Es gibt keine #Tabus

Journalisten und Politiker konstruieren immer wieder die Vorherrschaft von angeblichen Rede-Tabus, um sich selbst als Befreier zu stilisieren. Sie haben damit erfolgreich dazu beigetragen, dass reaktionäres Gedankengut heute als Ausdruck von Demokratie und Meinungsfreiheit gilt.

Endlich darf wieder gesagt werden, dass Frauen eigent­lich doch an den Herd gehören, dass sie kein Recht haben, über ihre Körper zu bestimmen oder dass Ausländer eine Gefahr sind. Endlich darf wieder gesagt werden, wie es wirk­lich ist. Oder wie Roger Köppel vor Trumps Wahl­sieg in der Welt­woche konsta­tierte: Themen wie Migra­tion, Asyl, Auslän­der­kri­mi­na­lität würden „erdrutsch­artig“ in den US-Wahlkampf einbre­chen – während in der Schweiz dank direkter Demo­kratie die „Tabus zum Glück schon früher geritzt“ worden seien. Es sei in der Schweiz mitt­ler­weile normal, „offen über die ­Probleme zu spre­chen, die den Leuten wirk­lich Sorgen machen“.

Roger Köppel sei Dank – oder wie es Kurt W. Zimmer­mann lobend formu­liert: Wir hätten in der Schweiz – anders als in Deutsch­land – Jour­na­listen wie Roger Köppel, die sich „alles zu sagen trauen“ und den Tabus bzw. der „Einheits­dok­trin“ entge­gen­treten. Auch Hans Ulrich Gumbrecht bläst in ein ähnli­ches Horn, wenn er in der NZZ philo­so­phiert, dass die Realität nun endlich entta­bui­siert werde. Gumbrecht diagnos­ti­ziert eine philo­so­phi­sche „Rück­kehr zum Realismus“, das Ende der dauernden Hinter­fra­gung und Rela­ti­vie­rung, endlich setze sich die „Sehn­sucht nach dem, was ist“ durch und das verhängte „Tabu über der Wirk­lich­keit“ würde aufgebrochen.

Cartoon von Andreas Prüstel, Quelle: de.toonpool.com

Solche und ähnliche Stimmen haben in den vergan­genen Jahren diskursiv den Weg bereitet für jene Poli­ti­ke­rinnen und Poli­tiker, die nicht nur „Tabus brechen“, sondern auch entspre­chend zu handeln verspre­chen – und dabei als „Volks­be­freier“ erscheinen. Rechts­kon­ser­va­tive Stimmen haben ihnen den Weg bereitet, indem sie die These stark machten, die „wahren Probleme“ würden tabui­siert, ja mehr noch, es herr­sche eine Diktatur der Poli­tical Correct­ness. So sei es „auto­ritär“, wie René Scheu in der NZZ schreibt, so etwas wie Unisex-Toiletten oder ein Binnen-I zu fordern.

Verän­de­rung wird mit Diktatur gleichgesetzt

Die Folge dieser epis­te­mi­schen Offen­sive ist, dass Ideen der Gleich­heit und Gerech­tig­keit – auch wenn sie noch so bescheiden sind – zuneh­mend als unge­hö­rige Eingriffe in die Natur, in den Markt, in die Vorlieben des „Volkes“ oder in den Plan Gottes empfunden werden. Verän­de­rung wird mit Gefahr, mit Diktatur und Verbot gleich­ge­setzt. Konser­va­tive und rechts­po­pu­lis­ti­sche Demagogen stili­sierten diesen Zusam­men­hang, um Angst zu schüren vor angeb­lich zu hohen Risiken sozialer und poli­ti­scher Verän­de­rung. Mit ihrem Argwohn gegen­über den Möglich­keiten mensch­li­chen Handelns oder Eingrei­fens schaffen sie nicht nur die Voraus­set­zung, um asym­me­tri­sche Herrschafts-Ordnungen abzu­schirmen und zu legi­ti­mieren. Viel­mehr werden Gleichheits-Ideale oder -Utopien mit Illu­sionen gleich­ge­setzt, das heisst mit dem nicht wahr­haben wollen von „Wirk­lich­keit“, mit angeb­li­chen Denk­ver­boten, Ideo­logie und Tabuisierung.

Quelle: nzz.ch

Die Rhetorik der Denk­ver­bote und Tabus ist für die gegen­wär­tigen poli­ti­schen Ausein­an­der­set­zungen zentral. Sie legt nahe, dass es eine „Befreiung“ brauche: ein „Schweigen, das gebro­chen“, ein „Denken, das befreit“, Verbote, die aufge­hoben werden müssen. Natür­lich durch jene, die das Tabu konstruieren.

