„Femizide“ werden oft als Tötung einer Frau „aufgrund des Geschlechts“ bzw. „weil sie eine Frau ist“ definiert. Dadurch wird der strukturelle Kontext der Taten verschleiert. Sinnvoller ist es, von Tötungen zu sprechen, die sich in einen „Kontext misogyner Gewalt“ einfügen.

  • Jara Streuer

    Jara Streuer ist Akademische Rätin auf Zeit am Lehrstuhl für Strafrecht, Strafprozess-recht und Internationales Strafrecht (Prof. Dr. Moritz Vormbaum) an der Universität Münster. Sie hat Rechtswissenschaft in Berlin, Norwich (UK) und Münster studiert und wurde 2022 mit einer Arbeit zum Thema „Feminizid – Diskursbegriff, Rechtsbegriff, Völkerstrafrechtsbegriff“ promoviert. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen im deutschen und internationalen Strafrecht, der Rechtssoziologie und den Legal Gender Studies so-wie der strafrechtlichen Zeitgeschichte.

Spätes­tens im Jahr 2021 ist der Begriff „Femizid“ in der Mitte der deutsch­spra­chigen Gesell­schaft ange­kommen: Er wurde in den Duden aufge­nommen und in einer Folge des „Tatort“ erwähnt. Immer häufiger findet man ihn auch in Zeitungs­ar­ti­keln: So titelte die FAZ im vergan­genen Juli „Mutmaß­li­cher Femizid: Sie starb noch auf dem Schul­ge­lände“. Bei der taz hieß es zum „Bundes­la­ge­bild Häus­liche Gewalt“ im Juni „155 Femi­zide in Deutsch­land: Häus­liche Gewalt nimmt weiter zu“. Und die Zeit schrieb: „Femi­zide in Öster­reich: Ein sicheres Land – für Männer“.

Ein Blick in die korre­spon­die­renden Online-Kommentarspalten der Zeitungen und ihrer Social Media-Kanäle zeigt aller­dings schnell: Es scheint kein einheit­li­ches Verständnis dessen zu geben, was ein Femizid ist. Auf Zeit Online schreibt jemand: „Bei einer ‚Bezie­hungstat‘ dürften in der Regel indi­vi­du­elle Motive ausschlag­ge­bend sein; der Begriff ‚Femizid‘ ist m. E. da irre­füh­rend.“ Auf Insta­gram kommen­tiert eine Person einen Beitrag, in dem mehrere Tötungen beschrieben werden, folgen­der­maßen: „Doofe Frage. Liest das eigent­lich jemand Korrektur(,) bevor so ein Schwach­sinn gepostet wird? Erst schreibt ihr(,) Femizid ist eine Tötung aufgrund des Geschlechts des Opfers, aber dann sind die meisten hier genannten Fälle Beziehungstaten.“

Femi­zide werden heute über­wie­gend als geschlechts­be­zo­gene Tötungen von Frauen defi­niert. Worin dieser Geschlechts­bezug konkret besteht und wie er fest­zu­stellen ist, scheint aber häufig unklar zu sein. 

Wie der Begriff wurde, was er heute (nicht) ist

Diese Disso­nanz erklärt sich in Teilen durch die Begriffs­ge­schichte: Die erste Verwen­dung des engli­schen Wortes „femicide“ ist für das Jahr 1801 nach­ge­wiesen. Als Vari­ante des geschlechts­neu­tralen Begriffs „homicide“ war „femicide“ lange Zeit eine Bezeich­nung für jegliche Frauentötungen.

1976 griff dann die australisch-US-amerikanische Sozio­login Diana Russell den Begriff auf und verwen­dete „femicide“ erst­mals als Bezeich­nung für geschlechts­be­zo­gene Frau­en­tö­tungen. Damit war das heute wohl am meisten verbrei­tete Verständnis des Begriffs geboren – wobei es inner­halb dieser Denk­rich­tung zahl­reiche Unter­schiede gibt, auf die zurück­zu­kommen sein wird. Russell jeden­falls defi­nierte „femicides“ als „miso­gy­nist killing of women by men“ (1992) bzw. „killing of females by males because they are female“ (2001). Bis zu ihrem Tod 2021 verän­derte sie Aspekte der Defi­ni­tion immer wieder, der Kern aber – der Geschlechts­bezug – blieb gleich. 

Bald verbrei­tete sich der Begriff in verschie­dene Sprach­räume, Verwen­dungs­kon­texte und Forschungs­dis­zi­plinen. Eine bedeut­same Weiter­ent­wick­lung fand in Latein­ame­rika statt. Die mexi­ka­ni­sche Sozio­login, Anthro­po­login und Poli­ti­kerin Marcela Lagarde y de los Rios begann 1995, von „femi­ni­ci­dios“ zu spre­chen. Die ergänzte Silbe „ni“ hat keine eigen­stän­dige Bedeu­tung. Lagardes Ziel war, einen eigen­stän­digen Begriff für die spezi­fisch latein­ame­ri­ka­ni­schen Erschei­nungs­formen geschlechts­be­zo­gener Tötungen weib­li­cher Personen zu finden, die sie als „Verbre­chen in einem Kontext des insti­tu­tio­nellen Zusam­men­bruchs“ beschrieb.

