Geht man heute in einen Biomarkt oder ein Reformhaus, findet man überall Bezüge auf Indien: das Butterschmalz Ghee, als „Curry“ bezeichnete Gewürzmischungen oder vermeintlich indischer Yogi-Tee. Viele dieser Produkte sind vegetarisch bzw. vegan, was zeigt, wie empfänglich pflanzenbasierte Ernährungsformen in Europa für Inspirationen aus Indien sind. Auch wenn im Zeichen der Klimadebatte eine Abkehr von tierischen Produkten als besonders dringlich erscheint, ist dies keineswegs ein neues Phänomen. Schon bevor in Europa ab Mitte des 19. Jahrhunderts eine organisierte vegetarische Bewegung entstand, erschienen in Deutschland und Großbritannien Plädoyers für eine fleischfreie Ernährung, in denen Indien als Vorbild beschworen wurde. Auch Einflüsse in die umgekehrte Richtung gab es. Während in Indien vegetarische Ernährungsformen auf eine längere Tradition zurückblicken konnten, traten seit Ende des 19. Jahrhunderts immer wieder Vegetarier*innen, darunter auch Gandhi, in Austausch mit vegetarischen Vereinen in Europa und nutzen in Europa generiertes Wissen, um Vegetarismus argumentativ zu untermauern.
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Diese Zusammenhänge sind in der historischen Forschung zum Vegetarismus lange zu wenig beachtet worden. Die Geschichte des Vegetarismus wurde fast ausschließlich im nationalen Kontext untersucht. Wie Jakob Klein feststellt, erschien der westliche Vegetarismus als ein Phänomen der Moderne, als säkular und als freiwillige Entscheidung des Individuums. Vegetarismus in Asien hingegen wurde als traditionell und religiös gebunden interpretiert. Ein Blick auf Debatten über Vegetarismus zwischen Europa, Südasien und den USA im 19. und 20. Jahrhundert hingegen zeigt, dass nationalhistorische Perspektiven zu kurz greifen: Vegetarismus war in dieser Zeit ein Produkt komplexer Verflechtungen.
Der erste Verfasser eines vegetarischen Traktats, der sich auf Indien bezog, war der Schotte und Jakobiner John Oswald. In seinem Buch The Cry of Nature (1791) argumentierte er, dass „the merciful Hindoo“ niemals Fleisch verzehre oder anderen Lebewesen Leid antun könne. Im deutschen Sprachraum war es der ebenfalls revolutionär gesinnte Jurist und Schriftsteller Gustav Struve, der in seinem Roman Mandaras Wanderungen (1843) einen vegetarisch lebenden Brahmanen den fleischessenden Europäern den Spiegel vorhalten ließ. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden die ersten vegetarischen Vereine, in Großbritannien die „Vegetarian Society“ in Manchester, in Preußen der „Verein für Freunde der natürlichen Lebensweise (Vegetarianer)“. Diese setzten sich zum Ziel, durch eine fleischfreie Ernährung – um den Verzicht auf Eier und Milchprodukte ging es mehrheitlich noch nicht – die vermeintliche Degeneration der europäischen Bevölkerung aufzuhalten und eine Höherentwicklung der Menschheit zu ermöglichen. Denn durch den Verzehr von Fleisch, so argumentierten Vegetarier*innen, würden die „animal instincts“ des Menschen geweckt: die Lust auf den Konsum von Alkohol und Tabak, auf Sex und Gewalt. All dies führte aus Sicht der Vegetarier zur Degeneration der Menschheit. Auch schien Fleisch aufgrund seiner schnellen Verderblichkeit zahlreiche Gesundheitsrisiken zu bergen. Um die Abkehr vom Braten zu rechtfertigen, nahmen die Vereinszeitschriften vielfach Bezug auf Ernährungsformen außerhalb Europas, jedoch mit gewissen regionalen Schwerpunkten. Im deutschsprachigen Vegetarismus empfand man vor allem die vermeintlich frugal lebenden Einwohner Nordafrikas und Westasiens als vorbildlich. Für britische Vegetarier*innen wurde der indische Subkontinent der wichtigste Bezugspunkt.
Dabei erfolgte die Auseinandersetzung mit indischen Ernährungsformen nicht nur über Texte. Seit den 1880er Jahren gründeten auf dem Subkontinent Europäer*innen mit lokalen Protagonisten vegetarische Vereine. Das mag überraschen, gab es doch unter Hindus und Jains eine lange Tradition fleischfreier Ernährung. Vegetarisch ernährten sich unter Hindus vor allem die Brahmanen, die Angehörigen der Priesterkaste. Damit setzten sie sich von den als unrein geltenden unteren Kasten ab, die ihrerseits das konsumieren mussten, was die Brahmanen von sich wiesen, aber zu den als besonders rein erachteten Nahrungsmitteln, als die vor allem Milchprodukte galten, keinen Zugang hatten. Seit Beginn der britischen Herrschaft aber verzehrten auch Angehörige der oberen Kasten manchmal Rindfleisch. Immerhin argumentierten die Kolonialherrscher oft, die primär von Reis lebenden Hindus seien körperlich zu schwach, um sich selbst zu regieren. So aßen nun manche Hindus Fleisch, um den Respekt der Briten zu erlangen – oder gar so stark zu werden, dass sie die Kolonialherrschaft beenden konnten. Selbst der aus einer vegetarisch lebenden Familie stammende Gandhi ließ sich zu seiner Schulzeit in diesem Sinne von einem Mitschüler zum Fleischkonsum überreden.
