Die Altphilologin Katharina Wesselmann ist für Geschichte der Gegenwart ins Kino gegangen und hat dabei zugeschaut, wie Christopher Nolan die Ambivalenzen der berühmten literarischen Vorlage zu Action verarbeitet. Doch wird der Blockbuster der literarischen Vielschichtigkeit seines antiken Helden gerecht und zu welcher Projektionsfläche stilisiert er ihn?

  • Katharina Wesselmann ist Professorin für Klassische Philologie an der Universität Potsdam. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen beim antiken Epos und der Historiographie sowie in der schulischen Vermittlung der Alten Sprachen und der Rezeptionsgeschichte. An der Universität Basel hat sie mit einer Arbeit zu den mythischen Strukturen in Herodots Historien promoviert und sich mit einem Kommentar zu Homers Ilias (7. Gesang) habilitiert.

„Jetzt ist schon wieder was passiert.“ – So beginnt der öster­rei­chi­sche Autor Wolf Haas alle seine Brenner-Krimis. Ich denke dasselbe, als ich nach drin­gend benö­tigter kurzer Pause (Chris­to­pher Nolans The Odyssey dauert fast drei Stunden) in den dunklen Kino­saal zurück­kehre und von einem Haufen in ihrem Blute liegender Recken empfangen werde. Und dabei ist zu diesem Zeit­punkt schon so viel passiert: Ein gigan­ti­scher Zyklop hat die Mannen des Odys­seus aufge­fressen, die Meer­un­ge­heuer Skylla und Charybdis haben ihre Opfer gefor­dert, es wurde fast pausenlos gekämpft und gestorben. Das Ganze natür­lich in gigan­ti­schem IMAX-Format, auf der riesigen Lein­wand des Berliner Delphi-Palasts, mit einem Sound­system, dessen Wummern bis in den Eingangs­be­reich des apol­li­nisch beti­telten und mit anti­ki­sie­renden Sphingen deko­rierten Kinos dringt.

Kultur­kampf um die Antike

Der Rezep­tion der griechisch-römischen Antike kann niemand entgehen, der durch euro­päi­sche oder auch nur ein wenig euro­pä­isch geprägte Städte spaziert, der Fremd­wörter benutzt oder ein Kunst­mu­seum betritt. Und so ist es eigent­lich auch nicht verwun­der­lich, dass sich schon im Vorfeld des mega­lo­manen Hollywood-Unternehmens ein Kultur­kampf um Nolans Film entsponnen hat. Offenbar stellen viele Menschen Besitz­an­sprüche an die Odyssee. Darf Chris­to­pher Nolan das Epos verfilmen, die schöne Helena mit einer Schwarzen Schau­spie­lerin besetzen, die Über­set­zung von Emily Wilson verwenden?

Nicht nach Ansicht des Königs der Inter­net­trolle, X-Betreiber Elon Musk, der auf die Beset­zung der Helena mit der US-amerikanisch-kenianischen Schau­spie­lerin Lupita Nyong’o mit der dras­ti­schen Formu­lie­rung reagierte, Nolan „pisse auf Homers Grab“. Emily Wilsons Über­set­zung, die Nolan verwendet hat, wurde von zahl­rei­chen selbst­er­nannten Experten als Frevel am Text und an der vermeint­lich so makel­losen Figur des Odys­seus aufge­fasst, ange­fangen mit dem ersten Adjektiv, mit dem dieser in Homers Epos bedacht wird: πολύτροπος, ,viel gewandt‘ (was geogra­phisch oder intel­lek­tuell oder als beides verstanden werden kann), das Wilson mit „compli­cated“ übersetzt.

