Alexandra Konarzewska, polnische Slawistin an der Universität Tübingen, und die ukrainische Politologin Sasha Iwaniuk von der Universität Warschau beobachten mit Sorge die aktuellen Spannungen zwischen Polen und der Ukraine und die politischen Reaktionen, die auf beiden Seiten die ohnehin komplexe Lage weiter verschärfen.
Der gemeinsame Artikel ist ein Dialogversuch, der sowohl die politischen Fehlentwicklungen benennt als auch die menschlichen und historischen Dimensionen des Konflikts ernst nimmt.
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Im Mai 2026 benannte sich eine Einheit der ukrainischen Armee nach den „Helden der UPA“, der 1942 gegründeten Ukrainische Aufständische Armee. Diese Benennung wurde von Volodymyr Selenskyj bestätigt – und löste in Polen Empörung aus. Der polnische Präsident Karol Nawrocki entzog Selenskyj daraufhin den drei Jahre zuvor verliehenen Orden des Weißen Adlers, die höchste polnische Staatsauszeichnung. Selenskyj schickte den Orden demonstrativ per Kurier – nicht per diplomatischer Post – zurück und sagte seine Teilnahme an einer Konferenz in Danzig ab, die dem Wiederaufbau der Ukraine gewidmet war. Mehrere polnische und ukrainische Politiker folgten und gaben ihre Orden zurück, die sie jeweils aus dem Nachbarland verliehen bekommen hatten. In beiden Ländern stieg in der Folge die Unterstützung für ihren eigenen Präsidenten. Den Streit um den Namen der Einheit und die Orden könnte man als kurios und tragikomisch abtun, würde er sich nicht in einem populistisch aufgeladenen Kontext abspielen: Selenskyjs rechte Hand, Andrij Jermak, steht aktuell unter schwerem Korruptionsverdacht und in Polen läuft bereits die Wahlmobilisierung für die Parlamentswahlen im nächsten Jahr. Dazu kommen die historischen Traumata beider Nationen.
Schatten der Vergangenheit
Unmittelbar vor dem Zweiten Weltkrieg war die Ukraine kein souveräner Staat. Der Großteil ihres heutigen Territoriums gehörte zur Sowjetunion oder zu Polen. In der Sowjetunion wurde die ukrainische Identität vernichtet, gipfelnd im Holodomor – dem von Stalin verübten Völkermord. Im Vorkriegs-Polen wurde die ukrainische Bevölkerung systematisch diskriminiert. Genau in dieser Zeit entstand die Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN), die einen monoethnischen ukrainischen Staat anstrebte, notfalls auch durch Terror. Ab dem Jahr 1939 arbeitete sie mit dem nationalsozialistischen Deutschland zusammen. 1942 gründete eine Fraktion der OUN unter Stepan Bandera die Ukrainische Aufständische Armee (UPA), die 1943 eine grauenhafte ethnische Säuberung an der polnischen Bevölkerung in Wolhynien und Ostgalizien verübte (das Wolhynien-Massaker, im polnischen offiziellen Staatsdiskurs: „Wolhynien-Genozid“, im ukrainischen: „Wolhynien-Tragödie“). Zu den Opfern gehörten auch u.a. Jüd:innen, Tschech:innnen und Ukrainer:innen, die des „Verrats“ verdächtigt wurden. Nach dem Krieg leistete die UPA weiter erbitterten Widerstand gegen die sowjetische Herrschaft. Die letzten Partisanen wurden erst in den 1950er Jahren besiegt, fast ein Jahrzehnt nach Kriegsende. Für viele Ukrainer steht die UPA heute ausschließlich für den Kampf um Unabhängigkeit. Für viele Polen ist sie einzig ein Symbol für das Massaker an den Zivilisten in Wolhynien. Beide Erinnerungen sind real und beide existieren nebeneinander.
Eine Geste gegen Moskau, nicht gegen Warschau
Erst vor diesem Hintergrund wird klar, was der Kult um die UPA heute wirklich bedeutet. Dass Stepan Bandera und die UPA zu Symbolen für die ukrainische Einheit und Eigenständigkeit geworden sind, ist ein relativ neues Phänomen. Sie erhielten neue Bedeutung während der Revolution der Würde 2013/14 und schließlich nach dem 24. Februar 2022 als Zeichen des Widerstands gegen den russischen Imperialismus, losgelöst von konkreten Biografien und Ereignissen, aber auch vom vorkriegszeitlichen Antipolonismus und Antisemitismus.
