Afghanistan – ob magisches Reiseland für Hippies oder mittelalterlich anmutendes Land ganzer Generationen von Kriegern. Die westlichen Klischees blenden aus, wie die Konflikte in der afghanischen Politik von den Interessen der US-amerikanischen und europäischen Außenpolitiken abhängen.

  • Jasamin Ulfat-Seddiqzai

    Jasamin Ulfat-Seddiqzai unterrichtet an der Universität Duisburg-Essen britische Literatur und forscht zum Themengebiet Orientalismus, Männlichkeitsbilder und Afghanistan als Ort britischer Militär- und Kolonialgeschichte. Sie schreibt u.a. für Deutschlandfunk Kultur.
Geschichte der Gegenwart
Geschichte der Gegenwart 
Edle Wilde. Der Mythos vom afgha­ni­schen „Krie­ger­volk“
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„Visitez l’Afghanistan“ – Brief­marke 1969; Quelle: spiegel.de

Es ist noch nicht so lange her, da war Afgha­ni­stan ein lockendes Reise­ziel – oder eine land­schaft­lich umwer­fend schöne Etappe auf dem Weg nach Indien. Doch die Foto­gra­fien und Super-8-Filme, auf denen Hippie-Touristen mit bunten VW-Bussen durch das Land reisen und von Gast­freund­schaft und gutem Essen schwärmen, wirken heute surreal. Die Jahre des Krieges, die mit dem Einmarsch sowje­ti­scher Truppen im Jahr 1979 begannen und mit dem „War on Terror“ 2001 ihre Fort­set­zung fanden, haben Afgha­ni­stan zerrüttet.

Das Land ist zum Synonym für Gewalt, Krieg und Fana­tismus geworden. Afgha­ni­sche Männer gelten als beson­ders krie­ge­risch – in den 1980er Jahren als „Frei­heits­kämpfer“ gegen die Sowjet­union, seit 2001 jedoch als „mittel­al­ter­lich“ reli­giös, brutal und extre­mis­tisch. Von der Wahr­neh­mung eines wilden und kämp­fe­ri­schen Volkes, das sich auch für „unsere“ Frei­heit einer über­mäch­tigen Sowjet­union entge­gen­stellt, bis zur Warnung vor einer welt­weiten terro­ris­ti­schen Bedro­hung war es offenbar nur ein kleiner Schritt. Afgha­ni­sche Frauen hingegen werden entweder als gesichts­lose Opfer oder aber als Ikonen des Femi­nismus darge­stellt – andere Rollen gesteht die west­liche Vorstel­lung ihnen kaum zu.

Ein umkämpftes und abhän­giges Land

Ahmad Shah Durrani; Quelle: wikipedia.org

Die west­liche Wahr­neh­mung von Afghanen, Afgha­ninnen und Afgha­ni­stan änderte sich mit fast vorher­seh­barer Regel­mä­ßig­keit, und zwar aufgrund der Einbin­dung des Landes in globale Konflikte, mit denen es selbst ursprüng­lich nichts zu tun hatte. Als der Kriegs­fürst Ahmad Schah Durrani im Jahr 1747 das Reich grün­dete, welches heute als Afgha­ni­stan bekannt ist, war noch nicht absehbar, dass das Land nur hundert Jahre später ein wich­tiger Streit­ge­gen­stand im impe­rialen Konkur­renz­kampf zwischen dem Briti­schen Welt­reich und dem Russi­schen Zaren­reich werden würde. Die Geschichte des Durrani-Reichs war zwar schon vor der Einbin­dung in das „Great Game“ des Impe­ria­lismus von krie­ge­ri­schen Ausein­an­der­set­zungen und Macht­kämpfen durch­zogen, doch erst durch das Kräf­te­messen der beiden Kolo­ni­al­mächte geriet Afgha­ni­stan in eine Abhän­gig­keit, in der es bis heute verharrt. Maurus Rein­kowski stellte diese Entwick­lung kürz­lich auf dieser Platt­form dar. Er beschreibt, wie durch lokale Macht­kämpfe und durch die russi­sche Expan­sion vom Norden und die briti­sche vom Süden das afgha­ni­sche Kern­ge­biet zusam­men­schrumpfte, so dass sich das bergige Land aufgrund der geogra­fi­schen Gege­ben­heiten bald nicht mehr selbst ernähren konnte. Was zurück­blieb war ein Land, das auf auslän­di­sche Zuwen­dungen ange­wiesen war.

