Es gab nur einen Kalten Krieg. Aber es gab zwei Sieger.

Droht die Wiederkehr der Vergangenheit? In Syrien kommen sich Russland und die USA gefährlich ins Gehege, im Netz tobt ein Info- und Cyberkrieg zwischen Russland und westlichen Staaten. Die gängige Rede von einem neuen Kalten Krieg übersieht aber Entscheidendes.



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Was war der Kalte Krieg? Gab es nur den einen, den „cold war“ zwischen der Sowjetunion und den USA, der nach allgemeiner Einschätzung 1946/47 einsetzte und spätestens mit dem Ende der Sowjetunion als Staat, also 1991, endete? Oder ist „kalter Krieg“ generell ein Zustand gespannter Feindschaft zwischen zwei grossen, mächtigen Staaten, die sich wie zwei knurrende Tiere umkreisen, sich aber nicht anzugreifen wagen, weil sie sich als gleich stark einschätzen? So zu sprechen klingt verlockend und scheint immer wieder eine brauchbare Metapher zu sein, um politische Spannungen in der Abteilung „Gross- und Supermächte“ zu charakterisieren, so auch jetzt wieder das Verhältnis zwischen Russland und den USA unter Putin und Trump. Doch damit übersieht man Entscheidendes.

George Orwell und die Atombombe

Der Begriff Kalter Krieg stammt, als „guerre froide“, ursprünglich aus der französischen politischen Publizistik der 1930er Jahre. Es war dann aber George Orwell, der schon im Oktober 1945 auf einen welthistorischen Einschnitt reagierte und davon ausgehend die Zukunft eines „cold war“ voraussah, und zwar in einem kurzen Artikel mit dem Titel „You and the Atomic Bomb“. Orwell argumentierte, dass generell die Waffentechnologie prägend für den Lauf der Geschichte sei. Billige Waffen, die den Vielen zur Verfügung stehen, würden Revolten gegen die Herrschenden ermöglichen; daher seien die Muskete und das Gewehr die Waffen des Bürgertums und der Demokratie. Schwere, teure Waffen hingegen würden die Tyrannen bevorteilen.

Die neuartige Atombombe als eine sehr teure, sehr komplizierte Waffe würde, so Orwell, dazu führen, dass sich zwei oder drei Supermächte bilden, die je über die Atomwaffe verfügen und im Inneren tyrannisch strukturiert seien. Orwell stellte sich die künftige Grenzziehung zwischen diesen neuen Blöcken als absolut vor: Die Logik der Atomwaffe führe zu einer Regierungsform und zu einem politischen Handeln, das auf maximale Konfrontation, Distanz zum Gegner und geschlossene Grenzen hin angelegt sei – und zwar unabhängig von der ideologischen Ausrichtung der Blöcke. Aber in der Logik dieser Waffe liegt auch, so Orwells zentrales Argument, dass die Super-Mächte insgeheim übereinkommen würden, die Bombe gar nicht einzusetzen, weil sie einander nicht mehr erobern können, sondern in einem solchen Krieg selbst untergehen würden. Sie werden daher, so Orwell, in einem „permanent state of ‘cold war’“ leben. Die grossen Kriege würden damit aufhören – „at the cost of prolonging indefinitely a ‘peace that is no peace’.“

Orwell argumentierte in diesem Artikel vom Oktober 1945 allein waffentechnologisch; der Antagonismus zwischen den Blöcken erschien als reiner Effekt der Atomwaffe, genauer als direkte Konsequenz der Machtlogik von atombombengestützten Oligarchien, die sich einen ‚heissen‘ Krieg um den Preis des eigenen Untergangs nicht leisten können. Auch wenn diese überaus kühle Beschreibung der Gegnerschaft zwischen den USA und der Sowjetunion bald von Orwell selbst aufgegeben und dann namentlich vom amerikanischen Journalisten Walter Lippmann mit Blick auf die ideologische Auseinandersetzung verwendet wurde, benannte Orwell schon 1945 eines von zwei zentralen Elementen für das Verständnis des Kalten Krieges als einer ganz bestimmten machtpolitischen Konstellation und historischen Epoche: Der Kalte Krieg war nicht ‚kalt‘, weil sich zwei Supermächte im Sicherheitsrat ständig anknurrten, sondern weil sie ab 1949 in einer atomaren Rüstungsspirale gefangen waren.

