Die Vielen. Wie gross war die Gruppe der Jünger Jesu?

Die Welt, in der Jesus lebte, war geprägt von der drückenden römischen Herrschaft, von Grossgrundbesitzern, Ausbeutung und Armut. Es war die Masse armer, landloser Menschen, an die Jesus sich richtete. Viele Arme zogen mit ihm durchs Land – auch viele Frauen.



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Mit wie vielen Menschen zog Jesus durchs Land? Man wird spontan antworten: Mit zwölf. Doch wen stellen wir uns unter dieser Zahl vor? Waren das zwölf Männer als ‚Hauptjünger‘, daneben ein paar Frauen als Unterstützerinnen, Ehefrauen, Mütter von Jüngern, sozusagen Teilzeitjüngerinnen, die natürlich nicht wirklich dazuzählten? Dann waren es also mehr als zwölf? Doch ist es sinnvoll, die Jüngerschaft Jesu einzuteilen in Haupt- und Nebenjünger, Vollzeit- und Teilzeitjünger, in Ernsthafte oder Zufällige, Gebildete und Einfache?

Mit diesen scheinbar einfachen Fragen befinden wir uns mitten in der Kritik patriarchaler theologischer Konzepte und der Frage, welche Menschen aus religiösen Erzählungen verdrängt und ausgeschlossen wurden und werden. Denn Erzählungen über Jesus standen und stehen in einem engen Verhältnis zu dem, was in der Gegenwart geschah oder geschieht und wie gedacht wurde und wird. Aus einer ideologiekritischen Perspektive geht es nicht darum zu definieren, wie viele und welche JüngerInnen zum Jesuskreis zählten, sondern zu fragen, wie sinnvoll die Konstruktion eines – als irgendwie exklusiv vorgestellten – ‚Kreises‘ um Jesus überhaupt ist.

Die Vielen, die auf den Beinen sind

Wenn man die biblischen Texte zu Jesus sorgfältig liest, fällt auf, dass Jesus meistens mit vielen Menschen unterwegs und zusammen war: „Die Vielen“ (griech. polloi) werden in den Evangelien meist übersetzt mit „viele“, „viele Leute“, „eine grosse Volksmenge“, zum Beispiel heisst es: „Es folgten ihm grosse Volksmengen nach – aus Galiläa, der Dekapolis, aus Jerusalem, Judäa und dem Ostjordangebiet“ (Mt 4,25), oder: „Eine grosse Volksmenge folgte ihm…“ (Mt 8,1).

Was war mit diesen Menschenmengen los? Warum waren sie draussen, was suchten sie? Konnten sie sich einfach frei nehmen und herumwandern? Wer kümmerte sich in der Zwischenzeit um das Vieh und die Gemüsebeete? Konnten sie es sich leisten, ihre Arbeit als Tagelöhnerinnen, Weber, Wäscherinnen, Fischer, Landarbeiterinnen niederzulegen? Oder hatten sie gar keine Arbeit, die sie niederlegen konnten? Kamen sie aus ihren Häusern, Werkstätten und Bauernhöfen zu Jesus heraus, oder hatten sie keine Häuser mehr und waren darum auf der Strasse, wo Jesus sie fand? Es gibt weitere Zitate zur Menge, die vielleicht erklären, was hier geschah: „Jesus sah die Volksmenge und stieg auf einen Berg…“ (Mt 5,1), und: „Als er die Volksmenge um sich herum sah…“ (Mt 8,18), oder: „Jesus sah die vielen Menschen seines Volkes, und sein Innerstes wurde von einem tiefen Mitgefühl für sie bewegt. Denn sie waren müde und zerschunden und lagen am Boden wie Schafe, die niemanden haben, sie zu hüten“ (Mt 9,36) „… und Jesus fing an, zur Volksmenge zu sprechen“ (Mt 11,7).

Die Volksmenge war offensichtlich schon da, als Jesus zu sprechen begann. Er rief sie nicht aus den Häusern, sondern nahm sie wahr, sah, wie sie draussen waren, am Fluss, auf der Strasse oder auf den Plätzen. Sein Blick zeigt sie uns zerschunden und müde, am Boden. Im Kontext wird deutlich, dass ihnen medizinische Hilfe fehlt, Brot, Arbeit, ein Dach über dem Kopf.

Der Befund, dass im Matthäusevangelium Menschenmengen beschrieben werden, die ohne Arbeit, unruhig und hilfsbedürftig erscheinen, ist historisch plausibel. Denn die Armut war zur Zeit des Römischen Imperiums sehr gross; auf dem Land wie in den Städten gehörten grosse Teile der Bevölkerung zur Unterschicht, und eine eigentliche Mittelschicht existierte nicht, weil die römische Landwirtschaft in der Hand einer kleinen Elite von Grossgrundbesitzern war. Dieses Wirtschaftssystem führte zur Vertreibung von Kleinbauern und damit zur Verarmung der grosser Bevölkerungsteile.

