Eine Kunstausstellung zum Thema Fahrrad. Fahrräder in allen Variationen, Fahrräder in Öl, Fahrräder mit Bleistift, Fahrradobjekte, Fahrradskulpturen. Das klingt harmlos, eher nach Amateurkunst, keineswegs nach einem Ereignis, mit dem man ein Interview mit einem bekannten Künstler beginnen könnte. Aber es klingt auch nach Diktatur, wie wir sie derzeit in Belarus vorfinden. Möglichst harmlose Themen, eine offensichtliche Nähe der Veranstalter:innen zur Familie des Staatsoberhauptes Aliaksandr Lukaschenka. Aber die Ausstellung zeigt trotzdem etwas, und zwar, wie der Kunstbetrieb in einer Diktatur funktioniert. Haben die Künstler:innen überhaupt einen Spielraum, wenn sie das Land nicht verlassen können? Darüber spricht Iryna Herasimovich mit dem belarusischen Performer und Aktionskünstler Mikhail Gulin, der 2022 aus politischen Gründen sein Land verlassen musste und derzeit im Exil in Dresden lebt.
Iryna Herasimovich: Mikhail, warum macht man in einem solchen politischen Regime wie dem in Belarus eine Ausstellung über Fahrräder?
Mikhail Gulin: Die Ausstellung Viva Kola Art (belarusisch: Es lebe Rad Art) fand im Frühjahr 2024 (und das war bereits die zweite Ausgabe nach der ersten 2023) unter der Schirmherrschaft des Nationalen Olympischen Komitees statt und wurde als Synthese des belarussischen Sports und der nationalen Kunst angekündigt. Die Schirmherrschaft deutet unmissverständlich auf die Verbindung zur Familie Lukaschenka hin. Und dass die Kunst dem Sport dient, ist ganz im Sinne der staatlichen Ideologie. Der Fahrradsport wurde bereits früher in einer anderen Ausstellung thematisiert, an der sich Künstler:innen beteiligten, die gerne Rad fahren. Deswegen habe ich diese Ausstellungen erst beachtet, als ich in den Erzählungen der Kolleg:innen bemerkte, dass sie dieser Ausstellung eine Bedeutung beimessen, die mit dem harmlosen Thema inkompatibel ist. Es stellte sich heraus, dass ihre Motivation mitzumachen nicht nur oder vor allem die Liebe zum Radfahren ist, sondern vor allem die Möglichkeit, von den schwarzen Listen gestrichen zu werden, wie es den Künstler:innen von den Veranstalter:innen nahegelegt wurde.
Iryna Herasimovich: Es ging also nicht primär um Kunst, sondern um den Versuch, Künstler:innen noch mehr vom Staat abhängig zu machen, in dem man ihnen etwas mehr Freiheit verspricht. Hatte die Ausstellung dennoch ein künstlerisches Niveau?
Mikhail Gulin: Sie erinnerte mich an die Aufgaben, die wir in den ersten Jahren an der Kunsthochschule bekamen: Da wurden uns Themen wie Erde und Mensch oder Eine Komposition im Kreis vorgegeben. Und hier war es eben das Fahrrad und jede:r Künstler:in versuchte, die Aufgabe zu lösen. Abhängig vom künstlerischen Vermögen waren die Arbeiten etwas anspruchsvoller oder ganz primitiv. Bei einigen merkt man, dass sie sich die Aufgabe stellten, an der Ausstellung teilzunehmen, ohne sich mit dem Thema zu direkt zu beschäftigen, sie griffen zu Umschreibungen, zu Metaphern, um ihre Arbeit etwas mehrdeutiger zu machen, ganz wie in der Sowjetunion: Dort galt es als künstlerisch zu einfach, sogar nicht intellektuell genug, direkt über die Dinge zu sprechen.
Iryna Herasimovich: Kann man also mitmachen und dennoch etwas Mehrdeutiges abliefern? Können auch Fahrräder ein subversives, kritisches Potenzial haben?
