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#Fana­tismus – Zur Spreng­kraft eines wieder­keh­renden Begriffs

Der Fana­tismus ist wieder da. – Unüber­sehbar trat er unter jenen tenden­ziösen, dabei ebenso diffusen wie viel­deu­tigen Schlag­worten hervor, die in der Folge von 9/11 im publi­zis­ti­schen und popu­lär­wis­sen­schaft­li­chen Diskurs Hoch­kon­junktur hatten. Den Anschlägen von 2001 folgte eine anhal­tende Flut von sozi­al­psy­cho­lo­gi­schen, histo­ri­schen und theo­lo­gi­schen Studien, die dieses Schlag­wort promi­nent führen. Die Unschärfe des Begriffs, seine Verschie­bungen und Über­tra­gungen, seine Einengungen und Gene­ra­li­sie­rungen bedürfen der Refle­xion: Was bedeutet die Konjunktur der Rede vom Fana­tismus? Und welche Semantik und Politik steckt hinter dem Begriff? 

Kurze Gebrauchs­ge­schichte

Die gera­dezu proteus­hafte Wandel­bar­keit des Schlag­worts wird vor seinem histo­ri­schen Hinter­grund beson­ders deut­lich. Die Mehr­deu­tig­keit ist schon immer charak­te­ris­tisch für seine Verwen­dung. Allein von der Refor­ma­tion bis zur Fran­zö­si­schen Revo­lu­tion hatten die von fanum („Heiligtum“) abge­lei­teten Zuschrei­bungen „fana­ticus“ und „fana­tique“ eine ebenso grosse wie über­ra­schend dispa­rate Karriere hinter sich. Die euro­päi­schen Reli­gi­ons­kon­flikte des 16. und 17. Jahr­hun­derts produ­zierten „Fana­ti­cismus“ auf vielen Seiten, wobei nament­lich die Refor­ma­toren ihre Gegner mit Vorliebe als solche disqua­li­fi­zierten – so noch der aufge­klärte Luthe­raner Johann Georg Walch im Kapitel „Von den Religions-Streitigkeiten mit den Fana­ticis und Enthu­si­asten“ seiner Histo­ri­schen und theo­lo­gi­schen Einlei­tung in die Religions-Streitigkeiten (1733-1736); es verhan­delt „Papisten“, „Anaba­tisten, Quacker, Weige­lianer, Böhmisten usw“. Auch die Aufklä­rung reihte den Terminus in die Taxo­nomie ihrer Gegner ein, beispiel­haft Voltaire, dessen Reli­gi­ons­kritik im Begriff „fana­tisme“ ihren kraft­vollsten Ausdruck fand. Im Dictionn­aire philo­so­phique ou la raison par alphabet (1764) erscheint er als maxi­male Stei­ge­rungs­form des Aber­glau­bens: „Fana­tismus verhält sich zum Aber­glauben wie Fieber­wahn zum Fieber, wie der Wutan­fall zum Zorn. Wer Ekstasen hat, Erschei­nungen, wer Traum­bilder für Realität nimmt und seine Einbil­dungen für Prophe­zei­ungen, ist ein Enthu­siast, wer seinen Irrsinn durch Mord umsetzt, ein Fanatiker.“

Um 1900 hatte der Begriff eine neue Konjunktur, nun aber weniger theo­lo­gisch als poli­tisch, und – entschei­dendes Novum – nicht nur kritisch-polemisch sondern auch affirmativ-apologetisch: als Selbst­cha­rak­te­ri­sie­rung kompro­miss­lo­sester Entschie­den­heit poli­ti­scher Extre­mismen zwischen ultra­links und ganz rechts. Etwa im Kate­chismus eines Revo­lu­tio­närs (um 1870) des russi­schen Anar­chisten Sergej Netschaev, dessen erklärtes Ziel war, die Entwick­lung der „sichersten und schnellsten Methode, diese ganze verrot­tete Ordnung zu zerstören“. Oder – in unheim­li­cher Nach­bar­schaft dazu – in der Sprache des Faschismus, beispiel­haft schon in Hitlers Mein Kampf (1925): „Die Trieb­kraft zu den gewal­tigsten Umwäl­zungen auf dieser Erde lag zu allen Zeiten weniger in einer die Masse beherr­schenden wissen­schaft­li­chen Erkenntnis als in einem sie besee­lenden Fana­tismus.“ So findet sich das Schlag­wort denn auch in der von Victor Klem­perer unter­suchten LTI (1947), in der es zur „Über­stei­ge­rung der Begriffe tapfer, hinge­bungs­voll, beharr­lich“ mutierte.

