Seit dem 7. Oktober 2023 hat die Regierung von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu für Reservesoldaten ein Anreizsystem geschaffen, das die Grenzen zwischen ziviler und militärischer Gesellschaft auflöst. Der Soziologe Assaf Bondy und der Historiker Adam Raz werfen einen Blick auf die wirtschaftlichen Hintergründe der Einberufung der israelischen Reservist:innen und die damit einhergehende soziopolitische Einbindung der gesamten Gesellschaft.

  • Adam Raz

    Adam Raz ist Menschenrechtsforscher und Historiker. Raz arbeitet für das vAkevot Institute for Israeli–Palestinian Conflict Research. Er publizierte u. a. „Loot: How Israel Stole Palestinian Property“ (2024) und gemeinsam mit Assaf Bondy das auf Hebräisch erschienene „Lexikon der Brutalität: Schlüsselbegriffe des Gazakriegs“ (2025).
  • Assaf Bondy

    Assaf Bondy ist Arbeitssoziologe an der Universität Bristol. Er befasst sich mit der politischen Ökonomie von Arbeitsbeziehungen. Er publizierte gemeinsam mit Adam Raz das auf Hebräisch erschienene „Lexikon der Brutalität: Schlüsselbegriffe des Gazakriegs“ (2025).

Im Laufe des Jahres 2023 kam es in Israel zu einer beispiel­losen Bewe­gung von Reservesoldat:innen, die sich weigerten, ihren Mili­tär­dienst zu leisten. Dies geschah im Rahmen der Massen­pro­teste gegen die von der Regie­rung ange­drohte „Justiz­re­form“, die darauf abzielte, die demo­kra­ti­schen Insti­tu­tionen des Landes zu zerstören. Die Reservesoldat:innen, die das Rück­grat des israe­li­schen Vertei­di­gungs­ap­pa­rats bilden, standen an der Spitze des Wider­stands gegen dieses Vorhaben. Tausende weigerten sich öffent­lich, unter der ultra­rechten Regie­rung zu dienen, die ihrer Meinung nach zuneh­mend zu einem auto­ri­tären Regime wurde. Hoch­ran­gige Offi­ziere, Vete­ranen aus Elite­ein­heiten und Luft­waf­fen­pi­loten kündigten an, Befehle zu verwei­gern, und lösten damit die schwerste Krise mili­tä­ri­scher Auto­rität in der israe­li­schen Geschichte aus. Diese Bewe­gung war nicht nur ein Ausdruck poli­ti­scher Oppo­si­tion, sondern eine grund­le­gende Infra­ge­stel­lung des auto­ma­ti­schen Gehor­sams, der Israels allge­gen­wär­tige Mili­tär­kultur lange geprägt hatte.

Ab dem 7. Oktober 2023, als die Hamas bei ihrem Terror­an­griff etwa 1100 Israelis tötete und rund 250 Geiseln nahm und in den Gaza­streifen entführte, verschwand dieser Wider­stand jedoch voll­ständig. Dieselben Reservist:innen, die noch wenige Monate zuvor ihre Weige­rung erklärt hatten, unter einer aus ihrer Sicht ille­gi­timen rechts­extremen Regie­rung zu dienen, meldeten sich nun in Rekord­zahlen. Inner­halb weniger Tage und Wochen betei­ligten sich Hundert­tau­sende Israelis aktiv an Mili­tär­ope­ra­tionen (oder unter­stützten sie passiv), die mit gravie­renden Verstößen gegen das Völker­recht einher­gingen. Entschei­dend ist, dass die Akzep­tanz der mili­tä­ri­schen Maßnahmen erhalten blieb – obwohl die Regie­rung ihre Kampagne gegen die demo­kra­ti­schen Insti­tu­tionen Israels weiter­führte und trotz der zuneh­menden Beweise für Kriegs­ver­bre­chen, für Verbre­chen gegen die Mensch­lich­keit und aus Sicht Vieler sogar für Völker­mord an der paläs­ti­nen­si­schen Bevöl­ke­rung im Gazastreifen.

