Seit 2020 sind knapp 2000 NGOs in Belarus liquidiert worden. Auch weltweit wird zivilgesellschaftliches Engagement von autokratischer und illiberaler Politik diskreditiert und unterdrückt. Ina Rumiantseva, Gründerin und Vorsitzende von Belarus Taskforce e.V. (2024) und Irina Gruschewaja, Co-Gründerin der Organisation Den Kindern von Tschernobyl (1989) im Gespräch mit Philine Bickhardt.

  • Irina Gruschewaja

    Irina Gruschewaja ist eine belarussische Bürgerrechtlerin und Germanistikprofessorin, die 1989 die Stiftung Den Kindern von Tschernobyl mitgründete. Für ihr jahrzehntelanges Engagement erhielt sie 2011 den Preis Frauen Europas. Seit 2011 lebt sie im zweiten Exil in Berlin, wo sie als Präsidentin die Internationale Assoziation für humanitäre Zusammenarbeit leitet.
  • Ina Rumiantseva

    Ina Rumiantseva engagiert sich seit 2020 bei RAZAM e.V. für Betroffene des Lukaschenka-Regimes. Als Gründerin und Vorsitzende der Taskforce Belarus setzt sie sich für die Freilassung politischer Gefangener ein und schafft internationale Aufmerksamkeit für deren Lage. Für dieses Engagement wurde sie 2026 mit dem Preis Frauen Europas ausgezeichnet. In ihrem Artikel „Raus aus der Sackgasse“ (Osteuropa, 2025) plädiert sie für eine neue europäische Belarus-Politik.
  • Philine Bickhardt

    Philine Bickhardt ist wissenschaftliche Assistentin am Slavischen Seminar der Universität Zürich. Sie hat Slavistik und Sozialwissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin, in Sankt Petersburg und Belgrad studiert, zwei Jahre als Freiwillige bei der Menschenrechtsorganisation „Memorial“ gearbeitet sowie als Webredakteurin bei www.novinki.de.

Philine Bick­hardt: 1989 entstand in Belarus eine zivil­ge­sell­schaft­liche Bewe­gung. Diese ist sehr eng mit der Tschor­no­byl­ka­ta­strophe verknüpft. Irina, ihr habt damals trotz staat­li­cher Repres­sionen und in Eigen­or­ga­ni­sa­tion 660.000 Kindern Auslands­auf­ent­halte zur Heilung und Gesun­dung ermög­licht. Ich habe ein inter­es­santes Zitat in einem Inter­view mit dir 1991 in der TAZ gefunden, wo dir die Frage gestellt wurde, wie du zur Orga­ni­sa­tion gekommen bist. Die Politik sei eine „schmut­zige Sache“, hast du geant­wortet, und weiter: „Vor einem Jahr hatte ich noch nicht begriffen, dass man poli­tisch werden muss, wenn man die Leute retten will.“ Was ist da also mit dir passiert? Warum bist du zivil­ge­sell­schaft­lich aktiv geworden?

Irina Grusche­waja: Man muss sich vorstellen, in welchem Land wir gelebt haben, weil die Jahre vergehen und viele Menschen vergessen, was die Sowjet­union war. Dieses riesen­große Impe­rium mit 15 Repu­bliken, die jetzt teil­weise zu unab­hän­gigen Staaten geworden sind. Das heißt, mehr oder weniger frei geworden sind. Jeder Staat macht seine Geschichte durch. Wir waren damals eine Gemein­schaft von soge­nannten Sowjet­men­schen. Das war eine beson­dere Gemein­schaft, wurde uns immer sugge­riert. Wir waren angeb­lich die Besten in der Welt. Wir haben erst nach Pere­strojka, nach dieser Wende verstanden, in welche Sack­gasse wir geraten waren. Und das passierte nicht zuletzt dank Tschor­nobyl, wie makaber das auch klingen mag. Tschor­nobyl war der Moment, wo die Menschen plötz­lich aufge­wacht waren und verstanden, dass sie dieser unsicht­baren Gefahr der Radio­ak­ti­vität als ,glück­liche‘ Bürger eines ,glück­li­chen‘ Landes grausam ausge­lie­fert worden waren. Denn plötz­lich, 1986 passierte etwas, was unser Leben in zwei Teile teilte.