Aussagen, die früher noch mit Stamm­tisch asso­zi­iert waren, gelten heute als Befrei­ungs­schläge. Nach den Ereig­nissen der Silves­ter­nacht am Kölner Bahnhof vor einem Jahr wurden „Tabu­brüche“ gefor­dert. Aller­dings wurde nicht – wie man erwarten könnte – endlich öffent­lich über sexua­li­sierte Gewalt gespro­chen. Viel­mehr bestand der einge­for­derte Tabu­bruch darin, laut auszu­spre­chen, dass eine bestimmte Kultur, die der Muslime, angeb­lich alleine und scheinbar exklusiv zu sexua­li­sierter Gewalt neige.

Es gibt keine Tabus

Allein, was über­haupt ist ein Tabu­bruch? Und warum gelten Tabu­brüche als positiv? Wie der Philo­soph Alex­ander Grau schreibt, kann der Tabu­bruch in seiner ursprüng­li­chen Bedeu­tung eigent­lich nichts Posi­tives sein. Der Tabu­be­griff wurde 1784 aus dem Poly­ne­si­schen nach Europa impor­tiert. In den tradi­tio­nellen Tabu­kul­turen meint das Tabu etwas Unaus­sprech­li­ches oder Unbe­rühr­bares, auf jeden Fall etwas, das keine posi­tive Bedeu­tung haben kann. Der Tabu­bruch war folg­lich etwas ganz und gar Verwerf­li­ches, etwas, das so abscheu­lich war, dass es eigent­lich nicht einmal gedacht werden konnte. Ein Tabu­bruch in diesem Sinne war eine Art Sakrileg, ein Vergehen gegen etwas Heiliges.

Quelle: welt.de

Was bei uns als „Tabu“ gilt, bezeichnet also genau genommen etwas Anderes: Gemeint sind nicht Tabus im eigent­li­chen Sinne, sondern Regeln, Normen oder Werte. Die bei uns prak­ti­zierten Tabu­brüche sind oft einfache Regel­ver­let­zungen, die zu Tabus stili­siert werden. Schon Wilhelm Wundt, der Begründer der wissen­schaft­li­chen Psycho­logie (1873), befand: Es gibt bei uns keine Tabus, nur Sitten und Gebräuche, auf die wir den impor­tierten Ausdruck „Tabu“ anwenden. Und der fran­zö­si­sche Sozio­loge Emil Durk­heim argu­men­tierte 1912, es gebe in Europa keine Tabus, viel­mehr würden diese zu Regeln transformiert.

Inter­es­sant ist Max Webers reli­gi­ons­theo­re­ti­sche Argu­men­ta­tion (1916/1920), warum es in der christlich-abendländischen Gesell­schaft keine Tabus gibt: Eva – die nackte Frau im Para­dies – ist die einzige, die jemals wirk­lich ein Tabu gebro­chen hat. Sie nahm den Apfel und machte uns damit zu Sünder_innen. Seitdem sind und bleiben wir alle Sünder_innen. Etwas wirk­lich Schlimmes oder Verwerf­li­ches können wir im Prinzip auf Erden nicht mehr tun: simul iustus et peccator (alle Menschen sind von ihren Sünden frei und bleiben doch zugleich Sünder). Verstösse gegen den Willen Gottes sind im Mono­the­ismus kein Tabu, sondern eine Sünde, die zwar das Gewissen belasten, aber im Leben auf Erden keine direkten Folgen haben. Erst am Jüngsten Tag wird gesühnt. Kurzum: Wenn wir sowieso Sünder_innen sind, gibt es auch kein Tabu mehr, das gebro­chen werden könnte.

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Tabus werden konstru­iert, um sie zu brechen

Was momentan massen­me­dial prak­ti­ziert wird, sind also keine Tabu­brüche. Was ist es dann? Kris­tina Schröder, die ehema­lige deut­sche Fami­li­en­mi­nis­terin (CDU), twit­terte anläss­lich der Gescheh­nisse in Köln an Silvester vor einem Jahr: „gewalt­le­gi­ti­mie­rende Männ­lich­keits­normen“ in der „musli­mi­schen Kultur“ seien „tabui­siert“ worden. Das klingt nach: Endlich sagt’s mal eine. Aber besteht über­haupt eine gesell­schaft­liche Über­ein­kunft, über musli­mi­sche Männ­lich­keits­normen – sofern es die gibt – zu schweigen? Wie die Spiegel-Journalistin Barbara Hans fest­stellte, folgte die Insze­nie­rung dieses angeb­li­chen Schwei­gens einem narziss­ti­schen Muster: Frau Schröder gab sich als Heldin, die den Mund aufmacht. Alles schweigt, eine spricht. Wer dazu aufruft, nicht nur einfach über dieses oder jenes nach­zu­denken, sondern Tabus zu brechen, ist eine echte Querdenkerin.