Vom Wider­stand zur Komplizenschaft

Das durch die Verbre­chen der Hamas verur­sachte Trauma reicht nicht aus, um die drama­ti­sche Wand­lung vom Wider­stand zur Kompli­zen­schaft bei Gräu­el­taten ausrei­chend zu erklären. Wie kann eine demo­kra­ti­sche Gesell­schaft so schnell von beispiel­losen Protesten zu beispiel­losem Schweigen über­gehen? Warum zeigen sich so viele willig, syste­ma­ti­sche Verbre­chen still­schwei­gend oder offen zu unter­stützen oder sich sogar aktiv an Kriegs­ver­bre­chen zu beteiligen?

In unserem Buch „Lexikon der Bruta­lität: Schlüs­sel­be­griffe aus dem Gaza-Krieg“ (auf Hebrä­isch im Pardes-Verlag, 2025) haben wir die diskur­siven Mecha­nismen unter­sucht, die es der Öffent­lich­keit gestatten, die in Gaza began­genen Verbre­chen zu unter­stützen oder sich gar daran zu betei­ligen – die sprach­li­chen und kultu­rellen Instru­mente, die das Unvor­stell­bare norma­li­sieren und Massengräuel gesell­schaft­lich akzep­tabel machen. Die gesell­schaft­liche Unter­stüt­zung und Betei­li­gung wird durch die Über­nahme des Regie­rungs­dis­kurses geför­dert, der anschlie­ßend in alltäg­li­chen Inter­ak­tionen repro­du­ziert und verbreitet wird, sei es am Esstisch, in Lehrer­zim­mern, in Super­märkten und so weiter.

Die verharm­lo­sende Sprache bezieht nicht nur die Öffent­lich­keit in staat­liche Gewalt ein, sondern erleich­tert auch die Umset­zung der Regie­rungs­po­litik. In diesem Sinne wird der gesell­schaft­liche Diskurs zu einem ‚Käfig‘, der das Denken einengt und den Raum für Dissens einschränkt. Der gewalt­tä­tige gesell­schaft­liche Diskurs, der sich in Israel in den ersten Tagen und Wochen nach dem 7. Oktober entwi­ckelte, schürte den „Rally-‚round-the-flag“-Effekt, der in vielen Nationen in Kriegs­zeiten zu beob­achten ist und der Betei­li­gung an gewalt­vollen Konflikten öffent­liche Legi­ti­mität verleiht. Wir haben es mit einer syste­ma­ti­schen seman­ti­schen Verschleie­rung gewalt­tä­tiger Hand­lungen zu tun. Sie fand in den letzten zwei Jahren in Israel in extremer Weise statt und kann als bewusste Stra­tegie ange­sehen werden, sich gegen das statt­fin­dende mensch­liche Leid zu immu­ni­sieren. Wenn Minister dazu aufrufen, „Gaza dem Erdboden gleich­zu­ma­chen“, verbirgt sich hinter dieser Rede­wen­dung die reale Möglich­keit, Gebäude über den Köpfen ihrer Bewohner:innen zu zerstören. Wenn Politiker:innen aus Mitte- und Rechts­par­teien von „frei­wil­liger Migra­tion“ spre­chen, dem derzeit gebräuch­li­chen technisch-demografischen Begriff, oder von der Errich­tung einer „Riviera“ in Gaza, so sind dies letzt­lich Umschrei­bungen des Vorha­bens, eine ganze Bevöl­ke­rung aus ihren im Krieg zerstörten Häusern zu vertreiben. Hinter dem Begriff „Kolla­te­ral­schaden“ verbergen sich die Gesichter toter Frauen, Männer und Kinder. Die sprach­liche Neutra­li­sie­rung von Bruta­lität ermög­licht die Auswei­tung und Eska­la­tion des Krieges. Wie George Orwell in seinem Essay „Poli­tics and the English Language“ (1946) bemerkte: „Die poli­ti­sche Sprache – und mit Abwei­chungen gilt dies für alle poli­ti­schen Parteien, von den Konser­va­tiven bis zu den Anar­chisten – ist darauf ausge­legt, Lügen wahr­haftig und Mord respek­tabel klingen zu lassen und reinem Geschwätz den Anschein von Soli­dität zu verleihen.“