Schü­le­rinnen in Kabul, 1968; Quelle: ndr.de

Eine Isola­ti­ons­po­litik war für afgha­ni­sche Macht­haber in der Folge­zeit also nicht mehr möglich. Durch poli­ti­sche und ökono­mi­sche Abhän­gig­keiten, insbe­son­dere von den Groß­mächten, war Afgha­ni­stan immer auch den Entwick­lungen der Welt­po­litik ausge­setzt. Dass eine der fried­lichsten Peri­oden des Landes in den 1960er und 1970er Jahren lag, also in einer Zeit, in der sich das Briti­sche Welt­reich offi­ziell aufge­löst hatte und der Kalte Krieg sich nach der Kuba-Krise in seiner „Détente“-Phase befand, ist kein Zufall. Je besser die inter­na­tio­nale Zusam­men­ar­beit außer­halb Afgha­ni­stans funk­tio­nierte, desto besser ging es dem Land auch selbst. Und es ist daher auch kein Zufall, dass in solchen Zeiten der inter­na­tio­nalen Bedeu­tungs­lo­sig­keit afgha­ni­sche Männer nicht vornehm­lich als männ­lich, hart und gewalt­tätig wahr­ge­nommen wurden.

Dieses heute wieder domi­nie­rende Bild ist aller­dings älter als der Krieg gegen die Sowjet­union. Es geht primär auf die Rolle Afgha­ni­stans im impe­rialen, das heißt späten 19. Jahr­hun­dert zurück, als das Land wie erwähnt zur Puffer­zone zwischen den kolo­nialen Bestre­bungen der Briten und der Russen wurde.

Projek­tionen der Afghanistandarstellung

Quelle: abebooks.com

Costume of Bokhara, in: Alex­ander Burnes, Travel into Bokhara, London 1834

Als zu Beginn des 19. Jahr­hun­derts die ersten offi­zi­ellen diplo­ma­ti­schen Bezie­hungen zwischen Afgha­ni­stan, das man damals noch „König­reich von Kabul“ nannte, und dem Briti­schen Welt­reich herge­stellt wurden, erschien 1815 mit dem mehr als tausend­sei­tigem Bericht An Account of the Kingdom of Caubul des briti­schen Diplo­maten Mount­stuart Elphin­stone ein für die Zeit nüch­ternes Werk, das sich dem Land und seiner Kultur relativ neutral näherte. In den folgenden Jahren herrschte ein Inter­esse vor, das zwar nicht frei vom impe­rialen Blick war, sich aber einer fakti­schen Darstel­lung verschrieb. Reise­be­richte wie Narra­tive of various jour­neys in Balochi­stan, Afgha­ni­stan, and the Panjab von Charles Masson oder Travels into Bokhara. Being an account of a Journey from India to Cabool, Tartary and Persia von Alex­ander Burnes beschrieben Land und Leute zum Teil bewun­dernd. Dabei stand nicht im Vorder­grund, ob man Afghanen durch west­liche Erzie­hung „zivi­li­sieren“ oder durch eine Einbin­dung die britisch-koloniale Armee „diszi­pli­nieren“ könne. Masson und Burnes betrach­teten das Land, wie Elphin­stone vor ihnen, als unab­hän­giges König­reich. Dies sollte sich jedoch bald ändern. Zu Beginn des 19. Jahr­hun­derts versuchten sowohl das russi­sche als auch das briti­sche Kolo­ni­al­reich ihr Terri­to­rien durch diplo­ma­ti­sche Verbin­dungen mit lokalen Mäch­tigen zu erwei­tern. Dies wurde im Jahr 1837 zum Problem, als der Brite Alex­ander Burnes am Hof des afgha­ni­schen Königs auf den Russen Jan Prosper Witkie­wicz traf. Beide waren im Auftrag ihrer jewei­ligen Regie­rungen unter­wegs und bemühten sich, den afgha­ni­schen König Dost Mohammad Khan auf ihre Seite zu ziehen.