Philine Bick­hardt: Was unter­scheidet das Davor vom Danach?

Tschor­no­byl­marsch, 26. April 1996, Minsk (Privat­ar­chiv).

Irina Grusche­waja: Vor Tschor­nobyl waren wir ,glück­lich‘, blind und taub kann man heute sagen. In unserer Blind­heit und in unserer Taub­heit haben wir uns kaum Gedanken gemacht, wie die Welt funk­tio­niert, was in der Welt tatsäch­lich passiert, wie die Menschen leben, auch die Menschen in der Nach­bar­schaft. Wir waren, wie wir heute sagen würden, eine atomi­sierte Gesell­schaft. Das heißt, wie kleine Atome, direkt der großen Macht des Impe­riums ausge­setzt. Die kleinen Atome, die nichts anrichten können, die nicht fähig sind, die einfach leben und hier und da Instru­mente der staat­li­chen Propa­ganda sind; der Mensch – ein Schräub­chen im System. Stört der Mensch das System? Raus. In die Psych­ia­trie oder als Dissi­dent ausge­sie­delt, so wie wir es heute erleben, dass viele bela­ru­si­sche Dissi­denten einfach aus dem Land vertrieben werden.

Das ist der Hinter­grund, den muss man unbe­dingt berück­sich­tigen, wenn wir über Tschor­nobyl spre­chen. Denn vielen meiner Lands­leute war einfach nicht bewusst, dass sie ein Schräub­chen dieses Systems sind. Tschor­nobyl hat das verän­dert. Ich wurde neulich von einer Repor­terin gefragt, warum begann eigent­lich 1989 eure Bewe­gung, die Tschornobyl-Bewegung. Warum nicht mit der Pere­stroika, als zeit­gleich die Kata­strophe passierte? Und ich habe mich auch gefragt: Stimmt, warum eigent­lich? Denn die Pere­strojka wurde von Gorbat­schow 1986 ausge­rufen, der Sozia­lismus mit mensch­li­chem Antlitz. Davor war es wohl ein Sozia­lismus mit einer Fratze. Zu diesem Zeit­punkt war aber diese Verän­de­rung in Belarus noch gar nicht angekommen.

In Belarus kam die Verän­de­rung mit der Entste­hung der Volks­front. Viele, wenn ich im Westen darüber spreche, sagen, das würde wie die Natio­nal­front in Frank­reich klingen. Nein, Front deshalb, weil frontal, also alle; Volk, weil das ganze Volk. Ähnlich wie damals in Leipzig im Jahr 1989: „Wir sind das Volk“. Aus der Bewe­gung entstand bei uns die gleich­na­mige Partei Volks­front. Aber damals war das eine breite, demo­kra­tie­an­stre­bende Bewe­gung. Diese Bewe­gung, die sich 1989 nicht nur nach der Pere­strojka, sondern vor allem rund um Tschor­nobyl gegründet hat, setzte sich für die natio­nale Iden­tität ein, dafür dass die Menschen sich plötz­lich nicht mehr als Sowjet­men­schen, sondern als Bela­rusen empfanden. Sie wollten ihr Land, ihre Geschichte kennen­lernen und nicht die impe­riale Geschichte des großen Russ­lands. Das war auch ein sehr wich­tiger Punkt in der Bewe­gung. Es war schließ­lich kein Zufall, dass sich die Volks­front­be­we­gung „Adra­dženne“, dt. Wieder­ge­burt, nannte. Die Menschen wollten sich als Bürge­rinnen und Bürger erkennen. Dieser Gedanke kam mit seiner ganzen Mäch­tig­keit im Jahr 2020 wieder.

Philine Bick­hardt: Ina, fast genau 10 Jahre nach Tschor­nobyl – am 22. April 1996 – wurde eine der wich­tigsten bela­ru­si­schen Menschen­rechts­or­ga­ni­sa­tion Viasna (dt. Früh­ling) gegründet. Hat auch diese Grün­dung mit Tschor­nobyl zu tun?

