Alle reden von Eskapismus. Und zwar zumeist in vorwurfsvollem Ton. Aber Eskapismus kann vieles sein, eine Entpolitisierung von Kunst ebenso wie eine kritische Absage an politische, mediale und ökonomische Aufmerksamkeitslogiken.

  • Christine Lötscher

    Christine Lötscher lehrt Populäre Literaturen und Medien mit Schwerpunkt Kinder- und Jugendmedien am ISEK - Populäre Kulturen der Universität Zürich und ist Herausgeberin von Geschichte der Gegenwart.

In unter­schied­li­chen Zusam­men­hängen ist in letzter Zeit von Eska­pismus die Rede, von einer gesell­schaft­li­chen oder indi­vi­du­ellen Tendenz zur Flucht aus dem Alltag, aus der Realität, aus der Gegen­wart. Doch obwohl der Begriff Eska­pismus und damit die Annahme, es exis­tiere ein Raum ausser­halb der sozialen Alltags­rea­lität, mit grosser Selbst­ver­ständ­lich­keit verwendet wird, auch in kultur­wis­sen­schaft­li­chen Kontexten, ist keines­wegs klar, was Eska­pismus genau bedeutet.

Ist damit eine Kritik an exzes­sivem Medi­en­konsum gemeint – Binge­wat­ching, Doom­scrol­ling und Gamen? Würde man auch exzes­sives Lesen darunter verorten oder nur, wenn es um das Lesen von Unter­hal­tungs­li­te­ratur geht? Oder richtet sich die Kritik gar nicht so sehr auf das Rezep­ti­ons­ver­halten, sondern viel­mehr auf das Click­bai­ting und Teasing medialer Platt­formen und Formate? Man kennt das vor allem von Netflix, aber auch andere Strea­ming­dienste versu­chen ihr Publikum durch Cliff­hanger und immer mehr auch durch perso­na­li­sierte Ange­bote zur Stim­mungs­re­gu­lie­rung (die rich­tige Serie für jede Lebens­lage) ständig online zu halten. Man kann sich deshalb fragen, ob es bei der aktu­ellen Rede vom Eska­pismus wirk­lich um die Sorge um die psychi­sche Gesund­heit im digi­talen Zeit­alter geht oder eher um die Neuauf­lage einer kultur­kri­ti­schen Gegenwartsdiagnose.

„Nur Unter­hal­tung“

Die gegen­wär­tigen Diskus­sionen über die Zukunft des Lite­ra­tur­be­triebs legen nahe, dass unter dem Stich­wort Eska­pismus unter anderem auch die Rettung der Kunst vor der Politik auf dem Spiel zu stehen scheint. Denn Kunst selbst soll zum Ort des Eska­pismus werden. Nament­lich von konser­va­tiver Seite wird die Auto­nomie der Kunst und die vermeint­liche (?) Entrückt­heit der ästhe­ti­schen Erfah­rung von der sozialen Wirk­lich­keit als Instru­ment gegen kriti­sche und inter­ve­nie­rende Künste einge­setzt. Eska­pismus fungiert in diesem Zusam­men­hang als Kampf­be­griff: als Auffor­de­rung, Kunst aus poli­ti­schen Ausein­an­der­set­zungen heraus­zu­lösen, sie von Fragen der Macht, der Ungleich­heit oder der Gewalt zu „entlasten“. In dieser Perspek­tive erscheint Eska­pismus als Schlüs­sel­ele­ment einer rechts­kon­ser­va­tiven Cancel Culture: Kunst wird nicht verboten, sondern entkon­tex­tua­li­siert. Gerade popu­läre Erzäh­lungen hingegen, die Aushand­lungs­räume sozialen Wandels sind, werden als „blosse Unter­hal­tung“ abgetan, die jenseits der kultu­rellen Sinn­pro­duk­tion ange­sie­delt sei. Der Rekurs auf ästhe­ti­sche Auto­nomie fungiert so als Technik der Verharmlosung.