Diese diskur­siven Mecha­nismen wirken zusammen mit ebenso mäch­tigen wirt­schaft­li­chen Kräften. Um diese soll es uns hier nun gehen. Denn die wirt­schaft­liche Trans­for­ma­tion des Mili­tär­dienstes zeigt, wie mate­ri­elle Anreize nicht nur Gehorsam, sondern auch aktive Betei­li­gung an Gräu­el­taten erkaufen können und so eine Kriegs­wirt­schaft schaffen, die das Wohl­ergehen von Hundert­tau­senden Israelis an die Fort­set­zung des Krieges bindet.

Die Währung des „Reserve Duty Day“

Der Mecha­nismus, der dieser Trans­for­ma­tion zugrunde liegt, ist sowohl einfach als auch tief­grei­fend. Während des Gaza-Krieges entstand in Israel eine neue wirt­schaft­liche Währung, bekannt als „reserve duty day“ (RDD), eine staat­liche Vergü­tung für einen Tag Reser­ve­dienst. Der RDD ist nicht nur eine Zeit­ein­heit, sondern eine Form von Währung, mit der der Staat die aktive Part­ner­schaft seiner Bürger:innen bei seinem Projekt der Zerstö­rung und Vernich­tung im Gaza­streifen erkauft.

Dieser Mecha­nismus funk­tio­niert wie folgt: Der Staat zahlt einzelnen Reservist:innen fast 29.000 israe­li­sche Schekel (etwa 7.400 Euro) pro Monat, damit sie sich „frei­willig“ zum Reser­ve­dienst melden. Zum Vergleich: Der Mindest­lohn in Israel betrug 2025 pro Monat 6.248 Schekel (1.596 Euro), während das Durch­schnitts­ge­halt aller Bran­chen 14.800 Schekel (3.781 Euro) erreichte. Der RDD bietet somit fast das Fünf­fache des Mindest­lohns und fast das Doppelte des natio­nalen Durch­schnitts. Er konkur­riert damit direkt mit den Hightech-Gehältern, die seit langem den Gold­stan­dard für pres­ti­ge­träch­tige israe­li­sche Jobs bilden.

Der RDD ist kein neuer Mecha­nismus. Er basiert auf der Tatsache, dass ein großer Teil der israe­li­schen Gesell­schaft (haupt­säch­lich jüdi­sche Männer im Alter von 21 bis 45 Jahren) formell einer mili­tä­ri­schen Reser­ve­ein­heit zuge­wiesen ist und poten­ziell zum Dienst einbe­rufen und gemäß der RDD-Werteskala entschä­digt werden kann. Seit dem 7. Oktober hat die staat­liche Entschä­di­gung für den Reser­ve­dienst jedoch drei größere Ände­rungen erfahren, die einen unver­gleich­li­chen wirt­schaft­li­chen Anreiz schaffen.

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Erstens gibt es den beispiel­losen Umfang des Mili­tär­dienstes, beispiellos aufgrund der Zahl der einge­schrie­benen Soldaten wie auch aufgrund der Dauer der jewei­ligen Einsätze. Zwei­tens, und das ist der bedeu­tendste Punkt, hat die Armee mit den soge­nannte „open order“ eine neue Art von Einbe­ru­fungs­be­fehl einge­führt, um mit der enormen Zahl von Reservist:innen und den damit verbun­denen Belas­tungen für sie und ihre Fami­lien umzu­gehen. Diese neue Form des Reser­ve­dienstes ermög­licht es den Betrof­fenen, nur wenige Stunden zu arbeiten und dennoch den vollen monat­li­chen Sold zu erhalten. Die Soldat:innen verdienen also das volle Reser­vis­ten­ge­halt, können aber gleich­zeitig zum Teil einer zivilen Beschäf­ti­gung nach­gehen. Drit­tens führte der Staat zusätz­liche Prämien und Sozi­al­leis­tungen für Reservist:innen ein, die sich auf einen Zuschlag von 20 bis 30 Prozent für längere Dienst­zeiten belaufen.