In der heutigen Verherrlichung gibt es keine antipolnische oder antisemitische Komponente. Es ist eine Geste, die sich ausschließlich gegen Moskau richtet. In der Ukraine soll diese Symbolik die Moral im Kampf gegen Russland stärken – nicht Warschau provozieren. Daher dominiert in der ukrainischen Debatte das Intentionsargument: „Wir wollten das polnische Gedächtnis nicht verletzen“ – und damit soll das Thema angeblich erledigt sein. Selenskyj versuchte, eine Eskalation zu vermeiden, indem er die Einheit nicht „UPA“, sondern „Helden der UPA“ nannte, als wolle er betonen, dass nicht die gesamte Formation, sondern nur ihre „unschuldigen“ Mitglieder geehrt werden. Doch diese Argumentation überzeugt die Polen nicht: Sie sehen darin eine Relativierung, die die historische Verantwortung ausblenden soll, ähnlich dem Mythos von der „bösen SS“ und der „guten Wehrmacht“.
Polen fordert Reue statt Relativierung
Für Polen ist das nicht genug. Es verlangt Entschuldigungen für die begangenen Kriegsverbrechen an der Zivilbevölkerung – und versteht darunter die Annahme der polnischen Perspektive. Die Begründung: Polen habe selbst einen schmerzhaften Prozess der Selbstreflexion durchlaufen müssen, etwa durch die Anerkennung der Eigenständigkeit von Belarusen, Litauern und Ukrainern (die sog. Giedroyc-Mieroszewski-Doktrin, die die Versöhnung Polens mit seinen Nachbarn als Staatsräson darstellte) oder die Auseinandersetzung mit dem polnischen Antisemitismus. Hieran werden zwei Dinge deutlich. Erstens, dass eine solche Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte möglich und wertvoll ist, und zweitens, dass es ein langer und schwieriger Prozess ist, dessen Ergebnis sich nicht mit einem Befehl erzwingen lässt. Die Ukrainer scheinen hingegen nicht dazu bereit zu sein, und zwar nicht, weil Selenskyj ein Nationalist ist (er ist ein Populist ohne ideologische Ausrichtung), sondern weil die Ukraine gerade einen beschleunigten Kurs der Dekolonisierung durchläuft. Dieser Weg verläuft von einer von außen dirigierten Geschichtsdarstellung hin zu einer eigenen Erzählung über sich selbst, in der für die Mehrstimmigkeit der Geschichte kein Platz ist.
Die Instrumentalisierung der Erinnerung an das Wolhynien-Massaker
In der polnischen Rechten wird das Wolhynien-Massaker fast kanonisiert. Es gibt zwar noch keinen Konsens innerhalb der gesamten politischen Szene, aber die ultrarechte Perspektive prägt zunehmend den Diskurs. Polen weigert sich von vornherein, auch nur die Möglichkeit einer kolonialen Dimension seiner früheren Präsenz in diesen Gebieten in Betracht zu ziehen. Das Wolhynien-Massaker wird als der einzig echte Bruch in den Beziehungen zu Kyiv dargestellt, worin sich eine erstaunlich geringe Kenntnis der ukrainischen Geschichte und Erinnerungspolitik offenbart.
Die polnische Rechte hat aus diesem Verbrechen ein stumpfes Werkzeug gemacht, dessen Gewicht zusätzlich durch russische Desinformation und die Algorithmen (a)sozialer Medien verstärkt wird. Es dient als Totschlagargument, das jede historische Einordnung und jede Gegenperspektive beenden soll: die Diskriminierung von Ukrainern vor dem Zweiten Weltkrieg, die Vertreibungen im Rahmen der Aktion „Weichsel“ (1947), die selbst von polnischen Historiker:innen als „Verbrechen“ und „ethnische Säuberung“ bezeichnet werden, oder die heutige Hassspirale gegen ukrainische Geflüchtete – all dies verliere gegenüber dem Verweis auf das Wolhynien-Massaker an Bedeutung. Sogar die Tatsache, dass der UPA etwa 200.000 Kämpfer angehörten, während rund sechs Millionen Ukrainer in der Roten Armee dienten, wird dadurch ausgeblendet.
