Ein Extremist der Mitte. Zur Karriere des Angstunternehmers Donald Trump

Donald Trump ist keine Ausnahmeerscheinung: Er reiht sich ein in die wohlbekannte Riege der Angstunternehmer. Ihr Geschäft ist es, Unsicherheit in Angst zu verwandeln, abstrakte Risiken in akute Gefahren umzudeuten und sie zur Bedrohung innerer oder äußerer Sicherheit aufzubauschen.



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Hassprediger, Narziss, Rowdy, Aufschneider, Teilzeitclown, Vollzeitpsychopath, Hitzkopf, Rassist, Ignorant, Faschist, Wüterich, Autist – was wird Donald Trump nicht alles zugeschrieben. Offenbar hat man es mit einem Außenseiter und Abweichler zu tun, der gängige Regeln verhöhnt, um die Welt nach seinen eigenen Vorstellungen neu zuordnen. Doch der politische Alltag, so die Optimisten, wird es richten, weil Trump – wie alle Poltergeister vor ihm – zwischen Anpassung und Untergang wird wählen müssen. Demnach wäre selbst ein Wahlsieg im November mehr Katharsis als Katastrophe. Pessimisten hingegen haben den Glauben an die Integrationskraft amerikanischer Politik und Kultur längst verloren; in ihren Augen ebnet der republikanische Präsidentschaftskandidat einem amerikanischen Faschismus den Weg.

So unterschiedlich die Befunde auch klingen mögen, sie sind aus der derselben Unterstellung abgeleitet: „The Donald“ verletze nicht nur Normen, sondern er würde selbst aus der Norm fallen. Historisch belastbarer ist indes die Gegenthese: Wenn die Abweichung von der Norm das Problem wäre, gäbe es kein Problem. Denn Donald Trump ist kein irrlichternder Fremdkörper. Er bedient sich vielmehr aus einem in allen Milieus Amerikas vorhandenen Ideen- und Gefühlshaushalt und spielt der Mitte der Gesellschaft ihre eigenen Melodien vor. Sie mögen schrill, verzerrt oder wie aus allen Fugen klingen, wiedererkennbar und eingängig sind sie trotzdem.

Damit reiht sich Trump in eine Kohorte von Politikern und politischen Aktivisten ein, die einen festen Platz in der amerikanischen Geschichte haben und phasenweise dem Land auch ihren Stempel aufdrücken konnten: den Angstunternehmern, Choreografen von Emotionen, Stichwortgebern und Nutznießern von Ängsten. Je rücksichtsloser das Spiel mit Ressentiments, Affekten und Ängsten, desto einträglicher ihre politische Dividende. Zwar versprechen Angstunternehmer stets eine Bändigung des Bedrohlichen; aber wenn sie im Geschäft bleiben wollen, müssen sie diffuse Ängste stets am Köcheln halten. Andernfalls verspielen sie ihr wichtigstes Kapital.

Angstunternehmer im 20. Jahrhundert

Das ganze 20. Jahrhundert über fanden Angstunternehmer jeder Couleur in den USA große Aufmerksamkeit. Während des Ersten Weltkrieges kontrollierten „Wehrbürger“ und „Vigilanten“ aus den Reihen der American Protective League die „Heimatfront“, in der Zwischenkriegszeit sorgte sich der Veteranenverband American Legion um die Überwachung von Nonkonformisten und arbeitete jenen Politikern und staatlichen Überwachungsagenturen zu, die von den frühen 1940er bis weit in die 1960er Jahre erneut Panikattacken vor kommunistischer Unterwanderung schüren sollten. Nimmt man Auftreten und Ausstrahlung der alten und neuen Rechten – von der John Birch Society bis zum 1997 gegründeten Project for a New American Century – hinzu, so lässt sich ohne Übertreibung sagen: Selbst in Zeiten relativer Ruhe und Entspannung sorgen Angstunternehmer für ein Hintergrundrauschen in der amerikanischen Politik.

