In unterschiedlichen Zusammenhängen ist in letzter Zeit von Eskapismus die Rede, von einer gesellschaftlichen oder individuellen Tendenz zur Flucht aus dem Alltag, aus der Realität, aus der Gegenwart. Doch obwohl der Begriff Eskapismus und damit die Annahme, es existiere ein Raum ausserhalb der sozialen Alltagsrealität, mit grosser Selbstverständlichkeit verwendet wird, auch in kulturwissenschaftlichen Kontexten, ist keineswegs klar, was Eskapismus genau bedeutet.
Ist damit eine Kritik an exzessivem Medienkonsum gemeint – Bingewatching, Doomscrolling und Gamen? Würde man auch exzessives Lesen darunter verorten oder nur, wenn es um das Lesen von Unterhaltungsliteratur geht? Oder richtet sich die Kritik gar nicht so sehr auf das Rezeptionsverhalten, sondern vielmehr auf das Clickbaiting und Teasing medialer Plattformen und Formate? Man kennt das vor allem von Netflix, aber auch andere Streamingdienste versuchen ihr Publikum durch Cliffhanger und immer mehr auch durch personalisierte Angebote zur Stimmungsregulierung (die richtige Serie für jede Lebenslage) ständig online zu halten. Man kann sich deshalb fragen, ob es bei der aktuellen Rede vom Eskapismus wirklich um die Sorge um die psychische Gesundheit im digitalen Zeitalter geht oder eher um die Neuauflage einer kulturkritischen Gegenwartsdiagnose.
„Nur Unterhaltung“
Die gegenwärtigen Diskussionen über die Zukunft des Literaturbetriebs legen nahe, dass unter dem Stichwort Eskapismus unter anderem auch die Rettung der Kunst vor der Politik auf dem Spiel zu stehen scheint. Denn Kunst selbst soll zum Ort des Eskapismus werden. Namentlich von konservativer Seite wird die Autonomie der Kunst und die vermeintliche (?) Entrücktheit der ästhetischen Erfahrung von der sozialen Wirklichkeit als Instrument gegen kritische und intervenierende Künste eingesetzt. Eskapismus fungiert in diesem Zusammenhang als Kampfbegriff: als Aufforderung, Kunst aus politischen Auseinandersetzungen herauszulösen, sie von Fragen der Macht, der Ungleichheit oder der Gewalt zu „entlasten“. In dieser Perspektive erscheint Eskapismus als Schlüsselelement einer rechtskonservativen Cancel Culture: Kunst wird nicht verboten, sondern entkontextualisiert. Gerade populäre Erzählungen hingegen, die Aushandlungsräume sozialen Wandels sind, werden als „blosse Unterhaltung“ abgetan, die jenseits der kulturellen Sinnproduktion angesiedelt sei. Der Rekurs auf ästhetische Autonomie fungiert so als Technik der Verharmlosung.
Dies lässt sich auch daran beobachten, dass Eskapismus immer wieder in einer rhetorischen Bewegung verwendet wird, welche die Grenze des Relevanten und des Interpretierbaren in der Kultur markiert. Insbesondere im Zusammenhang mit dem populären Literaturbetriebsphänomen New Adult hört man, auch von leidenschaftlichen Leser:innen selbst, Sätze wie: „das lässt sich nicht deuten, es ist einfach nur Eskapismus.“ Mit dem Argument versuchen sich die Leser:innen der oft als formelhaft und dümmlich gescholtenen Romane gegen ihre Kritiker:innen zur Wehr zu setzen und die Lektüre als private Praxis vor der Debatte zu schützen. Dass gerade New Adult-Romane sich an Geschlechterrollen und Machtverhältnissen in heterosexuellen Liebesbeziehungen abarbeiten und vor allem auch durchaus kritisch über die Lebensgestaltung junger Erwachsener in Zeiten der Dauerpräsenz auf Social Media reflektieren, geht dabei unter. Die Eskapismus-Zuschreibung durch die Kritik erfüllt insofern eine disziplinierende Funktion: Sie entzieht populären, weiblich und queer kodierten Praktiken ihre Deutungswürdigkeit und weist ihnen einen vermeintlich politikfreien Raum von Lifestyle und Selbstoptimierung zu. Viele Autor:innen und BookToker:innen halten aber dagegen und betonen in ihren Videos, dass und inwiefern diese Texte politisch sind; insbesondere im Kontext der Debatte um New Adult. Wir haben es mit einem oberflächlich wenig problematisierten, aber implizit umkämpften Konzept zu tun.
