Eine Dystopie als Universalparabel? Die Sci-Fi-Komödie „Kin-dza-dza!“

Die spätsowjetische Sci-Fi-Komödie „Kin-dza-dza!“ ist ein Geheimtipp – und ein höchst rätselhafter Film. Ist er eine Parabel auf den Westen? Oder eine versteckte Kritik am Sowjetregime? Oder beides? Eine Wiederentdeckung lohnt sich – als dystopische Parabel auf die Gegenwart.



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„Kin-dza-dza!“ war kein Kassenschlager. Als der verstörende und zugleich höchst unterhaltsame zweiteilige Spielfilm des sowjetgeorgischen Regisseurs Giorgi Danelia 1987, mitten in der Perestroika, in die sowjetischen Kinos kam, sahen ihn gerade einmal 15 Millionen ZuschauerInnen – für die UdSSR nicht sonderlich viele. Doch er avancierte rasch zum Kultfilm und fand seinen festen Platz im postsowjetischen kulturellen Gedächtnis. Der langanhaltende Erfolg des Films liegt dabei nicht nur in seinen Cyberpunk-Kulissen und kauzigen Dialogen, sondern auch in seiner Uneindeutigkeit begründet. Er ist nicht bloß eine Parabel auf den Zerfall der Sowjetgesellschaft, sondern ein hochpolitischer, philosophischer und überaus aktueller Film über die Zukunftspotentiale unserer Gegenwart.

Die Ausgangshandlung ist schnell erzählt: Der Bau-Polier Vladimir und der Student Gedevan treffen in Moskau auf eine abgewetzte Gestalt, die an einer Straßenecke steht und darauf beharrt, die Nummer des hiesigen Planeten zu erfahren, da er andernfalls nicht nach Hause weiterreisen könne. Die abgeklärten Sowjetbürger halten ihn für einen Irren, drücken auf einen beliebigen Knopf des ihnen unter die Nase gehaltenen Teleporters – und finden sich flugs in einer Wüstenlandschaft wieder. Erst nach und nach dämmert ihnen, dass es sie nicht etwa nach Zentralasien verschlagen hat, sondern auf den Planeten Pljuk in der fernen Galaxie Kin-dza-dza.

Vladimirs und Gedevans erste Weggefährten in dieser neuen Welt werden die umherziehenden Musiker Bi und Uef, die ein baufälliges Fluggefährt haben, das jedoch mangels interplanetaren Treibstoffes die Atmosphäre nicht verlassen kann. So sind die vier Protagonisten nun dazu verdammt, auf dem Wüstenplaneten namens Pljuk umherzutingeln. Die Planetenbewohner sind von Menschen optisch nicht zu unterscheiden, auch die Sprache der Erdlinge können Bi und Uef sich dank der den Pljuk-Bewohnern eigenen telepatischen Fähigkeiten mühelos aneignen.   

Diese Fähigkeiten der Pljukaner stehen im Kontrast zur ökologischen, ökonomischen und sozialen Verkümmerung des Planeten und seiner BewohnerInnen. Die natürlichen Ressourcen sind verbraucht, die Pljukaner führen ein karges Leben und begegnen einander (nicht zuletzt aufgrund ebenjener telepathischen Fähigkeiten) mit äußerstem Misstrauen. Ihre Sprache ist karg, das Vokabular auf ein Dutzend Wörter beschränkt. Es herrscht eine bizarre Tauschwirtschaft, bei der Streichhölzer die Werteskala anführen, da man aus ihnen Treibstoff herstellen kann.

Die sozialen Beziehungen der Pljukaner sind streng hierarchisch strukturiert: Die Čatlane sind die Herrscherschicht, während die Pacaki Unberührbare sind, die sich nur unter Vollzug bestimmter Erniedrigungsrituale den Herren nähern dürfen. Das Kastenprivileg manifestiert sich im Erscheinungsbild und erlaubt es den Čatlane etwa, Hosen von bestimmter Farbe zu tragen (übrigens hat die „Farbdifferenzierung der Hosen“, von den Pljuk-Bewohnern stolz als zivilisatorische Errungenschaft verteidigt, als Metapher für unsinnige Hierarchien in die russische Alltagssprache Einzug gehalten), doch ein sozialer Aufstieg lässt sich durch einen bloßen Hosenwechsel nicht vollführen: der „Visator“, ein Taschensensor und Pflichtaccessoire eines jeden Pljuk-Bewohners, enthüllt im Nu die „wahre“ Natur des Gegenübers. Diese hat allerdings, so beteuern die Pljukaner, nichts mit „biologischen Faktoren“ zu tun. Lässt sich die Kastenzugehörigkeit dann doch etwa durch Anhäufung von Gütern umgehen? Wie so vieles im Film, bleibt der Kern dieser sozialen Stratifikation nicht nur den Protagonisten, sondern auch den ZuschauerInnen verborgen.

Eine Parabel – aber auf was? 

