Weil man die multiethnische US-Gesellschaft in der Realität nicht mehr „entdiversifizieren“ kann, versucht sich die Trump-Administration an der „damnatio memoriae“: der symbolischen Tilgung von Erinnerung und Gedenken.

  • Claus Leggewie

    Claus Leggewie ist Ludwig Börne-Professor an der Universität Gießen und hat 2017 das Buch „Europa zuerst. Eine Unabhängigkeitserklärung“ bei Ullstein/Berlin veröffentlicht.

Der rabiate Durch­griff Donald Trumps gegen Immi­granten wird die Immi­gra­tion nicht unge­schehen machen und den Lebens­nerv der ameri­ka­ni­schen Einwan­de­rungs­ge­sell­schaft nicht abtöten. Doch Trump und sein MAGA-Anhang betreiben die Auslö­schung der Erin­ne­rung an die Einwan­derer verschie­dener Herkunft und Bekennt­nisse und ihrer konsti­tu­tiven Bedeu­tung für die ameri­ka­ni­sche Repu­blik. Das verzwei­felte Fest­halten an der Supre­matie der Weißen, die in nicht allzu ferner Zukunft nicht mehr die abso­lute Mehr­heit der Bevöl­ke­rung darstellen werden, machte auch vor einer Ikone des Patrio­tismus nicht Halt.

Das Gedenken an Ira Hayes

Von Trumps und Elon Musks Zensurwut betroffen war eine Person auf einem welt­weit millio­nen­fach repro­du­zierten Foto, das der Kriegs­re­porter Joe Rosen­thal für Asso­ciated Press an 23. Februar 1945 auf der pazi­fi­schen Vulkan­insel Iwo Jima 1200 Kilo­meter südlich von Tokio geschossen hat. Es zeigt sechs GIs, die auf dem Gipfel des Suribachi-Berges die Stars and Stripes hissen, als bild­ge­wal­tiger Beweis des geglückten Vormarschs im Krieg gegen Japan, der sogleich für die Akqui­si­tion neuer Kriegs­an­leihen genutzt wurde. Rosen­thal erhielt den Pulitzer-Preis, eine nach­ge­bil­dete riesige Plastik befindet sich auf dem Solda­ten­friedhof Arlington bei Washington. Die Vete­ranen wurden deko­riert und über Jahr­zehnte als Kriegs­helden gefeiert, in Schul­bü­chern wie auf Infor­ma­ti­ons­ma­te­ria­lien des Pentagon. „Iwo Jima“ wurde mehr­fach verfilmt, zuletzt von Clint East­wood mit „The Flag of Our Fathers“ (2006). Eine Ironie der Geschichte besteht darin, dass das Iwo Jima-Foto von Rosen­thal (re)konstruiert war. Die Sieger­flagge wurde am 23. Februar nämlich zweimal aufge­steckt. Weil sie auf einem ersten Foto eines anderen Foto­grafen zu klein und schwer zu erkennen war, stellte er die Szene ein paar Stunden später nach. Die „origi­nale“ Flag­gen­his­sung auf feind­li­chem Terri­to­rium hatte tatsäch­lich statt­ge­funden, sie erlangte aber erst mit ihrer Reinsze­nie­rung jenen ikoni­schen Charakter, der ihre Verwen­dung bei späteren patrio­ti­schen Anlässen (wie in Afgha­ni­stan oder 2001 nach 9/11 mit der Aufrich­tung der Stars and Stripes durch New Yorker Feuer­wehr­männer) ermöglichte.

Einer der sechs Soldaten war Ira Hayes, ein damals 22jähriger Marine Corps-Soldat aus der Stam­mes­gruppe der Pima in Arizona. Seine Geschichte wurde im Origi­nal­song von Peter LaFarge (1962) gewür­digt und von Pete Seeger (1963), Johnny Cash (1964) und Bob Dylan (1970) geco­vert; sie ging nicht nur in die Top Ten des ameri­ka­ni­schen Folk­songs ein, sondern auch ins kollek­tive Gedächtnis der Nation. Nicht nur die Älteren können die Zeilen mitsummen:

