Von #Doppelstandards ist häufig die Rede, wenn es um einen Vergleich zwischen den Kriegen Russland/Ukraine und Israel/Gaza geht. Doch von wem und warum werden diese Kriege eigentlich verglichen?

Das ist ein „Doppel­stan­dard“ oder das ist „Doppel­moral“, so hieß es in den letzten Wochen häufig, wenn bei Protesten in Univer­si­täten gefor­dert wurde, die Koope­ra­tion mit israe­li­schen Univer­si­täten zu sistieren. Verwiesen wurde dabei darauf, dass hiesige Univer­si­täten zwar die Verträge mit Russ­land, nicht aber die mit Israel einge­froren hätten. Ich muss gestehen: Wenn ein Vergleich mit Russ­land gemacht wird, werde ich immer hell­hörig. Dies insbe­son­dere bei der Formu­lie­rung „Doppel­stan­dard“, einem der belieb­testen Propa­gan­da­nar­ra­tive der heutigen Putin-Regierung.

Doppel­stan­dards oder Doppel­moral zu iden­ti­fi­zieren kann sowohl ein Verfahren von Kritik sein als auch ein Verfahren von Propa­ganda und Desin­for­ma­tion unter dem Deck­mantel von Kritik. Während der Hinweis auf Doppel­moral aufzeigt, dass im Prinzip Vergleich­bares „mit zwei­erlei Maß“ oder mit „verschie­denen Ellen“ gemessen wird und entspre­chende Aussagen deshalb heuch­le­risch, hypo­kri­tisch oder bigott seien, enthält die Rede von „doppelten Stan­dards“ noch eine zusätz­liche Bedeu­tung. Sie wird vor allem als Signal­wort des geopo­li­ti­schen Kultur(en)kampfes verwendet, um eine heuch­le­ri­sche Beur­tei­lung bzw. Verur­tei­lung von Hand­lungen des globalen Südens oder Ostens (i.d.R. die Beur­tei­lung von Menschen­rechts­ver­let­zungen) durch den globalen Norden oder den soge­nannten Westen anzu­zeigen. Entspre­chend ist auch häufig von doppelten Stan­dards des globalen Nordens oder Westens die Rede.

In beiden Fällen ist der Hinweis nur dann kritisch, wenn es sich um eine Inter­pre­ta­tion vergleich­barer Gegen­stände handelt. Ist dies aber nicht der Fall, dann zwängt die Behaup­tung der Doppel­moral oder des Doppel­stan­dards völlig unter­schied­liche Dinge ins Korsett des Glei­chen. Man kann dann von einer stra­te­gi­schen oder takti­schen Miss­in­ter­pre­ta­tion spre­chen, die durch die mutwil­lige Gleich­set­zung über­haupt erst erzeugt wird.

Vergleichbar?

In Bezug auf die Sistie­rung der Verträge mit russi­schen und israe­li­schen Univer­si­täten hört sich die Rede von den Doppel­stan­dards so an: „Ich halte diese Doppel­stan­dards nicht aus. Wenn Russ­land die Ukraine angreift, ist das schreck­lich. Wenn Israel dasselbe tut oder sogar Schlim­meres, ist es okay“. Auch ein Kollege, der die Bericht­erstat­tung einiger Schweizer Medien über die Proteste an den Univer­si­täten kriti­sierte, dabei über wich­tige Fakten infor­mierte, u.a. darüber, dass „die israe­li­sche Armee […] alle 12 Univer­si­täten im Gaza­streifen zerbombt und dabei 5479 Studen­tinnen und Studenten, 95 Profes­so­rinnen und Profes­soren sowie 261 Dozie­rende getötet und mehrere Tausend schwer verwundet“ habe, wird im Infosperber anschlies­send mit der Über­schrift „Sie messen Israel und Russ­land mit zwei Ellen“ zitiert. In einem anderen Inter­view wird der Vergleich durch den Verweis auf einen Doppel­stan­dard der „geopo­li­ti­schen Allianz“ ergänzt. Ange­deutet wird, dass west­liche Kritik und der Boykott sich immer nur auf die „andere Seite“ richte, also auf den globalen Süden oder Osten.

