Einsame Heldin. Zum Tod von Winnie Mandela

Nelson Mandela wird dafür gepriesen, dass er die Gewalt, die ihm angetan worden ist, vergeben hat. In Südafrika wächst eine Generation heran, die Winnie Mandela dafür verehrt, dass sie die vergangene und gegenwärtige Gewalt nicht vergeben und nicht vergessen hat.



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Als am Ostermontag der Tod von Winnie Madikizela-Mandela offiziell bekannt wurde, war in den darauffolgenden Nachrufen in nationalen und internationalen Zeitungen, in sozialen Medien sowie im südafrikanischen Fernsehen umgehend von ihrer „mixed legacy“ die Rede, den gemischten Gefühlen, mit denen man auf ihr Leben zurückblicken würde. Auch die weitere Berichterstattung zu ihrem Tod, insbesondere in den internationalen Medien, unterliegt interessanten Mustern. Einerseits wird sie zu einer überzeitlichen tragischen und fehlbaren Heldin stilisiert, unabhängig von der Zeit der Apartheid und Postapartheid und den konkreten Umständen ihres Lebens. Andererseits wird an ihrer Person südafrikanische Geschichte und Gegenwart in ganz spezifischer Weise verhandelt.

Individualisierung der Apartheid

Ein Phänomen der gegenwärtigen südafrikanischen Erinnerungskultur ist die Individualisierung der Apartheid, d.h. sie wird mehr und mehr zur Geschichte von einzelnen Verbrechern und einzelnen Helden und Heldinnen gemacht. Dazu beigetragen hat die Wahrheits- und Versöhnungskommission (1996-1998) mit der realpolitisch wohl sinnvollen, aber für die Millionen von Menschen, die unter der Apartheid gelitten haben, extrem problematischen Entscheidung, sich auf die Untersuchung schwerer Menschenrechtsverletzungen zu beschränken. So wurde der systemische Charakter der Apartheid zwar immer wieder betont, aber nicht ins Zentrum der hochritualisierten Anhörungen und des abschließenden Berichts gerückt. Hinzu kam eine Rhetorik der Vergebung und der Versöhnung, die notwendig auf das Individuum zielt, denn Gruppen können schwerlich ihr Gewissen prüfen und aufeinander zugehen.

Diese Individualisierung schreibt im Grunde auch der gefeierte Dokumentarfilm Winnie von Pascale Lamche (2016) fort, der visuell und durch die Interviews den Eindruck erweckt, Winnie Mandela habe als einzige Person außerhalb von Gefängnis, Untergrund und Exil dem Regime die erhobene Faust entgegengereckt. Es ist keine Rede von der breiten Politisierung im Land, den in weiten Teilen der Gesellschaft verankerten Graswurzelbewegungen und der enorm wichtigen Gründung der United Democratic Front (UDF) 1983. Im Dokumentarfilm wird diese Lesart durch die Gegenfigur Neil Barnard verstärkt, ehemaliger Chef des Geheimdienstes, der im Gegenschnitt selbstgefällig, arrogant und ungestört durch jede Nachfrage sein Handeln ausbreiten darf. Auch so interessante Fragen wie die, warum das Regime Winnie Mandela trotz zahlloser Verhaftungen und schwerster Drangsalierungen in vielerlei Hinsicht gewähren ließ, werden ihm nicht gestellt.