Donald Trumps Panik-Skript ist über 100 Jahre alt. Bürgerinitiativen und private Verbände popularisierten schon in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine xenophobe politische Agenda – Einwanderungsstopp, Deportation illegaler Immigranten, Säuberung aller Schulen und Universitäten von unzuverlässigem Lehrpersonal und anstößigem Schrifttum und vor allem kulturelle „Amerikanisierung“. Aber auch das zweite Dauerthema dieses alten Skripts klingt merkwürdig aktuell: Die Phobie vor dem „Verrat von oben“, lauthals artikuliert in Kampagnen „gegen Washington“, mit der sich die Vertreter eines ungefilterten „Volkswillens“ in Szene setzen. Die alles andere ausstechende Trumpfkarte indes hieß und heißt „nationale Sicherheit“. Der Vorwurf der „Schwäche“ – gegenüber Kommunismus, Totalitarismus oder Islamismus – ist eine Allzweckwaffe, die politische Konkurrenten verlässlich in den Ruin treibt.

So gesehen kann die jüngere Geschichte der USA auch als Zyklus hausgemachter Hysterisierung, kollektiver Obsessionen und Erregungszuständen in prekärer Nähe zu Paranoia beschrieben werden. Immer steht angeblich das „Ganze“ auf dem Spiel, ist die Bedrohung total, der Feind zu Allem entschlossen und – in Trumps Worten – muss Amerika vor der akut drohenden Vernichtung von Innen und Außen bewahrt werden. Minimale Möglichkeiten in maximale Wahrscheinlichkeiten umzudeuten, ist der Ausgangspunkt dieser Gefühls- und Gedankenwelten, das Verlangen nach „totaler Sicherheit“ ihr End- und Fluchtpunkt. Bei der Gefahrenabwehr ist im Zweifel alles erlaubt und keine Rücksicht geboten, auch nicht gegenüber dem als lästige Selbstbeschränkung apostrophierten Recht.

Periodische Selbstreinigung

Das bedeutet: Angstunternehmer sind keineswegs auf Wirtschaftskrisen, Kriegsgefahr oder Terror angewiesen. Sie betreiben auch in Zeiten wirtschaftlicher Blüte oder machtpolitischer Triumphe erfolgreiche Geschäfte – siehe 1919 und 1945, als ein großer Teil der Welt in Trümmern lag und gleichwohl Amerikas Untergang im Zeichen des Roten Sterns phantasiert wurde. Dreh- und Angelpunkt dieser Phobien war und ist die unterstellte „Immunschwäche“ von Einwanderergesellschaften wie den USA. Gerade aufgrund seiner Weltoffenheit und Toleranz – so der Tenor von Angstunternehmern – setze sich Amerika dauerhaft einem Belastungstest voller Unwägbarkeiten aus. Im Grunde genommen wird der liberale Glaube an den Assimilationswillen von Zuwanderern und die Integrationskraft der amerikanischen Gesellschaft durch ein angstbesetztes Dogma ersetzt: Nationale Sicherheit ist ein prekäres Gut, weil das Land es immer wieder mit Neuankömmlingen zu tun bekommt, die sich nicht „amerikanisieren“ können oder wollen. Sozialpsychologen sprechen von „Überwältigungsphantasien“ oder „Infektionsängsten“, die phobische Züge annehmen, sobald bestimmte Gruppen oder Ethnien als verlängerter Arm ausländischer Mächte gesehen werden. Wie auch immer die einschlägigen Phantasien ausbuchstabiert werden, eines schwingt stets mit: der Appell zur periodischen Selbstreinigung des öffentlichen Lebens von Unangepassten jeder Couleur.

