Es gibt keine #Tabus

Journalisten und Politiker konstruieren immer wieder die Vorherrschaft von angeblichen Rede-Tabus, um sich selbst als Befreier zu stilisieren. Sie haben damit erfolgreich dazu beigetragen, dass reaktionäres Gedankengut heute als Ausdruck von Demokratie und Meinungsfreiheit gilt.



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Endlich darf wieder gesagt werden, dass Frauen eigentlich doch an den Herd gehören, dass sie kein Recht haben, über ihre Körper zu bestimmen oder dass Ausländer eine Gefahr sind. Endlich darf wieder gesagt werden, wie es wirklich ist. Oder wie Roger Köppel vor Trumps Wahlsieg in der Weltwoche konstatierte: Themen wie Migration, Asyl, Ausländerkriminalität würden „erdrutschartig“ in den US-Wahlkampf einbrechen – während in der Schweiz dank direkter Demokratie die „Tabus zum Glück schon früher geritzt“ worden seien. Es sei in der Schweiz mittlerweile normal, „offen über die ­Probleme zu sprechen, die den Leuten wirklich Sorgen machen“.

Roger Köppel sei Dank – oder wie es Kurt W. Zimmermann lobend formuliert: Wir hätten in der Schweiz – anders als in Deutschland – Journalisten wie Roger Köppel, die sich „alles zu sagen trauen“ und den Tabus bzw. der „Einheitsdoktrin“ entgegentreten. Auch Hans Ulrich Gumbrecht bläst in ein ähnliches Horn, wenn er in der NZZ philosophiert, dass die Realität nun endlich enttabuisiert werde. Gumbrecht diagnostiziert eine philosophische „Rückkehr zum Realismus“, das Ende der dauernden Hinterfragung und Relativierung, endlich setze sich die „Sehnsucht nach dem, was ist“ durch und das verhängte „Tabu über der Wirklichkeit“ würde aufgebrochen.

Solche und ähnliche Stimmen haben in den vergangenen Jahren diskursiv den Weg bereitet für jene Politikerinnen und Politiker, die nicht nur „Tabus brechen“, sondern auch entsprechend zu handeln versprechen – und dabei als „Volksbefreier“ erscheinen. Rechtskonservative Stimmen haben ihnen den Weg bereitet, indem sie die These stark machten, die „wahren Probleme“ würden tabuisiert, ja mehr noch, es herrsche eine Diktatur der Political Correctness. So sei es „autoritär“, wie René Scheu in der NZZ schreibt, so etwas wie Unisex-Toiletten oder ein Binnen-I zu fordern.

Veränderung wird mit Diktatur gleichgesetzt

Die Folge dieser epistemischen Offensive ist, dass Ideen der Gleichheit und Gerechtigkeit – auch wenn sie noch so bescheiden sind – zunehmend als ungehörige Eingriffe in die Natur, in den Markt, in die Vorlieben des „Volkes“ oder in den Plan Gottes empfunden werden. Veränderung wird mit Gefahr, mit Diktatur und Verbot gleichgesetzt. Konservative und rechtspopulistische Demagogen stilisierten diesen Zusammenhang, um Angst zu schüren vor angeblich zu hohen Risiken sozialer und politischer Veränderung. Mit ihrem Argwohn gegenüber den Möglichkeiten menschlichen Handelns oder Eingreifens schaffen sie nicht nur die Voraussetzung, um asymmetrische Herrschafts-Ordnungen abzuschirmen und zu legitimieren. Vielmehr werden Gleichheits-Ideale oder -Utopien mit Illusionen gleichgesetzt, das heisst mit dem nicht wahrhaben wollen von „Wirklichkeit“, mit angeblichen Denkverboten, Ideologie und Tabuisierung.

Die Rhetorik der Denkverbote und Tabus ist für die gegenwärtigen politischen Auseinandersetzungen zentral. Sie legt nahe, dass es eine „Befreiung“ brauche: ein „Schweigen, das gebrochen“, ein „Denken, das befreit“, Verbote, die aufgehoben werden müssen. Natürlich durch jene, die das Tabu konstruieren.

