Es ist eine Fantasie, dass sich „Behinderung“ mit medizintechnologischen Instrumenten kontrollieren lässt. Dies wird jedoch oft in der gynäkologischen Sprechstunde verbreitet und bestimmt zudem auch die Darstellung der Pränataldiagnostik in populären Fernsehserien, die sich für Inklusion stark machen. Erzählungen von Eltern behinderter Kinder hingegen zeigen: Behinderung ist der Inbegriff des Unverfügbaren.

  • Martina Süess ist Literaturwissenschaftlerin und beschäftigt sich mit der Darstellung von Behinderung in Literatur und Medien. In ihrem aktuellen Projekt untersucht sie, mit welchen narrativen und stilistischen Mitteln Eltern schwerbehinderter Kinder ihre Erfahrungen und ihr Wissen literarisch verarbeiten und zugänglich machen. Soeben ist dazu ihr Podcast „Kapitel B. Eltern behinderter Kinder erzählen vom Leben und Schreiben“ erschienen.

In der erfolg­rei­chen deut­schen Fern­seh­serie Praxis mit Meer­blick wird die Haupt­figur, die Ärztin Nora Kaminski, in der vierten Staffel über­ra­schend schwanger – mit Ende vierzig. Sie und ihr Partner Max gestehen sich gegen­seitig, was ihre grösste Sorge ist: „Dass es nicht gesund ist“. Bei der Gynä­ko­login werden sie mit der Frage nach den Vorsor­ge­un­ter­su­chungen, insbe­son­dere dem NIPT (Nicht­in­va­siver Präna­tal­test) konfron­tiert. Das Thema bekommt viel Raum, so wie die Serie über­haupt sehr bewusst mit Themen rund um Behin­de­rung und chro­ni­schen Krank­heiten umgeht. Max ist skep­tisch: „Viel­leicht ist es gar nicht so gut, sich so viele Gedanken zu machen. Kommt eh immer alles anders.“ „Du meinst, den Kopf in den Sand, das beste Hoffen, kein Test?“, fragt Nora zurück. „Ich finde, man muss nicht immer alles wissen“, sagt Max. Und Nora, die als rundum posi­tive Iden­ti­fi­ka­ti­ons­figur auch als mora­li­scher Kompass fungiert, antwortet: „Ich eigent­lich schon.“ Schliess­lich wird Nora gleich mehrere Tests machen, aller­dings entscheiden die beiden im Voraus, wie sie mit den Ergeb­nissen umgehen werden: „Wenn alles gut ist, dann sind wir einfach wahn­sinnig glück­lich und erleich­tert, und wenn’s schlechte Nach­richten gibt, haben wir Zeit, uns auf alles vorzubereiten.“

„Ich checke Sie mal komplett durch“

Präna­tal­dia­gnostik ist ein komplexes Thema, das im Kontext von Femi­nismus, Disa­bi­lity Studies und Ethik kontro­vers disku­tiert wird. Im Fokus steht meist die Frage, ob selek­tive Schwan­ger­schafts­ab­brüche gerecht­fer­tigt werden können, und in welche miso­gynen und ableis­ti­schen Narra­tive die Argu­mente von Befürworter:innen und Gegner:innen verstrickt sind. Nur ein Bruch­teil aller Behin­de­rungen ist ange­boren. (Meist ist von 3 % die Rede, so auch beim Statis­ti­schen Bundesamt Deutsch­land, aller­dings hängt die Zahl von der Defi­ni­tion „Behin­de­rung“ ab. In der Schweiz gibt es keine offi­zi­ellen Zahlen zu den Ursa­chen von Behin­de­rungen.) Dennoch bekommt das Thema in öffent­li­chen und wissen­schaft­li­chen Debatten viel Aufmerk­sam­keit, vergli­chen mit anderen behin­de­rungs­be­zo­genen Themen, wie selbst­be­stimmtes Wohnen, Barrie­re­frei­heit bei öffent­li­chen und privaten Dienst­leis­tungs­an­bie­tern, Mobi­lität, poli­ti­sche Teil­habe, Zugang zu Bildung und Arbeit, epis­te­mo­lo­gi­sche Ausbeu­tung in der Forschung oder admi­nis­tra­tive Gewalt in Zusam­men­hang mit sozi­al­recht­li­chen Ansprü­chen. Das hat mehrere Gründe. Erstens geht es bei der Präna­tal­dia­gnostik in erster Linie um soge­nannte „geis­tige“ Behin­de­rungen, die tatsäch­lich oft präna­tale Ursa­chen haben. (Je nach Quelle und Messung wird der Anteil auf 35% bis 70 % bezif­fert). Da diese Art der Norm­ab­wei­chung das oft kriti­sierte, aber nach wie vor domi­nante Menschen­bild vom vernunft­ge­lei­teten, auto­nomen Indi­vi­duum in Frage stellt, ist die Angst davor so gross, dass ein enormer Aufwand betrieben wird, um alles, was daran erin­nert, zu verdrängen, zum Beispiel durch die Errich­tung von Sonder­schulen und Wohn­heimen an möglichst abge­le­genen Orten, aber eben auch durch die Entwick­lung von immer präzi­seren Präna­tal­tests. Zwei­tens ist das Thema attraktiv, da es mora­li­sche Empfin­dungen berührt und sich damit leicht Empö­rung bewirt­schaften lässt, auf allen Seiten. Und drit­tens ist die gynä­ko­lo­gi­sche Sprech­stunde während der Schwan­ger­schaft der Ort, an dem sich viele Menschen über­haupt zum ersten (und manche auch zum letzten) Mal mit „geis­tiger“ Behin­de­rung auseinandersetzen.

