Im Supergedenkjahr 2024/25, zu dem 80 Jahre Kriegsende und 85 Jahre Überfall auf Polen gehören, wurde der rechtspopulistische Karol Nawrocki zum neuen polnischen Präsidenten gewählt. Als ehemaliger Direktor des Museums des Zweiten Weltkriegs spielen seine Haltung zu Erinnerungspolitik und Reparationsforderungen nun eine Rolle für die deutsch-polnischen Beziehungen.

  • Christhardt Henschel

    Christhardt Henschel ist Historiker am Deutschen Historischen Institut in Warschau. Er hat zum Thema „Jeder Bürger Soldat. Militär, Juden und Zweite Polnische Republik zwischen Geschichte und Gegenwart“ an der Universität Leipzig promoviert. Seine Arbeitsgebiete sind: Geschichte Polens im 19. und 20. Jahrhundert; jüdische Geschichte Ostmitteleuropas; Militärgeschichte.

Auf der Biogra­phie des desi­gnierten polni­schen Staats­prä­si­denten liegen zahl­reiche Schatten. Seine Kritiker spre­chen ihm deshalb jegliche mora­li­sche und poli­ti­sche Eignung für das höchste Staatsamt ab. Allge­mein herrscht Einig­keit darüber, dass Karol Nawro­ckis Karriere auf seiner Rolle als rück­sichts­loser Voll­stre­cker der Geschichts­po­litik der PiS-Ära gründet: Als selbst regie­rungs­nahe Histo­riker es ablehnten, die Nach­folge des auf zwei­fel­hafte Weise geschassten Grün­dungs­di­rek­tors des Museums des Zweiten Welt­kriegs in Danzig anzu­treten, war Nawrocki zur Stelle. Unter seiner Ägide verän­derte sich das Haus im Sinne der regie­renden Rechts­ko­ali­tion, was ihn schnell für höhere Aufgaben ins Spiel brachte. Nach einigen Jahren gelangte er an die Spitze des Insti­tuts für Natio­nales Gedenken (IPN), einer zentral­staat­li­chen Insti­tu­tion zur Doku­men­ta­tion, Erfor­schung und juris­ti­schen Aufar­bei­tung der unter natio­nal­so­zia­lis­ti­scher und kommu­nis­ti­scher Herr­schaft began­genen Verbre­chen. Nach der Wahl­nie­der­lage der PiS-Regierung im Oktober 2023 blieb Nawrocki im Amt, weil eine Abbe­ru­fung wohl am Veto von Staats­prä­si­dent Duda geschei­tert wäre.

Gedenk- und Wahl­jahr 2024-2025

Nawro­ckis Wahl zum Staats­ober­haupt erfolgte kaum einen Monat nach dem 80. Jahrestag des Kriegs­endes in Europa. Es handelte sich um den Höhe­punkt des Super­ge­denk­jahrs 2024/2025, in dem sich auch andere zentrale Ereig­nisse des Zweiten Welt­kriegs symbo­lisch jährten. Den Veran­stal­tungs­ka­lender haben die Reprä­sen­tanten der Bundes­re­pu­blik und Polens routi­niert absol­viert. Fest­zu­halten ist aber auch, dass viele Gedenk­tage getrennt begangen wurden. Zum 85. Jahrestag des deut­schen Über­falls auf Polen waren im September hoch­ran­gige deut­sche Vertreter gar nicht einge­laden. Ende Juli hatte Bundes­prä­si­dent Stein­meier für eine halb­her­zige Stipp­vi­site im Vorfeld des 80. Jahres­tags des Beginns des Warschauer Aufstands seinen Sommer­ur­laub nur kurz unter­bro­chen. Markus Söder durch­brach das Korsett der Jahres­tags­logik und vollzog im nass­kalten Dezember seinen in Polen wenig beach­teten Knie­fall vor dem Warschauer Denkmal der Ghet­to­helden. Mehr Aufmerk­sam­keit erhielt Olaf Scholz, der diesen April auf seiner Abschieds­vi­site in Polen mit der Ankün­di­gung eines Fonds zur Unter­stüt­zung der noch lebenden Betrof­fenen deut­scher Besat­zungs­ge­walt aufhor­chen ließ. Eine gesi­cherte Finan­zie­rung des seit Jahren in Planung befind­li­chen „Polen­denk­mals“ mit ange­schlos­sener Begegnungs- und Bildungs­stätte konnte er indes nicht vermelden.

