Im Laufe des Jahres 2023 kam es in Israel zu einer beispiellosen Bewegung von Reservesoldat:innen, die sich weigerten, ihren Militärdienst zu leisten. Dies geschah im Rahmen der Massenproteste gegen die von der Regierung angedrohte „Justizreform“, die darauf abzielte, die demokratischen Institutionen des Landes zu zerstören. Die Reservesoldat:innen, die das Rückgrat des israelischen Verteidigungsapparats bilden, standen an der Spitze des Widerstands gegen dieses Vorhaben. Tausende weigerten sich öffentlich, unter der ultrarechten Regierung zu dienen, die ihrer Meinung nach zunehmend zu einem autoritären Regime wurde. Hochrangige Offiziere, Veteranen aus Eliteeinheiten und Luftwaffenpiloten kündigten an, Befehle zu verweigern, und lösten damit die schwerste Krise militärischer Autorität in der israelischen Geschichte aus. Diese Bewegung war nicht nur ein Ausdruck politischer Opposition, sondern eine grundlegende Infragestellung des automatischen Gehorsams, der Israels allgegenwärtige Militärkultur lange geprägt hatte.
Ab dem 7. Oktober 2023, als die Hamas bei ihrem Terrorangriff etwa 1100 Israelis tötete und rund 250 Geiseln nahm und in den Gazastreifen entführte, verschwand dieser Widerstand jedoch vollständig. Dieselben Reservist:innen, die noch wenige Monate zuvor ihre Weigerung erklärt hatten, unter einer aus ihrer Sicht illegitimen rechtsextremen Regierung zu dienen, meldeten sich nun in Rekordzahlen. Innerhalb weniger Tage und Wochen beteiligten sich Hunderttausende Israelis aktiv an Militäroperationen (oder unterstützten sie passiv), die mit gravierenden Verstößen gegen das Völkerrecht einhergingen. Entscheidend ist, dass die Akzeptanz der militärischen Maßnahmen erhalten blieb – obwohl die Regierung ihre Kampagne gegen die demokratischen Institutionen Israels weiterführte und trotz der zunehmenden Beweise für Kriegsverbrechen, für Verbrechen gegen die Menschlichkeit und aus Sicht Vieler sogar für Völkermord an der palästinensischen Bevölkerung im Gazastreifen.
Vom Widerstand zur Komplizenschaft
Das durch die Verbrechen der Hamas verursachte Trauma reicht nicht aus, um die dramatische Wandlung vom Widerstand zur Komplizenschaft bei Gräueltaten ausreichend zu erklären. Wie kann eine demokratische Gesellschaft so schnell von beispiellosen Protesten zu beispiellosem Schweigen übergehen? Warum zeigen sich so viele willig, systematische Verbrechen stillschweigend oder offen zu unterstützen oder sich sogar aktiv an Kriegsverbrechen zu beteiligen?
In unserem Buch „Lexikon der Brutalität: Schlüsselbegriffe aus dem Gaza-Krieg“ (auf Hebräisch im Pardes-Verlag, 2025) haben wir die diskursiven Mechanismen untersucht, die es der Öffentlichkeit gestatten, die in Gaza begangenen Verbrechen zu unterstützen oder sich gar daran zu beteiligen – die sprachlichen und kulturellen Instrumente, die das Unvorstellbare normalisieren und Massengräuel gesellschaftlich akzeptabel machen. Die gesellschaftliche Unterstützung und Beteiligung wird durch die Übernahme des Regierungsdiskurses gefördert, der anschließend in alltäglichen Interaktionen reproduziert und verbreitet wird, sei es am Esstisch, in Lehrerzimmern, in Supermärkten und so weiter.