Ob man diese Über­set­zung nun feiern oder ablehnen will – dass Odys­seus kein eindi­men­sio­naler „Gutmensch“ ist, kann den Internet-Bros nur entgangen sein, weil sie erstens nie die Odyssee gelesen haben, weder in Wilsons Über­set­zung noch in irgend­einer anderen. Zwei­tens kennen sie auch sonst keine antike Lite­ratur, die Odys­seus immer wieder als patho­lo­gi­schen Lügner, sophis­ti­schen Mani­pu­lator und manchmal auch als hand­festen Betrüger darstellt: Der kaiser­zeit­liche Autor Lukian bezeichnet Odys­seus als Lehrer der βωμολοχία, ein Wort, das ursprüng­lich das Herum­lun­gern in Heilig­tü­mern bezeichnet und dann das dreiste Erfinden von Wunder­ge­schichten (Wahre Geschichten 1.1). In Ovids Meta­mor­phosen erschleicht sich Odys­seus mit einer geschlif­fenen Rede die präch­tige Rüstung des Achill und setzt sich dabei gegen den ehrli­chen, aber dümmeren Aias durch (13.123–381). Und in Sopho­kles’ Phil­oktet bringt er den jungen Sohn des Achil­leus dazu, dem Titel­helden eine Lügen­ge­schichte aufzu­binden, um ihm seinen wunder­tä­tigen Bogen abzuluchsen.

Auch bei Homer ist Odys­seus eitel – er bringt seine Leute durch das spöt­ti­sche Spiel mit dem Zyklopen in Gefahr – und arglistig bis zur Menschen­ver­ach­tung, wenn er sich im 24. Gesang der Odyssee auch seinem verzwei­felten alten Vater gegen­über noch eine erlo­gene Biografie ausdenkt. Das heißt nicht, dass der home­ri­sche Odys­seus nicht auch groß­ar­tige Eigen­schaften hat: seine über­ra­gende Intel­li­genz, die – wenn auch oft durch ihn selbst torpe­dierte – Loya­lität zu seinen Gefährten und zu seiner Frau, die unaus­sprech­liche Leidens­fä­hig­keit, die ihn immer wieder gegen die Widrig­keiten des Schick­sals ankämpfen lässt. Aber er ist eben kein eindi­men­sio­naler Held, wie das auch Achil­leus nicht ist – wie das Protagonist:innen in inter­es­santen Erzäh­lungen niemals sein können.

Für die wütenden Männer im Internet ist die Antike weiß und blond, und ihre Helden sind hyper­männ­lich und edel­mütig. Dass beides objektiv falsch ist, stört sie nicht, und deswegen ist es bei aller Freude über die Popu­la­rität und Rele­vanz antiker Stoffe in der aktu­ellen Zeit ein biss­chen schade, dass Schul­un­ter­richt und Uni-Stellen in den Berei­chen Latein und Grie­chisch immer dras­ti­scher zusam­men­ge­kürzt werden. Bei kaum einem Thema tritt die Diskre­panz zwischen Popu­la­rität und fehlendem Fach­wissen so auffällig hervor wie bei den Kultur­kämpfen um unsere antiken ,Vorfahren‘.

Der unzu­ver­läs­sigste Erzähler

Was macht nun Chris­to­pher Nolan aus dem sakro­sankten Stoff? Nach seinem bishe­rigen Film­schaffen zu urteilen, hätte man einen intel­lek­tu­ellen Film erwartet, der sich mit der kompli­zierten Zeit­struktur der home­ri­schen Odyssee ausein­an­der­setzt: In den ersten vier Gesängen des Epos treffen wir Odys­seus selber nicht, dafür seinen Sohn Tele­ma­chos, der sich auf die Suche nach seinem seit zwanzig Jahren verschol­lenen Vater macht. Dann begegnet uns Odys­seus endlich, gefangen auf der Insel der Kalypso, deren Schön­heit und Unsterb­lich­keits­an­gebot er so gar nichts abge­winnen kann: Wie auf Arnold Böck­lins Gemälde weint er am Strand und will nur nach Hause. Über diese Verach­tung der schönen Nymphe spottet übri­gens bereits Lukian, der Odys­seus aus dem Jenseits einen Brief an Kalypso abfassen lässt, in dem er erklärt, er habe es sich jetzt doch anders über­legt; ob das Angebot, ein Gott zu werden, noch stehe …? (Wahre Geschichten 2.35) Kalypso lässt ihren Sexsklaven auf Drängen der Götter ziehen, aber Odys­seus hat kein Glück: Ein Seesturm verschlägt ihn auf die Insel der Phaiaken, eines mythi­schen Volkes in einer welt­ent­rückten Inselsphäre.