„Gather ’round me people
There’s a story I would tell
’Bout a brave young Indian, You should remember well.
From the land of the Pima Indian,
A proud and noble band,
Who farmed the Phoenix Valley
In Arizona land.“
Weniger geläufig dürften die folgenden Zeilen sein:
„Down the ditches a thousand years,
The waters grew Ira’s peoples’ crops,’
Til the white man stole their water rights,
And the spar­k­ling water stopped.
Now, Ira’s folks were hungry,
And their land grew crops of weeds,
When war came, Ira volunteered,
And forgot the white man’s greed.“

Und erst recht:

„Ira Hayes returned a hero,
Cele­brated through the land,
He was wined and spee­ched and honored,
Ever­y­body shook his hand,
But he was just a Pima Indian,
No water, no home, no chance,
At home nobody cared what Ira’d done,
And when did the Indians dance.“

Ira Hayes war einer von nur zwei Über­le­benden aus seiner Gruppe von Fahnen­his­sern. Auf einem Grup­pen­foto Joe Rosenthals mit dem Schlachtruf „Gung ho!“ sitzt er ernst am Rande der trium­phie­renden Kame­raden. Nach Kriegs­ende kehrte er in sein Reservat zurück, wo ihn das Trauma des Kampf­ein­satzes quälte und er dem Alkohol verfiel. Im Alter von nur 32 Jahren starb Hayes. Auf seiner Beer­di­gung würdigte ihn ein Iwo Jima-Kamerad: „Lass uns sagen, er hatte einen kleinen Traum in seinem  Herzen, in dem eines Tages der Indianer dem Weißen gleich­ge­stellt sein würde – und im Stande ist, sich überall in den Verei­nigten Staaten frei zu bewegen.“

Aus Helden werden 404-Errors

Ausge­rechnet der Name dieses stillen Helden wurde jüngst im Rahmen einer „Auffri­schung“ durch das Trump’sche Wahr­heits­mi­nis­te­rium von Webseiten des US-Verteidigungsministeriums entfernt. Hayes’ Anstö­ßig­keit soll darin bestehen, dass er „DEI“ verkör­pert: Diver­sity, Equity, Inclu­sion. Die drei Buch­staben stehen für das Bemühen, in einer multi­eth­ni­schen Gesell­schaft Menschen unab­hängig von ihren Merk­malen zu respek­tieren und fair zu behan­deln und damit Minder­heiten und Frauen gleiche Start­chancen zu geben. Doch hat die ameri­ka­ni­sche Rechte diese Triade der Einwan­de­rungs­na­tion in einen Hass­be­griff verwan­delt. Diver­sität, Gleich­heit und Inklu­sion werden auf allen Ebenen von den Univer­si­täten über die Unter­nehmen bis in die Verwal­tungen verdammt, Musks Bann soll sogar bis ins Ausland reichen. Nicht nur der Name von Ira Hayes wurde getilgt, auch die Hinweise auf die wich­tige Rolle der „Navajo Code Talkers“, die mit einer raffi­nierten Verschlüs­se­lungs­me­thode zum Sieg über Japaner und Deut­sche beitrugen. Die Native American haben ihre Schul­dig­keit getan, die Native American können gehen. Sie wurden zu „Error 404“-Phantomen, ihre Foto­gra­fien mit Tüchern verhängt.

Da man die multi­eth­ni­sche US-Gesellschaft selbst durch massen­hafte Abschie­bung und Zurück­wei­sung kultu­rell nicht mehr „entdi­ver­si­fi­zieren“ kann, verordnen die rechts­ra­di­kalen Macht­haber eine seit Jahr­hun­derten geübte Praxis der „damnatio memo­riae“: die symbo­li­sche Nega­tion eines Namens und die Klit­te­rung der Geschichte, ein Verfahren, das auto­ri­täre und tota­li­täre Regime auf ihre Gegner anwenden und das anzeigt, wohin die Reise offenbar auch in den USA gehen soll. Tota­li­täre Regime prak­ti­zieren eine Bild­pro­pa­ganda, die innere und äußere Feinde dämo­ni­siert und im Zweifel auch ehema­lige Mitstreiter wie den neben Vladimir Iljitsch Lenin stehenden Leo Trotzki wegre­tu­schiert oder den SA-Rivalen Ernst Röhm unsichtbar macht. Derar­tige Tilgungen werden im Zeit­alter digi­taler Bild­be­hand­lung und künst­li­cher Intel­li­genz zur Perfek­tion getrieben. Ständig werden vor allem in den sozialen Medien „Bild­be­weise“ vorge­nommen, während der Wahrheits- und Wirk­lich­keits­an­spruch visu­eller Arte­fakte syste­ma­tisch in Frage steht.

