• Toni Saller, 1956, hat Ethnologe studiert, 30 Jahre in der Informatik gearbeitet und ist heute freier Schreiber. Er lebt in Zürich

Es ist ein dickes Buch, das Diszi­plin verlangt: Die beinahe 1100-seitige Biogra­phie von Emanu­elle Loyer ist minu­tiös recher­chiert und mit liebe­voller Sorg­falt geschrieben, ohne vor dem 1908 gebo­renen Grand­sei­gneur der Sozi­al­an­thro­po­logie zu erstarren. Doch wie selten sonst habe ich mich jeden Tag auf meine 50 Seiten Ration gefreut. Erin­ne­rungen kommen auf: Nach meinen eigenen Brasi­li­en­reisen hatte ichTrau­rige Tropen, das den Autor 1955 schlag­artig über die engen Grenzen der Ethno­logie hinaus berühmt gemacht hat, noch­mals neu gelesen.

In Trau­rige Tropen machte Claude Lévi-Strauss (CLS) den einzigen Ausflug in das, was in der Ethno­logie als ganz­heit­li­ches Verstehen bezeichnet wird. Er selbst, der teil­neh­mende Mensch, ist das Instru­ment des Verste­hens und somit all seine Sinne, sein Verstand und seine Gefühle. Seine Reise in den Mato Grosso, die im Zentrum dieses Buches steht, war für CLS ein entschei­dendes Erlebnis. Ich kenne die Gegend; 2014 war ich in Tres Lagoes, einer Wasser­scheide im südli­chen Mato Grosso. Doch während ich gegen Westen Rich­tung Boli­vien reiste, ging CLS von da gegen den Norden der Rondon Tele­gra­fen­linie entlang. Cândido Mariano da Silva Rondon baute anfangs der 1920er Jahre eine Tele­gra­fen­linie bis nach Boli­vien, sie wurde nie in Betrieb genommen, diente Reisenden als Wegweiser, einige Stre­cken­ab­schnitte wurden von India­nern betreut.

CLS am Amazonas, ca. 1936; Quelle: welt.de

Das Mato Grosso ist genau so, wie er es in Trau­rige Tropen beschreibt, eine endlos karge und leere Steppe, ein Niemands­land. CLS und ich finden Menschen. Ich in Campo Grande auf einer Hoch­zeits­ge­sell­schaft, in einer riesigen Stadt des modernen Brasi­liens, er trifft auf eine Gruppe von zwanzig Nambik­wara Indianer. Dabei war er ganz in der tradi­tio­nellen Absicht der dama­ligen fran­zö­si­schen Ethno­logie auf eine Expe­di­tion aufge­bro­chen, um Objekte zu sammelt und diese ins Museum zu bringen. Einige kann man tatsäch­lich sehen, im Musée de l’homme in Paris. Eindrück­li­cher aber ist ein kleiner Teil der Fotos, die er erst auf Druck seiner Frau Monique 1994 unter dem Titel Saudades do Brasil veröf­fent­lichte.

Späte Aner­ken­nung

Die Nächte am Lager­feuer der Nambik­wara im Mato Grosso wurden ein zentrales Ereignis im Leben von CLS. Auch der akade­mi­sche Höhe­punkt 35 Jahre später, als er 1973 als erster Sozi­al­wis­sen­schaftler in die Académie française aufge­nommen wurde, konnte ihn nicht mehr aus der Ruhe bringen. Man darf vermuten, dass er zu einem der einfluss­reichster Theo­re­tiker und Denker des 20. Jahr­hun­derts und dem melan­cho­li­schen Gelehrten wurde, weil er danach nie mehr in eine ethno­lo­gi­sche Feld­for­schung ging.