Die prak­ti­sche Umset­zung dieses Systems führt zu einer Art „mili­tä­ri­scher Gig-Economy“. Diese stellt eine bedeu­tende Neue­rung in der modernen Kriegs­wirt­schaft dar (oder was in der Vergan­gen­heit als mili­tä­ri­scher Keyne­sia­nismus ange­sehen wurde): RDD als öffent­liche Bestechung von Privat­per­sonen. Die Flexi­bi­lität dieses Systems der „offenen Befehle“ wird durch die Erfah­rung eines 34-jährigen Reser­visten veran­schau­licht: Dieser beschrieb, wie Soldaten RDDs nutzten, um Vorräte für die Grill­party der Einheit zu kaufen. Dafür regis­trierten sie den Metzger, von dem sie das Fleisch bezogen, als Reser­visten, so dass dieser einen Anspruch auf 30 Tage Reser­vis­ten­be­züge erhielt. Anstatt ihn in Schekel zu bezahlen, bezahlten sie ihn in RDD.
Zu den zusätz­li­chen wirt­schaft­li­chen Anreizen gehören Prämien für längere Reser­ve­zeit­räume (10-20 Prozent Prämie pro Diensttag über 60 Tage pro Jahr), kosten­lose psycho­lo­gi­sche Behand­lung und ergän­zende Gesund­heits­ver­sor­gung, Fami­li­en­zu­schläge und kosten­lose regel­mä­ßige Urlaube in verschie­denen israe­li­schen Ferienorten.

Dieses System schafft ein Netz­werk von Inter­essen, das wach­sende Teile der Bevöl­ke­rung erfasst und ein kollek­tives Mitwirken an der Regie­rungs­po­litik inten­si­viert. Der Umfang dieses Netz­werks ist beträcht­lich. Schät­zungen zufolge waren im ersten Kriegs­jahr über 300.000 israe­li­sche Reservist:innen im Einsatz, von denen viele noch immer für längere Zeit dienen und direkt in die Kriegs­wirt­schaft einge­bunden sind. Laut Mili­tär­daten leis­teten diese 300.000 Personen im Jahr 2024 einen durch­schnitt­li­chen Dienst von 120 Tagen, was einer Betei­li­gungs­quote von bis zu 16 % der rele­vanten Bevöl­ke­rung entspricht (jüdi­sche Männer im Alter von 21 bis 45 Jahren, abzüg­lich der Ultra­or­tho­doxen, die keinen Mili­tär­dienst leisten). Der Anteil ist so groß, dass er einen wesent­li­chen Teil der Gesell­schaft mit einbezieht.

Als Gegen­leis­tung für diese Entschä­di­gung erhält der Staat weit mehr als nur mili­tä­ri­sche Arbeits­kraft zur Umset­zung seiner Politik. Er erlangt etwas noch Wert­vol­leres, nämlich Teil­habe, Unter­stüt­zung und gesell­schaft­liche Legi­ti­mität. Der RDD fungiert sowohl als Währung als auch als Vertrag, als wirt­schaft­liche Bindung, die das Wohl­ergehen des Einzelnen an die Fort­set­zung der Mili­tär­ope­ra­tionen und ihrer Verbre­chen knüpft. Das System ist stra­te­gisch darauf ausge­legt, eine breite Legi­ti­ma­tion für die Zerstö­rung des Gaza­strei­fens zu errei­chen. Es ist inte­graler Bestand­teil einer poli­ti­schen Stra­tegie, die darauf abzielt, die Betei­li­gung der Zivil­be­völ­ke­rung an Mili­tär­ope­ra­tionen genauso wie ihren Profit an ihnen zu inten­si­vieren. Dieser ‚ökono­mi­sche Käfig‘ kommt zu dem oben genannten ‚diskur­siven Käfig‘ hinzu. Gemeinsam halten sie die israe­li­sche Gesell­schaft gefangen und schaffen Anreize, den poli­ti­schen Vorgaben der Regie­rung zu folgen.