Andere Vertreter nationalistischer Strömungen postulierten hingegen, dass nur eine vegetarische Ernährung unter Ausschluss von Fleisch, Eiern, Zwiebeln, Knoblauch, scharfen Gewürzen und Alkohol, nicht jedoch Milchprodukten die Einwohner des Subkontinents für den Kampf gegen die Kolonialmacht stärken könne. Für diese Strömung des Hindu-Nationalismus wurde die Kuh, im Hinduismus ein heiliges Tier, zentral. Vielerorts entstanden Kuhschutzgesellschaften, die nicht nur das Leben von Kühen schützen wollten, sondern auch gegen ihre angeblichen Feinde vorgingen – auch unter Einsatz von Gewalt, der Menschen das Leben kostete. Die Aggressionen richteten sich sowohl gegen indische Muslime als auch gegen Briten, die als Rindfleischkonsumenten wahrgenommen wurden, die Gewalt jedoch vor allem gegen erstere. Mehr und mehr wurden Muslime als Fremde, als zur entstehenden Hindu-Nation nicht Zugehörige stigmatisiert, während die Angehörigen der Hindu-Nation auf die vermeintlichen „Aryas“ zurückgeführt wurden, die zeitgleich auch in Europa – als „Arier“ – Indologen und Rassentheoretiker beschäftigten. Zeitgenössische Drucke, die zur Agitation genutzt wurden, stellten Muslime als entfesselte Mischwesen zwischen Mensch und Tier dar, die das Leben der heiligen Kuh bedrohten. Es waren ausgerechnet solche hindu-nationalistischen Protagonisten, die mit Europäer*innen in vegetarischen Vereinen kooperierten und ihre Plädoyers für Vegetarismus mit wissenschaftlichem Wissen aus Europa untermauerten.
Umgekehrt gelangte auch in Indien produziertes Wissen wieder in den Westen. Entscheidend war die Weltausstellung 1893 in Chicago. Einerseits fand hier ein vegetarischer Kongress statt, bei dem Protagonist*innen aus Europa, den USA und Indien zusammentrafen. So trug der Kongress zu einer Internationalisierung des organisierten Vegetarismus bei, die zunächst in der Gründung der International Vegetarian Union (IVU) 1908 gipfelte. Andererseits reisten zu einer anderen Veranstaltung auf der Weltausstellung, dem „Parliament of Religions“, Vertreter der so genannten Weltreligionen. Besonderen Eindruck auf das Publikum machten buddhistische und hinduistische Redner wie Anagarika Dharmapala, der Begründer des bald auch im Westen präsenten Reformbuddhismus, und Swami Vivekananda, von dessen spirituellen Lehren in Europa und den USA vor allem seine Version des Yoga Verbreitung fand.
Yoga war für Vivekananda vor allem Meditation im Dienst der vermeintlichen spirituellen Evolution und der verbesserten Konzentration. Obwohl er selbst kein Vegetarier war, erwartete das amerikanische Publikum von ihm und seinen Schülern ein Plädoyer für Vegetarismus. Nach der Weltausstellung verwandelte sich Chicago, die Stadt der Mega-Schlachthöfe des Union Stockyard, in ein Zentrum des amerikanischen Vegetarismus. Zugleich wurde es ein Mittelpunkt von neuen Religionen, die sich teilweise dem Vegetarismus verschrieben, so etwa Mazdaznan, eine Sekte, die sich auf den Zoroastrismus berief, jedoch vieles dem Yoga entlehnte und Atem- und Körperübungen, Vegetarismus und Sexualität als Mittel zur Höherentwicklung einer vermeintlichen weißen Rasse verstand.