Vergleiche invol­vieren, wie man hier sehen kann, nie nur eine Seite, sondern tun auch etwas mit der anderen, die beim Vergleich herbei­ge­zogen wird. Sie proji­zieren den Maßstab des Vergleichs – hier z.B. das Framing der „geopo­li­ti­schen Allianz“ – auch auf den Vergleichs­partner. Auf diese Weise erscheint auch die Sistie­rung der Verträge in Russ­land als Ergebnis geopo­li­ti­scher Interessen.

Mir geht es hier nicht darum zu leugnen, dass in Medien oder in der poli­ti­schen Argu­men­ta­tion Doppel­stan­dards verwendet werden, das ist in der Tat häufig der Fall, in unter­schied­li­chen Medien demo­kra­ti­scher Länder ebenso wie in den Staats­me­dien auto­kra­tisch regierter Länder. Und in all diesen Medien werden auch Doppel­stan­dards beklagt. Mir geht es viel­mehr darum zu fragen, warum ausge­rechnet die Kriege Russland/Ukraine und Israel/Gaza mit dem Verweis auf Doppel­stan­dards vergli­chen werden, obwohl sie doch kaum vergleichbar sind. Um nur ein Beispiel zu nennen: Die Verträge mit russi­schen Univer­si­täten wurden nicht sistiert, weil ukrai­ni­sche Univer­si­täten ange­griffen worden sind oder weil russi­sche Univer­si­täten Waffen entwi­ckeln, sondern vor allem weil sich die Rekto­ren­kon­fe­renz in Russ­land und mit ihr 700 Universitätsrektor:innen bereits am 4. März 2022 offen und öffent­lich zum Krieg gegen die Ukraine bekannt haben! Der Brief der Rekto­ren­kon­fe­renz begann mit den Worten: „Russ­land hat die Entschei­dung getroffen, die acht­jäh­rige Konfron­ta­tion zwischen der Ukraine und dem Donbass endlich zu beenden, eine Entmi­li­ta­ri­sie­rung und Entna­zi­fi­zie­rung der Ukraine durch­zu­setzen und sich so vor einer wach­senden mili­tä­ri­schen Bedro­hung zu schützen. […] Die Univer­si­täten waren stets eine Stütze des Staates. Unser vorran­giges Ziel ist es, Russ­land zu dienen.“

Die russ­län­di­schen Univer­si­täten waren zu poli­ti­schen Akteuren des Krieges geworden. Man stelle sich umge­kehrt – da es ja um Vergleich­bar­keit geht – einen solchen Brief israe­li­scher Univer­si­täten vor …

Doppel­stan­dard als Medienkritik

Für mich war die Rede vom Doppel­stan­dard lange Zeit ein russi­sches Propa­gan­da­nar­rativ. Vor meiner Recherche für diesen Artikel war mir nicht bewusst, wie präsent das Wort Doppel­stan­dard in Memes und Schlag­zeilen in sozialen Netz­werken und z.B. in State­ments des BDS (Boycott, Dive­st­ment and Sanc­tions) ist, wenn es um einen Vergleich zwischen den beiden Kriegen geht. Über­ra­schend war zudem, dass der Vergleich der beiden Kriege nicht erst nach dem 7. Oktober 2023 einsetzte, sondern bereits mit dem Angriff Russ­lands auf die Ukraine. Der Vergleich ist zunächst eine Reak­tion auf die Bericht­erstat­tung der west­li­chen „Main­stream­m­e­dien“ über den Angriffs­krieg gegen die Ukraine. 

Die Memes zielen grob gesagt auf zwei angeb­liche Darstel­lungen beider Kriege: Eine erste Gruppe von Memes spielt auf die Erzeu­gung von Hass oder Gleich­gül­tig­keit gegen­über Kriegs­hand­lungen an, ein Bild, datiert von 2021, vermehrt verbreitet im März 2022 auf Social Media, tut so, als würden die west­li­chen Medien Hass gegen die russi­schen Angriffe erzeugen, bei israe­li­schen Angriffen auf Gaza aber so berichten, dass man einschlafe. Dabei wird jeweils mit dem glei­chen Bild operiert, nur die Flagge wird ausge­tauscht, so als seien die Bilder austauschbar.

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Quelle: fb

Zu sehen ist auch, dass nicht die Kriegs­hand­lung selbst die Gefühle erzeugt, sondern die Darstel­lung der west­li­chen Medien es sein muss, die den Hass auf Russ­land schürt: ein Narrativ, das Russ­land seit 2014 aktiv verbreitet. In Russ­land heißt es, die west­li­chen Medien, wozu auch ukrai­ni­sche Medien gehören, „setzen Russ­land mit bestia­li­schem Hass unter Druck“ und verbreiten Videos, deren allei­nige Absicht es sei, nega­tive Emotionen gegen­über Russ­land zu wecken.

