Ungleichheit schlägt sich körperlich nieder, das macht die Literatur von Édouard Louis schmerzhaft sichtbar. In „Changer: méthode“ beschreibt er seinen Bildungsgang als gewaltvolle Gegendressur.

  • Jule Govrin ist Philosoph:in und forscht an der Schnittstelle von Politischer Theorie, Sozialphilosophie, Feministischer Philosophie und Ästhetik, aktuell arbeitet sie am Institut für Sozialforschung in Frankfurt am Main zur politischen Dimension von Körpern und zu Verwundbarkeit als Modus der Gleichheit. Zu ihren Publikationen zählen "Begehren und Ökonomie. Eine sozialphilosphische Studie" (de Gryuter 2020) und „Politische Körper. Von Sorge und Solidarität“ ( Matthes & Seitz 2022). Neben ihrer Forschung ist sie als Redakteur:in bei Geschichte der Gegenwart tätig.
Geschichte der Gegenwart
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Einen anderen Körper einüben. Édouard Louis’ Geschichte der Gegendressur
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Édouard Louis hat ein neues Buch geschrieben, wobei es so neu nicht ist. In Frank­reich erschien es schon 2021 unter dem schlichten, starken Titel: Changer: méthode (Methode: Verän­dern). Im Herbst veröf­fent­licht der Aufbau-Verlag eine deutsch­spra­chige Über­set­zung mit dem etwas abge­schwächten Titel Anlei­tung ein anderer zu werden.

Zur Verkör­pe­rung von Ungleichheit

Bislang hat Édouard Louis in der Tradi­tion der auto­fik­tio­nalen Gesell­schafts­ana­lyse von Annie Ernaux vor allem über seine Kind­heit geschrieben, ange­fangen 2014 in seinem Debüt­roman Das Ende von Eddy. Vom Aufwachsen in verarmten Verhält­nissen in der kargen Indus­trie­land­schaft des fran­zö­si­schen Nordens, während durch den Fami­li­en­fern­seher allabend­lich die bunte Popwelt der 1990er Jahre ins Wohn­zimmer wabert. In einer Umwelt voll verhär­teter Männ­lich­keits­ideale, an denen er schei­tert, weshalb er der quälenden Aufmerk­sam­keit der anderen ausge­setzt ist, verhöhnt wegen zu femi­niner Gesten, bedrängt von den Schimpf­rufen, er sei schwul, ein Wort,  das ihn beständig begleitet, sich als Stigma an ihn haftet und seinen Körper belegt. Sein sexu­elles Anders­sein versperrte den für ihn vorge­zeich­neten Weg, welcher der Weg seines Groß­va­ters, seines Vaters, seines Bruders war: in die Fabrik, in die Welt der Kumpel und des masku­linen Geba­rens beim gemein­samen Pasti­strinken. Es ist dieses von außen zuge­schrie­bene Anders­sein, das ihn zum Aufbruch aus der Enge der Klein­stadt zwingt, hinein in eine halt­lose Flucht. Und so hat Édouard Louis vom Bruch mit seiner Familie geschrieben, ebenso wie von den Bemü­hungen, sich Jahre später seiner Mutter und schließ­lich auch seinem Vater anzu­nä­hern. Er hat ihre Geschichten geschil­dert und über seine Rolle als Verfasser dieser Geschichten reflektiert.

Cover der fran­zö­si­schen Ausgabe von Seuil (2021)

In lite­ra­ri­scher Weiter­füh­rung von Pierre Bour­dieus Habi­tus­theorie seziert Edouard Louis’ Lite­ratur, wie Körper ungleich gemacht werden. Beson­ders eindrück­lich geschieht dies im 2018 erschie­nenen Roman Wer hat meinen Vater umge­bracht? Sein Vater, erst Fabrik­ar­beiter, dann Stra­ßen­kehrer, gefangen auf einem Weg, der nie einen Ausweg kannte, versperrt von einer sozialen Ordnung, welche prekäre Menschen an den ihnen zuge­wie­senen Plätzen belässt: „Nach einiger Zeit hast du eine andere Anstel­lung in einer anderen Stadt antreten müssen, für sieben­hun­dert Euro im Monat muss­test du dich jeden Tag bücken, um den Abfall der anderen aufzu­sam­meln, muss­test buckeln trotz deiner ruinierten Wirbel­säule. Nicolas Sarkozy und Martin Hirsch haben dir das Rück­grat gebrochen.“