Dies lässt sich auch daran beob­achten, dass Eska­pismus immer wieder in einer rheto­ri­schen Bewe­gung verwendet wird, welche die Grenze des Rele­vanten und des Inter­pre­tier­baren in der Kultur markiert. Insbe­son­dere im Zusam­men­hang mit dem popu­lären Lite­ra­tur­be­triebs­phä­nomen New Adult hört man, auch von leiden­schaft­li­chen Leser:innen selbst, Sätze wie: „das lässt sich nicht deuten, es ist einfach nur Eska­pismus.“ Mit dem Argu­ment versu­chen sich die Leser:innen der oft als formel­haft und dümm­lich geschol­tenen Romane gegen ihre Kritiker:innen zur Wehr zu setzen und die Lektüre als private Praxis vor der Debatte zu schützen. Dass gerade New Adult-Romane sich an Geschlech­ter­rollen und Macht­ver­hält­nissen in hete­ro­se­xu­ellen Liebes­be­zie­hungen abar­beiten und vor allem auch durchaus kritisch über die Lebens­ge­stal­tung junger Erwach­sener in Zeiten der Dauer­prä­senz auf Social Media reflek­tieren, geht dabei unter. Die Eskapismus-Zuschreibung durch die Kritik erfüllt inso­fern eine diszi­pli­nie­rende Funk­tion: Sie entzieht popu­lären, weib­lich und queer kodierten Prak­tiken ihre Deutungs­wür­dig­keit und weist ihnen einen vermeint­lich poli­tik­freien Raum von Life­style und Selbst­op­ti­mie­rung zu. Viele Autor:innen und BookToker:innen halten aber dagegen und betonen in ihren Videos, dass und inwie­fern diese Texte poli­tisch sind; insbe­son­dere im Kontext der Debatte um New Adult. Wir haben es mit einem ober­fläch­lich wenig proble­ma­ti­sierten, aber implizit umkämpften Konzept zu tun.

Konjunktur eines Konzepts

Das DWDS-Zeitungskorpus, das die Häufig­keit der Verwen­dung von Wörtern in über­re­gio­nalen Tages­zei­tungen in Deutsch­land seit 1946 verfolgen lässt, zeigt bei Eska­pismus wenig über­ra­schend einen ersten Ausschlag in den 1970er-Jahren. Damals wurde im deutsch­spra­chigen Raum die soge­nannte Eskapismus-Debatte geführt, bei der vor dem Hinter­grund der 68er-Bewegung und einer sich inten­si­vie­renden Medi­en­kritik in pädago­gi­schen und kultur­kri­ti­schen Kontexten darüber gestritten wurde, ob popu­läre Lite­ra­turen und Medien – insbe­son­dere die fantas­ti­schen Kinder­ro­mane von Michael Ende – als proble­ma­ti­sche Reali­täts­flucht zu bewerten seien oder im Gegen­teil imagi­na­tive Gegen­räume eröff­neten, die für die Verar­bei­tung gesell­schaft­li­cher Wider­sprüche und für eman­zi­pa­to­ri­sche Bildungs­pro­zesse produktiv sein können.

Die abso­lute Spitze der Nennungen aber wurde 2025 erreicht, obwohl zurzeit (noch) nicht annä­hernd so intensiv über Eska­pismus debat­tiert wird wie in den 70er-Jahren. Eska­pismus wird in unter­schied­li­chen Kontexten verwendet, die sich unter anderem auch je nach Medium bzw. Platt­form unter­scheiden. Entweder wird Eska­pismus als psycho­lo­gi­sches Verhal­tens­muster erklärt und normativ gewertet, oder der Begriff fällt im Zusam­men­hang mit medialen Prak­tiken; als nega­tive Zuschrei­bung oder in einer posi­tiven Aneignungsgeste.

Zahl­reiche Ratgeber-Blogs und Online­ma­ga­zine erklären, was Eska­pismus im psycho­lo­gi­schen und medi­en­päd­ago­gi­schen Kontext bedeutet. Sie warnen vor der Gefahr, sich aus Über­for­de­rung durch Probleme in Schule und Familie aus der Realität in eine Fanta­sie­welt zurück­zu­ziehen. Das sei nicht in jedem Fall proble­ma­tisch, denn Eska­pismus habe als Emoti­ons­re­gu­lie­rungs­stra­tegie auch seine guten Seiten: „Wir brau­chen alle mal eine Pause von der echten Welt“.

Hier wird deut­lich, dass Eska­pismus zurzeit unter­schied­lich inter­pre­tiert wird. Im medi­en­psy­cho­lo­gi­schen Diskurs ist vor allem von einem Rückzug ins Private die Rede und Eska­pismus erscheint als affek­tive Selbsttechnik.

