„Don’t judge me“ – diese Zurückweisung moralischer Urteile aller Art zieht sich durch die Lyrics vieler Pop-Songs der erweiterten Gegenwart, wörtlich oder sinngemäß. Sie findet sich in Hedonismus-Reflexionen (Beyoncé, „II Hands II Heaven“, 2024). Sie taucht oft in Texten auf, die von sexistischen Urteilen und Bewertungen handeln, die sich die Öffentlichkeit über die Stars, ihr Leben und ihre Körper erlauben zu können meint (Ariana Grande: „Yes, and?“, 2024; Billie Eilish: „Not my responsibility“, 2020). Auch in Eifersuchts- und Fremdgeh-Dramen ist sie präsent (Beyoncé: „Jealous“, 2013; Chris Brown: „Don’t Judge Me“, 2012). Nicht wenige der Texte rufen nach Akzeptanz, sogar Fürsorge: „Don’t Judge Me, Take Care of Me“ heißt es bei FKA Twigs („Don’t Judge Me“ ft. Headie One und Fred Again, 2021). Bereits Tupac Shakur verbat sich Urteile über sein Leben – in seinem Fall, weil es aufgrund der sozialen Verhältnisse gewalttätiger war, als er es sich wünschte: „Only God Can Judge Me“ (1999).

„FKA Twigs“, CC BY 2.0 Bobo Boom, Quelle: Wikimedia
Die positive Message von „Du bist gut genug“, dem deutschen Internet-Viralitätswunder des Frühsommers 2026 (KitschKrieg feat. Blumengarten und Shirin David), ist wiederum die Selbstakzeptanz – und damit, auf andere Weise, ebenfalls das Nicht-Urteilen und Nicht-Bewerten. In Shirin Davids Rap-Part heißt es dort „Jeder bewertet, kaum geht’n Girl ihren Weg“. An dieser Stelle machen sich die negativen Urteile der Öffentlichkeit am selbständigen weiblichen Lebensentwurf fest: „Für mich ist das Schwerste erst Familie oder Karriere (okay) / Ich entschied mich für das Zweite wie Elisabeth die Erste / Glaub mir, Boy, schwer wiegt das Haupt, das die Birkin trägt“.
Anti-Judgementalism als (pop-)kulturelles Thema

„Billie Eilish“, CC BY 2.0 crommelincklars, Quelle: Wikimedia
Das singende oder rappende Ich der Gegenwart will und muss sich, mal eher formelhaft, mal sehr ernsthaft, ständig vor den Urteilen anderer – seien es Partner:innen, Hörer:innen, unbekannte Dritte, Über-Ichs oder andere Autoritäten – schützen oder sich gegen sie behaupten. Durch die popularisierte Rhetorik einer Ethik der normativen Enthaltsamkeit ist das Beurteilen und Bewerten in besonderem Masse zum Gegenstand von Problematisierungen geworden. Seit einiger Zeit hat sich in der informellen Sprache im Deutschen in diesem Sinne der Anglizismus „judgen“ etabliert – wie in: „du solltest da nicht so viel judgen“. Er wird verwendet, um ein unangebrachtes Urteilen über andere Leute zu kritisieren, ob es um deren ungesunde Ernährung, unvorteilhaft sitzende Kleidung, unsympathische Ausstrahlung oder um überflüssige Kurzstreckenflüge geht. Wichtig für die Verwendung des Anglizismus in der deutschen Alltagssprache ist, dass es sich hier um etwas dezidiert Moralisches dreht: Das englische judging wird oftmals mit „verurteilen“ übersetzt und als bedeutungsvolles, negatives moralisches Urteil verstanden. Schon Pierre Bourdieu betonte, dass bewertende Urteile z.B. über Kleidungs- und Körperstile in den Klassen- und Klassifikationskämpfen des sozialen Raums moralisch aufgeladen sind und zugleich als Platzzuweisungen fungieren – hier fließen das (Alltags-)Ästhetische, das Moralische und das Soziale zusammen. Manchmal wird nicht nur Verhalten „gejudgt“, auch Personen können als „judgy“ gelten, weil sie zur Kritik und Abwertung anderen gegenüber neigen. Neu ist die Formel natürlich nicht, wie der Blick in die Bibel zeigt, auf die beispielsweise 2Pac offensichtlich anspielte: „judge not, lest ye be judged“.
