Am 28. Juni, dem Tag der Verfassung der Ukraine, präsentierte Präsident Wolodymyr Selenskyj einen Gesetzesentwurf für ein ukrainisches Nationalpantheon. Was steckt hinter dieser Entscheidung?

  • Aleksandra Konarzewska

    Aleksandra Konarzewska ist Literaturwissenschaftlerin und Habilitandin am Slavischen Seminar der Universität Tübingen.
  • Sasha Iwaniuk

    Sasha Iwaniuk ist Politikwissenschaftlerin, wissenschaftliche Mitarbeiterin (adiunktka) an der Fakultät Artes Liberales, Universität Warschau.

Alex­andra Konar­zewska, polni­sche Slawistin an der Univer­sität Tübingen, und die ukrai­ni­sche Poli­to­login Sasha Iwaniuk von der Univer­sität Warschau beob­achten mit Sorge die aktu­ellen Span­nungen zwischen Polen und der Ukraine und die poli­ti­schen Reak­tionen, die auf beiden Seiten die ohnehin komplexe Lage weiter verschärfen.

Der gemein­same Artikel ist ein Dialog­ver­such, der sowohl die poli­ti­schen Fehl­ent­wick­lungen benennt als auch die mensch­li­chen und histo­ri­schen Dimen­sionen des Konflikts ernst nimmt.

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Im Mai 2026 benannte sich eine Einheit der ukrai­ni­schen Armee nach den „Helden der UPA“, der 1942 gegrün­deten Ukrai­ni­sche Aufstän­di­sche Armee. Diese Benen­nung wurde von Volo­dymyr Selen­skyj bestä­tigt – und löste in Polen Empö­rung aus. Der polni­sche Präsi­dent Karol Nawrocki entzog Selen­skyj daraufhin den drei Jahre zuvor verlie­henen Orden des Weißen Adlers, die höchste polni­sche Staats­aus­zeich­nung. Selen­skyj schickte den Orden demons­trativ per Kurier – nicht per diplo­ma­ti­scher Post – zurück und sagte seine Teil­nahme an einer Konfe­renz in Danzig ab, die dem Wieder­aufbau der Ukraine gewidmet war. Mehrere polni­sche und ukrai­ni­sche Poli­tiker folgten und gaben ihre Orden zurück, die sie jeweils aus dem Nach­bar­land verliehen bekommen hatten. In beiden Ländern stieg in der Folge die Unter­stüt­zung für ihren eigenen Präsi­denten. Den Streit um den Namen der Einheit und die Orden könnte man als kurios und tragi­ko­misch abtun, würde er sich nicht in einem popu­lis­tisch aufge­la­denen Kontext abspielen: Selen­skyjs rechte Hand, Andrij Jermak, steht aktuell unter schwerem Korrup­ti­ons­ver­dacht und in Polen läuft bereits die Wahl­mo­bi­li­sie­rung für die Parla­ments­wahlen im nächsten Jahr. Dazu kommen die histo­ri­schen Trau­mata beider Nationen.

Schatten der Vergangenheit

Unmit­telbar vor dem Zweiten Welt­krieg war die Ukraine kein souve­räner Staat. Der Groß­teil ihres heutigen Terri­to­riums gehörte zur Sowjet­union oder zu Polen. In der Sowjet­union wurde die ukrai­ni­sche Iden­tität vernichtet, gipfelnd im Holo­domor – dem von Stalin verübten Völker­mord. Im Vorkriegs-Polen wurde die ukrai­ni­sche Bevöl­ke­rung syste­ma­tisch diskri­mi­niert. Genau in dieser Zeit entstand die Orga­ni­sa­tion Ukrai­ni­scher Natio­na­listen (OUN), die einen mono­eth­ni­schen ukrai­ni­schen Staat anstrebte, notfalls auch durch Terror. Ab dem Jahr 1939 arbei­tete sie mit dem natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Deutsch­land zusammen. 1942 grün­dete eine Frak­tion der OUN unter Stepan Bandera die Ukrai­ni­sche Aufstän­di­sche Armee (UPA), die 1943 eine grau­en­hafte ethni­sche Säube­rung an der polni­schen Bevöl­ke­rung in Wolhy­nien und Ostga­li­zien verübte (das Wolhynien-Massaker, im polni­schen offi­zi­ellen Staats­dis­kurs: „Wolhynien-Genozid“, im ukrai­ni­schen: „Wolhynien-Tragödie“). Zu den Opfern gehörten auch u.a. Jüd:innen, Tschech:innnen und Ukrainer:innen, die des „Verrats“ verdäch­tigt wurden. Nach dem Krieg leis­tete die UPA weiter erbit­terten Wider­stand gegen die sowje­ti­sche Herr­schaft. Die letzten Parti­sanen wurden erst in den 1950er Jahren besiegt, fast ein Jahr­zehnt nach Kriegs­ende. Für viele Ukrainer steht die UPA heute ausschließ­lich für den Kampf um Unab­hän­gig­keit. Für viele Polen ist sie einzig ein Symbol für das Massaker an den Zivi­listen in Wolhy­nien. Beide Erin­ne­rungen sind real und beide exis­tieren nebeneinander.

