Spätestens im Jahr 2021 ist der Begriff „Femizid“ in der Mitte der deutschsprachigen Gesellschaft angekommen: Er wurde in den Duden aufgenommen und in einer Folge des „Tatort“ erwähnt. Immer häufiger findet man ihn auch in Zeitungsartikeln: So titelte die FAZ im vergangenen Juli „Mutmaßlicher Femizid: Sie starb noch auf dem Schulgelände“. Bei der taz hieß es zum „Bundeslagebild Häusliche Gewalt“ im Juni „155 Femizide in Deutschland: Häusliche Gewalt nimmt weiter zu“. Und die Zeit schrieb: „Femizide in Österreich: Ein sicheres Land – für Männer“.
Ein Blick in die korrespondierenden Online-Kommentarspalten der Zeitungen und ihrer Social Media-Kanäle zeigt allerdings schnell: Es scheint kein einheitliches Verständnis dessen zu geben, was ein Femizid ist. Auf Zeit Online schreibt jemand: „Bei einer ‚Beziehungstat‘ dürften in der Regel individuelle Motive ausschlaggebend sein; der Begriff ‚Femizid‘ ist m. E. da irreführend.“ Auf Instagram kommentiert eine Person einen Beitrag, in dem mehrere Tötungen beschrieben werden, folgendermaßen: „Doofe Frage. Liest das eigentlich jemand Korrektur(,) bevor so ein Schwachsinn gepostet wird? Erst schreibt ihr(,) Femizid ist eine Tötung aufgrund des Geschlechts des Opfers, aber dann sind die meisten hier genannten Fälle Beziehungstaten.“
Femizide werden heute überwiegend als geschlechtsbezogene Tötungen von Frauen definiert. Worin dieser Geschlechtsbezug konkret besteht und wie er festzustellen ist, scheint aber häufig unklar zu sein.
Wie der Begriff wurde, was er heute (nicht) ist
Diese Dissonanz erklärt sich in Teilen durch die Begriffsgeschichte: Die erste Verwendung des englischen Wortes „femicide“ ist für das Jahr 1801 nachgewiesen. Als Variante des geschlechtsneutralen Begriffs „homicide“ war „femicide“ lange Zeit eine Bezeichnung für jegliche Frauentötungen.
1976 griff dann die australisch-US-amerikanische Soziologin Diana Russell den Begriff auf und verwendete „femicide“ erstmals als Bezeichnung für geschlechtsbezogene Frauentötungen. Damit war das heute wohl am meisten verbreitete Verständnis des Begriffs geboren – wobei es innerhalb dieser Denkrichtung zahlreiche Unterschiede gibt, auf die zurückzukommen sein wird. Russell jedenfalls definierte „femicides“ als „misogynist killing of women by men“ (1992) bzw. „killing of females by males because they are female“ (2001). Bis zu ihrem Tod 2021 veränderte sie Aspekte der Definition immer wieder, der Kern aber – der Geschlechtsbezug – blieb gleich.
Bald verbreitete sich der Begriff in verschiedene Sprachräume, Verwendungskontexte und Forschungsdisziplinen. Eine bedeutsame Weiterentwicklung fand in Lateinamerika statt. Die mexikanische Soziologin, Anthropologin und Politikerin Marcela Lagarde y de los Rios begann 1995, von „feminicidios“ zu sprechen. Die ergänzte Silbe „ni“ hat keine eigenständige Bedeutung. Lagardes Ziel war, einen eigenständigen Begriff für die spezifisch lateinamerikanischen Erscheinungsformen geschlechtsbezogener Tötungen weiblicher Personen zu finden, die sie als „Verbrechen in einem Kontext des institutionellen Zusammenbruchs“ beschrieb.
Mittlerweile wird der Begriff auch durch die Vereinten Nationen verwendet und im Deutschen Bundestag diskutiert. In wissenschaftlichen Kontexten werden zahlreiche unterschiedliche Definitionen verwendet. Für den gesellschaftlichen und medialen Diskurs setzten sich aber die Definitionen als „Tötungen von Frauen, weil sie Frauen sind“ oder „Tötungen von Frauen aufgrund ihres Geschlechts“ durch. Und so fand der Begriff auch seinen Weg in das Sonntagabendfernsehen, in Zeitungen und in deren Kommentarspalten.