Diese Spirale führte zur Entwicklung eines Zerstörungspotentials, das nicht nur die wechselseitige totale Auslöschung „garantierte“, sondern sogar für mehrere Erden oder Menschheiten gereicht hätte. Das damit verbundene Drohpotential brachte es zudem aber auch mit sich, dass die beiden Supermächte mehr Macht ausserhalb ihres eigenen geographischen Raumes zu projizieren vermochten, als ihnen das ohne Atomwaffen möglich gewesen wäre. Der Kalte Krieg wurde deshalb spätestens nach dem Bau der Berliner Mauer im August 1961, der die Konfrontation in Europa gleichsam einfror, zu einem global geführten Konflikt. Und schliesslich lässt sich sagen: Der Kalte Krieg endete nicht zuletzt, weil Ronald Reagan und Michail Gorbatschow es im Oktober 1986 buchstäblich am Kaminfeuer einer ehemaligen Botschafterresidenz ausserhalb von Reykjavik schafften – allerdings auf dem Hintergrund schon jahrzehntelanger Rüstungsbeschränkungsbemühungen –, diese Aufwärtsspirale zu durchbrechen.

Churchill, Truman und die „two ways of life”

Das zweite wesentliche Element, dass den Kalten Krieg zwischen 1946/47 und dem Ende der 1980er Jahre so einzigartig machte, war das, was man als ideologischen Gegensatz beziehungsweise auch als „Systemkonkurrenz“ beschreiben kann. Schon am 5. März 1946 hatte der britische Ex-Premier Winston Churchill in einer Rede im Westminster College in Fulton, Missouri, den berühmten Satz ausgesprochen: „From Stettin in the Baltic to Trieste in the Adriatic an iron curtain has descended across the Continent.“ Er meinte damit die Grenze jener Gebiete, die am Ende des Zweiten Weltkrieges von der Sowjetunion unter grössten militärischen Anstrengungen erobert worden waren, und wo Stalin ihm genehme Regierungen installierte. Churchill gestand zwar, ganz Realpolitiker, seinem „wartime comrade, Marshall Stalin“ durchaus die Errichtung eines politischen Einflussbereichs und militärischen Sicherheitsgürtel gegen jede künftige deutsche Aggression zu. Dennoch war das Bild vom „eisernen Vorhang“ fast allzu sprechend: Wenn der Vorhang fällt, ist das Stück aus und wird es dunkel; doch weil man normale Vorhänge zurückschlagen kann, war dieser hier aus Eisen (wie es ihn im Theater seit dem 19. Jahrhundert als Feuerschutz gibt).

Doch welches Stück war, dem Bild des iron curtain entsprechend, nun für Osteuropa genau zu Ende? Churchill sprach in seiner Rede drei Element an, die seither immer wieder variiert wurden: Das spezifisch westliche Modell der Demokratie, die betont angelsächsische „rule of law“ bzw. die rechtsstaatliche Verfasstheit moderner westlicher Gesellschaften – und die „Christian civilization“, das christliche Abendland, damals noch unter dem exklusiven, gemäss Churchill gottgegebenen Schutz der Atombombe. Das waren zwar, so Churchill, westliche Traditionen, aber er verband sie  – in einer für den kommenden Kalten Krieg überaus typischen Weise – mit einem globalen Anspruch: „All this means”, sagte er im März 1946 in Missouri, „that the people of any country have the right, and should have the power by constitutional action, by free unfettered elections […], to choose or change the character or form of government under which they dwell; that freedom of speech and thought should reign“, etc.

Mit anderen Worten: Die westliche Form der Demokratie sei ein Modell für die Organisation politischer Herrschaft überall auf der Welt. Es geht hier nicht darum, ob man das ‚gut‘ oder ‚schlecht‘ findet, sondern nur darum, festzuhalten, dass damit der Kalte Krieg von Anfang an als ein Konflikt um grundsätzliche politische und weltanschauliche Positionen geführt wurde, und zwar mit einem Anspruch „für die Menschen aller Länder“. Das gilt besonders für die politisch, militärisch und wirtschaftlich gestärkt aus dem Zweiten Weltkrieg hervorgegangen USA und ihre Politik versteckter und offener Interventionen zugunsten von ihr genehmen Regimes und zur „Eindämmung“ des sowjetischen Einflusses.

Es gilt aber auch für die Sowjetunion. Zwar hatte Stalin seine Politik schon seit den späten 1920er Jahren nach der Maxime des „Aufbaus des Sozialismus in einem Land“ ausgerichtet, zudem musste die Sowjetunion nach 1945 das weitaus grösste Ausmass an Kriegsschäden bewältigen. Aber auch sie hatte den Anspruch, sowohl ideologisch wie auch ökonomisch ‚besser‘ zu sein als den Westen und diesen, wie dann Stalins Nachfolger Chruschtschow immer wieder versprach, bald zu „überholen“. Und auch die Sowjetunion hat in der sogenannten Dritten Welt – ein Begriff des Kalten Krieges – unter dem Vorwand der „Solidarität mit den unterdrückten Völkern“ ihre geopolitische Macht auszuweiten versucht, zuletzt ab 1979 in Afghanistan. Im Grunde waren sich daher die Gegner zumindest in der Beschreibung des Kampfplatzes vollkommen einig, wie man sie in Präsident Trumans eigentlicher Kriegserklärung vom März 1947 finden kann: Es gehe nun in Zukunft darum, so Truman in seiner Rede vor dem Kongress, dass „nearly every nation must choose between alternative ways of life“. Darüber, worin diese Wahl bestehe und wie sich die beiden „ways of life“ unterscheiden – etwa Demokratie und Kapitalismus auf der einen Seite, Herrschaft der Partei der Arbeiterklasse und kollektive(re) Formen der gesellschaftlichen Organisation auf der anderen, etc. –, tobte der Streit. Einig war man sich nur darin: Es ging um Grundsätzliches.