Mikhail Gulin: Diese Frage ist nicht leicht zu beantworten. Vor allem, weil die Widerstandsformen im heutigen Belarus alles andere als offensichtlich sind, man kann das Subversive leicht übersehen, vor allem aus der Ferne. Aber ich habe das Gefühl, dass es bei dieser Ausstellung ums nackte Überleben ging. Der Spielraum beschränkte sich darauf, künstlerisch etwas anspruchsvoller zu bleiben oder auf ein sehr niedriges Niveau abzusinken.
Iryna Herasimovich: Harmlose, ja banale Themen kommen oft in der belarussischen Kunst vor, es gab unter anderem eine Reihe von Ausstellungen mit dem Titel Märzkatzen oder eine Ausstellung über Stühle.
Mikhail Gulin: Die Künstler:innen und Kurator:innen halten Ausschau nach universellen Themen, die bei den Behörden keinen Verdacht erwecken. Wenn sie meinen, so ein Thema gefunden zu haben, wird es immer wieder aufgegriffen. Die Themen müssen gleichzeitig universell und harmlos sein, da eignen sich Katzen oder Fahrräder bestens.

Mikhail Gulin: „Alle Katzen kommen ins Paradies, allerdings nur nach dem Tod“ („Усе коцікі трапляюць у рай, але толькі пасля смерці“), 2022, Courtesy Mikhail Gulin.
Manchmal werden vom Regime akzeptierte Themen auch als Tarnung verwendet. So ein Thema ist in der letzten Zeit insbesondere der Große Vaterländische Krieg. Ich beobachte, dass derzeit immer wieder Werke von bereits Verstorbenen bzw. von Klassiker:innen aus dem Fundus des Künstlerverbandes in den zeitgenössischen Ausstellungen auftauchen. Das Vorhandensein solcher Werke dient als eine Art Schutzweste gegen die Zensur.
Das Regime begünstigt harmlose bzw. bereits akzeptierte Themen, weil es schon immer darauf zielte, zu verhindern, dass im Kunstbereich Autoritätsfiguren entstehen, die die Meinungsbildung beeinflussen können. Im Sport hat Lukaschenka kein Problem damit, da ist er selbst auch eine Autoritätsfigur. Aber sonst sind Autoritätsfiguren für Lukaschenka ein schwieriges Thema. Ich weiß, dass man im Präsidentenpalast vor allem ornamentale Motive verwendet, keine Porträts von historischen Persönlichkeiten, weil man gar nicht einschätzen kann, wer ihm passen würde.
In der Kunst dürfen gar keine Autoritätsfiguren entstehen, und die bestehenden werden aus dem Land verdrängt, wie einst Vassil Bykau oder jetzt Swetlana Alexijewitsch. Das Regime braucht den bzw. die Künstler:in nichts als Subjekt, sondern nur als Instrument zur Bearbeitung von staatlich relevanten Themen und unbedingt unter Kontrolle.
Iryna Herasimovich: Und eines der Kontrollmittel sind die schwarzen Listen? Diese Listen werden im Unterschied zu den Extremistenlisten, die öffentlich sind und ebenfalls die Namen von Autor:innen und Künstler:innen enthalten, im Verborgenen geführt. Wer führt die? Wer gerät auf die schwarze Liste? Künstler:innen, die an Protesten beteiligt waren?
Mikhail Gulin: Nicht unbedingt. Man muss nicht direkt an den Protesten teilgenommen haben. Es reicht, einen Solidaritätsbrief zu unterschreiben oder etwas zu liken. Die Listen werden vor allem vom Kulturministerium, aber auch von anderen Behörden und Institutionen geführt. Dass es unterschiedliche Listen gibt, kann man daraus schließen, dass jemand zum Beispiel im Kunstpalast nicht ausstellen darf, aber im Zentrum für moderne Kunst doch.
Iryna Herasimovich: Sind diese Liste für die Künstler:innen zugänglich?
Mikhail Gulin: Von wegen! Niemand erklärt irgendetwas. Manche wissen nicht einmal, dass sie auf der schwarzen Liste stehen, bevor ihnen die Teilnahme an einer Ausstellung verweigert wird. Dann zerbrechen sie sich den Kopf, warum genau.
