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  • Frank Wolff ist Privatdozent für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Osnabrück und Vorstandsmitglied des dortigen Instituts für Migrationsforschung und interkulturelle Studien (IMIS). Jüngst erschien im Suhrkamp-Verlag Die Mauergesellschaft: Kalter Krieg, Menschenrechte und die deutsch-deutsche Migration 1961-1989.

Hart­nä­ckig hält sich die Unter­schei­dung Deutsch­lands in Ost und West. In Statis­tiken und Analysen dient diese Figur als Ausgangs­punkt, um soziale und poli­ti­sche Verhält­nisse im Lande erst zu unter­scheiden, um Gruppen und Befind­lich­keiten fest der einen oder der anderen Seite zuzu­schreiben. Diese Auftei­lung ist aber keines­wegs natur­ge­geben, sondern Produkt von Erwar­tungen und Entschei­dungen. Redak­teure, Demo­skopen, Poli­tiker und Wissen­schaftler könnten auch andere räum­liche Vergleichs­ebenen heran­ziehen, wie Nord und Süd, Grenz­re­gion und Binnen­land oder Stadt- und Flächen­staaten.

Warum aber sollte dies ein Problem sein? Eine natio­nal­staat­liche Selbst­wahr­neh­mung über Groß­re­gionen und Klischees ist durchaus üblich, man denke nur an East Coast, Middle West und Old South in den USA oder auch die Schweiz dies­seits und jenseits des „Rösti­gra­bens“. Zudem ist die Rede von Ost und West anstatt der vorhe­rigen von West- und Mittel­deutsch­land eine Errun­gen­schaft. Die Abkehr von der Formel „drei­ge­teilt niemals“, also die erst mit der Wieder­ver­ei­ni­gung endgül­tige Aner­ken­nung der terri­to­rialen Inte­grität Polens, ist ein Grund­stein des Frie­dens in Europa. Im Unter­schied zu anderen natio­nalen Mental Maps geht der deut­schen jedoch eine meter­genau defi­nierte Staats­grenze voraus, die eine kultu­relle Abgren­zung schaffen sollte. Als kogni­tive Grenze prägt sie bis heute Wahl­kämpfe, als ob es „die Ostdeut­schen“ als Ziel­pu­blikum über­haupt gäbe.

Die beharr­liche Fokus­sie­rung auf Ost und West betont Unter­schiede und margi­na­li­siert Gemein­sam­keiten. So produ­zieren Ähnlich­keiten zwischen Ost und West wie im Reise- und Konsum­ver­halten sowie bei Fami­li­en­mo­dellen, oder etwa die Anglei­chung bei der Armuts­ge­fähr­dung kaum Schlag­zeilen, obwohl sich DDR und Bundes­re­pu­blik gerade in diesen Berei­chen stark unter­schieden. Hinter all dem steht der sonder­bare Wunsch, spezi­fi­sche ostdeut­sche Befind­lich­keiten aufzu­spüren. Während niemand eine „west­deut­sche Iden­tität“ z.B. für das heutige Wahl­ver­halten in Dort­mund oder Melle verant­wort­lich machen würde, soll eine „ostdeut­sche Iden­tität“ gleich ganze Fragen­bündel erklären. So geis­tert die „Mauer im Kopf“ als mentale Ruine des Kalten Kriegs durch die poli­ti­sche Kultur Deutsch­lands. Wie diese aktiv am Leben gehalten wird, möchte ich an drei Problem­fel­dern verdeut­li­chen.

