Luzia Sutter Rehmann

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Luzia Sutter Rehmann ist Titularprofessorin für Neues Testament an der Theologischen Fakultät der Universität Basel und Leiterin des Arbeitskreises für Zeitfragen in Biel.

Mit wie vielen Menschen zog Jesus durchs Land? Man wird spontan antworten: Mit zwölf. Doch wen stellen wir uns unter dieser Zahl vor? Waren das zwölf Männer als ‚Haupt­jünger‘, daneben ein paar Frauen als Unter­stüt­ze­rinnen, Ehefrauen, Mütter von Jüngern, sozu­sagen Teil­zeit­jün­ge­rinnen, die natür­lich nicht wirk­lich dazu­zählten? Dann waren es also mehr als zwölf? Doch ist es sinn­voll, die Jünger­schaft Jesu einzu­teilen in Haupt- und Neben­jünger, Voll­zeit- und Teil­zeit­jünger, in Ernst­hafte oder Zufäl­lige, Gebil­dete und Einfache?

Mit diesen scheinbar einfa­chen Fragen befinden wir uns mitten in der Kritik patri­ar­chaler theo­lo­gi­scher Konzepte und der Frage, welche Menschen aus reli­giösen Erzäh­lungen verdrängt und ausge­schlossen wurden und werden. Denn Erzäh­lungen über Jesus standen und stehen in einem engen Verhältnis zu dem, was in der Gegen­wart geschah oder geschieht und wie gedacht wurde und wird. Aus einer ideo­lo­gie­kri­ti­schen Perspek­tive geht es nicht darum zu defi­nieren, wie viele und welche Jünge­rInnen zum Jesus­kreis zählten, sondern zu fragen, wie sinn­voll die Konstruk­tion eines – als irgendwie exklusiv vorge­stellten – ‚Kreises‘ um Jesus über­haupt ist.

Die Vielen, die auf den Beinen sind

Wenn man die bibli­schen Texte zu Jesus sorg­fältig liest, fällt auf, dass Jesus meis­tens mit vielen Menschen unter­wegs und zusammen war: „Die Vielen“ (griech. polloi) werden in den Evan­ge­lien meist über­setzt mit „viele“, „viele Leute“, „eine grosse Volks­menge“, zum Beispiel heisst es: „Es folgten ihm grosse Volks­mengen nach – aus Galiläa, der Deka­polis, aus Jeru­salem, Judäa und dem Ostjor­dan­ge­biet“ (Mt 4,25), oder: „Eine grosse Volks­menge folgte ihm…“ (Mt 8,1).

Bauern in Ramallah, um 1900; Quelle: Wikipedia.org

Was war mit diesen Menschen­mengen los? Warum waren sie draussen, was suchten sie? Konnten sie sich einfach frei nehmen und herum­wan­dern? Wer kümmerte sich in der Zwischen­zeit um das Vieh und die Gemü­se­beete? Konnten sie es sich leisten, ihre Arbeit als Tage­löh­ne­rinnen, Weber, Wäsche­rinnen, Fischer, Land­ar­bei­te­rinnen nieder­zu­legen? Oder hatten sie gar keine Arbeit, die sie nieder­legen konnten? Kamen sie aus ihren Häusern, Werk­stätten und Bauern­höfen zu Jesus heraus, oder hatten sie keine Häuser mehr und waren darum auf der Strasse, wo Jesus sie fand? Es gibt weitere Zitate zur Menge, die viel­leicht erklären, was hier geschah: „Jesus sah die Volks­menge und stieg auf einen Berg…“ (Mt 5,1), und: „Als er die Volks­menge um sich herum sah…“ (Mt 8,18), oder: „Jesus sah die vielen Menschen seines Volkes, und sein Innerstes wurde von einem tiefen Mitge­fühl für sie bewegt. Denn sie waren müde und zerschunden und lagen am Boden wie Schafe, die niemanden haben, sie zu hüten“ (Mt 9,36) „… und Jesus fing an, zur Volks­menge zu spre­chen“ (Mt 11,7).

