Digitale Bilder von Essen sind allgegenwärtig, sie übernehmen vielfältige kommunikative Funktionen. Als visuelle Markierungen von Identität, Erinnerung und Zugehörigkeit sind sie Teil eines ironischen Spiels, werden aber auch in einem Kulturkampf von rechts instrumentalisiert.

  • Caspar Battegay ist Literatur- und Kulturwissenschaftler. Er leitet die Fachgruppe Kultur und Kommunikation an der Hochschule für Technik der Fachhochschule Nordwestschweiz. Zudem unterrichtet er Neuere deutsche Literatur an der Universität Basel. Seine Habilitation ist 2018 unter dem Titel „Geschichte der Möglichkeit. Utopie, Diaspora und die ‚jüdische Frage‘“ im Wallstein Verlag erschienen.
Geschichte der Gegenwart
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Essen von oben
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In seinem berühmten Buch Mythen des Alltags (1957) widmete der fran­zö­si­sche Kultur- und Sprach­theo­re­tiker Roland Barthes ein Kapitel den Essens­fo­to­gra­fien in der Zeit­schrift Elle. Diese veröf­fent­lichte fast jede Woche „eine schöne Farb­fo­to­gra­phie eines tisch­fertig zube­rei­teten Gerichts“. Nach Barthes sind die von Elle präsen­tierten aufwän­digen und exklu­siven Mahl­zeiten nur „fürs Auge bestimmt“. Denn die foto­gra­fierten Speisen haben mit der dama­ligen alltäg­li­chen Ernäh­rung der Leser:innen von Elle wenig zu tun, sie reprä­sen­tieren viel­mehr „eine Küche der Verklei­dung“. Durch die Glasuren, durch ausge­fal­lene Saucen, Cremes, Fond­ants, Gelees oder über­bor­dende kitschige Verzie­rungen wie geschnitzte Früchte oder Pilze sind diese Gerichte gar nicht mehr als Nahrung zu erkennen. Der Inbe­griff dieser „erträumten Küche“ stellt die Perspek­tive der Foto­gra­fien dar, „die das Gericht nur von oben aufnehmen, als ein nahes und zugleich uner­reich­bares Objekt, dessen Verzehr sich in der Betrach­tung erschöpft.“

Kommu­ni­ka­tion im Medium des Essens

Foto von Caspar Battegay.

Würde Barthes heute, rund 70 Jahre später, durch seinen Social Media Feed scrollen oder Nach­richten von seinen Freund:innen auf WhatsApp erhalten, könnte er seine These (die er für das klein­bür­ger­liche Publikum von Elle und dessen uner­füll­barer Sehn­sucht nach einem exklu­siven Lebens­stil entwarf) nicht nur bestä­tigt sehen, sondern zu einem allge­meinen kultur­theo­re­ti­schen Para­digma erwei­tern. Unsere Ernäh­rung, die bereits für Barthes ein System von Zeichen darstellt, hat sich mit der Möglich­keit der digi­talen Foto­grafie tatsäch­lich unüber­sehbar als Teil unserer Kommu­ni­ka­tion etabliert. Von oben foto­gra­fiertes Essen ist allge­gen­wärtig, ohne dass wir dieses zwangs­läufig auch zu uns nehmen. Neben Tier­bil­dern und porno­gra­fi­schen Inhalten sind Food­pics viel­leicht sogar die am meisten hoch­ge­la­denen Fotos im Netz. Aller­dings stellt sich die Frage, warum wir – die im Unter­schied zur Nach­kriegs­ge­sell­schaft von Barthes’ Beob­ach­tungen in einer präze­denz­losen Über­fluss­ge­sell­schaft leben – solcher Abbil­dungen bedürfen. Zudem kann man sich fragen, welches Verhältnis zwischen der west­li­chen Ästhetik des Essens und der an vielen Orten herr­schenden Mangel­er­näh­rung und dem Hunger besteht.

Foto von Caspar Battegay.