Quelle: mondoweiss.net

Im zweiten Bild von 2022 wird sugge­riert, dass die Kritik am russi­schen Krieg gegen die Ukraine von US-amerikanischer Seite aus beju­belt, im Fall von Gaza hingegen stets als Anti­se­mi­tismus abge­wertet werde.

Quelle: fb

Eine zweite Gruppe von Memes konzen­triert sich auf den Vergleich von Selbst­ver­tei­di­gung und Terro­rismus. Mit Verweis auf das Stich­wort Doppel­stan­dards wird auf eine gezielte Miss­in­ter­pre­ta­tion von Vertei­di­gung und Wider­stand verwiesen. Die starke Verein­fa­chung erzählt jedoch den tatsäch­li­chen Terro­rismus der Hamas weg bzw. lässt ihn als west­liche Inter­pre­ta­tion erscheinen. Dass Wider­stand stra­te­gisch als Terro­rismus inter­pre­tiert wird, ist indes ein wich­tiges Thema, aber ist es tatsäch­lich vor allem die Praxis west­li­cher Medien? In Russ­land jeden­falls ist es Alltag. Dort werden z.B. sowohl Regimekritiker:innen, NGOs und seit dem 22. März 2024 auch die inter­na­tio­nale LGBTQ-Bewegung auf die Terro­ris­mus­liste gesetzt. Wenn aber tatsäch­lich Terro­rismus durch den IS im eigenen Land verübt wird, wie eben­falls am 22. März 2024 beim Attentat auf ein Konzert in der Nähe Moskaus, dann wird dieser Terro­rismus in den staat­li­chen Medien der Ukraine als Strip­pen­zie­herin untergeschoben.

Der impli­zite Rassismusvorwurf

Quelle: mondoweiss.net

Einige der hier genannten Memes stammen von der Seite mondoweiss.net. Das ist eine US-amerikanische anti­zio­nis­ti­sche Nachrichten-Seite, die 2006 als persön­li­cher Blog des Jour­na­listen Philip Weiss gegründet wurde und häufig State­ments des BDS über­nimmt. Die Rede von Doppel­stan­dards ist in den Arti­keln der Seite omni­prä­sent. Im Januar 2024 wird dort auch der Univer­si­täts­boy­kott als Doppel­stan­dard genannt: „By contrast, when Russia invaded Ukraine in early 2022, colleges and univer­si­ties cut their part­ner­ships and finan­cial ties with Russia within weeks. […] Though Israel is also ille­gally inva­ding Gaza and targe­ting civi­lian popu­la­tions, univer­si­ties have stayed silent. “

Aber schon seit Beginn des russi­schen Angriffs­kriegs ist es auf der Seite üblich, diesen mit der Situa­tion in Paläs­tina zu verglei­chen. Das Verhältnis zu Russ­land ist dabei ambi­va­lent, der Krieg wird miss­bil­ligt, aber es wird auch, u.a. am 17. März 2022 darüber berichtet, dass die Paläs­ti­nen­si­sche Auto­no­mie­be­hörde sich trotz des Drucks der Regie­rung Biden gewei­gert habe, „Russ­land nach dessen Einmarsch in der Ukraine zu verur­teilen“. Als Grund dafür wird ange­geben, dass ein „Beitritt zum west­li­chen Anti-Russland-Chor das bereits isolierte Paläs­tina weiter isolieren würde“, d.h. man fürchtet, die russi­sche Unter­stüt­zung zu verlieren.

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Auch hier domi­niert wieder die geopo­li­tisch ‚kultu­ra­li­sierte‘ Perspek­tive, die auch die Haltung gegen­über Russ­land betrifft. Ganz in der Schub­lade vom „west­li­chen Anti-Russland-Chor“ erfolgt die Bericht­erstat­tung von Beginn an als ein Vergleich, der auf eine Kritik am Westen und nicht als Kritik an Russ­land adres­siert ist. In einem persön­li­chen Bericht etwa wird diese Perspek­tive emotio­na­li­siert, wenn von einer „Bitter­keit“ berichtet wird, die aus der Enttäu­schung „über die Reak­tion auf Russ­lands Angriff auf die Ukraine“ resul­tiert. Es heißt wieder: „Russ­land macht mit der Ukraine das, was Israel mit Paläs­tina macht, aber Russ­land ist der Böse­wicht und Israel der Gute. […] Und die ukrai­ni­schen Wider­stands­kämpfer sind Helden, aber die Paläs­ti­nenser sind Terroristen.“

