Der koreanische Präsident Lee Jae Myung schenkte Trump die Replikation einer goldenen Krone. Auf den ersten Blick vielleicht eine Ehrerbietung an den Liebhaber von Glanz und Protz, zeigt aber ein Blick auf die Geschichte der Kronen aus dem Silla-Reich, dass eine andere Botschaft dahintersteckt.

  • Andrea Riemenschnitter

    Andrea Riemenschnitter ist Professorin emerita für moderne chinesische Sprache und Literatur. Sie lehrte in dieser Funktion von 2002 bis 2023 am Asien-Orient-Institut der Universität Zürich. In ihrer Forschung befasst sie sich mit inoffiziellen Narrativen zu Geschichte, Gedächtnis und Identität in zeitgenössischen Literaturen, Film- und Kunstproduktionen der VR China, Hongkongs, Taiwans und chinesischsprachiger Minderheiten im südostasiatischen Raum.

Beim Treffen zwischen US-Präsident Donald Trump und Chinas Staats­chef Xi Jinping am 30. Oktober 2025 im südko­rea­ni­schen Gyeongju über­reichte Gast­geber Lee Jae Myung dem Ameri­kaner ein ausser­ge­wöhn­li­ches Geschenk: das Replikat einer goldenen Krone aus der Zeit des Silla-Königreichs (57 v. Chr. – 935 n. Chr.), einem der ältesten Reiche auf der korea­ni­schen Halb­insel. Dass die Über­gabe in Gyeongju statt­fand, der alten Haupt­stadt von Silla, verlieh der Geste zusätz­liche Tiefe. Das kunst­voll gefer­tigte Stück sorgte für Bewun­de­rung, aber auch für Kritik und Spott.

In den USA nahmen Sati­ri­ke­rInnen das Geschenk mit der übli­chen Schärfe aufs Korn. „Wir versu­chen seit Jahren, unseren Präsi­denten von diesem Königs­quatsch wegzu­bringen – und ihr schenkt ihm eine Krone? … Nicht hilf­reich!“ kommen­tierte Desi Lydic in der Daily Show. Jimmy Kimmel spot­tete, die Koreaner hätten „offenbar eine Schwäche für Monar­chien“ und schlug vor, Trump könne doch gleich „König von Südkorea“ werden.

In Korea kam der Humor aus Übersee nicht gut an. Viele empfanden die Scherze als respektlos und ahnungslos gegen­über einer fremden Kultur, deren Gast­freund­schaft natur­ge­mäss auf lokalen Werten und Para­digmen gründet. Die kost­bare Krone, so erklärten korea­ni­sche Histo­ri­ke­rInnen und Kommen­ta­toren, sei nicht als Zeichen für einen anti­quierten, feudalen Herr­schafts­an­spruch zu verstehen, sondern viel­mehr als ein lang­le­biges korea­ni­sches Symbol für Souve­rä­nität, Frieden und gött­liche Legi­ti­mität – Werte, die unter anderem auf die lange Frie­dens­zeit des Silla-Reichs verweisen. Kriti­sche Leser­briefe brachten vor, man habe in den vergan­genen zehn Jahren in Südkorea zwei „Könige“ des Amtes enthoben. Mit ihren eigenen Präsi­denten müssten die Ameri­kaner schon selbst fertig werden. Unüber­sehbar waren die allge­meinen Reak­tionen auch geprägt vom Ärger über Trumps Zoll­hammer und die irra­tio­nale Razzia der Einwan­de­rungs­be­hörde ICE Anfang September 2025 auf der Baustelle der Hyundai-Fabrik in Georgia.

Zwischen Diplo­matie und Hintersinn

Ein Geschenk ist eine Botschaft in mate­ri­eller Form. Das weiss auch Präsi­dent Lee Jae Myung. Laut offi­zi­eller Erklä­rung wählte man die goldene Krone, um die „gemein­same Hoff­nung auf Frieden, Koexis­tenz und Wohl­stand“ zu betonen – und, wie südko­rea­ni­sche Kommen­ta­to­rInnen mit einem Augen­zwin­kern anmerkten, in Kenntnis von Trumps Vorliebe für Gold und Glanz.

