Die unsicht­bare Ruine des Kalten Kriegs: Die „Mauer in den Köpfen“ 30 Jahre nach dem Mauerfall

Als mentale Ruine des Kalten Kriegs geistert die „Mauer in den Köpfen“ noch immer durch die politische Kultur Deutschlands. Warum? Weil sie aktiv am Leben gehalten wird. Über drei politisch motivierte Lebenserhaltungsmassnahmen für die "Mauer in den Köpfen“.

Hart­nä­ckig hält sich die Unter­schei­dung Deutsch­lands in Ost und West. In Statis­tiken und Analysen dient diese Figur als Ausgangs­punkt, um soziale und poli­ti­sche Verhält­nisse im Lande erst zu unter­scheiden, um Gruppen und Befind­lich­keiten fest der einen oder der anderen Seite zuzu­schreiben. Diese Auftei­lung ist aber keines­wegs natur­ge­geben, sondern Produkt von Erwar­tungen und Entschei­dungen. Redak­teure, Demo­skopen, Poli­tiker und Wissen­schaftler könnten auch andere räum­liche Vergleichs­ebenen heran­ziehen, wie Nord und Süd, Grenz­re­gion und Binnen­land oder Stadt- und Flächenstaaten.

Warum aber sollte dies ein Problem sein? Eine natio­nal­staat­liche Selbst­wahr­neh­mung über Groß­re­gionen und Klischees ist durchaus üblich, man denke nur an East Coast, Middle West und Old South in den USA oder auch die Schweiz dies­seits und jenseits des „Rösti­gra­bens“. Zudem ist die Rede von Ost und West anstatt der vorhe­rigen von West- und Mittel­deutsch­land eine Errun­gen­schaft. Die Abkehr von der Formel „drei­ge­teilt niemals“, also die erst mit der Wieder­ver­ei­ni­gung endgül­tige Aner­ken­nung der terri­to­rialen Inte­grität Polens, ist ein Grund­stein des Frie­dens in Europa. Im Unter­schied zu anderen natio­nalen Mental Maps geht der deut­schen jedoch eine meter­genau defi­nierte Staats­grenze voraus, die eine kultu­relle Abgren­zung schaffen sollte. Als kogni­tive Grenze prägt sie bis heute Wahl­kämpfe, als ob es „die Ostdeut­schen“ als Ziel­pu­blikum über­haupt gäbe.

Die beharr­liche Fokus­sie­rung auf Ost und West betont Unter­schiede und margi­na­li­siert Gemein­sam­keiten. So produ­zieren Ähnlich­keiten zwischen Ost und West wie im Reise- und Konsum­ver­halten sowie bei Fami­li­en­mo­dellen, oder etwa die Anglei­chung bei der Armuts­ge­fähr­dung kaum Schlag­zeilen, obwohl sich DDR und Bundes­re­pu­blik gerade in diesen Berei­chen stark unter­schieden. Hinter all dem steht der sonder­bare Wunsch, spezi­fi­sche ostdeut­sche Befind­lich­keiten aufzu­spüren. Während niemand eine „west­deut­sche Iden­tität“ z.B. für das heutige Wahl­ver­halten in Dort­mund oder Melle verant­wort­lich machen würde, soll eine „ostdeut­sche Iden­tität“ gleich ganze Fragen­bündel erklären. So geis­tert die „Mauer im Kopf“ als mentale Ruine des Kalten Kriegs durch die poli­ti­sche Kultur Deutsch­lands. Wie diese aktiv am Leben gehalten wird, möchte ich an drei Problem­fel­dern verdeutlichen.

