„Jetzt ist schon wieder was passiert.“ – So beginnt der österreichische Autor Wolf Haas alle seine Brenner-Krimis. Ich denke dasselbe, als ich nach dringend benötigter kurzer Pause (Christopher Nolans The Odyssey dauert fast drei Stunden) in den dunklen Kinosaal zurückkehre und von einem Haufen in ihrem Blute liegender Recken empfangen werde. Und dabei ist zu diesem Zeitpunkt schon so viel passiert: Ein gigantischer Zyklop hat die Mannen des Odysseus aufgefressen, die Meerungeheuer Skylla und Charybdis haben ihre Opfer gefordert, es wurde fast pausenlos gekämpft und gestorben. Das Ganze natürlich in gigantischem IMAX-Format, auf der riesigen Leinwand des Berliner Delphi-Palasts, mit einem Soundsystem, dessen Wummern bis in den Eingangsbereich des apollinisch betitelten und mit antikisierenden Sphingen dekorierten Kinos dringt.
Kulturkampf um die Antike
Der Rezeption der griechisch-römischen Antike kann niemand entgehen, der durch europäische oder auch nur ein wenig europäisch geprägte Städte spaziert, der Fremdwörter benutzt oder ein Kunstmuseum betritt. Und so ist es eigentlich auch nicht verwunderlich, dass sich schon im Vorfeld des megalomanen Hollywood-Unternehmens ein Kulturkampf um Nolans Film entsponnen hat. Offenbar stellen viele Menschen Besitzansprüche an die Odyssee. Darf Christopher Nolan das Epos verfilmen, die schöne Helena mit einer Schwarzen Schauspielerin besetzen, die Übersetzung von Emily Wilson verwenden?
Nicht nach Ansicht des Königs der Internettrolle, X-Betreiber Elon Musk, der auf die Besetzung der Helena mit der US-amerikanisch-kenianischen Schauspielerin Lupita Nyong’o mit der drastischen Formulierung reagierte, Nolan „pisse auf Homers Grab“. Emily Wilsons Übersetzung, die Nolan verwendet hat, wurde von zahlreichen selbsternannten Experten als Frevel am Text und an der vermeintlich so makellosen Figur des Odysseus aufgefasst, angefangen mit dem ersten Adjektiv, mit dem dieser in Homers Epos bedacht wird: πολύτροπος, ,viel gewandt‘ (was geographisch oder intellektuell oder als beides verstanden werden kann), das Wilson mit „complicated“ übersetzt.
Ob man diese Übersetzung nun feiern oder ablehnen will – dass Odysseus kein eindimensionaler „Gutmensch“ ist, kann den Internet-Bros nur entgangen sein, weil sie erstens nie die Odyssee gelesen haben, weder in Wilsons Übersetzung noch in irgendeiner anderen. Zweitens kennen sie auch sonst keine antike Literatur, die Odysseus immer wieder als pathologischen Lügner, sophistischen Manipulator und manchmal auch als handfesten Betrüger darstellt: Der kaiserzeitliche Autor Lukian bezeichnet Odysseus als Lehrer der βωμολοχία, ein Wort, das ursprünglich das Herumlungern in Heiligtümern bezeichnet und dann das dreiste Erfinden von Wundergeschichten (Wahre Geschichten 1.1). In Ovids Metamorphosen erschleicht sich Odysseus mit einer geschliffenen Rede die prächtige Rüstung des Achill und setzt sich dabei gegen den ehrlichen, aber dümmeren Aias durch (13.123–381). Und in Sophokles’ Philoktet bringt er den jungen Sohn des Achilleus dazu, dem Titelhelden eine Lügengeschichte aufzubinden, um ihm seinen wundertätigen Bogen abzuluchsen.
Auch bei Homer ist Odysseus eitel – er bringt seine Leute durch das spöttische Spiel mit dem Zyklopen in Gefahr – und arglistig bis zur Menschenverachtung, wenn er sich im 24. Gesang der Odyssee auch seinem verzweifelten alten Vater gegenüber noch eine erlogene Biografie ausdenkt. Das heißt nicht, dass der homerische Odysseus nicht auch großartige Eigenschaften hat: seine überragende Intelligenz, die – wenn auch oft durch ihn selbst torpedierte – Loyalität zu seinen Gefährten und zu seiner Frau, die unaussprechliche Leidensfähigkeit, die ihn immer wieder gegen die Widrigkeiten des Schicksals ankämpfen lässt. Aber er ist eben kein eindimensionaler Held, wie das auch Achilleus nicht ist – wie das Protagonist:innen in interessanten Erzählungen niemals sein können.