Es ist deshalb nahe­lie­gend, dass popu­läre Formate, die Inklu­sion thema­ti­sieren, davon erzählen. Und es ist gut, dass sie es tun: Durch die konkreten Darstel­lungen werden wich­tige Aspekte unseres Umgangs mit der Präna­tal­dia­gnostik über­haupt erst sicht- und verhan­delbar. Auffällig ist, dass der Sinn des Testens so gut wie nie in Frage steht, auch nicht, wenn ein Abbruch ausge­schlossen wird. In einer Arzt­serie ist das genre­be­dingt erwartbar. Aller­dings bricht Praxis mit Meer­blick in mancher Hinsicht mit beliebten Konven­tionen des Genres Arzt­serie und vermeidet proble­ma­ti­sche Topoi wie den „quick fix“ – die schnelle medi­zi­ni­sche Lösung, die jeweils am Ende einer Folge zur Heilung führt. Dennoch wird immer wieder der Eindruck vermit­telt, die Medizin könne den Menschen trans­pa­rent machen: „Ich checke sie mal komplett durch“, sagt Nora häufig, wenn die Ursa­chen für ein Leiden unklar sind. „Grosses Blut­bild, Langzeit-EKG, MRT…“

Falsche Verspre­chungen

Die völlig irrige Idee, dass medi­zin­tech­no­lo­gi­sche Instru­mente die gesamte Wahr­heit über Krank­heit und Gesund­heit des Körpers offen­baren, bestimmt auch das Bild, das allge­mein von der Präna­tal­dia­gnostik vermit­telt wird. Diese wird häufig als objek­tive, wert­neu­trale Praxis darge­stellt, die dazu da ist, Gewiss­heit zu schaffen, damit sich die schwan­gere Person – oder das Paar – auf der Grund­lage dieses Wissens gut infor­miert und selbst­be­stimmt für oder gegen das Kind entscheiden kann. So wird es auch in der spani­schen Fern­seh­serie Perfect Live (vida perfecta) erzählt, bei der María, eine Frau Mitte dreissig, von einem fremden Mann schwanger wird. Als sie den Mann ausfindig macht, erfährt sie, dass er eine „geis­tige“ Behin­de­rung hat. Sie fürchtet, dass die Behin­de­rung erblich sein könnte, und berät sich mit ihrer Gynä­ko­login. Es gebe zwei Möglich­keiten, um das heraus­zu­finden, sagt diese: „Entweder machen Sie einen Test, oder Sie spre­chen mit dem Kinds­vater.“ Ihre Schwester rät zur Abtrei­bung, die Freundin hingegen sagt: „Eins nach dem anderen. Mach erst mal den Test, dann sehen wir weiter.“ Die Test­ergeb­nisse bringen die erwünschte Erleich­te­rung: Keine Trisomie 21, keine Trisomie 18, keine Trisomie 13. Die Schluss­fol­ge­rung: Das Kind ist gesund!