„Aufgrund des Geschlechts“? „Weil sie eine Frau ist“?
Und in diesen Kommentarspalten zeigt sich, dass das Potenzial des Begriffs durch diese verbreiteten Definitionen teilweise verloren geht. Denn das Erfordernis eines Geschlechtsbezuges („aufgrund des Geschlechts“ bzw. „weil sie eine Frau ist“) ist insofern voraussetzungsvoll, als nicht allen Menschen instinktiv klar zu sein scheint, warum es sich bei den als Femizide bezeichneten Taten um geschlechtsbezogene Gewalt handeln soll – beispielsweise bei der Tötung einer Frau durch ihren Ex-Partner. Der Begriff „Femizid“ selbst gibt darüber keine Auskunft. Und auch die Definitionen als „Tötung, weil sie eine Frau ist“ oder „Tötung aufgrund des Geschlechts“ sind wenig instruktiv. Wann genau wurde eine Frau getötet, weil sie eine Frau ist? Wann wurde eine Tat „aufgrund des Geschlechts“ des Opfers begangen?
Intuitiv scheint für viele Menschen – das zeigt der Blick in die Kommentarspalten – eine subjektiv-individuelle Lesart zu sein. Eine Frau wurde getötet, „weil sie eine Frau ist“, wenn das Motiv der Tat „Frauenhass“ ist. So heißt es beispielsweise in einem Kommentar auf Zeit Online: „Ob (der Begriff Femizid) paßt, weiß man nicht. Oder wissen Sie auch nur irgendwas über den Täter und sein Tatmotiv?“ Und auf Instagram kommentiert jemand einen Beitrag mit der Frage: „Werden die Täter befragt oder wie stellt ihr fest, dass diese Taten aufgrund des Geschlechts verübt wurden?“
Dass dieses subjektive Verständnis zu kurz greift, lässt sich am Beispiel von Intimpartnerinnentötungen erläutern, insbesondere dem Unterfall der sog. Trennungstötung. Dabei handelt es sich um Tötungen, deren Anlass die (angekündigte oder bereits vollzogene) Beendigung der Beziehung zur Tatperson durch das Opfer ist. „Trennungstötungen“ sind die häufigste Form der Intimpartnerinnentötung und sie sind besonders stark „gegendered“: sie werden noch häufiger von männlichen Tätern gegenüber weiblichen Opfern begangen als Intimpartnerinnentötungen im Allgemeinen. Selbstverständlich werden diese Taten in unterschiedlichen, ganz individuellen Kontexten begangen. Eine große Gemeinsamkeit ist aber, dass die Tatmotivation häufig von einem sexistischen Macht- und Kontrollanspruch des Täters gegenüber dem Opfer geprägt ist. Durch die Tat stellt der Täter seinen Wunsch, die Beziehung mit dem Opfer fortzusetzen oder das Opfer jedenfalls an dem Eingehen einer neuen Beziehung zu hindern, über die selbstbestimmte Lebensentscheidung des Opfers, die Beziehung zum Täter zu beenden. In der Tatbegehung spiegeln sich somit Vorstellungen von geschlechtsbezogener Ungleichwertigkeit. In solchen Fällen ist eine sog. Trennungstötung ein Femizid.
Allerdings kann man von jemandem, der seine Ex-Partnerin getötet hat, in der Regel nicht erwarten, zu reflektieren, inwiefern dabei sexistische Stereotype und Vorstellungen eine Rolle gespielt haben. Wer diese Reflexionsarbeit leisten kann, würde die Tat wahrscheinlich nicht begehen. Denn es ist so – um es mit den Worten der US-amerikanischen Philosophin Kate Manne zu sagen –, „dass wir in großen Teilen unseres Denkens und Handelns gesellschaftliche Kräfte kanalisieren und umsetzen, die weit unterhalb unserer Bewusstseinsschwelle liegen (…) und die zuweilen unseren expliziten moralischen und politischen Überzeugungen deutlich zuwiderlaufen.“
Daher kann die Frage, ob eine Frau getötet wurde, „weil sie eine Frau ist“, nicht nur mit Blick auf die vom Täter selbst beschriebene Motivation beantwortet werden. Hierzu treten außerdem die Einschränkungen, die entstehen, weil jemand, der eines Tötungsdelikts beschuldigt wird, natürlich nicht verpflichtet ist, sich zu der mutmaßlichen Tat zu äußern. Dazu kommen schließlich die Verzerrungseffekte, die entstehen, wenn jemand – egal wie bereitwillig und ehrlich – die eigene Motivation im Nachhinein zu rekonstruieren versucht.