Die über­spielte Zweiseitigkeit

Größte Popu­la­rität erlangte das Sprach­bild der „Mauer im Kopf“ in den 1990er Jahren. Als Symptom des Zurück­ge­blie­benen, so der Tenor, würde sich diese mentale Verlän­ge­rung der Berliner Mauer aber bald von ganz alleine einebnen und verschwinden. Mitt­ler­weile zieht sich der Befund ihres Bröckelns durch die Jahr­zehnte. „Entdeckt“ wurde sie aller­dings deut­lich früher. Nach einer kurzen Erwäh­nung in Diet­fried Müller-Hegemanns Buch „Die Berliner Mauer­krank­heit“ erhielt sie 1982 in Peter Schnei­ders „Der Mauer­springer“ eine tiefer­ge­hende Bedeu­tung. Schnei­ders Prot­ago­nisten kämpfen sich daran ab, sich einer­seits an die Teilung zu gewöhnen und es ande­rer­seits nicht zu können. Nach einem Streit zwischen dem West-Berliner Ich-Erzähler mit seinem Ost-Berliner Schrift­stel­ler­freund Pommerer, diesmal darüber, ob aufge­zwun­gener Kapi­ta­lismus oder aufge­zwun­gener Kommu­nismus besser seien, resü­miert der Erzähler das geteilte Leid: „Die Mauer im Kopf einzu­reißen wird länger dauern, als irgendein Abriß­un­ter­nehmen für die sicht­bare Mauer braucht. Pommerer und ich mögen uns noch so weit in unseren Wünschen von unseren Staaten entfernen: wir können nicht mitein­ander reden, ohne daß ein Staat aus uns spricht. […] Die besitz­an­zei­genden Fürwörter ‚ihr‘ und ‚wir‘, ‚bei uns‘ und ‚bei euch‘ […] bezeichnen eine Art Zuge­hö­rig­keit, die sich jenseits jeder poli­ti­schen Option durch­setzt. Erst wenn sich die beiden Gesprächs­partner die Lektion aufge­sagt haben, die sich hinter dem Kürzel versteckt, kann ein Gespräch beginnen über ein Leben, das für jeden doch hinter der Mauer liegt.“

“Der Mauer­springer” (1989) von Gabriel Heimler. Der Mauer­springer ist kein DDR-Flüchtling, sondern ein West­deut­scher, der in den Osten springt.

Laut Schneider lag das Leben der Anderen also für beide Seiten „hinter der Mauer“. Im öffent­li­chen Umgang mit der Teilungs­ge­schichte scheint West­deutsch­land jedoch vor der Mauer gelegen zu haben und hinter ihr, einge­mauert und von der Stasi domi­niert, waren die Ostdeut­schen. Außer für jene, die Verwandte „drüben“ hatten, wird eine syste­mi­sche oder lebens­welt­liche Wirkung der Teilung in der Bundes­re­pu­blik intuitiv verneint. Dies lässt vergessen, dass zum Beispiel die Wehr­pflicht als Antwort auf den Mauerbau dras­tisch verlän­gert wurde, dass eine Spio­na­ge­af­färe einen Kanzler vom Stuhl stieß, dass Elek­tro­ge­räte aus der DDR Waren­preise nach unten trieben oder auch dass 20 Prozent der Fläche der Bundes­re­pu­blik Wirt­schafts­för­de­rung als Zonen­rand­ge­biet erhielten, ohne Murren bezahlt auch von anderen struk­tur­schwa­chen Regionen. Gerade in der Bundes­re­pu­blik waren die Teilung und das Leben mit ihr derart norma­li­siert, dass nurmehr die DDR als Teilungs­ob­jekt übrig blieb. So mutierte die DDR vom feind­li­chen Nach­barn zum Irrweg deut­scher Geschichte.

Dies schrieb die Geschichts­wis­sen­schaft nach dem Mauer­fall fort. Einer­seits entwi­ckelte die Aufar­bei­tungs­wis­sen­schaft nach der Archi­v­öff­nung ein komplett neues Verständnis der DDR-Geschichte. Im Neben­ef­fekt verstärkte ihr Fokus auf den SED-Staat aber ande­rer­seits die Wahr­neh­mung der DDR als Sonder­fall deut­scher Geschichte. Wenn­gleich von Histo­ri­kern wie Konrad Jarausch und Chris­toph Kleß­mann immer wieder ange­mahnt, entwi­ckelte auch die allge­meine deut­sche Geschichte wenig Inter­esse an inte­grierten Perspek­tiven. Eher als Ausdruck eines Symptoms denn als extremer Einzel­fall kanzelte Hans-Ulrich Wehler die DDR als eine Sack­gasse“ der Geschichte ab, die nicht durch eine ausführ­liche Analyse aufge­wertet werden solle. Bis heute widmen sich zahl­reiche Studien zur bundes­deut­schen Medi­en­ge­schichte, zur Frie­dens­be­we­gung oder zur alter­na­tiven Linken allein dem Westen, obwohl gerade diese Themen zutiefst vom Kalten Krieg geprägt waren. Die Abson­de­rung der DDR-Geschichte als Subdis­zi­plin der Zeit­ge­schichte nimmt also auch der bundes­deut­schen Geschichte Tiefe und mindert die histo­ri­sche Erklä­rungs­kraft bei gegen­wär­tigen Phäno­menen, die nur aus einem Deutsch­land heraus gedacht werden können.