Eliza­beth Thompson, „The remnants of an Army, Jell­al­abad, January 13, 1842“, 1879; Quelle: wikipedia.org

Als sich Dost Mohammad Khan weigerte, Partei zu ergreifen, beschloss die briti­sche Führung ihn durch einen anglo­philen König zu ersetzen, was im Jahr 1838 den ersten Anglo-Afghanischen Krieg auslöste. Vier Jahre später gelang es afgha­ni­schen Aufstän­di­schen, das briti­sche Heer vernich­tend zu schlagen. Es gab kaum Über­le­bende; Afgha­ni­stan hatte sich mit einem blutigen Krieg auf die Bühne des Welt­ge­sche­hens kata­pul­tiert. Dreißig Jahre später, im Jahr 1878, sollten es die Briten wieder versu­chen, Afgha­ni­stan in ihr Welt­reich einzu­glie­dern, schei­terten im zweiten Anglo-Afghanischen Krieg im Jahr 1880 jedoch erneut. So festigte sich in der briti­schen Wahr­neh­mung die Vorstel­lung, dass das Land und seine Menschen unbe­siegbar seien.

Louis and Charles Haghe: The Wild Pass of Siri-Kajoor, 1840; Quelle. nam.co.uk

Die Verluste in den anglo-afghanischen Kriegen beflü­gelten die briti­sche Fantasie. Während Burnes und Masson mit dem afgha­ni­schen Volk noch sympa­thi­sierten, wurden die eher mili­tä­risch geprägten Reise­be­richte in den Jahren nach 1842 zuneh­mend feind­se­liger. Plötz­lich ging es nicht mehr darum, Afgha­ni­stan als fremde, aber schöne Kultur wahr­zu­nehmen, sondern Gründe für die vermeint­liche afgha­ni­sche Über­le­gen­heit zu finden. Erklä­rungen wurden gesucht, warum Afghanen unbe­siegbar seien: Lag es am reli­giösen Fana­tismus, an der krie­ge­ri­schen Kultur, am Klima? Schon bald fand das myste­riöse Afgha­ni­stan Eingang in die briti­sche Unterhaltungsliteratur.

1888 verfasste der Lite­ra­tur­no­bel­preis­träger Rudyard Kipling mit The Man Who Would Be King ein fantas­ti­sches Aben­teuer, das im Gebirge von Nuristan spielt, wo von einem isolierten, europäisch-aussehenden Volk die Rede ist, mit dessen krie­ge­ri­schem Talent man ein „weißes“ Welt­reich in Asien aufbauen könnte. In seinem 1890 erschie­nenen Gedicht „The Young British Soldier“ empfahl Kipling den Selbst­mord, bevor man in afgha­ni­sche Gefan­gen­schaft geriet, da sogar afgha­ni­sche Frauen grausam mit dem Feind umgingen.

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Der Sher­lock Holmes-Autor Arthur Conan Doyle schließ­lich fanta­sierte in seinen weniger bekannten Grusel­ge­schichten Geister und buddhis­ti­sche Atten­täter aus Afgha­ni­stan herbei, die sich in Groß­bri­tan­nien mit über­na­tür­li­chen Kräften an briti­schen Wider­sa­chern rächten. Auch seine Figur Dr. Watson wurde den Lesern übri­gens als Afgha­ni­stan­ve­teran vorge­stellt – ein Detail, das in der modernen BBC-Adaption beibe­halten werden konnte, weil mehr als hundert Jahre später schon wieder ein Krieg mit briti­scher Betei­li­gung in Afgha­ni­stan herrschte.