Eine Geste gegen Moskau, nicht gegen Warschau

Erst vor diesem Hinter­grund wird klar, was der Kult um die UPA heute wirk­lich bedeutet. Dass Stepan Bandera und die UPA zu Symbolen für die ukrai­ni­sche Einheit und Eigen­stän­dig­keit geworden sind, ist ein relativ neues Phänomen. Sie erhielten neue Bedeu­tung während der Revo­lu­tion der Würde 2013/14 und schließ­lich nach dem 24. Februar 2022 als Zeichen des Wider­stands gegen den russi­schen Impe­ria­lismus, losge­löst von konkreten Biogra­fien und Ereig­nissen, aber auch vom vorkriegs­zeit­li­chen Anti­po­lo­nismus und Antisemitismus.

In der heutigen Verherr­li­chung gibt es keine anti­pol­ni­sche oder anti­se­mi­ti­sche Kompo­nente. Es ist eine Geste, die sich ausschließ­lich gegen Moskau richtet. In der Ukraine soll diese Symbolik die Moral im Kampf gegen Russ­land stärken – nicht Warschau provo­zieren. Daher domi­niert in der ukrai­ni­schen Debatte das Inten­ti­ons­ar­gu­ment: „Wir wollten das polni­sche Gedächtnis nicht verletzen“ – und damit soll das Thema angeb­lich erle­digt sein. Selen­skyj versuchte, eine Eska­la­tion zu vermeiden, indem er die Einheit nicht „UPA“, sondern „Helden der UPA“ nannte, als wolle er betonen, dass nicht die gesamte Forma­tion, sondern nur ihre „unschul­digen“ Mitglieder geehrt werden. Doch diese Argu­men­ta­tion über­zeugt die Polen nicht: Sie sehen darin eine Rela­ti­vie­rung, die die histo­ri­sche Verant­wor­tung ausblenden soll, ähnlich dem Mythos von der „bösen SS“ und der „guten Wehrmacht“.

Polen fordert Reue statt Relativierung

Für Polen ist das nicht genug. Es verlangt Entschul­di­gungen für die began­genen Kriegs­ver­bre­chen an der Zivil­be­völ­ke­rung – und versteht darunter die Annahme der polni­schen Perspek­tive. Die Begrün­dung: Polen habe selbst einen schmerz­haften Prozess der Selbst­re­fle­xion durch­laufen müssen, etwa durch die Aner­ken­nung der Eigen­stän­dig­keit von Bela­rusen, Litauern und Ukrai­nern (die sog. Giedroyc-Mieroszewski-Doktrin, die die Versöh­nung Polens mit seinen Nach­barn als Staats­räson darstellte) oder die Ausein­an­der­set­zung mit dem polni­schen Anti­se­mi­tismus. Hieran werden zwei Dinge deut­lich. Erstens, dass eine solche Ausein­an­der­set­zung mit der eigenen Geschichte möglich und wert­voll ist, und zwei­tens, dass es ein langer und schwie­riger Prozess ist, dessen Ergebnis sich nicht mit einem Befehl erzwingen lässt. Die Ukrainer scheinen hingegen nicht dazu bereit zu sein, und zwar nicht, weil Selen­skyj ein Natio­na­list ist (er ist ein Popu­list ohne ideo­lo­gi­sche Ausrich­tung), sondern weil die Ukraine gerade einen beschleu­nigten Kurs der Deko­lo­ni­sie­rung durch­läuft. Dieser Weg verläuft von einer von außen diri­gierten Geschichts­dar­stel­lung hin zu einer eigenen Erzäh­lung über sich selbst, in der für die Mehr­stim­mig­keit der Geschichte kein Platz ist.

