Neben Kanzler Olaf Scholz und den Verfasser:innen Offener Briefe scheinen auch breite Teile der Gesellschaft in Deutschland bei Waffenlieferungen in die Ukraine zu zögern. Ein Grund für dieses Zaudern ist die viel gelobte deutsche Erinnerungskultur.

  • Stephan Scholz ist Privatdozent am Institut für Geschichte der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg und arbeitet zu deutscher Erinnerungskultur und historischer Migrationsforschung. Er schrieb u.a. zur deutschen Vertreibungserinnerung in der Flüchtlingsdebatte 2015 und zu Denkmälern für Geflüchtete in der postmigrantischen Gesellschaft.

Viele Deut­sche tun sich schwer damit, die Ukraine in ihrem Wider­stand gegen den russi­schen Angriffs­krieg mili­tä­risch zu unter­stützen. Eine in der Regie­rungs­po­litik vor allem auf Seiten der SPD deut­lich erkenn­bare Zöger­lich­keit scheint – wenn man aktu­ellen Umfragen glauben darf – auch in Teilen der Bevöl­ke­rung verbreitet zu sein. Personen des öffent­li­chen Lebens bringen in Talk­shows, Zeitungs­ar­ti­keln und offenen Briefen nicht nur ihre Ableh­nung gegen­über der Liefe­rung von schweren Waffen zum Ausdruck. Sie äußern auch gene­rell Unbe­hagen und Zweifel an einer mili­tä­ri­schen Gegen­wehr, deren letzt­end­li­cher Nutzen ihnen ange­sichts der Opfer und einer mögli­chen Auswei­tung des Krieges frag­lich erscheint.

Gele­gent­lich explizit und noch häufiger implizit wird dabei auf die deut­sche Erfah­rung des Zweiten Welt­kriegs Bezug genommen und auf die Lehren, die daraus zu ziehen sind. Genera­ti­ons­be­dingt spielen dabei eigene Erin­ne­rungen nur noch bei wenigen Akteuren eine Rolle (und führen auch zu höchst unter­schied­li­chen Schluss­fol­ge­rungen, zum Beispiel bei Klaus von Dohn­anyi und Gerhart Baum). Manche rekur­rieren, wie Harald Welzer, auf fami­liäre Kriegs­er­in­ne­rungen. Von noch größerer Bedeu­tung ist heute aber wohl die öffent­liche Erin­ne­rungs­kultur, die sich in den vergan­genen Jahr­zehnten heraus­ge­bildet hat und den gesell­schaft­li­chen Blick auf Geschichte und Gegen­wart glei­cher­maßen prägt. 

Eine „offene und selbst­re­fle­xive Debatte um erneu­erte histo­ri­sche Verge­wis­se­rung“ sei in einem „Deutsch­land der ‚Zeiten­wende‘“ drin­gend nötig, schreibt Michael Wildt im Zusam­men­hang der Debatte über das Verhältnis von Holo­caust und Kolo­nia­lismus. Aber gerade auch der Krieg in der Ukraine stellt die deut­sche Erin­ne­rungs­kultur auf den Prüf­stand. Es stellt sich die Frage, auf welche Weise sie zu einer zurück­hal­tenden und zöger­li­chen Haltung gegen­über einer mili­tä­ri­schen Unter­stüt­zung der Ukraine beigetragen hat. Bedürfen bestimmte erin­ne­rungs­kul­tu­relle Gewiss­heiten und Gewich­tungen vor diesem Hinter­grund einer neuen Bewer­tung oder verän­derten Justierung?

„Nie wieder Ausch­witz“ – „Nie wieder Krieg“

Konsti­tu­tiver Bezugs­punkt und nega­tives Zentral­ereignis der deut­schen Erin­ne­rungs­kultur ist heute unbe­streitbar der Holo­caust. „Nie wieder Ausch­witz!“ ist seit den 1980er Jahren erin­ne­rungs­kul­tu­reller Kern­be­stand und hand­lungs­lei­tende Maxime zugleich. Vor allem im poli­tisch eher linken Spek­trum verband sich damit viel­fach das pazi­fis­ti­sche Diktum „Nie wieder Krieg!“. Zusammen wirkten beide lange Zeit wie zwei Seiten derselben Medaille. Tatsäch­lich war der Holo­caust nur vor dem Hinter­grund des deut­schen Erobe­rungs­krieges möglich geworden. Ande­rer­seits wurde Ausch­witz aber auch nur durch die Krieg­füh­rung der Alli­ierten befreit und die Shoah durch ihren mili­tä­ri­schen Einsatz beendet. 