James Rattray: „Afghaun foot soldiers in their winter dress with entrance to the valley of Urgundeh“, 1842; Quelle: mam.ac.uk

In all diesen Darstel­lungen ist Afgha­ni­stan ein fantas­ti­sches, blut­rüns­tiges Land. Nur furcht­lose, starke, dem masku­linen Ideal entspre­chende Männer können sich, diesen west­li­chen Vorstel­lungs­welten gemäß, gegen­über den als sehr männ­lich beschrie­benen afgha­ni­schen Krie­gern behaupten. Mit dem Erstarken der Frau­en­rechts­be­we­gung in Groß­bri­tan­nien wuchs in der briti­schen Gesell­schaft die Angst, dass Frauen mit ihren Angriffen auf das Patri­ar­chat auch das König­reich in Gefahr bringen könnten. Man fürch­tete, dass die „new woman“ den briti­schen Mann mit ihren Forde­rungen nach mehr Rechten entmannen würde. In vermeint­lich rück­stän­digen Ländern wie Afgha­ni­stan konnten Männer jedoch so sein, wie die Natur es vorge­sehen hatte. Deswegen verzieh man den bärtigen Krie­gern auch ihre vermeint­lich mora­li­sche Rück­stän­dig­keit, ja, man hatte sogar Respekt vor ihrer Gewalt­tä­tig­keit. Afghanen sind in den Darstel­lungen des 19. und frühen 20. Jahr­hun­derts edle Wilde, die ihren größten Lebens­sinn im Töten von würdigen Wider­sa­chern sehen.

Quelle: raptisrarebooks.com

Mit dem Ende des impe­ria­lis­ti­schen „Great Game“ musste Afgha­ni­stan nicht mehr als Puffer­zone zwischen Groß­mächten dienen, die vermeint­liche „Krie­ger­kultur“ wurde wieder weniger wichtig. So erschien 1958 mit dem von Eric Newby verfassten Reis­be­richt A Short Walk in the Hindu Kush ein Buch, der das Gebiet Nuristan haupt­säch­lich als Spiel­platz für ein verrücktes briti­sches Klet­ter­aben­teurer versteht, und nicht als Stam­mes­ge­biet unbe­sieg­barer Krie­ger­völker. Filme wie „The Horsemen“ aus dem Jahr 1971 beschreiben Afgha­ni­stan als wildes, unbe­zwun­genes Land, eine Art „Wilder Westen“ des Ostens, in dem man noch unge­zwungen archa­isch leben kann. Der Bild­band Afgha­ni­stan der Foto­grafen Roland und Sabrina Michaud, der sich auf Bilder aus den Jahren 1964 bis 1978 konzen­triert, setzt sich mit dem Land vorwie­gend ästhe­tisch ausein­ander. Es geht in diesen Werken nicht primär darum, eine Kultur vor dem Hinter­grund ihrer Kriegs­lust zu bewerten. Das ändert sich jedoch mit dem Einmarsch der Sowjet­union im Jahr 1979.

Helden, die aus Afgha­ni­stan kommen

Der sowje­ti­sche Einmarsch nach Afgha­ni­stan bedeu­tete für das Land eine Zäsur, es sollte nach 1979 kein Jahr mehr ohne Krieg erleben. Der Krieg wurde von den sowje­ti­schen Truppen brutal geführt, auch wenn er auf russi­scher Seite als „huma­ni­täre Inter­ven­tion“ darge­stellt wurde. Anders sah es im Westen aus: Als die US-amerikanische Regie­rung mit der „Opera­tion Cyclone“ begann, isla­mis­ti­sche Kämpfer mit Waffen und Muni­tion zu versorgen, wurden diese schnell zu Frei­heits­kämp­fern gegen ein gott­loses System stilisiert.