Dieser Kurz­schluss ist beson­ders absurd, weil Triso­mien in der Regel nicht erblich sind, und der Kinds­vater zudem ganz offen­sicht­lich eine andere Behin­de­rung hat, die, wie sich im Laufe der Hand­lung heraus­stellt, eine Folge von Sauer­stoff­mangel bei der Geburt war. Um welche Risiken ging es hier genau? Was wurde getestet? Und welche „Gewiss­heit“ wurde geschaffen? Als María den werdenden Kinds­vater kontak­tiert und ihm von der Schwan­ger­schaft erzählt, sagt er: „Ich will Vater sein. Aber nur, wenn das Baby auch gesund ist“. Und María antwortet mit einem über­zeugten: „Ist es.“

Der Inbe­griff der Unverfügbaren

Perfect Life ist aus vielen Gründen eine gelun­gene Serie, insbe­son­dere weil sie viele Stereo­type, wie sie in „Behin­der­ten­ko­mö­dien“ häufig bedient werden, unter­läuft, und die Bezie­hung zwischen den Figuren immer wieder über­ra­schende Wendungen nimmt. Doch zeigt sich beim Thema Präna­tal­dia­gnostik, wie schwer es fällt, Behin­de­rung als das anzu­nehmen, was sie ist: Eine Norm­ab­wei­chung, die nicht nur dazu heraus­for­dert, unsere „Normen“ und den Umgang mit „Abwei­chungen“ zu über­denken, sondern die uns auch mit der Tatsache konfron­tiert, dass nicht alles kontrol­lierbar ist, und dass es keine Tech­no­logie gibt, die uns garan­tieren kann, dass alles nach Wunsch verläuft. In dieser Hinsicht ist Behin­de­rung der Inbe­griff des Unver­füg­baren. Inklu­sion bedeutet deshalb auch, anzu­nehmen, dass sich wesent­liche Aspekte des Lebens unserer Kontrolle entziehen.

Was das in Bezug auf Präna­tal­dia­gnostik bedeutet, wird in Geschichten erfahrbar, die von Eltern behin­derter Kinder erzählt werden. Erst im Vergleich mit diesen oft auto­bio­gra­fi­schen Erzäh­lungen wird deut­lich, wie sehr sich popu­läre Formate an einem medi­zin­tech­no­lo­gi­schen Wunsch­denken orien­tieren, wenn sie die Ergeb­nisse von Präna­tal­tests mit Wissen gleich­setzen. Zwei Beispiele sollen das verdeut­li­chen. In ihren Buch The Still Point of the Turning World erzählt die US-amerikanische Schrift­stel­lerin Emily Rapp, wie sie ihren Sohn, bei dem im Alter von wenigen Monaten Tay-Sachs diagnos­ti­ziert wird, beim Sterben begleitet. Die regres­sive, unheil­bare Krank­heit ist erblich und bricht nur aus, wenn sie von beiden Eltern über­tragen wird. Obwohl sie sehr selten ist, weiss Rapp davon und lässt sich sogar testen. Um so entsetzter ist sie, als sie die Diagnose bekommt. „I was tested!“ schreit sie, und fragt sich gleich­zeitig, ob sie sich mögli­cher­weise falsch erin­nert. Hat sie etwas versäumt? War sie irgendwie schuldig? Später erfährt sie, dass der Stan­dard­test für Tay-Sachs nur die neun häufigsten Muta­tionen erkennt, dass es aber über hundert bekannte Muta­tionen gibt. „I would have needed to ask for a combi­na­tion DNA and enzym test or requested that my DNA be sequenced. I had not known to ask for either of these.“ Viele ange­bo­rene Behin­de­rungen sind gene­tisch extrem komplex und können nur durch eine gezielte, aufwän­dige Suche entdeckt werden, manche auch gar nicht. Den unzäh­ligen Vari­anten gene­ti­scher Muta­tionen – aber auch anderer orga­ni­scher und neuro­lo­gi­scher Norm­ab­wei­chungen – ist mit Tests nicht beizu­kommen. Viele Menschen mit („geis­tigen“) Behin­de­rungen bleiben ihr Leben lang ohne Diagnose. Und manche sind darüber auch froh.

