Franziska Schutzbach

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Franziska Schutzbach hat Soziologie, Me­dien­­wissen­schaften und Ge­schlech­ter­forschung an der Uni­versität Basel studiert. Sie lehrt und forscht am Zentrum Gender Studies der Uni Basel und ist Heraus­geberin von Geschichte der Gegenwart.

Endlich darf wieder gesagt werden, dass Frauen eigent­lich doch an den Herd gehören, dass sie kein Recht haben, über ihre Körper zu bestimmen oder dass Ausländer eine Gefahr sind. Endlich darf wieder gesagt werden, wie es wirk­lich ist. Oder wie Roger Köppel vor Trumps Wahl­sieg in der Welt­woche konsta­tierte: Themen wie Migra­tion, Asyl, Auslän­der­kri­mi­na­lität würden „erdrutsch­artig“ in den US-Wahl­kampf einbre­chen – während in der Schweiz dank direkter Demo­kratie die „Tabus zum Glück schon früher geritzt“ worden seien. Es sei in der Schweiz mitt­ler­weile normal, „offen über die ­Probleme zu spre­chen, die den Leuten wirk­lich Sorgen machen“.

Roger Köppel sei Dank – oder wie es Kurt W. Zimmer­mann lobend formu­liert: Wir hätten in der Schweiz – anders als in Deutsch­land – Jour­na­listen wie Roger Köppel, die sich „alles zu sagen trauen“ und den Tabus bzw. der „Einheits­dok­trin“ entge­gen­treten. Auch Hans Ulrich Gumbrecht bläst in ein ähnli­ches Horn, wenn er in der NZZ philo­so­phiert, dass die Realität nun endlich entta­bui­siert werde. Gumbrecht diagnos­ti­ziert eine philo­so­phi­sche „Rück­kehr zum Realismus“, das Ende der dauernden Hinter­fra­gung und Rela­ti­vie­rung, endlich setze sich die „Sehn­sucht nach dem, was ist“ durch und das verhängte „Tabu über der Wirk­lich­keit“ würde aufge­bro­chen.

Cartoon von Andreas Prüstel, Quelle: de.toonpool.com

Solche und ähnliche Stimmen haben in den vergan­genen Jahren diskursiv den Weg bereitet für jene Poli­ti­ke­rinnen und Poli­tiker, die nicht nur „Tabus brechen“, sondern auch entspre­chend zu handeln verspre­chen – und dabei als „Volks­be­freier“ erscheinen. Rechts­kon­ser­va­tive Stimmen haben ihnen den Weg bereitet, indem sie die These stark machten, die „wahren Probleme“ würden tabui­siert, ja mehr noch, es herr­sche eine Diktatur der Poli­tical Correct­ness. So sei es „auto­ritär“, wie René Scheu in der NZZ schreibt, so etwas wie Unisex-Toiletten oder ein Binnen-I zu fordern.

Veränderung wird mit Diktatur gleichgesetzt

Die Folge dieser epis­te­mi­schen Offen­sive ist, dass Ideen der Gleich­heit und Gerech­tig­keit – auch wenn sie noch so bescheiden sind – zuneh­mend als unge­hö­rige Eingriffe in die Natur, in den Markt, in die Vorlieben des „Volkes“ oder in den Plan Gottes empfunden werden. Verän­de­rung wird mit Gefahr, mit Diktatur und Verbot gleich­ge­setzt. Konser­va­tive und rechts­po­pu­lis­ti­sche Demagogen stili­sierten diesen Zusam­men­hang, um Angst zu schüren vor angeb­lich zu hohen Risiken sozialer und poli­ti­scher Verän­de­rung. Mit ihrem Argwohn gegen­über den Möglich­keiten mensch­li­chen Handelns oder Eingrei­fens schaffen sie nicht nur die Voraus­set­zung, um asym­me­tri­sche Herr­schafts-Ordnungen abzu­schirmen und zu legi­ti­mieren. Viel­mehr werden Gleich­heits-Ideale oder -Utopien mit Illu­sionen gleich­ge­setzt, das heisst mit dem nicht wahr­haben wollen von „Wirk­lich­keit“, mit angeb­li­chen Denk­ver­boten, Ideo­logie und Tabui­sie­rung.

Quelle: nzz.ch

Die Rhetorik der Denk­ver­bote und Tabus ist für die gegen­wär­tigen poli­ti­schen Ausein­an­der­set­zungen zentral. Sie legt nahe, dass es eine „Befreiung“ brauche: ein „Schweigen, das gebro­chen“, ein „Denken, das befreit“, Verbote, die aufge­hoben werden müssen. Natür­lich durch jene, die das Tabu konstru­ieren.