Selten wurde so prägnant geschil­dert, was Ungleich­heit mit Körpern macht, wie Wirt­schafts­maß­nahmen unmit­telbar auf sie einwirken, sie verwerten und verelenden. Ungleich­heit äußert sich körper­lich, darauf wies schon Pierre Bour­dieu hin, als er schrieb, dass Herr­schaft stets verkör­pert werde. Ungleich­heit schreibt sich in Körpern fort, sie drückt sich in Distink­ti­ons­dy­na­miken aus, die von oben nach unten verlaufen. Sie äußert sich in dem gebil­deten Geschmack, der alles Popu­läre als vulgär verachtet: in der exqui­siten Wein- und Spei­se­wahl, dem ausge­suchten Kultur­ge­nuss, der ange­mes­senen, eleganten Klei­dung, den wohl­ge­wählten Worten. Zwischen diesen Welten – der Arbei­ter­klasse im provin­zi­ellen Norden und der Kulture­lite im kosmo­po­li­ti­schen Paris – bewegt sich Édouard Louis’ Schreiben in gejagtem Grenzgang.

Ein Bildungs­roman – gegen den Strich gelesen

In Changer: méthode beschreibt Édouard Louis seinen Bildungs­auf­stieg vom queeren Klein­stadt­kind zum welt­weit berühmten Schrift­steller. Es ist eine Geschichte, die von der Gewalt der Gegendressur erzählt. Den Begriff der Gegendressur brachte Bour­dieu in seinem Spät­werk ein, um aufzu­zeigen, dass man gegen die einge­schrie­benen habi­tu­ellen Muster aufbe­gehren und antrai­nieren kann, durch Bewusst­wer­dung und eben durch das Einüben anderer Bewe­gungs­ab­läufe, ein konkret körper­li­ches Gegen­lernen, eine Gegen-Habitualisierung. Was bei Bour­dieu einen kollek­tiven Akt bildet, beschreibt Louis als Geschichte der Brüche, ange­trieben von einem unbe­dingten Begehren nach Trans­for­ma­tion, das ihn immer wieder aus der Bande reißt, die ihn mit Weggefährt*innen verbindet.

Da ist die Freund­schaft mit Elena, die er im Gymna­sium kennen­lernt. Die er bis zur Perfek­tion zu imitieren versucht. Deren bildungs­bür­ger­liche Familie ihn aufnimmt und begleitet, als er in zwang­hafter Manier einen anderen Habitus einübt. Denn schnell spürt er bei den Abend­essen im Kreis von Elenas Familie die unsicht­baren und doch so deut­li­chen Grenzen der Distink­tion. Er erlebt sie als Makel an sich selbst, in seiner Aussprache, seinem Aussehen, seinem Auftreten, Makel, die er uner­bitt­lich auslö­schen muss. Mein Körper erzählte eine andere Geschichte als dieje­nige, die ich durch meinen Willen formen wollte. Um seine Geschichte zu verän­dern, muss er seinen Körper verändern.

Somit beginnt sein Projekt des rasanten, radi­kalen Selbst­wan­dels. Eine Arbeit, die komplette Körper­kon­trolle abver­langt. Fortan muss er in jeder Sekunde darauf achten, seinen habi­tu­ellen Hinter­grund zu verbergen. Kein Wort, das über seine Lippen kommt, darf den Dialekt des Nordens durch­klingen lassen. Sein Name, seine Klei­dung, sein Haar­schnitt, selbst sein Lachen, alles muss anders werden. Eine Übung, die ihm inso­fern leicht­fällt, als ihm in seiner Kind­heit seiner Gesten und Bewe­gungen stets bewusst gemacht wurden, die den anderen als zu feminin erschienen und als zu exal­tiert kommen­tiert wurden. Schon damals war er bemüht, sich seinem Umfeld best­mög­lich anzu­passen. Seine Fähig­keiten zur Verstel­lung, die er sich als Junge aneignen musste – mit tieferer Stimme spre­chen, vorgeben, sich für Mädchen zu inter­es­sieren – kommt ihm im neuen Umfeld zupass. Zum einen sticht er am Schul­theater als talen­tierter Schau­spieler hervor, zum anderen hilft es ihm, seine habi­tu­ellen Muster umzu­schreiben. Ange­trieben von dem Begehren nach Verän­de­rung, das seins und doch nicht seins ist, weil keine Wahl bleibt, führt seine Reise nach Amiens. Er studiert dort Geschichte, entdeckt das univer­si­täre Umfeld und bleibt eng mit Elena befreundet, die ihn eines Tages behutsam beiseite nimmt, um ihm die bürger­li­chen Manieren des Essens beizu­bringen, die korrekte Hand­ha­bung des Bestecks, die rich­tige Haltung des Körpers. Er nimmt ihre Anlei­tungen eifrig auf und imitiert sorgsam die Gesten der anderen bei den folgenden Abend­essen: Sie dachten, ich würde das Gleiche machen wie sie, doch in Wirk­lich­keit arbei­tete ich als ich aß, ich übte einen neuen Körper ein.