Diesen Leuten erzählt Odys­seus alles, was Homers Werk aus popu­lärer Sicht ausmacht: Hier begegnen uns der brutale Zyklop, die verfüh­re­ri­schen Sirenen, die Zauberin Kirke, die gruse­lige Unter­welt und die tödli­chen Skylla und Charybdis. Von all diesen Erleb­nissen hören wir ausschließ­lich aus dem Munde dieses unzu­ver­läs­sigsten aller Erzähler, der sich bei seinem phaiaki­schen Publikum unbe­dingt lieb Kind machen muss, um zu über­leben. Wieder begegnet uns also Odys­seus, der bril­lante Lügner – der in Wahr­heit viel­leicht gar nichts Spek­ta­ku­läres erlebt hat?

Popcorn­kino

Der Rest des Epos zieht sich etwas, um es diplo­ma­tisch zu formu­lieren: Die Heim­kehr nach Ithaka, die unend­lich lang­same Wieder­an­nä­he­rung der Eheleute Pene­lope und Odys­seus, die vorsich­tige Prüfung verschie­dener Personen im könig­li­chen Haus­halt, schließ­lich der blutige Mord an den Männern, die Haus und Ehefrau seit Jahren bela­gern. Das alles macht die gesamte zweite Hälfte des Epos aus. Aber keine Angst im Kino: Nolan tut das drama­tur­gisch Erwart­bare und verkürzt die Heim­kehr­sek­tion auf etwa einen Viertel des Films.

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Und hier sind wir schließ­lich auch beim Problem: Fast alles an Nolans Film ist erwartbar. Wir haben es mit kurz­wei­ligem, bombas­ti­schem Popcorn­kino zu tun, das zwar riesigen Spaß macht – man gönnt Elon Musk den belei­digten Verzicht auf das Film­ereignis des Jahres von Herzen –, das aber in der Erzähl­weise wesent­lich konven­tio­neller ist als das antike Epos.

Da ist vor allem die im Vergleich zur Vorlage eindi­men­sio­nale Figur des Odys­seus. Er erzählt seine Aben­teuer nicht den Phaiaken, sondern der Kalypso, die übri­gens sehr passend insze­niert ist auf ihrer ganz beigen Wellness-Insel, bekleidet mit hoch­wer­tigen Natur­tex­ti­lien, gespielt von der atem­be­rau­bend schönen Char­lize Theron. Hier liegen die Stärken von Nolans Film: Die einzelnen Episoden sind in ihrer Szenerie und Farbig­keit im Wort­sinn bezau­bernd, sowohl die über­per­fekte Kalypso-Insel als auch die dazu gegen­sätz­liche Welt der Kirke, die eine rich­tige Hexe ist, mit damp­fenden Kesseln und einem Raben als Haus­tier; es fehlt nur die Warze auf der Nase einer groß­ar­tigen Samantha Morton. Matt Damons Odys­seus aber ist zu anständig. Es gibt keinen Grund, an seinen Erzäh­lungen zu zwei­feln, zumal sie in den Rück­blenden filmisch objek­ti­viert werden. Dieser Mann ist kein Hoch­stapler, sondern im Gegen­teil zerrissen von Schuld­ge­fühlen, weil er weiß, dass er seinen Männern gegen­über versagt hat. Inso­fern ist Nolans Odys­seus zwar nicht makellos, aber doch ein all American good guy, der zu seinen Fehlern steht und dafür Verant­wor­tung über­nimmt, nicht der windige und schwer fass­bare Lügen­beutel, als der er uns in so vielen antiken Texten entgegentritt.