Abson­dernde Kollektivwahrnehmung

Entspre­chend sind heute „die Ostdeut­schen“ im Gegen­satz zu „den West­deut­schen“ eine omni­prä­sente rheto­ri­sche Figur. Wer aber soll damit gemeint sein? Aus der DDR wanderten ca. 3.5 Millionen Menschen aus, mehrere Hundert­tau­send wanderten ein oder zurück, zudem ließen sich Flücht­linge und Arbeits­zu­wan­derer nieder. Seit dem Mauer­fall steigt und sinkt das Netto-Wanderungssaldo zwischen Ost und West wellen­artig, was Frank Bösch zufolge in den Jahren 1991-2013 für einen Austausch von ca. 5 Millionen Menschen unter den knapp 16 Millionen Einwoh­nern der neuen Bundes­länder sorgte. Wer ist nun „Ostdeut­scher“? Je nach Defi­ni­tion fallen zwischen 17-22 Prozent der Bundes­be­völ­ke­rung darunter (eine Schwan­kung von über 4 Millionen Menschen), wovon viele gar nicht in den ostdeut­schen Bundes­län­dern leben. Der Begriff des „Ostdeut­schen“ ist somit mehr Zuschrei­bung denn Beschrei­bung. Er produ­ziert eine statis­ti­sche Menge, um Einheit zu sugge­rieren, wo Viel­falt und Migra­tion vorherrschen.

Ausschnitt aus dem Gemälde „Die reizende Mauer“ von Wasja Götze (1988)

Dennoch soll der Begriff der „Ostdeut­schen“ Befind­lich­keiten erklären. Blicken wir auf ein belie­biges gegen­wär­tiges Beispiel: Am 19. Februar 2019 brachte die Links­frak­tion unter dem Motto „Endlich ostdeut­sche Lebens­leis­tungen aner­kennen“ ein Posi­ti­ons­pa­pier zum Renten­an­gleich in den Bundestag ein. Es beginnt mit folgenden Worten: „Es ist mitt­ler­weile schon 30 Jahre her, dass die Ostdeut­schen für demo­kra­ti­sche Rechte und persön­liche Frei­heit gekämpft und die Wieder­ver­ei­ni­gung herbei­ge­führt haben.“ Gegen wen haben „die Ostdeut­schen“ denn gekämpft? Und mit wem und wie haben sie sich denn so ganz alleine verei­nigt? Vorder­gründig thema­ti­siert das Papier Versor­gungs­lü­cken bei Frauen und vielen Berufs­gruppen, im Kern beschwert es sich jedoch über Renten­be­schnei­dung bei Dienern und Privi­le­gierten des SED-Staates, darunter Hoch­schul­lehrer, Zoll­be­amte, ins Ausland auf Dienst­reisen mitge­reiste Ehepartner und Mitar­beiter des MfS. Es fordert nicht weniger als „die Abschaf­fung des Miss­brauchs von Renten­recht als politische(m) Straf­recht“ und die Aufar­bei­tung des, wie es an anderer Stelle zum Thema heißt, „Treuhand-Unrechts“. Im hiesigen Zusam­men­hang ist vor allem die historisch-argumentative Figur wichtig, durch die das Posi­ti­ons­pa­pier erst „die Ostdeut­schen“ als Frei­heits­kämpfer erfindet, dann aber die Rechte für jene einfor­dert, die am meisten vom Staat profi­tierten, ja dem Frei­heits­kampf entge­gen­standen – um letzt­lich die Sprache der Aufar­bei­tung des SED-Unrechts auf die Bundes­po­litik anzu­wenden. Erst jüngst erin­nerte der Bürger­rechtler Werner Schulz an die Tradi­tion der ehema­ligen PDS, die sozialen Diffe­renzen zwischen Ost und West allein dem Verei­ni­gungs­pro­zess, anstatt ihrer Vorgän­ger­partei der SED zuzu­schreiben. Die damit einher­ge­hende Markie­rung der „Ostdeut­schen“ als die Benach­tei­ligten der Wieder­ver­ei­ni­gung resul­tiert in einer entmün­di­genden Inter­es­sens­ver­tre­tung: Galten sie einst als jene, denen die Frei­heit vom Westen erst gebracht und dann beigebracht werden musste, werden sie nun zu jenen, denen die Frei­heit mehr nahm als gab. Wer sein Nach­wen­de­leben als (hart erkämpften) Erfolg versteht, muss sich einfügen oder passt nicht in die derart codierte Grup­pen­iden­tität der „Ostdeut­schen“.

„Mauer­springer“ von Fernando Sanchez Castillo aus kleinen Soldaten-Figuren, 11. „Ostrale“ in Dresden 2017.