Der „Anti-Judgementalism“, wie man das Prinzip hinter der Formel nennen könnte – ein Anglizismus scheint uns hier gegenstandsadäquat – bildet nicht nur ein Leitmotiv der zeitgenössischen transnationalen Pop(musik)kultur, er findet sich auch der populären Self-Help-Psychologie und im Alltagsverstand. Auch auf Social-Media-Plattformen florieren sowohl der Judgementalism, die viel beklagte Neigung, schnelle Urteile über andere zu treffen, als auch, als Reaktion darauf, der Anti-Judgementalism. Wir haben es mit einem übergreifenden kulturellen Thema zu tun, für das uns die Popmusik-Texte zeitdiagnostisch sensibilisieren.
Modi der Moralisierungskritik
In einem weiteren Sinn lässt sich dieser Anti-Judgementalism auch als popkulturelle und lebensweltliche Variante der publizistisch vieldiskutierten Moralisierungskritik verstehen, also einer Kritik am Ausgreifen moralischer Argumente und Bewertungen in Bereiche, in denen sie unangebracht seien. Dabei nimmt der populäre Anti-Judgementalism aber anders akzentuierte Problematisierungen vor als die Debatten in Feuilletons, politischer Publizistik und akademischer Philosophie, die sich im letzten Jahrzehnt um Moralismus, moralische Selbstgerechtigkeit, „Hypermoral“ und ihre vermeintlichen Trägermilieus („Die Selbstgerechten“ usw.) entsponnen haben – und die mittlerweile ihrerseits historisiert und politisch-theoretisch nachbearbeitet werden.
Popmusik lässt sich an dieser Stelle – durch die Star-Personae, durch Songs, die mit der Musik verbundenen körperlichen Ausdrucksformen und Praktiken, durch Subkulturen und Szenen – als Komplex kultureller Formen verstehen. Im Sinne von Raymond Williams analytischem Begriff einer structure of feeling zeichnen sich neue Arten und Weisen des Wahrnehmens, Fühlens und Denkens hier früher ab als anderswo. Zugleich setzt die Popkultur lebensweltliche Orientierungspunkte, die für die Subjekte nicht zuletzt deshalb bedeutsam sind, weil sie als emphatisch zeitgenössisch gelten können. Der Anti-Judgementalism verbindet die Welt der Popstars mit der von uns, ihren Hörer:innen. Das Bedürfnis, sich angenommenen oder tatsächlichen Urteilen und Bewertungen zu entziehen, zeigt sich hier auf eine eigene Weise – nicht zuletzt durch ein kritisches Idiom, das es z.B. ermöglicht, über „hater“ zu sprechen und deren Angriffe zu delegitimieren. Die Situation weiblicher Stars, die in der Öffentlichkeit und unter ständigem Bewertungsdruck stehen und sich mit popfeministischen Argumenten gegen Kritik oder Spott verwehren, ist da nur die Spitze des Eisbergs.
Um uns einen umfassenderen Eindruck von den Verwendungskontexten der kritischen Rede vom „Judgen“ und „Verurteilen“ im popkulturell durchdrungenen Alltag zu verschaffen, und um Zusammenhänge zwischen Popmusik, Lebenswelt und dezidiert politischen Diskurssträngen nachverfolgen zu können, haben wir neben Songs weitere Quellen durchleuchtet, in denen das Motiv auftaucht. So haben wir uns mit Self-Help-Literatur und mit politischen Kommentaren aus den Moralismusdebatten der letzten Jahre beschäftigt, insbesondere zur Covid-19-Pandemie, als die Frage des moralischen (Ver-)Urteilens eine besondere Virulenz bekam. Eine weitere Quelle sind Transkripte zu ca. 30 Interviews, die Julian Schmitzberger um 2020/21 im Rahmen seiner Forschung zu Clubkultur und zum Feiern-Gehen in deutschen Großstädten geführt hat, in denen das Bewerten und Judgen in verschiedenen Kontexten thematisiert wird. Über die verschiedenen Quellen hinweg liessen sich vor allem zwei wiederkehrende Modi von Anti-Judgementalism ausmachen.