Tschor­no­byl­marsch, 26. April 1996, Minsk (Privat­ar­chiv).

Ina Rumi­antseva: Ja, es hat sehr viel mit diesem, damals zehn­jäh­rigen Jubi­läum von Tschor­nobyl zu tun, aber es kamen noch andere Entwick­lungen hinzu. Wir haben das Früh­jahr 1996, Lukaschenka ist das zweite Jahr an der Macht und hat im Jahr zuvor, am 14. Mai 1995 das erste verfas­sungs­wid­rige Refe­rendum durch­ge­führt, in dem er drei Dinge durch­ge­setzt hat: die Rück­kehr zur quasi sowje­ti­schen Flagge (rot-grün), die Wieder­ein­füh­rung der russi­schen Sprache als gleich­ge­stellte Amts­sprache mit dem Bela­ru­si­schen und das Recht des Präsi­denten, das Parla­ment aufzu­lösen. Das war der Beginn des Umbaus zur Diktatur. Wir müssen uns erin­nern, Lukaschenka ist demo­kra­tisch an die Macht gekommen. Dieses Refe­rendum hat viel Unmut hervorgerufen.

Gleich­zeitig liefen Gespräche mit Russ­land über die Vorläufer des soge­nannten Unions­staates. Am 2. April 1996 – auch dieses Datum ist wichtig – wurde das erste Abkommen zu einer Gemein­schaft zwischen Russ­land und Belarus unter­schrieben. Das hat eine Wahn­sinns­em­pö­rung bei den Menschen ausge­löst und führte auch unter anderem zu ersten Streiks in verschie­denen Unter­nehmen im März 1996. Kurz zuvor war am 24. März, also am Vortag des Dzjen Voli, dt. Tag der Frei­heit, eine Demons­tra­tion, die brutal nieder­ge­schlagen wurde. Am Tag der Frei­heit gedenkt man der Grün­dung der Bela­ru­si­schen Volks­re­pu­blik 1918. Am 2. April dann also die Unter­zeich­nung des Abkom­mens mit Russ­land, am 26. April dann der zweite große Tschornobyl-Marsch.

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Mit jeder Aktion stiegen die Teil­neh­mer­zahlen, es kumu­lierte in diesen (nach 1989) zweiten großen Tschornobyl-Marsch von 1996, wo die Menschen sehr aufge­bracht waren gegen­über all dem, was passierte. Dort eska­lierte die Gewalt von Staats­seite – das ist wichtig zu betonen! – in einem Ausmaß, wie man es zuletzt 1988 in Belarus erlebt hatte.

Im Übrigen kann man an diesen Ereig­nissen sehen, wie aktiv jetzt Geschichte umge­schrieben wird: Der Wikipedia-Artikel auf Russisch zu diesem soge­nannten Minsker Früh­ling wurde offen­sicht­lich von Propa­gan­disten gekapert.

Philine Bick­hardt: Gab es noch weitere Ereig­nisse, die zur Grün­dung von Stif­tungen und NGOs führten?

Ina Rumi­antseva: Irina hat schon das Ende der Perestrojka-Zeit erwähnt, zu der sich diese Volks­front als Natio­nal­be­we­gung gegründet hatte, ausge­löst durch verschie­dene Erschüt­te­rungen. Unter anderem sind damals aus den Archiven Unter­lagen über Massen­er­schie­ßungen des NKWD in einem Wald bei Minsk in Kura­paty aufge­taucht. In den Jahren 1937 bis 1941 wurden dort mehrere Zehn­tau­sende bis 250.000 Opfer erschossen. Ich habe mir Geschichten erzählen lassen von jungen Bela­rusen, die dort aufge­wachsen sind; sie sagen, wenn sie auf dem Spiel­platz gespielt haben, guckten manchmal die Knochen aus der Erde.