Dabei fällt auf, dass nie auf psycho­ana­ly­ti­sche Ansätze Bezug genommen wird, weder auf Sigmund Freuds Subli­mie­rungs­theorie noch auf Donald Winni­cotts Konzept des inter­me­diären Raums. Eska­pismus gilt viel­mehr als Teil einer media literacy, die wiederum als eine Form der Selbst­sorge verstanden wird. Solche Inter­pre­ta­tionen des Eska­pismus tragen – auch unbe­ab­sich­tigt – zur Entpo­li­ti­sie­rung und Verharm­lo­sung der Medi­en­re­zep­tion bei.

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Nicht von einem Verhal­tens­muster, sondern viel­mehr von einer ästhe­ti­schen Praktik, die auf gegen­wär­tige Heraus­for­de­rungen reagiert, wird in kultur­kri­ti­schen Formaten im Zusam­men­hang mit popu­lärer Unter­hal­tung gespro­chen. Hier ist das bildungs­bür­ger­liche Denken noch immer präsent: Wer anspruchs­volle Texte liest, leistet intel­lek­tu­elle Arbeit; wer hingegen Unter­hal­tungs­ro­mane liest oder TV-Serien schaut, flieht aus der „Realität der multi­plen Krisen“.

Para­dig­ma­tisch dafür ist ein Kriti­ker­talk auf Deutsch­land­funk Kultur, der am 17. Dezember 2025 ausge­strahlt wurde. Zwei Jour­na­listen unter­halten sich über mögliche Ursa­chen für das Ende des Sachbuch-Booms und über ihre eigenen Vorlieben. Der eine mag lieber Romane, der andere Sach­bü­cher, und gestritten wird darüber, ob und was man aus Romanen „mitnehmen“, was man lernen könne, wobei Fantasy von vorn­herein aus der Debatte ausge­schlossen wird, als ein Genre, das nur „Eska­pismus ange­sichts der Welt­lage“ zu bieten habe. Dabei wird gleich ein gängiges Othe­ring vorge­nommen: die beiden Jour­na­listen lernen aus ihrer Lektüre; eska­pis­tisch lesen die anderen.

Eska­pismus als Kritik?

Auf BookTok wiederum wird explizit auf solche Zuschrei­bungen reagiert. Die von der etablierten Lite­ra­tur­kritik trivia­li­sierte ästhe­ti­sche Praktik des „Sich fallen lassens in andere Welten“ wird ange­eignet und positiv umge­deutet – und die Aneig­nungs­geste wird auch noch performt, wie das TikTok-Video zu Cozy Fantasy auf dem Kanal „wastara­sagt“ (421’000 Follower:innen) zeigt. In gespielt genervtem Ton verkündet Tara ihr neues Manifest:

Momentan gebe ich mich völlig frei­willig dem Eska­pismus hin. Eska­pismus bedeutet sowas wie Reali­täts­flucht, wenn draußen alles zu viel wird, wenn die Welt wieder so laut wird und wenn du das Gefühl hast, die ganzen nega­tiven Nach­richten erdrü­cken dich in irgend­einer Art und Weise. Und ja, es ist wichtig, dass wir uns mit Nach­richten beschäf­tigen, aber wir können uns dabei nicht selbst aufgeben und ins eigene Unglück stürzen. Für das Jahr 2025 habe ich mir vorge­nommen, eine gute und gesunde Mischung für mich selber zu finden. Ich möchte mich auch weiterhin mit inter­na­li­sierter Miso­gynie und Miso­gynie an sich beschäf­tigen, vor allem auch aus kultur­wis­sen­schaft­li­cher Sicht.

Und weiter sagt sie:

Aber ich habe mir auch vorge­nommen, viel mehr für meine mentale Gesund­heit zu machen und dazu gehört, nicht mehr nur hoch­po­li­ti­sche Romane und Sach­bü­cher zu lesen, sondern auch in ein Genre, was ich für mich entdeckt habe und es heißt Cozy Fantasy. Ich will mehr Glitzer, will das lesen, weil es so aussieht. Weil so wie diese Bücher aussehen, fühlen sie sich an für meinen Kopf. Voller Blumen, voller Feen, voller Glitzer. Ich will mich nicht mehr dafür schämen oder shamen lassen, dass Leute sagen, ach so, das meinst du mit Lesen. Ja, meine ich. Ja, Fantasy lesen ist Lesen. Wattpad Love Stories lesen ist Lesen. Alles ist Lesen. Hört auf mit dieser klas­sis­ti­schen über­in­tel­lek­tua­li­sierten Scheiße. Und genau deswegen lese ich jetzt solche Bücher.