Iryna Herasimovich: Man überprüft sich also permanent selbst. Sylvia Sasse beschreibt in ihrem Buch Subversive Affirmation die Praxis der Geheimdienste als Zersetzungstaktik, die das Ziel hat, die Menschen zu zwingen, sich mit sich selbst beschäftigen zu müssen.
Mikhail Gulin: Ganz genau! Und das wird auch noch gefördert. Unsicherheit wird überall erzeugt, wo es nur geht. Manchmal wird die Arbeit eines Künstlers oder einer Künstlerin für die Ausstellung angenommen, dann aber im letzten Moment ohne Erklärung nicht ausgestellt.
Neulich wollte ein Kollege der Sache auf den Grund gehen und hatte einen Termin beim Kulturminister (was übrigens auch nicht für jeden möglich ist). Der Minister war freundlich, aber später erhielt der Künstler eine schriftliche Antwort, dass das Ministerium solche schwarzen Listen gar nicht führe. Übersetzt aus der belarusischen Beamtensprache heißt das: Machen Sie sich keine Hoffnungen, die Repressionen gegen Sie bleiben bestehen.
Iryna Herasimovich: Was war die Motivation deines Kollegen für den Termin beim Kulturminister? In diesem völlig intransparenten System kann man ja gar nicht gewinnen. Lohnt es sich da überhaupt, etwas zu versuchen?
Mikhail Gulin: Die Künstler:innen sind von diesem System abhängig, vor allem materiell. Es gibt keinen Kunstmarkt in Belarus. Wenn man als Künstler:in über die Runden kommen will, ist man auf die staatlichen Institutionen angewiesen, es gibt kaum Wege, die an dieser Falle vorbeiführen würden. Das sind alles Überbleibsel des Sowjetsystems. Als Mitglied des Künstlerverbandes (der immer noch eine gesellschaftliche Vereinigung ist, aber vom Staat kontrolliert wird) kann man für sehr wenig Geld ein tolles Atelier im Zentrum der Stadt mieten, wo die Mieten sonst unerschwinglich wären.
Ein wichtiger Abhängigkeitsfaktor sind auch die großen staatlichen Aufträge, die regelmäßig vergeben werden, seit kurzem auch an jüngere Kolleg:innen. Das sind gigantische Projekte, von der Nationalbibliothek über den Unabhängigkeitspalast bis zum Nationalzirkus, aber auch Kriegsdenkmäler oder Kunstwerke für die Residenzen, die ständig erneuert werden, vieles wird für Russland gemacht. Solche Aufträge können ausschließlich loyale Künstler:innen bekommen. Und weil man sonst nicht überleben kann, wird man zynisch und versucht, von der schwarzen Liste zu kommen, auch wenn man eigentlich gegen das System ist.
Iryna Herasimovich: Zum Beispiel, wenn man an der Fahrradausstellung teilnimmt, so hieß es zumindest. Aber das Versprechen (von wem eigentlich?) wurde nicht gehalten.

Mikhail Gulin: „Ehrentafel. Die Sieger des Guten“ („Дошка пашаны. Пераможцы дабра“), 2020, Courtesy: Mikhail Gulin. Die Ehrentafel ist ein wichtiges Objekt der belarusischen Ideologie, sie hängt, wie schon zu Sowjetzeiten, in staatlichen Betrieben und an öffentlichen Plätzen.
Mikhail Gulin: Das ist das Schlimme an diesem System, dass man nie genau weiß, von wem was kommt, wer was initiiert, wer was verspricht. Es funktioniert eigentlich nach der Logik von Gerüchten und Mutmaßungen. Wie man auf die Liste kommt und wie man von der Liste gestrichen wird, bleibt im Dunkeln. In besseren Zeiten scherzte man, dass jede:r belarussische Künstler:in einen Kurator (im Geheimdienst) hat, jetzt scheint das nicht mehr übertrieben zu sein: Die Künstler:innen suchen nach informellen Kontakten im Geheimdienst, um von ihnen geschützt zu werden. Viele von denen, die auf den schwarzen Listen standen, können heute legal in Belarus ausstellen. Ob und welche Gegenleistungen dafür verlangt wurden, bleibt offen. Ich weiß von einem Kollegen, dass einige einen Loyalitätsbrief schreiben mussten, der wird nicht veröffentlicht, aber die Loyalität des jeweiligen Künstlers bleibt eben auch schriftlich festgehalten.