Mitt­ler­weile wird der Begriff auch durch die Vereinten Nationen verwendet und im Deut­schen Bundestag disku­tiert. In wissen­schaft­li­chen Kontexten werden zahl­reiche unter­schied­liche Defi­ni­tionen verwendet. Für den gesell­schaft­li­chen und medialen Diskurs setzten sich aber die Defi­ni­tionen als „Tötungen von Frauen, weil sie Frauen sind“ oder „Tötungen von Frauen aufgrund ihres Geschlechts“ durch. Und so fand der Begriff auch seinen Weg in das Sonn­tag­abend­fern­sehen, in Zeitungen und in deren Kommentarspalten.

„Aufgrund des Geschlechts“? „Weil sie eine Frau ist“?

Und in diesen Kommen­tar­spalten zeigt sich, dass das Poten­zial des Begriffs durch diese verbrei­teten Defi­ni­tionen teil­weise verloren geht. Denn das Erfor­dernis eines Geschlechts­be­zuges („aufgrund des Geschlechts“ bzw. „weil sie eine Frau ist“) ist inso­fern voraus­set­zungs­voll, als nicht allen Menschen instinktiv klar zu sein scheint, warum es sich bei den als Femi­zide bezeich­neten Taten um geschlechts­be­zo­gene Gewalt handeln soll – beispiels­weise bei der Tötung einer Frau durch ihren Ex-Partner. Der Begriff „Femizid“ selbst gibt darüber keine Auskunft. Und auch die Defi­ni­tionen als „Tötung, weil sie eine Frau ist“ oder „Tötung aufgrund des Geschlechts“ sind wenig instruktiv. Wann genau wurde eine Frau getötet, weil sie eine Frau ist? Wann wurde eine Tat „aufgrund des Geschlechts“ des Opfers begangen?

Intuitiv scheint für viele Menschen – das zeigt der Blick in die Kommen­tar­spalten – eine subjektiv-individuelle Lesart zu sein. Eine Frau wurde getötet, „weil sie eine Frau ist“, wenn das Motiv der Tat „Frau­en­hass“ ist. So heißt es beispiels­weise in einem Kommentar auf Zeit Online: „Ob (der Begriff Femizid) paßt, weiß man nicht. Oder wissen Sie auch nur irgendwas über den Täter und sein Tatmotiv?“ Und auf Insta­gram kommen­tiert jemand einen Beitrag mit der Frage: „Werden die Täter befragt oder wie stellt ihr fest, dass diese Taten aufgrund des Geschlechts verübt wurden?“

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Dass dieses subjek­tive Verständnis zu kurz greift, lässt sich am Beispiel von Intim­part­ne­rin­nen­tö­tungen erläu­tern, insbe­son­dere dem Unter­fall der sog. Tren­nungs­tö­tung. Dabei handelt es sich um Tötungen, deren Anlass die (ange­kün­digte oder bereits voll­zo­gene) Been­di­gung der Bezie­hung zur Tatperson durch das Opfer ist. „Tren­nungs­tö­tungen“ sind die häufigste Form der Intim­part­ne­rin­nen­tö­tung und sie sind beson­ders stark „gegen­dered“: sie werden noch häufiger von männ­li­chen Tätern gegen­über weib­li­chen Opfern begangen als Intim­part­ne­rin­nen­tö­tungen im Allge­meinen. Selbst­ver­ständ­lich werden diese Taten in unter­schied­li­chen, ganz indi­vi­du­ellen Kontexten begangen. Eine große Gemein­sam­keit ist aber, dass die Tatmo­ti­va­tion häufig von einem sexis­ti­schen Macht- und Kontroll­an­spruch des Täters gegen­über dem Opfer geprägt ist. Durch die Tat stellt der Täter seinen Wunsch, die Bezie­hung mit dem Opfer fort­zu­setzen oder das Opfer jeden­falls an dem Eingehen einer neuen Bezie­hung zu hindern, über die selbst­be­stimmte Lebens­ent­schei­dung des Opfers, die Bezie­hung zum Täter zu beenden. In der Tatbe­ge­hung spie­geln sich somit Vorstel­lungen von geschlechts­be­zo­gener Ungleich­wer­tig­keit. In solchen Fällen ist eine sog. Tren­nungs­tö­tung ein Femizid. 