1949 und 1950, nachdem seine Habi­li­ta­tion Die elemen­taren Struk­turen der Verwandt­schaft zwar ange­nommen, zwei Bewer­bungen bzw. Nomi­na­tion an das berühmte Collège de France aber abge­wiesen wurden, musste er sich mit einem in der fran­zö­si­schen Elite minder bewer­teten Lehr­stuhl an der Sorbonne abfinden. Er tat dies mit einer für seinen Ehrgeiz erstaun­li­chen Geduld und schrieb Trau­rige Tropen als lite­ra­ri­sches Werk aus einer Art Trotz heraus, in einer selbst empfun­denen wissen­schaft­li­chen Verban­nung.

Zehn Jahre muss CLS warten und schmollen, bis er 1958 endlich an das Collège de France gewählt wird, mit einem speziell für ihn einge­rich­teten neuen Lehr­stuhl für Sozi­al­an­thro­po­logie. Er gründet auch umge­hend das Labo­ra­toire d’anthropologie sociale (LAS) und die Zeit­schrift L’homme, besorgte für sich und seine Studenten die tonnen­schweren Human Rela­tion Area Files der Yale Univer­sität, die keine Univer­sität ausser­halb der USA bis dahin besass, und wollte Sozi­al­wis­sen­schaft vom Punkt Null aus neu starten.

CLS bei den Nambik­wara; Quelle: obenedito.com.br

Phäno­menal war seine Antritts­vor­le­sung, in der er die erhal­tene und so ehrgeizig ange­strebte akade­mi­sche Ehre und den wissen­schaft­li­chen Elan der univer­si­tären Forschung sogleich rela­ti­vierte: „Gegen­über dem Theo­re­tiker muss der Beob­achter das letzte Wort haben […] und gegen­über dem Beob­achter der Einge­bo­rene“. CLS, längst ein in der Studier­stube arbei­tender Ethno­loge geworden, bestand für seine Studenten auf der Arbeit im Feld, die so funda­mental sei wie die Lehr­ana­lyse für einen ange­henden Psycho­ana­ly­tiker. Die Sozi­al­an­thro­po­logie gedieh prächtig und lief sogar dem Fach Geschichte als erste Sozi­al­wis­sen­schaft den Rang ab. CLS führte ein kleines Unter­nehmen mit 59 Ange­stellten, einen ‚Think tank‘, der den Gesell­schaften Fragen stellen und keine Arte­fakte mehr sammeln wollte. Er beschaffte sich Mittel für eine freie Forschung und antwor­tete auf die Frage seiner Spon­soren, was das denn bringen soll, wie folgt: „Wich­tiger noch, als dass ihr uns die Mittel gebt für unsere Forschung, ist, dass ihr nichts von uns verlangt.“

Selbst in der angel­säch­si­schen Anthro­po­logie, die insbe­son­dere die Verwandt­schafts­eth­no­logie als ihre urei­genste Domäne betrach­tete, wird er respek­tiert und geehrt, seine Elemen­taren Struk­turen der Verwandt­schaft gewinnen noch in der radi­kalen Ableh­nung des renom­mierten briti­schen Ethno­logen Edmund Leach an neid­voller Bewun­de­rung: „A splendid failure“!

Ruhm, Rückzug und radi­kale Kritik

Während CLS und sein Struk­tu­ra­lismus in den 60er Jahren immer einfluss­rei­cher wurden, wird er selber immer ruhiger und entzieht sich seiner eigenen Popu­la­rität. Die unge­heure Arbeit­sam­keit an der Mytho­lo­gi­ques, deren vier Bände und 2000 Seiten zwischen 1964 und 1971 entstanden, ist gera­dezu eine Flucht vor gesell­schaft­li­chen Verpflich­tungen und der damit verbun­denen Lange­weile. Sein Schweigen bei sozialen Anlässen war legendär.

Aber er war ein enga­gierter Lehrer. Am Morgen war er immer im LAS anzu­treffen, er kümmerte sich fach­lich und orga­ni­sa­to­risch liebe­voll um sein Institut und seine Studenten. Dennoch musste er den Umgang mit ihnen gleichsam ritua­li­sieren, weil natür­lich alle den Meister sehen wollten; auch der Zugang zu seinem Seminar ist einem auser­le­senen Fach­kreis vorbe­halten. Man konnte ihn jedoch weiterhin an seinen zwei Vorle­sungen als glän­zenden Redner impro­vi­sie­rend erleben. Er machte sich dabei selbst zu einem Mythos.