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Das weiß-patriarchale Amerika der 1950er Jahre soll zur Matrix einer Vergan­gen­heit erhoben werden – einer verklärten kontra­fak­ti­schen Vergan­gen­heit, die in den Augen ihrer Verfechter niemals vergehen soll. Je „bunter“ die Demo­grafie der Verei­nigten Staaten wird, desto stärker setzt sich bei der weißen Mehr­heit das Ideo­logem der „Umvol­kung“ durch. Der empi­ri­schen Evidenz der ethnisch-kulturellen Viel­falt begegnet die MAGA-Ideologie mit Opera­tionen des Verhän­gens, Über­tün­chens, Löschens und Ausra­die­rens; sie setzt eine „alter­na­tive Wahr­heit“ ins Bild, um Geschichte unge­schehen zu machen. Insge­samt sollen bei dieser Nacht-und-Nebel-Aktion 45.000 Inhalte gelöscht worden sein. Die Säube­rung reicht weit in die Mili­tär­ge­schichte zurück und betrifft ebenso für Gleich­heit und Inklu­sion einste­hende Schwarze, Frauen, Hispa­nics und Queers in der US-Army. Zu den „Gelöschten“ gehört das Porträt von Cris­tina Fuentes Monte­negro, die 2013 eine der ersten Frauen bei den Marines wurde. DEI soll sterben, ordnete US-Verteidigungsminister Hegseth an, weil der Lebens­stil von Trans­men­schen in der Armee angeb­lich die Wehr­kraft zersetzen könnte.

Kritik uner­wünscht

Den Irrwitz und die kolos­sale Dumm­heit der Säube­rungs­ak­tion demons­trierte, dass auch das Foto des „Enola Gay“ bean­standet wurde. So hieß der B29-Bomber, der im August 1945 für die Atom­bom­ben­ab­würfe auf Hiro­shima und Naga­saki einge­setzt worden war, benannt nach Enola Gay Tibbets, der Mutter des Piloten Paul Tibbets. Man ahnt, woran die homo­phobe Rechte Anstoß nimmt: Die Such­ma­schine der Wort­klauber hatte sich am zweiten Wort „gay“ fest­ge­bissen, das für Homo­se­xua­lität steht. Viele Fami­li­en­namen „Gay“ wurden elimi­niert. Die ursprüng­liche Bedeu­tung des Wortes war „fröh­lich“ – in Deutsch­land müssten analog alle Menschen mit den Nach­namen Fröh­lich getilgt werden. Schon einmal war die Enola Gay Gegen­stand eines „culture war“ mit anderen Vorzei­chen. Der zunächst zerlegte, dann aufwändig restau­rierte und heute in der Nähe des Flug­ha­fens Washington Dulles ausge­stellte Bomber bildete 2005 das Zentrum der Ausstel­lung „The Cross­roads: The End of World War II, the Atomic Bomb and the Cold War“ der Smit­h­so­nian Insti­tu­tion in Washington D.C. Dass sie einen kriti­schen Blick auf den Einsatz einer Massen­ver­nich­tungs­waffe rich­tete und breiter als früher die japa­ni­schen Opfer thema­ti­sierte, war ameri­ka­ni­schen Vete­ranen und Patrioten damals zu viel: Die Ausstel­lung wurde abge­bro­chen, der Direktor des National Air and Space Museum, Martin O. Harwit entlassen.

Der Traum des Ira Hayes ist beschä­digt, aber das bessere Amerika ist aufge­wacht: Der öffent­liche Aufschrei gegen die Säube­rungs­ak­tion war so laut, dass das Pentagon Ira Hayes, die Code Talker und viele andere Verschwun­dene wieder auf seiner Webseite erscheinen ließ. Doch der Bilder­streit wird weitergehen.