Die Instru­men­ta­li­sie­rung der Erin­ne­rung an das Wolhynien-Massaker

In der polni­schen Rechten wird das Wolhynien-Massaker fast kano­ni­siert. Es gibt zwar noch keinen Konsens inner­halb der gesamten poli­ti­schen Szene, aber die ultra­rechte Perspek­tive prägt zuneh­mend den Diskurs. Polen weigert sich von vorn­herein, auch nur die Möglich­keit einer kolo­nialen Dimen­sion seiner früheren Präsenz in diesen Gebieten in Betracht zu ziehen. Das Wolhynien-Massaker wird als der einzig echte Bruch in den Bezie­hungen zu Kyiv darge­stellt, worin sich eine erstaun­lich geringe Kenntnis der ukrai­ni­schen Geschichte und Erin­ne­rungs­po­litik offenbart.

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Die polni­sche Rechte hat aus diesem Verbre­chen ein stumpfes Werk­zeug gemacht, dessen Gewicht zusätz­lich durch russi­sche Desin­for­ma­tion und die Algo­rithmen (a)sozialer Medien verstärkt wird. Es dient als Totschlag­ar­gu­ment, das jede histo­ri­sche Einord­nung und jede Gegen­per­spek­tive beenden soll: die Diskri­mi­nie­rung von Ukrai­nern vor dem Zweiten Welt­krieg, die Vertrei­bungen im Rahmen der Aktion „Weichsel“ (1947), die selbst von polni­schen Historiker:innen als „Verbre­chen“ und „ethni­sche Säube­rung“ bezeichnet werden, oder die heutige Hass­spi­rale gegen ukrai­ni­sche Geflüch­tete – all dies verliere gegen­über dem Verweis auf das Wolhynien-Massaker an Bedeu­tung. Sogar die Tatsache, dass der UPA etwa 200.000 Kämpfer ange­hörten, während rund sechs Millionen Ukrainer in der Roten Armee dienten, wird dadurch ausgeblendet.

Die Ukraine in der EU: Ein Dilemma

Das heißt nicht, dass die Ukraine das Thema der histo­ri­schen Verant­wor­tung auf ewig igno­rieren kann. Irgend­wann wird sie sich damit ausein­an­der­setzen müssen, zumin­dest weil Polen über die Zukunft der Ukraine in der EU mitent­scheidet. Ein Beitritt erfor­dert die Einstim­mig­keit aller Mitglied­staaten und Warschau wird, unab­hängig von der aktu­ellen Regie­rung, mit Veto­recht am Tisch sitzen. Polen hat jeden Grund, von der Ukraine eine Neube­wer­tung ihres Verhält­nisses zum Wolhynien-Massaker zu verlangen. Doch Polen tut dies unge­duldig, von oben herab, oft sogar aggressiv, weil das Thema von der Rechten verein­nahmt und zu einem Werk­zeug der Innen­po­litik gemacht wurde.

Die Folgen sind doppelt schäd­lich: Jede solche Episode schürt neue Wellen der Abnei­gung – oder gar des Hasses – gegen die zwei Millionen Ukrainer, die in Polen leben. Zwei­tens, im Wahl­kampf­ge­töse kommt die eigent­liche Forde­rung nach der Vergan­gen­heits­be­wäl­ti­gung bei der ukrai­ni­schen Seite über­haupt nicht an. In Kyiv hört man keine Sorge um das Gedenken an die Opfer, sondern eine polni­sche Kampagne.