Ange­sichts der Hoff­nungen auf einen Neustart erscheint die Bilanz des deutsch-polnischen Wahl- und Gedenk­jahrs 2024/2025 auf Ebene der „großen“ Politik mithin recht dürftig. In den Jahren zuvor hatte es das harsche Auftreten der PiS-Regierungen ihren deut­schen Gegen­übern leicht­ge­macht, in einer im Wesent­li­chen passiven Haltung zu verharren. Nach dem Regie­rungs­wechsel in Polen 2023 schien man im poli­ti­schen Berlin zunächst der Auffas­sung, histo­ri­sche Konflikt­themen wären nun recht leicht wegzu­mo­de­rieren. Zusammen mit der unin­spi­rierten Jahres­tags­rou­tine zeigte sich hier ein ziem­li­ches Maß gedank­li­cher Bequemlichkeit.

Die Hoff­nung auf ein Aussitzen histo­ri­scher Diffe­renzen kann sich bald als Bume­rang erweisen: Der zukünf­tige polni­sche Staats­prä­si­dent wird aufgrund seiner Vita geschicht­liche Deutungs­kämpfe viel konse­quenter führen als sein Vorgänger. Zudem sind die für die erin­ne­rungs­kul­tu­relle Radi­ka­li­sie­rung der PiS-Ära verant­wort­li­chen Netz­werke nicht verschwunden, sondern ledig­lich derzeit nicht in den Schalt­stellen der Macht vertreten. Sie verstehen es noch immer, die jetzige demo­kra­ti­sche Regie­rung in histo­ri­schen Belangen vor sich herzu­treiben. Kurz gesagt, es lässt sich unschwer prognos­ti­zieren, dass sich mit dem anste­henden Einzug eines promo­vierten Histo­ri­kers und geschichts­po­li­ti­schen Front­kämp­fers der Warschauer Präsi­den­ten­pa­last nicht in einen Ort des deutsch-polnischen Dialogs verwan­deln wird. Nawrocki hat mehr­mals deut­lich gemacht, dass er konse­quent hinter den Repa­ra­ti­ons­for­de­rungen gegen­über Deutsch­land steht. In einer in sechs Spra­chen veröf­fent­lichten Stel­lung­nahme verkün­dete er die Formel „Durch Repa­ra­tionen zur Versöhnung“.

Zwei Elefanten im Raum

Anhand der seit Jahren schwe­lenden Repa­ra­ti­ons­frage lässt sich verdeut­li­chen, vor welchen Heraus­for­de­rungen die geschichts­po­li­ti­schen Akteure in beiden Ländern stehen. Dabei geht es im Folgenden nicht um die juris­ti­sche oder ökono­mi­sche Bewer­tung der von Deutsch­land zu verant­wor­tenden Schäden aus Krieg und Besat­zung oder das mora­li­sche Anrecht Polens auf eine ange­mes­sene mate­ri­elle Wieder­gut­ma­chung. Denn: Mit dem 2022 vom polni­schen Parla­ment ange­nom­menen drei­bän­digen Bericht über die von Polen aufgrund des deut­schen Über­falls und der Besat­zung während des Zweiten Welt­kriegs 1939-1945 erlit­tenen Verluste betraten gleich zwei Elefanten den deutsch-polnischen Diskurs­raum. Zum einen handelt es sich um das im Bericht gezeich­nete grob­schläch­tige Bild der Bundes­re­pu­blik als Staat, dessen poli­ti­sche Klasse seit 1949 konti­nu­ier­lich und syste­ma­tisch jedwede Verant­wor­tungs­über­nahme für die deut­schen Verbre­chen in Polen verwei­gert hätte. Aus dieser unter­kom­plexen Verein­fa­chung lässt sich heraus­lesen, dass es den Verfech­tern der Repa­ra­ti­ons­for­de­rungen gar nicht um reale Zahlungen geht, sondern um die Instru­men­ta­li­sie­rung von Geschichte als poli­ti­sches Multi­funk­ti­ons­werk­zeug. Gesetzt den Fall, der Bundes­fi­nanz­mi­nister würde die gefor­derte Summe voll­ständig nach Polen über­weisen – würden die Ideen­geber des Berichts mit Sicher­heit längst ein neues Thema medial emotionalisieren.