Tara stimmt zunächst mit ein in die Rede vom Eska­pismus als Reak­tion auf die erdrü­ckenden globalen Krisen und die nega­tiven Nach­richten. Doch dann dreht sie das Argu­ment der Eskapismuskritiker:innen in einer Aneig­nungs­geste um und erklärt ihre Hingabe an die Welt der Feen und des Glit­zers zum Teil ihres femi­nis­ti­schen Aktivismus.

Taras Video ist inter­es­sant, weil es Eska­pismus nicht einfach als „Flucht vor der Realität“ rahmt, sondern als eine Art affek­tive Selbst­re­gu­la­tion für Aktivist:innen in einer Gegen­wart, die als dauer­haft über­for­dernd bezeichnet wird. Es bewegt sich damit in einem Diskurs, den man mit spät­ka­pi­ta­lis­ti­schen Aufmerk­sam­keits­öko­no­mien, Dauer­krise und emotio­naler Erschöp­fung verbinden könnte und der auf Theo­rien und Prak­tiken von Care-Arbeit verweist. Eska­pismus als Selbst­sorge in einer Welt, die einen perma­nent beschäf­tigen will.

Bemer­kens­wert ist auch die Verbin­dung von Genre­ver­tei­di­gung und Klas­sen­kritik. Der Satz über die „klas­sis­ti­sche über­in­tel­lek­tua­li­sierte Scheisse“ richtet sich gegen kultu­relle Hier­ar­chien, die bestimmte Lektüren als minder­wertig markieren. Damit steht der Text in einer langen Debatte über kultu­relles Kapital und legi­timen Geschmack. „Cozy Fantasy“, Wattpad-Lovestorys oder glit­zernde Buch­äs­the­tiken werden hier bewusst gegen einen norma­tiven Begriff des „rich­tigen“ Lesens verteidigt.

Eska­pismus als Verhalten und Eska­pismus als Praxis über­la­gern sich auch hier; sowohl im DLF-Kritikergespräch als auch im TikTok-Video. In beiden Fällen wird die ästhe­ti­sche Praxis in den Kontext des bedroh­li­chen welt­po­li­ti­schen Gesche­hens gestellt, und in beiden Fällen geht es bei der Lektü­re­aus­wahl und der Wahl des Lektü­re­modus – Bildung oder Vergnügen – darum, besser mit der Welt­lage zurecht zu kommen.

Diese Beispiele verweisen wiederum auf die Genea­logie des Eskapismus-Konzepts. Es lassen sich zwei Diskurse erkennen, ein medi­en­psy­cho­lo­gi­scher und ein lite­ra­tur­kri­ti­scher, die sich mehr oder weniger parallel zuein­ander formiert und ausdif­fe­ren­ziert haben.

Genea­logie

Im medi­en­psy­cho­lo­gi­schen Diskurs wird auf einen zentralen und diskurs­for­mie­renden Aufsatz Bezug genommen, den die beiden Sozio­logen Katz & Foulkes 1962 unter dem Titel On the Use of Mass Media as “Escape” publi­zierten. Zentral für ihren Zugang ist der kapi­ta­lis­mus­kri­ti­sche Entfrem­dungs­aspekt der Kriti­schen Theorie, der in der gegen­wär­tigen Rede vom Eska­pismus genauso fehlt wie die Bezug­nahme auf die Psycho­ana­lyse. Zunächst wurde davon ausge­gangen, dass viele Menschen der west­li­chen Arbei­ter­klasse sich entfremdet fühlten und mit geringer Lebens­zu­frie­den­heit zu kämpfen hatten. Diese Entfrem­dung sollte den Wunsch hervor­bringen, dem belas­tenden Alltag zu entfliehen, indem man in Fanta­sie­welten eintaucht, die Ablen­kung und Erleich­te­rung bieten.

