Seit dem 7. Oktober ist der Antisemitismus so sichtbar und bedrohlich wie schon lange nicht mehr. Doch um ihn zu bekämpfen, reicht es nicht, ihn diffus den „anderen“ zu unterstellen, dem politischen Gegner oder den Zugewanderten. Ein Plädoyer für Genauigkeit.

  • Aleida Assmann

    Aleida Assmann lehrte von 1993-2014 Anglistik und Allgemeine Literaturwissenschaft an der Universität Konstanz. Zahlreiche Gastprofessuren führten sie ins Ausland. 2017 erhielt sie zusammen mit ihrem Mann Jan Assmann den Balzan Preis für ihre Forschungen zum Kulturellen Gedächtnis und 2018 ebenfalls zusammen mit Jan Assmann den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Zuletzt erschienen: Die Wiedererfindung der Nation. Warum wir sie fürchten und warum wir sie brauchen (2020).

Mit diesem Text nehme ich eine Auffor­de­rung von Yuval Noah Harari auf, die er in einem Inter­view mit ZEIT Online ausge­spro­chen hat. Am Ende wurde er nach seiner Hoff­nung gefragt. Darauf antwor­tete er: „Darüber können wir jetzt noch nicht reden, denn die Israelis und die Paläs­ti­nenser sind jetzt versunken in ihrem Schmerz und unfähig, den Schmerz und die Gefühle der anderen anzu­er­kennen. Aber ich erwarte das von Außen­sei­tern wie den Menschen in Deutsch­land. Seid nicht intel­lek­tuell faul und auch nicht emotional faul, indem ihr immer nur eine Seite dieser schreck­li­chen Realität seht! Haltet einen Raum offen für einen zukünf­tigen Frieden, weil wir diesen Raum jetzt gerade nicht offen­halten können.“

Anti­se­mi­tismus ist nicht gleich Anti­se­mi­tismus. Wir brau­chen drin­gend klarere Unterscheidungen

Wie verwirrt die deut­sche Gesell­schaft nach dem 7. Oktober im Umgang mit dem Anti­se­mi­tis­mus­be­griff ist, machte ein Inter­view mit Hubert Aiwanger (im BR am 27. 10.) deut­lich. Die Jour­na­listin frage ihn etwas naiv, was er vom Anti­se­mi­tismus in unserem Land halte. Seine Antwort war klar. Mit ihm habe das Problem natür­lich nichts zu tun, sondern allein mit denen, die in dieses Land einge­wan­dert seien. Er gebrauchte umge­hend die neue Formel vom ‚impor­tierten Anti­se­mi­tismus‘ und empörte sich pauschal über unkon­trol­lierte Zuwan­de­rung und die Gefahr, die inzwi­schen von den Migranten in Deutsch­land ausgehe. Mit seiner Antwort verband er einen scharfen Angriff gegen die Migra­ti­ons­po­litik der Ampel­ko­ali­tion, die er für dieses Problem verant­wort­lich machte.

Für diese Form der Argu­men­ta­tion hat der Sozio­loge Rainer Mario Lepsius den Begriff ‚Exter­na­li­sie­rung‘ geprägt. Durch Exter­na­li­sie­rung wird man eine Bürde los, indem man sie auf andere ausla­gert. Das Rezept hat wieder mal funk­tio­niert, denn einiges spricht dafür, dass man Aiwanger nicht trotz, sondern wegen des inkri­mi­nierten Flug­blatts aus seiner Jugend gewählt hat. Die Wähler:innen hat offen­sicht­lich beein­druckt, dass Aiwanger keine Reue gezeigt und sich nicht von seinen anti­se­mi­ti­schen Obszö­ni­täten distan­ziert hat, sondern sofort zum Angriff über­ge­gangen ist und von einer „Schmutz­kam­pagne“ gespro­chen hat. In ihrer Sicht hat sich Aiwanger seinen Stolz bewahrt gegen­über einer ernied­ri­genden Gesin­nungs­prü­fung und Pflicht­übung. Seine Dreis­tig­keit in der Abwehr hat offenbar vielen Wähler:innen impo­niert, die nicht hinter der deut­schen Erin­ne­rungs­kultur stehen und sie als eine mora­li­sche Gängelei beur­teilen. Mit Anti­se­mi­tismus kann man in Deutsch­land also Wahlen gewinnen! Es wäre naiv zu vermuten, dass die Wirkung der deut­schen Erin­ne­rungs­kultur mit Blick auf die Trans­for­ma­tion der Gesell­schaft aus sich heraus flächen­de­ckend und nach­haltig gewesen sei.