Auch das geheime Zusatz­pro­to­koll vom Hitler-Stalin-Pakt über die Teilung von Belarus kam zu dieser Zeit ans Tages­licht. All das zuvor verbo­tene Wissen hat eine Erschüt­te­rung ausge­löst bei den Menschen. 1988 fand die erste Gedenk­ak­tion in Kura­paty für die erschos­senen Opfer statt. Sie wurde damals brutal nieder­ge­schlagen. Zentral an der Aufar­bei­tung rund um Kura­paty betei­ligt waren der Lite­ra­tur­wis­sen­schaftler Ales Bjal­jazki, der Oppo­si­tio­nelle Zianon Pazniak und die von ihnen gegrün­dete Bela­ru­si­sche Volks­front (BNF). Der BNF konnte damals 1989 nur in Vilnius gegründet werden, in der BSSR war das nicht möglich. Ales Bjal­jazki erlebte das brutale Auftreten des Staates beim Tschornobyl-Marsch von 1996 wie ein Déjà-vu von 1988. Viele dachten: „Das kann doch nicht wahr sein, das kommt jetzt alles wieder zurück.“ Ales Bjal­jazki orga­ni­sierte umge­hend Hilfe. Ähnlich wie später im Jahr 2020 sammelte er Adressen und Namen, orga­ni­sierte Geld und Anwälte, um die Menschen aus den Gefäng­nissen zu holen. So wurde 1996 Viasna gegründet, als Antwort auf die Repres­sionen gegen die regime­kri­ti­schen Demonstrant:innen und Tschornobyl-Märsche.

Irina Grusche­waja: Ales Bjal­jazki bekam 2022 für seine wich­tige Arbeit – zusammen mit Olek­sandra Matvi­i­chuk als Vorsit­zende des ukrai­ni­schen Center for Civil Liber­ties und Memo­rial aus Russ­land – den Frie­dens­no­bel­preis. Damals saß er das zweite Mal in Haft. Das erste Mal von 2011 bis 2014.

Philine Bick­hardt: Dann bleiben wir bei den Anfängen und Orga­ni­sa­tionen, denn du, Irina, hast mit deinem Ehemann und Mitstreiter Gennadij Gruschewoj (Henads Hruschawy) eine wich­tige Orga­ni­sa­tion gegründet, das Komitee und dann später die Stif­tung Den Kindern von Tscher­nobyl. Der Philo­so­phie­pro­fessor Gruschewoj ist auch mit einem Monolog in das Buch Tschernobyl-Gebet von Swet­lana Alexi­je­witsch einge­gangen. Wie kam euch die Idee, diese Orga­ni­sa­tion zu gründen? Gab es ein Gespräch, einen Anlass? Und auf welche Hilfs­be­reit­schaft seid ihr gestoßen, mit welchen Repres­sionen musstet ihr umgehen? 

Irina Grusche­waja: Es braucht immer ein paar Menschen, die zusam­men­kommen und sagen: Wir müssen etwas tun. Diese Idee ist im Kopf meines Mannes auf dem Sofa entstanden, wo er mutlos und verzwei­felt nach vielen Atta­cken der dama­ligen sowje­ti­schen Macht lag.

Philine Bick­hardt: Im Buch von Swet­lana Alexi­je­witsch berichtet er, dass euch gemeinsam die Idee kam.

Irina Grusche­waja: Er war frus­triert. Er lag einfach auf dem Sofa und machte nichts, während ich, die Frau, Mutter von zwei Kindern, den ganzen Haus­halt schmeißen musste. Ich konnte es nicht verstehen. Ein Mensch voller Kraft, 35 Jahre alt, liegt einfach auf dem Sofa und liest und liest und sagt nichts. Was soll das? Letzt­end­lich trat er der Volks­front bei, weil sich da etwas bewegte, also sich dort der Wunsch nach der Demo­kratie formierte. Doch wir wussten gar nicht, was das ist, wie man das lebt, die Demo­kratie. Wir wussten damals nicht, dass mit seinen Gedanken die Demo­kratie in unser Haus kam. Auch zu mir, zur Hausfrau.

Philine Bick­hardt: Nun ja, du hast gleich­zeitig an der Univer­sität unter­richtet und deine Doktor­ar­beit geschrieben.