Für die Insze­nie­rungen von Speisen wird oft das Schlag­wort Food Porn heran­ge­zogen. Der Begriff exis­tiert seit 1979, als der US-amerikanische Ernäh­rungs­wis­sen­schaftler Michael F. Jacobson damit ‚unge­sunde‘ von ‚gesunden‘ Nahrungs­mit­teln abgrenzen wollte – „Right Stuff“ und „Food Porn“. Seither wird die von Jacobson pejo­rativ gemeinte Bezeich­nung von popu­lären Medien und Unter­nehmen gerne für alles Mögliche auch in einem affir­ma­tiven Sinn verwendet (der Schweizer Super­markt Coop zum Beispiel hat auf seiner Koch-Webseite Foobie auch eine „Foodporn-Rezepte-Sammlung“). Aber auch im akade­mi­schen Kontext dient das Schlag­wort Food­porn unzäh­ligen Studien als Anker. Der Instagram-Hashtag #food­porn etwa ermög­lichte und ermög­licht immer wieder Analysen eines gigan­ti­schen Spek­ta­kels von Essens­bil­dern und deren mögli­cher sozio­lo­gi­scher und poli­ti­scher Bedeu­tung. Aller­dings wurde der Begriff auch als unpas­send kriti­siert, etwa aufgrund seiner mora­lisch abwer­tenden Impli­ka­tion. Doch das nicht-kommerzielle Phänomen der von Laien – prak­tisch uns allen – gemachten und per WhatsApp, Insta­gram oder TikTok verbrei­teten Bilder unserer Speisen hat viel­leicht sowieso weniger mit Ersatz­hand­lungen zu tun. Viel eher besitzt es eine kommu­ni­ka­tive Funk­tion. Weit davon entfernt, immer perfekt ausge­leuchtet oder hyper­in­sze­niert zu sein, zeugt der unend­liche Strom privater oder halb­pri­vater digi­taler Food-Fotos von einer kultu­rellen Praxis, die mit Erin­ne­rung, sozialen Bezie­hungen und Iden­ti­täten zu tun hat. Wenn das Essen eine „Vital­funk­tion ist, die aber im Gegen­satz zu anderen Vital­funk­tionen immer schon kultu­rell über­formt ist“, wie die Roma­nistin Chris­tine Ott schreibt, dann arbeiten wir mit unseren Essens­fotos – quasi im „Medium des Essens“ – alle immer auch an den viel­fäl­tigen Mythen mit, die unser Essen durch­dringen und umgeben.

Erin­ne­rung, Heimat, Identität

Die Probe aufs Exempel unter­nahm das Schweizer Künst­ler­kol­lektiv Slap me Baby mit einem im April 2025 erschie­nenen Magazin zum „Schweizer Natio­nal­ge­richt“ Riz Casimir. Dieses – 2023 von Taste Atlas unter die Top 20 der World’s Worst Foods gewählte – Reis­ge­richt mit mildem Curry, Sahne, Hühn­chen oder Kalb­fleisch sowie Dosen­früchten geht auf die Restau­rant­kette Möven­pick zurück, die in den 1950er-Jahren den ökono­misch prospe­rie­renden Schweizer:innen imagi­nierte Exotik und Welt­läu­fig­keit verkaufen wollte, ohne ihnen allzu viel unge­wohnte Schärfe zuzu­muten. Das Gericht wäre also ein perfektes Beispiel für Barthes’ „erträumte Küche“ – heute erträumen sich die Konsument:innen damit jedoch gerade nicht mehr die Fremde, sondern eine vergan­gene Heimat. Das völlig aus der Zeit gefal­lene Gericht ist zu einem Mythos geworden, es spie­gelt Kind­heits­er­in­ne­rungen einer etwa zwischen 1960 und 1990 gebo­renen Gene­ra­tion und stellt ein „alimen­täres Zeichen“ (Barthes) des Schwei­ze­ri­schen dar, wie Slap Me Baby unter anderem mit vielen von oben foto­gra­fierten Riz Casimir-Variationen illus­triert. Wer diese Bilder (und sich in den Bildern) erkennt, das heißt wer die Geschmä­cker und die verschie­denen Konsis­tenzen der darge­stellten Speisen anhand der Foto­gra­fien erin­nert, parti­zi­piert an einem lokalen Diskurs der Zuge­hö­rig­keit (man hat das Gericht etwa in den Skife­rien oder auf Schul­reisen gegessen). Dieser Diskurs wird von den Riz Casimir-Fotos halb affirmativ-melancholisch, halb ironisch durchgespielt.

Foto von Caspar Battegay.

Die Social Media-Posts des italie­ni­schen Faschisten Matteo Salvini, der eine Zeit lang jeden Tag Essens­fotos postete, können hingegen als Mittel im reak­tio­nären Kultur­kampf gesehen werden. In diesen unzäh­ligen Darstel­lungen von ‚währ­schaften‘ Gerichten – also unkom­pli­ziert und ‚volks­tüm­lich‘ sowie typisch italie­nisch konno­tierten Speisen – zeigt sich nach einer Analyse von Luisa Stagi, Sebas­tiano Benasso und Luca Guzzetti eine „gastro-nationale Rhetorik“, die das Essen als „Meta­pher einer natio­nalen Zuge­hö­rig­keit“ in Dienst nimmt. Die präsen­tierten Gerichte sollen ihn als einen Mann des Volkes fernab intel­lek­tua­li­sierter Raffi­nesse zeigen, als eine Verkör­pe­rung italie­ni­scher Identität.