Aussagen, die früher noch mit Stammtisch assoziiert waren, gelten heute als Befreiungsschläge. Nach den Ereignissen der Silvesternacht am Kölner Bahnhof vor einem Jahr wurden „Tabubrüche“ gefordert. Allerdings wurde nicht – wie man erwarten könnte – endlich öffentlich über sexualisierte Gewalt gesprochen. Vielmehr bestand der eingeforderte Tabubruch darin, laut auszusprechen, dass eine bestimmte Kultur, die der Muslime, angeblich alleine und scheinbar exklusiv zu sexualisierter Gewalt neige.

Es gibt keine Tabus

Allein, was überhaupt ist ein Tabubruch? Und warum gelten Tabubrüche als positiv? Wie der Philosoph Alexander Grau schreibt, kann der Tabubruch in seiner ursprünglichen Bedeutung eigentlich nichts Positives sein. Der Tabubegriff wurde 1784 aus dem Polynesischen nach Europa importiert. In den traditionellen Tabukulturen meint das Tabu etwas Unaussprechliches oder Unberührbares, auf jeden Fall etwas, das keine positive Bedeutung haben kann. Der Tabubruch war folglich etwas ganz und gar Verwerfliches, etwas, das so abscheulich war, dass es eigentlich nicht einmal gedacht werden konnte. Ein Tabubruch in diesem Sinne war eine Art Sakrileg, ein Vergehen gegen etwas Heiliges.

Was bei uns als „Tabu“ gilt, bezeichnet also genau genommen etwas Anderes: Gemeint sind nicht Tabus im eigentlichen Sinne, sondern Regeln, Normen oder Werte. Die bei uns praktizierten Tabubrüche sind oft einfache Regelverletzungen, die zu Tabus stilisiert werden. Schon Wilhelm Wundt, der Begründer der wissenschaftlichen Psychologie (1873), befand: Es gibt bei uns keine Tabus, nur Sitten und Gebräuche, auf die wir den importierten Ausdruck „Tabu“ anwenden. Und der französische Soziologe Emil Durkheim argumentierte 1912, es gebe in Europa keine Tabus, vielmehr würden diese zu Regeln transformiert.

Interessant ist Max Webers religionstheoretische Argumentation (1916/1920), warum es in der christlich-abendländischen Gesellschaft keine Tabus gibt: Eva – die nackte Frau im Paradies – ist die einzige, die jemals wirklich ein Tabu gebrochen hat. Sie nahm den Apfel und machte uns damit zu Sünder_innen. Seitdem sind und bleiben wir alle Sünder_innen. Etwas wirklich Schlimmes oder Verwerfliches können wir im Prinzip auf Erden nicht mehr tun: simul iustus et peccator (alle Menschen sind von ihren Sünden frei und bleiben doch zugleich Sünder). Verstösse gegen den Willen Gottes sind im Monotheismus kein Tabu, sondern eine Sünde, die zwar das Gewissen belasten, aber im Leben auf Erden keine direkten Folgen haben. Erst am Jüngsten Tag wird gesühnt. Kurzum: Wenn wir sowieso Sünder_innen sind, gibt es auch kein Tabu mehr, das gebrochen werden könnte.

Tabus werden konstruiert, um sie zu brechen

Was momentan massenmedial praktiziert wird, sind also keine Tabubrüche. Was ist es dann? Kristina Schröder, die ehemalige deutsche Familienministerin (CDU), twitterte anlässlich der Geschehnisse in Köln an Silvester vor einem Jahr: „gewaltlegitimierende Männlichkeitsnormen“ in der „muslimischen Kultur“ seien „tabuisiert“ worden. Das klingt nach: Endlich sagt’s mal eine. Aber besteht überhaupt eine gesellschaftliche Übereinkunft, über muslimische Männlichkeitsnormen – sofern es die gibt – zu schweigen? Wie die Spiegel-Journalistin Barbara Hans feststellte, folgte die Inszenierung dieses angeblichen Schweigens einem narzisstischen Muster: Frau Schröder gab sich als Heldin, die den Mund aufmacht. Alles schweigt, eine spricht. Wer dazu aufruft, nicht nur einfach über dieses oder jenes nachzudenken, sondern Tabus zu brechen, ist eine echte Querdenkerin.