In Polen hört man oft die Meinung, die Ukraine werde ohne eine Über­ar­bei­tung ihrer histo­ri­schen Erin­ne­rungs­kultur nicht in die EU aufge­nommen. Dies wird häufig mit den eigenen Erfah­rungen der Inte­gra­tion in west­liche Struk­turen begründet. Die ukrai­ni­sche Seite sieht darin einen arro­ganten Erpres­sungs­ver­such und mangelndes Verständnis für den ukrai­ni­schen Kontext und argu­men­tiert, dass wenn die Diskus­sion mit der Aussage beginnt: „Zuerst korri­giert eure histo­ri­sche Erin­ne­rung, dann reden wir über euro­päi­sche Werte.“, sie schnell aufhöre, eine Debatte über Werte zu sein. Statt­dessen werde sie zu einer Frage, wer das Recht hat, andere zu erziehen. Hier liegt eine der Quellen des ukrai­ni­schen Wider­stands, und zwar nicht gegen eine Diskus­sion über das Wolhynien-Massaker oder die Kolla­bo­ra­tion mit dem Dritten Reich, sondern gegen den pater­na­lis­ti­schen Ton, in dem sie geführt wird. In Polen wird es über­sehen, dass die Ausein­an­der­set­zung mit der eigenen Geschichte nicht in jeder Gesell­schaft gleich verläuft, weil es keinen univer­sellen Zeit­plan für die Aufar­bei­tung gibt.

Doch hier entsteht das folgende Dilemma. Die offi­zi­elle histo­ri­sche Erzäh­lung der EU basiert auf dem Konsens, sich von Tota­li­ta­rismen zu distan­zieren, d.h. vom Kommu­nismus und von lokalen Faschismen. Um dies nach Außen hin deut­lich zu machen, ist der 23. August, der Jahrestag des Hitler-Stalin-Pakts, der Euro­päi­sche Tag des Geden­kens an die Opfer von Stali­nismus und Natio­nal­so­zia­lismus. Kein EU-Mitgliedstaat ehrt im Rahmen seiner offi­zi­ellen Erin­ne­rungs­po­litik faschis­ti­sche Bewe­gungen und Kolla­bo­ra­ti­ons­re­gime – Belgien weder die Rex-Partei noch das Vlaams Natio­naal Verbond (VNV), Frank­reich nicht das Vichy-Regime, Kroa­tien nicht die Usta­scha und Rumä­nien nicht die Eiserne Garde –, auch wenn rechts­extreme Gruppen oder einzelne Akteure dort solche Ehrungen betreiben. Diese Praxis ist keines­wegs frei von Heuchelei oder selek­tiver Erin­ne­rung – Öster­reichs jahr­zehn­te­lange Selbst­in­sze­nie­rung als „erstes Opfer“ des Natio­nal­so­zia­lismus ist dafür ein klas­si­sches Beispiel. Gerade diese Heuchelei bestä­tigt jedoch die Norm: Die Distan­zie­rung vom Faschismus muss offi­ziell gewahrt bleiben. In Bezug auf den Streit zwischen Polen und der Ukraine geht es nicht darum, die Ukraine zu belehren, sondern um einen mühsam erreichten Stan­dard und die Tatsache, dass die Erin­ne­rung an die OUN und die UPA damit schwer vereinbar ist.

Warum die ukrai­ni­schen Libe­ralen die Ethno-Nationalisten tolerieren

Externe Beob­achter wundern sich oft, warum die proeu­ro­päi­sche, libe­rale Szene in der Ukraine so nach­sichtig mit dem wach­senden Ethno­na­tio­na­lismus umgeht. Noch vor der Revo­lu­tion der Würde hatten die meisten Ukrainer:innen ein gleich­gül­tiges oder sogar nega­tives Verhältnis zur OUN sowie zu Stepan Bandera und Roman Schu­che­wytsch. Heute jedoch setzt sich, wie Umfragen zeigen, eine deut­lich posi­ti­vere Bewer­tung dieser Akteure zuneh­mend im Main­stream durch.

Man muss jedoch verstehen, woher diese frühere Ableh­nung kam. Sie war kein neutrales, von der ukrai­ni­schen Bevöl­ke­rung selbst hervor­ge­brachtes Urteil über die Geschichte. Jahr­zehn­te­lang prägte Moskau die ukrai­ni­schen Köpfe mit einer impe­rialen Erzäh­lung: Dass die „Bande­rowzy“ ausschließ­lich Verräter und Kolla­bo­ra­teure seien (was nicht stimmt) und ihr größtes „Verbre­chen“ darin bestand, dass sie lange nach Kriegs­ende mit Waffen in der Hand gegen die Sowjets kämpften. Aus dieser Perspek­tive, so die ukrai­ni­sche Intel­li­genz, ist die heutige Neube­wer­tung teil­weise eine Ableh­nung der russi­schen Erzäh­lung – ein Deko­lo­ni­sa­ti­ons­re­flex.