Aussagen, die früher noch mit Stamm­tisch asso­zi­iert waren, gelten heute als Befrei­ungs­schläge. Nach den Ereig­nissen der Silves­ter­nacht am Kölner Bahnhof vor einem Jahr wurden „Tabu­brüche“ gefor­dert. Aller­dings wurde nicht – wie man erwarten könnte – endlich öffent­lich über sexua­li­sierte Gewalt gespro­chen. Viel­mehr bestand der einge­for­derte Tabu­bruch darin, laut auszu­spre­chen, dass eine bestimmte Kultur, die der Muslime, angeb­lich alleine und scheinbar exklusiv zu sexua­li­sierter Gewalt neige.

Es gibt keine Tabus

Allein, was über­haupt ist ein Tabu­bruch? Und warum gelten Tabu­brüche als positiv? Wie der Philo­soph Alex­ander Grau schreibt, kann der Tabu­bruch in seiner ursprüng­li­chen Bedeu­tung eigent­lich nichts Posi­tives sein. Der Tabu­be­griff wurde 1784 aus dem Poly­ne­si­schen nach Europa impor­tiert. In den tradi­tio­nellen Tabu­kul­turen meint das Tabu etwas Unaus­sprech­li­ches oder Unbe­rühr­bares, auf jeden Fall etwas, das keine posi­tive Bedeu­tung haben kann. Der Tabu­bruch war folg­lich etwas ganz und gar Verwerf­li­ches, etwas, das so abscheu­lich war, dass es eigent­lich nicht einmal gedacht werden konnte. Ein Tabu­bruch in diesem Sinne war eine Art Sakrileg, ein Vergehen gegen etwas Heiliges.

Quelle: welt.de

Was bei uns als „Tabu“ gilt, bezeichnet also genau genommen etwas Anderes: Gemeint sind nicht Tabus im eigent­li­chen Sinne, sondern Regeln, Normen oder Werte. Die bei uns prak­ti­zierten Tabu­brüche sind oft einfache Regel­ver­let­zungen, die zu Tabus stili­siert werden. Schon Wilhelm Wundt, der Begründer der wissen­schaft­li­chen Psycho­logie (1873), befand: Es gibt bei uns keine Tabus, nur Sitten und Gebräuche, auf die wir den impor­tierten Ausdruck „Tabu“ anwenden. Und der fran­zö­si­sche Sozio­loge Emil Durk­heim argu­men­tierte 1912, es gebe in Europa keine Tabus, viel­mehr würden diese zu Regeln trans­for­miert.

Inter­es­sant ist Max Webers reli­gi­ons­theo­re­ti­sche Argu­men­ta­tion (1916/1920), warum es in der christ­lich-abend­län­di­schen Gesell­schaft keine Tabus gibt: Eva – die nackte Frau im Para­dies – ist die einzige, die jemals wirk­lich ein Tabu gebro­chen hat. Sie nahm den Apfel und machte uns damit zu Sünder_innen. Seitdem sind und bleiben wir alle Sünder_innen. Etwas wirk­lich Schlimmes oder Verwerf­li­ches können wir im Prinzip auf Erden nicht mehr tun: simul iustus et peccator (alle Menschen sind von ihren Sünden frei und bleiben doch zugleich Sünder). Verstösse gegen den Willen Gottes sind im Mono­the­ismus kein Tabu, sondern eine Sünde, die zwar das Gewissen belasten, aber im Leben auf Erden keine direkten Folgen haben. Erst am Jüngsten Tag wird gesühnt. Kurzum: Wenn wir sowieso Sünder_innen sind, gibt es auch kein Tabu mehr, das gebro­chen werden könnte.

Tabus werden konstruiert, um sie zu brechen

Was momentan massen­me­dial prak­ti­ziert wird, sind also keine Tabu­brüche. Was ist es dann? Kris­tina Schröder, die ehema­lige deut­sche Fami­li­en­mi­nis­terin (CDU), twit­terte anläss­lich der Gescheh­nisse in Köln an Silvester vor einem Jahr: „gewalt­le­gi­ti­mie­rende Männ­lich­keits­normen“ in der „musli­mi­schen Kultur“ seien „tabui­siert“ worden. Das klingt nach: Endlich sagt’s mal eine. Aber besteht über­haupt eine gesell­schaft­liche Über­ein­kunft, über musli­mi­sche Männ­lich­keits­normen – sofern es die gibt – zu schweigen? Wie die Spiegel-Jour­na­listin Barbara Hans fest­stellte, folgte die Insze­nie­rung dieses angeb­li­chen Schwei­gens einem narziss­ti­schen Muster: Frau Schröder gab sich als Heldin, die den Mund aufmacht. Alles schweigt, eine spricht. Wer dazu aufruft, nicht nur einfach über dieses oder jenes nach­zu­denken, sondern Tabus zu brechen, ist eine echte Quer­den­kerin.