Vulnerabilität zwischen Emanzipationsstreben und Selbstfürsorge
Eine Variante des Zurückweisens von Bewertungen und Urteilen, die wir als emanzipativ-progressiv umschreiben, findet sich besonders häufig in den Interviews der Studie zum urbanen Nachtleben. Sie nimmt die Vulnerabilität des eigenen Selbst zum Ausgangspunkt und tendiert sowohl ins Politische als auch ins Therapeutische. Dieses Verständnis vertritt beispielsweise die 22-jährige Lena (wir bleiben hier bei Vornamen, da die Gespräche in einer vertrauten Atmosphäre stattfanden). Für Lena ist ein guter Club, in dem elektronische Musik gespielt wird, idealerweise ein „Safe Space“, an dem man „sein kann, wie man ist, ohne gejudgt zu werden“. Solche Clubs heben sich, aus ihrer Sicht, durch ihre gelebte, diskriminierungsfreie Moral vom sonstigen Alltagsleben ab. Vor allem Gesprächspartnerinnen geben an, dass sie sich beim „Feiern“ weniger taxierenden Blicken ausgesetzt fühlen, weniger belästigt werden und zudem weniger das Gefühl hätten, Vorurteilen und Zuschreibungen ausgesetzt zu sein. Die Festschreibung auf stereotypen Rollenerwartungen und Klischees kann so zumindest für den Moment überwunden werden. Diese Selbstentfaltungserfahrung ist individualisiert, zugleich ist sie – fast nahtlos – mit Diskursen verbunden, in denen es gesellschaftliche Dominanz- und Herrschaftsverhältnissen sind, die dem eigenen Genießen und der so verstandenen Emanzipation entgegenstehen. Das Tanzen im Club bekommt aus dieser Sicht eine geradezu kritische Qualität, im Sinne einer (Gegen-)Kritik an hegemonialen Normierungen, wie sie in „Urteilen“ zum Ausdruck kommen. Auch in der Popmusik wird das von der eigenen Vulnerabilität ausgehende Emanzipationsversprechen des Nichtverurteilens aufgegriffen und progressiv codiert. Beispielsweise wenn FKA Twigs im bereits erwähnten Song „Don’t Judge Me“ singt: „Don’t judge me, be there for me / Don’t judge me, just hold me in your arms“ und ihre Verletzlichkeit sehr persönlich zum Ausdruck bringt. Das Video, der Rap-Part und diverse Paratexte verbinden die Erfahrung der Schwarzen Künstlerin mit der Erfahrung, der strukturellen Gewalt rassistischer Verhältnisse ausgeliefert zu sein.
Eine wesentlich unpolitischere, aber dennoch verwandte Variante findet sich in Self-Help- und Achtsamkeitsdiskursen, z.B. in Podcasts, in denen Akzeptanz und Urteilslosigkeit eingefordert und das Urteilen noch einmal prinzipieller verdammt werden. Hier gilt das Werten, Beurteilen und Verurteilen an sich als schädlich – auch und gerade für die wertenden, urteilenden Personen selbst. Das Problem mit den negativen Urteilen über andere bestehe darin, dass sie das eigene Wohlbefinden und das anderer sowie die eigene Selbstentfaltung behindern. Die Bezugnahme auf Vulnerabilitäten, die auf strukturelle Ungleichheiten zurückgehen, die überwunden werden sollen, weicht hier einer generalisierten Selbstfürsorge, die über allem anderen steht. Diese individualisierte Self-Care-Variante des Anti-Judgmentalism schwingt in vielen heutigen Verwendungen ebenso sehr mit wie die politisch-emanzipatorische, manchmal verschmelzen sie auch miteinander.
Souveränität zwischen Trotzhaltung und kulturellem Backlash
Beim eher libertären Modus der Kritik negativer moralischer Urteile steht dagegen die Souveränität der Sprechenden im Vordergrund. Illustrieren lässt sich diese Haltung anhand des 20-jährigen Fabian, einem weiteren Interviewpartner aus der Nachtleben-Studie. Als das Gespräch auf die zu Covid-Zeiten geltenden Kontaktbeschränkungen kommt, beteuert er, er halte sich grundsätzlich an die Vorschriften. Zugleich räumt er ein, dass er immer wieder Ausnahmen mache und auch schon illegale Raves mit veranstaltetet habe. Er sieht sich deshalb zu einer Rechtfertigung genötigt und betont: „Ich lasse mich dafür auch nicht verurteilen!“. Tatsächlich sei er „schon ein paar Mal mit Leuten aneinandergeraten, wenn die meinten: ‚Ja, ist das nicht voll unnötig, probiere doch deine Kontakte einzuschränken.‘ Ich war so: ‚Yo, tut mir leid, aber wer bist du, dass du mir mein Leben vorschreiben möchtest?‘“ Seinen Kritiker:innen unterstellt er Heuchelei: Sie würden ihn verurteilen, seien bei anderen Themen aber nicht annähernd so konsequent wie er, der sich vegetarisch ernährt und dem Fast-Fashion-Shopping und dem Vielfliegen entsagt. Schließlich fordert er ein Recht auf einen selbstbestimmten Umgang mit moralisch aufgeladenen (auch rechtlichen) Regeln ein, im Zweifelsfall auch ein Recht auf Regelbrüche, im Sinne der Selbstbestimmung und des „Common Sense“ – und eines ebenfalls popkulturell und in der Informalität des Alltagslebens fundierten Hedonismus. Fabian erkennt an, dass die Gegenseite gewichtige epidemiologische Argumente anführen kann, letztlich möchte er aber, ohne dafür kritisiert zu werden, selbst entscheiden, was für ihn richtig ist.