Konjunktur eines Konzepts
Das DWDS-Zeitungskorpus, das die Häufigkeit der Verwendung von Wörtern in überregionalen Tageszeitungen in Deutschland seit 1946 verfolgen lässt, zeigt bei Eskapismus wenig überraschend einen ersten Ausschlag in den 1970er-Jahren. Damals wurde im deutschsprachigen Raum die sogenannte Eskapismus-Debatte geführt, bei der vor dem Hintergrund der 68er-Bewegung und einer sich intensivierenden Medienkritik in pädagogischen und kulturkritischen Kontexten darüber gestritten wurde, ob populäre Literaturen und Medien – insbesondere die fantastischen Kinderromane von Michael Ende – als problematische Realitätsflucht zu bewerten seien oder im Gegenteil imaginative Gegenräume eröffneten, die für die Verarbeitung gesellschaftlicher Widersprüche und für emanzipatorische Bildungsprozesse produktiv sein können.
Die absolute Spitze der Nennungen aber wurde 2025 erreicht, obwohl zurzeit (noch) nicht annähernd so intensiv über Eskapismus debattiert wird wie in den 70er-Jahren. Eskapismus wird in unterschiedlichen Kontexten verwendet, die sich unter anderem auch je nach Medium bzw. Plattform unterscheiden. Entweder wird Eskapismus als psychologisches Verhaltensmuster erklärt und normativ gewertet, oder der Begriff fällt im Zusammenhang mit medialen Praktiken; als negative Zuschreibung oder in einer positiven Aneignungsgeste.
Zahlreiche Ratgeber-Blogs und Onlinemagazine erklären, was Eskapismus im psychologischen und medienpädagogischen Kontext bedeutet. Sie warnen vor der Gefahr, sich aus Überforderung durch Probleme in Schule und Familie aus der Realität in eine Fantasiewelt zurückzuziehen. Das sei nicht in jedem Fall problematisch, denn Eskapismus habe als Emotionsregulierungsstrategie auch seine guten Seiten: „Wir brauchen alle mal eine Pause von der echten Welt“.
Hier wird deutlich, dass Eskapismus zurzeit unterschiedlich interpretiert wird. Im medienpsychologischen Diskurs ist vor allem von einem Rückzug ins Private die Rede und Eskapismus erscheint als affektive Selbsttechnik.
Dabei fällt auf, dass nie auf psychoanalytische Ansätze Bezug genommen wird, weder auf Sigmund Freuds Sublimierungstheorie noch auf Donald Winnicotts Konzept des intermediären Raums. Eskapismus gilt vielmehr als Teil einer media literacy, die wiederum als eine Form der Selbstsorge verstanden wird. Solche Interpretationen des Eskapismus tragen – auch unbeabsichtigt – zur Entpolitisierung und Verharmlosung der Medienrezeption bei.
Nicht von einem Verhaltensmuster, sondern vielmehr von einer ästhetischen Praktik, die auf gegenwärtige Herausforderungen reagiert, wird in kulturkritischen Formaten im Zusammenhang mit populärer Unterhaltung gesprochen. Hier ist das bildungsbürgerliche Denken noch immer präsent: Wer anspruchsvolle Texte liest, leistet intellektuelle Arbeit; wer hingegen Unterhaltungsromane liest oder TV-Serien schaut, flieht aus der „Realität der multiplen Krisen“.
Paradigmatisch dafür ist ein Kritikertalk auf Deutschlandfunk Kultur, der am 17. Dezember 2025 ausgestrahlt wurde. Zwei Journalisten unterhalten sich über mögliche Ursachen für das Ende des Sachbuch-Booms und über ihre eigenen Vorlieben. Der eine mag lieber Romane, der andere Sachbücher, und gestritten wird darüber, ob und was man aus Romanen „mitnehmen“, was man lernen könne, wobei Fantasy von vornherein aus der Debatte ausgeschlossen wird, als ein Genre, das nur „Eskapismus angesichts der Weltlage“ zu bieten habe. Dabei wird gleich ein gängiges Othering vorgenommen: die beiden Journalisten lernen aus ihrer Lektüre; eskapistisch lesen die anderen.
Eskapismus als Kritik?