Iryna Herasimovich: Welche Wege gibt es für diejenigen, für die die Annäherung an das System nicht in Frage kommt?
Mikhail Gulin: Den Beruf aufzugeben oder das Land zu verlassen. Nur wenige können untertauchen oder außerhalb dieses staatlichen Systems arbeiten. Das war eigentlich meine Taktik bis 2022, solange ich in Belarus blieb. Ich konnte es mir leisten, weil mich weder die staatlichen Aufträge noch die staatlichen Ausstellungsräume mit ihren unkuratierten und unkonzipierten Gruppenausstellungen interessierten. Wenn ich in Belarus ausstellte, dann im Rahmen eines Projekts oder einer Initiative, die mich interessierte. Deshalb war es mir letztlich egal, ob ich auf der schwarzen Liste stand oder nicht, ich wollte es auch nicht wirklich wissen.
Iryna Herasimovich: Wo verortetest du dich innerhalb der Kunstszene?
Mikhail Gulin: Ich mag es, mich zwischen den verschiedenen Schichten der Kunstszene und der Gesellschaft zu bewegen, alles andere war für mich langweilig. Ich wollte ausprobieren, was wirklich geht und was nicht, und mich nicht nur darüber beschweren, dass alles verboten ist.
Wenn ich mich an Projekten beteiligte, wurde immer ganz genau kontrolliert, was ich vorhabe, ob meine Arbeit nicht doch einen Haken hat, einmal musste ich zum Beispiel das geplante Video erst im Detail erzählen und dann aufnehmen, und trotzdem waren alle angespannt, ob ich nicht doch etwas Riskantes unternehme.
Iryna Herasimovich: Die Übervorsichtigkeit war schon immer ein Thema in der belarusischen Kunstszene. Welche und wessen Ängste haben sie denn geformt?
Mikhail Gulin: In Belarus gab es am Ende der Sowjetunion keinen klassischen Nonkonformismus, sondern einen romantischen Nationalismus, die so genannte nationale Wiedergeburt. Die Sowjetmacht hatte Angst vor diesen Künstler:innen, weil sie eine Geschichtsschreibung propagierten, die der sowjetischen widersprach, es ging um nationale Selbstbestimmung. Hier spielten also Themen eine Rolle, nicht die künstlerische Sprache, diese Themen sind bis heute riskant. Die künstlerische Sprache war und bleibt in solchen Werken sehr einfach, nahezu primitiv. Oft sind sie künstlerisch überhaupt nicht interessant.
Die Formexperimente, diese „Seuche aus dem Westen“, kamen später. Ich meine damit vor allem die Tätigkeit von Ihar Tsishyn und Natalia Zaloznaya an der Kunstfachschule und die von ihnen kuratierte Ausstellung Lektionen der unguten Kunst (Ende der 80er, Anfang der 90er Jahre). Nach dieser Ausstellung wurden viele exmatrikuliert, das war die erste Ausreisewelle der belarusischen Künstler:innen.