Solche Perspektiven erfuhren in der Corona-Krise eine starke öffentliche Resonanz. Beispielsweise wandte sich ein Tagesanzeiger-Kommentar 2021 gegen einen allzu kritischen Blick auf Öffnungsforderungen, die mehr Infektionen und Tote in Kauf genommen hätten: „Das sind legitime Ansichten, die man nicht verurteilen sollte“. In solchen Argumenten drängt das Nichturteilsgebot die Details und die Implikationen von Auseinandersetzungen um konkretere Policies – hier im Sinne des Infektionsschutzes – in den Hintergrund; die mögliche Verletzung der moralischen Integrität und Souveränität der kritisierten Sprecher:innen ist relevanter. Die Haltung ähnelt derjenigen, die Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey als „Gekränkte Freiheit“ (2022) umschrieben haben; sie verknüpft den lebensweltlichen Anti-Judgementalism direkter mit den Kulturkämpfen rund um den vielbeschworenen Moralismus.

Fler Maskulin, CC BY-SA 4.0 MEMO FILIZ, Quelle: Wikimedia
Im popmusikalischen Kontext finden sich vergleichbare Rhetoriken weniger beim Covid-Thema als in Verteidigungen eines selbstgerechten Hedonismus, etwa wenn die Kritik sexistischer Inhalte belächelt und zurückgewiesen wird („Wir singen ‚Layla‘, egal, ob euch das passt oder nicht!“). Bei Fler – der sich politisch seit langem gerne anti-links präsentiert – und Bass Sultan Hengzt, Berliner „Straßenrappern“, heißt es 2022 in „Gangster vor dem Rap“ ganz amoralisch-antimoralistisch, kulturkämpferische Themen wie Klima- und Tierschutz aufgreifend: „Wäre Greta ausm Ghetto, würd’ sie Benzer fahr’n / In meiner Canada Goose steckt eine Gänsefarm.“ Hier ist es der ökologisch fragwürdige, selbstbewusst prollige Konsum-Habitus, der sich einer legitimen moralischen Bewertung entzieht, weil er einem unterprivilegierten Milieu entspringe – ein tendenziell „kritisches“ milieusoziologisches Argument, gegen progressive Forderungen gewendet.
Anti-Judgementalism und die Kulturkämpfe der Gegenwart
Was lässt sich aus diesen Beispielen für Varianten des Anti-Judgmentalism zeitdiagnostisch schlussfolgern? Zunächst zeigt sich, dass weder in der Popmusik noch in den von ihr durchdrungenen Lebenswelten einfach ein „moralistisches“ Lager einem „antimoralistischen“ und „realistischen“ gegenübersteht. Vielmehr werden aus unterschiedlichen Positionen „falsche“, als übergriffig wahrgenommene moralische Urteile kritisiert. Das beinhaltet jeweils eigene Moralreferenzen: Im ersten Modus sind vor allem althergebrachte moralische Normen das Problem; im zweiten dagegen wird tendenziell die Common-Sense-Moral verteidigt, man wendet sich eher gegen diejenigen, die mit Bezügen auf abstrakt-universalistische Werte und Rechte das kritisieren, was gelebt wird und Bestand haben sollte. Die basale Unterscheidung dieser zwei Formen von Moralismuskritik mag schematisch sein, aber sie schafft einen Überblick, der in Debatten über Moralisierungskritik oftmals fehlt. Bei all ihren Unterschieden teilen die Modi des Anti-Judgmentalism zumindest formal eine gemeinsame Grundfigur: die Abwehr der moralischen Urteile anderer zugunsten einer selbstbestimmten, letztlich in erster Linie individuellen und dem eigenen Flourishing förderlichen Definition des Richtigen, Zumutbaren oder Authentischen. Das in diesem Sinn generalisierte Nichtbeurteilungsgebot hat, wie seine biblische Herkunft zeigt, eine lange Geschichte, es reagiert aber auch auf eine Gemengelage von zeit- und konstellationsspezifischen Dynamiken.