Es sind gerade dieses vagen, unausgesprochenen und zuweilen absurd-komischen Facetten, die den Film so „unsowjetisch“ erscheinen lassen und die ZuschauerInnen seit der Kinopremiere in seinen Bann zogen. Die karge Bildsprache und die lakonischen Dialoge lassen viel Interpretationsspielraum, und der Film entzieht sich jeder eindeutigen Antwort. Ist er antiwestlich oder doch versteckt antisowjetisch? Ein Film, der in der Sowjetunion produziert wurde, kommt um diese vermeintliche Dichotomie kaum herum.

Auf der einen Seite sind die Anspielungen der Pljuk-Welt auf den Westen dermaßen eindeutig, dass sie geradezu aufgesetzt wirken. So wird ein Ordnungshüter in der Pljuk-Sprache „Ecilop“ genannt – eine schlichte Rückwärts-Lesart des englischen „police“. Die karge Kultur der Planetenbewohner – am eindrücklichsten vorgeführt in den disharmonischen Darbietungen der einheimischen Musiker – erinnert an den sowjetischen Diskurs vom kulturellen Verfall des Westens. Auch das pljukanische Kastensystem weckt Assoziationen zur plakativen sowjetischen Kritik an Rassendiskriminierung etwa in den USA.

Zugleich jedoch bietet der Film mindestens ebenso viele Anknüpfungspunkte für eine antisowjetische Lesart. Auf Pljuk herrscht Mangelwirtschaft, der Planet ist von ökologischen Katastrophen geprägt, es grassiert Korruption, die Herrschaftsverhältnisse sind undurchsichtig, die Bewohner vermögen an ihrer Lage nichts zu ändern und verspüren auch kein Bedürfnis danach – all das sind Motive, die den Film an kritische Sichtweisen auf die Sowjetgesellschaft sowohl im Land selbst als auch im Ausland anschlussfähig machten. So verfestigte sich auch nach dem Fall der Sowjetunion eine Lesart des Films als schwarze Satire auf die spätsowjetische Gesellschaft.

Warum ist „Kin-dza-dza!“ jedoch nach wie vor als politischer Film sehenswert? Einen Hinweis darauf lieferte der Regisseur selbst in einem Interview von 2012. Hinsichtlich der vermeintlichen Anspielungen auf die Sowjetwirklichkeit in seinem Werk sagte er: „Aber nein! Der Film handelt davon, wohin die Menschheit treibt. Deswegen gibt es natürlich Übereinstimmungen mit meinem Heimatland. Schließlich lebt dort die Menschheit auch.“ Auch wenn man die zeitgenössischen und nachträglichen Deutungen beiseite lässt, offenbart der Film seine Qualität als hochpolitische Erzählung über unsere Gegenwart und ihre Konsequenzen für eine mögliche Zukunft.  

Eine Dystopie der Gegenwart

Eine Gesellschaft im eigentlichen Sinne scheint auf dem Planeten Pljuk inexistent. Die PljukanerInnen leben in kleinsten Grüppchen über die Wüstenlandschaft verstreut, es scheint sie nichts miteinander zu verbinden als die überlebensnotwendigsten Austauschbeziehungen. Das Wissen, mit dem sich Bi und Uef durch die Landschaft navigieren, bezieht sich stets darauf, wo die Verhältnisse günstiger sind, um dieses oder jenes Gut zu beschaffen. Außer der Stratifizierung durch das absurde Kastensystem haben die Pljuk-BewohnerInnen keinen gemeinsamen Bezugshorizont. Sicherlich gibt es hierbei Parallelen zur späten Sowjetgesellschaft. Doch während dort zumindest eine allumfassende, wenn auch zu Lippenbekenntnissen verkommene Ideologie existiert hat, herrscht auf Pljuk lediglich der Glaube an die naturgegebene Verteilordnung der Güter – die auf undurchsichtige Weise mit der Kastenzugehörigkeit verknüpft ist, wobei niemand weiß, wie genau dieser Konnex geartet ist. Man könnte sagen, es sind ein bis zur Unkenntlichkeit verzerrter Glaube an die unsichtbare Hand des Marktes und Thatchers „There is no such thing as society“, die das Leben auf Pljuk strukturieren.

Oder der Umgang der Pljukaner mit Technologien: Die dort zirkulierenden Gerätschaften sprengen die Vorstellungskraft der irdischen Besucher aus den 1980er Jahren: Ultraschallwaffen, interplanetarische Navigationsgeräte, schnurlose Klangkörper, synthetisches Essen, mysteriöse Brennstoffe. Es sind jedoch keine Attribute einer lichten Zukunft, sondern der Abglanz einer großen Vergangenheit. Die spärlichen Gebäude sind baufällig, die Geräte sind verrostet und notdürftig geflickt. Vor allem aber ist die Funktionsweise der avancierten Technologien den NutzerInnen nicht (mehr?) geläufig. Sie benutzen die Technologien lediglich und beherrschen damit vor allem sich selbst. Der Visator etwa zeigt mithilfe einer farbigen Leuchtdiode den Status des Gegenübers an. Ein offensichtlich absurder Vorgang, denn wenn die Differenzierung zwischen Čatlane und Pacaki nicht biologisch bedingt ist – was genau will das Gerät messen, wenn es auch die Entlarvung der Träger „falscher“ Hosen verspricht? Als Gedevan diese Bedenken ausspricht, wird er von Uef zusammengestaucht: „Bist du farbenblind oder was? Kannst du kein grünes Licht von einem orangenen unterscheiden?“ Der Algorithmus hat das letzte Wort, obwohl (oder vielleicht gerade weil) niemand weiß, wie er funktioniert.