Die Kehrseite der chronischen Angstattacken ist ein gleichermaßen ausgeprägtes Verlangen nach Sicherheit. Just darin gründen Prestige und Akzeptanz von Angstunternehmern – in dem Versprechen, dem Staat auf eigene Rechnung und Verantwortung zur Seite zu stehen. Nicht von ungefähr standen „Vigilanten“, freiwillige Sicherheitskräfte und Bürgerwehren zur Zeit des Ersten Weltkrieges besonders hoch im Kurs: Bei der Abwehr der „fünften Kolonnen“ feindlicher Ausländer und Agenten übernahmen sie de facto die Aufgaben eines damals nur rudimentär vorhandenen Inlandsgeheimdienstes. Der zügige Aufbau des FBI, vor allem aber die Entwicklung des „Nationalen Sicherheitsstaates“ machten dergleichen Zuarbeit überflüssig. Doch das übersteigerte Bedürfnis nach Schutz vor realen und imaginierten Gefahren blieb und wurde zur Messlatte für Präsidenten. Daher lieferten sich alle Kandidaten, von Jimmy Carter und Barack Obama abgesehen, einen Überbietungswettbewerb um das Prädikat des furchtlosesten Kriegsherrn. Auch in dieser Hinsicht fällt Donald Trump mit seiner Bemerkung, der größte Militarist von allen zu sein, nicht aus dem Rahmen.

Rassismus und Fremdenhass

Dass Angstunternehmer auch und gerade aus Rassismus und Fremdenhass Kapital schlagen, wurde mit dem Aufstieg der „Tea Party“ in Erinnerung gerufen. Im Zentrum ihres Welt- und Politikbildes steht der in düstersten Farben ausgemalte demographische Wandel Amerikas, die Tatsache, dass „Weiße“ voraussichtlich im Jahr 2045 erstmals seit Gründung der Republik in der Minderheit sein werden, sowie die Behauptung, schon heute die hauptsächlichen Opfer von Diskriminierung zu sein – wie deutlich über 50 Prozent weißer Amerikaner in einer Meinungsumfrage zu Protokoll gaben. Daher der Zorn gegen alle, die schon jetzt zur neuen Mehrheit gerechnet werden können, daher die aggressiv aufgeladene Unterscheidung zwischen „uns“ und „denen“.

Diese politische und moralische Zukunftspanik wird von einem gut situierten Mittelstand gepflegt, von überwiegend weißen Amerikanern, die im Vergleich zum Bevölkerungsdurchschnitt älter, gebildeter und wohlhabender sind. Zwar spricht die „Tea Party“ auch Unterprivilegierte, Abgehängte und Perspektivlose an, aber sie lebt nicht von ihnen – weshalb auch alle Versuche, sich mit aktuellen Krisendaten aus dem Wirtschafts- und Sozialleben einen Reim auf die Bewegung zu machen, in die Irre gehen. Hier kämpfen weder Sprachlose noch Ohnmächtige, sondern wortmächtige Protagonisten, die für sich die alleinige Deutungshoheit über Politik und Kultur beanspruchen.

Wie kein zweiter bedient Donald Trump diese Stimmungslagen. Ängste zu schüren, ist sein wichtigstes Anliegen – Angst vor Mexikanern, Muslimen, Schwarzen, vor korrupten Eliten, vor der Außenwelt und vor einem Ende des „amerikanischen Weges“ sowieso. Und Erniedrigung setzt er als effektivste Waffe ein – andere klein zu machen, um sich selbst zu erhöhen. Die Verachtung von Eliten kommt genauso geifernd daher wie die Häme gegen Immigranten, vor seiner aggressiven Geringschätzung ist buchstäblich niemand gefeit.

Zugleich aber erhebt sich Trump über die selbst verfertigten Horrorszenarien und pflegt sein Bild des Beschützers und Erlösers von Ängsten. Im Grunde tritt er wie der Prototyp des wehrhaften Helden, des „Vigilanten,“ auf: In einem System, das seinen Bürgern keinen Schutz mehr bietet, nimmt ein Außenseiter das Gesetz in die eigene Hand, diktiert das Geschehen nach seinen Regeln und rettet das Land aus einer tödlichen Abwärtsspirale. „Das ist ein Kerl, der keine Scheu hat, jene zu missbrauchen, die uns missbrauchen. Er wird austeilen, […] weil er es kann“, tönt es aus seiner Anhängerschaft. „Trump kämpft. Trump gewinnt. Ich will einen Alphamann, der es den Feinden gibt. Ich bin es leid, Verlierer zu unterstützen.“