Auf BookTok wiederum wird explizit auf solche Zuschreibungen reagiert. Die von der etablierten Literaturkritik trivialisierte ästhetische Praktik des „Sich fallen lassens in andere Welten“ wird angeeignet und positiv umgedeutet – und die Aneignungsgeste wird auch noch performt, wie das TikTok-Video zu Cozy Fantasy auf dem Kanal „wastarasagt“ (421’000 Follower:innen) zeigt. In gespielt genervtem Ton verkündet Tara ihr neues Manifest:
Momentan gebe ich mich völlig freiwillig dem Eskapismus hin. Eskapismus bedeutet sowas wie Realitätsflucht, wenn draußen alles zu viel wird, wenn die Welt wieder so laut wird und wenn du das Gefühl hast, die ganzen negativen Nachrichten erdrücken dich in irgendeiner Art und Weise. Und ja, es ist wichtig, dass wir uns mit Nachrichten beschäftigen, aber wir können uns dabei nicht selbst aufgeben und ins eigene Unglück stürzen. Für das Jahr 2025 habe ich mir vorgenommen, eine gute und gesunde Mischung für mich selber zu finden. Ich möchte mich auch weiterhin mit internalisierter Misogynie und Misogynie an sich beschäftigen, vor allem auch aus kulturwissenschaftlicher Sicht.
Und weiter sagt sie:
Aber ich habe mir auch vorgenommen, viel mehr für meine mentale Gesundheit zu machen und dazu gehört, nicht mehr nur hochpolitische Romane und Sachbücher zu lesen, sondern auch in ein Genre, was ich für mich entdeckt habe und es heißt Cozy Fantasy. Ich will mehr Glitzer, will das lesen, weil es so aussieht. Weil so wie diese Bücher aussehen, fühlen sie sich an für meinen Kopf. Voller Blumen, voller Feen, voller Glitzer. Ich will mich nicht mehr dafür schämen oder shamen lassen, dass Leute sagen, ach so, das meinst du mit Lesen. Ja, meine ich. Ja, Fantasy lesen ist Lesen. Wattpad Love Stories lesen ist Lesen. Alles ist Lesen. Hört auf mit dieser klassistischen überintellektualisierten Scheiße. Und genau deswegen lese ich jetzt solche Bücher.
Tara stimmt zunächst mit ein in die Rede vom Eskapismus als Reaktion auf die erdrückenden globalen Krisen und die negativen Nachrichten. Doch dann dreht sie das Argument der Eskapismuskritiker:innen in einer Aneignungsgeste um und erklärt ihre Hingabe an die Welt der Feen und des Glitzers zum Teil ihres feministischen Aktivismus.
Taras Video ist interessant, weil es Eskapismus nicht einfach als „Flucht vor der Realität“ rahmt, sondern als eine Art affektive Selbstregulation für Aktivist:innen in einer Gegenwart, die als dauerhaft überfordernd bezeichnet wird. Es bewegt sich damit in einem Diskurs, den man mit spätkapitalistischen Aufmerksamkeitsökonomien, Dauerkrise und emotionaler Erschöpfung verbinden könnte und der auf Theorien und Praktiken von Care-Arbeit verweist. Eskapismus als Selbstsorge in einer Welt, die einen permanent beschäftigen will.
Bemerkenswert ist auch die Verbindung von Genreverteidigung und Klassenkritik. Der Satz über die „klassistische überintellektualisierte Scheisse“ richtet sich gegen kulturelle Hierarchien, die bestimmte Lektüren als minderwertig markieren. Damit steht der Text in einer langen Debatte über kulturelles Kapital und legitimen Geschmack. „Cozy Fantasy“, Wattpad-Lovestorys oder glitzernde Buchästhetiken werden hier bewusst gegen einen normativen Begriff des „richtigen“ Lesens verteidigt.
Eskapismus als Verhalten und Eskapismus als Praxis überlagern sich auch hier; sowohl im DLF-Kritikergespräch als auch im TikTok-Video. In beiden Fällen wird die ästhetische Praxis in den Kontext des bedrohlichen weltpolitischen Geschehens gestellt, und in beiden Fällen geht es bei der Lektüreauswahl und der Wahl des Lektüremodus – Bildung oder Vergnügen – darum, besser mit der Weltlage zurecht zu kommen.
Diese Beispiele verweisen wiederum auf die Genealogie des Eskapismus-Konzepts. Es lassen sich zwei Diskurse erkennen, ein medienpsychologischer und ein literaturkritischer, die sich mehr oder weniger parallel zueinander formiert und ausdifferenziert haben.