Fana­tismus und Islamismus

Beslan 2017; Quelle: sueddeutsche.de

Wenn nun in den letzten 20 Jahren die Diagnosen des Fana­tismus wieder zuge­nommen haben, so anhand einer neuen Zuschrei­bung, die primär reli­giös ist. Ausge­hend von den Anschlägen um 2000 ist der Gegen­stand der Diagnose – um am Objekt anzu­setzen – vor allem einer: jene poli­ti­sche Ideo­lo­gi­sie­rung von Reli­gion, für die sich parallel der Begriff „isla­mi­scher Funda­men­ta­lismus“ bzw. kurz „Isla­mismus“ durch­setzte. So kommen­tierte der Leiter des in Dubai ansäs­sigen Fern­seh­sen­ders Al Arabiya, Abdel Rahman al-Rashed, im September 2004 ange­sichts eines weiteren verhee­renden Terror­an­schlags, bei dem im kauka­si­schen Beslan ein tsche­tsche­ni­sches „Märtyrer-Batallion“ unter der Leitung des Isla­misten Schamil Bass­ajew über 1100 Geiseln – Schüler, Lehrer und Eltern an einem ersten Schultag – in Gewalt nahm, was für ein Drittel von ihnen mit dem Tod endete: „It is a certain fact that not all Muslims are terro­rists, but it is equally certain, and excep­tio­nally painful, that almost all terro­rists are Muslims“. Zwar zeigt die Statistik welt­weiter Terror­an­schläge bei genauerem Hinsehen ein diffe­ren­zier­teres Bild; im Jahr 2006 hatten ,nur‘ rund 21% einen isla­mis­ti­schen Hinter­grund. Doch in der öffent­li­chen Wahr­neh­mung wurde Terror inzwi­schen weit­ge­hend mit „isla­mi­schem Funda­men­ta­lismus“ iden­ti­fi­ziert und mit einem unheim­li­chen Phänomen erklärt, das es seiner­seits erst noch zu verstehen galt: Fanatismus.

„Neuer Terro­rismus“ und reli­giöser Fana­tismus (Walter Laqueur)

Die Emer­genz dieses neuen Fanatismus-Begriffs lässt sich exem­pla­risch in den Arbeiten des Zeit­his­to­ri­kers Walter Laqueur beob­achten, der als lang­jäh­riger Direktor der Wiener Library for the Study of the Holo­caust and Geno­cide in London seit den 1970er Jahren promi­nent zum Terro­rismus arbei­tete. Seine Darstel­lung Terro­rism von 1977 verwendet das Stich­wort „fana­ti­cism“ noch spär­lich. Er beschränkt sich im Wesent­li­chen auf die allge­meine Formel: „Terro­rists are fana­tical belie­vers“, ohne aber zu erklären, was „fana­tical“ bedeutet – und bemer­kens­wer­ter­weise auch weit­ge­hend ohne Bezug zum Islam. Im Zentrum der Darstel­lung standen viel­mehr dama­lige poli­tisch und natio­na­lis­tisch moti­vierte Extre­mis­ten­grup­pie­rungen, für die Laqueur mit dem Begriff „Terro­rismus“ weit­ge­hend allein auskam.

Mumbai 2018; Quelle: voanews.com

Das änderte sich jedoch um 2000, als Laqueur unter dem Eindruck der dama­ligen Anschläge eine Reihe neuer Terrorismus-Analysen vorlegte. Bezeich­nen­der­weise wählte er dafür den Begriff „neuer Terro­rismus“, den er nun gera­dezu syste­ma­tisch mit dem Begriff „Fana­tismus“ verknüpfte, so etwa The New Terro­rism. Fana­ti­cism and the Arms of Mass Dest­ruc­tion (1999) oder No End to War. Terro­rism in the Twenty-First Century (2003). Der „neue Terro­rismus“, wie er mit 9/11 mit voller Wucht auftrat, unter­scheidet sich von dem älteren, so Laqueur, durch eine massive „bruta­liz­a­tion“ und „dehu­ma­ni­sa­tion“. Während „old-style terro­rists“ – ob radikal links oder radikal rechts ausge­richtet – poli­tisch moti­viert handelten und gezielt einzelne Opfer auswählten, setze der „new terro­rism“ auf Massen­tö­tung (weapons of mass dest­ruc­tion) und nehme mit Anschlägen auf öffent­liche Orte die Tötung unschul­diger Passanten bewusst in Kauf.

