Die Verschwörungstheorien der „Klimawandelskeptiker“

Der Klimawandel ist eine wissenschaftliche Tatsache. Das hat jahrzehntelange Forschung von tausenden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern ergeben. Rechtspopulisten interessieren sich nicht dafür und streiten den Klimawandel ab. Stattdessen raunt man lieber von einer Weltverschwörung.



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Der Klimawandel – oder besser gesagt: der angeblich ausbleibende Klimawandel gehört zu den Lieblingsthemen rechtskonservativer und rechtspopulistischer Kreise. Man könnte beliebig viele Beispiele von Politikern aufführen, die insbesondere in den sozialen Netzwerken, den Klimawandel und seine Folgen relativieren, verharmlosen oder ganz abstreiten.

Dabei verwechselt Donald Trump ab und an schon einmal „Wetter“ mit „Klima“, wenn er einen kühlen New Yorker Julitag als Beweis für den ausbleibenden Klimawandel anführt. Der fleissige Twitter-User und SVP-Nationalrat Claudio Zanetti wiederum spottet nicht nur regelmässig über „Klimahysteriker“, sondern verlinkt immer wieder Texte, die auf angebliche Widersprüche der Klimaforschung hinweisen.

Das sind keineswegs verstreute Einzelmeinungen von besonders extremen Exponenten. Die rechten Parteien haben sich die „Klimawandelskepsis“ auch in ihre Programme geschrieben: Die Alternative für Deutschland streitet in ihrem kürzlich verabschiedeten Grundsatzprogramm die Existenz des Klimawandels grundsätzlich ab. Beklagt wird hingegen eine „Dekarbonisierung“. Ganz so, als ob es sich bei Kohlendioxid um ein schützenswertes deutsches Kulturgut handeln würde. Im aktuellen SVP-Parteiprogramm kommen die Begriffe Klimawandel oder Klimaerwärmung kein einziges Mal vor. „Unserer Umwelt geht es gut“, steht da lapidar als erster Satz im Kapitel zur Umwelt. Die SVP warnt vor „grünen Ideologen und Umwelttheoretikern“ und fordert „Praxis vor weltfremder Theorie“, ohne jedoch genauer auszuführen, was man sich unter einem „Klimapraktiker“ genau vorstellen soll.

Die Hauptargumente der „Skeptiker“

Damit sind die zwei Hauptargumente der selbsternannten „Skeptiker-Bewegung“ bereits genannt: Erstens wird unablässig auf angebliche Unstimmigkeiten und Widersprüche innerhalb der Scientific Community verwiesen und zweitens die Klimawissenschaft als „ideologische Pseudowissenschaft“ diskreditiert. Das erste Argument des vermeintlichen Dissenses lässt sich in wenigen Sätzen widerlegen: Die Forschung zum Klimawandel findet in einem interdisziplinären, internationalen Feld statt, und wird nicht nur von Klimatologen, sondern unter anderem auch von Ozeanografen, Geografinnen oder Soziologen mitgetragen. Natürlich sind sich diese Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auch heute keineswegs in allen Punkten einig. Noch immer gibt es viele ungelöste Fragen und Probleme. Doch die derzeitigen Debatten – die keineswegs heimlich geführt werden, wie die „Skeptiker“ wider besseren Wissens beständig behaupten – ändern nichts daran, dass ein überwältigender Grundkonsens zum anthropogenen Klimawandel besteht, wie etwa die US-amerikanischen Wissenschaftshistorikerin Naomi Oreskes bereits 2004 in Science mit einer Studie zur relevanten peer reviewed Literatur im Zeitraum von 1993 bis 2002 zeigte.

Vor diesem Hintergrund kann man die beliebten Verweise der „Skeptiker“ auf Forschungs- und Zeitungsberichte aus den 1970er-Jahren mit Prognosen einer neuen Eiszeit, die auf angebliche Widersprüche der Wissenschaft hinweisen sollen, nur als absurd bezeichnen. Tatsächlich gab es in den 1970er-Jahren weitreichende Debatten, ob und inwiefern menschliches Handeln klimarelevant sei. Und über Jahre waren sich die Klimawissenschaftler weder einig noch sicher, ob der schon länger bekannte Anstieg von Kohlendioxid in der Atmosphäre zu einer Erderwärmung oder die Luftverschmutzung in Kombination mit externen Faktoren, wie etwa den Sonnenzyklen, zu einer neuen Eiszeit führen würden. Der heutige Konsens ist allerdings das Resultat genau dieser jahrzehntelangen Forschung.

