Philine Bickhardt: 1989 entstand in Belarus eine zivilgesellschaftliche Bewegung. Diese ist sehr eng mit der Tschornobylkatastrophe verknüpft. Irina, ihr habt damals trotz staatlicher Repressionen und in Eigenorganisation 660.000 Kindern Auslandsaufenthalte zur Heilung und Gesundung ermöglicht. Ich habe ein interessantes Zitat in einem Interview mit dir 1991 in der TAZ gefunden, wo dir die Frage gestellt wurde, wie du zur Organisation gekommen bist. Die Politik sei eine „schmutzige Sache“, hast du geantwortet, und weiter: „Vor einem Jahr hatte ich noch nicht begriffen, dass man politisch werden muss, wenn man die Leute retten will.“ Was ist da also mit dir passiert? Warum bist du zivilgesellschaftlich aktiv geworden?
Irina Gruschewaja: Man muss sich vorstellen, in welchem Land wir gelebt haben, weil die Jahre vergehen und viele Menschen vergessen, was die Sowjetunion war. Dieses riesengroße Imperium mit 15 Republiken, die jetzt teilweise zu unabhängigen Staaten geworden sind. Das heißt, mehr oder weniger frei geworden sind. Jeder Staat macht seine Geschichte durch. Wir waren damals eine Gemeinschaft von sogenannten Sowjetmenschen. Das war eine besondere Gemeinschaft, wurde uns immer suggeriert. Wir waren angeblich die Besten in der Welt. Wir haben erst nach Perestrojka, nach dieser Wende verstanden, in welche Sackgasse wir geraten waren. Und das passierte nicht zuletzt dank Tschornobyl, wie makaber das auch klingen mag. Tschornobyl war der Moment, wo die Menschen plötzlich aufgewacht waren und verstanden, dass sie dieser unsichtbaren Gefahr der Radioaktivität als ,glückliche‘ Bürger eines ,glücklichen‘ Landes grausam ausgeliefert worden waren. Denn plötzlich, 1986 passierte etwas, was unser Leben in zwei Teile teilte.
Philine Bickhardt: Was unterscheidet das Davor vom Danach?

Tschornobylmarsch, 26. April 1996, Minsk (Privatarchiv).
Irina Gruschewaja: Vor Tschornobyl waren wir ,glücklich‘, blind und taub kann man heute sagen. In unserer Blindheit und in unserer Taubheit haben wir uns kaum Gedanken gemacht, wie die Welt funktioniert, was in der Welt tatsächlich passiert, wie die Menschen leben, auch die Menschen in der Nachbarschaft. Wir waren, wie wir heute sagen würden, eine atomisierte Gesellschaft. Das heißt, wie kleine Atome, direkt der großen Macht des Imperiums ausgesetzt. Die kleinen Atome, die nichts anrichten können, die nicht fähig sind, die einfach leben und hier und da Instrumente der staatlichen Propaganda sind; der Mensch – ein Schräubchen im System. Stört der Mensch das System? Raus. In die Psychiatrie oder als Dissident ausgesiedelt, so wie wir es heute erleben, dass viele belarusische Dissidenten einfach aus dem Land vertrieben werden.
Das ist der Hintergrund, den muss man unbedingt berücksichtigen, wenn wir über Tschornobyl sprechen. Denn vielen meiner Landsleute war einfach nicht bewusst, dass sie ein Schräubchen dieses Systems sind. Tschornobyl hat das verändert. Ich wurde neulich von einer Reporterin gefragt, warum begann eigentlich 1989 eure Bewegung, die Tschornobyl-Bewegung. Warum nicht mit der Perestroika, als zeitgleich die Katastrophe passierte? Und ich habe mich auch gefragt: Stimmt, warum eigentlich? Denn die Perestrojka wurde von Gorbatschow 1986 ausgerufen, der Sozialismus mit menschlichem Antlitz. Davor war es wohl ein Sozialismus mit einer Fratze. Zu diesem Zeitpunkt war aber diese Veränderung in Belarus noch gar nicht angekommen.
