Ethnopsychoanalyse als Utopie. Paul Parin zum 100. Geburtstag

Paul Parin hat in den 1950er Jahren zusammen mit Goldy Parin-Matthèy und Fritz Morgenthaler in Zürich die Ethnopsychoanalyse begründet. Diese verbindet die Erforschung des Fremden mit Gesellschaftskritik, Selbsterforschung und Psychoanalyse. Ihr radikaler Blick auf das Individuum ist immer noch relevant.



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Paul Parin, der am 20. September 100 Jahre alt geworden wäre, Goldy Parin-Matthèy und als Dritter im Bunde Fritz Morgenthaler lebten und arbeiteten am Utoquai 41 in Zürich. Ihre psychoanalytische Praxis hatten sie hier 1952 eingerichtet, nachdem Paul Parin und Goldy Matthèy aus Jugoslawien zurückgekehrt waren, wo sie 1944/45 auf Seiten der Partisanen medizinische Hilfe geleistet hatten. Ab Mitte der 1950er Jahre gingen sie dann gemeinsam mit Ruth und Fritz Morgenthaler auf Reisen, um in Westafrika unter den Dogon und den Agni die psychoanalytische Methode zu erproben.

War es möglich, die Angehörigen von nicht-westlichen Gesellschaften mit den theoretischen und methodischen Mitteln der Psychoanalyse zu verstehen? Ausgehend von einem universalistischen Menschenbild, verliefen ihre Forschungsinteressen aber nicht nur in eine Richtung. Die Ethnopsychoanalyse sollte auch in der heimatlichen Umgebung der Schweiz angewendet werden, zur Behandlung von Patientinnen und Patienten und zugleich als Form der Gesellschaftsanalyse und -kritik.

Goldy Parin-Matthèy und Paul Parin, welche die Autorin und Journalistin Ursula Rütten einmal als „vermählte Zwillinge“ bezeichnet hat, blieben Zeit ihres Lebens institutionell ebenso unabhängig, wie sie in einem ausgedehnten, global vernetzten, linken und undogmatischen Freundeskreis verankert waren. Wobei Freundschaft hier mehr bedeutet als bloße private Bindungen und Neigungen – ihre Freundschaften schufen darüber hinaus einen Arbeits- und Diskussionsort. Stefan Zweifel hat die sonntäglichen Zusammenkünfte am Utoquai einmal als Versammlung auf einem Affenfelsen beschrieben, wo er als Kind den Erwachsenen zu Füßen saß und ihren Debatten zuhörte („schöne Paviane“, die sich „Geschichten aus dem Haar lausten“).

Freudsches Denken

Mir kam die Wohnung, Jahrzehnte später, eher wie eine Zeitmaschine vor. Der Straßenlärm der Durchgangsstraße war durch die Fensterscheiben ebenso gedämpft wie das Licht durch die vergilbten Vorgänge, und so konnten wir rauchend und trinkend an jeden beliebigen Ort der Welt und in jede Zeit reisen. Meist aber landeten wir im frühen 20. Jahrhundert irgendwo in Europa oder in den 1950er und 1960er Jahren in Afrika. Trotzdem keine Nostalgie. Jede Geschichte war ein Exempel und das Interesse galt der Gegenwart.

Eine geschlossene Theorie entstand aus der ethnopsychoanalytischen Forschungspraxis nicht. Grundlage blieb stets und dezidiert das Freudsche Denken, wie Paul Parin im Namen der Gruppe im Text „Subjekt im Widerspruch“ erläuterte: „Erst wenn sich diese Theorie einmal nicht eignete, um unsere Beobachtungen zu erklären, haben wir sie modifiziert, etwas hinzugefügt, anderes weggelassen oder abgeändert.“ Entscheidend war die Verbindung von Psychoanalyse und Ethnologie, wobei die Forscherpersönlichkeit mit ihren eigenen kulturellen Verstrickungen in die Analyse einbezogen worden ist.