Diesen hoch­po­li­ti­sierten Aspekt der Benach­tei­li­gung muss man von dem der kultu­rellen Verlus­ter­fah­rung trennen. Denn während ökono­misch in den letzten Jahren große Anstren­gungen zur Anglei­chung der Lebens­ver­hält­nisse unter­nommen wurden, mangelt es an einer grund­le­genden Ausein­an­der­set­zung mit der Diver­sität der Lebens­welten bis in die 1990er Jahre. Die Wahr­neh­mung dessen, was als eine deut­sche Kultur verstanden wird, leitet sich ganz von Westen her. So wird im kollek­tiven Gedächtnis, um absicht­lich ganz beliebig zu illus­trieren, das Wissen über Werner Fass­bin­ders Angst essen Seele auf oder Hein­rich Bölls Die verlo­rene Ehre der Katha­rina Blum als ikonen­hafte deut­sche Kultur­pro­dukte erwartet, wohin­gegen Manfred Krug in Spur der Steine, die Bedeu­tung der Legende von Paul und Paula oder Karats Blauer Planet als DDR-Spartenwissen abge­son­dert werden. Hier lebt der west­deut­sche Allein­ver­tre­tungs­an­spruch im Alltag nach und verhin­dert eine inte­grierte Narra­tion deut­scher Zeitgeschichte.

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Kultu­relle Wirkung des Neoliberalismus

Anhand harter Indi­ka­toren wie Einkommen und Infra­struktur betonen die Berichte zum Stand der deut­schen Einheit neben einigen hart­nä­ckigen Unter­schieden vor allem die immensen Fort­schritte. Und doch scheint die Unzu­frie­den­heit mit den Ergeb­nissen der Wieder­ver­ei­ni­gung zu steigen. Dem liegen nicht nur über­höhte Erwar­tungen, sondern vor allem eine irre­füh­rende Prämisse zugrunde. Die Rede vom „Aufholen“ des Ostens blendet die Dyna­miken des modernen Kapi­ta­lismus und des euro­päi­schen Struk­tur­wan­dels aus. Der Siegeszug des Neoli­be­ra­lismus hat nicht nur ökono­mi­sche, sondern vor allem auch kultu­relle Wirkungen. Es führt eine Linie von Margret That­chers „there is no such thing as society“ zur Verödung ganzer Land­striche in Brandenburg.

Kani Alavi, Es geschah im November (1990)

Der Wandel des Industrie- zum Finanz­ka­pi­ta­lismus ging in West­eu­ropa seit den 1980er Jahren mit einer Abwer­tung aller nicht poten­tiell markt­fä­higen Facetten der Gesell­schaft einher. In den west­deut­schen Bundes­län­dern wurde dieser Wandel jedoch durch Ideen der sozialen Markt­wirt­schaft, Kämpfe von Gewerk­schaften und auch verant­wor­tungs­be­wusste, regional verwur­zelte Unter­nehmer zunächst einge­dämmt. In der zerfal­lenen DDR fehlte diese Schutz­zone. Der über Nacht fällige System­wandel rich­tete sich nie am Ideal der sozialen Markt­wirt­schaft aus, sondern an Inves­to­ren­lo­giken. Kritiker der Hoff­nung auf die „unsicht­bare Hand des Marktes“ wurden als Ewig­gest­rige abge­stem­pelt. Wie die Bevöl­ke­rung zahl­rei­cher Länder Mittel- und Osteu­ropas mussten sich auch die Bewohner der neuen Bundes­länder nicht auf den Kapi­ta­lismus einstellen, wie land­läufig behauptet, sondern auf einen Kapi­ta­lismus, den auch der Westen nicht kannte. Die Gleich­set­zung von Neoli­be­ra­lismus und Demo­kratie gab der neuen Frei­heit den Unterton von Allein­ver­ant­wor­tung. Was dies bedeutet, sehen wir langsam auch im Rest Europas: Abwer­tung nicht markt­fä­higer Bildung, Rückbau des Sozi­al­we­sens zur Notver­sor­gung, Kahl­schlag der Kultur­land­schaft; also der Rotstift als Medium der „Krisen­be­wäl­ti­gung“.

