Der Siegeszug vegetarischer und veganer Lebensweisen im Westen seit Mitte des 19 Jahrhunderts geht auf recht freie Übernahmen indischer Esskulturen zurück, deren westliche Interpretationen sich zwischen Körperpraktiken und Rassetheorien bewegten. Dabei wirkte die Internationalisierung des Vegetarismus wieder auf die indischen Ernährungsbewegungen zurück.

  • Julia Hauser

    Julia Hauser ist Privatdozentin für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Kassel. Sie publizierte „German Religious Women in Late Ottoman Beirut. Competing Missions“, 2015 und Ende 2023 „A Taste for Purity. An Entangled History of Vegetarianism".

Geht man heute in einen Biomarkt oder ein Reform­haus, findet man überall Bezüge auf Indien: das Butter­schmalz Ghee, als „Curry“ bezeich­nete Gewürz­mi­schungen oder vermeint­lich indi­scher Yogi-Tee. Viele dieser Produkte sind vege­ta­risch bzw. vegan, was zeigt, wie empfäng­lich pflan­zen­ba­sierte Ernäh­rungs­formen in Europa für Inspi­ra­tionen aus Indien sind. Auch wenn im Zeichen der Klima­de­batte eine Abkehr von tieri­schen Produkten als beson­ders dring­lich erscheint, ist dies keines­wegs ein neues Phänomen. Schon bevor in Europa ab Mitte des 19. Jahr­hun­derts eine orga­ni­sierte vege­ta­ri­sche Bewe­gung entstand, erschienen in Deutsch­land und Groß­bri­tan­nien Plädoyers für eine fleisch­freie Ernäh­rung, in denen Indien als Vorbild beschworen wurde. Auch Einflüsse in die umge­kehrte Rich­tung gab es. Während in Indien vege­ta­ri­sche Ernäh­rungs­formen auf eine längere Tradi­tion zurück­bli­cken konnten, traten seit Ende des 19. Jahr­hun­derts immer wieder Vegetarier*innen, darunter auch Gandhi, in Austausch mit vege­ta­ri­schen Vereinen in Europa und nutzen in Europa gene­riertes Wissen, um Vege­ta­rismus argu­men­tativ zu untermauern.

 

[Abbil­dung]

 

Diese Zusam­men­hänge sind in der histo­ri­schen Forschung zum Vege­ta­rismus lange zu wenig beachtet worden. Die Geschichte des Vege­ta­rismus wurde fast ausschließ­lich im natio­nalen Kontext unter­sucht. Wie Jakob Klein fest­stellt, erschien der west­liche Vege­ta­rismus als ein Phänomen der Moderne, als säkular und als frei­wil­lige Entschei­dung des Indi­vi­duums. Vege­ta­rismus in Asien hingegen wurde als tradi­tio­nell und reli­giös gebunden inter­pre­tiert. Ein Blick auf Debatten über Vege­ta­rismus zwischen Europa, Südasien und den USA im 19. und 20. Jahr­hun­dert hingegen zeigt, dass natio­nal­his­to­ri­sche Perspek­tiven zu kurz greifen: Vege­ta­rismus war in dieser Zeit ein Produkt komplexer Verflechtungen.

Der erste Verfasser eines vege­ta­ri­schen Trak­tats, der sich auf Indien bezog, war der Schotte und Jako­biner John Oswald. In seinem Buch The Cry of Nature (1791) argu­men­tierte er, dass „the merciful Hindoo“ niemals Fleisch verzehre oder anderen Lebe­wesen Leid antun könne. Im deut­schen Sprach­raum war es der eben­falls revo­lu­tionär gesinnte Jurist und Schrift­steller Gustav Struve, der in seinem Roman Mandaras Wande­rungen (1843) einen vege­ta­risch lebenden Brah­manen den fleisch­essenden Euro­päern den Spiegel vorhalten ließ. Ab Mitte des 19. Jahr­hun­derts entstanden die ersten vege­ta­ri­schen Vereine, in Groß­bri­tan­nien die „Vege­ta­rian Society“ in Manchester, in Preußen der „Verein für Freunde der natür­li­chen Lebens­weise (Vege­ta­rianer)“. Diese setzten sich zum Ziel, durch eine fleisch­freie Ernäh­rung – um den Verzicht auf Eier und Milch­pro­dukte ging es mehr­heit­lich noch nicht – die vermeint­liche Dege­ne­ra­tion der euro­päi­schen Bevöl­ke­rung aufzu­halten und eine Höher­ent­wick­lung der Mensch­heit zu ermög­li­chen. Denn durch den Verzehr von Fleisch, so argu­men­tierten Vegetarier*innen, würden die „animal instincts“ des Menschen geweckt: die Lust auf den Konsum von Alkohol und Tabak, auf Sex und Gewalt. All dies führte aus Sicht der Vege­ta­rier zur Dege­ne­ra­tion der Mensch­heit. Auch schien Fleisch aufgrund seiner schnellen Verderb­lich­keit zahl­reiche Gesund­heits­ri­siken zu bergen. Um die Abkehr vom Braten zu recht­fer­tigen, nahmen die Vereins­zeit­schriften viel­fach Bezug auf Ernäh­rungs­formen außer­halb Europas, jedoch mit gewissen regio­nalen Schwer­punkten. Im deutsch­spra­chigen Vege­ta­rismus empfand man vor allem die vermeint­lich frugal lebenden Einwohner Nord­afrikas und West­asiens als vorbild­lich. Für briti­sche Vegetarier*innen wurde der indi­sche Subkon­ti­nent der wich­tigste Bezugspunkt.