Diese Bruta­li­sie­rung des Terro­rismus wird nach Laqueur wesent­lich durch eine fundamentalistisch-religiöse Begrün­dung möglich, die jegliche ethi­sche Zurück­hal­tung suspen­diert. Die reli­giöse Fundie­rung legi­ti­miert brutalste Taten: „mass killings and suicide bombings“. Für diese Stei­ge­rung der Spreng­kraft durch Reli­gion fand Laqueur die Formel: „The greater the fana­ti­cism and the madness, the greater the urge to destroy as many enemies as possible.“ Im Unter­schied zur Stra­tegie der begrün­deten und gezielten „propa­ganda by deed“ des poli­ti­schen Terro­rismus will der neue Terro­rismus niemanden über­zeugen. Viel­mehr gehe es darum, möglichst viele „Feinde“ zu töten, die reli­giös als „Ungläu­bige“ pauscha­li­siert werden.

Vom reli­giösen zum quasi-religiösen Fanatismus

Obwohl Laqueur nach 2000 im Isla­mismus das leitende Para­digma eines neuen, reli­giös poten­zierten Fana­tismus erkennt, bleibt er nicht bei dem einen Fall stehen, sondern reiht ihn ein in analoge ältere Para­digmen von den Kreuz­rit­tern bis zu Hitler, bei dem er glei­cher­maßen ein „quasi-religiöses“ Motiv erkennt. Der Histo­riker wird zum Phäno­me­no­logen des Fana­tismus. Hinter seiner Beispiel­se­quenz sieht er eine allge­meine Struktur, die in der poli­tisch nicht mehr ratio­na­li­sier­baren Rück­bin­dung des Terrors an einen abso­luten (reli­giösen oder quasi-religiös-ideologischen) Glauben besteht, einen „very strong, single-minded belief“, dessen Stärke das Mass der Gewalt­be­reit­schaft bestimmt. An der Seite extre­mis­ti­scher Ideo­lo­gien zeigt die Reli­gion ihr unmo­ra­li­sches Gesicht: sie hebt den Fana­tiker über alle menschen­ge­machten mora­li­schen Mass­stäbe, die der alles tran­szen­die­renden, einen Idee geop­fert werden. Ein über­mäch­tiger Glaube fungiert als abso­luter, durch nichts hinter­frag­barer (reli­giös, poli­tisch, ideo­lo­gisch ausdeut­barer) Zweck, der jedes Mittel, jede Gewalt heiligt.

Psycho­lo­gi­sie­rung des Fanatismus

Paris 2015; Quelle: westfalen-blatt.de

Am Rand seiner Analyse verwendet Laqueur eine psycho­lo­gi­sche Formu­lie­rung, die den Fana­tismus patho­lo­gi­siert: er spricht von „perse­cu­tion mania“. Diese für seine historisch-politische Unter­su­chung wenig passende Psycho­lo­gi­sie­rung erschliesst sich aus seinem Verweis auf die Fanatismus-Analysen des russi­schen Reli­gi­ons­phi­lo­so­phen Nikolaj Berd­jaev aus den 1920er Jahren, die bei genauerem Hinsehen auch das reli­giöse Motiv von Laqueurs Deutung enthält: den radi­kalen Glauben an eine einzige Idee. Aber auch die These, dass solche massive Verein­fa­chung – ob in Ortho­doxie, Anar­chismus oder Faschismus – massive psycho­pa­tho­lo­gi­sche, genau psycho­ti­sche Züge aufweise, findet sich bei Berd­jaev.

