Auf der Biographie des designierten polnischen Staatspräsidenten liegen zahlreiche Schatten. Seine Kritiker sprechen ihm deshalb jegliche moralische und politische Eignung für das höchste Staatsamt ab. Allgemein herrscht Einigkeit darüber, dass Karol Nawrockis Karriere auf seiner Rolle als rücksichtsloser Vollstrecker der Geschichtspolitik der PiS-Ära gründet: Als selbst regierungsnahe Historiker es ablehnten, die Nachfolge des auf zweifelhafte Weise geschassten Gründungsdirektors des Museums des Zweiten Weltkriegs in Danzig anzutreten, war Nawrocki zur Stelle. Unter seiner Ägide veränderte sich das Haus im Sinne der regierenden Rechtskoalition, was ihn schnell für höhere Aufgaben ins Spiel brachte. Nach einigen Jahren gelangte er an die Spitze des Instituts für Nationales Gedenken (IPN), einer zentralstaatlichen Institution zur Dokumentation, Erforschung und juristischen Aufarbeitung der unter nationalsozialistischer und kommunistischer Herrschaft begangenen Verbrechen. Nach der Wahlniederlage der PiS-Regierung im Oktober 2023 blieb Nawrocki im Amt, weil eine Abberufung wohl am Veto von Staatspräsident Duda gescheitert wäre.
Gedenk- und Wahljahr 2024-2025
Nawrockis Wahl zum Staatsoberhaupt erfolgte kaum einen Monat nach dem 80. Jahrestag des Kriegsendes in Europa. Es handelte sich um den Höhepunkt des Supergedenkjahrs 2024/2025, in dem sich auch andere zentrale Ereignisse des Zweiten Weltkriegs symbolisch jährten. Den Veranstaltungskalender haben die Repräsentanten der Bundesrepublik und Polens routiniert absolviert. Festzuhalten ist aber auch, dass viele Gedenktage getrennt begangen wurden. Zum 85. Jahrestag des deutschen Überfalls auf Polen waren im September hochrangige deutsche Vertreter gar nicht eingeladen. Ende Juli hatte Bundespräsident Steinmeier für eine halbherzige Stippvisite im Vorfeld des 80. Jahrestags des Beginns des Warschauer Aufstands seinen Sommerurlaub nur kurz unterbrochen. Markus Söder durchbrach das Korsett der Jahrestagslogik und vollzog im nasskalten Dezember seinen in Polen wenig beachteten Kniefall vor dem Warschauer Denkmal der Ghettohelden. Mehr Aufmerksamkeit erhielt Olaf Scholz, der diesen April auf seiner Abschiedsvisite in Polen mit der Ankündigung eines Fonds zur Unterstützung der noch lebenden Betroffenen deutscher Besatzungsgewalt aufhorchen ließ. Eine gesicherte Finanzierung des seit Jahren in Planung befindlichen „Polendenkmals“ mit angeschlossener Begegnungs- und Bildungsstätte konnte er indes nicht vermelden.
Angesichts der Hoffnungen auf einen Neustart erscheint die Bilanz des deutsch-polnischen Wahl- und Gedenkjahrs 2024/2025 auf Ebene der „großen“ Politik mithin recht dürftig. In den Jahren zuvor hatte es das harsche Auftreten der PiS-Regierungen ihren deutschen Gegenübern leichtgemacht, in einer im Wesentlichen passiven Haltung zu verharren. Nach dem Regierungswechsel in Polen 2023 schien man im politischen Berlin zunächst der Auffassung, historische Konfliktthemen wären nun recht leicht wegzumoderieren. Zusammen mit der uninspirierten Jahrestagsroutine zeigte sich hier ein ziemliches Maß gedanklicher Bequemlichkeit.
Die Hoffnung auf ein Aussitzen historischer Differenzen kann sich bald als Bumerang erweisen: Der zukünftige polnische Staatspräsident wird aufgrund seiner Vita geschichtliche Deutungskämpfe viel konsequenter führen als sein Vorgänger. Zudem sind die für die erinnerungskulturelle Radikalisierung der PiS-Ära verantwortlichen Netzwerke nicht verschwunden, sondern lediglich derzeit nicht in den Schaltstellen der Macht vertreten. Sie verstehen es noch immer, die jetzige demokratische Regierung in historischen Belangen vor sich herzutreiben. Kurz gesagt, es lässt sich unschwer prognostizieren, dass sich mit dem anstehenden Einzug eines promovierten Historikers und geschichtspolitischen Frontkämpfers der Warschauer Präsidentenpalast nicht in einen Ort des deutsch-polnischen Dialogs verwandeln wird. Nawrocki hat mehrmals deutlich gemacht, dass er konsequent hinter den Reparationsforderungen gegenüber Deutschland steht. In einer in sechs Sprachen veröffentlichten Stellungnahme verkündete er die Formel „Durch Reparationen zur Versöhnung“.