Doch wer die Geschichte der Silla-Kronen kennt, findet in dieser Geste noch etwas anderes: eine subtile Ironie, viel­leicht sogar eine Warnung. Denn die goldenen Kronen von Gyeongju, die heute in korea­ni­schen Museen ausge­stellt sind, wurden in den Gräbern der Könige gefunden. Sie waren Toten­schmuck, Beigaben für den Über­gang in eine höhere, gött­liche Sphäre. Nicht Prunk für die Lebenden, sondern Insi­gnien für die Verstorbenen.

Tatsäch­lich trugen die Herr­scher nach heutigem Wissens­stand zu Lebzeiten nur bei sehr wenigen, beson­deren zere­mo­ni­ellen Anlässen eine goldene Krone. Ihre offi­zi­ellen Kopf­be­de­ckungen bestanden aus dunkler Seide, versehen mit feinen Orna­menten – ein Symbol der welt­li­chen Würde. Die goldenen Kronen dagegen waren für die Toten bestimmt, als Zeichen der Über­hö­hung und des Transzendenten.

In diesem Licht erhält die Gabe an Trump eine zweite Bedeu­tung: Ruhm, Macht und Gold sind vergäng­lich – eine Einsicht, die in der konfu­zia­ni­schen Welt auf höfliche Weise, aber durchaus bewusst vermit­telt werden kann. Das Symbol der Krone spricht nicht nur von Grösse, sondern auch von Endlichkeit.

Das Glanz­stück eines unter­ge­henden Reiches

Auch histo­risch ist die Krone doppel­deutig. Das Silla-Reich war eines der drei König­reiche Koreas und die im Geschenk kopierte Cheonmachong-Krone gilt als eines der heraus­ra­genden Arte­fakte dieser Zeit, das sich durch kost­bare Mate­ria­lien, kunst­volle Verar­bei­tung und reiche Symbolik auszeichnet. Laut südko­rea­ni­schen Quellen symbo­li­siert es die gött­liche Verbin­dung zwischen Himmel und Erde sowie Souve­rä­nität und die bereits genannten, auf respekt­volle Koexis­tenz bedachten Werte, die das korea­ni­sche Volk mit der langen Frie­dens­phase des Silla-Reichs assoziiert.

Die goldenen Kronen von Silla, insbe­son­dere die berühmten Exem­plare aus Gyeongju, stammen aus der späten Periode des vereinten Silla-Reichs (8.–10. Jahr­hun­dert n. Chr.). Die prunk­vollsten Arte­fakte wurden in den Gräbern der späten Könige von Silla gefunden, etwa König Beopheung (514–540) oder König Jinheung (540–576). Diese Stücke entstanden in einer Phase, in der Silla äusser­lich zwar noch glänzte, aber poli­tisch bereits zerfiel. Die Epoche rela­tiver Stabi­lität nach der Verei­ni­gung der korea­ni­schen Halb­insel durch Silla im Jahr 668 n. Chr. endete im 8.-9. Jahr­hun­dert, als der Abstand zwischen Hofadel und Provinzen drama­tisch wuchs. Der Hof in Gyeongju wurde nun immer verschwen­de­ri­scher. Goldene Arte­fakte – darunter die Kronen – waren Teil dieser höfi­schen Prunk­kultur. Während­dessen verarmten die Land­be­völ­ke­rung und lokale Eliten. Rebel­lionen brei­teten sich aus. Selbst die buddhis­ti­sche Geist­lich­keit verfilzte sich in dieser Epoche zuneh­mend mit der welt­li­chen Macht und Besitz. Schließ­lich begann ein Korruptions- und Macht­kampf­zy­klus, der das Reich poli­tisch lähmte.

Sie können uns unter­stützen, indem Sie diesen Artikel teilen: 

Im 1281 vom buddhis­ti­schen Mönch Iryeon (1206-1289) in der späten Koryŏ-Zeit verfassten Samguk Yusa erscheint der Nieder­gang Sillas beson­ders eindring­lich in den Berichten über mora­li­schen Verfall und Korrup­tion greifbar. Anläss­lich des Besuchs von König Chungnyeol in Gyeongju beklagte Iryeon auch die Tragödie von Kriegen und teilte dem König mit, dass er persön­lich die Ruinen von Hwang­nyongsa, Sillas bedeu­tendstem Tempel, in Augen­schein genommen hatte. Dieser war im Jahr 1238 während einer mongo­li­schen Inva­sion nieder­ge­brannt und voll­ständig zerstört worden.