Die über­spielte Zwei­sei­tig­keit

Größte Popu­la­rität erlangte das Sprach­bild der „Mauer im Kopf“ in den 1990er Jahren. Als Symptom des Zurück­ge­blie­benen, so der Tenor, würde sich diese mentale Verlän­ge­rung der Berliner Mauer aber bald von ganz alleine einebnen und verschwinden. Mitt­ler­weile zieht sich der Befund ihres Bröckelns durch die Jahr­zehnte. „Entdeckt“ wurde sie aller­dings deut­lich früher. Nach einer kurzen Erwäh­nung in Diet­fried Müller-Hegemanns Buch „Die Berliner Mauer­krank­heit“ erhielt sie 1982 in Peter Schnei­ders „Der Mauer­springer“ eine tiefer­ge­hende Bedeu­tung. Schnei­ders Prot­ago­nisten kämpfen sich daran ab, sich einer­seits an die Teilung zu gewöhnen und es ande­rer­seits nicht zu können. Nach einem Streit zwischen dem West-Berliner Ich-Erzähler mit seinem Ost-Berliner Schrift­stel­ler­freund Pommerer, diesmal darüber, ob aufge­zwun­gener Kapi­ta­lismus oder aufge­zwun­gener Kommu­nismus besser seien, resü­miert der Erzähler das geteilte Leid: „Die Mauer im Kopf einzu­reißen wird länger dauern, als irgendein Abriß­un­ter­nehmen für die sicht­bare Mauer braucht. Pommerer und ich mögen uns noch so weit in unseren Wünschen von unseren Staaten entfernen: wir können nicht mitein­ander reden, ohne daß ein Staat aus uns spricht. […] Die besitz­an­zei­genden Fürwörter ‚ihr‘ und ‚wir‘, ‚bei uns‘ und ‚bei euch‘ […] bezeichnen eine Art Zuge­hö­rig­keit, die sich jenseits jeder poli­ti­schen Option durch­setzt. Erst wenn sich die beiden Gesprächs­partner die Lektion aufge­sagt haben, die sich hinter dem Kürzel versteckt, kann ein Gespräch beginnen über ein Leben, das für jeden doch hinter der Mauer liegt.“

„Der Mauer­springer“ (1989) von Gabriel Heimler. Der Mauer­springer ist kein DDR-Flüchtling, sondern ein West­deut­scher, der in den Osten springt.

Laut Schneider lag das Leben der Anderen also für beide Seiten „hinter der Mauer“. Im öffent­li­chen Umgang mit der Teilungs­ge­schichte scheint West­deutsch­land jedoch vor der Mauer gelegen zu haben und hinter ihr, einge­mauert und von der Stasi domi­niert, waren die Ostdeut­schen. Außer für jene, die Verwandte „drüben“ hatten, wird eine syste­mi­sche oder lebens­welt­liche Wirkung der Teilung in der Bundes­re­pu­blik intuitiv verneint. Dies lässt vergessen, dass zum Beispiel die Wehr­pflicht als Antwort auf den Mauerbau dras­tisch verlän­gert wurde, dass eine Spio­na­ge­af­färe einen Kanzler vom Stuhl stieß, dass Elek­tro­ge­räte aus der DDR Waren­preise nach unten trieben oder auch dass 20 Prozent der Fläche der Bundes­re­pu­blik Wirt­schafts­för­de­rung als Zonen­rand­ge­biet erhielten, ohne Murren bezahlt auch von anderen struk­tur­schwa­chen Regionen. Gerade in der Bundes­re­pu­blik waren die Teilung und das Leben mit ihr derart norma­li­siert, dass nurmehr die DDR als Teilungs­ob­jekt übrig blieb. So mutierte die DDR vom feind­li­chen Nach­barn zum Irrweg deut­scher Geschichte.

Dies schrieb die Geschichts­wis­sen­schaft nach dem Mauer­fall fort. Einer­seits entwi­ckelte die Aufar­bei­tungs­wis­sen­schaft nach der Archi­v­öff­nung ein komplett neues Verständnis der DDR-Geschichte. Im Neben­ef­fekt verstärkte ihr Fokus auf den SED-Staat aber ande­rer­seits die Wahr­neh­mung der DDR als Sonder­fall deut­scher Geschichte. Wenn­gleich von Histo­ri­kern wie Konrad Jarausch und Chris­toph Kleß­mann immer wieder ange­mahnt, entwi­ckelte auch die allge­meine deut­sche Geschichte wenig Inter­esse an inte­grierten Perspek­tiven. Eher als Ausdruck eines Symptoms denn als extremer Einzel­fall kanzelte Hans-Ulrich Wehler die DDR als eine Sack­gasse“ der Geschichte ab, die nicht durch eine ausführ­liche Analyse aufge­wertet werden solle. Bis heute widmen sich zahl­reiche Studien zur bundes­deut­schen Medi­en­ge­schichte, zur Frie­dens­be­we­gung oder zur alter­na­tiven Linken allein dem Westen, obwohl gerade diese Themen zutiefst vom Kalten Krieg geprägt waren. Die Abson­de­rung der DDR-Geschichte als Subdis­zi­plin der Zeit­ge­schichte nimmt also auch der bundes­deut­schen Geschichte Tiefe und mindert die histo­ri­sche Erklä­rungs­kraft bei gegen­wär­tigen Phäno­menen, die nur aus einem Deutsch­land heraus gedacht werden können.