Dabei erfolgte die Ausein­an­der­set­zung mit indi­schen Ernäh­rungs­formen nicht nur über Texte. Seit den 1880er Jahren grün­deten auf dem Subkon­ti­nent Europäer*innen mit lokalen Prot­ago­nisten vege­ta­ri­sche Vereine. Das mag über­ra­schen, gab es doch unter Hindus und Jains eine lange Tradi­tion fleisch­freier Ernäh­rung. Vege­ta­risch ernährten sich unter Hindus vor allem die Brah­manen, die Ange­hö­rigen der Pries­ter­kaste. Damit setzten sie sich von den als unrein geltenden unteren Kasten ab, die ihrer­seits das konsu­mieren mussten, was die Brah­manen von sich wiesen, aber zu den als beson­ders rein erach­teten Nahrungs­mit­teln, als die vor allem Milch­pro­dukte galten, keinen Zugang hatten. Seit Beginn der briti­schen Herr­schaft aber verzehrten auch Ange­hö­rige der oberen Kasten manchmal Rind­fleisch. Immerhin argu­men­tierten die Kolo­ni­al­herr­scher oft, die primär von Reis lebenden Hindus seien körper­lich zu schwach, um sich selbst zu regieren. So aßen nun manche Hindus Fleisch, um den Respekt der Briten zu erlangen – oder gar so stark zu werden, dass sie die Kolo­ni­al­herr­schaft beenden konnten. Selbst der aus einer vege­ta­risch lebenden Familie stam­mende Gandhi ließ sich zu seiner Schul­zeit in diesem Sinne von einem Mitschüler zum Fleisch­konsum überreden.

Andere Vertreter natio­na­lis­ti­scher Strö­mungen postu­lierten hingegen, dass nur eine vege­ta­ri­sche Ernäh­rung unter Ausschluss von Fleisch, Eiern, Zwie­beln, Knob­lauch, scharfen Gewürzen und Alkohol, nicht jedoch Milch­pro­dukten die Einwohner des Subkon­ti­nents für den Kampf gegen die Kolo­ni­al­macht stärken könne. Für diese Strö­mung des Hindu-Nationalismus wurde die Kuh, im Hindu­ismus ein heiliges Tier, zentral. Vieler­orts entstanden Kuhschutz­ge­sell­schaften, die nicht nur das Leben von Kühen schützen wollten, sondern auch gegen ihre angeb­li­chen Feinde vorgingen – auch unter Einsatz von Gewalt, der Menschen das Leben kostete. Die Aggres­sionen rich­teten sich sowohl gegen indi­sche Muslime als auch gegen Briten, die als Rind­fleisch­kon­su­menten wahr­ge­nommen wurden, die Gewalt jedoch vor allem gegen erstere. Mehr und mehr wurden Muslime als Fremde, als zur entste­henden Hindu-Nation nicht Zuge­hö­rige stig­ma­ti­siert, während die Ange­hö­rigen der Hindu-Nation auf die vermeint­li­chen „Aryas“ zurück­ge­führt wurden, die zeit­gleich auch in Europa – als „Arier“ – Indo­logen und Rassen­theo­re­tiker beschäf­tigten. Zeit­ge­nös­si­sche Drucke, die zur Agita­tion genutzt wurden, stellten Muslime als entfes­selte Misch­wesen zwischen Mensch und Tier dar, die das Leben der heiligen Kuh bedrohten. Es waren ausge­rechnet solche hindu-nationalistischen Prot­ago­nisten, die mit Europäer*innen in vege­ta­ri­schen Vereinen koope­rierten und ihre Plädoyers für Vege­ta­rismus mit wissen­schaft­li­chem Wissen aus Europa untermauerten.