Das Samguk Yusa (Erin­ne­rungen an die drei Reiche) ist mehr als nur eine Chronik von Silla und enthält neben poli­ti­schen Ereig­nissen auch eine umfas­sende Samm­lung von Mythen, Legenden, Volks­über­lie­fe­rungen, reli­giösen Erzäh­lungen, Sprach- und Kultur­funden. Daher liegt die Bedeu­tung des Werkes für die korea­ni­sche Geschichts­schrei­bung vor allem darin, dass es erlaubt, die Silla-Epoche nicht nur als poli­ti­sches Macht­ge­bilde, sondern als leben­dige Kultur- und Glau­bens­ge­mein­schaft zu erfassen. So enthält es z. B. die Grün­dungs­le­gende von Gojo­seon, dem ersten staat­li­chen Gebilde auf der korea­ni­schen Halb­insel, das vom mythi­schen König Dangun im Jahr 2333 v. Chr. ins Leben gerufen wurde; daneben auch zahl­reiche Silla-Hyangga-Gedichte und Hinweise auf Volks­glauben und Orts­namen, die in anderen offi­zi­ellen Chro­niken nicht doku­men­tiert sind. Zwar wurde das Werk von späteren, konfu­zia­nisch geprägten Histo­ri­kern eher kritisch beur­teilt – wegen seines oftmals legen­dären Charak­ters oder seiner buddhis­ti­schen Ausrich­tung. Doch gerade deshalb ist es heute eine unver­zicht­bare Quelle für die Sozial-, Kultur- und Reli­gi­ons­ge­schichte Koreas im Altertum.

Das König­reich Silla war in seinem Hoch­sta­dium – insbe­son­dere nach der Verei­ni­gung der drei Reiche (668) – in ein weit verzweigtes Netz diplo­ma­ti­scher und handels­be­zo­gener Kontakte einge­bunden. Im Verhältnis zu den benach­barten Groß­mächten pflegte Silla formelle Tribut- und Missi­ons­be­zie­hungen etwa zur chine­si­schen Tang-Dynastie, durch die poli­ti­sche Legi­ti­mität, kultu­reller Austausch und wirt­schaft­liche Vorteile ermög­licht wurden, sowie enge Kontakte zu Japan, wohin buddhis­ti­sche Mönche, Kunst­hand­werker und Schriften gelangten und von wo im Gegenzug diplo­ma­ti­sche Gesandt­schaften und Kultur­im­porte kamen. Gleich­zeitig betrieb Silla über See- und Land­routen aktiven Handel: Gold, Silber- und Gins­eng­pro­dukte wurden expor­tiert, während Seide, Keramik, Luxus­güter und reli­giöse Texte impor­tiert wurden. Beson­ders hervor­zu­heben ist, dass Silla durch seine Häfen und seine Lage im östli­chen Seege­biet – etwa dem Gelben Meer und dem Ostchi­ne­si­schen Meer – mit Handels­strömen in Zentral- und Südost­asien sowie über die Seiden­straße verbunden war. Derar­tige Kontakte trugen erheb­lich zur wirt­schaft­li­chen Prospe­rität und kultu­rellen Blüte Sillas bei und stärkten zugleich die Rolle Sillas als Vermittler zwischen China, Japan und weiter entfernten Regionen.