In Belarus kam die Veränderung mit der Entstehung der Volksfront. Viele, wenn ich im Westen darüber spreche, sagen, das würde wie die Nationalfront in Frankreich klingen. Nein, Front deshalb, weil frontal, also alle; Volk, weil das ganze Volk. Ähnlich wie damals in Leipzig im Jahr 1989: „Wir sind das Volk“. Aus der Bewegung entstand bei uns die gleichnamige Partei Volksfront. Aber damals war das eine breite, demokratieanstrebende Bewegung. Diese Bewegung, die sich 1989 nicht nur nach der Perestrojka, sondern vor allem rund um Tschornobyl gegründet hat, setzte sich für die nationale Identität ein, dafür dass die Menschen sich plötzlich nicht mehr als Sowjetmenschen, sondern als Belarusen empfanden. Sie wollten ihr Land, ihre Geschichte kennenlernen und nicht die imperiale Geschichte des großen Russlands. Das war auch ein sehr wichtiger Punkt in der Bewegung. Es war schließlich kein Zufall, dass sich die Volksfrontbewegung „Adradženne“, dt. Wiedergeburt, nannte. Die Menschen wollten sich als Bürgerinnen und Bürger erkennen. Dieser Gedanke kam mit seiner ganzen Mächtigkeit im Jahr 2020 wieder.
Philine Bickhardt: Ina, fast genau 10 Jahre nach Tschornobyl – am 22. April 1996 – wurde eine der wichtigsten belarusischen Menschenrechtsorganisation Viasna (dt. Frühling) gegründet. Hat auch diese Gründung mit Tschornobyl zu tun?

Tschornobylmarsch, 26. April 1996, Minsk (Privatarchiv).
Ina Rumiantseva: Ja, es hat sehr viel mit diesem, damals zehnjährigen Jubiläum von Tschornobyl zu tun, aber es kamen noch andere Entwicklungen hinzu. Wir haben das Frühjahr 1996, Lukaschenka ist das zweite Jahr an der Macht und hat im Jahr zuvor, am 14. Mai 1995 das erste verfassungswidrige Referendum durchgeführt, in dem er drei Dinge durchgesetzt hat: die Rückkehr zur quasi sowjetischen Flagge (rot-grün), die Wiedereinführung der russischen Sprache als gleichgestellte Amtssprache mit dem Belarusischen und das Recht des Präsidenten, das Parlament aufzulösen. Das war der Beginn des Umbaus zur Diktatur. Wir müssen uns erinnern, Lukaschenka ist demokratisch an die Macht gekommen. Dieses Referendum hat viel Unmut hervorgerufen.
Gleichzeitig liefen Gespräche mit Russland über die Vorläufer des sogenannten Unionsstaates. Am 2. April 1996 – auch dieses Datum ist wichtig – wurde das erste Abkommen zu einer Gemeinschaft zwischen Russland und Belarus unterschrieben. Das hat eine Wahnsinnsempörung bei den Menschen ausgelöst und führte auch unter anderem zu ersten Streiks in verschiedenen Unternehmen im März 1996. Kurz zuvor war am 24. März, also am Vortag des Dzjen Voli, dt. Tag der Freiheit, eine Demonstration, die brutal niedergeschlagen wurde. Am Tag der Freiheit gedenkt man der Gründung der Belarusischen Volksrepublik 1918. Am 2. April dann also die Unterzeichnung des Abkommens mit Russland, am 26. April dann der zweite große Tschornobyl-Marsch.
Mit jeder Aktion stiegen die Teilnehmerzahlen, es kumulierte in diesen (nach 1989) zweiten großen Tschornobyl-Marsch von 1996, wo die Menschen sehr aufgebracht waren gegenüber all dem, was passierte. Dort eskalierte die Gewalt von Staatsseite – das ist wichtig zu betonen! – in einem Ausmaß, wie man es zuletzt 1988 in Belarus erlebt hatte.