Das zweite Argument, die Behauptung, die Klimaforschung sei eine „Pseudowissenschaft“, ist perfider. Die „Skeptiker“ übernehmen dabei geschickt die Terminologie der postmodernen Wissenschaftstheorie und betonen sowohl die „Konstruiertheit“ wissenschaftlichen Wissens als auch die Bedeutung wissenschaftsexterner Faktoren. Zunächst wird auf die vermeintlich fehlenden empirischen Grundlagen der Klimamodelle und -prognosen hingewiesen und damit das klimawissenschaftliche Wissen als etwas Fiktives dargestellt. Der SVP-Nationalrat Claudio Zanetti twitterte beispielweise am 2. Juni 2016: „In der Klimadebatte geht es nicht um Empirismus“ und die AfD spricht in ihrem Grundsatzprogramm von „untauglichen Computer-Modellen“. Zudem wird eine „links-grüne Ideologie“ imaginiert, welche als externe Bedingung die Wissenschaft nicht nur beeinflusse und kontaminiere, sondern lenke.

Die Einsicht, dass in der Wissenschaft nicht einfach in Labor- und Feldexperimenten kontextlos „ewige Naturwahrheiten“ enthüllt werden, ist weder neu noch besonders originell. Von einem emphatischen Wahrheitsbegriff haben sich nicht nur Wissenschaftshistoriker und -theoretikerinnen, sondern inzwischen auch Naturwissenschaftler verabschiedet. Nicht zuletzt die unterschiedlichen – oft zu Unrecht belächelten – turns der Geisteswissenschaften haben den Blick für die Orte, die Materialität und den historischen Kontext der Wissensproduktion geschärft. Niemand würde heute ernsthaft eine absolute Unabhängigkeit der Wissenschaften behaupten. Spätestens seit Bruno Latours Laborstudien ist die Feststellung, dass Wissen auch unter Laborbedingungen in einem konkreten sozialen Austausch produziert wird, ein Gemeinplatz. Und dass Wissenschaft sich in komplexen Wechselwirkungen mit der Gesellschaft abspielt, kann heute nur mehr die wenigstens überraschen.

Wie Wissenschaft funktioniert

Das bedeutet nun für die Klimawissenschaft erstens, dass man durchaus mit einer gewissen Vorsicht von einem „grünen Zeitgeist“ sprechen kann, der nicht nur Forschung zum Klimawandel, sondern auch zu umweltrelevanten Problemstellungen im Allgemeinen begünstigt. Von den „Skeptikern“ wird dabei allerdings die Tatsache vollständig ausgeblendet, dass dieses globale Umweltbewusstsein zu keinem Zeitpunkt von politischen Eliten aufoktroyiert wurde. Im Gegenteil: Die Etablierung des Umweltbewusstseins ist ein prototypisches Beispiel einer Graswurzelbewegung.

Zweitens und vor allem aber werden in der Klimawissenschaft (wie in allen anderen Wissenschaften im Übrigen auch) natürlich Modelle genutzt. Und man muss sogar hinzufügen, dass es in den Klimawissenschaften längst keine „rohen“ Daten mehr gibt, mit welchen die Modelle gefüttert werden könnten. Jede Datensammlung durchläuft zunächst eine ganze Reihe von Datenmodellen. Der Wissenschaftshistoriker Paul N. Edwards betont, dass wir alles, was wir über die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft des weltweiten Klimas wissen, durch Modelle wissen. So etwas wie eine „reine“ Klimasimulation gibt es nicht. Daraus folgt, drittens, dass es sich bei den Klimaprognosen um Zukunftswissen mit einem entsprechend problematischen epistemologischen Status handelt, das nur mit Wahrscheinlichkeiten dargestellt werden kann.

Die Tatsache jedoch, dass wissenschaftliche Erkenntnisse durch Modelle gewonnen werden, dass Begriffe und Vorstellungen, wie Rationalität, Objektivität und Wertfreiheit, selbst eine Geschichte haben und nicht mehr als einzige und absolute Referenzpunkte für wissenschaftliches Arbeiten in Frage kommen, bedeutet nicht – und das ist das grosse Missverständnis –, dass das produzierte Wissen falsch, fiktiv oder eine blosse Meinung wäre. Die sehr komplexen und rechenaufwändigen Klimamodelle werden beispielsweise immer wieder überprüft. Unter anderem wird getestet, ob damit das vergangene oder gegenwärtige Klima korrekt simuliert werden kann. Die Scientific Community ist sich also sehr wohl der Probleme bewusst. Fragen zur Aussagekraft von computergenerierten Prognosen oder zur Kommunikation von wissenschaftlichen Resultaten werden offen diskutiert und reflektiert. Gerade diese andauernden Debatten führen oftmals zum Eindruck, „die Wissenschaft“ sei widersprüchlich und generell unzuverlässig. Was die „Skeptiker“ tun, ist schlicht, dass sie wissenschaftliche Redlichkeit zum Vorwurf verdrehen, womit sie sich ein ebenso populistisches wie zuverlässiges Instrument schaffen.

