2017 erschien die preisgekrönte Biographie „Lévi-Strauss“ der Historikerin Emmanuelle Loyer. Mit bisher unveröffentlichten Quellen rekonstruiert sie ein wichtiges Stück Wissenschaftsgeschichte und zeichnet zum ersten Mal ein umfassendes Lebensbild vom Begründer des Strukturalismus. Es geht um ein ganzes Leben.

  • Toni Saller, 1956, hat Ethnologe studiert, 30 Jahre in der Informatik gearbeitet und ist heute freier Schreiber. Er lebt in Zürich

Es ist ein dickes Buch, das Diszi­plin verlangt: Die beinahe 1100-seitige Biogra­phie von Emanu­elle Loyer ist minu­tiös recher­chiert und mit liebe­voller Sorg­falt geschrieben, ohne vor dem 1908 gebo­renen Grand­sei­gneur der Sozi­al­an­thro­po­logie zu erstarren. Doch wie selten sonst habe ich mich jeden Tag auf meine 50 Seiten Ration gefreut. Erin­ne­rungen kommen auf: Nach meinen eigenen Brasi­li­en­reisen hatte ichTrau­rige Tropen, das den Autor 1955 schlag­artig über die engen Grenzen der Ethno­logie hinaus berühmt gemacht hat, noch­mals neu gelesen.

In Trau­rige Tropen machte Claude Lévi-Strauss (CLS) den einzigen Ausflug in das, was in der Ethno­logie als ganz­heit­li­ches Verstehen bezeichnet wird. Er selbst, der teil­neh­mende Mensch, ist das Instru­ment des Verste­hens und somit all seine Sinne, sein Verstand und seine Gefühle. Seine Reise in den Mato Grosso, die im Zentrum dieses Buches steht, war für CLS ein entschei­dendes Erlebnis. Ich kenne die Gegend; 2014 war ich in Tres Lagoes, einer Wasser­scheide im südli­chen Mato Grosso. Doch während ich gegen Westen Rich­tung Boli­vien reiste, ging CLS von da gegen den Norden der Rondon Tele­gra­fen­linie entlang. Cândido Mariano da Silva Rondon baute anfangs der 1920er Jahre eine Tele­gra­fen­linie bis nach Boli­vien, sie wurde nie in Betrieb genommen, diente Reisenden als Wegweiser, einige Stre­cken­ab­schnitte wurden von India­nern betreut.

CLS am Amazonas, ca. 1936; Quelle: welt.de

Das Mato Grosso ist genau so, wie er es in Trau­rige Tropen beschreibt, eine endlos karge und leere Steppe, ein Niemands­land. CLS und ich finden Menschen. Ich in Campo Grande auf einer Hoch­zeits­ge­sell­schaft, in einer riesigen Stadt des modernen Brasi­liens, er trifft auf eine Gruppe von zwanzig Nambik­wara Indianer. Dabei war er ganz in der tradi­tio­nellen Absicht der dama­ligen fran­zö­si­schen Ethno­logie auf eine Expe­di­tion aufge­bro­chen, um Objekte zu sammelt und diese ins Museum zu bringen. Einige kann man tatsäch­lich sehen, im Musée de l’homme in Paris. Eindrück­li­cher aber ist ein kleiner Teil der Fotos, die er erst auf Druck seiner Frau Monique 1994 unter dem Titel Saudades do Brasil veröffentlichte.

Späte Aner­ken­nung

Die Nächte am Lager­feuer der Nambik­wara im Mato Grosso wurden ein zentrales Ereignis im Leben von CLS. Auch der akade­mi­sche Höhe­punkt 35 Jahre später, als er 1973 als erster Sozi­al­wis­sen­schaftler in die Académie fran­çaise aufge­nommen wurde, konnte ihn nicht mehr aus der Ruhe bringen. Man darf vermuten, dass er zu einem der einfluss­reichster Theo­re­tiker und Denker des 20. Jahr­hun­derts und dem melan­cho­li­schen Gelehrten wurde, weil er danach nie mehr in eine ethno­lo­gi­sche Feld­for­schung ging.