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Auf ganz andere Weise geht der israe­li­sche Schrift­steller Amos Oz in seinen Tübinger Poetik-Vorlesungen von 2002, gedruckt 2004 und aktua­li­siert 2018 unter dem Titel Liebe Fana­tiker vor. Drei Plädoyers einen Weg psycho­lo­gi­scher und anthro­po­lo­gi­scher Deutung. Geprägt von einem nicht enden wollenden politisch-religiösen Konflikt in Israel (wo übri­gens auch Laqueur von 1938 bis Anfang der 1950er Jahre lebte), bezeich­nete sich Oz selbst­iro­nisch gera­dezu als „Fach­mann für verglei­chende Fana­tis­mus­for­schung“. Sein Verständnis des Fana­tismus ist dabei weniger drama­tisch: Aus dem monströs-extremistischen, absolut unmensch­li­chen, mora­lisch völlig inkom­men­sura­blen Verhalten von Laqueurs Fana­tismus wird bei Oz ein menschlich-allzumenschliches. Fana­tiker sind nach ihm nicht nur radi­kale Extre­misten à la Osama Bin Laden, Schamil Bass­ajew und deren blind­wü­tige Anhänger, viel­mehr steckt in uns allen ein mehr oder weniger kleiner Fana­tiker: „Der Fana­tismus ist viel älter als der Islam, das Chris­tentum und das Judentum“, so Oz. „Er ist viel älter als jede Ideo­logie auf der Welt. Fana­tismus liegt in der mensch­li­chen Natur, ist ein ‚schlechtes Gen‘“.

Dennoch geht es Oz keines­wegs um eine Baga­tel­li­sie­rung, viel­mehr aber um eine Rehu­ma­ni­sie­rung, indem er den Fana­tismus aus der Ausla­ge­rung ins un- und über­mensch­liche Jenseits der Moral, in die Sphäre des imma­nent Mensch­li­chen zurück­holt. Hier nun erscheint er, so Oz, als ein an und für sich gera­dezu banales Bedürfnis – aber mit massivem Schre­ckens­po­ten­tial (viel­leicht analog der „Bana­lität des Bösen“ von Arendts Faschis­mus­ana­lyse): das Bedürfnis nach „einfa­chen Antworten“, wie sie vorzüg­lich auto­ri­täre poli­ti­sche Ideo­lo­gien ebenso wie rigide reli­giösen Systeme zur Verfü­gung stellen. „Ein Grund für die Zunahme der Wellen des Fana­tismus ist viel­leicht die wach­sende Sehn­sucht nach einfa­chen Lösungen, nach ‚Erlö­sung auf einen Schlag‘“. Dieses Bedürfnis richtet sich offen­sicht­lich gegen die Tendenzen der Rela­ti­vie­rung und Verkom­pli­zie­rung, der Säku­la­ri­sie­rung der Reli­gionen, der Vermi­schung der Kulturen, der Entgren­zung der Nationen im Zeit­alter der Globa­li­sie­rung. Das Aggres­si­ons­po­ten­tial kündigt sich in der Gesprächs­ver­wei­ge­rung dieses simplen Erlö­sungs­mo­dells an: „ein Fana­tiker disku­tiert nicht“. Gegen alle Plura­li­sie­rungs­ten­denzen stemmt sich – mit aller Gewalt – der Wunsch nach simplen Antworten, nach klaren Iden­ti­täten, nach festen Zugehörigkeiten.