Diese Kritik an der Bericht­erstat­tung west­li­cher Medien wird mitunter zusätz­lich als verlet­zend (harmful) und belas­tend (exhaus­ting) markiert, weil die Unter­stüt­zung der Ukrainer:innen, die als „,zivi­li­sierte‘, blond­haa­rige und blau­äu­gige Menschen“ gezeigt würden, aus rassis­ti­schen Motiven erfolge. Es handle sich bei der Aufnahme der Geflüch­teten um die „herz­liche Aufnahme weißer Geflüch­teter“, so in einem zitierten BDS State­ment, oder um den „media’s racist double stan­dard on Pales­tine“, so in einer Head­line auf der schon zitierten Website. Doch wenn die Wut und die Rede vom Doppel­stan­dard stets an die west­liche Bericht­erstat­tung adres­siert werden, nimmt man in Kauf, auch das Mitge­fühl mit den Ukrainer:innen als rassis­ti­sches Gefühl oder als ein verlet­zendes Gefühl für andere zu inter­pre­tieren. Wer sich die geopo­li­ti­sche Brille aufsetzt, scheint vor allem nur deshalb in Rich­tung Süden oder Osten zu sehen, um im Rück­spiegel Kritik am Westen bzw. an west­li­chen Medien üben zu wollen.

„Doppel­stan­dard für Dummköpfe“

In Russ­land ist die Rede vom Doppel­stan­dard Kern­aus­sage der Propa­ganda, beson­ders häufig ist die Rede von einer „Politik der doppelten Stan­dards“ beim Vergleich zwischen der Okku­pa­tion der Krym und der Unab­hän­gig­keit des Kosovo, die, wie es heißt, vom Westen aner­kannt wurde, die „Unab­hän­gig­keit“ der Krym jedoch nicht.

Es ist Putin höchst­per­sön­lich, der das Stich­wort verwendet. Er bezeich­nete „west­liche Regeln und Verfahren“ als „Doppel­stan­dard für Dumm­köpfe“, und zwar ausge­rechnet in seiner Rede anläss­lich der feier­li­chen Unter­zeich­nung des Abkom­mens über die „Einglie­de­rung ukrai­ni­scher Gebiete in russ­län­di­sches Terri­to­rium“. Bezogen ist der Doppel­stan­dard hier auf das Inter­na­tio­nale Völker­recht. Doch indem Putin es als Gesetz für Dumm­köpfe abwertet, kann er seine Verbre­chen als Kampf gegen ein neoko­lo­niales System, das auch das Völker­recht hervor­bringt, umdeuten. Im Original hört sich das so an: „Gleich­zeitig spre­chen sie von einer neuen Welt­ord­nung, deren Wesen eigent­lich dasselbe ist: Heuchelei, Doppel­moral, Ansprüche auf Exklu­si­vität, auf globale Domi­nanz, auf die Erhal­tung eines im Wesent­li­chen neoko­lo­nialen Systems“, so Putin auf einem Treffen mit Vertre­tern der reli­giösen Verei­ni­gungen Russlands.

Putin versucht also auch hier, den Krieg gegen die Ukraine als Wider­stands­kampf gegen eine kolo­niale Welt­ord­nung zu inter­pre­tieren, um die eigene impe­riale und kolo­niale Geschichte und Gegen­wart und die eigenen geopo­li­ti­schen Inter­essen auszu­blenden. Dabei wird ein Doppel­stan­dard fest­ge­stellt, der genau genommen nichts anderes als selbst die Herstel­lung und Behaup­tung eines Doppel­stan­dards ist.

Aber auch innen­po­li­tisch werden gerne Doppel­stan­dards ausge­macht, etwa wenn Putin behauptet, dass das Vorgehen der Ordnungs­kräfte in Russ­land (oder auch in Belarus) von der west­li­chen Presse beklagt werde, in euro­päi­schen Ländern aber „mit Gummi­ge­schossen auf Menschen geschossen, Menschen die Augen ausge­sto­chen werde, Menschen auf der Straße sterben, Wasser­werfer einge­setzt werden, Tränengas“. Auf diese Weise können Unter­schiede zwischen Demo­kratie und Auto­kratie als vorge­heu­chelt einge­ebnet werden und die Repres­sion in Russ­land als völlig vergleichbar darge­stellt werden. 