Zwei Elefanten im Raum
Anhand der seit Jahren schwelenden Reparationsfrage lässt sich verdeutlichen, vor welchen Herausforderungen die geschichtspolitischen Akteure in beiden Ländern stehen. Dabei geht es im Folgenden nicht um die juristische oder ökonomische Bewertung der von Deutschland zu verantwortenden Schäden aus Krieg und Besatzung oder das moralische Anrecht Polens auf eine angemessene materielle Wiedergutmachung. Denn: Mit dem 2022 vom polnischen Parlament angenommenen dreibändigen Bericht über die von Polen aufgrund des deutschen Überfalls und der Besatzung während des Zweiten Weltkriegs 1939-1945 erlittenen Verluste betraten gleich zwei Elefanten den deutsch-polnischen Diskursraum. Zum einen handelt es sich um das im Bericht gezeichnete grobschlächtige Bild der Bundesrepublik als Staat, dessen politische Klasse seit 1949 kontinuierlich und systematisch jedwede Verantwortungsübernahme für die deutschen Verbrechen in Polen verweigert hätte. Aus dieser unterkomplexen Vereinfachung lässt sich herauslesen, dass es den Verfechtern der Reparationsforderungen gar nicht um reale Zahlungen geht, sondern um die Instrumentalisierung von Geschichte als politisches Multifunktionswerkzeug. Gesetzt den Fall, der Bundesfinanzminister würde die geforderte Summe vollständig nach Polen überweisen – würden die Ideengeber des Berichts mit Sicherheit längst ein neues Thema medial emotionalisieren.
Das zweite bislang unbesprochene Thema betrifft die Behandlung des Holocausts, was ich im Folgenden genauer herausarbeite. Es ist mir aber wichtig zuvor festzuhalten, dass die Verfasser des Berichts, vom scheidenden Präsidenten Duda mit hohen Orden dekoriert, den Finger durchaus in einige wunde Punkte der deutschen Position zum Stand der „Aufarbeitung“ der NS-Verbrechen in Polen legen. Zugleich verfolgen die Autoren jedoch eine politisch findige wie fragwürdige Strategie: Sie argumentieren mit empirisch belegbaren Fakten und Zahlen, vermischen diese aber nach Bedarf mit Unterstellungen, Halbwahrheiten und Emotionen.
Weil sich die öffentliche Wahrnehmung allerdings auf eine Gesamtforderung von rund 1,35 Billionen Euro konzentrierte, wurden sie in Deutschland gar nicht bemerkt.
Der Umgang mit dem Holocaust als Gretchenfrage?
Zu welchen Ergebnissen dies führen kann, verdeutlicht die Kontextualisierung der von den Deutschen geplanten und zu einem Großteil in Polen durchgeführten Ermordung der europäischen Juden im Bericht. Die Problematik besteht weniger darin, dass dieses politische Dokument den Holocaust als nachrangiges Ereignis behandelt, um die deutschen Verbrechen an der polnischen Zivilbevölkerung hervorzuheben. Schwerer wiegt, dass sich die Autoren einer selektiven Darstellung bedienen, wesentliche Teile des Forschungsstands ignorieren und mit Zahlen manipulieren.
Dies ist bereits daran erkennbar, dass die Autoren nicht erklären, was ethnische, staatsbürgerliche und konfessionelle Zugehörigkeit im heterogenen Vorkriegspolen bedeutete. Diese Indifferenz tritt deutlich zutage, wenn an verschiedenen Stellen unkommentiert die Terminologie „Bevölkerung jüdischen“ bzw. „mosaischen Bekenntnisses“ für Juden verwendet wird. Zwar handelte es sich dabei auch um historische jüdische Selbstbezeichnungen, besonders jener, die ihre Zugehörigkeit zur polnischen Nation betonten. Insgesamt wurde sie jedoch lediglich von einer relativ kleinen Gruppe verwendet und dies mitunter auch, um das negativ konnotierte Wort „Jude“ zu umgehen. Im Kontext des Holocausts ist diese unkommentierte Verwendung der Vorkriegsterminologie zumindest zu hinterfragen, auch wenn man berücksichtigen muss, dass die Deutschen viele Menschen als Juden ermordeten, die erst von ihnen als solche rassistisch kategorisiert wurden.