Einen anderen Habitus, einen anderen Körper einüben

Doch der Abstand zu seiner Familie ist in Amiens nicht groß genug, es zieht ihn nach Paris, an die École Normale Supé­ri­eure, eine der Elite­schulen in Frank­reich. In seiner Rast­lo­sig­keit, dem stillen Zwang nach schnellst­mög­li­cher, größt­mög­li­cher Verän­de­rung, muss er aus Amiens aufbre­chen und sich von Elena verab­schieden. Und er kommt in Paris an, in die freund­schaft­liche und intel­lek­tu­elle Nähe von Didier Eribon. Besessen vom Bestreben, eben­falls ein erfolg­rei­cher Autor zu werden, stürzt sich Édouard Louis ins Lesen, ortlos, koor­di­na­tenlos, ohne Vorwissen, blind­lings alle Bücher verschlin­gend. In der Hast, den Vorsprung einzu­holen, der unein­holbar erscheint: der Vorsprung, den seine Mitstu­die­renden so selbst­ver­ständ­lich mit sich tragen, die in Akade­mi­ker­fa­mi­lien aufge­wachsen sind, umgeben von Bildung und Büchern, beschert mit dem Wissen, sich im Univer­si­tären zurecht­zu­finden, beschenkt mit dem Selbst­be­wusst­sein, dort einen berech­tigten Platz zu besitzen.

Die Trans­for­ma­tion gelingt. Der körper­liche Wandel schreitet voran. Einer seiner wohl­ha­benden Lieb­haber in der Pariser Ober­schicht bezahlt ihm den Zahn­arzt. Und Édouard Louis, der inzwi­schen in seiner Rolle bril­liert und seiner bour­geoisen Umwelt weis­ma­chen kann, er sei einer von ihnen, gerät in Panik. Denn die Zähne, die schief­ste­henden, kariösen, unge­pflegten Zähne sind der untrüg­liche Beweis seiner Herkunft, den er nicht einfach auslö­schen oder durch antrai­nierten Jargon kaschieren kann.

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Ankün­di­gung der deut­schen Über­set­zung im Aufbau-Verlag.

Seine Gegendressur richtet sich an den schwulen Männern seines neuen Milieus aus, gepflegt, gebildet, gediegen. Sein soziales Begehren, schreibt er, vermischte sich mit seinem sexu­ellen Begehren. Er begehrt dieje­nigen, denen er glei­chen will. In diesem Begehren nach Imita­tion sucht er sich wohl­be­tuchte Bett­ge­fährten, die eben­jenen Erfolg verkör­pern, den er selbst erringen will. Die Lieb­haber, die ihn unter­stützen, die ihn umsorgen und die er doch verlassen muss, in der endlosen Flucht zu einem neuen Selbst. Ein Selbst, das ihm einen Platz in der Welt sichern soll, in einer Welt, die für ihn nie vorge­sehen war. Wenn ich es an die École Normale Supé­ri­eure schaffe, dann bin ich gerettet, wenn ich ein Buch schreibe, dann bin ich gerettet – diese Sehn­sucht danach, eines Tages vor der Armut gerettet zu sein, gestaltet sich als Streben, das ihn ständig aus den Bezügen reißt, die er sich gebaut hat. Ein Begehren, das ihn ins Schreiben bringt.

Doch damit der Sturz ins Schreiben gelingen kann, bedarf es eines weiteren Bruchs: Plötz­lich ist da der Ekel, den er verspürt, als ihn ein Lieb­haber ermahnt, ja keinen Wein auf die mit Eisbär­fell umman­telte Couch zu verschütten. Der Abscheu, der in ihm aufkommt, als bei einem eleganten Abend­essen der Gast­geber eine Bediens­tete in arro­ganter Rede über ihren Kopf hinweg abta­delt. Womög­lich ist es dieser Abstand, der sich in Brüchen zu seinen bour­geoisen Beglei­tern auftut, der das Schreiben erst ermöglicht.

Und er schafft den Absprung, und zwar ausge­rechnet durch die Rück­kehr zu seiner Vergan­gen­heit, im Aufschreiben seiner Geschichte, die sich mit all den anderen Geschichten verflechtet, die von Armut und Ungleich­heit erzählen. Doch es ist keine Aufstiegs­ge­schichte, die aufscheint, kein anrüh­render Bildungs­roman eines Außen­sei­ters, der sich mit Ehrgeiz zum Erfolg hoch­kämpft. Statt­dessen ist es die Geschichte einer gewalt­vollen Gegendressur. Eine Gewalt, die sich gegen andere richtet, gegen seine Familie, die er verleugnet und denen er, bei seinen seltenen Besu­chen, in groß­spu­rigen Gesten seinen sozialen Abstand vorführt, etwa wenn er sich demons­trativ lesend auf die Wohn­zim­mer­couch legt, um sein neues Dasein als Student vorzu­führen, oder sich an den kleinen Gram­ma­tik­feh­lern des fami­liären Dialekts stört. Eine Gewalt, die sich gegen ihn selbst richtet, ihn rastlos und ruhelos macht, die ihn zwingt, die Nähe, die er findet, ein ums andere Mal zu verlassen.