Das zweite bislang unbe­spro­chene Thema betrifft die Behand­lung des Holo­causts, was ich im Folgenden genauer heraus­ar­beite. Es ist mir aber wichtig zuvor fest­zu­halten, dass die Verfasser des Berichts, vom schei­denden Präsi­denten Duda mit hohen Orden deko­riert, den Finger durchaus in einige wunde Punkte der deut­schen Posi­tion zum Stand der „Aufar­bei­tung“ der NS-Verbrechen in Polen legen. Zugleich verfolgen die Autoren jedoch eine poli­tisch findige wie frag­wür­dige Stra­tegie: Sie argu­men­tieren mit empi­risch beleg­baren Fakten und Zahlen, vermi­schen diese aber nach Bedarf mit Unter­stel­lungen, Halb­wahr­heiten und Emotionen.

Weil sich die öffent­liche Wahr­neh­mung aller­dings auf eine Gesamt­for­de­rung von rund 1,35 Billionen Euro konzen­trierte, wurden sie in Deutsch­land gar nicht bemerkt.

Der Umgang mit dem Holo­caust als Gretchenfrage?

Zu welchen Ergeb­nissen dies führen kann, verdeut­licht die Kontex­tua­li­sie­rung der von den Deut­schen geplanten und zu einem Groß­teil in Polen durch­ge­führten Ermor­dung der euro­päi­schen Juden im Bericht. Die Proble­matik besteht weniger darin, dass dieses poli­ti­sche Doku­ment den Holo­caust als nach­ran­giges Ereignis behan­delt, um die deut­schen Verbre­chen an der polni­schen Zivil­be­völ­ke­rung hervor­zu­heben. Schwerer wiegt, dass sich die Autoren einer selek­tiven Darstel­lung bedienen, wesent­liche Teile des Forschungs­stands igno­rieren und mit Zahlen manipulieren.

Dies ist bereits daran erkennbar, dass die Autoren nicht erklären, was ethni­sche, staats­bür­ger­liche und konfes­sio­nelle Zuge­hö­rig­keit im hete­ro­genen Vorkriegs­polen bedeu­tete. Diese Indif­fe­renz tritt deut­lich zutage, wenn an verschie­denen Stellen unkom­men­tiert die Termi­no­logie „Bevöl­ke­rung jüdi­schen“ bzw. „mosai­schen Bekennt­nisses“ für Juden verwendet wird. Zwar handelte es sich dabei auch um histo­ri­sche jüdi­sche Selbst­be­zeich­nungen, beson­ders jener, die ihre Zuge­hö­rig­keit zur polni­schen Nation betonten. Insge­samt wurde sie jedoch ledig­lich von einer relativ kleinen Gruppe verwendet und dies mitunter auch, um das negativ konno­tierte Wort „Jude“ zu umgehen. Im Kontext des Holo­causts ist diese unkom­men­tierte Verwen­dung der Vorkriegs­ter­mi­no­logie zumin­dest zu hinter­fragen, auch wenn man berück­sich­tigen muss, dass die Deut­schen viele Menschen als Juden ermor­deten, die erst von ihnen als solche rassis­tisch kate­go­ri­siert wurden.

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Selbst­ver­ständ­lich ist es völlig legitim, alle Opfer der deut­schen Besat­zung auf polni­schem Terri­to­rium aufgrund ihrer Staats­bür­ger­schaft als polni­sche Opfer zu subsum­mieren. Deren ethni­sche oder reli­giöse Selbst­zu­schrei­bung bleibt irrele­vant, solange es darum geht, die Gesamt­ver­luste Polens als Staat zu bezif­fern. Die Verfasser des Berichts führen diesen Zugang aber dann ad absurdum, wenn sie einzelne Bevöl­ke­rungs­teile hervor­heben, die beson­ders unter der deut­schen Besat­zungs­po­litik litten. Hier fokus­siert der Bericht plötz­lich auf ethnisch polni­sche und mehr­heit­lich katho­li­sche Gruppen. Andere Natio­na­li­täten und Minder­heiten, vor allem aber der jüdi­sche Bevöl­ke­rungs­teil, werden zu Rand­er­schei­nungen degra­diert, die man an opportun erschei­nenden Stellen zwar erwähnt, doch im Großen und Ganzen nicht in die Gesamt­be­trach­tung einbe­zieht. Daraus ergibt sich dann eine Gleich­set­zung der deut­schen Politik gegen­über Polen und Juden, die auf einer unklaren begriff­li­chen und analy­ti­schen Grund­lage basiert. Dies zeigt sich bereits in der schwam­migen Diffe­ren­zie­rung zwischen dem Ziel der „biolo­gi­schen Ausrot­tung“ (biolo­giczne wyniszc­zenie) der ethni­schen Polen und der „völligen Vernich­tung“ (całko­wita ekster­mi­nacja) der jüdi­schen Bevöl­ke­rung – eine Unter­schei­dung, die weder begriff­lich sauber defi­niert noch histo­risch über­zeu­gend herge­leitet ist.