Selbstverständlich ist es völlig legitim, alle Opfer der deutschen Besatzung auf polnischem Territorium aufgrund ihrer Staatsbürgerschaft als polnische Opfer zu subsummieren. Deren ethnische oder religiöse Selbstzuschreibung bleibt irrelevant, solange es darum geht, die Gesamtverluste Polens als Staat zu beziffern. Die Verfasser des Berichts führen diesen Zugang aber dann ad absurdum, wenn sie einzelne Bevölkerungsteile hervorheben, die besonders unter der deutschen Besatzungspolitik litten. Hier fokussiert der Bericht plötzlich auf ethnisch polnische und mehrheitlich katholische Gruppen. Andere Nationalitäten und Minderheiten, vor allem aber der jüdische Bevölkerungsteil, werden zu Randerscheinungen degradiert, die man an opportun erscheinenden Stellen zwar erwähnt, doch im Großen und Ganzen nicht in die Gesamtbetrachtung einbezieht. Daraus ergibt sich dann eine Gleichsetzung der deutschen Politik gegenüber Polen und Juden, die auf einer unklaren begrifflichen und analytischen Grundlage basiert. Dies zeigt sich bereits in der schwammigen Differenzierung zwischen dem Ziel der „biologischen Ausrottung“ (biologiczne wyniszczenie) der ethnischen Polen und der „völligen Vernichtung“ (całkowita eksterminacja) der jüdischen Bevölkerung – eine Unterscheidung, die weder begrifflich sauber definiert noch historisch überzeugend hergeleitet ist.
Die konzeptuelle Inkonsistenz des Berichts gebiert eine folgenschwere Inkonsequenz. Denn die Autoren standen vor der Wahl: Entweder integriert man die Juden als Staatsbürger in die Besatzungsgeschichte Polens, oder man beschränkt sich auf das Schicksal der nichtjüdischen Polen. Die Verfasser bringen das Kunststück fertig, beides gleichzeitig zu tun – ohne darauf zu verzichten, bei Bedarf die jüdischen Verluste als Variable mit in die Reparationsrechnung aufzunehmen. Daraus ergeben sich inhaltliche Fehler, ja Vertuschungen. Dazu gehört etwa die Frage, wie die Verhaltensweisen polnischer Bürger gegenüber den von den Deutschen verfolgten Juden oder die Aneignung des Eigentums der ermordeten Juden zu bewerten sei. Hier darf und kann es freilich keine Pauschalurteile geben. Dies zeigen auch zahlreiche Wissenschaftler*innen in Polen, die seit Jahrzehnten diesen Aspekt des Holocaust auf hohem Niveau untersuchen. Dass derlei Forschungen die deutsche Verantwortlichkeit keineswegs herunterspielen ist mittlerweile hinlänglich herausgearbeitet. Der Bericht verliert dazu kein Wort, addiert aber beispielsweise die Toten des von Polen durchgeführten Pogroms von Jedwabne (1941) ganz selbstverständlich und unkommentiert zu den polnischen Opferzahlen. In eine ähnliche Richtung weist die Methode, die in den Todeslagern der „Aktion Reinhardt“ ermordeten polnischen Juden einerseits in die Gesamtzahl der Verluste (und deren demographischen und ökonomischen Folgen) einzubeziehen, Lager in jedweder Form allerdings in der dem Bericht angehängten „Liste der Verbrechensorte“ auszusparen.
All diese Probleme waren den Verfassern durchaus bewusst. Wenige Wochen vor der Veröffentlichung wurde bekannt, dass der Historiker Bogdan Musial seinen Posten als Direktor des eigens eingerichteten Instituts für Kriegsverluste verlor, als er auf der Korrektur der inhaltlichen Mängel des Berichts bezüglich des Holocausts bestand.