Wie lässt sich diese Haltung erklären? Das ist gar nicht so schwer. Viele Menschen in diesem Land leben nach wie vor in der Ära der Schlussstrich-Politik von Adenauer, Strauss und Kohl. Damals galt die Regel: Ab jetzt ist die NS-Zeit Geschichte, darüber wird nicht mehr gespro­chen, holt diese Vergan­gen­heit nicht immer wieder hoch, das müssen wir endlich vergessen!

Wer so denkt, und es sind wohl nicht wenige, hat eine Wende in diesem Land nicht mitge­macht, die in den 1990er Jahren einge­treten ist. Ich nenne sie die Wende vom Schluss­strich zum Tren­nungs­strich. Denn während sich durchs Vergessen nichts verän­dert und nichts verän­dern muss, bedeutet der Tren­nungs­strich das genaue Gegen­teil: aktive Erin­ne­rung an die NS-Zeit, Perspek­ti­ven­wechsel, Aufar­bei­tung und bewusste Distanznahme.

In der Berliner Synagoge Beit Zion am 9. November 2023 sagte Olaf Scholz:

Jede Form von Anti­se­mi­tismus vergiftet die Gesell­schaft. Dabei darf es nicht darauf ankommen, ob Anti­se­mi­tismus poli­tisch moti­viert ist oder reli­giös, ob er von links kommt oder von rechts, ob er sich als Kunst tarnt oder als wissen­schaft­li­cher Diskurs, ob er seit Jahr­hun­derten hier gewachsen oder von außen ins Land gekommen ist.

Das Beispiel Aiwanger aber zeigt, wie ein Anti­se­mi­tis­mus­be­griff den anderen über­la­gern kann. Deshalb brau­chen wir gerade drin­gend eine Entflech­tung dieser unter­schied­li­chen Anti­se­mi­tis­mus­be­griffe und ihrer Geschichten. Mein Vorschlag dazu besteht in einer Unter­schei­dung von drei Anti­se­mi­tis­mus­kom­plexen: dem einhei­misch rechts­extremen Anti­se­mi­tismus, dem musli­mi­schen Anti­se­mi­tismus und dem linken Antisemitismus.

Der einhei­mi­sche rechts­extreme Antisemitismus

… ist vom christ­li­chen Abend­land ausge­gangen und hat eine 2000-jährige Geschichte. Die Grund­kon­stante ist ein ursprüng­lich christ­lich moti­vierter Juden­hass, der sich in säku­larer Form über natio­na­lis­ti­sche Blut-und-Boden-Ideologien und rassis­ti­sche Verschwö­rungs­theo­rien fort­ge­setzt hat. Die Botschaft, dass Juden pauschal als die Wurzel allen Übels anzu­sehen seien, und zu unter­stellen, dass von ihnen eine beson­dere Bedro­hung für die ethnisch-genetische ‚Substanz‘ der Nationen ausgehe, wird heute in rechts­extremen Kreisen durch Hass­posts erneuert, von ‚Reichs­bür­gern‘ wieder­holt und über Rock­kon­zerte verbreitet. Nicht nur haben anti­se­mi­ti­sche Symbole und Schmie­re­reien in Deutsch­land stetig zuge­nommen, auch die Gewalt gegen Juden hat sich in diesem Land erheb­lich gesteigert.