Die verharmlosende Sprache bezieht nicht nur die Öffentlichkeit in staatliche Gewalt ein, sondern erleichtert auch die Umsetzung der Regierungspolitik. In diesem Sinne wird der gesellschaftliche Diskurs zu einem ‚Käfig‘, der das Denken einengt und den Raum für Dissens einschränkt. Der gewalttätige gesellschaftliche Diskurs, der sich in Israel in den ersten Tagen und Wochen nach dem 7. Oktober entwickelte, schürte den „Rally-‚round-the-flag“-Effekt, der in vielen Nationen in Kriegszeiten zu beobachten ist und der Beteiligung an gewaltvollen Konflikten öffentliche Legitimität verleiht. Wir haben es mit einer systematischen semantischen Verschleierung gewalttätiger Handlungen zu tun. Sie fand in den letzten zwei Jahren in Israel in extremer Weise statt und kann als bewusste Strategie angesehen werden, sich gegen das stattfindende menschliche Leid zu immunisieren. Wenn Minister dazu aufrufen, „Gaza dem Erdboden gleichzumachen“, verbirgt sich hinter dieser Redewendung die reale Möglichkeit, Gebäude über den Köpfen ihrer Bewohner:innen zu zerstören. Wenn Politiker:innen aus Mitte- und Rechtsparteien von „freiwilliger Migration“ sprechen, dem derzeit gebräuchlichen technisch-demografischen Begriff, oder von der Errichtung einer „Riviera“ in Gaza, so sind dies letztlich Umschreibungen des Vorhabens, eine ganze Bevölkerung aus ihren im Krieg zerstörten Häusern zu vertreiben. Hinter dem Begriff „Kollateralschaden“ verbergen sich die Gesichter toter Frauen, Männer und Kinder. Die sprachliche Neutralisierung von Brutalität ermöglicht die Ausweitung und Eskalation des Krieges. Wie George Orwell in seinem Essay „Politics and the English Language“ (1946) bemerkte: „Die politische Sprache – und mit Abweichungen gilt dies für alle politischen Parteien, von den Konservativen bis zu den Anarchisten – ist darauf ausgelegt, Lügen wahrhaftig und Mord respektabel klingen zu lassen und reinem Geschwätz den Anschein von Solidität zu verleihen.“
Diese diskursiven Mechanismen wirken zusammen mit ebenso mächtigen wirtschaftlichen Kräften. Um diese soll es uns hier nun gehen. Denn die wirtschaftliche Transformation des Militärdienstes zeigt, wie materielle Anreize nicht nur Gehorsam, sondern auch aktive Beteiligung an Gräueltaten erkaufen können und so eine Kriegswirtschaft schaffen, die das Wohlergehen von Hunderttausenden Israelis an die Fortsetzung des Krieges bindet.
Die Währung des „Reserve Duty Day“
Der Mechanismus, der dieser Transformation zugrunde liegt, ist sowohl einfach als auch tiefgreifend. Während des Gaza-Krieges entstand in Israel eine neue wirtschaftliche Währung, bekannt als „reserve duty day“ (RDD), eine staatliche Vergütung für einen Tag Reservedienst. Der RDD ist nicht nur eine Zeiteinheit, sondern eine Form von Währung, mit der der Staat die aktive Partnerschaft seiner Bürger:innen bei seinem Projekt der Zerstörung und Vernichtung im Gazastreifen erkauft.
Dieser Mechanismus funktioniert wie folgt: Der Staat zahlt einzelnen Reservist:innen fast 29.000 israelische Schekel (etwa 7.400 Euro) pro Monat, damit sie sich „freiwillig“ zum Reservedienst melden. Zum Vergleich: Der Mindestlohn in Israel betrug 2025 pro Monat 6.248 Schekel (1.596 Euro), während das Durchschnittsgehalt aller Branchen 14.800 Schekel (3.781 Euro) erreichte. Der RDD bietet somit fast das Fünffache des Mindestlohns und fast das Doppelte des nationalen Durchschnitts. Er konkurriert damit direkt mit den Hightech-Gehältern, die seit langem den Goldstandard für prestigeträchtige israelische Jobs bilden.
Der RDD ist kein neuer Mechanismus. Er basiert auf der Tatsache, dass ein großer Teil der israelischen Gesellschaft (hauptsächlich jüdische Männer im Alter von 21 bis 45 Jahren) formell einer militärischen Reserveeinheit zugewiesen ist und potenziell zum Dienst einberufen und gemäß der RDD-Werteskala entschädigt werden kann. Seit dem 7. Oktober hat die staatliche Entschädigung für den Reservedienst jedoch drei größere Änderungen erfahren, die einen unvergleichlichen wirtschaftlichen Anreiz schaffen.
Erstens gibt es den beispiellosen Umfang des Militärdienstes, beispiellos aufgrund der Zahl der eingeschriebenen Soldaten wie auch aufgrund der Dauer der jeweiligen Einsätze. Zweitens, und das ist der bedeutendste Punkt, hat die Armee mit den sogenannte „open order“ eine neue Art von Einberufungsbefehl eingeführt, um mit der enormen Zahl von Reservist:innen und den damit verbundenen Belastungen für sie und ihre Familien umzugehen. Diese neue Form des Reservedienstes ermöglicht es den Betroffenen, nur wenige Stunden zu arbeiten und dennoch den vollen monatlichen Sold zu erhalten. Die Soldat:innen verdienen also das volle Reservistengehalt, können aber gleichzeitig zum Teil einer zivilen Beschäftigung nachgehen. Drittens führte der Staat zusätzliche Prämien und Sozialleistungen für Reservist:innen ein, die sich auf einen Zuschlag von 20 bis 30 Prozent für längere Dienstzeiten belaufen.