Die Volks­menge war offen­sicht­lich schon da, als Jesus zu spre­chen begann. Er rief sie nicht aus den Häusern, sondern nahm sie wahr, sah, wie sie draussen waren, am Fluss, auf der Strasse oder auf den Plätzen. Sein Blick zeigt sie uns zerschunden und müde, am Boden. Im Kontext wird deut­lich, dass ihnen medi­zi­ni­sche Hilfe fehlt, Brot, Arbeit, ein Dach über dem Kopf.

Der Befund, dass im Matthäu­sevan­ge­lium Menschen­mengen beschrieben werden, die ohne Arbeit, unruhig und hilfs­be­dürftig erscheinen, ist histo­risch plau­sibel. Denn die Armut war zur Zeit des Römi­schen Impe­riums sehr gross; auf dem Land wie in den Städten gehörten grosse Teile der Bevöl­ke­rung zur Unter­schicht, und eine eigent­liche Mittel­schicht exis­tierte nicht, weil die römi­sche Land­wirt­schaft in der Hand einer kleinen Elite von Gross­grund­be­sit­zern war. Dieses Wirt­schafts­system führte zur Vertrei­bung von Klein­bauern und damit zur Verar­mung der grosser Bevöl­ke­rungs­teile.

Bedouinen in Paläs­tina, ca. 1890; Quelle: staticflickr.com

Jesus – und mit ihm unser Blick als Lesende – schaut also genau dorthin, wo diese Menschen waren, dorthin, wo es gefähr­lich war, explosiv. Denn immer wieder heisst es, dass die Menschen über­wäl­tigt waren, begeis­tert, ausser sich, als Jesus zu ihnen sprach (Mt 7,28; 9,33; 12,23). Jesus war inmitten von Vielen, umgeben von Mengen, die zudem deut­lich um Hilfe riefen: „Als sie aus Jericho heraus­wan­derten, folgte ihm eine grosse Menschen­menge. Und seht, zwei Blinde, die am Wege sassen, hörten, dass Jesus vorbei­kommt, und schrien: „Jesus, Nach­komme Davids, hab’ Mitleid mit uns!“ Mt 20,29–30. Oder: „Die grosse Volks­menge brei­tete ihre Umhänge auf dem Weg aus, andere schlugen Zweige von den Bäumen und streuten sie auf den Weg. Viele Menschen zogen ihm voran, andere folgten ihm und alle schrien: „Hilf doch, Nach­komme Davids!“ (Mt 21,8–9).

Es wird deut­lich, dass diese „Vielen“ aufgrund ihrer Armut ein Unru­he­po­ten­tial darstellen. Jesus war einer von ihnen. Er setzte sein Wissen und seine Kraft ein, um sie vor Gewalt­taten zu bewahren, um ihre Wut zu kana­li­sieren, dass sie nicht gegen­ein­ander traten, sondern fürein­ander einstanden. Vor allem: Die römi­schen Behörden wie auch die judäi­sche Macht­elite dürften diese Hilfe­schreie und das Wirken Jesu als Aufstands­ver­such gedeutet haben; voller Furcht betrach­teten sie Jesus als „Anführer“ dieser Mengen. Seine Hinrich­tung geschah daher im Hinblick auf diese Vielen, die ihm zuju­belten und die durch seinen Tod in Schranken gewiesen werden sollten.

Die Frauen der Vielen

Die Frage, ob Frauen unter diesen Vielen waren, erüb­rigt sich: selbst­ver­ständ­lich waren Frauen dabei. Inter­es­sant ist viel mehr, die Frauen explizit zu entde­cken. Die wenigen bekannten Frauen, Maria von Magdala, Maria und Martha von Betha­nien, Johanna und Maria des Jakobus, waren in den frühen Gemeinden Auto­ri­täten. Einige Text­stellen spre­chen nicht nur von diesen Frauen, sondern auch von den „Vielen“ in der gram­ma­ti­ka­lisch weib­li­chen Form, wie im folgenden Text aus dem Markus-Evan­ge­lium:

Es waren aber Frauen, die von weitem zusahen, unter ihnen auch Maria Magda­lena und Maria, die Mutter des Jakobus des Kleinen und die Mutter des Joses und Salome, die, als er in Galiläa war, ihm nach­folgten und dienten, und andere Viele (allai pollai), die mit ihm nach Jeru­salem hinauf­ge­zogen waren… Mk 15,40–41