1949 und 1950, nachdem seine Habi­li­ta­tion Die elemen­taren Struk­turen der Verwandt­schaft zwar ange­nommen, zwei Bewer­bungen bzw. Nomi­na­tion an das berühmte Collège de France aber abge­wiesen wurden, musste er sich mit einem in der fran­zö­si­schen Elite minder bewer­teten Lehr­stuhl an der Sorbonne abfinden. Er tat dies mit einer für seinen Ehrgeiz erstaun­li­chen Geduld und schrieb Trau­rige Tropen als lite­ra­ri­sches Werk aus einer Art Trotz heraus, in einer selbst empfun­denen wissen­schaft­li­chen Verbannung.

Zehn Jahre muss CLS warten und schmollen, bis er 1958 endlich an das Collège de France gewählt wird, mit einem speziell für ihn einge­rich­teten neuen Lehr­stuhl für Sozi­al­an­thro­po­logie. Er gründet auch umge­hend das Labo­ra­toire d’anthropologie sociale (LAS) und die Zeit­schrift L’homme, besorgte für sich und seine Studenten die tonnen­schweren Human Rela­tion Area Files der Yale Univer­sität, die keine Univer­sität ausser­halb der USA bis dahin besass, und wollte Sozi­al­wis­sen­schaft vom Punkt Null aus neu starten.

CLS bei den Nambik­wara; Quelle: obenedito.com.br

Phäno­menal war seine Antritts­vor­le­sung, in der er die erhal­tene und so ehrgeizig ange­strebte akade­mi­sche Ehre und den wissen­schaft­li­chen Elan der univer­si­tären Forschung sogleich rela­ti­vierte: „Gegen­über dem Theo­re­tiker muss der Beob­achter das letzte Wort haben […] und gegen­über dem Beob­achter der Einge­bo­rene“. CLS, längst ein in der Studier­stube arbei­tender Ethno­loge geworden, bestand für seine Studenten auf der Arbeit im Feld, die so funda­mental sei wie die Lehr­ana­lyse für einen ange­henden Psycho­ana­ly­tiker. Die Sozi­al­an­thro­po­logie gedieh prächtig und lief sogar dem Fach Geschichte als erste Sozi­al­wis­sen­schaft den Rang ab. CLS führte ein kleines Unter­nehmen mit 59 Ange­stellten, einen ‚Think tank‘, der den Gesell­schaften Fragen stellen und keine Arte­fakte mehr sammeln wollte. Er beschaffte sich Mittel für eine freie Forschung und antwor­tete auf die Frage seiner Spon­soren, was das denn bringen soll, wie folgt: „Wich­tiger noch, als dass ihr uns die Mittel gebt für unsere Forschung, ist, dass ihr nichts von uns verlangt.“

Selbst in der angel­säch­si­schen Anthro­po­logie, die insbe­son­dere die Verwandt­schafts­eth­no­logie als ihre urei­genste Domäne betrach­tete, wird er respek­tiert und geehrt, seine Elemen­taren Struk­turen der Verwandt­schaft gewinnen noch in der radi­kalen Ableh­nung des renom­mierten briti­schen Ethno­logen Edmund Leach an neid­voller Bewun­de­rung: „A sple­ndid failure“!

Ruhm, Rückzug und radi­kale Kritik

Während CLS und sein Struk­tu­ra­lismus in den 60er Jahren immer einfluss­rei­cher wurden, wird er selber immer ruhiger und entzieht sich seiner eigenen Popu­la­rität. Die unge­heure Arbeit­sam­keit an der Mytho­lo­gi­ques, deren vier Bände und 2000 Seiten zwischen 1964 und 1971 entstanden, ist gera­dezu eine Flucht vor gesell­schaft­li­chen Verpflich­tungen und der damit verbun­denen Lange­weile. Sein Schweigen bei sozialen Anlässen war legendär.

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Aber er war ein enga­gierter Lehrer. Am Morgen war er immer im LAS anzu­treffen, er kümmerte sich fach­lich und orga­ni­sa­to­risch liebe­voll um sein Institut und seine Studenten. Dennoch musste er den Umgang mit ihnen gleichsam ritua­li­sieren, weil natür­lich alle den Meister sehen wollten; auch der Zugang zu seinem Seminar ist einem auser­le­senen Fach­kreis vorbe­halten. Man konnte ihn jedoch weiterhin an seinen zwei Vorle­sungen als glän­zenden Redner impro­vi­sie­rend erleben. Er machte sich dabei selbst zu einem Mythos.