Entlarvend ist auch, dass diese konstruktivistisch eingekleidete „Wissenschaftskritik“ nur sehr selektiv angewandt wird. Während die politische Rechte die Klimawissenschaft oder die Geisteswissenschaften unter Generalverdacht stellt, bekundet sie keinerlei Probleme damit, sich beispielsweise auf die vor mehr als 50 Jahren geschriebenen Texte eines Milton Friedmans zu berufen, so als ob es sich um heilige Texte handeln würde. Als wissenschaftlich und „wahr“ gilt nur noch, was auch politisch genehm ist.

Verschwörungstheorien (und die SVP)

Dabei ist insbesondere die diskreditierende Behauptung von der Klimawissenschaft als einer von „links-grüner Ideologie“ bestimmten und verfälschten Unternehmung längst überzeugend ausgehebelt worden. Naomi Oreskes hat zusammen mit Erik Conway in ihrem Buch Merchants of Doubt  (2010) für den US-amerikanischen Raum herausgearbeitet, wie ein kleines, aber einfluss- und ressourcenreiches Netzwerk von Industrievertretern, rechtskonservativen Politikern, Think Tanks und meist fachfremden Wissenschaftlern gezielt Zweifel am wissenschaftlichen Konsens säen. Die Methoden reichen dabei von geschickter PR-Arbeit, über selektive Rezeption der wissenschaftlichen Publikationen bis hin zu handfestem Betrug und persönlicher Diffamierung von Wissenschaftlern. Während es für die Annahme, dass tausende renommierte Wissenschaftler Vertreter einer „links-grünen“ Ideologie seien (oder sich zumindest von ihr blenden lassen) doch sehr viel Fantasie benötigt, lassen sich die „Klimawandelskeptiker“ empirisch gestützt sehr präzise politisch verorten.

Die „Skeptiker“ sind für solche kritischen Argumente nicht zugänglich. Und da zeigt sich das eigentliche Problem: Mit der Behauptung, dass die überwältigende Mehrheit der renommiertesten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler Teil einer „links-grünen Ideologie“ seien und eine versteckte politische Agenda verfolgten, verbreiten sie nichts anderes als eine gegen jegliche Kritik immune Verschwörungstheorie. Dieses verschwörungstheoretische Denken der politischen Rechten zeigt sich besonders deutlich im Parteiprogramm der SVP, das bis 2015 gültig war und heute noch auf der offiziellen Webseite der Partei abruf- und einsehbar ist. Um den Klimawandel in Abrede zu stellen, greift die Partei sogar auf Zitate aus dem Buch Rote Lügen in grünem Gewand: Der kommunistische Hintergrund der Öko-Bewegung von Torsten Mann zurück. Darin glaubt der Autor belegen zu können, dass der Klimawandel eine Lüge sei, und der Umweltpolitik nicht ökologische Absichten, sondern rein ideologische Motive zugrunde liegen, die ausschließlich darauf abzielten, die Marktwirtschaft der westlichen Nationalstaaten in den Ruin zu treiben. An ihrer Stelle soll – so Torsten Mann – ein globaler Umverteilungsstaat nach dem Vorbild der Sowjetunion errichtet werden, der von einer zur Weltregierung ausgebauten UNO planwirtschaftlich kontrolliert wird. Das Buch ist im Kopp-Verlag erschienen, der für sein rechtsesoterisches und verschwörungstheoretisches Verlagsprogramm bekannt geworden und äusserst umstritten ist.

Man muss sich das vor Augen halten: Die mit Abstand wählerstärkste Partei der Schweiz wischt den durch jahrzehntelange Forschung erreichten wissenschaftlichen Konsens mit einer rechtsextremen Weltverschwörungstheorie vom Tisch. Durch ihre Diffamierung einer gesamten Forschungsrichtung und ihr Raunen von der Weltverschwörung klinkt sich die politische Rechte vollständig aus wissenschaftlich gestützten Diskussionen aus. Eine Basis für eine gemeinsame, rationale Klima-Politik bleibt damit nicht mehr übrig.