Irina Grusche­waja: Ja, Doktor­ar­beit schreiben und alles Mögliche. Die sowje­ti­sche Frau musste alles schaffen (lacht). Spaß bei Seite: Es war sein Gedanke, endlich etwas zu tun! Heute weiß ich, das bedeu­tete Hoff­nung, denn etwas zu tun, das heißt Hoff­nung haben. Seine ersten Reisen in die verseuchten Gebiete, die doku­men­tierten Inter­views auf der aller­ersten Kund­ge­bung in Minsk, wo wir die Stimmen der Menschen gehört haben … Auf den Aufnahmen erzählen Frauen aus der konta­mi­nierten Zone, dass ihre Hände, mit denen sie die Äpfel in der Fabrik sortierten, plötz­lich mit Ekzemen bedeckt waren. So erin­nerte sich Maria Borzowa, dass sie keine unver­strahlte Nahrung hatte, aber ihrem Kind etwas zu essen geben musste. Sie gab dem Kind verseuchte Milch, obwohl sie wusste, dass sie verseucht ist, aber sie hatte ja nichts anderes. Mit den Worten „Ich schaue weg und weine“ been­dete sie ihre Erzäh­lung. Das haben wir alles gehört, bei dieser Kundgebung.

Philine Bick­hardt: Das war schon vor dem Tschornobyl-Marsch im Herbst 1989?

Irina Grusche­waja: Ja, im Sommer 1989, am 24. Juli war diese Kund­ge­bung mitten in der Stadt, gegen­über vom Planeta-Hotel, in Minsk. Nach dieser Kund­ge­bung war mein Mann entschlossen: Wir müssen etwas für die Menschen aus diesen Gebieten tun. Wie? Wo? Was? Wir orga­ni­sieren einen Tschornobyl-Weg (bel. Čarnobyl’ski šljach) inspi­riert vom Format des Fußmar­sches des Prager Früh­lings. Er hatte bereits in den Monaten zuvor ein kleines Komitee im Rahmen der Volks­front mit dem Namen Kinder von Tscher­nobyl gegründet. Erst ein Jahr später wurde aus diesem Komitee die Stif­tung Den Kindern von Tscher­nobyl, wobei wir als Stif­tung – das wussten wir damals gar nicht – Stif­tungs­ka­pital haben mussten. Wir waren roman­tisch. Wir meinten, wir sind doch selbst Kapital. Mit unseren Händen, mit unserer Zeit, mit unserer Kraft. Und als Lukaschenka an die Macht kam, hat er verboten, dass wir uns Stif­tung nennen.

1990 wurde Gennadij Gruschewoj ins Parla­ment gewählt. Mit großen Schwie­rig­keiten: Verleum­dungen und verbalen Angriffen. Es war ein Wunder. Fünf Menschen, Menschen von der Volks­front wurden damals ins Parla­ment gewählt. Aus dieser Posi­tion heraus konnte er nach Norwegen, Kanada und in andere Länder fliegen und dort über das, was bei uns immer noch geheim gehalten wurde, berichten.

Denn Tschor­nobyl hat die Menschen wach­ge­rüt­telt. Plötz­lich haben sie, drei Jahre nach Tschor­nobyl, begriffen und ausge­spro­chen, wie stark sie betroffen waren: dass sie plötz­lich keine Kraft mehr haben, dass sie sich nach dem Krieg nicht so gefühlt hätten wie jetzt nach Tschor­nobyl. Aber sie wussten nicht, was mit ihnen passiert war. Niemand hatte es ihnen gesagt.

Philine Bick­hardt: Warum war der Tschornobyl-Marsch im Herbst 1989, am 30. September?

Irina Grusche­waja: Weil in dieser Zeit, nach dem Sommer 1989, jeder Tag eine neue Erkenntnis war. Es entstand ein neues Bewusst­sein darüber, wie wir betrogen wurden. Der erste Tschornobyl-Marsch war kein Marsch des Geden­kens an die Opfer, sondern vor allem ein poli­ti­scher Protesttag.