Trotz seiner radi­kalen Kritik am Westen wurde CLS kein 68er. Nicht nur weil ihm sein Collège de France heilig war; er begrün­dete seine Abwe­sen­heit bei den Protesten mit den Worten „weil man keine Bäume ausreisst, um Barri­kaden zu bauen: Bäume sind Leben, das hat man zu respektieren.“

Und doch demo­kra­ti­sierte er sein LAS weiter als jeder andere ein Institut am Collège. Seiner Meinung nach funk­tio­niere Demo­kratie nur in kleinen Gruppen, weil da die persön­li­chen Bezie­hungen ideo­lo­gi­sche Exzesse dämpften. Dem Postulat des Huma­nismus der jungen Genera­tion stellte er den Pessi­mismus seiner ethno­lo­gi­schen Erfah­rung und Enttäu­schung entgegen. Junge, erfolg­reiche Ethno­logen wie Pierre Clas­tres, die eine poli­ti­sche Ethno­logie forderten, waren zuneh­mend vom Struk­tu­ra­lismus enttäuscht und wandten sich ab. CLS setzte sich etwa auch nicht bedin­gungslos für die entko­lo­ni­sierten Staaten ein, er miss­traute ihnen noch mehr als den Kolo­ni­al­staaten. Doch auch in der ‚Zivi­li­sa­tion‘ sah er sich nie als Arzt, sondern als Teil einer kranken Zeit.

Er weigerte sich, ein linker Intel­lek­tu­eller zu sein. Sich jegli­cher Verein­nah­mung zu entziehen, war für ihn Programm, auch wenn er hin und wieder dem intel­lek­tu­ellen Estab­lish­ment einen Nadel­stich versetzte. Die Marxisten brachte er mit seiner ‚Anti-Historizität‘, die keine Trans­for­ma­ti­ons­ge­setze aner­kennen will, zur Weiss­glut. Doch er blieb dabei und antwor­tete lapidar: Die Indianer hätten wie die Grie­chen mit Philo­so­phie beginnen können, sie haben es nicht getan. Es gibt keine Gesetz­mäs­sig­keit. Wir wissen nicht, wieso es die Grie­chen taten und die Indianer nicht.

Erst langsam und leise wurde der Visionär hinter dem geschichts­losen Struk­tu­ra­listen erkennbar, in einem Satz von ihm auf den Punkt gebracht: „Es würde einen modernen Geist erstaunen, welche Anstren­gungen wilde Gesell­schaften unter­nehmen, dem Wandel zu wider­stehen.“ – Ich würde diesen Satz in der Nacht auf Häuser­wände sprayen, wenn damit zu hoffen wäre, die absurden Wachs­tums­ideo­logen zum Nach­denken zu bringen.

Was bleibt?

Das mangelnde Echo und der fehlende Erfolg von Mytho­lo­gi­ques enttäuschten den ambi­tio­nierten Forscher. CLS erhoffte sich nicht weniger als eine epoche­ma­chende, ganz­heit­liche Theorie über alle Gesell­schaften hinweg, so wie sie Einstein in der Physik für das Universum formu­liert hatte. Er konnte dieses Verspre­chen nicht einlösen, und er erklärte daraufhin sein Lebens­werk für beendet und voll­bracht, obwohl er noch viel schreiben wird.