Das heißt, bei der Forschung war immer auch die eigene Reaktion auf den Forschungsgegenstand, d.h. auf die anderen Menschen und die fremde Umgebung Teil der Betrachtung, und dieser Ansatz ist für alle qualitativ arbeitenden Wissenschaften bis heute relevant. Es gilt nicht, das eigene Ich (Herkunft, Geschlechte, Generation, usw.) und die eigenen kulturellen Verstrickungen möglichst „auszuschalten“, sondern diese zu analysieren und produktiv in den Forschungsprozess einzubringen. In den 1950er Jahren waren solche Überlegungen in der Ethnologie noch unerhört, galt es doch „im Feld“ eine wissenschaftliche Distanz zu wahren, und überdies standen Ethnologen mit ihrer Forschung zu dieser Zeit noch häufig im Dienst von Kolonialinteressen. Die kolonialen Untertanen sollten erforscht werden, um sie beherrschbar zu machen – das galt nicht nur im Südafrika unter der Apartheid.

Fremdheit ist keine Eigenschaft

Voraussetzung und Resultat des ethnopsychoanalytischen Zugangs ist, dass Fremdheit keine Eigenschaft ist, sondern ein relationales Verhältnis beschreibt. Das passt zu einer zentralen Überlegung Sigmund Freuds, wonach Neurosen keine ihnen eigenen Inhalte haben, die nicht auch bei „Gesunden“, bei Menschen ohne Symptome, zu finden sind. Folgt man diesen Gedanken, existieren weder der Fremde noch der Kranke an sich und aus sich selbst heraus; krank oder fremd ist ein Mensch vielmehr immer nur in Beziehung zu etwas oder zu jemand anderem.

Insofern ist mit der Ethnopsychoanalyse auch eine Utopie verbunden, eine Form der Aufklärung, die nicht nur das eigene Fremde einschließt und analysiert, sondern das Fremde als Eigenes anerkennt. Mit der These, dass sich Psychoanalyse als Form der Gesellschaftskritik und der individuellen Aufklärung auch in anderen, kolonisierten Gesellschaften bewähren würde, sollte eben gerade keine „afrikanische Psyche“ (re)konstruiert werden. Vielmehr ging es bei den psychoanalytischen Gesprächen um die Einzigartigkeit der Personen, allerdings in ihrer Verstrickung in die jeweilige Gesellschaft und soziale Umwelt. Bei den Agni an der Elfenbeinküste und den Dogon in Mali stellte sich dies historisch und soziologisch höchst unterschiedlich dar und drückte sich in unterschiedlichen Persönlichkeitsstrukturen aus. So glücklich und frei sich die Dogon-Gesellschaft zeigte, so verstrickt und bedrückt erlebten die Reisenden die Agni.

Die postkoloniale Forderung, „den Anderen“ eine Stimme zu geben, ist in der Ethnopsychoanalyse mit ihren Einzel- und Gruppengesprächen radikal umgesetzt. Denn die Interviewten sind nicht Stellvertreterinnen oder Stellvertreter einer Gruppe von Anderen, sondern erscheinen in ihrer Individualität, mit ihren Reaktionen und Emotionen, ihren Biografien und Träumen in so unterschiedlichem Masse fremd und vertraut, wie jeder andere Mensch, dem wir begegnen oder über den wir lesen. Zugleich werden aber auch die materiellen und sozialen Strukturen und Bedingungen von Glück und von Scheitern aus den Interviews und ihren Analysen deutlich.