Dass eine Umset­zung von „Nie wieder Ausch­witz!“ bedeuten konnte, auch mili­tä­risch eingreifen zu müssen, wurde in den 1990er Jahren im Zusam­men­hang mit den Kriegen im zerfal­lenden Jugo­sla­wien in einem für viele schmerz­haften und kontro­vers geführten Prozess zuneh­mend erkannt. Trotz dieser Erkenntnis blieb dennoch die Ansicht domi­nie­rend, dass Deutsch­land sich wegen seiner Geschichte bei mili­tä­ri­schen Aktionen beson­ders zurück­halten sollte. 

Aufgrund der histo­ri­schen Erfah­rung, mit dem Zweiten Welt­krieg uner­mess­li­ches Leid über andere Völker gebracht zu haben und an seinem Ende auch selbst Opfer dieses Krieges geworden zu sein, hielt sich die Über­zeu­gung, dass Krieg prin­zi­piell ein ille­gi­times Mittel sei und insbe­son­dere von deut­scher Seite nicht ange­wendet werden dürfe. Dies galt vor allem für Konflikte, die nicht eindeutig mit geno­zi­dalen Verbre­chen einhergingen.

Die Verhin­de­rung bzw. Been­di­gung des Völker­mordes an den Juden und Jüdinnen war auf Seiten der Alli­ierten im Zweiten Welt­krieg aller­dings weder Ursache noch primäres Motiv ihrer Kriegs­füh­rung. Sie reagierten viel­mehr auf die aggres­sive Expan­si­ons­po­litik Deutsch­lands. Die damit verbun­denen deut­schen Verbre­chen unter­halb der Schwelle des Völker­mords – der deut­sche Angriffs­krieg, die Bombar­die­rung von Städten, massen­hafte Verschlep­pungen von Zivi­listen zur Zwangs­ar­beit, die rassis­ti­sche und brutale Besat­zungs­po­litik gegen­über der Bevöl­ke­rung nicht nur, aber vor allem in Osteu­ropa – sind in der deut­schen Erin­ne­rungs­kultur weniger veran­kert. In den davon betrof­fenen Ländern sind sie dagegen nach wie vor präsent. Sie legi­ti­mieren hier rück­bli­ckend den Kampf gegen das natio­nal­so­zia­lis­ti­sche Deutsch­land ebenso wie die grund­sätz­liche Über­zeu­gung, dass Kriege notwendig sein können.

Kämpfen lohnt sich nicht

Anders als ihre ehema­ligen Kriegs­gegner haben die Deut­schen nicht die Erfah­rung eines breiten und letzt­lich erfolg­rei­chen Wider­standes sowie der Selbst­be­freiung vom Natio­nal­so­zia­lismus gemacht. In die deut­sche Erin­ne­rungs­kultur ging viel­mehr die Erfah­rung ein, im Zweiten Welt­krieg für die falsche Sache und nur in sehr wenigen Fällen und zudem vergeb­lich gegen den Natio­nal­so­zia­lismus gekämpft zu haben. Die deut­sche Bilanz aus dem Zweiten Welt­krieg war, dass der Kampf der Soldaten schlecht und die wenigen Beispiele gewalt­samen Wider­standes erfolglos geblieben waren.

„Unsere Groß­el­tern […] haben Wider­stand geleistet. Und das müssen wir auch heute tun.“ Ein solcher Satz, den der briti­sche Publi­zist Paul Mason kürz­lich zum Ukrai­ne­krieg schrieb, ist in der deut­schen Debatte noch nicht gefallen und auch nur schwer vorstellbar. Die histo­ri­sche Erfah­rung eines notwen­digen Kampfes für eine gerechte Sache fehlt in der jüngeren deut­schen Erin­ne­rungs­kultur ebenso wie die Erfah­rung, dass gewalt­samer Wider­stand gegen einen verbre­che­ri­schen Gegner nicht nur mora­lisch geboten, sondern auch erfolg­reich sein kann. Die deut­sche Erfah­rung, dass es sich nicht zu kämpfen lohnt, fundierte dagegen eine Nach­kriegs­er­in­ne­rung, die lang­fristig zu einer weit­ver­brei­teten Distanz zu jegli­chen Formen von Krieg und Gewalt führte.