Das Erbe des Kalten Krieges und die Verteilung der Beute

Diese kurzen Bemerkungen dienen hier nur dazu, einen Punkt festzuhalten, der einen entscheidenden Unterschied, eine Differenz zu allen anderen historischen Epochen vorher und nachher markieren: die Verhakung von atomarem Rüstungswettlauf mit ideologischer Systemkonkurrenz im Weltmassstab. Es war vielleicht sogar in erster Linie dieses (atombombengestützte) Ringen um den ‚besseren‘ Weg in die Zukunft, das Ringen um Kapitalismus oder Sozialismus, um „Freiheit“ vs. „Friede“, um „bürgerliche“ oder „proletarische“ Demokratie, das den Kalten Krieg ausmachte. Auch wenn unbestreitbar ist, dass die USA zumindest im Süden bis weit in die 1960er Jahren ein rassistisch organisierter Staat waren, und dass in der Sowjetunion die Rede vom „Sozialismus“ weitgehend eine zynische Leerformel der Herrschenden darstellte, waren Demokratie/Freiheit und Sozialismus/Friede sehr machtvolle Fiktionen. Bei allem Zynismus der Macht, bei allem globalen Kämpfen der Supermächte um den eigenen Vorteil und bei aller irrationalen Angst vor dem Gegner – etwa in den „red scares“ der 1950er Jahre – kommt man daher nicht ganz umhin, diesem Konflikt eine gewisse Ernsthaftigkeit, ja fast schon eine gewisse Würde zuzusprechen. Viele Politiker und Intellektuelle, aber auch viele Bürgerinnen und Bürger auf beiden Seiten des „iron curtains“ glaubten ernsthaft und aus tiefer Überzeugung an ihre Sache. Das macht die Politik im Kalten Krieg nicht besser, als sie war – aber es macht sie zumindest historisch spezifisch.

Diese Einzigartigkeit des Kalten Krieges aber bedeutet, dass wir heute in einem anderen Zeitalter leben, einem Zeitalter, das mit dem Kalten Krieg nicht mehr viel gemein hat. Was heisst das? Zunächst sollte man fragen, wer den Kalten Krieg verloren und wer ihn gewonnen hat. Eine erste, kurze Antwort ist eindeutig: Verloren haben die Sowjetunion und damit das Gesellschaftsmodell des „Sozialismus“; gewonnen haben, allgemeiner Auffassung zufolge, die „liberale Demokratie“ und der Kapitalismus, primär also die USA. Bei genauerem Hinsehen und mit zunehmendem historischen Abstand zeichnet sich allerdings ein etwas anders Bild ab. Die Sowjetunion, die sich 1991 so merkwürdig schnell auflöste, war offenbar nur eine ideologische Hülle, die, um den Preis allerdings von Gebietsverlusten, von den Machtapparaten und jenen hohen Funktionären, die sich grosse Teile der Wirtschaft privat angeeignet haben, leichterhand abgeworfen werden konnte. Zurück blieb namentlich in Russland ein erzkapitalistisch funktionierender, die kleptokratische Elite bereichernder und autoritär regierter Staat – der Staat Putins.

Und in den USA? Man kann wohl sagen, dass die USA noch unter Obama tatsächlich versuchten, das liberale Erbe des Kalten Krieges anzutreten, allerdings auf dem Hintergrund einer schon seit dem Ende der 1970er Jahre sich dramatisch weitenden sozialen Spaltung. Heute aber, unter Trump und der von ihm eroberten republikanischen Partei, zeichnet sich ab, dass dieser amerikanische Kapitalismus zumindest droht, ins unverhüllt Autoritäre zu kippen. Wenn sich also, auf eine Formel gebracht, im Kalten Krieg auf der einen Seite Kapitalismus und Demokratie, auf der andern autoritärer Staat und Sozialismus gegenüberstanden – besteht dann das längerfristige Erbe des Kalten Krieges womöglich im russisch-amerikanischen Doppelsieg eines autoritären Kapitalismus, während der Sozialismus historisch erledigt und die Demokratie auf dem Rückzug ist? Noch ist eine solche Vermutung eine blosse Spekulation, die zu verifizieren uns die nötige historische Distanz fehlt. Wir können nur hoffen, sie sei falsch.