Im Übrigen kann man an diesen Ereignissen sehen, wie aktiv jetzt Geschichte umgeschrieben wird: Der Wikipedia-Artikel auf Russisch zu diesem sogenannten Minsker Frühling wurde offensichtlich von Propagandisten gekapert.
Philine Bickhardt: Gab es noch weitere Ereignisse, die zur Gründung von Stiftungen und NGOs führten?
Ina Rumiantseva: Irina hat schon das Ende der Perestrojka-Zeit erwähnt, zu der sich diese Volksfront als Nationalbewegung gegründet hatte, ausgelöst durch verschiedene Erschütterungen. Unter anderem sind damals aus den Archiven Unterlagen über Massenerschießungen des NKWD in einem Wald bei Minsk in Kurapaty aufgetaucht. In den Jahren 1937 bis 1941 wurden dort mehrere Zehntausende bis 250.000 Opfer erschossen. Ich habe mir Geschichten erzählen lassen von jungen Belarusen, die dort aufgewachsen sind; sie sagen, wenn sie auf dem Spielplatz gespielt haben, guckten manchmal die Knochen aus der Erde.
Auch das geheime Zusatzprotokoll vom Hitler-Stalin-Pakt über die Teilung von Belarus kam zu dieser Zeit ans Tageslicht. All das zuvor verbotene Wissen hat eine Erschütterung ausgelöst bei den Menschen. 1988 fand die erste Gedenkaktion in Kurapaty für die erschossenen Opfer statt. Sie wurde damals brutal niedergeschlagen. Zentral an der Aufarbeitung rund um Kurapaty beteiligt waren der Literaturwissenschaftler Ales Bjaljazki, der Oppositionelle Zianon Pazniak und die von ihnen gegründete Belarusische Volksfront (BNF). Der BNF konnte damals 1989 nur in Vilnius gegründet werden, in der BSSR war das nicht möglich. Ales Bjaljazki erlebte das brutale Auftreten des Staates beim Tschornobyl-Marsch von 1996 wie ein Déjà-vu von 1988. Viele dachten: „Das kann doch nicht wahr sein, das kommt jetzt alles wieder zurück.“ Ales Bjaljazki organisierte umgehend Hilfe. Ähnlich wie später im Jahr 2020 sammelte er Adressen und Namen, organisierte Geld und Anwälte, um die Menschen aus den Gefängnissen zu holen. So wurde 1996 Viasna gegründet, als Antwort auf die Repressionen gegen die regimekritischen Demonstrant:innen und Tschornobyl-Märsche.
Irina Gruschewaja: Ales Bjaljazki bekam 2022 für seine wichtige Arbeit – zusammen mit Oleksandra Matviichuk als Vorsitzende des ukrainischen Center for Civil Liberties und Memorial aus Russland – den Friedensnobelpreis. Damals saß er das zweite Mal in Haft. Das erste Mal von 2011 bis 2014.
Philine Bickhardt: Dann bleiben wir bei den Anfängen und Organisationen, denn du, Irina, hast mit deinem Ehemann und Mitstreiter Gennadij Gruschewoj (Henads Hruschawy) eine wichtige Organisation gegründet, das Komitee und dann später die Stiftung Den Kindern von Tschernobyl. Der Philosophieprofessor Gruschewoj ist auch mit einem Monolog in das Buch Tschernobyl-Gebet von Swetlana Alexijewitsch eingegangen. Wie kam euch die Idee, diese Organisation zu gründen? Gab es ein Gespräch, einen Anlass? Und auf welche Hilfsbereitschaft seid ihr gestoßen, mit welchen Repressionen musstet ihr umgehen?
Irina Gruschewaja: Es braucht immer ein paar Menschen, die zusammenkommen und sagen: Wir müssen etwas tun. Diese Idee ist im Kopf meines Mannes auf dem Sofa entstanden, wo er mutlos und verzweifelt nach vielen Attacken der damaligen sowjetischen Macht lag.