Doch das hebt die andere Hälfte der Wahr­heit nicht auf. Die Polen erschre­cken darüber, dass es in den ukrai­ni­schen Eliten kaum die Einsicht gibt, dass der Zweck nicht die Mittel heiligt. Aus ihrer Sicht sollten Personen, die für Massen­morde an Juden und Polen verant­wort­lich waren oder mit den Natio­nal­so­zia­listen kolla­bo­rierten – wie der Vorkriegs­führer der OUN Andrij Melnyk – nicht Teil des natio­nalen Pantheons sein. Nicht, weil sie der Ukraine etwas diktieren wollen, sondern weil eine solche Ehrung aus ihrer Sicht dem Anspruch auf eine vertrau­ens­volle Zusam­men­ar­beit mit den euro­päi­schen Nach­barn und Israel widerspricht.

Eine Ableh­nung der sowje­ti­schen Erzäh­lung muss nicht bedeuten, dass man ihr spie­gel­bild­li­ches Gegen­stück annimmt. Solange jedoch eine solche Symbol­po­litik in der Ukraine dazu dient, die Kampf­moral der Soldaten zu stärken, die für das Über­leben des Landes kämpfen, geben die ukrai­ni­schen Eliten still­schwei­gend ihre Zustimmung.

Ein Abschluss, den es nicht gibt

In der polnisch-ukrainischen Debatte über Wolhy­nien wird selten eine grund­le­gende Frage beant­wortet: Was wäre eigent­lich dieser „Abschluss“-Moment? Wie kann der Punkt aussehen, an dem man sagen könnte: „Gut, die Ukraine hat ihre Arbeit getan, das Thema ist aufge­ar­beitet“? Es gab Entschul­di­gungen. Es gab Gesten der Versöh­nung. Nach Jahren der Verhand­lungen begann die Ukraine 2026, Einzel­ge­neh­mi­gungen für die Exhu­mie­rung polni­scher Opfer zu erteilen. Immer mehr ukrai­ni­sche Intel­lek­tu­elle setzen sich öffent­lich mit dem Thema ausein­ander. Und doch hört man immer wieder: „Das reicht nicht.“

Eine ernst­hafte Diskus­sion über histo­ri­sche Verant­wor­tung ist schwer möglich, wenn unklar ist, wo eigent­lich die Ziel­linie liegt. Ande­rer­seits ist es mehr als frag­lich, ob man sich auf eine Ziel­linie zube­wegt, wenn man Orga­ni­sa­tionen ehrt, die Kriegs­ver­bre­chen begangen haben.

Die Ukraine befindet sich heute zu Recht in einer Phase des Deko­lo­ni­sie­rungs­pro­zesses. Doch die Eigen­stän­dig­keit, nach der sie strebt, bedeutet nicht nur, eine eigene Erzäh­lung über sich selbst zu schaffen und aufge­zwun­gene Narra­tive abzu­lehnen. Sie bedeutet auch, sich mit der eigenen Vergan­gen­heit ausein­an­der­zu­setzen, einschließ­lich ihrer dunkelsten Kapitel.

Polen und die Ukraine verbindet vieles – leider auch eine oft ausge­prägte Abnei­gung gegen kriti­sche Selbst­re­fle­xion. Zum ersten Mal in ihrer jüngeren Geschichte bietet sich beiden jedoch die Chance, ihre eigenen Komplexe abzu­legen: der Ukraine gegen­über Russ­land und Polen, Polen gegen­über den „alten“ EU-Mitgliedstaaten. Doch die Wieder­erlan­gung von eigener Stimme und Hand­lungs­fä­hig­keit bedeutet nicht, schwie­rigen Themen auszu­wei­chen. Echte Eigen­stän­dig­keit bedeutet nicht, die Ohren vor Kritik zu verschließen oder What­a­bou­tism zu betreiben und ebenso wenig passen die hyste­ri­schen Narra­tive vom „Aufstehen von den Knien“ zu ihr, wie sie die Rechte in beiden Ländern – ebenso wie zahl­reiche rechts­po­pu­lis­ti­sche Bewe­gungen welt­weit – so gern pflegt.