Mit anderen Worten, das wesent­liche Merkmal des „kollek­tiven Westens“, eine Formu­lie­rung, die Putin seit einigen Jahren zu einem Master­n­ar­rativ ausge­weitet hat, ist der Doppel­stan­dard, ist Heuchelei. Mit dem Attribut „kollektiv“ unter­streicht Putin zudem eine Homo­ge­nität, die über die vorhan­dene poli­ti­sche Ausein­an­der­set­zung zwischen linken, rechten, konser­va­tiven und libe­ralen Strö­mungen hinweg­sehen soll, ja, die dem erfun­denen Konstrukt „Westen“ einen auto­kra­ti­schen Anstrich verleihen soll.

Auch in Bezug auf Paläs­tina und Israel schreibt die russi­sche Presse häufig von Doppel­stan­dards. Lavrov kriti­sierte am 28. März 2024 in einem Inter­view den Doppel­stan­dard der UN und der OSZE gegen­über den Paläs­ti­nen­sern. Er kriti­siert die Unver­hält­nis­mä­ßig­keit der israe­li­schen Reak­tion auf den Terror­an­schlag der Hamas als eine durch das Völker­recht verbo­tene kollek­tive Bestra­fung des paläs­ti­nen­si­schen Volkes, wobei er es ablehnt, sich auf das Völker­recht zu berufen, wenn es um den eigenen Angriff auf die Ukraine geht. Auch hier dient die Klage vom Doppel­stan­dard dazu, selbst auf der Basis eines Doppel­stan­dards zu argumentieren.

Wie Ksenija Poluektowa-Krimer, Histo­ri­kerin mit den Schwer­punkten Juda­istik und Holo­caust­for­schung, analy­siert hat, wird der Doppel­stan­dard auch auf anderen Ebenen bemüht. So verhöhnen russi­sche Propagandist:innen ausge­wan­derte Russ:innen, die sich in Israel nieder­ge­lassen haben, mit dem Begriff des Doppel­stan­dards, weil sie ihnen unter­stellen, Russ­land wegen des Krieges verlassen zu haben und dabei in ein Land gezogen zu sein, „das ständig Krieg führt“. Auch hier geht es darum, etwas heraus­zu­pi­cken, um etwas anderes nicht zu sagen, nämlich dass Menschen Russ­land verlassen, weil Putin eine neue Diktatur geschaffen hat, die zudem anti­se­mi­tisch agiert, indem sie u.a. Regimekritiker:innen als Jüd:innen markiert. Poluektowa-Krimer schreibt, dass die Desin­for­ma­ti­ons­kam­pagne vom Doppel­stan­dard den Angriffs­krieg Russ­lands gegen die Ukraine rela­ti­vieren soll: „Die Kampagne verbreitet die Vorstel­lung von ,doppelten Stan­dards‘, indem die west­liche Verur­tei­lung des russi­schen Angriffs­krieges gegen die Ukraine der angeb­lich allsei­tigen Guthei­ßung der israe­li­schen Boden­ope­ra­tion gegen die Hamas gegen­über­ge­stellt wird.“ Die Kritik an ihrer autoritär-faschistischen Politik wird als „west­lich“, russo­phob und neoko­lo­nial bezeichnet, sie wird kulturalisiert.

Wie die russi­sche Regie­rung von der Doppelstandard-Rhetorik profi­tieren will, leuchtet unmit­telbar ein. Die Doppelstandard-Vorwürfe wollen keine Kritik an histo­risch gewach­sener Ungleich­heit, Ausbeu­tung oder Unter­drü­ckung des Westens üben, sondern vom russi­schen Impe­ria­lismus ablenken, indem sich Russ­land, wie auch Poluektowa-Krimer fest­stellt, als „Anführer des Globalen Südens zu posi­tio­nieren“ versucht.

Boykotte und Boykotte

In Bezug auf Paläs­tina ist die Rede vom Doppel­stan­dard auch typisch für die Rhetorik des BDS, wenn es um Boykotte geht. Wegen der „geopo­li­ti­schen Allianz“ richtet man die Kritik nicht gegen das impe­riale Russ­land, sondern verur­teilt den west­li­chen Blick auf Russland.