Hilfreicher ist es daher, den Geschlechtsbezug der Tat mit Blick auf den strukturellen Kontext zu bestimmen, in dem eine Tat begangen wird. Damit ist gemeint, dass die Tat eine Ausprägung struktureller Gewalt ist; dass die Tat sich in ein Muster zahlreicher Taten mit ähnlichen Charakteristika einfügt, die zwar stets ein Einzelfall, aber gleichzeitig miteinander verbunden sind. Dieses „Muster misogyner Gewalt“ zeigt sich anhand verschiedener Charakteristika, beispielsweise der überproportional großen Zahl weiblicher Opfer und männlicher Täter, der ähnlichen Tatvorgeschichten und auch – als ein, aber nicht als einziges Indiz – der vergleichbaren Motivbeschreibungen durch die Täter.
Dann ist auch klar, dass es nicht darum geht, dass ein Täter „alle Frauen hasst“, damit eine Tat ein Femizid ist. Sondern darum, dass sich in der Tat (auch unbewusste) Vorstellungen einer Ungleichwertigkeit der Geschlechter zeigen, sodass sie auf der Metaebene in ein Muster passt, das sich aus zahlreichen vergleichbaren anderen Taten ergibt. Fokussiert man diesen „strukturellen Unterbau“ der Tat, wird sichtbar, wann ein Einzelfall ein Femizid ist.
Epistemische Potenziale
Ohne den Begriff „Femizid“ träte ein, was die britische Philosophin Miranda Fricker „hermeneutische Ungerechtigkeit“ nennt: Die strukturelle Natur der Taten würde nicht wahrgenommen, weil in der gesellschaftlichen Auseinandersetzung die konzeptionellen Ressourcen dafür fehlen – insbesondere eben ein Begriff, der das Phänomen treffend beschreibt. Der Begriff „Femizid“ ist eine solche Ressource: Er kann die Taten in ihren Kontext sexistischer Diskriminierung einbetten und ihren Geschlechtsbezug in den Vordergrund rückten. Damit der Begriff diese „Macht der Benennung“ (Mary Daly) entfalten kann, müssen allerdings gewisse Voraussetzungen erfüllt sein. Das betrifft insbesondere die Frage, wann eine Tötung „aufgrund des Geschlechts“ bzw. „weil sie eine Frau ist“ begangen wurde. Der Geschlechtsbezug bei typischen Femiziden scheint bislang nicht für alle Menschen so offenkundig zu sein, dass er keiner Erläuterung mehr bedarf. Er sollte deshalb nicht durch chiffreartige Formulierungen wie „aufgrund des Geschlechts“ oder „weil sie eine Frau ist“ verschleiert, sondern konkreter erläutert werden. Die Beschreibung des „Kontextes misogyner Gewalt“, in dem die Tat begangen wird, zusammen mit der Erklärung, warum beispielsweise auch Intimpartnerinnentötungen regelmäßig von Vorstellungen geschlechtsbezogener Ungleichwertigkeit geprägt sind, kann dabei helfen. Die eingangs zitierten Zeitungsartikel bilden hier übrigens positive Ausnahmen.
Die Verwendung des Begriffs „Femizid“ ist immer auch eine Aufforderung an Leser*innen bzw. Zuhörer*innen, sich mit den verinnerlichten sexistischen Denkstrukturen auseinanderzusetzen, die unsere Welt prägen. Das ist notwendig, kann aber auch schwierig und schmerzvoll sein. Wer den Begriff nicht einfach wie eine voraussetzungsvolle Abkürzung für Eingeschworene, sondern als einladende Erklärung verwendet, kann diesen Prozess erleichtern.