Die Ukraine in der EU: Ein Dilemma
Das heißt nicht, dass die Ukraine das Thema der historischen Verantwortung auf ewig ignorieren kann. Irgendwann wird sie sich damit auseinandersetzen müssen, zumindest weil Polen über die Zukunft der Ukraine in der EU mitentscheidet. Ein Beitritt erfordert die Einstimmigkeit aller Mitgliedstaaten und Warschau wird, unabhängig von der aktuellen Regierung, mit Vetorecht am Tisch sitzen. Polen hat jeden Grund, von der Ukraine eine Neubewertung ihres Verhältnisses zum Wolhynien-Massaker zu verlangen. Doch Polen tut dies ungeduldig, von oben herab, oft sogar aggressiv, weil das Thema von der Rechten vereinnahmt und zu einem Werkzeug der Innenpolitik gemacht wurde.
Die Folgen sind doppelt schädlich: Jede solche Episode schürt neue Wellen der Abneigung – oder gar des Hasses – gegen die zwei Millionen Ukrainer, die in Polen leben. Zweitens, im Wahlkampfgetöse kommt die eigentliche Forderung nach der Vergangenheitsbewältigung bei der ukrainischen Seite überhaupt nicht an. In Kyiv hört man keine Sorge um das Gedenken an die Opfer, sondern eine polnische Kampagne.
In Polen hört man oft die Meinung, die Ukraine werde ohne eine Überarbeitung ihrer historischen Erinnerungskultur nicht in die EU aufgenommen. Dies wird häufig mit den eigenen Erfahrungen der Integration in westliche Strukturen begründet. Die ukrainische Seite sieht darin einen arroganten Erpressungsversuch und mangelndes Verständnis für den ukrainischen Kontext und argumentiert, dass wenn die Diskussion mit der Aussage beginnt: „Zuerst korrigiert eure historische Erinnerung, dann reden wir über europäische Werte.“, sie schnell aufhöre, eine Debatte über Werte zu sein. Stattdessen werde sie zu einer Frage, wer das Recht hat, andere zu erziehen. Hier liegt eine der Quellen des ukrainischen Widerstands, und zwar nicht gegen eine Diskussion über das Wolhynien-Massaker oder die Kollaboration mit dem Dritten Reich, sondern gegen den paternalistischen Ton, in dem sie geführt wird. In Polen wird es übersehen, dass die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte nicht in jeder Gesellschaft gleich verläuft, weil es keinen universellen Zeitplan für die Aufarbeitung gibt.
Doch hier entsteht das folgende Dilemma. Die offizielle historische Erzählung der EU basiert auf dem Konsens, sich von Totalitarismen zu distanzieren, d.h. vom Kommunismus und von lokalen Faschismen. Um dies nach Außen hin deutlich zu machen, ist der 23. August, der Jahrestag des Hitler-Stalin-Pakts, der Europäische Tag des Gedenkens an die Opfer von Stalinismus und Nationalsozialismus. Kein EU-Mitgliedstaat ehrt im Rahmen seiner offiziellen Erinnerungspolitik faschistische Bewegungen und Kollaborationsregime – Belgien weder die Rex-Partei noch das Vlaams Nationaal Verbond (VNV), Frankreich nicht das Vichy-Regime, Kroatien nicht die Ustascha und Rumänien nicht die Eiserne Garde –, auch wenn rechtsextreme Gruppen oder einzelne Akteure dort solche Ehrungen betreiben. Diese Praxis ist keineswegs frei von Heuchelei oder selektiver Erinnerung – Österreichs jahrzehntelange Selbstinszenierung als „erstes Opfer“ des Nationalsozialismus ist dafür ein klassisches Beispiel. Gerade diese Heuchelei bestätigt jedoch die Norm: Die Distanzierung vom Faschismus muss offiziell gewahrt bleiben. In Bezug auf den Streit zwischen Polen und der Ukraine geht es nicht darum, die Ukraine zu belehren, sondern um einen mühsam erreichten Standard und die Tatsache, dass die Erinnerung an die OUN und die UPA damit schwer vereinbar ist.
Warum die ukrainischen Liberalen die Ethno-Nationalisten tolerieren
Externe Beobachter wundern sich oft, warum die proeuropäische, liberale Szene in der Ukraine so nachsichtig mit dem wachsenden Ethnonationalismus umgeht. Noch vor der Revolution der Würde hatten die meisten Ukrainer:innen ein gleichgültiges oder sogar negatives Verhältnis zur OUN sowie zu Stepan Bandera und Roman Schuchewytsch. Heute jedoch setzt sich, wie Umfragen zeigen, eine deutlich positivere Bewertung dieser Akteure zunehmend im Mainstream durch.