Reinigungsphantasien gepaart mit dem Wunsch nach Selbstermächtigung und dem Anspruch, tun und lassen zu können, was man will, politisch motivierte Gewalt inklusive: davon sprechen diese in endloser Zahl protokollierten Aussagen von Trump-Anhängern, Zeugnisse autoritär fixierter Persönlichkeiten, die im Lager des Starken unterkommen wollen und zugleich eine Lizenz zum Schurigeln der Schwachen beanspruchen. Selbstverständlich ist Trumps Retter-Image so hohl wie alles andere in seiner Kampagne. Was aber zählt, ist nicht der reale Trump, sondern die Vorstellung, die sich das Publikum von ihm macht – und die Tatsache, dass er mit einem trefflichen Gespür für emotionales Verlangen genau das ausspricht, wonach seine Klientel giert. Als confidance man kann er Lächerliches sagen, ohne in den Augen seiner Wähler lächerlich zu wirken: „Ich werde Euch dermaßen glücklich machen. […] Und denkt daran, ich werde Euch niemals hängen lassen.“

Sieg ohne Wahlsieg

Die lange Geschichte amerikanischer Angstunternehmer zeigt, dass sie keine Wahl gewinnen müssen, um zu siegen. Als die Aktivisten des Red Scare 1920 vom Innenministerium demobilisiert wurden, war ihre rassistische und fremdenfeindliche Mission noch längst nicht zu Ende; sie wurde von anderen weitergeführt, weniger rowdyhaft, aber nicht minder effektiv. Als Joseph McCarthy von Präsident Eisenhower zur Ordnung gerufen wurde und seine Phobien anschließend nur noch im Suff zu betäuben wusste, ließ er eine auf Jahre verwüstete politische Kultur zurück. Und als der republikanische Rechtsaußen Barry Goldwater 1964 seinen Kampf um das Weiße Haus krachend verloren hatte, frohlockte er trotzdem; er hatte nämlich die Partei umgekrempelt und dafür gesorgt, dass die Republikaner wenige Jahre später seine Ideen zu ihrem Programm erklärten. Auch der „Trumpismus“ wird seinen Namensgeber überleben, teils, weil dieser mit seiner Grobheit und Pöbelei die Grenzen des Sag- und Machbaren bereits jetzt verschoben hat, vor allem aber, weil der Treibstoff für Trumps politische Karriere weiterhin reichlich fließt.

Im Unterschied zu paranoiden Aufwallungen in der Vergangenheit grassiert ein merkwürdiger Pessimismus unter Amerikas Liberalen, viele scheinen das Zutrauen in die Widerstandsfähigkeit des politischen Systems verloren zu haben. Zweifellos trägt die Internationalisierung des „Trumpismus“ zu dieser Wahrnehmung bei, d.h. die Tatsache, dass von Venezuela bis Russland eine Front aus Populisten und Autokraten mittlerweile dieselbe Sprache spricht.  Sie wollen Staaten wie Unternehmen führen, das betrogene Volk vom Diktat der Eliten befreien, und jene mit allumfassenden Befugnissen ausstatten, die den „wahren Willen“ des Volkes erkannt haben. Erst Recht aber dämmert Trumps Gegnern, wie stabil der heimische Boden unter seinen Füßen ist und welchen Preis Amerika für die Politik von Generationen seiner Angstunternehmer zahlt. Ständig auf der Suche nach Monstern, die es zu zerstören gilt, sind offenkundig die Maßstäbe zur Unterscheidung zwischen Risiko, Gefahr und Bedrohung abhandengekommen – und dies nicht mehr nur an den Rändern des politischen Spektrums, sondern in dessen Zentrum. Davon handeln die Geschichte des Donald Trump, dem Extremisten der Mitte.

Dieser Beitrag ist die gekürzte Fassung eines Aufsatzes, der im Septemberheft der „Blätter für deutsche und internationale Politik“ (H. 9, S. 43-51) erschienen ist.