Die praktische Umsetzung dieses Systems führt zu einer Art „militärischer Gig-Economy“. Diese stellt eine bedeutende Neuerung in der modernen Kriegswirtschaft dar (oder was in der Vergangenheit als militärischer Keynesianismus angesehen wurde): RDD als öffentliche Bestechung von Privatpersonen. Die Flexibilität dieses Systems der „offenen Befehle“ wird durch die Erfahrung eines 34-jährigen Reservisten veranschaulicht: Dieser beschrieb, wie Soldaten RDDs nutzten, um Vorräte für die Grillparty der Einheit zu kaufen. Dafür registrierten sie den Metzger, von dem sie das Fleisch bezogen, als Reservisten, so dass dieser einen Anspruch auf 30 Tage Reservistenbezüge erhielt. Anstatt ihn in Schekel zu bezahlen, bezahlten sie ihn in RDD.
Zu den zusätzlichen wirtschaftlichen Anreizen gehören Prämien für längere Reservezeiträume (10-20 Prozent Prämie pro Diensttag über 60 Tage pro Jahr), kostenlose psychologische Behandlung und ergänzende Gesundheitsversorgung, Familienzuschläge und kostenlose regelmäßige Urlaube in verschiedenen israelischen Ferienorten.
Dieses System schafft ein Netzwerk von Interessen, das wachsende Teile der Bevölkerung erfasst und ein kollektives Mitwirken an der Regierungspolitik intensiviert. Der Umfang dieses Netzwerks ist beträchtlich. Schätzungen zufolge waren im ersten Kriegsjahr über 300.000 israelische Reservist:innen im Einsatz, von denen viele noch immer für längere Zeit dienen und direkt in die Kriegswirtschaft eingebunden sind. Laut Militärdaten leisteten diese 300.000 Personen im Jahr 2024 einen durchschnittlichen Dienst von 120 Tagen, was einer Beteiligungsquote von bis zu 16 % der relevanten Bevölkerung entspricht (jüdische Männer im Alter von 21 bis 45 Jahren, abzüglich der Ultraorthodoxen, die keinen Militärdienst leisten). Der Anteil ist so groß, dass er einen wesentlichen Teil der Gesellschaft mit einbezieht.
Als Gegenleistung für diese Entschädigung erhält der Staat weit mehr als nur militärische Arbeitskraft zur Umsetzung seiner Politik. Er erlangt etwas noch Wertvolleres, nämlich Teilhabe, Unterstützung und gesellschaftliche Legitimität. Der RDD fungiert sowohl als Währung als auch als Vertrag, als wirtschaftliche Bindung, die das Wohlergehen des Einzelnen an die Fortsetzung der Militäroperationen und ihrer Verbrechen knüpft. Das System ist strategisch darauf ausgelegt, eine breite Legitimation für die Zerstörung des Gazastreifens zu erreichen. Es ist integraler Bestandteil einer politischen Strategie, die darauf abzielt, die Beteiligung der Zivilbevölkerung an Militäroperationen genauso wie ihren Profit an ihnen zu intensivieren. Dieser ‚ökonomische Käfig‘ kommt zu dem oben genannten ‚diskursiven Käfig‘ hinzu. Gemeinsam halten sie die israelische Gesellschaft gefangen und schaffen Anreize, den politischen Vorgaben der Regierung zu folgen.
Komplizenschaft und die Transformation der israelischen Gesellschaft
Die psychologischen und sozialen Dimensionen dieses ‚ökonomischen Käfigs‘ sind ebenfalls wichtig. Für den Reservisten, der ein hohes Monatsgehalt bezieht, wird es psychologisch und wirtschaftlich schwierig sein, die Kriegsverbrechen zu kritisieren, an denen er beteiligt ist oder die er miterlebt. Seine Familie, die in Zeiten wirtschaftlicher Unsicherheit von einem stabilen und respektablen Einkommen profitiert, wird weniger Motivation haben, sich gegen Militäroperationen, einschließlich systematischer Gräueltaten, zu stellen. Seine Freund:innen werden weniger geneigt sein, jemanden zu kritisieren, der sein Privatleben opfert, auch wenn er davon finanziell profitiert. Die sozialen Kreise jedes Reservisten – Familie, Freund:innen, Kolleg:innen und Nachbarn – werden zu indirekten Beteiligten an der Kriegswirtschaft und damit auch an deren Verbrechen. Dadurch entsteht ein Netz der Kompliz:innenschaft, das weit über die direkte militärische Beteiligung hinausgeht und ganze Gemeinschaften umfasst, deren wirtschaftliches Wohlergehen von der Fortsetzung dieser Verbrechen abhängt. Das Ergebnis ist eine Gesellschaft, in der Widerstand gegen kriminelle Politiken nicht nur politisch schwierig, sondern auch wirtschaftlich riskant wird.