Erstens steht es im Kontext von ethisch-politischen Aufladungen und moralischen Anrufungen im Alltag, die als Angriffe oder Überforderungen verstanden werden: In der Gegenwart werden viele Menschen dazu angehalten, die individuelle Ethik als zentrale Transformationsstrategie aufzufassen, um die Welt zu verbessern – insbesondere in Sachen Ressourcenverbrauch und Antidiskriminierung. Gewissermaßen spiegelverkehrt behauptet der rechtspopulistische Diskurs, es seien übergriffige Verletzungen der moralischen Integrität unbescholtener, „normaler“ Menschen, die deren Gewalt gegen Minderheiten und „Gutmenschen“ zur bloßen Selbstverteidigung machen.
Zweitens haben die Social-Media-Plattformen, auf denen wir uns, unsere Qualitäten und unsere Originalität performen, eine Praxis des ständigen Klassifizierens, Bewertens und Urteilens veralltäglicht – eine Logik, der Stars sehr viel früher ausgesetzt waren als Normalsterbliche und sicherlich weiterhin in stärkerem Masse ausgesetzt sind. Auch in Bildungs-, Arbeits- und Konsumkontexten sind digitalisierte „Rankings“ und verwandte Formen von Bewertungen allgegenwärtig, wie z.B. Marion Fourcade und Kieran Healy in „The Ordinal Society“ (2024) gezeigt haben. Auch das erzeugt Gegenbewegungen.
Zum dritten richtet sich der aktuelle Anti-Judgementalism – in einer von individuellen Emanzipations- und Glücksansprüchen sowie für kategoriale Ungleichheiten sensibilisierten Welt – gegen den Druck durch „fremdbestimmende“ gesellschaftliche Normen und Normierungen. Sie werden als Angriffe auf das Selbst und seine Integrität erlebt, die es dann zu bearbeiten gilt: politisch, im Stile von Selbsthilfediskursen oder durch die Verteidigung dessen, was andere kritisch als Privilegien bezeichnen. Die Formen von Normativität, die mit diesen Ansprüchen verbunden sind, fallen höchst unterschiedlich aus: Sie umfassen mehr oder weniger geteilte moralische Gebote, gelegentlich auch geltende Gesetze, immer wieder aber auch ästhetische Normen oder Performanz-Gelingens-Bewertungen. Durch die Subsumierung unter die Anti-Judging-Rhetorik und den damit verbundenen Diskurs werden sie einander angeglichen. Solche Zusammenführungen sind nicht per se falsch: Emanzipatorische Bewegungen, nicht zuletzt feministische und antirassistische, haben dominanzgesellschaftliche Beurteilungs- und Beschämungskriterien mit guten Gründen als auch psychologisch folgenreiche Machtmittel entlarvt. Die Anrufungen an die Subjekte der Gegenwart, sich in Konkurrenzsituationen durchzusetzen, angesichts knapper Ressourcen und Positionen etwas aus sich zu machen, durch die strukturelle Multioptionalität zu navigieren, aber auch moralisch auf der richtigen Seite zu stehen, spitzen diese Situation zu und erzeugen ihre eigenen Paradoxien, die u.a. als moralische „Urteile“ erlebt werden.
Die Anti-Judgementalismen, die sich popmusikalisch artikulieren, sind also nicht zufällig so vielen Menschen plausibel. Sie ermöglichen spezifische Formen der Problematisierung eines sowohl persönlichen wie auch gesellschaftlichen Unbehagens, deren Implikationen (und auch Grenzen) wir an dieser Stelle skizzieren wollten. Letztendlich soll aber kein Urteil über den Anti-Judgmentalism als solchen stehen, aus offensichtlichen Gründen. Das letzte Wort soll stattdessen Dolly Parton haben: „We’re all God’s children. I don’t judge. I’m not God. We’re supposed to be less judgmental and accept and be kind and love one another.“
Dieser „empfindsame“ Anti-Judgementalismus scheint mir wie so vieles aktuell dem um sich greifenden strukturellen Narzissmus zu entspringen, der das eigene Selbst als so besonders hypertrophiert, dass es sich jeder universalistischen Normativität entzieht. So kann dann „links“ wie rechts alles legitimiert und jede Kritik daran als unangemessen delegitimiert werden