Die hier genannten Frauen werden mit den Verben „dienen“ und „nach­folgen“ als Jünge­rinnen kennt­lich gemacht und als Augen­zeu­g­innen beschrieben; vor allem die Über­lie­fe­rung der Kreu­zi­gung geht nach Mk 15,40–41 auf sie zurück. Auch im Luka­sevan­ge­lium finden wir viel weib­li­ches Volk in der Jünge­rIn­nen­gruppe: „Und Johanna, die Frau des Chuza, des Vorsteher des Herodes, und Susanna und weitere Viele (heterai pollai), die ihnen dienten, so wie sie es vermochten (Lk 8,3). Zur Jesus­be­we­gung gehörten also nicht nur nament­lich Genannte, sondern grosse Teile der weib­li­chen Bevöl­ke­rung. Und wie in Mk 15,41 werden diese Vielen mit dem Verb „dienen“ explizit als Jünge­rinnen kennt­lich gemacht.

Beth­lehem, ca. 1890; Quelle: pinterest.com

Die Veren­gung des Blicks auf eine Männer-Jünger-Gruppe um Jesus wird dem Text­be­fund der Evan­ge­lien also nicht gerecht. Jesus rich­tete sich an die grossen Menschen­mengen, die er draussen antraf, die ohne mate­ri­ellen und recht­li­chen Schutz der Willkür der Herr­schenden ausge­setzt waren. Unter diesen Mengen tauchen einige Namen und Stimmen von Frauen und Männern exem­pla­risch auf, von einigen erfahren wir ihre Geschichten und Nöte. Doch damit ist nicht gesagt, dass diese Stimmen wich­tiger waren als die anderen, als dieje­nigen, von denen wir nichts erfahren. Es kann genau so gut gelten: Diese Einzel­stimmen vertreten die Mehr­heit, sie sind im Bezug auf diese Vielen hin zu hören und sagen uns, wer diese waren.

Wenn wir Jesus inmitten von Vielen sehen, verän­dert sich das übliche Bild: Er war überall da, wo die Aufge­brachten sich versam­melten und wo die Not am grössten war. Und es waren wohl nicht die Menschen­mengen, die ihm folgten, sondern er folgte den Menschen, die sich empörten. Er mischte sich ein, wo er konnte, und die Menschen begannen allmäh­lich, auf ihn zu hören und von ihm zu lernen.

Der Blick auf Jesus und seine Jünger als ein exklu­siver Kreis lässt sich nur so lange halten, wie die Vielen als Statis­tInnen aktiv ausge­grenzt werden. In der herkömm­li­chen Ausle­gungs­ge­schichte wurden sie an den Stras­sen­rand gesetzt, zu Zuhö­re­rInnen und Applau­die­renden degra­diert, die sich aus Neugier oder Lange­weile unter­halten liessen. Sie wurden mithin nicht als Refe­renz­gruppe verstanden, um die sich die Evan­ge­lien drehen, um die es der Gott­heit Israels geht: um die Armen, die ein Recht auf Brot und Gerech­tig­keit haben.

„Die Zwölf“

Brief­marken-Block Marshall Islands, 1997; Quelle: stampworld.com

Allein, woher kommt die Selbst­ver­ständ­lich­keit, sich unter „den Zwölf“ zwölf männ­liche Apostel vorzu­stellen? Die Evan­ge­lien nennen die zwölf Apostel nur einmal nament­lich (Mk 3,16f; Mt 10,2; Lk 6,13–16); ansonsten wird die Zwölf­zahl (dodeka) meist ohne weitere Präzi­sie­rung genannt. Dir Frage drängt sich auf: Sind „die Zwölf“ (dodeka) über­haupt Indi­vi­duen, Apostel, Jünger, Männer – oder geht es um etwas Anderes?