Die konzep­tu­elle Inkon­sis­tenz des Berichts gebiert eine folgen­schwere Inkon­se­quenz. Denn die Autoren standen vor der Wahl: Entweder inte­griert man die Juden als Staats­bürger in die Besat­zungs­ge­schichte Polens, oder man beschränkt sich auf das Schicksal der nicht­jü­di­schen Polen. Die Verfasser bringen das Kunst­stück fertig, beides gleich­zeitig zu tun – ohne darauf zu verzichten, bei Bedarf die jüdi­schen Verluste als Variable mit in die Repa­ra­ti­ons­rech­nung aufzu­nehmen. Daraus ergeben sich inhalt­liche Fehler, ja Vertu­schungen. Dazu gehört etwa die Frage, wie die Verhal­tens­weisen polni­scher Bürger gegen­über den von den Deut­schen verfolgten Juden oder die Aneig­nung des Eigen­tums der ermor­deten Juden zu bewerten sei. Hier darf und kann es frei­lich keine Pauschal­ur­teile geben. Dies zeigen auch zahl­reiche Wissenschaftler*innen in Polen, die seit Jahr­zehnten diesen Aspekt des Holo­caust auf hohem Niveau unter­su­chen. Dass derlei Forschungen die deut­sche Verant­wort­lich­keit keines­wegs herun­ter­spielen ist mitt­ler­weile hinläng­lich heraus­ge­ar­beitet. Der Bericht verliert dazu kein Wort, addiert aber beispiels­weise die Toten des von Polen durch­ge­führten Pogroms von Jedw­abne (1941) ganz selbst­ver­ständ­lich und unkom­men­tiert zu den polni­schen Opfer­zahlen. In eine ähnliche Rich­tung weist die Methode, die in den Todes­la­gern der „Aktion Rein­hardt“ ermor­deten polni­schen Juden einer­seits in die Gesamt­zahl der Verluste (und deren demo­gra­phi­schen und ökono­mi­schen Folgen) einzu­be­ziehen, Lager in jedweder Form aller­dings in der dem Bericht ange­hängten „Liste der Verbre­chen­sorte“ auszusparen.

All diese Probleme waren den Verfas­sern durchaus bewusst. Wenige Wochen vor der Veröf­fent­li­chung wurde bekannt, dass der Histo­riker Bogdan Musial seinen Posten als Direktor des eigens einge­rich­teten Insti­tuts für Kriegs­ver­luste verlor, als er auf der Korrektur der inhalt­li­chen Mängel des Berichts bezüg­lich des Holo­causts bestand.

Zukunfts­auf­gaben

Der deut­schen Öffent­lich­keit genügte ein Blick auf die Gesamt­for­de­rung von rund 1,35 Billionen Euro, um die polni­schen Repa­ra­ti­ons­for­de­rungen als poli­tisch unlau­tere Opera­tion zu entlarven. Zu einer brei­teren Debatte kam es weder über die Unzu­läng­lich­keiten eigener lieb­ge­won­nener Posi­tionen noch über die tatsäch­li­chen konzep­tio­nellen Schwä­chen des Berichts. Drei Jahre nach dessen Annahme durch das polni­sche Parla­ment ist aber auch klar, dass die ange­spro­chenen Elefanten den polnisch-deutschen Porzel­lan­laden so schnell nicht verlassen werden. Selbst wenn es heute so scheint, handelt sich bei dem Bericht keines­wegs um ein Doku­ment aus längst vergan­gener Zeit. Es wurde von den heute in der Regie­rung befind­li­chen demo­kra­ti­schen Parteien mit über­wäl­ti­gender Mehr­heit mitge­tragen. Der Außen­mi­nister Rado­sław Sikorski bekräf­tigte im April 2024, Polen strebe selbst­ver­ständ­lich eine Form von „Wieder­gut­ma­chung“ für die von Deutsch­land hervor­ge­ru­fenen Schäden des Zweiten Welt­kriegs an. Selbst wenn Sikor­skis Worte vorrangig an ein inner­pol­ni­sches Publikum gerichtet waren, wäre es aus deut­scher Warte durchaus ratsam, sich einmal ernst­haft mit Inhalt und Inten­tion des Berichts ausein­an­der­zu­setzen. Nicht nur, um lieb­ge­won­nene eigene Gewiss­heiten zu hinter­fragen, sondern auch um einige kriti­sche Rück­fragen an die polni­sche Seite zu richten.