Umge­kehrt gelangte auch in Indien produ­ziertes Wissen wieder in den Westen. Entschei­dend war die Welt­aus­stel­lung 1893 in Chicago. Einer­seits fand hier ein vege­ta­ri­scher Kongress statt, bei dem Protagonist*innen aus Europa, den USA und Indien zusam­men­trafen. So trug der Kongress zu einer Inter­na­tio­na­li­sie­rung des orga­ni­sierten Vege­ta­rismus bei, die zunächst in der Grün­dung der Inter­na­tional Vege­ta­rian Union (IVU) 1908 gipfelte. Ande­rer­seits reisten zu einer anderen Veran­stal­tung auf der Welt­aus­stel­lung, dem „Parlia­ment of Reli­gions“, Vertreter der so genannten Welt­re­li­gionen. Beson­deren Eindruck auf das Publikum machten buddhis­ti­sche und hindu­is­ti­sche Redner wie Anaga­rika Dhar­ma­pala, der Begründer des bald auch im Westen präsenten Reform­bud­dhismus, und Swami Vive­ka­nanda, von dessen spiri­tu­ellen Lehren in Europa und den USA vor allem seine Version des Yoga Verbrei­tung fand.

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Yoga war für Vive­ka­nanda vor allem Medi­ta­tion im Dienst der vermeint­li­chen spiri­tu­ellen Evolu­tion und der verbes­serten Konzen­tra­tion. Obwohl er selbst kein Vege­ta­rier war, erwar­tete das ameri­ka­ni­sche Publikum von ihm und seinen Schü­lern ein Plädoyer für Vege­ta­rismus. Nach der Welt­aus­stel­lung verwan­delte sich Chicago, die Stadt der Mega-Schlachthöfe des Union Stock­yard, in ein Zentrum des ameri­ka­ni­schen Vege­ta­rismus. Zugleich wurde es ein Mittel­punkt von neuen Reli­gionen, die sich teil­weise dem Vege­ta­rismus verschrieben, so etwa Mazdaznan, eine Sekte, die sich auf den Zoro­as­trismus berief, jedoch vieles dem Yoga entlehnte und Atem- und Körper­übungen, Vege­ta­rismus und Sexua­lität als Mittel zur Höher­ent­wick­lung einer vermeint­li­chen weißen Rasse verstand. 

Über die USA gelangte die Indien-Begeisterung im Vege­ta­rismus nach Deutsch­land und in die Schweiz, wo sie vor allem in der Zeit zwischen dem Ersten und dem Zweiten Welt­krieg groß war. Verant­wort­lich hierfür war einer­seits Mazdaznan, das seinen Schwer­punkt aufgrund von juris­ti­scher Verfol­gung bald von den USA ins deutsch­spra­chige Europa verla­gerte. Hier trafen sowohl seine Körper­prak­tiken als auch seine Rassen­theorie den Nerv der Zeit, so dass sogar promi­nente Künstler wie der Bauhäusler Johannes Itten der Gemein­schaft beitraten. Auch der Reform­bud­dhismus verbrei­tete sich in Deutsch­land, wo der Vege­ta­rier und Tier­schützer Ludwig Anken­brand einer seiner wich­tigsten Vertreter wurde. Für Anken­brand erfüllte der Buddhismus alle Kern­for­de­rungen der Lebens­re­form, insbe­son­dere die des Vege­ta­rismus, und erschien ihm als die „arischste“ aller Reli­gionen, während Chris­tentum und Judentum für ihn das Semi­ti­sche verkör­perten und zutiefst negativ besetzt waren. War Anken­brands Posi­tion recht singulär, hatte es schon länger auch anti­se­mi­ti­sche Posi­tionen im euro­päi­schen Vege­ta­rismus gegeben, die sich v. a. an der sowohl im Judentum als auch im Islam gebräuch­li­chen Praxis des Schäch­tens – vermeint­lich für Tiere noch qual­voller als andere Vari­anten – stießen. Manche deut­schen Vege­ta­rier begrüßten auch explizit die Macht­über­nahme der Natio­nal­so­zia­listen, da sie sich von dem Vege­ta­rier Hitler einen Siegeszug für ihre Bewe­gung erhofften. Doch nicht alle deutsch­spra­chigen Vege­ta­rier, die sich auf Indien bezogen, waren Anhänger der Rassen­theorie. Für den Schweizer Vege­ta­rier und Nudisten Werner Zimmer­mann war Indien das Land Gandhis, dessen Konzept der Gewalt­frei­heit Zimmer­mann impo­nierte. Doch unter­schied ihn von Gandhi seine affir­ma­tive Haltung zur Sexua­lität. Der Vege­ta­rier, Tier­rechtler, Anti­fa­schist und Pazi­fist Magnus Schwantje war eben­falls Anhänger Gandhis, bevor er in Ram Chandra Sharma, einem jungen Hindu-Nationalisten, der sich gegen Tier­opfer einsetzte, seinen Helden fand – ohne aller­dings zu wissen, dass dieser auch Prin­zi­pien anhing, die Schwantjes eigenen diame­tral entgegenstanden.