Trumps Tabu-Tonne, Kari­katur: Chris­tiane Pfohl­mann, Quelle: pfohlmann.de

Es geht also um die Spre­cherin und deren Über­le­gen­heit. Frau Schröder grenzte sich ab vom vermeint­lich zensierten Main­stream und von den Medien, die vorgeben, was der Main­stream zu denken habe. Genau besehen konnte die Unter­stel­lung eines Tabus es über­haupt erst ermög­li­chen, einen pauscha­li­sie­renden Vergewaltiger-Verdacht zu formu­lieren. Denn was angeb­lich nicht gedacht oder gesagt werden darf, musste irgendwie stimmen. Oder anders gesagt: Das Tabu wird über­haupt nur konstru­iert, um es zu brechen.

Doch abge­sehen davon sind Tabu­brüche, die in der breiten Öffent­lich­keit möglich sind, schon im Sinne jeder mögli­chen Defi­ni­tion des Tabu-Begriffs gar keine Tabu­brüche: Wer sich – wie Schröder oder Köppel – mit soge­nannten „Tabu­brü­chen“ breites Gehör verschafft, bricht kein Tabu, sondern schreibt sich ein in eine bereits allge­mein aner­kannte Sagbar­keit. Oder wie Heri­bert Prantl, Jour­na­list bei der Süddeut­schen Zeitung, es in der Talk­sen­dung „Hart aber fair“ formu­lierte: “Kein seriöses Medium verschweigt, was in Köln passiert ist. Die Verschleie­rungs­these ist Rechts­po­pu­lismus, eine wahn­hafte Konstruk­tion“, die Öffent­lich­keit verschweige weder ‚Inte­gra­ti­ons­pro­bleme‘ noch Frau­en­un­ter­drü­ckung in isla­mi­schen Gesellschaften.

Die vermeint­li­chen Tabus sind meis­tens gängige Klischees

Die Leute, die Tabus herbei­fan­ta­sieren, leben offen­sicht­lich nicht in dem Land, in dem von Sarra­zins „Deutsch­land schafft sich ab“, Busch­kow­skys „Neukölln ist überall“ noch jedes Buch, das promi­nent gegen zu viel Tole­ranz und Multi­kulti wettert, zum Millio­nen­seller und Gegen­stand mona­te­langer Debatten auf allen Kanälen geworden ist. Offen­sicht­lich auch nicht in der Schweiz, in der seit Jahren an grossen Bahn­höfen Plakate hängen, auf denen die Gleich­set­zung Ausländer = Verge­wal­tiger Tausenden von Reisenden aufge­drückt wird oder massen­wirksam die Vorstel­lung verbreitet wird, Musli­minnen könnten unmög­lich Schwei­ze­rinnen sein.

Der erfolg­reiche so genannte Tabu­bruch baut also auf den Konsens, er erfolgt nicht aus dem Off. Die Unter­stel­lung eines Tabus ist oft nichts anderes als eine Verschleie­rung, dass es sich um gängige Klischees handelt. Hier ist die Rolle der Medien entschei­dend: Um als tabubrechende_r Querdenker_in wahr­ge­nommen zu werden, muss man sich im Rahmen eines öffent­li­chen Konsenses bewegen, gleich­zeitig muss man sich als Aussenseiter_in insze­nieren und dadurch das Selbst­bild der Massen­me­dien bedienen, sie seien inves­ti­gativ. Glaubt man gewissen Medien, leben wir in einer Welt des andau­ernden Tabu­bruchs. Mit dem Verspre­chen, es liesse sich etwas beschreiben, das wirk­lich verwerf­lich ist, halten Jour­na­listen wie Roger Köppel eine perma­nente Erre­gung aufrecht. Diese Medi­en­logik mobi­li­siert zahl­reiche Trittbrettfahrer_innen, oftmals auch ehema­lige Linke, vor allem aber Leute, die ihre grösste Genug­tuung aus dem prin­zi­pi­ellen Dage­gen­halten ziehen. Einige von ihnen beschreiben den erstar­kenden ‚Trumpism‘ schon verzückt als neuen Punk – wie der Weltwoche-Journalist Urs Gehriger – und reden sich ein, sie sprängen immer auf den Zug, auf dem grad niemand sonst fährt. Aber da ist doch schon Frau Schröder! – möchte man ihnen zurufen.