Seine Episo­den­haf­tig­keit macht den Film dennoch zu everybody’s darling. Das ,Abfilmen‘ der Hand­lung tut der Drama­turgie des Films zwar grund­sätz­lich Abbruch, aber es ist wirk­lich für jeden etwas dabei. Wenn einem eine Szene nicht gefällt, wird die nächste sicher besser. Spek­takel gibt es genug, und manches ist daran auch über­ra­schend: Wer die Zyklopen-Episode bisher vor allem als grotesk und lustig empfunden hat (schon der antike Drama­tiker Euri­pides hat die Episode in seinem Kyklops durch das Hinzu­fügen einer Schar von inkom­pe­tenten und feigen Satyrn auf der Bühne ins Komi­sche gezogen), wird nun erst­mals das ganze Grauen erleben, das eigent­lich nahe­liegt, wenn Menschen mit einem kanni­ba­li­schen Monster in einer Höhle einge­schlossen werden. Auch Kirkes Verwand­lung der Männer in Schweine erhält durch heftigen Body Horror eine neue Dimen­sion des Schre­ckens. Und auch bei Szenen, in denen die Drastik weniger nahe­liegt, trifft uns die Neuin­ter­pre­ta­tion bisweilen unver­mit­telt: Haben wir uns je über­legt, wie es den Grie­chen im hölzernen Pferd eigent­lich so ging? Ob es ange­nehm war, in diesem Pferd zu sitzen? Wo die Leute aufs Klo gegangen sind? In Nolans Film erfahren wir es.

Nolans Stärke liegt in diesen Einzel­szenen, die stim­mungs­voll insze­niert sind. Ein durch die Bank gran­dioser Cast tut sein Übriges (auch wenn die leicht unre­gel­mä­ßigen Zahn­pro­thesen, mit denen das strah­lende Veneer­lä­cheln der Hollywood-Elite anti­ki­sie­rend über­deckt werden soll, noch immer unrea­lis­tisch weiß und voll­ständig sind). Anderes geht schief: Warum tritt Agamemnon in einer Art Darth Vader-Kostüm auf, am Helm eine goldene Wirbel­säule? Warum sieht man niemals sein Gesicht, auch nicht als er zu seiner Frau zurück- und uns stets den Rücken zukehrt? Der Sinn dieser Figur und ihrer extra­ter­res­tri­schen Exotik erschließt sich nicht; Agamemnon wirkt, als hätte sich jemand aus dem Dreh von Star Wars in der Tür zum Set geirrt.

Ein schwie­riger Text

Als Homer-Kennerin wird man die eine oder andere Verän­de­rung der Geschichte begrüßen und verstehen, andere kommen einem ein wenig feige vor. Die verrä­te­ri­sche Magd Melantho will sich vor dem Gemetzel der Männer im Bankett­saal zu Pene­lope retten; diese schließt sie dort ein: „I think your place is in there.“ Danach begegnet uns Melantho nie wieder. Kann sie entkommen? Odys­seus, der damit beschäf­tigt ist, einen sich nähernden Feind nach dem anderen nieder­zu­met­zeln, nimmt keine Notiz von ihr. Wäre passiert, was in der home­ri­schen Odyssee passiert, hätte es das Bild der all American good guys stören können (wenn auch viel­leicht nicht aus der Perspek­tive der Internet-Manosphere): Auf Befehl seines Vaters lässt Tele­ma­chos die Mägde zunächst die Leichen ihrer Lieb­haber aus dem Bankett­saal tragen und ihr Blut aufwi­schen. Danach erhängt er sie im Hof: „sie zappelten mit den Füßen ganz kurz, nicht sehr lange“ (22.473).

Dass dieser brutale Femizid im Film vermieden wird, ist verständ­lich, aber auch hier wird die Ambi­va­lenz der komplexen Vorlage unter­drückt und die Heraus­for­de­rung gescheut, es mit einem Text aufzu­nehmen, der heutige Wert­vor­stel­lungen oft so gar nicht teilt. Nolans Verfil­mung ist kein Meis­ter­werk, aber sie hat ihre Meriten. Man wird spek­ta­kulär unter­halten, sieht erst­klas­sige Schauspieler:innen und Special Effects, die mit der Zeit Staub ansetzen werden, die aber heute absolut umwer­fend sind. Einige Zuschauer:innen werden sich viel­leicht ein Exem­plar der Odyssee besorgen. Dann gibt es zwei Möglich­keiten: Sie legen es enttäuscht wieder weg, weil sie nach Nolans Unter­hal­tungs­orgie Schwie­rig­keiten mit dem sper­rigen Text, der kompli­zierten Struktur und dem zwei­fel­haften Helden haben. Oder sie entde­cken, wie bunt, reich und schil­lernd gerade das Schwie­rige sein kann.