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Obwohl der Juden­hass auch andere euro­päi­sche Nationen erfasst hat und in diesen Nationen einige als Helfer und Mitvoll­stre­cker an der Vertrei­bung und Ermor­dung von Juden betei­ligt waren, ging der Holo­caust eindeutig von Deutsch­land aus. Dieses unge­heure Mensch­heits­ver­bre­chen und diese Geschichts­last ist nach dem Krieg erst langsam in seinem ganzen Ausmaß sichtbar geworden und hat in Deutsch­land seit den 1990er Jahren eine neue Form der Erin­ne­rungs­kultur hervor­ge­bracht. Der Inhalt dieser Erin­ne­rungs­kultur umfasst drei Dimen­sionen: 1. Die Selbst-Verpflichtung zur Aufklä­rung über die histo­ri­sche Schuld und Verant­wor­tung für diesen ‚Zivi­li­sa­ti­ons­bruch‘ (ein Begriff, den der Histo­riker Dan Diner geprägt hat), 2. die Empa­thie mit den jüdi­schen Opfern überall auf der Welt und 3. die deut­sche Staats­räson, die darin bestehen soll, sich auch poli­tisch für die Sicher­heit der Juden in Israel einzusetzen.

Der rechts­extreme Anti­se­mi­tismus geht in der Regel mit Formen einer Holocaust-Leugnung, -Rela­ti­vie­rung oder -Trivia­li­sie­rung einher. Ein Beispiel war der Rechts­streit David Irving vs. Deborah Lipstadt in London im Jahre 2000. Auch um solchen Leug­nern Einhalt zu gebieten, wurde in Stock­holm im Januar 2000 eine trans­na­tio­nale Holocaust-Erinnerungs-Gemeinschaft (IHRA) gegründet, in der Deutsch­land eine beson­dere Rolle zukommt. Ihr Archi­tekt ist der israe­li­sche Histo­riker und Mitbe­gründer von Yad Vashem, Yehuda Bauer. Das Ziel dieser Erin­ne­rungs­ge­mein­schaft ist die gemein­same Selbst­ver­pflich­tung, die Erin­ne­rung an den Holo­caust im Sinne eines ‚Nie wieder!‘ über die Mill­en­ni­ums­schwelle in die Zukunft zu tragen und dafür zu sorgen, dass sie für nach­fol­gende Gene­ra­tionen in Gedenk­stätten, Museen und Bildungs­in­sti­tu­tionen veran­kert wird. Deutsch­land steht mit seiner großen und niemals zu tilgenden Schuld im Zentrum dieser IHRA, was verständ­li­cher­weise auch mit poli­ti­schen Verpflich­tungen einher­geht, sich für die Exis­tenz und Sicher­heit des Landes Israel einzusetzen.

Dank dieser fest etablierten insti­tu­tio­nellen Rahmen­be­din­gungen kann man davon spre­chen, dass heute etliche Staaten, und insbe­son­dere Deutsch­land, in einer ‚Post-Holocaust-Welt‘ leben. Das ‚Post‘ bedeutet in diesem Fall nicht nur ‚Danach‘, sondern auch ‚Im Schatten bzw. Einfluss­ge­biet von‘. Für die Deut­schen ist der Holo­caust zum zentralen histo­ri­schen Schlüs­sel­er­eignis geworden, das nicht ‚histo­risch‘ wird, weil es deut­sche Iden­tität dauer­haft bestimmt. Dieses Schlüs­sel­er­eignis bestimmt nicht nur die Vergan­gen­heit dieses Landes, sondern auch das Selbst­ver­ständnis seiner Bewohner:innen und ihre Zukunft. Ein Schlüs­sel­er­eignis ist mehr als ein Narrativ. Narra­tive sind Inter­pre­ta­tionen, die immer kontro­vers und austauschbar sind. Das Geschichts­er­eignis jedoch ist zu einem natio­nalen Grün­dungs­er­eignis geworden. So wie sich die Jüdinnen und Juden durch die Shoah als Jüdinnen und Juden neu konsti­tu­ieren mussten, haben sich die Deut­schen durch den Holo­caust neu konsti­tu­iert. Diesen Rahmen der Iden­ti­täts­prä­gung anzu­er­kennen, ist für die Politik des Landes ebenso verbind­lich wie für die Zuwan­derer, die in diesem Land eine neue Heimat gesucht haben und suchen.