Philine Bickhardt: Im Buch von Swetlana Alexijewitsch berichtet er, dass euch gemeinsam die Idee kam.
Irina Gruschewaja: Er war frustriert. Er lag einfach auf dem Sofa und machte nichts, während ich, die Frau, Mutter von zwei Kindern, den ganzen Haushalt schmeißen musste. Ich konnte es nicht verstehen. Ein Mensch voller Kraft, 35 Jahre alt, liegt einfach auf dem Sofa und liest und liest und sagt nichts. Was soll das? Letztendlich trat er der Volksfront bei, weil sich da etwas bewegte, also sich dort der Wunsch nach der Demokratie formierte. Doch wir wussten gar nicht, was das ist, wie man das lebt, die Demokratie. Wir wussten damals nicht, dass mit seinen Gedanken die Demokratie in unser Haus kam. Auch zu mir, zur Hausfrau.
Philine Bickhardt: Nun ja, du hast gleichzeitig an der Universität unterrichtet und deine Doktorarbeit geschrieben.
Irina Gruschewaja: Ja, Doktorarbeit schreiben und alles Mögliche. Die sowjetische Frau musste alles schaffen (lacht). Spaß bei Seite: Es war sein Gedanke, endlich etwas zu tun! Heute weiß ich, das bedeutete Hoffnung, denn etwas zu tun, das heißt Hoffnung haben. Seine ersten Reisen in die verseuchten Gebiete, die dokumentierten Interviews auf der allerersten Kundgebung in Minsk, wo wir die Stimmen der Menschen gehört haben … Auf den Aufnahmen erzählen Frauen aus der kontaminierten Zone, dass ihre Hände, mit denen sie die Äpfel in der Fabrik sortierten, plötzlich mit Ekzemen bedeckt waren. So erinnerte sich Maria Borzowa, dass sie keine unverstrahlte Nahrung hatte, aber ihrem Kind etwas zu essen geben musste. Sie gab dem Kind verseuchte Milch, obwohl sie wusste, dass sie verseucht ist, aber sie hatte ja nichts anderes. Mit den Worten „Ich schaue weg und weine“ beendete sie ihre Erzählung. Das haben wir alles gehört, bei dieser Kundgebung.
Philine Bickhardt: Das war schon vor dem Tschornobyl-Marsch im Herbst 1989?
Irina Gruschewaja: Ja, im Sommer 1989, am 24. Juli war diese Kundgebung mitten in der Stadt, gegenüber vom Planeta-Hotel, in Minsk. Nach dieser Kundgebung war mein Mann entschlossen: Wir müssen etwas für die Menschen aus diesen Gebieten tun. Wie? Wo? Was? Wir organisieren einen Tschornobyl-Weg (bel. Čarnobyl’ski šljach) inspiriert vom Format des Fußmarsches des Prager Frühlings. Er hatte bereits in den Monaten zuvor ein kleines Komitee im Rahmen der Volksfront mit dem Namen Kinder von Tschernobyl gegründet. Erst ein Jahr später wurde aus diesem Komitee die Stiftung Den Kindern von Tschernobyl, wobei wir als Stiftung – das wussten wir damals gar nicht – Stiftungskapital haben mussten. Wir waren romantisch. Wir meinten, wir sind doch selbst Kapital. Mit unseren Händen, mit unserer Zeit, mit unserer Kraft. Und als Lukaschenka an die Macht kam, hat er verboten, dass wir uns Stiftung nennen.
1990 wurde Gennadij Gruschewoj ins Parlament gewählt. Mit großen Schwierigkeiten: Verleumdungen und verbalen Angriffen. Es war ein Wunder. Fünf Menschen, Menschen von der Volksfront wurden damals ins Parlament gewählt. Aus dieser Position heraus konnte er nach Norwegen, Kanada und in andere Länder fliegen und dort über das, was bei uns immer noch geheim gehalten wurde, berichten.