Quelle: kinorium.com

Als der Film „Rambo III“, bei dem der Titel­held zu einer Rettungs­ak­tion nach Afgha­ni­stan aufbricht, im Sommer 1988 in die US-amerikanischen Kinos kam, befanden sich die sowje­ti­schen Truppen bereits auf dem Rück­marsch. Der Afgha­ni­stan­krieg war also gewonnen, und der Film, in dem Sylvester Stal­lone an der Seite mutiger Afghanen gegen die Sowjets kämpft, war keine US-amerikanische Kriegs­mo­bi­li­sie­rung mehr, sondern Helden­ver­eh­rung. Isla­mis­ti­sche Ideale werden im Film als edel darge­stellt, selbst der Kinder­soldat Hamid ist nur ein nied­li­cher Side­kick für den US-Kriegsveteranen Rambo. Die dschi­ha­dis­ti­schen Krieger erklären Rambo, dass der Krieg gegen die Sowjet­union heilig sei und Mudscha­heddin den Tod nicht fürch­teten, weil sie sich bereits als tot sehen. So findet die Verherr­li­chung des Märty­rer­tods Eingang in einen US-amerikanischen Block­buster, und zwar in beson­derer Weise. Denn auch der US-amerikanische Colonel Traut­mann, den Rambo schließ­lich doch mit Hilfe der Mudscha­hiddin befreit, erklärt seinem russi­schen Wider­sa­cher, dass ein Krieg gegen Afghanen sinnlos sei, weil man Männer, die lieber sterben als Sklaven auslän­di­scher Okku­pa­tion zu werden, nicht besiegen kann. Mit dieser Darstel­lung wird der Tod von Afghanen roman­ti­siert und als eigen­stän­dige Entschei­dung darge­stellt. Afghanen kämpfen nicht für ihre Frei­heit, sondern für ihre Ehre. Uns vertei­digen sie nebenbei.

Massoud-T-Shirt; Quelle: joom.com

Diese Verherr­li­chung afgha­ni­scher Krieger findet sich aber nicht nur in Unter­hal­tungs­filmen, sondern auch in jour­na­lis­ti­schen Darstel­lungen. In einer Doku­men­ta­tion aus dem Jahr 1998 des fran­zö­si­schen Filme­ma­chers Chris­tophe de Ponfilly, die heute wieder in der Arte Media­thek zu sehen ist, wird der charis­ma­ti­sche Warlord Ahmad Schah Massoud als eine Art Che Guevara bezie­hungs­weise Bob Dylan bezeichnet und so der Gueril­la­kampf mit Popkultur vergli­chen. Über den afgha­ni­schen Wider­stand gegen die Sowjet­union sagt de Ponfilly, dass es für die Sowjets nicht möglich gewesen sei, dem Volk der Afghanen eine Welt­an­schauung aufzu­zwingen, die diese nicht verstanden. In der Doku­men­ta­tion heißt es daher: „Sie hatten sich sogar bewahrt, was uns schon fast verloren gegangen ist: Gemein­schafts­sinn, Respekt vor dem Alter, und den Stolz eines Volkes, das nie unter Kolo­ni­al­herr­schaft stand“.

Probleme einer Kriegergesellschaft

Solche Formen der Helden­ver­eh­rung und Krie­ger­my­tho­logie fanden mit den Taliban und mit dem Eintritt der NATO in den Afgha­ni­stan­krieg nach den Anschlägen des 11. September 2001 ein jähes Ende. Auch wenn die Krieger der Taliban ähnlich aussahen und ähnlich radi­kale Ansichten vertraten, wie die Mudscha­heddin vor ihnen – zu denen viele von ihnen ursprüng­lich auch gehörten –, wurde auf einmal sichtbar, wie wenig hilf­reich eine im stän­digen Krieg geschmie­dete Ideo­logie ist, wenn es darum geht, ein Land zu befrieden und aufzubauen.