Trotz seiner radi­kalen Kritik am Westen wurde CLS kein 68er. Nicht nur weil ihm sein Collège de France heilig war; er begrün­dete seine Abwe­sen­heit bei den Protesten mit den Worten „weil man keine Bäume ausreisst, um Barri­kaden zu bauen: Bäume sind Leben, das hat man zu respek­tieren.“

Und doch demo­kra­ti­sierte er sein LAS weiter als jeder andere ein Institut am Collège. Seiner Meinung nach funk­tio­niere Demo­kratie nur in kleinen Gruppen, weil da die persön­li­chen Bezie­hungen ideo­lo­gi­sche Exzesse dämpften. Dem Postulat des Huma­nismus der jungen Gene­ra­tion stellte er den Pessi­mismus seiner ethno­lo­gi­schen Erfah­rung und Enttäu­schung entgegen. Junge, erfolg­reiche Ethno­logen wie Pierre Clastres, die eine poli­ti­sche Ethno­logie forderten, waren zuneh­mend vom Struk­tu­ra­lismus enttäuscht und wandten sich ab. CLS setzte sich etwa auch nicht bedin­gungslos für die entko­lo­ni­sierten Staaten ein, er miss­traute ihnen noch mehr als den Kolo­ni­al­staaten. Doch auch in der ‚Zivi­li­sa­tion‘ sah er sich nie als Arzt, sondern als Teil einer kranken Zeit.

Er weigerte sich, ein linker Intel­lek­tu­eller zu sein. Sich jegli­cher Verein­nah­mung zu entziehen, war für ihn Programm, auch wenn er hin und wieder dem intel­lek­tu­ellen Esta­blish­ment einen Nadel­stich versetzte. Die Marxisten brachte er mit seiner ‚Anti-Historizität‘, die keine Trans­for­ma­ti­ons­ge­setze aner­kennen will, zur Weiss­glut. Doch er blieb dabei und antwor­tete lapidar: Die Indianer hätten wie die Grie­chen mit Philo­so­phie beginnen können, sie haben es nicht getan. Es gibt keine Gesetz­mäs­sig­keit. Wir wissen nicht, wieso es die Grie­chen taten und die Indianer nicht.

Erst langsam und leise wurde der Visionär hinter dem geschichts­losen Struk­tu­ra­listen erkennbar, in einem Satz von ihm auf den Punkt gebracht: „Es würde einen modernen Geist erstaunen, welche Anstren­gungen wilde Gesell­schaften unter­nehmen, dem Wandel zu wider­stehen.“ – Ich würde diesen Satz in der Nacht auf Häuser­wände sprayen, wenn damit zu hoffen wäre, die absurden Wachs­tumsideo­logen zum Nach­denken zu bringen.

Was bleibt?

Das mangelnde Echo und der fehlende Erfolg von Mytho­lo­gi­ques enttäuschten den ambi­tio­nierten Forscher. CLS erhoffte sich nicht weniger als eine epoche­ma­chende, ganz­heit­liche Theorie über alle Gesell­schaften hinweg, so wie sie Einstein in der Physik für das Universum formu­liert hatte. Er konnte dieses Verspre­chen nicht einlösen, und er erklärte daraufhin sein Lebens­werk für beendet und voll­bracht, obwohl er noch viel schreiben wird.