Jesus – und mit ihm unser Blick als Lesende – schaut also genau dorthin, wo diese Menschen waren, dorthin, wo es gefährlich war, explosiv. Denn immer wieder heisst es, dass die Menschen überwältigt waren, begeistert, ausser sich, als Jesus zu ihnen sprach (Mt 7,28; 9,33; 12,23). Jesus war inmitten von Vielen, umgeben von Mengen, die zudem deutlich um Hilfe riefen: „Als sie aus Jericho herauswanderten, folgte ihm eine grosse Menschenmenge. Und seht, zwei Blinde, die am Wege sassen, hörten, dass Jesus vorbeikommt, und schrien: „Jesus, Nachkomme Davids, hab’ Mitleid mit uns!“ Mt 20,29-30. Oder: „Die grosse Volksmenge breitete ihre Umhänge auf dem Weg aus, andere schlugen Zweige von den Bäumen und streuten sie auf den Weg. Viele Menschen zogen ihm voran, andere folgten ihm und alle schrien: „Hilf doch, Nachkomme Davids!“ (Mt 21,8-9).

Es wird deutlich, dass diese „Vielen“ aufgrund ihrer Armut ein Unruhepotential darstellen. Jesus war einer von ihnen. Er setzte sein Wissen und seine Kraft ein, um sie vor Gewalttaten zu bewahren, um ihre Wut zu kanalisieren, dass sie nicht gegeneinander traten, sondern füreinander einstanden. Vor allem: Die römischen Behörden wie auch die judäische Machtelite dürften diese Hilfeschreie und das Wirken Jesu als Aufstandsversuch gedeutet haben; voller Furcht betrachteten sie Jesus als „Anführer“ dieser Mengen. Seine Hinrichtung geschah daher im Hinblick auf diese Vielen, die ihm zujubelten und die durch seinen Tod in Schranken gewiesen werden sollten.

Die Frauen der Vielen

Die Frage, ob Frauen unter diesen Vielen waren, erübrigt sich: selbstverständlich waren Frauen dabei. Interessant ist viel mehr, die Frauen explizit zu entdecken. Die wenigen bekannten Frauen, Maria von Magdala, Maria und Martha von Bethanien, Johanna und Maria des Jakobus, waren in den frühen Gemeinden Autoritäten. Einige Textstellen sprechen nicht nur von diesen Frauen, sondern auch von den „Vielen“ in der grammatikalisch weiblichen Form, wie im folgenden Text aus dem Markus-Evangelium:

Es waren aber Frauen, die von weitem zusahen, unter ihnen auch Maria Magdalena und Maria, die Mutter des Jakobus des Kleinen und die Mutter des Joses und Salome, die, als er in Galiläa war, ihm nachfolgten und dienten, und andere Viele (allai pollai), die mit ihm nach Jerusalem hinaufgezogen waren… Mk 15,40-41

Die hier genannten Frauen werden mit den Verben „dienen“ und „nachfolgen“ als Jüngerinnen kenntlich gemacht und als Augenzeuginnen beschrieben; vor allem die Überlieferung der Kreuzigung geht nach Mk 15,40-41 auf sie zurück. Auch im Lukasevangelium finden wir viel weibliches Volk in der JüngerInnengruppe: „Und Johanna, die Frau des Chuza, des Vorsteher des Herodes, und Susanna und weitere Viele (heterai pollai), die ihnen dienten, so wie sie es vermochten (Lk 8,3). Zur Jesusbewegung gehörten also nicht nur namentlich Genannte, sondern grosse Teile der weiblichen Bevölkerung. Und wie in Mk 15,41 werden diese Vielen mit dem Verb „dienen“ explizit als Jüngerinnen kenntlich gemacht.

Die Verengung des Blicks auf eine Männer-Jünger-Gruppe um Jesus wird dem Textbefund der Evangelien also nicht gerecht. Jesus richtete sich an die grossen Menschenmengen, die er draussen antraf, die ohne materiellen und rechtlichen Schutz der Willkür der Herrschenden ausgesetzt waren. Unter diesen Mengen tauchen einige Namen und Stimmen von Frauen und Männern exemplarisch auf, von einigen erfahren wir ihre Geschichten und Nöte. Doch damit ist nicht gesagt, dass diese Stimmen wichtiger waren als die anderen, als diejenigen, von denen wir nichts erfahren. Es kann genau so gut gelten: Diese Einzelstimmen vertreten die Mehrheit, sie sind im Bezug auf diese Vielen hin zu hören und sagen uns, wer diese waren.

Wenn wir Jesus inmitten von Vielen sehen, verändert sich das übliche Bild: Er war überall da, wo die Aufgebrachten sich versammelten und wo die Not am grössten war. Und es waren wohl nicht die Menschenmengen, die ihm folgten, sondern er folgte den Menschen, die sich empörten. Er mischte sich ein, wo er konnte, und die Menschen begannen allmählich, auf ihn zu hören und von ihm zu lernen.