Aller­dings kann man von jemandem, der seine Ex-Partnerin getötet hat, in der Regel nicht erwarten, zu reflek­tieren, inwie­fern dabei sexis­ti­sche Stereo­type und Vorstel­lungen eine Rolle gespielt haben. Wer diese Refle­xi­ons­ar­beit leisten kann, würde die Tat wahr­schein­lich nicht begehen. Denn es ist so – um es mit den Worten der US-amerikanischen Philo­so­phin Kate Manne zu sagen –, „dass wir in großen Teilen unseres Denkens und Handelns gesell­schaft­liche Kräfte kana­li­sieren und umsetzen, die weit unter­halb unserer Bewusst­seins­schwelle liegen (…) und die zuweilen unseren expli­ziten mora­li­schen und poli­ti­schen Über­zeu­gungen deut­lich zuwiderlaufen.“ 

Daher kann die Frage, ob eine Frau getötet wurde, „weil sie eine Frau ist“, nicht nur mit Blick auf die vom Täter selbst beschrie­bene Moti­va­tion beant­wortet werden. Hierzu treten außerdem die Einschrän­kungen, die entstehen, weil jemand, der eines Tötungs­de­likts beschul­digt wird, natür­lich nicht verpflichtet ist, sich zu der mutmaß­li­chen Tat zu äußern. Dazu kommen schließ­lich die Verzer­rungs­ef­fekte, die entstehen, wenn jemand – egal wie bereit­willig und ehrlich – die eigene Moti­va­tion im Nach­hinein zu rekon­stru­ieren versucht.

Hilf­rei­cher ist es daher, den Geschlechts­bezug der Tat mit Blick auf den struk­tu­rellen Kontext zu bestimmen, in dem eine Tat begangen wird. Damit ist gemeint, dass die Tat eine Ausprä­gung struk­tu­reller Gewalt ist; dass die Tat sich in ein Muster zahl­rei­cher Taten mit ähnli­chen Charak­te­ris­tika einfügt, die zwar stets ein Einzel­fall, aber gleich­zeitig mitein­ander verbunden sind. Dieses „Muster miso­gyner Gewalt“ zeigt sich anhand verschie­dener Charak­te­ris­tika, beispiels­weise der über­pro­por­tional großen Zahl weib­li­cher Opfer und männ­li­cher Täter, der ähnli­chen Tatvor­ge­schichten und auch – als ein, aber nicht als einziges Indiz – der vergleich­baren Motiv­be­schrei­bungen durch die Täter.

Dann ist auch klar, dass es nicht darum geht, dass ein Täter „alle Frauen hasst“, damit eine Tat ein Femizid ist. Sondern darum, dass sich in der Tat (auch unbe­wusste) Vorstel­lungen einer Ungleich­wer­tig­keit der Geschlechter zeigen, sodass sie auf der Meta­ebene in ein Muster passt, das sich aus zahl­rei­chen vergleich­baren anderen Taten ergibt. Fokus­siert man diesen „struk­tu­rellen Unterbau“ der Tat, wird sichtbar, wann ein Einzel­fall ein Femizid ist. 

Epis­te­mi­sche Potenziale

Ohne den Begriff „Femizid“  träte ein, was die briti­sche Philo­so­phin Miranda Fricker „herme­neu­ti­sche Unge­rech­tig­keit“ nennt: Die struk­tu­relle Natur der Taten würde nicht wahr­ge­nommen, weil in der gesell­schaft­li­chen Ausein­an­der­set­zung die konzep­tio­nellen Ressourcen dafür fehlen – insbe­son­dere eben ein Begriff, der das Phänomen tref­fend beschreibt. Der Begriff „Femizid“ ist eine solche Ressource: Er kann die Taten in ihren Kontext sexis­ti­scher Diskri­mi­nie­rung einbetten und ihren Geschlechts­bezug in den Vorder­grund rückten.  Damit der Begriff diese „Macht der Benen­nung“ (Mary Daly) entfalten kann, müssen aller­dings gewisse Voraus­set­zungen erfüllt sein. Das betrifft insbe­son­dere die Frage, wann eine Tötung „aufgrund des Geschlechts“ bzw. „weil sie eine Frau ist“ begangen wurde. Der Geschlechts­bezug bei typi­schen Femi­ziden scheint bislang nicht für alle Menschen so offen­kundig zu sein, dass er keiner Erläu­te­rung mehr bedarf. Er sollte deshalb nicht durch chif­fre­ar­tige Formu­lie­rungen wie „aufgrund des Geschlechts“ oder „weil sie eine Frau ist“ verschleiert, sondern konkreter erläu­tert werden. Die Beschrei­bung des „Kontextes miso­gyner Gewalt“, in dem die Tat begangen wird, zusammen mit der Erklä­rung, warum beispiels­weise auch Intim­part­ne­rin­nen­tö­tungen regel­mäßig von Vorstel­lungen geschlechts­be­zo­gener Ungleich­wer­tig­keit geprägt sind, kann dabei helfen. Die eingangs zitierten Zeitungs­ar­tikel bilden hier übri­gens posi­tive Ausnahmen.

Die Verwen­dung des Begriffs „Femizid“ ist immer auch eine Auffor­de­rung an Leser*innen bzw. Zuhörer*innen, sich mit den verin­ner­lichten sexis­ti­schen Denk­struk­turen ausein­an­der­zu­setzen, die unsere Welt prägen. Das ist notwendig, kann aber auch schwierig und schmerz­voll sein. Wer den Begriff nicht einfach wie eine voraus­set­zungs­volle Abkür­zung für Einge­schwo­rene, sondern als einla­dende Erklä­rung verwendet, kann diesen Prozess erleichtern.