Belarus und Tschor­nobyl, das gehört für ewig zusammen. Wir spre­chen nicht über Belarus nach Tschor­nobyl. Wir spre­chen seither immer über Belarus mit Tschor­nobyl. Mit dieser unsicht­baren Strah­lung, von der Swet­lana Alexi­je­witsch bei ihrer Rede am 6. Mai in der Aula der Univer­sität Zürich gespro­chen hat. Aufgrund der phsy­ika­li­schen Unsicht­bar­keit waren die Folgen in den ersten Tagen und Wochen für die Menschen nicht zu sehen … Da braucht man die Bemü­hungen von vielen Wissen­schaft­lern, die das einordnen können. Doch die Wissen­schaftler und Wissen­schaft­le­rinnen durften und dürfen es nicht mehr in Belarus. Vier Jahre nach der Wende, vier Jahre bis 1994, bis Lukaschenka an die Macht kam, konnten wir wissen­schaft­liche Kongresse durch­führen. Doch die Wissenschaftler:innen sind jetzt alle leider tot, auch durch Tschor­nobyl. In unserem Vorstand, unserer Gruppe, sind 50 Menschen tot, im Alter von 32 bis 60 Jahren, ganz früh­zeitig aus dem Leben gegangen. Nur durch Tschor­nobyl, das ist eine Beute dieser unsicht­baren Energie, die uns versprach, Wärme, Licht, Gesund­heit ins Haus zu bringen, uns aber Tod, Leid, Zerstö­rung und Perspek­tiv­lo­sig­keit gebracht hatte. Unsichtbar.

Tschor­nobyl war wirk­lich ein Kata­ly­sator von einer unbe­schreib­li­chen Energie, sowohl in Belarus für die Menschen, die sich enga­giert haben, als auch für die Menschen im Ausland. Du hast gefragt, auf welche Bereit­schaft wir gestoßen sind. Eine enorme Bereit­schaft. Wir können sagen, Tschor­nobyl ist an und für sich Leid, Tod, Verwüs­tung. Zugleich hat Tschor­nobyl die beste Seite des Menschen gezeigt. Plötz­lich haben sich die Menschen enga­giert für fremde Kinder, die irgendwo in Not geraten sind. Der gemein­same Einsatz für die Kinder wurde zur ,Brücke‘ zwischen zwei einst verfein­deten Ländern, nicht nur zur Sowjet­zeit, sondern beson­ders vor dem Hinter­grund der deut­schen Verbre­chen gegen die bela­ru­si­sche Zivil­be­völ­ke­rung während des Zweiten Weltkriegs.
Daraus entstand also eine supra­na­tio­nale Bewe­gung, sogar mehr, ein Zivilisationsprozess.

Philine Bick­hardt: Wenn wir uns die heutige Situa­tion anschauen, dann steht sie in ekla­tantem Gegen­satz zu dem, was du, Irina, gerade beschrieben hast. Ina, du bist Vorsit­zende der Orga­ni­sa­tion Taskforce Belarus, die den glei­chen Grün­dungstag, nämlich den 20. November, wie Irinas Orga­ni­sa­tion hat, doch in einem ganz anderen Jahr, nämlich 2024. Die Hand­lungs­spiel­räume, die sich Orga­ni­sa­tionen in Belarus zuvor erkämpfen konnten, sind seit 2020 struk­tu­rell und in jeder Ausprä­gung unmög­lich geworden. Es ist ein Bruch. Wie würdest du den beschreiben?

Ina Rumi­antseva: Die gefälschten Präsi­dent­schafts­wahlen 2020 sind ein zivi­li­sa­to­ri­scher Bruch gewesen. Im Laufe des letzten Jahres – ich greife jetzt mal ein biss­chen vor – sind viele führende Oppo­si­tio­nelle, die bis dahin in Haft waren, frei­ge­kommen. Ich habe viele getroffen, mit vielen gespro­chen. Und wir stellen allen die Frage: Was war das? Wusstet ihr nicht, was da auf euch zukommt? Wart ihr so naiv? Und viele haben mir dann erklärt, dass sie von der histo­ri­schen Erfah­rung vor knapp 30 Jahren ausge­gangen sind. Man wusste, dass man als Präsi­dent­schafts­kan­didat Gefahr läuft, inhaf­tiert zu werden. Für ein paar Monate, höchs­tens ein paar Monate, aber dann ist auch wieder gut. Diese Wellen gab es immer wieder: Die Zügel werden ange­zogen vor der Wahl, aber nach der Wahl norma­li­siert es sich dann allmäh­lich. Das hatte man auch in diesem Jahr gedacht, und es war tatsäch­lich niemand vorbe­reitet auf dieses Ausmaß an Gewalt.