Für die wütenden Männer im Internet ist die Antike weiß und blond, und ihre Helden sind hypermännlich und edelmütig. Dass beides objektiv falsch ist, stört sie nicht, und deswegen ist es bei aller Freude über die Popularität und Relevanz antiker Stoffe in der aktuellen Zeit ein bisschen schade, dass Schulunterricht und Uni-Stellen in den Bereichen Latein und Griechisch immer drastischer zusammengekürzt werden. Bei kaum einem Thema tritt die Diskrepanz zwischen Popularität und fehlendem Fachwissen so auffällig hervor wie bei den Kulturkämpfen um unsere antiken ,Vorfahren‘.
Der unzuverlässigste Erzähler
Was macht nun Christopher Nolan aus dem sakrosankten Stoff? Nach seinem bisherigen Filmschaffen zu urteilen, hätte man einen intellektuellen Film erwartet, der sich mit der komplizierten Zeitstruktur der homerischen Odyssee auseinandersetzt: In den ersten vier Gesängen des Epos treffen wir Odysseus selber nicht, dafür seinen Sohn Telemachos, der sich auf die Suche nach seinem seit zwanzig Jahren verschollenen Vater macht. Dann begegnet uns Odysseus endlich, gefangen auf der Insel der Kalypso, deren Schönheit und Unsterblichkeitsangebot er so gar nichts abgewinnen kann: Wie auf Arnold Böcklins Gemälde weint er am Strand und will nur nach Hause. Über diese Verachtung der schönen Nymphe spottet übrigens bereits Lukian, der Odysseus aus dem Jenseits einen Brief an Kalypso abfassen lässt, in dem er erklärt, er habe es sich jetzt doch anders überlegt; ob das Angebot, ein Gott zu werden, noch stehe …? (Wahre Geschichten 2.35) Kalypso lässt ihren Sexsklaven auf Drängen der Götter ziehen, aber Odysseus hat kein Glück: Ein Seesturm verschlägt ihn auf die Insel der Phaiaken, eines mythischen Volkes in einer weltentrückten Inselsphäre.
Diesen Leuten erzählt Odysseus alles, was Homers Werk aus populärer Sicht ausmacht: Hier begegnen uns der brutale Zyklop, die verführerischen Sirenen, die Zauberin Kirke, die gruselige Unterwelt und die tödlichen Skylla und Charybdis. Von all diesen Erlebnissen hören wir ausschließlich aus dem Munde dieses unzuverlässigsten aller Erzähler, der sich bei seinem phaiakischen Publikum unbedingt lieb Kind machen muss, um zu überleben. Wieder begegnet uns also Odysseus, der brillante Lügner – der in Wahrheit vielleicht gar nichts Spektakuläres erlebt hat?
Popcornkino
Der Rest des Epos zieht sich etwas, um es diplomatisch zu formulieren: Die Heimkehr nach Ithaka, die unendlich langsame Wiederannäherung der Eheleute Penelope und Odysseus, die vorsichtige Prüfung verschiedener Personen im königlichen Haushalt, schließlich der blutige Mord an den Männern, die Haus und Ehefrau seit Jahren belagern. Das alles macht die gesamte zweite Hälfte des Epos aus. Aber keine Angst im Kino: Nolan tut das dramaturgisch Erwartbare und verkürzt die Heimkehrsektion auf etwa einen Viertel des Films.
Und hier sind wir schließlich auch beim Problem: Fast alles an Nolans Film ist erwartbar. Wir haben es mit kurzweiligem, bombastischem Popcornkino zu tun, das zwar riesigen Spaß macht – man gönnt Elon Musk den beleidigten Verzicht auf das Filmereignis des Jahres von Herzen –, das aber in der Erzählweise wesentlich konventioneller ist als das antike Epos.
Da ist vor allem die im Vergleich zur Vorlage eindimensionale Figur des Odysseus. Er erzählt seine Abenteuer nicht den Phaiaken, sondern der Kalypso, die übrigens sehr passend inszeniert ist auf ihrer ganz beigen Wellness-Insel, bekleidet mit hochwertigen Naturtextilien, gespielt von der atemberaubend schönen Charlize Theron. Hier liegen die Stärken von Nolans Film: Die einzelnen Episoden sind in ihrer Szenerie und Farbigkeit im Wortsinn bezaubernd, sowohl die überperfekte Kalypso-Insel als auch die dazu gegensätzliche Welt der Kirke, die eine richtige Hexe ist, mit dampfenden Kesseln und einem Raben als Haustier; es fehlt nur die Warze auf der Nase einer großartigen Samantha Morton. Matt Damons Odysseus aber ist zu anständig. Es gibt keinen Grund, an seinen Erzählungen zu zweifeln, zumal sie in den Rückblenden filmisch objektiviert werden. Dieser Mann ist kein Hochstapler, sondern im Gegenteil zerrissen von Schuldgefühlen, weil er weiß, dass er seinen Männern gegenüber versagt hat. Insofern ist Nolans Odysseus zwar nicht makellos, aber doch ein all American good guy, der zu seinen Fehlern steht und dafür Verantwortung übernimmt, nicht der windige und schwer fassbare Lügenbeutel, als der er uns in so vielen antiken Texten entgegentritt.