Kompli­zen­schaft und die Trans­for­ma­tion der israe­li­schen Gesellschaft

Die psycho­lo­gi­schen und sozialen Dimen­sionen dieses ‚ökono­mi­schen Käfigs‘ sind eben­falls wichtig. Für den Reser­visten, der ein hohes Monats­ge­halt bezieht, wird es psycho­lo­gisch und wirt­schaft­lich schwierig sein, die Kriegs­ver­bre­chen zu kriti­sieren, an denen er betei­ligt ist oder die er miter­lebt. Seine Familie, die in Zeiten wirt­schaft­li­cher Unsi­cher­heit von einem stabilen und respek­ta­blen Einkommen profi­tiert, wird weniger Moti­va­tion haben, sich gegen Mili­tär­ope­ra­tionen, einschließ­lich syste­ma­ti­scher Gräu­el­taten, zu stellen. Seine Freund:innen werden weniger geneigt sein, jemanden zu kriti­sieren, der sein Privat­leben opfert, auch wenn er davon finan­ziell profi­tiert. Die sozialen Kreise jedes Reser­visten – Familie, Freund:innen, Kolleg:innen und Nach­barn – werden zu indi­rekten Betei­ligten an der Kriegs­wirt­schaft und damit auch an deren Verbre­chen. Dadurch entsteht ein Netz der Kompliz:innenschaft, das weit über die direkte mili­tä­ri­sche Betei­li­gung hinaus­geht und ganze Gemein­schaften umfasst, deren wirt­schaft­li­ches Wohl­ergehen von der Fort­set­zung dieser Verbre­chen abhängt. Das Ergebnis ist eine Gesell­schaft, in der Wider­stand gegen krimi­nelle Poli­tiken nicht nur poli­tisch schwierig, sondern auch wirt­schaft­lich riskant wird.

Bemer­kens­wert ist, dass das System auch private Auftrag­nehmer umfasst, die in Gaza schwere Maschinen bedienen und die für Abriss­ar­beiten, die eine vorsätz­liche Zerstö­rung der zivilen Infra­struktur darstellen, eine beträcht­liche Vergü­tung erhalten. Laut Berichten von Ha’aretz erhalten Bulldozer- und Bagger­fahrer für diese Tätig­keiten hohe Entloh­nungen, wobei für jedes abge­ris­sene Haus etwa 1.500 US-Dollar ausge­zahlt werden. Diese Auftrags­be­zie­hungen erwei­tern das Wirt­schafts­mo­dell über den tradi­tio­nellen Mili­tär­dienst hinaus und schaffen zusätz­liche Inter­es­sen­gruppen mit unmit­tel­baren finan­zi­ellen Vorteilen an der Fort­set­zung des Krieges, während gleich­zeitig das soziale Netz­werk derje­nigen erwei­tert wird, die von der syste­ma­ti­schen Zerstö­rung profitieren.