Vom neuen reli­giösen zum neuen rechten Fanatismus

Entwurf für ein Denkmal auf Utøya; Quelle: zeit.de

In diesem aller­dings wesent­li­chen Punkt stimmen mit den neuen reli­giösen Fana­ti­kern – auf den ersten Blick über­ra­schend – die neuen rechten Ideo­logen überein. Bei genauerem Hinsehen wird aber deut­lich, dass diese, ganz uniro­nisch, ein komple­men­täres Paar bilden, indem sie analog funk­tio­nieren, auch wo sie ihre Legi­ti­ma­tion jeweils mit der aggressiv ausagierten Angst vor dem je anderen propa­gieren. Tatsäch­lich schreiben daher jüngste poli­ti­sche Analysen den Begriff des Fana­tismus auch der welt­weiten neuen Rechten zu, die sich seit den jüngsten Anschlägen wie dieje­nigen in Oslo und Utøya (2012) oder Christ­church (2019) mit terro­ris­ti­scher Gewalt welt­weit bemerkbar macht. Das 1516 Seite starke Mani­fest des Osloer Atten­tä­ters Anders Breivik 2083: A Euro­pean Decla­ra­tion of Inde­pen­dence legi­ti­miert seine Gewalttat sympto­ma­tisch mit der Bedro­hung Europas durch „Marxismus“ und „Isla­mi­sie­rung“, durch „Multi­kul­tu­ra­listen, Kulturm­ar­xisten und kapi­ta­lis­ti­sche Globa­listen“. Oz’ These der „Erlö­sung auf einen Schlag“ durch die Suche nach „einfa­chen Antworten“ greift im Rechts­ter­ro­rismus also glei­cher­massen wie bei seinem Gegen­part, dem Islamismus.

Grenzen der Rationalisierung

Aufmerk­same Beob­achter ihrer Zeit wie Laqueur und Oz, so wurde deut­lich, unter­nahmen es, mit einem aktua­li­sierten Fanatismus-Begriff etwas zur Sprache zu bringen, das höchsten mora­li­schen Beun­ru­hi­gungs­grad hat, und doch irgendwie verstanden und einge­holt werden muss. Es bloss – um noch­mals mit Voltaire zu spre­chen – als „Raserei im Fieber­wahn“, die „das Gehirn verpestet“, zu irra­tio­na­li­sieren, wäre zwar ein entlas­tendes Mittel radi­kaler Aufklä­rung gegen ihren radi­kalen Gegner, aller­dings aber keine analy­ti­sche Leis­tung. Doch auch Laqueurs historisch-politische sowie Oz’ psychologisch-anthropologische Ratio­na­li­sie­rungen, die das Problem auf der einen Seite in einem unmensch­li­chen ultra­re­li­giösen Abso­lu­tismus ausmacht, auf der anderen in der allzu­mensch­li­chen mensch­li­chen Natur, haben ihre Grenze – genauer zwei Grenzen: eine sach­liche (res) und eine sprach­liche (verba).

Zum einen bleiben diese Erklä­rungs­an­ge­bote gegen­über dem Gegen­stand letzt­lich begrenzt und machtlos. Sie vermögen das Inkom­men­surable, das mons­tröse Je-ne-sais-quoi des Fana­tismus nie ganz einzu­holen, ob sie es jenseits oder dies­seits des Mensch­li­chen loka­li­sieren. Diese unver­meid­liche Kapi­tu­la­tion verrät Laquers beiläu­fige Patho­lo­gi­sie­rung des Fana­tismus ebenso wie Oz’ Grund­satz, dass der Fana­tismus letzt­lich nicht diskursiv einholbar ist. Als Analy­se­ob­jekt (d.h. als Gegen­stand histo­ri­scher, theo­re­ti­scher Unter­su­chung) wird der Fana­tismus zwar versuchs­weise deutbar gemacht. Als schiere Gewalttat bleibt er jedoch immer inkom­men­surabel und vermag noch jede begriff­liche Ratio­na­li­sie­rung wieder aufzusprengen.

Zum zweiten wird deut­lich, dass der Fana­tismus in der diskur­siven Praxis ein Proteus-Begriff ist. Er ist ein ausneh­mender Verwand­lungs­künstler, der so ziem­lich jede, noch so gegen­sätz­liche Posi­tion einnehmen kann, wenn sie denn nur extrem genug behauptet und rück­sichtslos genug umge­setzt wird. Seine mühe­lose Migra­tion in Geschichte und Gegen­wart von Reli­gion zu Politik, von ganz links bis ganz rechts, von radi­kalem Isla­mismus zu radi­kalem Anti-Islamismus nimmt ihm die Qualität eines präzisen analy­ti­schen Instru­ments. Umso weniger kann es daher (hier) um eine Defi­ni­tion gehen. Umso wich­tiger und aufschluss­rei­cher aber ist die kriti­sche Unter­su­chung seiner diskur­siven Praxis, seiner Fremd- und Selbst­zu­schrei­bungen, seiner Über­tra­gungen und Verwand­lungen. Das heisst: seine Spreng­kraft verstehen.