Der Blick auf Jesus und seine Jünger als ein exklusiver Kreis lässt sich nur so lange halten, wie die Vielen als StatistInnen aktiv ausgegrenzt werden. In der herkömmlichen Auslegungsgeschichte wurden sie an den Strassenrand gesetzt, zu ZuhörerInnen und Applaudierenden degradiert, die sich aus Neugier oder Langeweile unterhalten liessen. Sie wurden mithin nicht als Referenzgruppe verstanden, um die sich die Evangelien drehen, um die es der Gottheit Israels geht: um die Armen, die ein Recht auf Brot und Gerechtigkeit haben.

„Die Zwölf“

Allein, woher kommt die Selbstverständlichkeit, sich unter „den Zwölf“ zwölf männliche Apostel vorzustellen? Die Evangelien nennen die zwölf Apostel nur einmal namentlich (Mk 3,16f; Mt 10,2; Lk 6,13-16); ansonsten wird die Zwölfzahl (dodeka) meist ohne weitere Präzisierung genannt. Dir Frage drängt sich auf: Sind „die Zwölf“ (dodeka) überhaupt Individuen, Apostel, Jünger, Männer – oder geht es um etwas Anderes?

Die Paulusbriefe sind zeitlich am nächsten zu der Jesusbewegung. Doch auch sie überliefern keine Hinweise, dass es einen Jüngerkreis oder ein Leitungsgremium von zwölf Männern gegeben haben könnte. In 1Kor 15,5 stellt Paulus die Zwölfzahl in die biblische Tradition, die die Zahl auf Israel bezieht, auf den historischen, längst vergangenen, nur noch fiktiven, ja utopischen Zwölf-Stämme-Bund. „Die Zwölf“ ist, mit anderen Worten, in der biblischen Tradition kein empirischer Begriff, sondern eine Hoffnungszahl; sie bezieht sich auf die Utopie, dass es eines Tages ein geeintes, geheiltes, aufrechtes Volk geben könnte, ein Volk, das alle umfasst – ganz Israel, samt Frauen und Männern, Kindern und Gebrechlichen, Verstorbenen und Verschollenen. Wenn „die Zwölf“ mit Jesus unterwegs sind (z.B. Lk 8,1), dann heisst das: Jesus und die Menschen, die mit ihm waren, hatten eine Vision, die in der Tradition der heiligen Schriften fundiert war und das Ganze in den Blick nahm.

Frauen folgten Jesus bis zum Kreuz und hielten ihm die Treue über seinen Tod hinaus. Die explizite Erwähnung der Frauen bei Jesu Hinrichtung (Mk 15,40), respektive beim leeren Grab (Mk 16,1f) machen es wahrscheinlich, dass Frauen beim letzten Mahl Jesu dabei waren. Doch während das letzte Mahl – der zwölf männlichen Apostel – im Abendmahl bis heute erinnert wird, blieb das Zeugnis der Frauen in der Kirche folgenlos. Provokativ zugespitzt könnte man fragen: Warum ist es wichtiger, wer damals – angeblich exklusiv – am Tisch sass, als wer unter dem Kreuz stand und die Auferstehungsbotschaft erhielt? Wo waren denn „die Zwölf“ während der Kreuzigung? Warum soll es theologisch unwichtig sein, dass „die Zwölf“ bei der Kreuzigung fehlten?

Dass „die Zwölf“ der Hinrichtung Jesu nicht beiwohnten, bedeutet: Die glückliche Einmütigkeit, die am Tisch Jesu aufschien, als „die Zwölf“ mit ihm zusammen Brot in der Hand hielten und friedlich beisammen sassen, wurde von den damaligen Machthabern, Herodes und dem römischen Kaiser, zerbrochen. Der Volksbewegung sollte mit einem blutigen Zeichen das Genick gebrochen werden. Nach der Ermordung Jesu gab es vorerst keine Hoffnung mehr auf eine gemeinsame Zukunft, der Widerstand in Palästina glitt ab in nationalistische und zunehmend gewalttätige Fahrwasser und mündete schliesslich im grossen jüdisch-römischen Krieg der Jahre 66-70. Das war das Gegenteil dessen, wofür Jesus gelebt und gepredigt hatte.

Doch nach einiger Zeit, so erzählen es die Evangelien, begann sich der Hoffnungskörper „der Zwölf“ wieder zusammenzusetzen (Lk 24). Die in alle Welt Zerstreuten bildeten Gemeinden und sangen Psalmen, sie leisteten Rom erneut Widerstand und begannen ihre Erinnerungen aufzuschreiben. Diese Zerstreuten, die sich neu (er-)fanden, erzählten von den Vielen, die damals von überallher um Jesus zusammengeströmt waren. Die Zwölfzahl war für sie daher noch immer der Traum, „ganz“ zu werden, zusammen zu leben, eine gemeinsame Heimat zu finden.

Wenn „die Zwölf“ aber individualisiert und auf „zwölf Männer/Jünger“ reduziert wird, ist von diesem Traum nichts mehr übrig. Wenn wir um Jesus einen ‚Kreis‘ ziehen, drohen wir Tausende aus den Augen zu verlieren, die mit ihm gemeinsam um Brot und Gerechtigkeit gekämpft haben. Damit verliert die theologische Botschaft an Kraft und politischer Relevanz – auch für heute.