Wir müssen auch sehen, dass der Kreml hinter der Nieder­schla­gung stand. Das war das entschei­dende Element, der Unter­schied. Wenn ich gefragt werde, warum ich als Deut­sche 2020 aktiv geworden bin, dann gehe ich oft zurück zu meiner Erfah­rung von 1989. Das habe ich sehr bewusst mitbe­kommen, den Mauer­fall in der DDR, meine Eltern. Sie waren sehr aktiv in diesem Wende­herbst 1989. Ich kann mich sehr gut an die Angst erin­nern, es könne sich bei uns das chine­si­sche Szenario entwi­ckeln, vom Tian’anmen-Platz 1989. Doch es hat sich zum Guten gewendet. Ich fasse das auf die kurze Formel: Wir hatten damals Gorbat­schow im Kreml und nicht Putin. Wir hatten 2020 Putin im Kreml, der Lukaschenka gestützt hat. Und dann, andert­halb Jahre später, im Februar 2022, der Groß­an­griff auf die Ukraine. Wir müssen den Bogen größer spannen, denn dieser Krieg – das ist mir jetzt erst in voller Trag­weite bewusst geworden – ist ermög­licht worden durch die Ereig­nisse von 2020 in Belarus. Viktor Baba­rika, der dama­lige Präsi­dent­schafts­kan­didat, hat es auf die Formel gebracht: 2022 war die Quit­tung für 2020. Und das bedeutet, dass sich Lukaschenka 2020 in eine Schuld bei Putin begeben hat, die dieser 2022 einge­löst und Belarus als Aufmarsch­ge­biet verwendet hat.

Wir hatten in Europa nicht im Blick, wie entschei­dend 2020 war. Wie wichtig Belarus für Europa ist, für seine Sicher­heits­po­litik, das können wir nicht auf ‚irgend­wann mal‘ verschieben. Sondern mit jedem Tag sichert sich Russ­land mehr Zugriff und Kontrolle. Das ist eine Kata­strophe für Belarus, dessen Fort­be­stehen gefährdet ist. Und das ist eine riesige Sicher­heits­frage für Europa und ganz exis­ten­tiell und konkret für die Ukraine.

Was wir im Land gesehen haben, war die komplette Zerstö­rung: Fast 5000 Menschen, die seit 2020 als poli­ti­sche Gefan­gene regis­triert wurden; über 1200 NGOs, die zwangs­li­qui­diert wurden, nochmal über 700, die sich selbst liqui­diert haben, aber auch das unter Druck. Das heißt, in wenigen Jahren sind knapp 2000 NGOs verschwunden in so einem kleinen Land. Da ist ein nicht wieder gut zu machender Schaden entstanden, weil gerade der NGO-Sektor viele Aufgaben, die bei uns der Staat über­nimmt, über­nommen hat. Sei es für Menschen mit Behin­de­rung, für sozial Schwache, gegen häus­liche Gewalt, für Umwelt­schutz und öffent­liche Bildung – all das ist getragen worden von diesen Orga­ni­sa­tionen. Jetzt wird versucht, diese Arbeit durch soge­nannte GONGOs, das sind staat­lich kontrol­lierte NGOs, zu imitieren.