Das Begehren nach Transformation

In den Flucht­li­nien, die er zieht, macht Édouard Louis die Grenzen der Disk­tink­tion spürbar, die Gesell­schaften durch­ziehen, fein­stoff­lich bis in die kleinen Gesten der Abgren­zung hinein. Seine Lite­ratur legt offen, wie sich Ungleich­heit körper­lich äußert, in all den sicht­baren und unsicht­baren Hürden und Hinder­nissen, die Menschen dazu zwingen, sich in unglei­chen Gesell­schafts­ver­hält­nissen einzu­richten. Zudem zeigt er auf, wie Ausgren­zungen aufgrund von rassis­ti­schen und verge­schlecht­li­chen Normen mit ökono­mi­scher Preka­ri­sie­rung zusam­men­spielen. Seine lite­ra­ri­sche Gesell­schafts­ana­lyse verdeut­licht, dass Ausbeu­tung stets diffe­ren­tiell verfährt, sie baut darauf auf, Menschen in höherem Maße auszu­beuten, die als ‚anders‘ markiert sind, als rassi­fi­zierte Andere, als sexu­elle Andere, aber auch als Andere, weil sie arm und prekär sind. Sein Schreiben macht sichtbar, wie Menschen entlang dieser Diffe­renz­ein­schrei­bungen gegen­ein­ander ausge­spielt werden, so das die geteilte Ausbeu­tung ausge­blendet wird.

Dennoch führt seine auto­fik­tio­nale Erzäh­lung ein Dilemma vor Augen. Denn während Édouard Louis es geschafft hat, seine Geschichte zu schreiben, bleiben die anderen Geschichten uner­zählt: die Beschrei­bungen der vergeb­li­chen Bemü­hungen, sich durch Bildung einen anderen sozialen Platz zu sichern als denje­nigen, der einem in der Geburts­lot­terie zuge­wiesen wurde. Unge­hört bleiben die Stimmen all derer, die es eben nicht geschafft haben, nicht aus Gründen des indi­vi­du­ellen Schei­terns, sondern wegen über­mäch­tiger Struk­turen. Dieje­nigen, die gegen alle Widrig­keiten an die Univer­sität konnten, aber ihr Studium abbre­chen mussten, um ihr Auskommen zu sichern. Denen der Raum zum Schreiben verschlossen bleibt, weil es Zeit und Geld erfordert.

Viel­leicht mögen diese uner­zählten Geschichten keine Buch­form annehmen, doch sie zeigen sich in anderen Ausdrucks­formen. Aktuell kursiert unter #Ichbin­ar­muts­be­troffen ein Bündel an Erzäh­lungen, was Armut mit Menschen macht: Scham, Ausgren­zung, Gesund­heits­pro­bleme. Ähnlich wie bei der Bewe­gung der Gelb­westen protes­tierten in den USA Menschen im Poor People’s March. Viel­leicht vermögen diese Protest­formen andere Formen der Gegendressur hervor­zu­bringen, die sich soli­dai­risch und kollektiv gestalten, als affek­tive Gegen-Habitualisierungen. Denn diese Begeg­nungen und Erzäh­lungen machen eines klar: Es geht hier weder um Almosen noch um Mitleids­gesten. Es braucht nicht weniger als den radi­kalen Wandel von Wirt­schaft und Gesell­schaft, der bei den ungleich­ma­chenden Eigen­tums­ver­hält­nissen ansetzt. In ihnen äußert sich ein Begehren nach Trans­for­ma­tion, das einzelne Bildungs­ge­schichten über­steigt und nach einer neuen, anderen Welt verlangt. 

  • Jule Govrin ist Philosoph:in und forscht an der Schnittstelle von Politischer Theorie, Sozialphilosophie, Feministischer Philosophie und Ästhetik, aktuell arbeitet sie am Institut für Sozialforschung in Frankfurt am Main zur politischen Dimension von Körpern und zu Verwundbarkeit als Modus der Gleichheit. Zu ihren Publikationen zählen "Begehren und Ökonomie. Eine sozialphilosphische Studie" (de Gryuter 2020) und „Politische Körper. Von Sorge und Solidarität“ ( Matthes & Seitz 2022). Neben ihrer Forschung ist sie als Redakteur:in bei Geschichte der Gegenwart tätig.