Aufgabe der poli­tisch Verant­wort­li­chen in Deutsch­land ist es nicht, ihren polni­schen Part­nern wohl­mei­nende Ratschläge zum Umgang mit dem Holo­caust zu geben. Sie müssen indes den Blick schärfen für die Nuancen der inner­pol­ni­schen Debatten. Schritte zu einer besseren Sicht­bar­ma­chung der nicht­jü­di­schen Opfer in der bundes­deut­schen Öffent­lich­keit zu unter­nehmen, ist wichtig und geboten. Aber warum geschehen derlei Akti­vi­täten immer nur auf polni­schen Druck hin? Warum schafft die Bundes­re­gie­rung zusätz­lich zu den bestehenden Förder­struk­turen nicht unbü­ro­kra­ti­sche Finan­zie­rungs­mög­lich­keiten für nied­rig­schwel­lige indi­vi­du­elle und zivil­ge­sell­schaft­liche Initia­tiven in beiden Ländern auf lokaler oder regio­naler Ebene? In Zeiten, in denen rechts­extreme Poli­tiker in beiden Ländern versu­chen Einfluss auf die öffent­liche Finan­zie­rung zivil­ge­sell­schaft­li­cher erin­ne­rungs­kul­tu­reller Initia­tiven zu nehmen, bedeu­tete dies auch einen symbo­li­schen Rück­halt für bürger­li­ches Enga­ge­ment in diesem Bereich. Das Gedenken an Zwangs­ar­beit, Depor­ta­tionen, Vertrei­bungen, Erschie­ßungen, Raub und Zerstö­rungen an den Wohn­orten der Menschen zu veran­kern ist ein viel größeres Gebot der Stunde als natio­nal­staat­liche Symbo­l­akte. Die Hinwen­dung zur Mikro­ge­schichte bietet die Chance zu verstehen, dass man die Geschichte des Holo­caust und seines heraus­ge­ho­benen Charak­ters nicht losge­löst von der Erfah­rung der Nicht­juden erzählen kann. Beides, der Holo­caust und die Besat­zungs­ver­bre­chen an Millionen Polen werden so für die heutigen Bewohner greifbar als histo­ri­sche Ereig­nisse, die jede einzelne Kommune in Deutsch­land und Polen betreffen. Ein solcher Zugang kann auch dazu beitragen, die Erin­ne­rungs­kultur an den Zweiten Welt­krieg offener für Menschen mit fami­liären Wurzeln außer­halb Deutsch­lands und Polens zu gestalten.

Eine Leis­tung kann man dem Bericht nicht abspre­chen: Er verdeut­licht, wie nötig gut finan­zierte und inter­na­tional vernetzte Forschungen zu den Folgen von Krieg und Besat­zung in Ostmit­tel­eu­ropa sind. Die möglichst genaue und belast­bare Fest­stel­lung von Opfer­zahlen und Kriegs­ver­lusten ist für den histo­ri­schen Fach­dis­kurs zwar nach­rangig, aber unab­dingbar in Zeiten, in denen Geschichts­fäl­scher unge­ahnte mediale Reich­weite erlangen können. Es wäre sicher ein Ausweis verant­wort­li­cher deut­scher Geschichts­po­litik, die nötigen finan­zi­ellen, insti­tu­tio­nellen und perso­nellen Ressourcen dafür bereit­zu­stellen, dass sich Forscher*innen in Deutsch­land, Polen und ganz Europa quel­len­ba­siert, metho­disch fundiert und ohne poli­ti­sche Einmi­schung an die Doku­men­ta­tion der mensch­li­chen und mate­ri­ellen Verluste des Welt­kriegs machen.

Die Beschäf­ti­gung mit den Repa­ra­ti­ons­for­de­rungen Polens bietet also viel­fäl­tige Chancen, sich mit der deut­schen Erin­ne­rungs­kultur und Geschichts­po­litik kritisch ausein­an­der­zu­setzen und Hand­lungs­op­tionen für die Zukunft zu entwi­ckeln. Wenn dies gelingt, behält Nawrocki mit seinem Credo „Durch Repa­ra­tionen zur Versöh­nung“ viel­leicht am Ende unge­wollt Recht?