Inter­es­sant finde ich, wie ihr, Irina trotz Repres­sionen gear­beitet habt. Ich glaube, das ist ein Phänomen, das euch von zivil­ge­sell­schaft­li­chen Struk­turen bei uns etwa in Deutsch­land unter­scheidet, die nach vorge­ge­benen Regeln orga­ni­siert sind und als einge­tra­gene Vereine funk­tio­nieren. Euch war immer die Vernet­zung wichtig. Weil ihr früh verstanden habt: Wenn ein Knoten aus dem Netz gerissen wird – ihr wart ja vom Geheim­dienst durch­setzt –, dann werden die Ressourcen und die Möglich­keiten auf die anderen im Netz über­tragen. Das haben wir auch 2020 wieder gesehen mit den soge­nannten Hofchats, diese hori­zon­tale Vernet­zung, die eine Zeit lang immer noch was auffangen kann. Damit wart ihr extrem stark und habt im Übrigen einer These wider­spro­chen, dass es in auto­ri­tären Staaten eigent­lich keine Zivil­ge­sell­schaft geben kann.

Irina Grusche­waja: Wir hatten Tricks, aber der Staat wurde immer brutaler. Heute müssen wir sagen, dass die Zivil­ge­sell­schaft in Belarus tot ist. Das sind nur noch einzelne Bürger, die denken und schweigen. Sie sind da. Es ist Hoff­nung da, aber sie sind gelähmt. Sie können nicht wirk­lich agieren, können nichts machen. Wir hatten damals noch viele Räume, viele Nischen. 1997 war ich mit meinem Mann im ersten Exil. Wir wurden vom KGB verfolgt und sollten fest­ge­nommen werden. Wir konnten aber schnell nach Luxem­burg verschwinden. Ein Jahr haben wir gekämpft gegen die Beschul­di­gungen und konnten zurück­kehren. Das war damals noch möglich, 1997 unter Lukaschenka. Aber wir hatten so viele Freunde in der ganzen Welt; Parteien, UNO, Euro­pa­par­la­ment, die inter­na­tio­nale zivile Gesell­schaft – alle zusammen haben erreicht, dass wir frei­ge­spro­chen wurden und wir wieder nach Hause konnten.

Ina Rumi­antseva: Zugleich finde ich inter­es­sant, dass Belarus heute – trotz der huma­ni­tären Kata­strophe – keine komplett verbrannte Erde ist. Es gibt im Unter­grund einige Struk­turen, was mich außer­or­dent­lich über­rascht hat. Am 28. April hat es Polen geschafft, den für sie wich­tigsten poli­ti­schen Gefan­genen frei­zu­be­kommen. Andrzej Poczobut wurde in einer riesigen Geheim­ak­tion mit der Betei­li­gung von sieben Staaten gegen einige Spione ausge­tauscht. Andże­lika Borys, enge Freundin und Vorsit­zende der Union der Polen, hat als erste Andrzej Poczobut nach der Frei­las­sung getroffen, sich drei Stunden mit ihm unter­halten, und er hat gefragt, wie es denn der Union der Polen in Belarus gehe? Sie sagte: Wir exis­tieren immer noch. Wir haben 20.000 Mitglieder. Ja, alles auf Spar­flamme, aber wir sind gerade die größte NGO in Belarus, und Gott sei Dank, es gibt uns noch. Das ist sehr wert­voll, dass es da diese wenigen Struk­turen noch gibt, die jetzt unter unglaub­lich erschwerten Bedin­gungen arbeiten.

Jeden Tag droht Verhaf­tung und Verur­tei­lung. Am 8. Mai wurde wieder ein Akti­vist zu zehn Jahren Lager­haft verur­teilt. Auch wenn es in der Presse nicht mehr so ankommt, das setzt sich immer weiter fort. Mein Anliegen und mein Aufruf lautet: Europa muss handeln. Es reicht nicht mehr, nur anzu­klagen. Wir dürfen Belarus nicht Russ­land über­lassen, und auch nicht den USA.

 

Dieses Gespräch wurde am 9. Mai 2026 im Lite­ra­tur­mu­seum Strauhof, Zürich anläss­lich der Ausstel­lung „Swet­lana Alexi­je­witsch: Tschor­nobyl – Archiv der unsicht­baren Kata­strophe“ (https://strauhof.ch/ausstellungen/tschornobyl/) geführt.