Die Paulus­briefe sind zeit­lich am nächsten zu der Jesus­be­we­gung. Doch auch sie über­lie­fern keine Hinweise, dass es einen Jünger­kreis oder ein Leitungs­gre­mium von zwölf Männern gegeben haben könnte. In 1Kor 15,5 stellt Paulus die Zwölf­zahl in die bibli­sche Tradi­tion, die die Zahl auf Israel bezieht, auf den histo­ri­schen, längst vergan­genen, nur noch fiktiven, ja utopi­schen Zwölf-Stämme-Bund. „Die Zwölf“ ist, mit anderen Worten, in der bibli­schen Tradi­tion kein empi­ri­scher Begriff, sondern eine Hoff­nungs­zahl; sie bezieht sich auf die Utopie, dass es eines Tages ein geeintes, geheiltes, aufrechtes Volk geben könnte, ein Volk, das alle umfasst – ganz Israel, samt Frauen und Männern, Kindern und Gebrech­li­chen, Verstor­benen und Verschol­lenen. Wenn „die Zwölf“ mit Jesus unter­wegs sind (z.B. Lk 8,1), dann heisst das: Jesus und die Menschen, die mit ihm waren, hatten eine Vision, die in der Tradi­tion der heiligen Schriften fundiert war und das Ganze in den Blick nahm.

Rembrandt: Christus wird zum Grab getragen; Quelle: dewahooart.com

Frauen folgten Jesus bis zum Kreuz und hielten ihm die Treue über seinen Tod hinaus. Die expli­zite Erwäh­nung der Frauen bei Jesu Hinrich­tung (Mk 15,40), respek­tive beim leeren Grab (Mk 16,1f) machen es wahr­schein­lich, dass Frauen beim letzten Mahl Jesu dabei waren. Doch während das letzte Mahl – der zwölf männ­li­chen Apostel – im Abend­mahl bis heute erin­nert wird, blieb das Zeugnis der Frauen in der Kirche folgenlos. Provo­kativ zuge­spitzt könnte man fragen: Warum ist es wich­tiger, wer damals – angeb­lich exklusiv – am Tisch sass, als wer unter dem Kreuz stand und die Aufer­ste­hungs­bot­schaft erhielt? Wo waren denn „die Zwölf“ während der Kreu­zi­gung? Warum soll es theo­lo­gisch unwichtig sein, dass „die Zwölf“ bei der Kreu­zi­gung fehlten?

Dass „die Zwölf“ der Hinrich­tung Jesu nicht beiwohnten, bedeutet: Die glück­liche Einmü­tig­keit, die am Tisch Jesu aufschien, als „die Zwölf“ mit ihm zusammen Brot in der Hand hielten und fried­lich beisammen sassen, wurde von den dama­ligen Macht­ha­bern, Herodes und dem römi­schen Kaiser, zerbro­chen. Der Volks­be­we­gung sollte mit einem blutigen Zeichen das Genick gebro­chen werden. Nach der Ermor­dung Jesu gab es vorerst keine Hoff­nung mehr auf eine gemein­same Zukunft, der Wider­stand in Paläs­tina glitt ab in natio­na­lis­ti­sche und zuneh­mend gewalt­tä­tige Fahr­wasser und mündete schliess­lich im grossen jüdisch-römi­schen Krieg der Jahre 66–70. Das war das Gegen­teil dessen, wofür Jesus gelebt und gepre­digt hatte.

Doch nach einiger Zeit, so erzählen es die Evan­ge­lien, begann sich der Hoff­nungs­körper „der Zwölf“ wieder zusam­men­zu­setzen (Lk 24). Die in alle Welt Zerstreuten bildeten Gemeinden und sangen Psalmen, sie leis­teten Rom erneut Wider­stand und begannen ihre Erin­ne­rungen aufzu­schreiben. Diese Zerstreuten, die sich neu (er-)fanden, erzählten von den Vielen, die damals von über­allher um Jesus zusam­men­ge­strömt waren. Die Zwölf­zahl war für sie daher noch immer der Traum, „ganz“ zu werden, zusammen zu leben, eine gemein­same Heimat zu finden.

Wenn „die Zwölf“ aber indi­vi­dua­li­siert und auf „zwölf Männer/Jünger“ redu­ziert wird, ist von diesem Traum nichts mehr übrig. Wenn wir um Jesus einen ‚Kreis‘ ziehen, drohen wir Tausende aus den Augen zu verlieren, die mit ihm gemeinsam um Brot und Gerech­tig­keit gekämpft haben. Damit verliert die theo­lo­gi­sche Botschaft an Kraft und poli­ti­scher Rele­vanz – auch für heute.

Luzia Sutter Rehmann

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Luzia Sutter Rehmann ist Titularprofessorin für Neues Testament an der Theologischen Fakultät der Universität Basel und Leiterin des Arbeitskreises für Zeitfragen in Biel.