Genealogie
Im medienpsychologischen Diskurs wird auf einen zentralen und diskursformierenden Aufsatz Bezug genommen, den die beiden Soziologen Katz & Foulkes 1962 unter dem Titel On the Use of Mass Media as “Escape” publizierten. Zentral für ihren Zugang ist der kapitalismuskritische Entfremdungsaspekt der Kritischen Theorie, der in der gegenwärtigen Rede vom Eskapismus genauso fehlt wie die Bezugnahme auf die Psychoanalyse. Zunächst wurde davon ausgegangen, dass viele Menschen der westlichen Arbeiterklasse sich entfremdet fühlten und mit geringer Lebenszufriedenheit zu kämpfen hatten. Diese Entfremdung sollte den Wunsch hervorbringen, dem belastenden Alltag zu entfliehen, indem man in Fantasiewelten eintaucht, die Ablenkung und Erleichterung bieten.
Im Feld der Literaturkritik etablierte sich das Eskapismus-Konzept in den 1930er Jahren als Aufforderung zur literarischen Beschäftigung mit der eigenen Gegenwart. Die Literaturwissenschaftlerin Dana Steglich führt dies auf Aushandlungen von Nähe und Distanz zwischen Literatur und ihrer Gegenwart zurück. Die Anteilnahme eines Textes an seiner Gegenwart wurde zum Qualitätskriterium. Und sie resümiert: „Literatur kann nicht nicht in Beziehung zu ihrer Gegenwart stehen.“ Gerade auch eskapistische Poetiken und Lektürepraktiken müssen insofern als Kommentare zur Gegenwart interpretiert werden.
Intensiv wurde und wird im Zusammenhang mit fantastischer Literatur über Eskapismus als spekulativen Raum für alternative Weltentwürfe diskutiert, von Ursula K. Le Guin bis zur queerfeministischen US-Science Fiction Autor:in Annalee Newitz.
Besonders deutlich wird hier die Ambivalenz des Eskapismusbegriffs: Gerade im Gegensatz zu einer entpolitisierenden Verwendung von Eskapismus insistieren Autor:innen wie Newitz darauf, dass spekulative Genres Räume eröffnen, die sich der Vereinnahmung durch rechte Ideologien entziehen. Eskapismus fungiert nicht als Rückzug aus der Welt, sondern als Schutzraum vor einem politischen Klima, das marginalisierte Perspektiven aktiv entwertet oder unsichtbar macht.
Newitz postulierte in einem TED-Talk, dass Fantasy- und SF-Fans sich als Communitys gegen soziale Ungleichheit und gegen den Abbau der Demokratie engagierten – gerade, weil sie einen spekulativen Reflexionsraum teilen. Eskapismus erscheint nicht als Flucht vor der Realität, sondern als kollektive Praxis der Zukunftsarbeit: als Safe Space insbesondere für Frauen, queere und marginalisierte Menschen. Der Flucht in spekulative Welten wohnt in dieser Perspektive eine vertiefte und potenziell transformative Auseinandersetzung mit Gegenwart inne; sie erscheint als eine Form des Zukunft-Machens.
Entscheidend ist jedoch, wer Eskapismus wozu einsetzt: als Mittel der Abwehr politischer Zumutungen oder als Ressource, um unter prekären Bedingungen Handlungsspielräume, Hoffnung und kollektive Resonanz zu erzeugen. Der Fantasy-Autor und Literaturkritiker Lev Grossman fasst die Vorzüge eskapistischer Genrelektüre 2012 wie folgt zusammen:
There’s more than escapism going on here. Why do we seek out these hard places for our fantasy vacations? Because on some level, we recognize and claim those disasters as our own. We seek out hard places precisely because our lives are hard. When you read genre fiction, you leave behind the problems of reality — but only to re-encounter those problems in transfigured form, in an unfamiliar guise, one that helps you understand them more completely, and feel them more deeply. Genre fiction isn’t just generic pap. You don’t read it to escape your problems, you read it to find a new way to come to terms with them.
In der gängigen Rede vom Eskapismus zeigt sich häufig die Fantasie einer vom Alltag getrennten Mediensphäre, die sich sozialen Prozessen entzieht und durch individuelle Selbstoptimierung kontrolliert werden muss. Eine Vorstellung, die angesichts der Dominanz von Plattformen und ihren sozialen Netzwerken selbst geradezu eskapistisch erscheint. Das Verhältnis von Fiktion und Realität ist zurzeit ungeklärt, und die Rede vom Eskapismus ist ein Symptom dieser Verwirrung.