Denn Tschornobyl hat die Menschen wachgerüttelt. Plötzlich haben sie, drei Jahre nach Tschornobyl, begriffen und ausgesprochen, wie stark sie betroffen waren: dass sie plötzlich keine Kraft mehr haben, dass sie sich nach dem Krieg nicht so gefühlt hätten wie jetzt nach Tschornobyl. Aber sie wussten nicht, was mit ihnen passiert war. Niemand hatte es ihnen gesagt.
Philine Bickhardt: Warum war der Tschornobyl-Marsch im Herbst 1989, am 30. September?
Irina Gruschewaja: Weil in dieser Zeit, nach dem Sommer 1989, jeder Tag eine neue Erkenntnis war. Es entstand ein neues Bewusstsein darüber, wie wir betrogen wurden. Der erste Tschornobyl-Marsch war kein Marsch des Gedenkens an die Opfer, sondern vor allem ein politischer Protesttag.
Belarus und Tschornobyl, das gehört für ewig zusammen. Wir sprechen nicht über Belarus nach Tschornobyl. Wir sprechen seither immer über Belarus mit Tschornobyl. Mit dieser unsichtbaren Strahlung, von der Swetlana Alexijewitsch bei ihrer Rede am 6. Mai in der Aula der Universität Zürich gesprochen hat. Aufgrund der phsyikalischen Unsichtbarkeit waren die Folgen in den ersten Tagen und Wochen für die Menschen nicht zu sehen … Da braucht man die Bemühungen von vielen Wissenschaftlern, die das einordnen können. Doch die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen durften und dürfen es nicht mehr in Belarus. Vier Jahre nach der Wende, vier Jahre bis 1994, bis Lukaschenka an die Macht kam, konnten wir wissenschaftliche Kongresse durchführen. Doch die Wissenschaftler:innen sind jetzt alle leider tot, auch durch Tschornobyl. In unserem Vorstand, unserer Gruppe, sind 50 Menschen tot, im Alter von 32 bis 60 Jahren, ganz frühzeitig aus dem Leben gegangen. Nur durch Tschornobyl, das ist eine Beute dieser unsichtbaren Energie, die uns versprach, Wärme, Licht, Gesundheit ins Haus zu bringen, uns aber Tod, Leid, Zerstörung und Perspektivlosigkeit gebracht hatte. Unsichtbar.
Tschornobyl war wirklich ein Katalysator von einer unbeschreiblichen Energie, sowohl in Belarus für die Menschen, die sich engagiert haben, als auch für die Menschen im Ausland. Du hast gefragt, auf welche Bereitschaft wir gestoßen sind. Eine enorme Bereitschaft. Wir können sagen, Tschornobyl ist an und für sich Leid, Tod, Verwüstung. Zugleich hat Tschornobyl die beste Seite des Menschen gezeigt. Plötzlich haben sich die Menschen engagiert für fremde Kinder, die irgendwo in Not geraten sind. Der gemeinsame Einsatz für die Kinder wurde zur ,Brücke‘ zwischen zwei einst verfeindeten Ländern, nicht nur zur Sowjetzeit, sondern besonders vor dem Hintergrund der deutschen Verbrechen gegen die belarusische Zivilbevölkerung während des Zweiten Weltkriegs.
Daraus entstand also eine supranationale Bewegung, sogar mehr, ein Zivilisationsprozess.
Philine Bickhardt: Wenn wir uns die heutige Situation anschauen, dann steht sie in eklatantem Gegensatz zu dem, was du, Irina, gerade beschrieben hast. Ina, du bist Vorsitzende der Organisation Taskforce Belarus, die den gleichen Gründungstag, nämlich den 20. November, wie Irinas Organisation hat, doch in einem ganz anderen Jahr, nämlich 2024. Die Handlungsspielräume, die sich Organisationen in Belarus zuvor erkämpfen konnten, sind seit 2020 strukturell und in jeder Ausprägung unmöglich geworden. Es ist ein Bruch. Wie würdest du den beschreiben?