The wife of…

Dafür wird im Film gezeigt, wie der Moment, als Nelson Mandela aus dem Gefängnis entlassen wurde, ihr Leben dramatisch veränderte. „I’ve lost my identity.“ sagt Winnie Mandela, denn nun sollte sie, eine der ranghöchsten ANC Politikerinnen im Land, zur Seite treten, um Platz für den künftigen Präsidenten zu machen und ihr eigenes politisches Profil dem Ziel der Versöhnung und der weitreichenden Kompromisse unterordnen. Zudem folgte eine mehr oder weniger systematische Demontage und Dämonisierung ihrer Person innerhalb und außerhalb der Partei. Insbesondere die ihr vorgeworfene, nachweislich von einem Geheimdienstspitzel ausgeführte Ermordung von Stompie Sepei 1989 wurde ihr zum Verhängnis. Bischof Tutu versuchte sie während einer Anhörung vor der Wahrheitskommission zu einer Entschuldigung zu zwingen, die sie jedoch verweigerte. Sie solle doch bitte einfach nur bekennen, dass sie Fehler gemacht habe, flehte der Vorsitzende der Wahrheitskommission inständig – ihr Schweigen und ihr Blick haben einen Nachhall bis heute. Fredrik de Klerk übrigens, der letzte Präsident des weißen Südafrikas, log vor der Kommission und versuchte, Teile des Abschlussberichts zensieren zu lassen, die seine Verwicklungen in politische Morde und Bombenanschläge betrafen.

Nach dem Ende eines Krieges und nach dem Ende einer Übergangszeit haben die Frauen wieder zurückzutreten. Das hat sich in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg ebenso gezeigt wie bei den Befreiungsbewegungen der 1960er Jahre in Afrika und Lateinamerika. In Südafrika wurden nach dem Ende der Apartheid nicht nur Winnie Mandela, sondern auch andere einflussreiche Kämpferinnen, Aktivistinnen und Politikerinnen wie Albertina Sisulu oder Adelaide Tambo zu „Frauen von…“. „Mütter der Nation“. Tatsächlich haben sie auch die mit Mütterlichkeit verbundenen Aufgaben übernommen, die alltägliche Sorge in den eigenen Familien, aber auch für die Angehörigen der anderen Gefangenen und Getöteten, der ins Exil Getriebenen. Aber dies war nur eine Seite. In einem anderen Dokumentarfilm sagt Winnie Mandela, sie habe nie mit Nelson Mandela über Politik diskutiert, sie sei nicht das „politische Produkt“ ihres Mannes gewesen, der ohnehin die meiste Zeit im Gefängnis sass oder im Untergrund war. Sie war eine Politikerin aus eigenem Recht.

Kompromisslos kontrovers

Bereits während der Apartheid gehörte Winnie Mandela zu den am meisten fotografierten Personen des Landes. Ihre auch visuelle Präsenz war insbesondere im Ausland wichtig, um den Namen Mandela 27 Jahre lang in Erinnerung zu halten. Und es existieren zahlreiche Filmdokumente, die zeigen, dass ihre strahlende Schönheit sich mit einem geradezu atemberaubenden Mut verband. Sie schrie Polizisten an und fiel ihnen in den Arm, sie zeigte sich öffentlich in den Farben des verbotenen ANC und bekannte sich klar zum bewaffneten Kampf.

Am auffälligsten in vielen Nachrufen und Berichten ist die Verwendung des Begriffs „kontrovers“, um ihr Leben zu beschreiben. Sie habe Fehler begangen, wird dabei wohlwollend oder auch kopfschüttelnd angemerkt. Was denn sonst. Welcher männliche Staatsmann, bedeutende Politiker oder Revolutionär ist denn wohl bruch- und widerspruchslos in die Geschichtsbücher eingegangen? Wie kann ein Leben ohne Kontroversen gelebt werden, zumal in einer Situation von Gewalt, Unterdrückung und permanenter Verfolgung?

Winnie Mandela stand unter dauernder Beobachtung und insgesamt 27 Jahre lang unter Bann, eine Art von Hausarrest, der ihre Bewegungsfreiheit und ihre sozialen Kontakte drastisch einschränkte. Sieben Jahre dieser Zeit musste sie in Brandfort im damals von Buren dominierten Orange Free State verbringen, einer feindseligen Umgebung, deren Sprachen sie nicht sprach. Zuvor saß sie 491 Tage in Isolationshaft als Gefangene Nummer 1383/69 in einer winzigen Zelle, in der 24 Stunden lang das Licht brannte, und überlebte tagelange Verhöre, Quälereien und Folter. Zu ihrer Zeit im Gefängnis sagte sie, dass sie vor ihrer Verhaftung keinem Menschen etwas hätte antun können, doch diese Zeit habe sie hart gemacht: „It made me the soldier at heart I am today.“