Zudem produ­ziert Salvini mit seinen Bildern eine chau­vi­nis­ti­sche Form von Männ­lich­keit („staging of mascu­li­nity“), indem er oft selbst am Grill Würste und Fleisch bratend oder mit nackter Brust in den Bildern auftaucht. Der Mann ist einer, der beständig Appetit hat und große Mengen an Kalo­rien und Fett bewäl­tigt, um so seine Souve­rä­nität unter Beweis zu stellen. Die kuli­na­ri­schen Tradi­tionen und die Herkunft bestimmter Produkte und Rezepte werden also bei Salvini zu einer Frage poli­ti­scher Iden­tität. Offen­sicht­lich hat auch Salvini Spaß an seinen Insze­nie­rungen, doch Raum für Ambi­va­lenzen oder Ironie lässt er nicht. Seine Bilder des Essens formu­lieren eindeutig eine Sprache der Macht.

Foto von Caspar Battegay.

In Italien birgt das Essen und die vermeint­li­chen Tradi­tionen bestimmter ‚authen­tisch italie­ni­scher‘ Gerichte offenbar ein beson­deres Skan­dal­po­ten­zial, wie auch die Ausein­an­der­set­zungen um die Forschungen und Bücher des Wirt­schafts­his­to­ri­kers Alberto Grandi zeigen, der die ‚italie­ni­sche Küche‘ als reines Marke­ting der Touris­mus­in­dus­trie beschreibt. Doch die Tatsache, dass Food-Diskurse und Essens­fotos in ganz Europa zum Teil eines neuen Kultur­kampfs von rechts werden konnten, beruht zum einen auf einer Hyper-Medialisierung des Essens. Salvini und andere fügen sich mit ihren Posts in eine bestehende mediale Land­schaft von Essens­bil­dern, derer sie sich unge­hin­dert bedienen und sie nationalistisch-identitär aufladen können. Zum anderen können Essens­bilder nur darum eine solche kommu­ni­ka­tive Wirkung entfalten, weil Ernäh­rung seit den 2000er-Jahren in einer vorher nie dage­we­senen Weise zu einem Instru­ment der Distink­tion wurde.

Eine Welt der Unterschiede

Foto von Caspar Battegay.

Selbst­ver­ständ­lich war das Essen immer schon ein beson­derer Bestand­teil von sozialen Hier­ar­chien und Unter­schei­dungen, etwa in reli­giösen Vorschriften oder als Marker von Wohl­stand oder Distin­gu­iert­heit. Doch in der west­li­chen Gegen­wart ist die Ernäh­rung zur Pop-Kultur geworden, wie man etwa bei einem Besuch in der berühmten Markt­halle Neun in Berlin Kreuz­berg oder einem belie­bigen größeren Street Food-Festival unschwer fest­stellen kann – wo zwar umgeben von der Stim­mung eines Popkon­zerts Fast Food ange­boten und verzehrt, aber eben auch ein extrem spezia­li­sierter gastro­no­mi­scher und hand­werk­li­cher Diskurs gepflegt wird, der bis vor einigen Jahren nur in exklu­siven kuli­na­ri­schen Insti­tu­tionen quasi im Flüs­terton der Heilig­keit möglich gewesen ist. Im Zug des „Culinary Turns“ hat sich Kochen und Essen zu einer Kunst und Leben umfas­senden ästhe­ti­schen Praxis gemau­sert. Mit Terroir und Käse­reifung, Fermen­ta­tion von Gemüse oder den Geheim­nissen von Pasta­teig beschäf­tigen sich heute nicht nur alternde Gour­mets, sondern eine Heer­schar von inter­na­tio­nalen Hipstern.