Die Wirk­sam­keit des ‚ökono­mi­schen Käfigs‘ beruht auf der anhal­tenden Erosion ziviler wirt­schaft­li­cher Alter­na­tiven und tradi­tio­neller Beschäf­ti­gungs­ver­hält­nisse, verbunden mit dem syste­ma­ti­schen Abbau des Sozi­al­staates. Der Krieg hat wich­tige Wirt­schafts­sek­toren, insbe­son­dere Tech­no­logie und Exporte, stark geschwächt und gleich­zeitig ein Klima der Unsi­cher­heit geschaffen, das private Inves­ti­tionen und Beschäf­ti­gung hemmt. Das Ausmaß der Krise ist beträcht­lich und äußert sich in einer Rezes­sion in führenden Sektoren, darunter dem Hightech-Sektor, sowie in der großen Zahl von Akademiker:innen und Techniker:innen, die seit dem 7. Oktober das Land verlassen, um sich lang­fristig anderswo nieder­zu­lassen. Rating­agen­turen wie Fitch, Moody’s und S&P haben die Bonität Israels herab­ge­stuft. Der israe­li­sche Sozi­al­staat bröckelt weiter, und die Ausgaben für Bildung und Gesund­heits­ver­sor­gung verschlingen mitt­ler­weile einen immer größeren Teil des israe­li­schen Haus­halts­bud­gets. Viele Fami­lien berichten von Schwie­rig­keiten, ihre monat­li­chen Rech­nungen zu bezahlen. Die neue, gig-ähnliche Form des mili­tä­ri­schen Keyne­sia­nismus bietet also für viele einen will­kom­menen Ausgleich. Der Krieg dient als Kompen­sa­ti­ons­me­cha­nismus für bestimmte gesell­schaft­liche Gruppen – insbe­son­dere für jene, die unter der jahr­zehn­te­langen neoli­be­ralen Politik gelitten haben.

Die weiter­rei­chenden Auswir­kungen auf die israe­li­sche Gesell­schaft sind tief­grei­fend. Wenn inner­halb mili­tä­ri­scher Struk­turen attrak­tive wirt­schaft­liche Möglich­keiten bestehen und wenn mili­tä­ri­sche Opera­tionen das für die Stabi­lität der Mittel­schicht notwen­dige Einkommen gene­rieren, löst sich die Grenze zwischen zivilen und mili­tä­ri­schen Struk­turen auf. Wenn das Wohl­ergehen der Zivil­be­völ­ke­rung direkt von mili­tä­ri­schen Opera­tionen und den damit verbun­denen Kriegs­ver­bre­chen abhängt, entsteht eine Gesell­schaft, die struk­tu­rell in die Fort­set­zung krimi­neller Poli­tiken invol­viert ist. Die Hundert­tau­senden Israelis, die heute direkt von diesem System abhängig sind, sowie die weiter­ge­henden sozialen Netz­werke, die sie reprä­sen­tieren, bilden eine einfluss­reiche Inter­es­sen­gruppe für die Fort­set­zung dieser Politik, unab­hängig von stra­te­gi­scher Wirk­sam­keit, mora­li­schen Erwä­gungen oder völker­recht­li­chen Verpflichtungen.

Der derzei­tige Wandel ist mehr als nur eine vorüber­ge­hende Anpas­sung an die Kriegs­zeit. Er ist eine poten­ziell dauer­hafte Verän­de­rung des Sozi­al­ver­trags zwischen den israe­li­schen Bürger:innen und dem Staat. Die israe­li­sche Politik wird von diesen Mecha­nismen weiterhin geprägt bleiben, während gleich­zeitig die wirt­schaft­liche Abhän­gig­keit von mili­tä­ri­schen Opera­tionen norma­li­siert wird. Für Israel wirft diese Entwick­lung grund­le­gende Fragen hinsicht­lich des Weiter­be­stehens seiner Demo­kratie auf: Immerhin hat ein erheb­li­cher Teil der Bevöl­ke­rung ein direktes wirt­schaft­li­ches Inter­esse an der Fort­set­zung von Kriegs­ver­bre­chen. In diesem Zusam­men­hang besteht der wahre Preis des RDD nicht in seinen finan­zi­ellen Kosten, so hoch diese auch sein mögen, sondern in der Verwand­lung von Hundert­tau­senden israe­li­schen Staats­bür­gern in aktive Kolla­bo­ra­teure mit einem unmit­tel­baren wirt­schaft­li­chen Inter­esse an der zerstö­re­rischsten Mili­tär­of­fen­sive in der Geschichte des Landes.

