Die westlichen Luftschläge gegen die Huthi-Rebellen vor ein paar Wochen waren „nachrichtenrelevant“ – doch vor den Angriffen auf Handelsschiffe im Roten Meer spielte der Jemen in unseren Medien kaum eine Rolle. Zahlreiche Kriege und Katastrophen im Globalen Süden finden abseits jeder Aufmerksamkeit statt. Woran liegt das?

  • Ladislaus Ludescher

    Ladislaus Ludescher wurde 2017 mit einer Arbeit über die Wahrnehmung der Amerikanischen Revolution in der deutschen Literatur promoviert und habilitiert sich gegenwärtig an der Goethe-Universität Frankfurt a. M. Jüngste Veröffentlichung: „Vergessene Welten und blinde Flecken: Die mediale Vernachlässigung des Globalen Südens“, Heidelberg 2020.

Seit den letzt­lich gegen Israel gerich­teten Angriffen der Huthi-Rebellen auf Handels­schiffe im Roten Meer und den mili­tä­ri­schen Gegen­ak­tionen der Verei­nigten Staaten und ihrer Verbün­deten findet der Jemen eine gewisse Beach­tung. Das ist erschre­ckend. Erschre­ckend ist nicht, dass der Jemen nun in den Nach­richten auftaucht, sondern, dass dies erst jetzt, nach der Gefähr­dung von poli­ti­schen und ökono­mi­schen Inter­essen des soge­nannten Westens geschieht. Fast könnte man meinen, dass vorher im Land an der Südspitze der arabi­schen Halb­insel nichts Berich­tens­wertes geschehen wäre. Vergeb­lich durch­sucht man die Nach­rich­ten­da­ten­banken vor 2024 nach dem Jemen. Außer einzelnen verstreuten Berichten wird man kaum fündig. 

Abb. 1: Anzahl der Berichte, in denen die jewei­ligen Länder (bzw. poli­ti­schen Enti­täten) im Jahr 2023 in der Tages­schau erwähnt wurden

Dabei herrscht im Jemen seit 2015, also seit mitt­ler­weile neun Jahren, ein Bürger­krieg zwischen der von Saudi-Arabien unter­stützten jeme­ni­ti­schen Regie­rung und den Iran nahe­ste­henden Huthi-Rebellen. Die Ursprünge der mili­tä­ri­schen Ausein­an­der­set­zungen im Jemen reichen aber weiter zurück. Zwei Jahr­zehnte Krieg seit dem Aufstand der Huthi gegen die Regie­rung im Jahr 2004 haben das Land in Trümmer gelegt. 2017 wurde der Jemen von der größten jemals gemes­senen Chole­ra­epi­demie heim­ge­sucht, Schät­zungen zufolge starben in Folge des Bürger­kriegs alleine bis Ende 2021 ca. 377.000 Menschen. Bis heute sind laut UNICEF drei Viertel der Bevöl­ke­rung auf huma­ni­täre Unter­stüt­zung ange­wiesen. Über eine halbe Million Kinder unter fünf Jahren sind lebens­be­droh­lich mangel­er­nährt. Die Vereinten Nationen stuften die Lage im Jemen seit Jahren als „schlimmste huma­ni­täre Krise welt­weit“ ein.

Der blinde Fleck der Medien

Offen­sicht­lich haben das Leid und die huma­ni­täre Kata­strophe im Land aber nicht ausge­reicht, um medial ernst­haft thema­ti­siert zu werden. Der Jemen kam, das zeigt eine vor der Veröf­fent­li­chung stehende Unter­su­chung des Autors dieses Beitrags, in den Nach­richten prak­tisch nicht vor. Das gilt für führende in- und auslän­di­sche Nach­rich­ten­sen­dungen wie die deut­sche und Schweizer Tages­schau, die öster­rei­chi­sche Zeit im Bild 1 (ZIB 1) oder die US-amerikanischen ABC World News Tonight. Das gilt aber auch für die wich­tigsten poli­ti­schen Talk­shows und prak­tisch alle führenden Print­me­dien. Insge­samt wurden in der Unter­su­chung, in deren Zentrum die mediale Vernach­läs­si­gung des Globalen Hungers steht, mehr als 40 Medien ausge­wertet und – mit Ausnahme des ARTE Journal und der taz – gilt für alle, dass der Jemen in der Bericht­erstat­tung der vergan­genen Jahre prak­tisch keine Rolle spielte. 