In dieser Zeit entstand vor allem unter den Lehrkräften die Angst, dass etwas Neues und Unverständliches in den Lehrprozess eindringen, das Gewohnte erschüttern und möglicherweise ersetzen könnte. Der Kampf gegen alles, was anders ist als das Gewohnte, prägt die Kunstszene eigentlich bis heute. Die Formexperimente sind für die Behörden grundsätzlich wenig interessant. Dagegen kämpfen vor allem die Künstler:innen selbst, in erster Linie diejenigen, die unterrichten. Im Umlauf war und bleibt eine sehr zählebige Forderung, und zwar: Man müsse sich mit der „echten“ Kunst beschäftigen, mit der für die Ewigkeit. Die politischen Themen seien vergänglich und konjunkturbedingt. Aktions- und Performance-Kunst wird zum Beispiel mit diesem Argument marginalisiert: Die Künstler:innen arbeiten da ja gar nicht mit „echten“ Materialien. Bemerkenswert ist, dass die gleichen Argumente sowohl von den Zensor:innen als auch eben von den Kunstdozent:innen verwendet werden. Ich halte den Bildungsbereich für einen wichtigen Faktor der Veränderungen in der Kunstszene allgemein, daher schätze ich so ein Denken als ziemlich gefährlich ein.
Iryna Herasimovich: Das ist natürlich auch sehr bequem, wenn man Angst vor der Zensur hat.
Mikhail Gulin: Ja, diese Ängste bilden Resonanzräume mit der grössten Angst, der vor dem Regime. Die Selbstzensur ist enorm: Man darf keine schlafenden Hunde wecken. Noch bevor eine Warnung des Kunstministeriums eintrifft, wird ein „verdächtiges“ Werk aus der Ausstellung entfernt. Und es ist schwer bis unmöglich herauszufinden, wer genau diese Entscheidung getroffen hat.
Diese übertriebene Vorsicht trägt viel zur Säuberung der Kunstszene bei. Kleinere Säuberungen werden vor Ort vorgenommen, nicht vom Ministerium. Nach meiner Aktion Personalmonument (2012), bei der ich verhaftet wurde, hatte ich de facto für einige Jahre Ausstellungsverbot, obwohl ich freigesprochen wurde.
Iryna Herasimovich: Das war in der Zeit vor der Revolution 2020. Während der Revolution konnte man einen Aufschwung an Kreativität und auch an kritischen künstlerischen Aussagen beobachten.
Mikhail Gulin: Das stimmt. Besonders habe ich mich über ziemlich komplexe und kritische Aussagen in der Graffiti-Kunst gefreut, die es bereits seit 2017, seit den Protesten gegen das Dekret über das soziale Parasitentum, gab. Die Straße begann mit der Macht zu sprechen.
Iryna Herasimovich: Auf die Revolution 2020 folgten Repressionen, die bis heute andauern. Wie sieht die Situation in der Kunstszene jetzt aus?
Mikhail Gulin: Die Kontrolle von außen und die Selbstzensur sind noch viel kleinmaschiger geworden.
Es sind außerdem neue Figuren aufgetaucht, die zu Repressionen gegen die Künstler:innen beitragen, ich meine die prorussischen Aktivist:innen, die sich mit ihren Krallen an das Sowjetische klammern und alles verleumden, was nicht in den sowjetischen Kanon passt: von der nicht gegenständlichen Kunst bis zur belarussischen Sprache. Sie nutzen die schwache Position Lukaschenkas aus, den noch ungeklärten Status des Landes (ist Belarus bereits ein Teil Russlands oder noch ein selbstständiger Staat?) und gehen so weit, dass sie sogar gegen belarusische Propagandist:innen wettern.
Iryna Herasimovich: Gibt es in einer solchen Situation überhaupt eine Nachfrage nach Kunstveranstaltungen?
Mikhail Gulin: Es gibt sogar einen regelrechten Hunger danach, vor allem unter den Jugendlichen. Weil so viele Künstler:innen weggegangen sind oder nicht mehr arbeiten können, ist ein Vakuum entstanden. Und nun wird das Wenige, das mehr oder weniger wertvoll ist, mit großer Leidenschaft und Sehnsucht aufgesogen. Die Karten für künstlerisch interessante Theateraufführungen, von denen es nur noch wenige gibt, sind im Nu ausverkauft. Der Herbstsalon, einst vom Präsidentschaftskandidaten Viktar Babaryka gegründet, ist immer voll. Viktar Babaryka sitzt im Gefängnis, aber sein Schatten ist immer noch zu spüren, und so gilt der Herbstsalon als Ort der Freiheit, einer relativen Freiheit natürlich.