Musli­mi­scher Antisemitismus

Juden­hass hat in der muli­mi­schen Geschichte keine beson­dere Rolle gespielt. Juden ebenso wie Musline wurden als Minder­heiten aus Spanien vertrieben und haben sich über lange Stre­cken fried­lich in der Diaspora mitein­ander arran­giert. Das änderte sich mit der Staats­grün­dung Israels im Nahen Osten. Inzwi­schen äußert sich auf musli­mi­schen Demons­tra­tionen auch ein neuer Juden­hass. Der hat histo­risch jedoch nichts mit dem christlich-europäischen Anti­se­mi­tismus zu tun. Deshalb müssen wir hier klarer zwischen Juden­hass auf der einen Seite und einer poli­ti­schen Reak­tion auf die Grün­dung des Staates Israel seitens der Nach­barn unter­scheiden. Die Muslime kennen in ihrer langen Geschichte keinen vergleich­baren Juden­hass und sind auch nicht (mit-)verantwortlich für den Holo­caust. Im Gegen­teil: Das einzige Land im Zweiten Welt­krieg in Europa, das keinen einzigen Juden ermordet oder ausge­lie­fert hat, war Alba­nien, so kann man auf der Home­page von Yad Vashem lesen. Was war der Unter­schied? Alba­nien war ein Land mit einer musli­mi­schen Regie­rung. Wir Deut­schen dürfen unseren Anti­se­mi­tismus deshalb nicht einfach auf die Paläs­ti­nenser proji­zieren, sondern haben im Gegen­teil die Verant­wor­tung, ihre beson­dere Geschichte und Lage unab­hängig von der unseren anzu­er­kennen. ‚Free Pales­tine from German guilt‘ – dieser Slogan ist also durchaus ernst zu nehmen: Statt die unter­schied­li­chen Geschichten – wie Clau­dius Seidl in der FAZ vom 25. Oktober 2023 – zu vermengen und zu über­blenden, sollten sie klarer ausein­an­der­ge­halten werden.

Wir Deut­schen wären gut beraten, so erklärte mir der jüdi­sche Kollege, deut­li­cher zwischen einer Post-Holocaust-Welt und einer Post-Nakba-Welt zu unter­scheiden, in der ganz andere Schwer­punkte gesetzt werden. Während 1945 mit der Befreiung der Konzen­tra­ti­ons­lager der Holo­caust endlich beendet wurde, fand drei Jahre später 1948 mit dem Unab­hän­gig­keits­krieg Israels vom Briti­schen Mandat die Grün­dung des Staates Israel statt. Dieses Ereignis war eine direkte Folge des Holo­caust, denn es war offen­sicht­lich geworden, dass den Juden nichts so sehr fehlt wie ein sicherer Hafen in einem eigenen Staat. Die Entste­hung dieses Staates Israel 1948 hatte aber eine Neben­wir­kung, die bis heute Probleme macht, und das war die Flucht und Vertrei­bung von 700.000 Palästinenser:innen, die seit Jahr­hun­derten in der Region lebten. Sie mussten Hals über Kopf ihre Häuser verlassen und bewahren seitdem die Schlüssel dieser Häuser als Symbole ihres (im wahrsten Sinne des Wortes) histo­ri­schen Schlüsselereig­nisses auf, die sie von Gene­ra­tion zu Gene­ra­tion weitervererben.

‚Shoah‘ ist das hebräi­sche Wort für Kata­strophe, ‚Nakba‘ ist das arabi­sche Wort für Kata­strophe. Das eine Wort bezieht sich auf die trau­ma­ti­sche Auslö­schung jüdi­schen Lebens und markiert mit dem Jahr 1945 das Ende der jüdi­schen Leidens­ge­schichte, das andere bezieht sich auf den trau­ma­ti­schen Verlust der Exis­tenz­grund­lage für paläs­ti­nen­si­sches Leben in der Region und markiert mit dem Jahr 1948 den Anfang einer paläs­ti­nen­si­schen Leidens­ge­schichte. Diese Begriffe und Ereig­nisse sind histo­risch eng mitein­ander verkop­pelt, da sie aber gegen­sätz­liche Schlüs­sel­er­eig­nisse unter­schied­li­cher Gruppen markieren, haben sie die starke Tendenz, sich gegen­seitig auszuschließen.