Über die USA gelangte die Indien-Begeisterung im Vegetarismus nach Deutschland und in die Schweiz, wo sie vor allem in der Zeit zwischen dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg groß war. Verantwortlich hierfür war einerseits Mazdaznan, das seinen Schwerpunkt aufgrund von juristischer Verfolgung bald von den USA ins deutschsprachige Europa verlagerte. Hier trafen sowohl seine Körperpraktiken als auch seine Rassentheorie den Nerv der Zeit, so dass sogar prominente Künstler wie der Bauhäusler Johannes Itten der Gemeinschaft beitraten. Auch der Reformbuddhismus verbreitete sich in Deutschland, wo der Vegetarier und Tierschützer Ludwig Ankenbrand einer seiner wichtigsten Vertreter wurde. Für Ankenbrand erfüllte der Buddhismus alle Kernforderungen der Lebensreform, insbesondere die des Vegetarismus, und erschien ihm als die „arischste“ aller Religionen, während Christentum und Judentum für ihn das Semitische verkörperten und zutiefst negativ besetzt waren. War Ankenbrands Position recht singulär, hatte es schon länger auch antisemitische Positionen im europäischen Vegetarismus gegeben, die sich v. a. an der sowohl im Judentum als auch im Islam gebräuchlichen Praxis des Schächtens – vermeintlich für Tiere noch qualvoller als andere Varianten – stießen. Manche deutschen Vegetarier begrüßten auch explizit die Machtübernahme der Nationalsozialisten, da sie sich von dem Vegetarier Hitler einen Siegeszug für ihre Bewegung erhofften. Doch nicht alle deutschsprachigen Vegetarier, die sich auf Indien bezogen, waren Anhänger der Rassentheorie. Für den Schweizer Vegetarier und Nudisten Werner Zimmermann war Indien das Land Gandhis, dessen Konzept der Gewaltfreiheit Zimmermann imponierte. Doch unterschied ihn von Gandhi seine affirmative Haltung zur Sexualität. Der Vegetarier, Tierrechtler, Antifaschist und Pazifist Magnus Schwantje war ebenfalls Anhänger Gandhis, bevor er in Ram Chandra Sharma, einem jungen Hindu-Nationalisten, der sich gegen Tieropfer einsetzte, seinen Helden fand – ohne allerdings zu wissen, dass dieser auch Prinzipien anhing, die Schwantjes eigenen diametral entgegenstanden.
Während des Zweiten Weltkrieges war die internationale vegetarische Bewegung weitgehend zum Erliegen gekommen. Nach dem Krieg nahm sie wieder an Fahrt auf. Zu verdanken war dies einem führenden Mazdaznan-Mitglied, der aus Chicago stammenden Millionärin Gloria Gasque, die 1953 Präsidentin der IVU wurde. Gasque schaffte es dank ihrer Netzwerke in Bombay, wo sie die Kriegszeit verbracht hatte, nicht nur indische Akteur*innen in die IVU zu holen, sie gewann auch die deutsche Sektion, die im Nationalsozialismus aus der Organisation ausgetreten war, wieder als Mitglied und verschaffte deutschen Vegetarierinnen führende Positionen bei Mazdaznan und in der IVU. Damit schob sie zwei Entwicklungen an, die im Nachkriegsvegetarismus wichtig wurden: die führende Beteiligung von Frauen und die aktive Teilnahme indischer Vertreter in der Bewegung. Während Indien dem westlichen Vegetarismus lange als Projektionsfläche gedient hatte, nutzten erst nach dem Zweiten Weltkrieg indische Akteur*innen die seit 1908 bestehende International Vegetarian Union für ihre Zwecke. 1957 fand der „Fifteenth World Vegetarian Congress“ in dem seit zehn Jahren unabhängigen Indien statt – der erste Kongress der IVU außerhalb Europas. Indische Teilnehmer*innen stellten auf dem Kongress ihr Land als das Geburtsland des Vegetarismus dar, dessen Werte immer noch für das Land zentral seien und verliehen so dem neu gegründeten Staat eine klar auf brahmanischen Werten basierende Identität, die Muslime und Angehörige der unteren Kasten ausschloss.
Wie dieser Überblick über die Verflechtungsgeschichte des Vegetarismus von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis in den frühen Kalten Krieg zeigt, prägte der Wissensaustausch Debatten über Vegetarismus auf beiden Seiten nachhaltig. Er führte zu einem neuen, hybriden Wissen über Vegetarismus, das gleichwohl in Europa, den USA und Indien in jeweils unterschiedlichen Kontexten eingesetzt wurde. Gemeinsamer Nenner dieser Debatten waren Vorstellungen von Reinheit, die bisweilen Teil hierarchischer, rassistischer oder nationalistischer Weltbilder waren. Vegetarismus wurde hier als Mittel der Höherentwicklung der Menschheit beschrieben, die ihre „tierischen Triebe“ hinter sich lassen sollte.
Von den gegenwärtigen Debatten über Ernährung in Zeiten der Klimakrise und im Zeichen von Tierrechten sind diese Diskurse weit entfernt – wenngleich es auch in Deutschland weiterhin einen rechten Vegetarismus gibt. In Indien hat sich der Zusammenhang zwischen Hindu-Nationalismus und Vegetarismus erhalten, ist es doch seit der Regierungsübernahme der BJP 2014 unter dem Vorwand des Kuhschutzes immer wieder zu Lynchmorden an Muslimen gekommen, die des Konsums oder Handels von Rindfleisch bezichtigt wurden. Gleichzeitig verzichten in Indien wie auch in Europa und Nordamerika weiterhin viele Menschen auf Fleisch bzw. tierische Produkte, weil sie der Frage der Reinheit andere Dimensionen abgewinnen können – z. B. aus Sorge um das Klima oder die Gesundheit von Mensch und Tier.
Hm. Vielleicht sollte man den Vegetarismus von seinem ideologischen Ballast befreien. Und einfach nur darauf hinweisen, dass WENIGER Fleisch ein umweltentlastender Beitrag sein kann.