Die Ethnopsychoanalyse bedarf des Orts- und Perspektivenwechsels, sie ist eine Reise in die Fremde und nach Innen, zu den Anderen und zu sich selbst, sie versucht das Gemeinsame zu ergründen und muss dabei geografische und intellektuelle Orte wechseln, d.h. die eigenen Annahmen immer in Frage stellen. Diese „Pendelbewegung zwischen den Kulturen“ (Mario Erdheim) ist gerade in der gegenwärtigen politischen Lage hoch relevant. Nie treten die Konturen des Eigenen so scharf hervor, wie in der Konfrontation mit dem Anderen. Die Vorstellung, man habe eine einzige geschlossene Kultur, an die sich die Fremden anzupassen haben, unterliegt einem Denkfehler. Das was heute so vehement als Kern eigener Kultur verteidigt wird, ist auch in scheinbar homogenen Gemeinschaften das Ergebnis von Vermischungen, Neuentwicklungen, einer Aushandlung zwischen Innovation und Tradition sowie zwischen Eigenem und Fremdem. Alles verändert sich in diesen fortwährenden Aushandlungen, die Sprache, die Bräuche, die Erzählungen über die Vergangenheit.

In der Konfrontation mit Fremdheit, sei es zu Hause oder auf Reisen, wird die eigene Kultur aber plötzlich als scheinbar geschlossenes Ganzes erfahren, man wird zur Deutschen oder zum Schweizer, zum Europäer oder Afrikaner, während im Alltag solche Definitionen weder für die Fremd- noch für die Selbstzuschreibung nötig sind – da sind die vielen unterschiedlichen Identifikationen und Zugehörigkeiten jeder Person weitaus relevanter. Soll man jedoch die eigene Kultur erklären, wird sie zumeist zu einem hyperrealen Ideal, Typisches wird hervorgehoben oder auch konstruiert, abgetrennt von der alltäglichen Erfahrung der Unordnung, Unvollständigkeit und Hybridität, die gelebte ‚Kultur’ auszeichnet. Kultur ist immer in Bewegung (und mag diese noch so langsam sein), das Kulturgewebe ist in unterschiedlichen historischen Epochen geknüpft, sein Material stammt aus ganz verschiedenen Quellen, und wird immer wieder neu interpretiert. Gerade weil Kulturen – also die Lebenswirklichkeiten von Menschen – immer hybrid sind, geraten sie durch Ortswechsel durcheinander. Das kann produktiv sein oder zu gewalttätiger Eruption führen.

Ein grosser Erzähler

Heute ist der Utoquai 41 nur noch eine Hausnummer, nichts erinnert mehr an Paul und Goldy, und das passt vielleicht zur Utopie der Ethnopsychoanalyse, denn sie hat im Wortsinne keinen Ort, sie kann nur im Gespräch und in der Analyse entstehen, da wo zwei oder mehr zusammentreffen und sich darüber einigen, dass sie etwas ergründen wollen.  Die Ethnopsychoanalyse hat eine wissenschaftliche Praxis initiiert, so Maya Nadig, „die es erlaubt, einen differenzierenden und kreativen Blick auf eine komplizierte und schwer zu verstehende Welt zu werfen. Es ist ein wunderbar menschlicher Blick, weil er nicht einfach den Anderen untersucht, sondern auch die eigene Involviertheit und die Gefühle in der Beziehung zum Anderen ernst nimmt. In dieser Menschlichkeit der Methode liegt auch ihr politisches und revolutionäres Potential.“

Als klar war, dass Paul bald sterben würde, versammelten sich die Freunde in großer Zahl um ihn. Vielen schrieben seine Sätze auf. „Alle Wörter liegen vor mir auf dem Tisch, aber ich weiß nicht mehr, wie sie zusammengehören“, war einer seinen letzten Sätze. Paul Parin bleibt nicht nur als Ethnopsychoanalytiker, sondern auch als grosser Erzähler in Erinnerung.

 

 

 

 

Eine ältere Version dieses Beitrag erschien in der Publikation „De-Neutralize – Globale Geschichten aus Zürich“, Daniel Kurjakovic, Franziska Koch, Lea Pfäffli, Bernhard Schär, Eduardo Simantob, Barbara Preisig (Hrsg.), Ein Kooperationsprojekt der VBK (ZHdK), IFCAR (ZHdK), Professur für Geschichte der modernen Welt (ETH), Johann Jacobs Museum, Zürich 2016.