Diese Feier gust­a­to­ri­scher und ästhe­ti­scher Quali­täten wird sicher­lich teil­weise von der ernst­haften Sorge um gutes und nach­hal­tiges Essen in einer von indus­tri­eller Nahrungs­pro­duk­tion einer­seits und Mangel­er­näh­rung ande­rer­seits geprägten Gegen­wart ange­trieben. Doch auch die Ernäh­rungs­ethik ist Teil medialer Insze­nie­rungen. Ebenso wie für die alles­fres­senden Foodies, so bezieht sich auch vermeint­lich ‚acht­same‘ diäte­ti­sche Selbst­op­ti­mie­rung auf eine unüber­schau­bare Fülle von popu­lären medialen Essens­pro­duk­tionen, sei es Chef’s Table (Netflix, ab 2015), die verschie­denen Koch- und Fress-Formate auf Youtube, Instagram-Profile mit veganen Food-Zubereitungen oder die Online-Ratings und Rezen­sionen (natür­lich versehen mit Essens­fotos von oben) auf Google, Trip­ad­visor etc. Vergleichbar ist dieser variable Refe­renz­rahmen mit den früheren medialen Diskursen rund um Popmusik, er dient dazu, sich selbst zu verorten und von denen abzu­grenzen, die am jewei­ligen Spezi­al­dis­kurs aus ökono­mi­schen oder kultu­rellen Gründen nicht teil­zu­nehmen vermögen.

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Foto von Caspar Battegay.

„Das Essen“, so formu­liert es der italie­ni­sche Autor Vincenzo Latro­nico in seinem Roman-Essay Die Perfek­tionen (2022) über seine Prot­ago­nisten, „war in jeder Hinsicht ein Teil ihrer Kultur, sie disku­tierten darüber wie die voran­ge­gan­genen Gene­ra­tionen über Kino, Bücher und Politik disku­tiert hatten. Es trug zu ihrer Iden­ti­täts­stif­tung bei.“ Latro­nicos Figuren sind zwei Mitte der 2010er-Jahre von Italien nach Berlin ausge­wan­derte Webde­si­gner. Eine ihrer Obses­sionen ist das Insze­nieren von Essen, das die Speisen und die foto­gra­fi­sche Reprä­sen­ta­tion digital verbindet: „Auf ihren Bild­schirmen hatte sich eine Welt der Unter­schiede aufgetan […]. Das bläu­liche Grün des Grün­kohls oder das Smaragd­grün der Avocado hoben sich von den weiß-blau gemus­terten Email­letel­lern oder den hell­grauen, hand­ge­fer­tigten Kera­mik­schalen ab, garniert mit Granat­ap­fel­kernen und sämigen schwarzen Espres­so­sprit­zern. Die matte Ober­fläche einer Schie­fer­platte brachte die Farben der mit Kräu­tern und Wein­beeren bestreuten Frisch­kä­se­flo­cken zum Leuchten. […] Das Gemüse brut­zelte in unbe­han­delten Eisen­pfannen, die mit Trau­ben­kernöl einge­brannt waren und nie gewa­schen wurden; das Risotto simmerte nicht im vorsint­flut­li­chen Schnell­koch­topf, sondern in einer Alumi­ni­um­sau­teuse mit schwerem Boden; Suppen und Schmor­fleisch verlangten nach den ther­mi­schen Eigen­schaften und der Beschaf­fen­heit von Tontöpfen, von guss­ei­sernen Cocottes.“ Diese hier ironisch hyper­trophe Beschrei­bung (sie geht im Roman noch eine Seite weiter) zeigt eine hippe Ästhetik, die sich nur als digital geteilte herstellen kann. „Die am schönsten ange­rich­teten Teller wurden foto­gra­fiert, getaggt, geteilt.“ Das von oben foto­gra­fierte Essen wird zu einem Teil des globa­li­sierten Feeds, in dem kultu­relle Selbst­in­sze­nie­rungen über gastro­no­mi­sche Bilder sich mit anderen Bildern – News, Politik, Krieg, Sport, Mode, Sex etc. – vermischen.

Foto von Caspar Battegay.

Das so darge­stellte und medial geteilte Essen ist eben­falls ein geträumtes im Sinne Barthes’, erschöpft sich aber keines­wegs nur „in der Betrach­tung“. Viel­mehr gehört es zu einer globalen kultu­rellen Praxis des Einkau­fens, Zube­rei­tens, Gestal­tens, Essens, Teilens, Lesens und Reagie­rens, die deut­lich viel­schich­tiger und ambi­va­lenter ist als die Insze­nie­rungen der 1950er-Jahre. Der „Distink­ti­ons­ge­winn“, den schon Barthes fest­stellte, hat sich unter den Bedin­gungen der Digi­ta­lität entspre­chend verviel­facht. Unsere Food-Pics erzählen also von dem, was wir sind und sein möchten, sie haben Teil an einer umfas­senden Verhand­lung über Iden­ti­täten. Wir haben die Wahl, ob wir dieses Essen von oben als Sprache der Macht oder als genuss­volles Spiel mit Mehr­deu­tig­keiten pflegen.