Im Feld der Lite­ra­tur­kritik etablierte sich das Eskapismus-Konzept in den 1930er Jahren als Auffor­de­rung zur lite­ra­ri­schen Beschäf­ti­gung mit der eigenen Gegen­wart. Die Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­lerin Dana Steglich führt dies auf Aushand­lungen von Nähe und Distanz zwischen Lite­ratur und ihrer Gegen­wart zurück. Die Anteil­nahme eines Textes an seiner Gegen­wart wurde zum Quali­täts­kri­te­rium. Und sie resü­miert: „Lite­ratur kann nicht nicht in Bezie­hung zu ihrer Gegen­wart stehen.“ Gerade auch eska­pis­ti­sche Poetiken und Lektü­re­prak­tiken müssen inso­fern als Kommen­tare zur Gegen­wart inter­pre­tiert werden.

Intensiv wurde und wird im Zusam­men­hang mit fantas­ti­scher Lite­ratur über Eska­pismus als speku­la­tiven Raum für alter­na­tive Welt­ent­würfe disku­tiert, von Ursula K. Le Guin bis zur queer­fe­mi­nis­ti­schen US-Science Fiction Autor:in Annalee Newitz.

Beson­ders deut­lich wird hier die Ambi­va­lenz des Eska­pis­mus­be­griffs: Gerade im Gegen­satz zu einer entpo­li­ti­sie­renden Verwen­dung von Eska­pismus insis­tieren Autor:innen wie Newitz darauf, dass speku­la­tive Genres Räume eröffnen, die sich der Verein­nah­mung durch rechte Ideo­lo­gien entziehen. Eska­pismus fungiert nicht als Rückzug aus der Welt, sondern als Schutz­raum vor einem poli­ti­schen Klima, das margi­na­li­sierte Perspek­tiven aktiv entwertet oder unsichtbar macht.

Newitz postu­lierte  in einem TED-Talk, dass Fantasy- und SF-Fans sich als Commu­nitys gegen soziale Ungleich­heit und gegen den Abbau der Demo­kratie enga­gierten – gerade, weil sie einen speku­la­tiven Refle­xi­ons­raum teilen. Eska­pismus erscheint nicht als Flucht vor der Realität, sondern als kollek­tive Praxis der Zukunfts­ar­beit: als Safe Space insbe­son­dere für Frauen, queere und margi­na­li­sierte Menschen. Der Flucht in speku­la­tive Welten wohnt in dieser Perspek­tive eine vertiefte und poten­ziell trans­for­ma­tive Ausein­an­der­set­zung mit Gegen­wart inne; sie erscheint als eine Form des Zukunft-Machens.

Entschei­dend ist jedoch, wer Eska­pismus wozu einsetzt: als Mittel der Abwehr poli­ti­scher Zumu­tungen oder als Ressource, um unter prekären Bedin­gungen Hand­lungs­spiel­räume, Hoff­nung und kollek­tive Reso­nanz zu erzeugen. Der Fantasy-Autor und Lite­ra­tur­kri­tiker Lev Grossman fasst die Vorzüge eska­pis­ti­scher Genr­elek­türe 2012 wie folgt zusammen:

There’s more than esca­pism going on here. Why do we seek out these hard places for our fantasy vaca­tions? Because on some level, we reco­gnize and claim those disas­ters as our own. We seek out hard places precisely because our lives are hard. When you read genre fiction, you leave behind the problems of reality — but only to re-encounter those problems in trans­fi­gured form, in an unfa­mi­liar guise, one that helps you under­stand them more comple­tely, and feel them more deeply. Genre fiction isn’t just generic pap. You don’t read it to escape your problems, you read it to find a new way to come to terms with them.

In der gängigen Rede vom Eska­pismus zeigt sich häufig die Fantasie einer vom Alltag getrennten Medi­en­sphäre, die sich sozialen Prozessen entzieht und durch indi­vi­du­elle Selbst­op­ti­mie­rung kontrol­liert werden muss. Eine Vorstel­lung, die ange­sichts der Domi­nanz von Platt­formen und ihren sozialen Netz­werken selbst gera­dezu eska­pis­tisch erscheint. Das Verhältnis von Fiktion und Realität ist zurzeit unge­klärt, und die Rede vom Eska­pismus ist ein Symptom dieser Verwirrung.