Iryna Herasimovich: Du arbeitest mit Themen, die mit dem belarusischen Regime verbunden sind, bereits seit vielen Jahren, jetzt auch im Exil in Dresden. Letztes Jahr fand eine große Ausstellung von dir und Antanina Slabodchykava im Japanischen Palais in Dresden statt, die den Titel Kassandra Komplex trug. Welche Fragestellungen haben dich in dieser Ausstellung interessiert? Wie hast du dich da mit dem belarusischen Regime auseinandergesetzt?
Mikhail Gulin: Diese Ausstellung ist für mich ein Teil einer Trilogie von Ausstellungen. Die erste fand unter dem Titel (Un)Wahrheit 2020 in Brest statt. In dieser Zeit waren die Proteste voll im Gange und es bestand Hoffnung auf einen guten Ausgang. Die Macht hatte keine Ressourcen, die Kunstszene zu kontrollieren, und ich nutzte das, um der Frage der multiplen Fälschungen von Wahrheit nachzugehen. Das Regime log so schnell und so dreist, dass das Gehirn keine Kapazitäten hatte, einen Schutzmechanismus aufzubauen. Diese Situation interessierte mich sehr. Aus dieser Zeit stammt zum Beispiel die Arbeit Das Haus für einen Schönling. Als Schönlinge (Rus: красавцы) bezeichnete Lukaschenka in seiner Dankbarkeit die ihn schützenden Sicherheitstruppen. Meine Installation war eine große Hundehütte mit einer Kette. Man konnte hereingehen und immer wieder das Bellen eines Hundes drin hören. Über dem Eingang stand die Aufschrift Красавец, leuchtend, mit vier Sternen wie bei einem Hotel versehen, die Sterne hoben besonders die kyrillischen Buchstaben ACAB hervor, die auch als die internationale Abkürzung für All cops are bastards gelesen werden konnten.

Mikhail Gulin: „Das Haus für einen Schönling“ („Дом для красаўца“), 2020, Courtesy Mikhail Gulin.
Bei der Dresdner Ausstellung Kassandras Komplex arbeitete ich auch mit Fragmenten staatlicher Erzählungen. Ich will sie demontieren, indem ich sie in meine Kunst einführe und mit antiken Mythen verbinde. Ich habe festgestellt, dass die Verbindung mit den universellen Mythen ein wirksames Gegengift gegen die Mythen der belarusischen Propaganda ist.
Iryna Herasimovich: Das sind alles sehr vielschichtige Aussagen. Man kann sagen, deine Kunst richtet sich unter anderem gegen die Harmlosigkeit und die Einfachheit…
Mikhail Gulin: Ja, die Einfachheit der künstlerischen Sprache, der künstlerischen Aussage halte ich für ein großes Problem. Manchmal spiele ich mit dieser Einfachheit, zum Beispiel in dem Bild vom Spitz: Da wollte ich testen, ob ich es schaffe, in ein einfaches Motiv eine Irritation einzubauen, eine Aussage, die nicht nur auf einer Ebene funktioniert.

Mikhail Gulin: „Liebling“ („Любімчык“), 2022, Courtesy Mikhail Gulin. Der Spitz ist auch der Hund von Lukaschenka, den er überallhin mitnimmt und zeigt.
Iryna Herasimovich: Das Problem der Einfachheit der künstlerischen Aussage betrifft ja nicht nur die vom Regime begünstigte Kunst. Immer wieder kritisierst du auch die Einfachheit von künstlerischen Aussagen in der Protestkunst.
Mikhail Gulin: Leider haben aber gerade solche Aussagen den größten Erfolg auch in westlichen Ländern. Je einfacher die künstlerische Sprache, die Aussage, desto mehr Chancen auf Erfolg. Die Kolonisierten, die Unsichtbaren dürfen oft nur einfache, bequeme Erzählungen anbieten, die auf Bestätigung dessen ausgerichtet sind, was man bereits weiss, ohne jegliche Widersprüche, ohne Stolperfallen. Das ist ein eigenes großes Thema.