Seine Episodenhaftigkeit macht den Film dennoch zu everybody’s darling. Das ,Abfilmen‘ der Handlung tut der Dramaturgie des Films zwar grundsätzlich Abbruch, aber es ist wirklich für jeden etwas dabei. Wenn einem eine Szene nicht gefällt, wird die nächste sicher besser. Spektakel gibt es genug, und manches ist daran auch überraschend: Wer die Zyklopen-Episode bisher vor allem als grotesk und lustig empfunden hat (schon der antike Dramatiker Euripides hat die Episode in seinem Kyklops durch das Hinzufügen einer Schar von inkompetenten und feigen Satyrn auf der Bühne ins Komische gezogen), wird nun erstmals das ganze Grauen erleben, das eigentlich naheliegt, wenn Menschen mit einem kannibalischen Monster in einer Höhle eingeschlossen werden. Auch Kirkes Verwandlung der Männer in Schweine erhält durch heftigen Body Horror eine neue Dimension des Schreckens. Und auch bei Szenen, in denen die Drastik weniger naheliegt, trifft uns die Neuinterpretation bisweilen unvermittelt: Haben wir uns je überlegt, wie es den Griechen im hölzernen Pferd eigentlich so ging? Ob es angenehm war, in diesem Pferd zu sitzen? Wo die Leute aufs Klo gegangen sind? In Nolans Film erfahren wir es.
Nolans Stärke liegt in diesen Einzelszenen, die stimmungsvoll inszeniert sind. Ein durch die Bank grandioser Cast tut sein Übriges (auch wenn die leicht unregelmäßigen Zahnprothesen, mit denen das strahlende Veneerlächeln der Hollywood-Elite antikisierend überdeckt werden soll, noch immer unrealistisch weiß und vollständig sind). Anderes geht schief: Warum tritt Agamemnon in einer Art Darth Vader-Kostüm auf, am Helm eine goldene Wirbelsäule? Warum sieht man niemals sein Gesicht, auch nicht als er zu seiner Frau zurück- und uns stets den Rücken zukehrt? Der Sinn dieser Figur und ihrer extraterrestrischen Exotik erschließt sich nicht; Agamemnon wirkt, als hätte sich jemand aus dem Dreh von Star Wars in der Tür zum Set geirrt.
Ein schwieriger Text
Als Homer-Kennerin wird man die eine oder andere Veränderung der Geschichte begrüßen und verstehen, andere kommen einem ein wenig feige vor. Die verräterische Magd Melantho will sich vor dem Gemetzel der Männer im Bankettsaal zu Penelope retten; diese schließt sie dort ein: „I think your place is in there.“ Danach begegnet uns Melantho nie wieder. Kann sie entkommen? Odysseus, der damit beschäftigt ist, einen sich nähernden Feind nach dem anderen niederzumetzeln, nimmt keine Notiz von ihr. Wäre passiert, was in der homerischen Odyssee passiert, hätte es das Bild der all American good guys stören können (wenn auch vielleicht nicht aus der Perspektive der Internet-Manosphere): Auf Befehl seines Vaters lässt Telemachos die Mägde zunächst die Leichen ihrer Liebhaber aus dem Bankettsaal tragen und ihr Blut aufwischen. Danach erhängt er sie im Hof: „sie zappelten mit den Füßen ganz kurz, nicht sehr lange“ (22.473).
Dass dieser brutale Femizid im Film vermieden wird, ist verständlich, aber auch hier wird die Ambivalenz der komplexen Vorlage unterdrückt und die Herausforderung gescheut, es mit einem Text aufzunehmen, der heutige Wertvorstellungen oft so gar nicht teilt. Nolans Verfilmung ist kein Meisterwerk, aber sie hat ihre Meriten. Man wird spektakulär unterhalten, sieht erstklassige Schauspieler:innen und Special Effects, die mit der Zeit Staub ansetzen werden, die aber heute absolut umwerfend sind. Einige Zuschauer:innen werden sich vielleicht ein Exemplar der Odyssee besorgen. Dann gibt es zwei Möglichkeiten: Sie legen es enttäuscht wieder weg, weil sie nach Nolans Unterhaltungsorgie Schwierigkeiten mit dem sperrigen Text, der komplizierten Struktur und dem zweifelhaften Helden haben. Oder sie entdecken, wie bunt, reich und schillernd gerade das Schwierige sein kann.