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Damit hatte sich auch das Modell einer heroi­schen Kriegs­er­in­ne­rung für die Deut­schen erle­digt. Anders in der Erin­ne­rungs­kultur der Alli­ierten und der ehemals besetzten Länder: Die Erin­ne­rung an Soldat:innen, Widerstandskämpfer:innnen und Partisan:innen, die den Natio­nal­so­zia­lismus nach langem Kampf schließ­lich erfolg­reich besiegt und dafür Gesund­heit oder Leben geop­fert hatten, begrün­dete und festigte hier durchaus auch ein heroi­sches Gedächtnis. Es wirkt bis in die Gegen­wart fort und wird von deut­scher Seite oft mit einer sich post­he­ro­isch gebenden Über­heb­lich­keit als vermeint­lich aus der Zeit gefallen belä­chelt. Erst spät und ganz allmäh­lich veran­kerte sich in der deut­schen Erin­ne­rungs­kultur die Über­zeu­gung, durch den Kampf der anderen nicht nur besiegt, sondern eben­falls befreit worden zu sein.

Opfer­iden­tität und Aufarbeitungsstolz

Die Erin­ne­rung an die sieg­rei­chen alli­ierten Soldaten blieb jedoch ambi­va­lent. Vor allem die Sowjet­sol­daten der Roten Armee – schon bei Kriegs­ende oft verkürzt als „die Russen“ bezeichnet – wurden und werden bis heute vor allem als Verge­wal­tiger deut­scher Frauen, als Vertreiber der deut­schen Bevöl­ke­rung aus dem Osten oder als spätere Besatzer im Ostteil des Landes erin­nert. Nicht zuletzt aus dieser Erin­ne­rung heraus resul­tiert heute eine beson­dere Furcht vor „den Russen“, die als poten­ziell brutale Gewalt­täter besser nicht provo­ziert, sondern mit denen lieber eine gütliche Eini­gung gesucht werden sollte.

„Den Opfern von Krieg und Gewalt­herr­schaft“: Die vier­fach vergrös­serte Pietá von Käthe Koll­witz in der Neuen Wache, Berlin; Quelle: berliner-woche.de

Die Deut­schen selbst bildeten dagegen ein ambi­va­lentes Opfer-Täter-Gedächtnis aus. Dem lange domi­nie­renden Selbst­bild als Opfer der Nieder­lage, alli­ierter Sieger­willkür oder des Krieges selbst stellte sich später ein Täter­be­wusst­sein an die Seite, das sich vor allem auf die Erin­ne­rung an den Holo­caust grün­dete. Heute gehört die „Aufar­bei­tung“ beson­ders dieses Teiles der deut­schen Geschichte fest zum erin­ne­rungs­kul­tu­rellen Selbst­ver­ständnis. Dies führt in Talk­shows oder bei anderen Gele­gen­heiten aller­dings gele­gent­lich auch zu selbst­ge­fäl­liger Über­heb­lich­keit gegen­über Reprä­sen­tanten nicht­deut­scher Gesell­schaften, die in dieser Hinsicht als rück­ständig betrachtet werden – wenn sie sich zum Beispiel noch nicht glei­cher­maßen intensiv mit ihrer Kolla­bo­ra­ti­ons­ge­schichte ausein­an­der­ge­setzt haben – oder denen signa­li­siert wird, dass man in histo­ri­scher Hinsicht keiner weiteren Beleh­rung mehr bedürfe, weil man seine Haus­auf­gaben bereits gemacht habe.