Ein weiterer Aspekt sind die Macht- und Herrschaftsverhältnisse, die durch die komplette Abwesenheit des Politischen charakterisiert sind. Anders als in vielen populären sowjetischen Parabeln auf den Kapitalismus, etwa Nikolaj Nosovs Jugendbuch „Neznajka auf dem Mond“ (1965) oder die Revolutionsfabel „Cipollino“ (1951) des in der Sowjetunion populären italienischen Autors Gianni Rodari, gibt es hier keine „Reaktionäre“ und klerikale oder faschistische Gewaltherrschaft. Die Ecilopen haben zwar schnell den Finger am Abzug, sind jedoch in ihrer Mehrheit tumbe, mitleiderregende Gestalten, die sich problemlos mit einem zugesteckten Geschenk oder einem Schluck aus der Flasche besänftigen lassen.

Ebensowenig bedrohlich ist der Herrscher des Planeten, Herr Pe-Že. Er ist kein Diktator im klassischen Sinne und noch nicht einmal ein explizit politischer Akteur – sondern ein Fabrikant, in dessen Werkhallen (an denen die Kamera nur für wenige Sekunden vorbeistreift) die Planetenbewohner schuften, während die Erzeugnisse in einer Art Shoppingmall direkt nebenan veräußert werden. Auch die Ecilopen stehen im Dienst des Herr Pe-Že. Sie sind gewissermaßen sein Fabriksicherheitsdienst, der seinen Zuständigkeitsbereich auf den ganzen Planeten ausgeweitet hat. Die öffentliche Sicherheit ist auf Pljuk somit komplett privatisiert – wie auch die wenigen öffentlichen Dienstleistungen, die im Film sichtbar sind, etwa die Versorgung mit Brennstoff oder Wasser.

Als die beiden Erdlinge, als Ecilopen getarnt, in die Privatgemächer des Planetenherrschers vorstoßen, erwartet sie dort kein der sowjetischen Karikatur entsprungener Kapitalist mit Schmerbauch und Zylinder, aber auch kein faschistoider Finsterling: Herr Pe-Že ist ein harmloser alter Mann, der sich in einem Swimmingpool possierlichen Spielen mit seinem Diener hingibt. Auch hier bricht der Film mit den sowjetischen Traditionen personalisierter Kapitalismuskritik, mit den Angriffen auf die „Buržui“ und Kapitalisten. Es geht nicht um den „bösen“ Fabrikanten, sondern um das komplexe System der Ungleichheit und (Selbst-)Ausbeutung.

Entsprechend treten Vladimir und Gedevan nicht etwa als Helden auf, die die Revolution nach Pljuk bringen. Das in der frühsowjetischen Science-Fiction beliebte Motiv des interplanetarischen Rotarmisten, der die proletarische Revolution auf den Mars und in andere Ecken des Weltalls bringt, ist endgültig passé. Pe-Že wird weder körperlich angegangen noch gar gestürzt, sondern erhält den Befehl, im Pool sitzen zu bleiben, während die Erdlinge an ihm vorbeistürmen, um ihre verhafteten Schicksalsgenossen Bi und Uef zu befreien und zum Heimatplaneten zurückzukehren. Diese wollen allerdings gar nicht befreit und mitgenommen werden: zu sehr graut es ihnen vor der Vorstellung, in einer Welt zu landen, in der es keine „Farbdifferenzierung der Hosen“ gibt.

Ein zeitloser Film

Ganelias „Kin-dza-dza!“ zeigt faszinierende Wüstenlandschaften, minimalistische Dialoge und brillant-kauzige DarstellerInnen. Ohne Zweifel ist der Film ein Zeitdokument der untergehenden Sowjetunion – doch zugleich bietet er sich für Re-Aktualisierungen und neue Lesarten an, auch solche, die ihn zu einer Parabel unserer Gegenwart und unserer möglicher Zukünfte werden lassen. Mit seinen Uneindeutigkeiten, mit seinen stellenweise nur angedeuteten Schilderungen sozialer Verhältnisse ist „Kin-dza-dza!“ auch ein Paradebeispiel für die Schwierigkeiten, das „Politische“ im Film zielsicher zu bestimmen, gerade auch in solchen, die in hochideologisierten Gesellschaften entstehen. Zudem bleibt der Gehalt des „Politischen“ nicht konstant, sondern kann sich je nach Rezeptionskontext ändern – und so kann „Kin-dza-dza“ sowohl als Parabel auf die bereits untergegangene Gesellschaft gelesen werden, in der der Film entstanden ist, als auch auf die krisenhafte Ordnung der Gegenwart. 

„Kin-dza-dza!“ ist sowohl auf DVD erhältlich als auch in voller Länge, mit englischen Untertiteln, vom Mosfilm-Produktionsstudio auf YouTube bereitgestellt.