So beschrieb die Sozio­login Edith Schlaffer vor wenigen Wochen in der taz die glei­chen Eigen­schaften, die für de Ponfilly noch bewun­derns­wert waren, als proble­ma­tisch: „Afgha­ni­stan ist eine Stam­mes­ge­sell­schaft, die in ihrer sozialen Ordnung hier­ar­chisch und oft repressiv orga­ni­siert ist und wenig Spiel­raum für den Einzelnen vorsieht. Die Alten herr­schen über die Jungen mit der Macht der Tradi­tion, schüch­tern sie oft ein mit quasi­re­li­giösen Vorschriften und unter­mauern dies mit ritua­li­sierter Gewalt“, heißt es bei Schlaffer. Aber auch die Sozio­login vergisst zu erwähnen, dass die Repres­sion im afgha­ni­schen Gesell­schafts­system nicht tradi­tio­nell „afgha­nisch“ ist, sondern durch den jahr­zehn­te­langen Krieg verfes­tigt wurde.

Gesell­schaften, die stän­diger Bedro­hung und Armut ausge­setzt sind, können sich ausge­prägte Indi­vi­dua­lität nicht leisten. Wenn es ums nackte Über­leben geht, zählt die Gruppe oder die Familie mehr als das Glück des Einzelnen. So nuan­ciert wird Afgha­ni­stan aber nicht betrachtet. Mitt­ler­weile hat sich die Welt­öf­fent­lich­keit an den Gedanken gewöhnt, dass in Afgha­ni­stan nur deshalb so viel Krieg herrscht, weil die afgha­ni­sche Bevöl­ke­rung es selbst so möchte. Dabei war das Narrativ des Krie­gers, der den Tod als edle Verpflich­tung begreift, bereits in der Lite­ratur des 19. Jahr­hun­derts ein impe­rialer Taschen­spie­ler­trick, weil die anglo-afghanischen Kriege als zivi­li­sie­rende Missionen und nicht als Angriffs­kriege wahr­ge­nommen werden sollten. Dass viele afgha­ni­sche Soldaten letztes Jahr gegen die Taliban ihre Waffen nieder­legten, liegt nicht daran, dass sie insge­heim selbst Tali­banan­hänger waren. Wie die meisten Afghanen waren und sind sie viel­mehr kriegs­müde. Das vermeint­liche Krie­ger­volk, das „für uns“ erst gegen die über­mäch­tige Sowjet­union und später gegen den inter­na­tio­nalen Terro­rismus kämpfen sollte, hat sich dem Krieg in den letzten 43 Jahren nicht aus kultu­reller Eigen­heit heraus verschrieben. Das Kämpfen wurde zur Notwen­dig­keit, und nur dadurch zur vermeint­li­chen Normalität.

Quelle: twitter.com

Mitt­ler­weile ist aus dem Hippie-Paradies ein trau­ma­ti­siertes Land geworden, indem die Verbre­chen der letzten Jahr­zehnte – begangen von allen Kriegs­par­teien – nie aufge­ar­beitet wurden. Das Schlimmste, was Afgha­ni­stan jetzt passieren kann, ist ein weiterer Bürger­krieg, bei dem die jeweils macht­ha­bende Frak­tion die Kriegs­ver­bre­chen der jeweils anderen Frak­tionen als Vorwand für eigene Gräu­el­taten nutzt. Eine solche Spirale der Gewalt wäre kein Zeichen afgha­ni­scher Rache­kultur, sondern eine weitere Konse­quenz inter­na­tio­naler Kriege. In seiner Ansprache zum Abzug der Truppen im August 2021 stellte der US-amerikanische Präsi­dent Joe Biden fest, dass es im Afgha­ni­stan­krieg immer nur um Al-Qaeda, nicht um Afgha­ni­stan gegangen sei; es sei deswegen nur logisch, irgend­wann wieder abzu­ziehen. Für den Moment ist Afgha­ni­stan also aus den Schlag­zeilen verschwunden, doch eine neue Einbin­dung in inter­na­tio­nale Span­nungen deutet sich an. Sowohl Russ­land als auch China bemühen sich derzeit um eine Einglie­de­rung Afgha­ni­stans in die eigene Macht­sphäre. Es bleibt abzu­warten, wie die west­liche Welt auf diese Annä­he­rung reagiert. Das Land könnte also erneut zur umkämpften Puffer­zone in einer konflikt­rei­chen, multi­po­laren Welt werden.