Trumps Tabu-Tonne, Kari­katur: Chris­tiane Pfohl­mann, Quelle: pfohlmann.de

Es geht also um die Spre­cherin und deren Über­le­gen­heit. Frau Schröder grenzte sich ab vom vermeint­lich zensierten Main­stream und von den Medien, die vorgeben, was der Main­stream zu denken habe. Genau besehen konnte die Unter­stel­lung eines Tabus es über­haupt erst ermög­li­chen, einen pauscha­li­sie­renden Verge­wal­tiger-Verdacht zu formu­lieren. Denn was angeb­lich nicht gedacht oder gesagt werden darf, musste irgendwie stimmen. Oder anders gesagt: Das Tabu wird über­haupt nur konstru­iert, um es zu brechen.

Doch abge­sehen davon sind Tabu­brüche, die in der breiten Öffent­lich­keit möglich sind, schon im Sinne jeder mögli­chen Defi­ni­tion des Tabu-Begriffs gar keine Tabu­brüche: Wer sich – wie Schröder oder Köppel – mit soge­nannten „Tabu­brü­chen“ breites Gehör verschafft, bricht kein Tabu, sondern schreibt sich ein in eine bereits allge­mein aner­kannte Sagbar­keit. Oder wie Heri­bert Prantl, Jour­na­list bei der Süddeut­schen Zeitung, es in der Talk­sen­dung „Hart aber fair“ formu­lierte: “Kein seriöses Medium verschweigt, was in Köln passiert ist. Die Verschleie­rungs­these ist Rechts­po­pu­lismus, eine wahn­hafte Konstruk­tion“, die Öffent­lich­keit verschweige weder ‚Inte­gra­ti­ons­pro­bleme‘ noch Frau­en­un­ter­drü­ckung in isla­mi­schen Gesell­schaften.

Die vermeintlichen Tabus sind meistens gängige Klischees

Die Leute, die Tabus herbei­fan­ta­sieren, leben offen­sicht­lich nicht in dem Land, in dem von Sarra­zins „Deutsch­land schafft sich ab“, Busch­kow­skys „Neukölln ist überall“ noch jedes Buch, das promi­nent gegen zu viel Tole­ranz und Multi­kulti wettert, zum Millio­nen­seller und Gegen­stand mona­te­langer Debatten auf allen Kanälen geworden ist. Offen­sicht­lich auch nicht in der Schweiz, in der seit Jahren an grossen Bahn­höfen Plakate hängen, auf denen die Gleich­set­zung Ausländer = Verge­wal­tiger Tausenden von Reisenden aufge­drückt wird oder massen­wirksam die Vorstel­lung verbreitet wird, Musli­minnen könnten unmög­lich Schwei­ze­rinnen sein.

Der erfolg­reiche so genannte Tabu­bruch baut also auf den Konsens, er erfolgt nicht aus dem Off. Die Unter­stel­lung eines Tabus ist oft nichts anderes als eine Verschleie­rung, dass es sich um gängige Klischees handelt. Hier ist die Rolle der Medien entschei­dend: Um als tabubrechende_r Querdenker_in wahr­ge­nommen zu werden, muss man sich im Rahmen eines öffent­li­chen Konsenses bewegen, gleich­zeitig muss man sich als Aussenseiter_in insze­nieren und dadurch das Selbst­bild der Massen­me­dien bedienen, sie seien inves­ti­gativ. Glaubt man gewissen Medien, leben wir in einer Welt des andau­ernden Tabu­bruchs. Mit dem Verspre­chen, es liesse sich etwas beschreiben, das wirk­lich verwerf­lich ist, halten Jour­na­listen wie Roger Köppel eine perma­nente Erre­gung aufrecht. Diese Medi­en­logik mobi­li­siert zahl­reiche Trittbrettfahrer_innen, oftmals auch ehema­lige Linke, vor allem aber Leute, die ihre grösste Genug­tuung aus dem prin­zi­pi­ellen Dage­gen­halten ziehen. Einige von ihnen beschreiben den erstar­kenden ‚Trumpism‘ schon verzückt als neuen Punk – wie der Welt­woche-Jour­na­list Urs Gehriger – und reden sich ein, sie sprängen immer auf den Zug, auf dem grad niemand sonst fährt. Aber da ist doch schon Frau Schröder! – möchte man ihnen zurufen.

Franziska Schutzbach

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Franziska Schutzbach hat Soziologie, Me­dien­­wissen­schaften und Ge­schlech­ter­forschung an der Uni­versität Basel studiert. Sie lehrt und forscht am Zentrum Gender Studies der Uni Basel und ist Heraus­geberin von Geschichte der Gegenwart.