Man muss jedoch verstehen, woher diese frühere Ablehnung kam. Sie war kein neutrales, von der ukrainischen Bevölkerung selbst hervorgebrachtes Urteil über die Geschichte. Jahrzehntelang prägte Moskau die ukrainischen Köpfe mit einer imperialen Erzählung: Dass die „Banderowzy“ ausschließlich Verräter und Kollaborateure seien (was nicht stimmt) und ihr größtes „Verbrechen“ darin bestand, dass sie lange nach Kriegsende mit Waffen in der Hand gegen die Sowjets kämpften. Aus dieser Perspektive, so die ukrainische Intelligenz, ist die heutige Neubewertung teilweise eine Ablehnung der russischen Erzählung – ein Dekolonisationsreflex.
Doch das hebt die andere Hälfte der Wahrheit nicht auf. Die Polen erschrecken darüber, dass es in den ukrainischen Eliten kaum die Einsicht gibt, dass der Zweck nicht die Mittel heiligt. Aus ihrer Sicht sollten Personen, die für Massenmorde an Juden und Polen verantwortlich waren oder mit den Nationalsozialisten kollaborierten – wie der Vorkriegsführer der OUN Andrij Melnyk – nicht Teil des nationalen Pantheons sein. Nicht, weil sie der Ukraine etwas diktieren wollen, sondern weil eine solche Ehrung aus ihrer Sicht dem Anspruch auf eine vertrauensvolle Zusammenarbeit mit den europäischen Nachbarn und Israel widerspricht.
Eine Ablehnung der sowjetischen Erzählung muss nicht bedeuten, dass man ihr spiegelbildliches Gegenstück annimmt. Solange jedoch eine solche Symbolpolitik in der Ukraine dazu dient, die Kampfmoral der Soldaten zu stärken, die für das Überleben des Landes kämpfen, geben die ukrainischen Eliten stillschweigend ihre Zustimmung.
Ein Abschluss, den es nicht gibt
In der polnisch-ukrainischen Debatte über Wolhynien wird selten eine grundlegende Frage beantwortet: Was wäre eigentlich dieser „Abschluss“-Moment? Wie kann der Punkt aussehen, an dem man sagen könnte: „Gut, die Ukraine hat ihre Arbeit getan, das Thema ist aufgearbeitet“? Es gab Entschuldigungen. Es gab Gesten der Versöhnung. Nach Jahren der Verhandlungen begann die Ukraine 2026, Einzelgenehmigungen für die Exhumierung polnischer Opfer zu erteilen. Immer mehr ukrainische Intellektuelle setzen sich öffentlich mit dem Thema auseinander. Und doch hört man immer wieder: „Das reicht nicht.“
Eine ernsthafte Diskussion über historische Verantwortung ist schwer möglich, wenn unklar ist, wo eigentlich die Ziellinie liegt. Andererseits ist es mehr als fraglich, ob man sich auf eine Ziellinie zubewegt, wenn man Organisationen ehrt, die Kriegsverbrechen begangen haben.
Die Ukraine befindet sich heute zu Recht in einer Phase des Dekolonisierungsprozesses. Doch die Eigenständigkeit, nach der sie strebt, bedeutet nicht nur, eine eigene Erzählung über sich selbst zu schaffen und aufgezwungene Narrative abzulehnen. Sie bedeutet auch, sich mit der eigenen Vergangenheit auseinanderzusetzen, einschließlich ihrer dunkelsten Kapitel.
Polen und die Ukraine verbindet vieles – leider auch eine oft ausgeprägte Abneigung gegen kritische Selbstreflexion. Zum ersten Mal in ihrer jüngeren Geschichte bietet sich beiden jedoch die Chance, ihre eigenen Komplexe abzulegen: der Ukraine gegenüber Russland und Polen, Polen gegenüber den „alten“ EU-Mitgliedstaaten. Doch die Wiedererlangung von eigener Stimme und Handlungsfähigkeit bedeutet nicht, schwierigen Themen auszuweichen. Echte Eigenständigkeit bedeutet nicht, die Ohren vor Kritik zu verschließen oder Whataboutism zu betreiben und ebenso wenig passen die hysterischen Narrative vom „Aufstehen von den Knien“ zu ihr, wie sie die Rechte in beiden Ländern – ebenso wie zahlreiche rechtspopulistische Bewegungen weltweit – so gern pflegt.