Ina Rumiantseva: Die gefälschten Präsidentschaftswahlen 2020 sind ein zivilisatorischer Bruch gewesen. Im Laufe des letzten Jahres – ich greife jetzt mal ein bisschen vor – sind viele führende Oppositionelle, die bis dahin in Haft waren, freigekommen. Ich habe viele getroffen, mit vielen gesprochen. Und wir stellen allen die Frage: Was war das? Wusstet ihr nicht, was da auf euch zukommt? Wart ihr so naiv? Und viele haben mir dann erklärt, dass sie von der historischen Erfahrung vor knapp 30 Jahren ausgegangen sind. Man wusste, dass man als Präsidentschaftskandidat Gefahr läuft, inhaftiert zu werden. Für ein paar Monate, höchstens ein paar Monate, aber dann ist auch wieder gut. Diese Wellen gab es immer wieder: Die Zügel werden angezogen vor der Wahl, aber nach der Wahl normalisiert es sich dann allmählich. Das hatte man auch in diesem Jahr gedacht, und es war tatsächlich niemand vorbereitet auf dieses Ausmaß an Gewalt.
Wir müssen auch sehen, dass der Kreml hinter der Niederschlagung stand. Das war das entscheidende Element, der Unterschied. Wenn ich gefragt werde, warum ich als Deutsche 2020 aktiv geworden bin, dann gehe ich oft zurück zu meiner Erfahrung von 1989. Das habe ich sehr bewusst mitbekommen, den Mauerfall in der DDR, meine Eltern. Sie waren sehr aktiv in diesem Wendeherbst 1989. Ich kann mich sehr gut an die Angst erinnern, es könne sich bei uns das chinesische Szenario entwickeln, vom Tian’anmen-Platz 1989. Doch es hat sich zum Guten gewendet. Ich fasse das auf die kurze Formel: Wir hatten damals Gorbatschow im Kreml und nicht Putin. Wir hatten 2020 Putin im Kreml, der Lukaschenka gestützt hat. Und dann, anderthalb Jahre später, im Februar 2022, der Großangriff auf die Ukraine. Wir müssen den Bogen größer spannen, denn dieser Krieg – das ist mir jetzt erst in voller Tragweite bewusst geworden – ist ermöglicht worden durch die Ereignisse von 2020 in Belarus. Viktor Babarika, der damalige Präsidentschaftskandidat, hat es auf die Formel gebracht: 2022 war die Quittung für 2020. Und das bedeutet, dass sich Lukaschenka 2020 in eine Schuld bei Putin begeben hat, die dieser 2022 eingelöst und Belarus als Aufmarschgebiet verwendet hat.
Wir hatten in Europa nicht im Blick, wie entscheidend 2020 war. Wie wichtig Belarus für Europa ist, für seine Sicherheitspolitik, das können wir nicht auf ‚irgendwann mal‘ verschieben. Sondern mit jedem Tag sichert sich Russland mehr Zugriff und Kontrolle. Das ist eine Katastrophe für Belarus, dessen Fortbestehen gefährdet ist. Und das ist eine riesige Sicherheitsfrage für Europa und ganz existentiell und konkret für die Ukraine.
Was wir im Land gesehen haben, war die komplette Zerstörung: Fast 5000 Menschen, die seit 2020 als politische Gefangene registriert wurden; über 1200 NGOs, die zwangsliquidiert wurden, nochmal über 700, die sich selbst liquidiert haben, aber auch das unter Druck. Das heißt, in wenigen Jahren sind knapp 2000 NGOs verschwunden in so einem kleinen Land. Da ist ein nicht wieder gut zu machender Schaden entstanden, weil gerade der NGO-Sektor viele Aufgaben, die bei uns der Staat übernimmt, übernommen hat. Sei es für Menschen mit Behinderung, für sozial Schwache, gegen häusliche Gewalt, für Umweltschutz und öffentliche Bildung – all das ist getragen worden von diesen Organisationen. Jetzt wird versucht, diese Arbeit durch sogenannte GONGOs, das sind staatlich kontrollierte NGOs, zu imitieren.