Auf seinem persön­li­chen Höhe­punkt, als er 1973 in die Académie fran­çaise aufge­nommen wurde, bei den ‚Unsterb­li­chen‘ also, sank der Stern des Struk­tu­ra­lismus. In den 80er Jahren besuchte CLS fünfmal Japan und schrieb noch drei Bücher, die er seine kleine Mytho­lo­gi­ques nannte. Nachdem er mit dem Marxismus gebro­chen hatte, brach er nun auch mit der Psycho­ana­lyse. Er machte sich über sie lustig: Sie verstehe nicht mehr von den Mythen als die Mythen selber – obwohl er sich in seiner grossen Mytho­lo­gi­ques als Zuhörer und Inter­pret von Mythen noch die psycho­ana­ly­ti­sche Arbeits­weise zu eigen gemacht hatte. Er selber sprach dort davon, dass jede Inter­pre­ta­tion nur eine neue Version des Mythos selbst ist und blosse Trans­for­ma­tion in ein neues Zeichen­system, bei der Prozesse wie ‚Verdich­tung‘ und ‚Verschie­bung‘, Begriffe der Psycho­ana­lyse also, am Werke seien.

Allein, was bleibt? Ein wich­tiges Ergebnis des Struk­tu­ra­lismus in der Ethno­logie war es, eine Gegen­po­si­tion zum Euro­zen­trismus und naiven Evolu­tio­nismus seiner Zeit aufge­baut zu haben – und auch gegen das marxis­ti­sche Geschichts­ver­ständnis und den philo­so­phi­schen Exis­ten­zia­lismus. CLS‘ Pessi­mismus gegen­über dem zivi­li­sa­to­ri­schen Fort­schritt ist in seiner Radi­ka­lität uner­reicht. Um seine Haltung zu den ‚Wilden‘ zu begreifen, kann und sollte man den Essay „Von den Kanni­balen“ von Montaigne lesen. Diese gross­ar­tige ‚Vertei­di­gungs­schrift‘ war für CLS zeit­le­bens eine Art Leucht­feuer, das die Sozi­al­an­thro­po­logie zu leiten hätte, nicht nur in der Empa­thie für die Indianer, auch in der Selbst­kritik gegen­über der eigenen Zivilisation.

Für mich persön­lich am eindrück­lichsten ist, was im Bänd­chen ‚Primi­tive‘ und ‚Zivi­li­sierte‘ nach Aufzeich­nungen von Gesprä­chen zwischen CLS und Georges Char­bon­nier nach­zu­lesen ist: Wilde Gesell­schaften sind nicht unfähig für Entwick­lung, sie wider­stehen ihr, weil sie die Einheit dem inneren Konflikt vorziehen. Sie lehnen den Wett­be­werb und den Mehr­heits­be­schluss zugunsten der Einmü­tig­keit ab und wollen kein histo­ri­sches Werden wagen. CLS und die Ethno­logie insge­samt haben eindrück­lich gezeigt, dass der ‚Homo oeco­no­micus‘ nicht alles Handeln bestimmt – eine Erkenntnis, derent­wegen ein Ökonom 2017 den Nobel­preis verliehen bekam.

Viel­leicht erklärt sich der Struk­tu­ra­lismus am Schluss am besten durch das Ereignis, das seinen berühm­testen Prot­ago­nisten CLS mit seinem Eintritt in die konser­va­tive, elitäre Insti­tu­tion der Académie fran­çaise unsterb­lich machte: Er unter­warf sich, genau so wie seine ‚Wilden‘, einem tradi­tio­nellen Aufnah­me­ri­tual und stellte deren Initia­ti­ons­riten als zwei gleich­be­deu­tende gesell­schaft­liche Ereig­nisse nebeneinander…

Erwähnte Lite­ratur: 

Emma­nu­elle Loyer, Lévi-Strauss, Eine Biogra­phie, Berlin: Suhr­kamp 2017
Claude Lévi-Strauss, Die elemen­taren Struk­turen der Verwandt­schaft, Frankfurt/M.: Suhr­kamp 1981 (Paris 1949)
Claude Lévi-Strauss, Trau­rige Tropen, Frank­furt, M: Suhr­kamp 2008 (Paris 1955)
Claude Lévi-Strauss, Georges Char­bon­nier, “Primi­tive” und “Zivi­li­sierte”, Zürich: Verlag der Arche 1972
Claude Lévi-Strauss, Brasi­lia­ni­sches Album, München: Hanser 1995 (Saudades Do Brasil, Paris 1994)

  • Toni Saller, 1956, hat Ethnologe studiert, 30 Jahre in der Informatik gearbeitet und ist heute freier Schreiber. Er lebt in Zürich