lieber für die Schule und wider­setzt sich ihrem Vater, der sie mit dem Sohn seines Chefs verhei­raten möchte. Ayas Ziel ist das Medi­zin­stu­dium, und sie ist genervt von den Lieb­schaften und Dumm­heiten ihrer Freun­dinnen. Alles nicht sonder­lich aufre­gend, aber gerade die Beiläu­fig­keit der Erzäh­lung macht sie so gross­artig. Es werden keinerlei Erwar­tungen an ein drama­ti­sches afri­ka­ni­sches Frau­en­schicksal erfüllt, dabei wird Aya aller­dings konse­quent aus weib­li­cher Sicht erzählt, und die jungen Frauen sind ganz selbst­ver­ständ­lich der Mittel­punkt des Coming-of-age-Plots.

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Margue­rite Abouet, Clément Oubrerie, Aya: Leben in Yop City, Quelle: reprodukt.com

Die Geschichten wenden sich klar an ein euro­päi­sches Publikum, das zeigen das Vorwort zur kolo­nialen und post­ko­lo­nialen Geschichte der Elfen­bein­küste und der lustige Anhang mit einem Glossar afri­ka­ni­scher Begriffe, Rezepten und Anwei­sungen dazu, wie afri­ka­ni­sche Tücher richtig zu schlingen sind. Dennoch bleiben die Geschichten ganz bei sich. Sie erklären weder ‚Afrika‘ noch ‚afri­ka­ni­sches Frau­en­leben‘, sondern folgen den Figuren – insbe­son­dere Aya und ihren Freun­dinnen Adjoua und Bintou sowie deren Fami­lien – bei ihren alltäg­li­chen Verrich­tungen, Problemen, Freuden und Aufgaben. Wenn man bedenkt, wie extrem schwer es afri­ka­ni­sche Themen und insbe­son­dere afri­ka­ni­schen Kunst, Lite­ratur und Kultur auf dem deutsch­spra­chigen Markt haben, dann ist es umso bemer­kens­werter, dass ausge­rechnet eine Graphic Novel, die sich zudem ‚nur‘ mit dem Alltag einer kleinen Gruppe junger Frauen in einem Stadt­teil von Abidjan beschäf­tigt, so einen (relativ) grossen Erfolg hatte.

Erste Seite von Aya (Quelle: www.reprodukt.com/produkt/aya/aya/)

Erste Seite von Aya; Quelle: reprodukt.com

Die mögliche poli­ti­sche Rele­vanz von Aya zeigt sich bereits im ersten Bild des ersten Bandes. Es werden weder posi­tive noch nega­tive Afri­ka­kli­schees bedient: Gezeigt wird ein modernes Afrika der Städte, in dem die Menschen Berufe haben, die Familie am Abend um das TV-Gerät im Wohn­zimmer versam­melt ist, Hoch­zeits­fotos auf dem Tisch stehen, Bilder an der Wand hängen und eine Werbe­kam­pagne für Bier im Fern­sehen läuft. Die Eltern nerven und die Kinder auch. Alles ganz normal. Aya ist keine Stell­ver­tre­terin und auch keine Reprä­sen­tantin, sondern eine junge Frau mit einem Traum. Wenn es gelingt, Menschen aus Abidjan, aus Bamako oder Accra, aus Keren, Juba oder Kananga zunächst einmal so wahr­zu­nehmen, als Subjekte mit ihrer Biografie, hat diese Bilder­ge­schichte – deren Zeichner auch unbe­dingt gelobt werden muss – viel bewirkt.


Margue­rite Abouet, Clément Oubrerie, Aya, über­setzt von Kai Wilksen, Berlin: Repro­dukt 2014.
Margue­rite Abouet, Clément Oubrerie, Aya: Leben in Yop City, über­setzt von Ulrich Pröf­rock, Berlin: Repro­dukt 2014.
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