Interessant finde ich, wie ihr, Irina trotz Repressionen gearbeitet habt. Ich glaube, das ist ein Phänomen, das euch von zivilgesellschaftlichen Strukturen bei uns etwa in Deutschland unterscheidet, die nach vorgegebenen Regeln organisiert sind und als eingetragene Vereine funktionieren. Euch war immer die Vernetzung wichtig. Weil ihr früh verstanden habt: Wenn ein Knoten aus dem Netz gerissen wird – ihr wart ja vom Geheimdienst durchsetzt –, dann werden die Ressourcen und die Möglichkeiten auf die anderen im Netz übertragen. Das haben wir auch 2020 wieder gesehen mit den sogenannten Hofchats, diese horizontale Vernetzung, die eine Zeit lang immer noch was auffangen kann. Damit wart ihr extrem stark und habt im Übrigen einer These widersprochen, dass es in autoritären Staaten eigentlich keine Zivilgesellschaft geben kann.
Irina Gruschewaja: Wir hatten Tricks, aber der Staat wurde immer brutaler. Heute müssen wir sagen, dass die Zivilgesellschaft in Belarus tot ist. Das sind nur noch einzelne Bürger, die denken und schweigen. Sie sind da. Es ist Hoffnung da, aber sie sind gelähmt. Sie können nicht wirklich agieren, können nichts machen. Wir hatten damals noch viele Räume, viele Nischen. 1997 war ich mit meinem Mann im ersten Exil. Wir wurden vom KGB verfolgt und sollten festgenommen werden. Wir konnten aber schnell nach Luxemburg verschwinden. Ein Jahr haben wir gekämpft gegen die Beschuldigungen und konnten zurückkehren. Das war damals noch möglich, 1997 unter Lukaschenka. Aber wir hatten so viele Freunde in der ganzen Welt; Parteien, UNO, Europaparlament, die internationale zivile Gesellschaft – alle zusammen haben erreicht, dass wir freigesprochen wurden und wir wieder nach Hause konnten.
Ina Rumiantseva: Zugleich finde ich interessant, dass Belarus heute – trotz der humanitären Katastrophe – keine komplett verbrannte Erde ist. Es gibt im Untergrund einige Strukturen, was mich außerordentlich überrascht hat. Am 28. April hat es Polen geschafft, den für sie wichtigsten politischen Gefangenen freizubekommen. Andrzej Poczobut wurde in einer riesigen Geheimaktion mit der Beteiligung von sieben Staaten gegen einige Spione ausgetauscht. Andżelika Borys, enge Freundin und Vorsitzende der Union der Polen, hat als erste Andrzej Poczobut nach der Freilassung getroffen, sich drei Stunden mit ihm unterhalten, und er hat gefragt, wie es denn der Union der Polen in Belarus gehe? Sie sagte: Wir existieren immer noch. Wir haben 20.000 Mitglieder. Ja, alles auf Sparflamme, aber wir sind gerade die größte NGO in Belarus, und Gott sei Dank, es gibt uns noch. Das ist sehr wertvoll, dass es da diese wenigen Strukturen noch gibt, die jetzt unter unglaublich erschwerten Bedingungen arbeiten.
Jeden Tag droht Verhaftung und Verurteilung. Am 8. Mai wurde wieder ein Aktivist zu zehn Jahren Lagerhaft verurteilt. Auch wenn es in der Presse nicht mehr so ankommt, das setzt sich immer weiter fort. Mein Anliegen und mein Aufruf lautet: Europa muss handeln. Es reicht nicht mehr, nur anzuklagen. Wir dürfen Belarus nicht Russland überlassen, und auch nicht den USA.