Um die volle Bedeu­tung dieser Trans­for­ma­tion zu verstehen, lohnt sich ein Vergleich mit anderen aktu­ellen Fällen von Heraus­for­de­rungen bei der mili­tä­ri­schen Rekru­tie­rung. Russ­land, das zuneh­mend Schwie­rig­keiten hat, Soldaten für den Krieg in der Ukraine anzu­werben, bietet Unter­zeich­nungs­prä­mien von bis zu 40.000 Dollar und hat über 100.000 Straf­ge­fan­gene aus Gefäng­nissen rekru­tiert. Das russi­sche System basiert jedoch nach wie vor auf tradi­tio­nellen Rekru­tie­rungs­mo­dellen, die zwischen Kombat­tanten und Zivi­listen unter­scheiden. Im Gegen­satz dazu hat sich Israel inner­halb weniger Monate nach dem 7. Oktober 2023 von einer auf Bürger­pflicht basie­renden Mili­tär­kultur zu einer von ökono­mi­schen Anreizen getra­genen Kultur gewan­delt. Der sprach­liche Kriegs­dis­kurs lieferte Sinn und Recht­fer­ti­gung für diesen Wandel, wurde jedoch durch wirt­schaft­liche Mecha­nismen ergänzt, die es Einzel­per­sonen ermög­li­chen, ohne Voll­zeit­enga­ge­ment vom Mili­tär­dienst zu profitieren.

Schließ­lich ist ein Ergebnis dieser Trans­for­ma­tion auch eine Verei­ni­gung der israe­li­schen Gesell­schaft durch Verbre­chen. Diese ist nicht nur ein sozio­lo­gi­sches Phänomen, das Aufschluss über die vorherr­schende gesell­schaft­liche Menta­lität gibt, sondern auch eine poli­ti­sche Realität. Um dies begriff­lich zu fassen, spre­chen wir von criminal commu­nity. Damit möchten wir hervor­heben, dass die Aufrecht­erhal­tung der verbre­che­ri­schen Kriegs­füh­rung eine verbin­dende Kraft zwischen den in der israe­li­schen Gesell­schaft verstreuten Indi­vi­duen besitzt, die direkt oder indi­rekt an ihr teil­haben. Natür­lich unter­scheiden sich die Israelis in ihren Werten, Über­zeu­gungen und poli­ti­schen Ansichten. Doch während die direkte Verant­wor­tung für die Kriegs­ver­bre­chen bei den entschei­denden Politiker:innen und den Täter:innen liegt, durch­dringen diese Hand­lungen die gesamte Gesell­schaft. Mit anderen Worten: Die Verei­ni­gung über Verbre­chen ist eine sozio­po­li­ti­sche Tatsache, eine kollek­tive Menta­lität, und als solche fungiert sie als Grund­lage für poli­ti­sches Handeln. Sie ist ein struk­tu­relles Merkmal der gesell­schaft­li­chen Realität und setzt daher die Grenzen dessen, was poli­tisch und diplo­ma­tisch in Zukunft möglich ist. Dabei ist sie kein Neben­pro­dukt des Krieges; sie ist ein Phänomen, das bewusst von Teilen der Führung – allen voran von Premier­mi­nister Benjamin Netan­jahu – kulti­viert wird.

Es sollte betont werden, dass diese „Krimi­na­lität“ weder ein natür­li­ches Neben­pro­dukt der israe­li­schen Geschichte noch ein inte­graler Bestand­teil des Zionismus ist. Viel­mehr wurden die Israelis in etwas hinein­be­för­dert, das die Histo­ri­kerin Mary Fulbrook als „Prozesse der Kompli­zen­schaft“ bezeichnet – ein anschau­li­ches Beispiel dafür, wie ein Staat eine Zivil­ge­sell­schaft voll­ständig durch­dringt. Durch den RDD-Mechanismus zerstören die Israelis nicht nur Gaza. Sie verän­dern auch ihre eigene Wirt­schaft, ihre Gesell­schaft und ihre demo­kra­ti­schen Insti­tu­tionen grund­le­gend, und zwar in einer Weise, die eine mehr­di­men­sio­nale Abhän­gig­keit von der Fort­set­zung von Kriegs­ver­bre­chen schafft und sich lange nach dem Ende des aktu­ellen Konflikts als irrever­sibel erweisen könnte.