Es geht also um die Sprecherin und deren Überlegenheit. Frau Schröder grenzte sich ab vom vermeintlich zensierten Mainstream und von den Medien, die vorgeben, was der Mainstream zu denken habe. Genau besehen konnte die Unterstellung eines Tabus es überhaupt erst ermöglichen, einen pauschalisierenden Vergewaltiger-Verdacht zu formulieren. Denn was angeblich nicht gedacht oder gesagt werden darf, musste irgendwie stimmen. Oder anders gesagt: Das Tabu wird überhaupt nur konstruiert, um es zu brechen.

Doch abgesehen davon sind Tabubrüche, die in der breiten Öffentlichkeit möglich sind, schon im Sinne jeder möglichen Definition des Tabu-Begriffs gar keine Tabubrüche: Wer sich – wie Schröder oder Köppel – mit sogenannten „Tabubrüchen“ breites Gehör verschafft, bricht kein Tabu, sondern schreibt sich ein in eine bereits allgemein anerkannte Sagbarkeit. Oder wie Heribert Prantl, Journalist bei der Süddeutschen Zeitung, es in der Talksendung „Hart aber fair“ formulierte: “Kein seriöses Medium verschweigt, was in Köln passiert ist. Die Verschleierungsthese ist Rechtspopulismus, eine wahnhafte Konstruktion“, die Öffentlichkeit verschweige weder ‚Integrationsprobleme‘ noch Frauenunterdrückung in islamischen Gesellschaften.

Die vermeintlichen Tabus sind meistens gängige Klischees

Die Leute, die Tabus herbeifantasieren, leben offensichtlich nicht in dem Land, in dem von Sarrazins „Deutschland schafft sich ab“, Buschkowskys „Neukölln ist überall“ noch jedes Buch, das prominent gegen zu viel Toleranz und Multikulti wettert, zum Millionenseller und Gegenstand monatelanger Debatten auf allen Kanälen geworden ist. Offensichtlich auch nicht in der Schweiz, in der seit Jahren an grossen Bahnhöfen Plakate hängen, auf denen die Gleichsetzung Ausländer = Vergewaltiger Tausenden von Reisenden aufgedrückt wird oder massenwirksam die Vorstellung verbreitet wird, Musliminnen könnten unmöglich Schweizerinnen sein.

Der erfolgreiche so genannte Tabubruch baut also auf den Konsens, er erfolgt nicht aus dem Off. Die Unterstellung eines Tabus ist oft nichts anderes als eine Verschleierung, dass es sich um gängige Klischees handelt. Hier ist die Rolle der Medien entscheidend: Um als tabubrechende_r Querdenker_in wahrgenommen zu werden, muss man sich im Rahmen eines öffentlichen Konsenses bewegen, gleichzeitig muss man sich als Aussenseiter_in inszenieren und dadurch das Selbstbild der Massenmedien bedienen, sie seien investigativ. Glaubt man gewissen Medien, leben wir in einer Welt des andauernden Tabubruchs. Mit dem Versprechen, es liesse sich etwas beschreiben, das wirklich verwerflich ist, halten Journalisten wie Roger Köppel eine permanente Erregung aufrecht. Diese Medienlogik mobilisiert zahlreiche Trittbrettfahrer_innen, oftmals auch ehemalige Linke, vor allem aber Leute, die ihre grösste Genugtuung aus dem prinzipiellen Dagegenhalten ziehen. Einige von ihnen beschreiben den erstarkenden ‚Trumpism‘ schon verzückt als neuen Punk – wie der Weltwoche-Journalist Urs Gehriger – und reden sich ein, sie sprängen immer auf den Zug, auf dem grad niemand sonst fährt. Aber da ist doch schon Frau Schröder! – möchte man ihnen zurufen.