Der Anti­se­mi­tismus der Muslime richtet sich also nicht gegen die Juden als solche, sondern gegen den Staat Israel als Verur­sa­cher ihrer über drei Gene­ra­tionen erfah­renen Leidens­ge­schichte. Hier gibt es ein ganzes Spek­trum von Stimmen, ange­fangen mit den mode­raten Stimmen, die bereit sind, auf der Basis des Status Quo neue Regeln eines fried­li­chen Zusam­men­le­bens in ein oder zwei Staaten zu entwi­ckeln, aber es gibt auch radi­kale Stimmen, die das Exis­tenz­recht Israels grund­sätz­lich in Abrede stellen. So, wie die Rechts­extremen (inkl. Aiwanger) den Holo­caust leugnen oder verun­glimpfen, so ‚leugnen‘ diese radi­kalen Muslime den Staat Israel und bekämpfen ihn mit radi­kalen Vernichtungsparolen.

Dieser israel­be­zo­gene Anti­se­mi­tismus hat eine geno­zi­dale Qualität. Er wird aufge­laden durch einen reli­giösen Funda­men­ta­lismus, der von Iran ausgeht und gegen­wärtig die poli­ti­schen Bezie­hungen auf globaler Ebene unter Druck setzt. Die Situa­tion hat sich weiter verschärft, seit sich der Staat Israel auch zu einer ethno-nationalistischen und religiös-fundamentalistischen Politik bekennt. Die große Aufgabe wird darin bestehen, die Politik aus dieser religiös-fundamentalistischen Gewalt­spi­rale heraus­zu­holen und auf beiden Seiten mode­rate Stimmen zu Wort kommen zu lassen und Verhand­lungs­partner zu finden. Denn anstatt alle Paläs­ti­nenser von vorn­herein unter Gene­ral­ver­dacht des Anti­se­mi­tismus zu stellen und sie in ein einheit­li­ches Feind­bild zu pressen, wie es in den Medien immer öfter geschieht, und dieses Feind­bild dann auch noch mit unserem eigenen Anti­se­mi­tismus zu über­blenden, zerstört jede Möglich­keit einer De-eskalation.

Der linke Antisemitismus

… unter­scheidet sich vom musli­mi­schen Anti­se­mi­tismus durch seine säku­lare und poli­ti­sche Ausrich­tung. Die Grün­dung eines Natio­nal­staats Israel im Nahen Osten verstieß in der Wahr­neh­mung der Linken gegen die poli­ti­sche Ideo­logie des Kosmo­po­li­tismus, der natio­nale Bindungen grund­sätz­lich als reak­tionär oder triba­lis­tisch ablehnt und bekämpft. Aus der Perspek­tive der DDR zum Beispiel war Israel kein sicherer Hafen für dieje­nigen Juden, die dem Holo­caust entronnen waren, sondern ein Besat­zungs­staat, der die Paläs­ti­nenser unter­drückte. Die radi­kale Terror­or­ga­ni­sa­tion RAF (Rote Armee Frak­tion) koope­rierte in den 1970er Jahren eng mit der DDR und radi­kalen Gruppen im Nahen Osten und ließ sich in Lagern der PLO (der Paläs­ti­nen­si­schen Befrei­ungs­or­ga­ni­sa­tion unter Jassir Arafat) als Kämpfer ausbilden. Von diesem mili­tanten linken Anti­se­mi­tismus distan­ziert sich eine huma­nis­tisch ausge­rich­tete linke Kritik am Staat Israel, die Hass und Gewalt verur­teilt und sich für eine grenz­über­schrei­tende Soli­da­rität zwischen den Kriegs­par­teien einsetzt. Sie ist frie­dens­ori­en­tiert und wird für eine Über­win­dung der gegen­wär­tigen poli­ti­schen Ausweg­lo­sig­keit drin­gend gebraucht. Dieser Grup­pie­rung Anti­se­mi­tismus vorzu­werfen bedeutet, jegliche konstruk­tive Zukunfts­per­spek­tive von vorn­herein zu verbieten.

In der Post-Holocaust-Welt und in der Post-Nakba-Welt gibt es auf beiden Seiten gemä­ßigte sowie radi­kale Stimmen. Die einen sind auf die Möglich­keit eines fried­li­chen Zusam­men­le­bens ausge­richtet und auf der Suche nach einer gemein­samen Zukunft, die anderen schließen jegliche Form eines Mitein­ander aus und sind auf einen Endkampf einge­stellt. Für die Scharf­ma­cher gibt es hier nur ein Arma­geddon, ein klares Entweder Oder: Auf beiden Seiten wird die Perspek­tive des Anderen radikal ausge­blendet, und es werden keine Diffe­ren­zie­rungen zugelassen.