Auch in Brandfort setzte Winnie Mandela ihre soziale und politische Arbeit fort, legte Gemeinschaftsgärten an und agitierte die schwarze und die weiße Bevölkerung des Städtchens, und wurde weiterhin drangsaliert, bis sie nach einem Brandanschlag auf ihr Haus ihrer Verbannung selbst ein Ende setzte und nach Soweto zurückkehrte. Hier blieb sie für den Rest ihres Lebens. Sie hatte sich nicht in den Villenviertel Johannesburgs niedergelassen, wie so viele andere ANC-Politiker, und auch das hat viel zu ihrer Glaubwürdigkeit beigetragen.

Gegen-Gewalt

Zu den immer wieder in den Nachrufen angesprochenen Kontroversen in Winnie Mandelas Leben gehört das Thema der Gewalt – Gewalt, die sie in ihrer Umgebung geduldet oder sogar selbst ausgeübt hätte, und die Gewalt des bewaffneten Kampfes. Als Nelson Mandela nach seiner Freilassung – und insbesondere nach seinem Tod – geradezu seliggesprochen wurde, rückten damit nicht nur seine Genossen und Genossinnen wie Chris Hani, Walter und Albertina Sisulu, Oliver und Adelaide Tambo und viele andere in den Hintergrund, sondern er wurde vom Commander-in-Chief des bewaffneten Arms des ANC zum Friedensfürsten, symbolisiert im gemeinsam mit Frederik de Klerk 1993 entgegengenommenen Friedensnobelpreis. So wichtig es Anfang der 1990er war, angesichts eines Guerillakrieges gegen die Südafrikanische Armee, der von keiner der beiden Seiten gewonnen werden konnte, und angesichts von eruptiver Gewalt und Terrorismus durch die rechtsradikale Afrikaner Weerstandsbeweging und die separatistische Inkhata Freedom Party, einen Bürgerkrieg zu verhindern, so weitgehend waren die damit verbundenen Kompromisse und Zugeständnisse, die schließlich den auch international verhandelten Übergang in eine demokratische Gesellschaft ermöglichten.

Diese Kompromisse, und auch die Entgegennahme des Nobelpreises, hat Winnie Mandela immer kritisiert und die Erinnerung an die extrem gewaltförmige Geschichte Südafrikas aufrechterhalten, die angesichts der Versöhnungsrhetorik und der Verdrängung des bewaffneten Kampfes in Vergessenheit zu geraten droht. Noch mit 80 Jahren kommentierte sie scharf die politische Situation in Südafrika und sprach in ihrem letzten Interview über die Krise des ANC, die mangelnde ökonomische Freiheit, das Problem der Jugendarbeitslosigkeit und das Versagen ihrer Generation, eine verlässliche und gute neue Führungsschicht herangebildet zu haben. Sie führte keineswegs alle gegenwärtigen Probleme auf die Apartheid zurück, ein Regime, das immerhin systematisch, nämlich gesetzlich verankert, mehrere Generationen von Kindern und Jugendlichen dem Rassenwahn geopfert hat. Für viele der heutigen jungen Südafrikanerinnen und Südafrikaner ist sie eine glaubwürdige Figur, weil sie die sozioökonomischen und gesellschaftlichen Probleme immer klar benannt hat.

Graça Machel, Politikerin, Menschrechtsaktivistin und ehemalige First Lady von Mosambik und Südafrika, fand zum Abschied poetische und würdige Worte, denen nicht umgehend ein „aber“ folgte:

The extraordinary life you led is an example of resilient fortitude and inextinguishable passion that is a source of inspiration to us all of how to courageously confront challenges with unwavering strength and determination. Thank you for your brilliant wisdom, your fierce defiance, and your stylish beauty.