An diese histo­ri­sche Blüte­zeit knüpfte Präsi­dent Lee mit seinem Geschenk an, um die Paral­lelen zwischen der welt­po­li­ti­schen Führungs­rolle Amerikas in der Gegen­wart und die über­re­gio­nale Vernet­zung des Silla-Reichs zum Nutzen und Vorteil aller Partner zu unter­strei­chen. Keinen Akzent setzte er hingegen auf Sillas Nieder­gang und dessen Verbin­dung mit den Silla-Kronen. Chro­niken berichten von Hofin­trigen, Vettern­wirt­schaft, Bestechung sowie einem Hofadel, der Reichtum hortete, während die Bauern unter der Steu­er­last litten. König Gyeongsun (927-935), der letzte Silla-Herrscher, musste letzt­lich abdanken und kapi­tu­lieren, weil sein Reich „inner­lich verfault“ war, wie es im Samguk Yusa heisst. Mit seinem Fall endete das Goldene Zeit­alter – buch­stäb­lich und symbo­lisch. Korea­ni­sche Histo­riker sehen in den Gold­kronen deshalb nicht nur Denk­mäler einer goldenen Zeit, sondern auch Mahn­male der Über­heb­lich­keit. Sie markieren den Moment, an dem Macht und Glanz jegli­ches Mass verloren. 

Ein höfli­cher Spiegel

Südko­reas Geschenk an Donald Trump könnte somit mehr als eine höfliche Geste der Diplo­matie bedeuten. Man kann es auch als eine Insze­nie­rung verstehen – sorg­fältig austa­riert zwischen Ehrerbie­tung und Andeu­tung, zwischen goldener Ober­fläche und tiefer Symbolik. In diese Rich­tung wiesen auch einige Kommen­tare von infor­mierten Blog­ge­rInnen, die von Wissen um die Doppel­deu­tig­keit des Geschenks zeugten. So berich­tete die Korea Times über die Kommen­tare auf X „,Ich habe das Gefühl, Südkorea trollt Trump‘, schrieb ein User. Ein anderer fügte hinzu: ‚Genial. Dieses Geschenk schmei­chelt Trumps Eitel­keit, verspottet ihn und seine könig­li­chen Ambi­tionen aber gleich­zeitig auf subtile Weise.‘“

In der konfu­zia­ni­schen Tradi­tion galt es als Kunst, unan­ge­nehme Wahr­heiten nicht auszu­spre­chen, sondern in Anspie­lungen zu kleiden. Poli­tisch moti­vierte Umwege über das Symbo­li­sche wurden im konfu­zia­ni­schen China vor allem bei diplo­ma­ti­schen Missionen und im Umgang der Fürs­ten­be­rater mit Reprä­sen­tanten der Macht genommen. Mit Bildern oder einge­streuten Zitaten konnte indi­rekt Stel­lung bezogen werden, ohne sich dabei einer sensi­blen oder gar kriti­schen Posi­ti­ons­nahme gegen den Hof über­führen zu lassen. Im Vorwort zu einem Klas­siker, dem Shijing oder Buch der Lieder, wird bereits ausge­führt, dass sich die poeti­sche Sprache mit der Durch­läs­sig­keit der Welt für den Wind verbindet. Wie der Wind in alle Rich­tungen unge­hin­dert weht, kann auch mora­li­sches Verhalten oder Fehl­ver­halten die gesamte Gesell­schaft errei­chen und in verschie­dene Rich­tungen bewegen. Für Herr­scher bedeutet dies, sich vorbild­lich verhalten zu müssen, um den best­mög­li­chen Wind im Land zu verbreiten, ohne ein Über­mass an Befehlen erlassen oder drako­ni­sche Strafen verhängen zu müssen. Für den  Gebrauch der Lieder im alltäg­li­chen Umgang mit der Macht bedeu­tete es, dass gebil­dete Unter­tanen auf sanfte Art Einfluss auf die Stim­mung und somit auch das Verhalten der Fürsten ausüben konnten, ohne riskan­tere Formen direkter Kritik anwenden zu müssen. Die aus der chine­si­schen konfu­zia­ni­schen Tradi­tion über­nom­menen mora­li­schen Werte werden in Korea bis heute hochgehalten.

Auch wenn die Trump-Administration bislang nicht durch beson­dere inter­kul­tu­relle Sensi­bi­lität aufge­fallen ist, könnte Präsi­dent Lee sein Gast­ge­schenk nicht nur als gross­zü­gige diplo­ma­ti­sche Geste, sondern auch als höfli­chen Spiegel über­reicht haben. Es zeigt, was Trump liebt – Gold, Glanz, Symbolik – und erin­nert zugleich an das, was Herr­scher gerne vergessen: dass die Krone letzt­lich nicht dem Lebenden gehört, sondern der Geschichte.