Entspre­chend sind auch die kultu­rellen Effekte des Neoli­be­ra­lismus in den neuen Bundes­län­dern stärker ausge­prägt, bzw. weiter fort­ge­schritten, als in den alten. Die ersten Strei­chungs­opfer in vielen Klein­städten waren die Kultur­träger: die Theater, die Jugend­klubs, die Sozial- und Frei­zeit­an­ge­bote. Diese Räume füllten gezielt Rechts­ra­di­kale, darunter viele aus dem Westen kommende oder agie­rende Stra­tegen des Hasses. Sie hofften, in der demo­kra­tie­u­ner­fah­renen und großen­teils migra­ti­ons­feind­lich sozia­li­sierten DDR-Gesellschaft einen frucht­baren Boden zu finden.

Mauer­graf­fiti, Künstler*in unbe­kannt, Quelle: http://kunstakut.de

Während die Struk­tur­för­de­rung in den ersten Jahren lang­fristig großen­teils erfolglos versuchte, Groß­un­ter­nehmer und inter­na­tional operie­rende Konzerne anzu­ziehen, fruchtet in den letzten Jahren eine die Stärken der Regionen aufgrei­fende Mittel­stands­för­de­rung. Für diese fehlen nun aber Fach­kräfte, die in die entspre­chenden Regionen ziehen wollen. Auch große Teile der noch in der DDR gebo­renen und im vereinten Deutsch­land aufge­wach­senen Genera­tion haben ihren länd­li­chen und klein­städ­ti­schen Herkunfts­re­gionen im Osten den Rücken zuge­wandt. Dies hat wenig mit Jobs zu tun, sondern viel­mehr mit zu geringen Erfolgen, ostdeut­sche Städte und Regionen jenseits eines völkelnden Heimat­ge­fühls lebens­wert zu machen. Dass dies funk­tio­nieren kann, dafür gibt es gute Beispiele. Leipzig bietet viel Kultur und ist seit längerem die am schnellsten wach­sende Stadt Deutsch­lands, Rostock hat nach erschüt­ternder Gewalt 1992 neue Wege inklu­siver Politik erprobt und in Ebers­walde, um eine Klein­stadt zu nennen, wandelt eine Hoch­schule für nach­hal­tige Entwick­lung (HNE) das Stadt­bild. Diese Städte wachsen.

Das poli­ti­sche Kapital der Mauer

Stand die „Mauer im Kopf“ einst für die Prägung durch unter­schied­liche Wirtschafts- und Gesell­schafts­sys­teme, wurde sie nach der Wieder­ver­ei­ni­gung zu poli­ti­schem Kapital. Sie ermög­licht es auf zwei Ebenen, an den bestehenden Problemen im Land vorbei­zu­bli­cken. Erstens dient sie dazu, die angeb­liche Über­nahme des Ostens durch den Westen als Wurzel allen Übels in den ostdeut­schen Bundes­län­dern darzu­stellen, als ob weder die Geschichte der DDR noch die poli­ti­schen Prak­tiken und Posi­tionen der Gegen­wart dafür rele­vant wären. Zwei­tens dient sie dazu, eben­dieses Übel, sei es die Verödung der Kultur­land­schaft jenseits der Groß­städte, sei es der Aufstieg Rechts­ex­tremer in Gesell­schaft und Politik, gedank­lich nach Osten zu entsorgen, als ob Neoli­be­ra­lismus und AfD rein ostdeut­sche Probleme wären. Dies öffnet Tür und Tor für Popu­lismus bis zu Demo­kra­tie­feind­schaft, weil es sie räum­lich zuordnet und damit normalisiert.

Susanne Kunjappu-Jellinek, “Curri­culum Vitae” (1990)

Versuche, den Erfolg der AfD durch eine Essen­tia­li­sie­rung „der ostdeut­schen Erfah­rung“ zu begegnen, sind also nicht nur aussichtslos, sondern kontra­pro­duktiv. Dies gilt insbe­son­dere für die poli­ti­sche Forde­rung nach „gesell­schaft­li­chem Zusam­men­halt“, was letzt­lich oft ein Chiffre für die Einbin­dung ausge­rechnet jener Kräfte ist, die vom rechten Rand her und mit stetem verschwö­rungs­theo­re­ti­schem Gemunkel gesell­schaft­liche Homo­ge­nität anstatt tole­ranter Diver­sität herstellen wollen. Dies stärkt die stereo­ty­pi­sie­rende Verein­heit­li­chung, wo es einer erhöhten Sensi­bi­li­sie­rung für inner­ge­sell­schaft­liche Hete­ro­ge­nität bedarf – inklu­sive der diversen Erfah­rungen deut­scher Zeit­ge­schichte jenseits der Kate­go­rien von Ost und West. Anstatt auf der „Mauer im Kopf“ aufzu­bauen, sollten wir sie fein säuber­lich frei­legen und musealisieren.