Bemerkenswert ist, dass das System auch private Auftragnehmer umfasst, die in Gaza schwere Maschinen bedienen und die für Abrissarbeiten, die eine vorsätzliche Zerstörung der zivilen Infrastruktur darstellen, eine beträchtliche Vergütung erhalten. Laut Berichten von Ha’aretz erhalten Bulldozer- und Baggerfahrer für diese Tätigkeiten hohe Entlohnungen, wobei für jedes abgerissene Haus etwa 1.500 US-Dollar ausgezahlt werden. Diese Auftragsbeziehungen erweitern das Wirtschaftsmodell über den traditionellen Militärdienst hinaus und schaffen zusätzliche Interessengruppen mit unmittelbaren finanziellen Vorteilen an der Fortsetzung des Krieges, während gleichzeitig das soziale Netzwerk derjenigen erweitert wird, die von der systematischen Zerstörung profitieren.
Die Wirksamkeit des ‚ökonomischen Käfigs‘ beruht auf der anhaltenden Erosion ziviler wirtschaftlicher Alternativen und traditioneller Beschäftigungsverhältnisse, verbunden mit dem systematischen Abbau des Sozialstaates. Der Krieg hat wichtige Wirtschaftssektoren, insbesondere Technologie und Exporte, stark geschwächt und gleichzeitig ein Klima der Unsicherheit geschaffen, das private Investitionen und Beschäftigung hemmt. Das Ausmaß der Krise ist beträchtlich und äußert sich in einer Rezession in führenden Sektoren, darunter dem Hightech-Sektor, sowie in der großen Zahl von Akademiker:innen und Techniker:innen, die seit dem 7. Oktober das Land verlassen, um sich langfristig anderswo niederzulassen. Ratingagenturen wie Fitch, Moody’s und S&P haben die Bonität Israels herabgestuft. Der israelische Sozialstaat bröckelt weiter, und die Ausgaben für Bildung und Gesundheitsversorgung verschlingen mittlerweile einen immer größeren Teil des israelischen Haushaltsbudgets. Viele Familien berichten von Schwierigkeiten, ihre monatlichen Rechnungen zu bezahlen. Die neue, gig-ähnliche Form des militärischen Keynesianismus bietet also für viele einen willkommenen Ausgleich. Der Krieg dient als Kompensationsmechanismus für bestimmte gesellschaftliche Gruppen – insbesondere für jene, die unter der jahrzehntelangen neoliberalen Politik gelitten haben.
Die weiterreichenden Auswirkungen auf die israelische Gesellschaft sind tiefgreifend. Wenn innerhalb militärischer Strukturen attraktive wirtschaftliche Möglichkeiten bestehen und wenn militärische Operationen das für die Stabilität der Mittelschicht notwendige Einkommen generieren, löst sich die Grenze zwischen zivilen und militärischen Strukturen auf. Wenn das Wohlergehen der Zivilbevölkerung direkt von militärischen Operationen und den damit verbundenen Kriegsverbrechen abhängt, entsteht eine Gesellschaft, die strukturell in die Fortsetzung krimineller Politiken involviert ist. Die Hunderttausenden Israelis, die heute direkt von diesem System abhängig sind, sowie die weitergehenden sozialen Netzwerke, die sie repräsentieren, bilden eine einflussreiche Interessengruppe für die Fortsetzung dieser Politik, unabhängig von strategischer Wirksamkeit, moralischen Erwägungen oder völkerrechtlichen Verpflichtungen.
Der derzeitige Wandel ist mehr als nur eine vorübergehende Anpassung an die Kriegszeit. Er ist eine potenziell dauerhafte Veränderung des Sozialvertrags zwischen den israelischen Bürger:innen und dem Staat. Die israelische Politik wird von diesen Mechanismen weiterhin geprägt bleiben, während gleichzeitig die wirtschaftliche Abhängigkeit von militärischen Operationen normalisiert wird. Für Israel wirft diese Entwicklung grundlegende Fragen hinsichtlich des Weiterbestehens seiner Demokratie auf: Immerhin hat ein erheblicher Teil der Bevölkerung ein direktes wirtschaftliches Interesse an der Fortsetzung von Kriegsverbrechen. In diesem Zusammenhang besteht der wahre Preis des RDD nicht in seinen finanziellen Kosten, so hoch diese auch sein mögen, sondern in der Verwandlung von Hunderttausenden israelischen Staatsbürgern in aktive Kollaborateure mit einem unmittelbaren wirtschaftlichen Interesse an der zerstörerischsten Militäroffensive in der Geschichte des Landes.