Solange ein diffuser Antisemitismus-Begriff als Drohung über allen schwebt, ist es unmög­lich, auch die Geschichte der Paläs­ti­nenser mit ins größere Bild hinein­zu­nehmen und Brücken zu schlagen zwischen der Post-Holocaust-Welt und der Post-Nakba-Welt. Die Kritik an der Regie­rungs­po­litik Netan­jahus darf nicht mit einer Aberken­nung des Exis­tenz­rechts des Staates Israel einher­gehen: Damit wäre eine rote Linie über­schritten. Die Loya­lität mit dem Staat Israel darf wiederum nicht so weit gehen, dass die Deut­schen aufgrund ihrer Schuld­ge­schichte blind werden für die Kosten einer gewalt­tä­tigen Expan­si­ons­po­litik, ganz egal, welche Namen man dafür erfindet. Denn hier geht es nicht um Worte und Nomen­kla­turen, sondern um die fort­schrei­tende Norma­li­sie­rung tägli­cher Gewalt, die nun in einem Krieg endete.

Verknüp­fung zwischen der Post-Holocaust-Welt und der Post-Nakba-Welt

Die meisten Deut­schen wissen inzwi­schen, was die Worte ‚Holo­caust‘ oder ‚Shoah‘ bedeuten, aber das Wort ‚Nakba‘ haben viele noch nie gehört. Es exis­tiert nicht in unserem Wort­schatz, in den Medien taucht es kaum auf. Und auch nicht in den Schulen. Das sitzen inzwi­schen sowohl jüdi­sche als auch paläs­ti­nen­si­sche Zuwan­derer mit unter­schied­li­chen Schlüs­sel­erfah­rungen. Wenn in der Schule von der Befreiung von Konzen­tra­ti­ons­la­gern im Jahr 1945 die Rede ist, so schreibt der deutsch-palästinensische Come­dian Abdul Chader Chanin, „dann sitzen drei oder vier paläs­ti­nen­si­sche Schüler in der Klasse und denken: „Willst du mich verar­schen? Erzähl mal weiter jetzt.“ Und wenn das dann nicht geschieht, sorgt das „für Resi­gna­tion bei Muslimen.“

Wo es um erfah­rene Unge­rech­tig­keit und Leidens­ge­schichten geht, die weiter­be­stehen, löst sich eine solche Geschichte mit der Zeit nicht einfach auf. Diese Geschichte von beiden Seiten kennen­zu­lernen, und unsere eigene Geschichte auch aus ihrer Perspek­tive wahr­zu­nehmen, könnte die Situa­tion sehr entspannen. Die deut­sche Erin­ne­rungs­kultur und mit ihr das Wissen und die Verant­wor­tung müssen sich erwei­tern und zusammen mit der Holo­caust­erin­ne­rung auch die Perspek­tive derer einschließen, die von den Auswir­kungen des Holo­caust bis heute indi­rekt betroffen sind. Nochmal Chanin:

Aber wenn du da weiter­gehst, das ändert alles. Ich kenne das selber, als zum ersten Mal Leute gesagt haben: Abdul, ich erkenne dein Leid an. Ich erkenne das Leid deiner Familie, deine Flucht an. Das hat dafür gesorgt, dass ich aufwei­chen konnte für die deut­sche Perspektive.

Eine klarere Diffe­ren­zie­rung der Anti­se­mi­tis­mus­be­griffe ist wichtig, weil sie der verbrei­teten Instru­men­ta­li­sie­rung des Begriffs für poli­ti­sche Zwecke entge­gen­wirken kann. Denn je unent­wirr­barer und aufge­la­dener ein Begriff ist, desto toxi­scher wird er. Von der nega­tiven Aura dieses diffusen Begriffs gehen Drohungen und Emotionen aus. Die Ziele, die damit verbunden sind, sind immer dieselben: Sie dienen der Erhal­tung von Macht durch Stei­ge­rung der Gewalt. Dass das lang­fristig jedoch genau die falsche Rich­tung ist, sollte inzwi­schen hinrei­chend klar geworden sein.