Das Recht auf Nichtwissen

Wie anmas­send und über­griffig sich manche Gynäkolog:innen verhalten, aber auch, wie schwierig die Kommu­ni­ka­tion zwischen Menschen, die mit Behin­de­rungen leben, und Mediziner:innen sein kann, erzählt der Schweizer Jour­na­list Chris­toph Schwyzer in seinem auto­bio­gra­fi­schen Buch Jakob und der Woll­de­cken­vogel. Als seine Frau mit dem zweiten Kind schwanger ist, will die Gynä­ko­login sie unbe­dingt zu einem Test über­reden, und appel­liert an ihre „Verant­wor­tung“, schliess­lich hat sie ja bereits ein behin­dertes Kind: „Weshalb wollen sie nicht wissen, was los ist? Gerade Sie sollten doch beson­ders vorsichtig sein. Sie brau­chen keine Angst zu haben, es ist alles nur zu Ihrem und zum Wohl des Kindes! Öffnen Sie Ihren Hori­zont!“ Zum nächsten Termin lässt sich die Schwan­gere von Mann und Sohn begleiten. Doch der Anblick des Jungen, der aus Sicht der Eltern so wunderbar perfekt ist, bewirkt bei der Ärztin kein Umdenken, im Gegen­teil. „Wäre es nicht viel mutiger“, fragt sie, „die Tests, die ich Ihrer Frau empfohlen habe, durch­zu­führen, und erst danach, wenn die Resul­tate bekannt sind, im vollen Bewusst­sein, was Sache ist, zum Kind Ja oder Nein zu sagen?“

Neben dem Wunsch­denken („im vollen Bewusst­sein, was Sache ist“) wird hier die mora­li­sche Aufla­dung deut­lich: Nicht die Entschei­dung für den Test erfor­dert eine Begrün­dung, sondern der Wunsch, den Test nicht zu machen, wird als feige Verwei­ge­rung betrachtet. (Diese Wertung klingt auch in den Aussagen der Ärztin Nora Kaminski in Praxis mit Meer­blick an.) Es gibt aber durchaus gute Gründe, warum werdende Eltern auf dem Recht auf Nicht­wissen bestehen. Weil sie zum Beispiel davon ausgehen, dass die beste Vorbe­rei­tung auf ein Kind darin besteht, sich auf das Unvor­her­seh­bare einzu­lassen. Oder weil sie wissen, wie wenig selbst eine präzise Diagnose darüber aussagt, wie es dem Kind gehen wird und was für ein Leben die Familie erwartet.

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Unter­su­chungen haben immer Auswirkungen

Unab­hängig davon, wie ein selek­tiver Schwan­ger­schafts­ab­bruch im Einzel­fall bewertet wird, ist es hoch­pro­ble­ma­tisch, wenn die gängige Praxis der Präna­tal­dia­gnostik unkri­tisch darge­stellt wird – was nicht nur in Fern­seh­se­rien, sondern oft auch in der gynä­ko­lo­gi­schen Sprech­stunde geschieht. Medi­zi­ni­sche Unter­su­chungen sind nie neutral, sie haben immer Auswir­kungen, sowohl auf die einzelnen Menschen, deren Körper zum Gegen­stand von Unter­su­chungen werden, als auch auf die Gesell­schaft, deren Normen sich durch die Diskurse, mit denen neue medi­zin­tech­no­lo­gi­sche Möglich­keiten verhan­delt und legi­ti­miert werden, verän­dern. Die Darstel­lung der Präna­tal­dia­gnostik in popu­lären Formaten zeigt, wie schwer es fällt, Behin­de­rung – und damit die Grenzen der (medi­zi­ni­schen) Kontrolle über das Leben – wirk­lich zu akzep­tieren. Aller­dings weist der Ausgang von Noras Schwan­ger­schaft in Praxis mit Meer­blick durchaus in diese Rich­tung: Obwohl alle Tests wunsch­ge­mäss verlaufen, erleidet sie kurz darauf eine Fehl­ge­burt. Einfach so. Auch wenn damit nicht explizit eine kriti­sche Refle­xion der Präna­tal­dia­gnostik verbunden ist, so wird doch ange­deutet, dass das „Wissen“, das diese Tests gene­rieren, nicht wirk­lich geeignet ist, um sich auf das vorzu­be­reiten, was die Zukunft bringt.

 

In der Schweiz tritt die Inklu­sions Initia­tive für eine konkrete Gleich­stel­lung von Menschen mit Behin­de­rung in der Schweiz ein.

In Berlin findet am 19. September die behin­dert und verrückt Feiern Pride Parade statt.