Zukunftsaufgaben
Der deutschen Öffentlichkeit genügte ein Blick auf die Gesamtforderung von rund 1,35 Billionen Euro, um die polnischen Reparationsforderungen als politisch unlautere Operation zu entlarven. Zu einer breiteren Debatte kam es weder über die Unzulänglichkeiten eigener liebgewonnener Positionen noch über die tatsächlichen konzeptionellen Schwächen des Berichts. Drei Jahre nach dessen Annahme durch das polnische Parlament ist aber auch klar, dass die angesprochenen Elefanten den polnisch-deutschen Porzellanladen so schnell nicht verlassen werden. Selbst wenn es heute so scheint, handelt sich bei dem Bericht keineswegs um ein Dokument aus längst vergangener Zeit. Es wurde von den heute in der Regierung befindlichen demokratischen Parteien mit überwältigender Mehrheit mitgetragen. Der Außenminister Radosław Sikorski bekräftigte im April 2024, Polen strebe selbstverständlich eine Form von „Wiedergutmachung“ für die von Deutschland hervorgerufenen Schäden des Zweiten Weltkriegs an. Selbst wenn Sikorskis Worte vorrangig an ein innerpolnisches Publikum gerichtet waren, wäre es aus deutscher Warte durchaus ratsam, sich einmal ernsthaft mit Inhalt und Intention des Berichts auseinanderzusetzen. Nicht nur, um liebgewonnene eigene Gewissheiten zu hinterfragen, sondern auch um einige kritische Rückfragen an die polnische Seite zu richten.
Aufgabe der politisch Verantwortlichen in Deutschland ist es nicht, ihren polnischen Partnern wohlmeinende Ratschläge zum Umgang mit dem Holocaust zu geben. Sie müssen indes den Blick schärfen für die Nuancen der innerpolnischen Debatten. Schritte zu einer besseren Sichtbarmachung der nichtjüdischen Opfer in der bundesdeutschen Öffentlichkeit zu unternehmen, ist wichtig und geboten. Aber warum geschehen derlei Aktivitäten immer nur auf polnischen Druck hin? Warum schafft die Bundesregierung zusätzlich zu den bestehenden Förderstrukturen nicht unbürokratische Finanzierungsmöglichkeiten für niedrigschwellige individuelle und zivilgesellschaftliche Initiativen in beiden Ländern auf lokaler oder regionaler Ebene? In Zeiten, in denen rechtsextreme Politiker in beiden Ländern versuchen Einfluss auf die öffentliche Finanzierung zivilgesellschaftlicher erinnerungskultureller Initiativen zu nehmen, bedeutete dies auch einen symbolischen Rückhalt für bürgerliches Engagement in diesem Bereich. Das Gedenken an Zwangsarbeit, Deportationen, Vertreibungen, Erschießungen, Raub und Zerstörungen an den Wohnorten der Menschen zu verankern ist ein viel größeres Gebot der Stunde als nationalstaatliche Symbolakte. Die Hinwendung zur Mikrogeschichte bietet die Chance zu verstehen, dass man die Geschichte des Holocaust und seines herausgehobenen Charakters nicht losgelöst von der Erfahrung der Nichtjuden erzählen kann. Beides, der Holocaust und die Besatzungsverbrechen an Millionen Polen werden so für die heutigen Bewohner greifbar als historische Ereignisse, die jede einzelne Kommune in Deutschland und Polen betreffen. Ein solcher Zugang kann auch dazu beitragen, die Erinnerungskultur an den Zweiten Weltkrieg offener für Menschen mit familiären Wurzeln außerhalb Deutschlands und Polens zu gestalten.
Eine Leistung kann man dem Bericht nicht absprechen: Er verdeutlicht, wie nötig gut finanzierte und international vernetzte Forschungen zu den Folgen von Krieg und Besatzung in Ostmitteleuropa sind. Die möglichst genaue und belastbare Feststellung von Opferzahlen und Kriegsverlusten ist für den historischen Fachdiskurs zwar nachrangig, aber unabdingbar in Zeiten, in denen Geschichtsfälscher ungeahnte mediale Reichweite erlangen können. Es wäre sicher ein Ausweis verantwortlicher deutscher Geschichtspolitik, die nötigen finanziellen, institutionellen und personellen Ressourcen dafür bereitzustellen, dass sich Forscher*innen in Deutschland, Polen und ganz Europa quellenbasiert, methodisch fundiert und ohne politische Einmischung an die Dokumentation der menschlichen und materiellen Verluste des Weltkriegs machen.
Die Beschäftigung mit den Reparationsforderungen Polens bietet also vielfältige Chancen, sich mit der deutschen Erinnerungskultur und Geschichtspolitik kritisch auseinanderzusetzen und Handlungsoptionen für die Zukunft zu entwickeln. Wenn dies gelingt, behält Nawrocki mit seinem Credo „Durch Reparationen zur Versöhnung“ vielleicht am Ende ungewollt Recht?