Leider stellt der Jemen keine Ausnahme dar. Als „tödlichster Krieg des 21. Jahr­hun­derts“ gilt der Bürger­krieg in der nordäthio­pi­schen Region Tigray, in den auch Eritrea verwi­ckelt war und der zwischen 2020 und 2022 schät­zungs­weise bis zu 600.000 Menschen­leben forderte. In den Nach­richten wurde jedoch darüber wie auch über die doku­men­tierten Kriegs­ver­bre­chen kaum berichtet. Amnesty Inter­na­tional konsta­tierte schwerste Menschen­rechts­ver­let­zungen wie Verbre­chen gegen die Mensch­lich­keit und ethni­sche Säube­rungen und bemän­gelte das Desin­ter­esse der Inter­na­tio­nalen Gemein­schaft. Zu den verges­senen mili­tä­ri­schen Konflikten gehören auch die Kämpfe in Myanmar zwischen Rebellen und der anti­de­mo­kra­ti­schen Mili­tär­junta sowie der Krieg im Sudan, wo Schät­zungen zufolge über 6 Million Menschen auf der Flucht sind und eine Hungersnot droht. Dass in Haiti, dessen Haupt­stadt Port-au-Prince zu etwa 80 Prozent von riva­li­sie­renden Banden beherrscht wird, im vergan­genen Jahr ca. 4.000 Menschen ermordet wurden, dürften wohl ebenso nur die aufmerk­samsten Nach­rich­ten­zu­schauer oder -leser mitbe­kommen haben. Volker Türk, dem Hohen Kommissar der Vereinten Nationen für Menschen­rechte zufolge hängt Haiti wirt­schaft­lich und poli­tisch über einem Abgrund. Er verwies auf die huma­ni­täre Krise im Land und forderte den Einsatz inter­na­tio­naler Sicher­heits­kräfte, um die Situa­tion zu stabilisieren. 

Die Liste der medial vernach­läs­sigten Krisen, Kriege und Kata­stro­phen ließe sich leicht verlän­gern. Die Hilfs­or­ga­ni­sa­tion CARE hat im Januar 2024 einen Bericht mit den zehn am stärksten vernach­läs­sigten Krisen­ge­bieten veröf­fent­licht, die alle in Afrika liegen.

Die Unauf­merk­sam­keit in Daten

Über Jahre hinweg durch­ge­führte Lang­zeit­un­ter­su­chungen des Autors, zu denen beispiels­weise die Auswer­tung von ca. 6.000 Ausgaben der Tages­schau gehören, zeigen, dass der Globale Süden in den Nach­richten allge­mein eine sehr unter­ge­ord­nete Rolle spielt (Abb. 2). 

Abb. 2: Anzahl der Berichte, in denen die jewei­ligen Länder (bzw. poli­ti­schen Enti­täten) in den Jahren 2007-2023 in der Tages­schau erwähnt wurden.

Dies zeigt sich insbe­son­dere auch im direkten Vergleich der Bericht­erstat­tung über ausge­wählte Länder im Globalen Norden und Globalen Süden in der Tages­schau im Jahr 2023 (Abb. 3).

Abb. 3: Anzahl der Berichte über ausge­wählte Länder im Globalen Norden und Globalen Süden

Im Durch­schnitt beschäf­tigen sich Nach­rich­ten­me­dien in ledig­lich etwa 10 Prozent ihrer Sende­zeit oder Beitrags­seiten mit den Ländern des Globalen Südens, obwohl dort etwa 85 Prozent der Welt­be­völ­ke­rung lebt. Im vergan­genen Jahr 2023 waren es in der Tages­schau insge­samt 15 Prozent, was, wie eine genauere geogra­fi­sche Aufschlüs­se­lung zeigt, auf den Krieg in Israel und Gaza in der MENA (Middle East North Africa)-Region zurück­zu­führen ist (Abb. 4). 

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Abb. 4 Geogra­fi­sche Vertei­lung der Sende­zeit in der Tages­schau im Jahr 2023
(MENA = Middle East North Africa-Region)

Es scheint also, dass hinsicht­lich der Frage, ob über einen Krieg berichtet wird oder nicht, ausschlag­ge­bend ist, ob ein Staat des Globalen Nordens an diesem betei­ligt ist. Kriege ohne unmit­tel­bare Auswir­kungen auf den Globalen Norden, seien sie aus huma­ni­tären Gesichts­punkten auch noch so tragisch, werden in der Regel in den Nach­richten nur äußerst peri­pher registriert. 

Das verdeut­licht auch eine verglei­chende Analyse der Tages­schau als reich­wei­ten­stärkste deutsch­spra­chige Nach­rich­ten­sen­dung. In den vergan­genen Jahren tauchten die „schlimmste huma­ni­täre Krise welt­weit“ (Jemen) und der „tödlichste Krieg des 21. Jahr­hun­derts“ (Tigray) in den Nach­richten fast gar nicht auf. Die für beide Krisen­re­gionen aufge­brachte Sende­zeit erscheint verschwin­dend gering im Vergleich zu derje­nigen, die für Themen des Globalen Nordens zur Verfü­gung stand (2020-2022 zum Beispiel nicht einmal 1 Prozent der Sende­zeit für das Topthema des Jahres; Abb. 5). In dieser Hinsicht sind die Ergeb­nisse der Tages­schau reprä­sen­tativ für die meisten deutsch­spra­chigen Medien. 