Während des Zweiten Welt­krieges war die inter­na­tio­nale vege­ta­ri­sche Bewe­gung weit­ge­hend zum Erliegen gekommen. Nach dem Krieg nahm sie wieder an Fahrt auf. Zu verdanken war dies einem führenden Mazdaznan-Mitglied, der aus Chicago stam­menden Millio­närin Gloria Gasque, die 1953 Präsi­dentin der IVU wurde. Gasque schaffte es dank ihrer Netz­werke in Bombay, wo sie die Kriegs­zeit verbracht hatte, nicht nur indi­sche Akteur*innen in die IVU zu holen, sie gewann auch die deut­sche Sektion, die im Natio­nal­so­zia­lismus aus der Orga­ni­sa­tion ausge­treten war, wieder als Mitglied und verschaffte deut­schen Vege­ta­rie­rinnen führende Posi­tionen bei Mazdaznan und in der IVU. Damit schob sie zwei Entwick­lungen an, die im Nach­kriegs­ve­ge­ta­rismus wichtig wurden: die führende Betei­li­gung von Frauen und die aktive Teil­nahme indi­scher Vertreter in der Bewe­gung. Während Indien dem west­li­chen Vege­ta­rismus lange als Projek­ti­ons­fläche gedient hatte, nutzten erst nach dem Zweiten Welt­krieg indi­sche Akteur*innen die seit 1908 bestehende Inter­na­tional Vege­ta­rian Union für ihre Zwecke. 1957 fand der „Fifte­enth World Vege­ta­rian Congress“ in dem seit zehn Jahren unab­hän­gigen Indien statt – der erste Kongress der IVU außer­halb Europas. Indi­sche Teilnehmer*innen stellten auf dem Kongress ihr Land als das Geburts­land des Vege­ta­rismus dar, dessen Werte immer noch für das Land zentral seien und verliehen so dem neu gegrün­deten Staat eine klar auf brah­ma­ni­schen Werten basie­rende Iden­tität, die Muslime und Ange­hö­rige der unteren Kasten ausschloss.

Wie dieser Über­blick über die Verflech­tungs­ge­schichte des Vege­ta­rismus von der Mitte des 19. Jahr­hun­derts bis in den frühen Kalten Krieg zeigt, prägte der Wissens­aus­tausch Debatten über Vege­ta­rismus auf beiden Seiten nach­haltig. Er führte zu einem neuen, hybriden Wissen über Vege­ta­rismus, das gleich­wohl in Europa, den USA und Indien in jeweils unter­schied­li­chen Kontexten einge­setzt wurde. Gemein­samer Nenner dieser Debatten waren Vorstel­lungen von Rein­heit, die bisweilen Teil hier­ar­chi­scher, rassis­ti­scher oder natio­na­lis­ti­scher Welt­bilder waren. Vege­ta­rismus wurde hier als Mittel der Höher­ent­wick­lung der Mensch­heit beschrieben, die ihre „tieri­schen Triebe“ hinter sich lassen sollte.

Von den gegen­wär­tigen Debatten über Ernäh­rung in Zeiten der Klima­krise und im Zeichen von Tier­rechten sind diese Diskurse weit entfernt – wenn­gleich es auch in Deutsch­land weiterhin einen rechten Vege­ta­rismus gibt. In Indien hat sich der Zusam­men­hang zwischen Hindu-Nationalismus und Vege­ta­rismus erhalten, ist es doch seit der Regie­rungs­über­nahme der BJP 2014 unter dem Vorwand des Kuhschutzes immer wieder zu Lynch­morden an Muslimen gekommen, die des Konsums oder Handels von Rind­fleisch bezich­tigt wurden. Gleich­zeitig verzichten in Indien wie auch in Europa und Nord­ame­rika weiterhin viele Menschen auf Fleisch bzw. tieri­sche Produkte, weil sie der Frage der Rein­heit andere Dimen­sionen abge­winnen können – z. B. aus Sorge um das Klima oder die Gesund­heit von Mensch und Tier.