Soli­da­rität und Zurückhaltung

Trotz der Veran­ke­rung des Täter­be­wusst­seins in der deut­schen Erin­ne­rungs­kultur verstärkte sich seit dem Ende des Kalten Krieges wieder das Selbst­ver­ständnis, auch selbst Opfer des Zweiten Welt­krieges gewesen zu sein. Das deut­sche Opfer­be­wusst­sein war insbe­son­dere seit der Jahr­tau­send­wende medial präsent. Die derzei­tige Soli­da­rität mit den ukrai­ni­schen Opfern des russi­schen Angriffs­krieges und die umfang­reiche Bereit­schaft, sie zu unter­stützen, erklärt sich auch vor dem Hinter­grund dieser kultu­rellen Erin­ne­rung an eigene Kriegserfahrungen.

Kranz­nie­der­le­gung in der Neuen Wache, Berlin, 8.5.2020; Quelle: bundespraesident.de

Insbe­son­dere die Empa­thie und Hilfs­be­reit­schaft gegen­über den ukrai­ni­schen Flücht­lingen – meist Frauen und Kinder – scheinen auch eine Folge des etablierten deut­schen Opfer­selbst­bildes in der Erin­ne­rung an die meist weib­lich visua­li­sierten deut­schen Flücht­linge und Vertrie­benen vor und nach dem Ende des Zweiten Welt­kriegs zu sein. Die Verge­gen­wär­ti­gung der Männer, die heute und damals als Soldaten kämpfen, ruft im deut­schen Fall dagegen das Täter­be­wusst­sein auf. Kämp­fende Männer im Krieg – das ist in der deut­schen Erin­ne­rung ein negativ besetztes Motiv, das eben­falls nach­wirkt, wenn es um die mili­tä­ri­sche Unter­stüt­zung der Ukraine geht.

Erin­ne­rungs­kul­tu­relle Selbst­be­zo­gen­heit und poli­ti­sche Zaghaftigkeit

Seit dem Ende des Zweiten Welt­krieges hat die deut­sche Gesell­schaft über die Jahr­zehnte hinweg eine wech­sel­hafte erin­ne­rungs­kul­tu­relle Entwick­lung genommen. Sie hat dabei die Fähig­keit bewiesen, etablierte Formen des histo­ri­schen Selbst­ver­ständ­nisses immer wieder selbst­re­flexiv zu hinter­fragen und gege­be­nen­falls zu regu­lieren. Das wurde auch außer­halb Deutsch­lands mit großer Aner­ken­nung regis­triert. Kürz­lich meinte dagegen zum Beispiel der libe­rale polni­sche Oppo­si­ti­ons­führer und ehema­lige EU-Ratspräsident Donald Tusk, man könne den Eindruck gewinnen, dass Deutsch­land die falschen Lehren aus der Geschichte gezogen habe.

Vor dem Hinter­grund des russi­schen Angriffs­krieges gegen die Ukraine wird deut­lich, dass die deut­sche Erin­ne­rungs­kultur immer noch von einer starken Selbst­be­zo­gen­heit bestimmt ist. Zu wenig sind die Kriegs­er­in­ne­rungen der euro­päi­schen Nach­barn und ehema­ligen Kriegs­gegner wahr- und ernst­ge­nommen worden. Zu wenig sind sie in eine auf sich selbst gerich­tete Beschäf­ti­gung mit der Geschichte einge­gangen und konnten hier eine regu­la­tive Wirkung entfalten. In der Folge davon zeigt sich heute gegen­über der Ukraine viel­fach eine ebenso zurück­hal­tende und zaghafte wie selbst­ge­fäl­lige und über­heb­liche Haltung. Sie wird der exis­ten­zi­ellen Bedro­hung der Ukraine durch Russ­land ebenso wenig gerecht wie der damit verbun­denen Gefähr­dung der Demo­kratie in Europa, für deren Bestand auch die deut­sche Erin­ne­rungs­kultur eine Mitver­ant­wor­tung trägt.

 

  • Stephan Scholz ist Privatdozent am Institut für Geschichte der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg und arbeitet zu deutscher Erinnerungskultur und historischer Migrationsforschung. Er schrieb u.a. zur deutschen Vertreibungserinnerung in der Flüchtlingsdebatte 2015 und zu Denkmälern für Geflüchtete in der postmigrantischen Gesellschaft.