Um die volle Bedeutung dieser Transformation zu verstehen, lohnt sich ein Vergleich mit anderen aktuellen Fällen von Herausforderungen bei der militärischen Rekrutierung. Russland, das zunehmend Schwierigkeiten hat, Soldaten für den Krieg in der Ukraine anzuwerben, bietet Unterzeichnungsprämien von bis zu 40.000 Dollar und hat über 100.000 Strafgefangene aus Gefängnissen rekrutiert. Das russische System basiert jedoch nach wie vor auf traditionellen Rekrutierungsmodellen, die zwischen Kombattanten und Zivilisten unterscheiden. Im Gegensatz dazu hat sich Israel innerhalb weniger Monate nach dem 7. Oktober 2023 von einer auf Bürgerpflicht basierenden Militärkultur zu einer von ökonomischen Anreizen getragenen Kultur gewandelt. Der sprachliche Kriegsdiskurs lieferte Sinn und Rechtfertigung für diesen Wandel, wurde jedoch durch wirtschaftliche Mechanismen ergänzt, die es Einzelpersonen ermöglichen, ohne Vollzeitengagement vom Militärdienst zu profitieren.
Schließlich ist ein Ergebnis dieser Transformation auch eine Vereinigung der israelischen Gesellschaft durch Verbrechen. Diese ist nicht nur ein soziologisches Phänomen, das Aufschluss über die vorherrschende gesellschaftliche Mentalität gibt, sondern auch eine politische Realität. Um dies begrifflich zu fassen, sprechen wir von criminal community. Damit möchten wir hervorheben, dass die Aufrechterhaltung der verbrecherischen Kriegsführung eine verbindende Kraft zwischen den in der israelischen Gesellschaft verstreuten Individuen besitzt, die direkt oder indirekt an ihr teilhaben. Natürlich unterscheiden sich die Israelis in ihren Werten, Überzeugungen und politischen Ansichten. Doch während die direkte Verantwortung für die Kriegsverbrechen bei den entscheidenden Politiker:innen und den Täter:innen liegt, durchdringen diese Handlungen die gesamte Gesellschaft. Mit anderen Worten: Die Vereinigung über Verbrechen ist eine soziopolitische Tatsache, eine kollektive Mentalität, und als solche fungiert sie als Grundlage für politisches Handeln. Sie ist ein strukturelles Merkmal der gesellschaftlichen Realität und setzt daher die Grenzen dessen, was politisch und diplomatisch in Zukunft möglich ist. Dabei ist sie kein Nebenprodukt des Krieges; sie ist ein Phänomen, das bewusst von Teilen der Führung – allen voran von Premierminister Benjamin Netanjahu – kultiviert wird.
Es sollte betont werden, dass diese „Kriminalität“ weder ein natürliches Nebenprodukt der israelischen Geschichte noch ein integraler Bestandteil des Zionismus ist. Vielmehr wurden die Israelis in etwas hineinbefördert, das die Historikerin Mary Fulbrook als „Prozesse der Komplizenschaft“ bezeichnet – ein anschauliches Beispiel dafür, wie ein Staat eine Zivilgesellschaft vollständig durchdringt. Durch den RDD-Mechanismus zerstören die Israelis nicht nur Gaza. Sie verändern auch ihre eigene Wirtschaft, ihre Gesellschaft und ihre demokratischen Institutionen grundlegend, und zwar in einer Weise, die eine mehrdimensionale Abhängigkeit von der Fortsetzung von Kriegsverbrechen schafft und sich lange nach dem Ende des aktuellen Konflikts als irreversibel erweisen könnte.
Das ist der genau gleiche Mechanismus, den die Nationalsozialisten benutzten, um den 2. Weltkrieg und den Holocaust durchzuführen.
Man möchte meinen, dass die israelische Gesellschaft auf so etwas empfindlicher reagiert als andere, aber weit gefehlt. Die intellektuellen Eliten ergreifen die Flucht, zurück bleiben diejenigen, welche sich daran nicht stören. Mechanismen, die alle Diktaturen der Welt ausgiebig nutzen.
Und der mässigende Einfluss der USA ist gerade verschwunden, dort werden soeben die gleichen Mechanismen implementiert.
Nur, wohin wollen denn die Intellektuellen fliehen, wenn überall repressive Regimes die Gesellschaft in Geiselhaft genommen haben?