Abb. 5: Vergleich des jewei­ligen Topthemas des Jahres mit den Berichten über die Bürger­kriegs­länder Jemen und Äthio­pien (Tigray)

Kein Süden ohne Norden

Die Margi­na­li­sie­rung von Themen des Globalen Südens, die keine Inter­es­sens­felder des Globalen Nordens zu berühren scheinen, hat Routine und gehört zu den Konstanten der Bericht­erstat­tung der wich­tigsten deutsch­spra­chigen Medien. In der Tages­schau beispiels­weise wurde in der ersten Jahres­hälfte 2022 dem Sport mehr Sende­zeit einge­räumt als allen Ländern des Globalen Südens zusammen. In der öster­rei­chi­schen ZIB 1 wurde 2022 umfang­rei­cher über die briti­sche Königs­fa­milie berichtet als über den Globalen Hunger, obwohl die Zahl der Hungernden, wie das Welt­ernäh­rungs­pro­gramm der Vereinten Nation deut­lich machte, gegen­über der Vorpan­de­mie­zeit um ca. 150 Millionen Menschen zuge­nommen hatte. In der Schweizer Tages­schau war die Bericht­erstat­tung über die Ohrfeige, die der Schau­spieler Will Smith auf der Oscar­ver­lei­hung Chris Rock gab, umfang­rei­cher als über die Bürger­kriege im Jemen und Tigray zusammengerechnet.

Bezeich­nend ist aber auch, dass die deut­sche Tages­schau bereits jetzt in den beiden Monaten um den Jahres­wechsel 2024 quan­ti­tativ umfang­rei­cher über die Angriffe der Huthi auf Handels­schiffe im Roten Meer sowie die hieraus resul­tie­renden wirt­schaft­li­chen Auswir­kungen und die nun erfolgten Luft­schläge der USA berichtet hat als über die huma­ni­täre Lage der Menschen im Jemen in den fünf vorher­ge­henden Jahren zusammen. 

Der Bürger­krieg und die huma­ni­täre Kata­strophe im Jemen haben bereits vor den Angriffen der Huthi auf die Handels­schiffe statt­ge­funden. Wie ist es zu erklären, dass Ereig­nisse um den Jemen auf einmal „berich­tens­wert“ geworden sind? Sind das Land bzw. die Region als Nach­rich­ten­thema nun rele­vanter geworden, weil die ökono­mi­schen und poli­ti­schen Inter­essen des „Westens“ betroffen sind? Ist der Jemen aktuell in den Nach­richten, weil der „Westen“ in Form der USA und ihrer Verbün­deten mili­tä­risch aktiv geworden ist? Unver­blümt und ganz direkt gefragt: Ist der Jemen auf einmal „nach­rich­ten­re­le­vant“ geworden, weil sich unter den Betrof­fenen und Opfern nicht „nur“ Jeme­niten befinden? 

Am Beispiel Jemen zeigt sich ein viel größeres allge­meines Problem der Bericht­erstat­tung. Poin­tiert gesagt: Berichtet wird anschei­nend erst, wenn Menschen oder Inter­essen des Globalen Nordens in irgend­einer Form betroffen sind. Es ist erschre­ckend, an einem konkreten und ganz realen Beispiel fest­zu­stellen, dass huma­ni­täre Kata­stro­phen und mensch­li­ches Leid ganz offen­sicht­lich alleine nicht ausrei­chen, um in den Nach­richten wahr­ge­nommen zu werden, wenn die betrof­fenen Gebiete im Globalen Süden liegen. Wie sonst ist das mediale Desin­ter­esse am „tödlichsten Krieg des 21. Jahr­hun­derts“ und der „schlimmsten huma­ni­tären Krise welt­weit“ zu erklären?

Der Jemen ist aktuell bis zu einem gewissen Grad in den Nach­richten. Es stellt sich die Frage, wie lange das so sein wird und ob die Berichte bleiben, wenn die Handels­routen durch das Rote Meer wieder sicherer geworden sind. Der Bürger­krieg, der Hunger und das Sterben im Jemen werden, so ist vor dem Hinter­grund der vergan­genen Jahre zu befürchten, auf jeden Fall bleiben. 

Dieser Artikel erschien zuerst auf der Seite des Euro­pean Jour­na­lism Obser­va­tory EJO (hier).
DieAus­gangs­studie Verges­sene Welten und blinde Flecken sowie verschie­dene Ergän­zungs­ana­lysen zu deutsch­spra­chigen Medien können kostenlos einge­sehen bezie­hungs­weise herun­ter­ge­laden werden unter www.ivr-heidelberg.de. Auf dieser Seite finden sich auch Video­zu­sam­men­fas­sungen, eine Unter­schrif­ten­pe­ti­tion sowie Infor­ma­tionen zu einer auf der Unter­su­chung beru­henden Wander­aus­stel­lung.