In einem State­ment gegen Doppel­stan­dards werden die Boykotte gegen Russ­land vom BDS als „hyste­risch“ und „diskri­mi­nie­rend“ gedeutet, als „alar­mie­rend frem­den­feind­lich und iden­titär“ oder, um den Kalten Krieg zu re-adressieren, als „McCarthy’sche Boykotte“, die „gewöhn­li­chen Russen aufgrund ihrer Iden­tität oder ihrer poli­ti­schen Ansichten aufer­legt werden“ und „daher im Wider­spruch zu den ethi­schen Grund­sätzen der BDS-Bewegung“ stünden. Diese Inter­pre­ta­tion, die im State­ment noch fort­ge­setzt wird, indem angeb­liche Boykotte russi­scher Filme, kultu­reller Persön­lich­keiten (z.B. Dostoevskij) genannt werden, über­nimmt schlicht russi­sche Propa­ganda. Hier wird mit dem Doppel­stan­dard nicht Verschie­denes als gleich inter­pre­tiert, sondern Ähnli­ches als verschieden. Doch das gelingt nur dann, wenn die Boykotte gegen Russ­land zusätz­lich als frem­den­feind­lich und ille­gitim inter­pre­tiert werden.

Das Framing Ost vs. West (Kalter Krieg bis heute) und Globaler Norden vs. Globaler Süden ist kein Werk­zeug, mit dem man die oft viel­fäl­tigen Verknüp­fungen poli­ti­scher, ökono­mi­scher und reli­giöser Akteur:innen noch adäquat analy­sieren kann. Es handelt sich viel­mehr um Frames, die sich mehr für ideo­lo­gi­sche Inter­pre­ta­tionen als für notwen­dige Diffe­ren­zie­rungen und Unter­schiede eignen. Der geopo­li­ti­schen Brille ist es egal, welche Parteien jeweils regieren, sie erfasst keine Unter­schiede zwischen poli­ti­schen Systemen, zwischen rechten, linken oder libe­ralen oder alter­na­tiven Medien, sie lässt sich stets von der Unter­schei­dung Westen vs. Osten, Globaler Süden vs. Globaler Norden leiten, in der Regel, um Kritik am Westen bzw. Globalen Norden zu üben. In einer solchen Logik wird auch mal über­sehen, dass Russ­land nicht anti­im­pe­ria­lis­tisch oder deko­lo­nial ist, auch wenn es mit aller Macht versucht, dieses Narrativ über sich in den Globalen Süden zu expor­tieren. Das führt dann dazu, dass z.B. einzelne Palästinenser:innen mit Putin­pla­katen gegen kolo­niale Unter­drü­ckung demons­trieren. Die geopo­li­ti­sche Brille erkennt auch die Netz­werke der funda­men­ta­lis­ti­schen Kultur­krieger nicht, die sich nicht für geopo­li­ti­sche Blöcke inter­es­sieren, sondern längst global agieren. Wenn es um Anti­gen­der­po­litik oder LGBTQ-Panik geht, da klopfen sich diverse Dikta­toren, reli­giöse Fundamentalist:innen und rechts­po­pu­lis­ti­sche Parteien im Westen auf die Schul­tern und fragen nicht nach der Zuge­hö­rig­keit zum Block. Die geopo­li­ti­sche Brille macht auch blind für die Kultu­ra­li­sie­rung des Poli­ti­schen. Sie arbeitet mit daran, den Versuch, Kritik an poli­ti­schen Systemen, Regimen oder Akteuren stets als eine Kritik an einem Land, einem Volk, einer Kultur oder einer Reli­gion zu inter­pre­tieren. Es ist diese Logik, in der Kritik am russi­schen poli­ti­schen Regime als russo­phob darstellt wird, oder Kritik an der rechten Regie­rung in Israel als antisemitisch.

Wer demo­kra­ti­sche paläs­ti­nen­si­sche Anliegen tatsäch­lich unter­stützen will bzw. wer die Politik der rechten israe­li­schen Regie­rung kriti­sieren will, sollte aller­dings auf den Hinweis mit den Doppel­stan­dards in Bezug auf den russ­län­di­schen Krieg gegen die Ukraine verzichten, sonst bekommt das Anliegen und die Kritik mehr als nur den Beigeschmack Putin­scher Rhetorik.