Auf seinem persön­li­chen Höhe­punkt, als er 1973 in die Académie française aufge­nommen wurde, bei den ‚Unsterb­li­chen‘ also, sank der Stern des Struk­tu­ra­lismus. In den 80er Jahren besuchte CLS fünfmal Japan und schrieb noch drei Bücher, die er seine kleine Mytho­lo­gi­ques nannte. Nachdem er mit dem Marxismus gebro­chen hatte, brach er nun auch mit der Psycho­ana­lyse. Er machte sich über sie lustig: Sie verstehe nicht mehr von den Mythen als die Mythen selber – obwohl er sich in seiner grossen Mytho­lo­gi­ques als Zuhörer und Inter­pret von Mythen noch die psycho­ana­ly­ti­sche Arbeits­weise zu eigen gemacht hatte. Er selber sprach dort davon, dass jede Inter­pre­ta­tion nur eine neue Version des Mythos selbst ist und blosse Trans­for­ma­tion in ein neues Zeichen­system, bei der Prozesse wie ‚Verdich­tung‘ und ‚Verschie­bung‘, Begriffe der Psycho­ana­lyse also, am Werke seien.

Allein, was bleibt? Ein wich­tiges Ergebnis des Struk­tu­ra­lismus in der Ethno­logie war es, eine Gegen­po­si­tion zum Euro­zen­trismus und naiven Evolu­tio­nismus seiner Zeit aufge­baut zu haben – und auch gegen das marxis­ti­sche Geschichts­ver­ständnis und den philo­so­phi­schen Exis­ten­zia­lismus. CLS‘ Pessi­mismus gegen­über dem zivi­li­sa­to­ri­schen Fort­schritt ist in seiner Radi­ka­lität uner­reicht. Um seine Haltung zu den ‚Wilden‘ zu begreifen, kann und sollte man den Essay „Von den Kanni­balen“ von Montaigne lesen. Diese gross­ar­tige ‚Vertei­di­gungs­schrift‘ war für CLS zeit­le­bens eine Art Leucht­feuer, das die Sozi­al­an­thro­po­logie zu leiten hätte, nicht nur in der Empa­thie für die Indianer, auch in der Selbst­kritik gegen­über der eigenen Zivi­li­sa­tion.

Für mich persön­lich am eindrück­lichsten ist, was im Bänd­chen ‚Primi­tive‘ und ‚Zivi­li­sierte‘ nach Aufzeich­nungen von Gesprä­chen zwischen CLS und Georges Char­bon­nier nach­zu­lesen ist: Wilde Gesell­schaften sind nicht unfähig für Entwick­lung, sie wider­stehen ihr, weil sie die Einheit dem inneren Konflikt vorziehen. Sie lehnen den Wett­be­werb und den Mehr­heits­be­schluss zugunsten der Einmü­tig­keit ab und wollen kein histo­ri­sches Werden wagen. CLS und die Ethno­logie insge­samt haben eindrück­lich gezeigt, dass der ‚Homo oeco­no­micus‘ nicht alles Handeln bestimmt – eine Erkenntnis, derent­wegen ein Ökonom 2017 den Nobel­preis verliehen bekam.

Viel­leicht erklärt sich der Struk­tu­ra­lismus am Schluss am besten durch das Ereignis, das seinen berühm­testen Prot­ago­nisten CLS mit seinem Eintritt in die konser­va­tive, elitäre Insti­tu­tion der Académie française unsterb­lich machte: Er unter­warf sich, genau so wie seine ‚Wilden‘, einem tradi­tio­nellen Aufnah­me­ri­tual und stellte deren Initia­ti­ons­riten als zwei gleich­be­deu­tende gesell­schaft­liche Ereig­nisse neben­ein­ander…

Erwähnte Lite­ratur: 

Emma­nu­elle Loyer, Lévi-Strauss, Eine Biogra­phie, Berlin: Suhr­kamp 2017
Claude Lévi-Strauss, Die elemen­taren Struk­turen der Verwandt­schaft, Frankfurt/M.: Suhr­kamp 1981 (Paris 1949)
Claude Lévi-Strauss, Trau­rige Tropen, Frank­furt, M: Suhr­kamp 2008 (Paris 1955)
Claude Lévi-Strauss, Georges Char­bon­nier, „Primi­tive“ und „Zivi­li­sierte“, Zürich: Verlag der Arche 1972
Claude Lévi-Strauss, Brasi­lia­ni­sches Album, München: Hanser 1995 (Saudades Do Brasil, Paris 1994)

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