Abson­dernde Kollek­tiv­wahr­neh­mung

Entspre­chend sind heute „die Ostdeut­schen“ im Gegen­satz zu „den West­deut­schen“ eine omni­prä­sente rheto­ri­sche Figur. Wer aber soll damit gemeint sein? Aus der DDR wanderten ca. 3.5 Millionen Menschen aus, mehrere Hundert­tau­send wanderten ein oder zurück, zudem ließen sich Flücht­linge und Arbeits­zu­wan­derer nieder. Seit dem Mauer­fall steigt und sinkt das Netto-Wanderungssaldo zwischen Ost und West wellen­artig, was Frank Bösch zufolge in den Jahren 1991-2013 für einen Austausch von ca. 5 Millionen Menschen unter den knapp 16 Millionen Einwoh­nern der neuen Bundes­länder sorgte. Wer ist nun „Ostdeut­scher“? Je nach Defi­ni­tion fallen zwischen 17-22 Prozent der Bundes­be­völ­ke­rung darunter (eine Schwan­kung von über 4 Millionen Menschen), wovon viele gar nicht in den ostdeut­schen Bundes­län­dern leben. Der Begriff des „Ostdeut­schen“ ist somit mehr Zuschrei­bung denn Beschrei­bung. Er produ­ziert eine statis­ti­sche Menge, um Einheit zu sugge­rieren, wo Viel­falt und Migra­tion vorherr­schen.

Ausschnitt aus dem Gemälde „Die reizende Mauer“ von Wasja Götze (1988)

Dennoch soll der Begriff der „Ostdeut­schen“ Befind­lich­keiten erklären. Blicken wir auf ein belie­biges gegen­wär­tiges Beispiel: Am 19. Februar 2019 brachte die Links­frak­tion unter dem Motto „Endlich ostdeut­sche Lebens­leis­tungen aner­kennen“ ein Posi­ti­ons­pa­pier zum Renten­an­gleich in den Bundestag ein. Es beginnt mit folgenden Worten: „Es ist mitt­ler­weile schon 30 Jahre her, dass die Ostdeut­schen für demo­kra­ti­sche Rechte und persön­liche Frei­heit gekämpft und die Wieder­ver­ei­ni­gung herbei­ge­führt haben.“ Gegen wen haben „die Ostdeut­schen“ denn gekämpft? Und mit wem und wie haben sie sich denn so ganz alleine verei­nigt? Vorder­gründig thema­ti­siert das Papier Versor­gungs­lü­cken bei Frauen und vielen Berufs­gruppen, im Kern beschwert es sich jedoch über Renten­be­schnei­dung bei Dienern und Privi­le­gierten des SED-Staates, darunter Hoch­schul­lehrer, Zoll­be­amte, ins Ausland auf Dienst­reisen mitge­reiste Ehepartner und Mitar­beiter des MfS. Es fordert nicht weniger als „die Abschaf­fung des Miss­brauchs von Renten­recht als politische(m) Straf­recht“ und die Aufar­bei­tung des, wie es an anderer Stelle zum Thema heißt, „Treuhand-Unrechts“. Im hiesigen Zusam­men­hang ist vor allem die historisch-argumentative Figur wichtig, durch die das Posi­ti­ons­pa­pier erst „die Ostdeut­schen“ als Frei­heits­kämpfer erfindet, dann aber die Rechte für jene einfor­dert, die am meisten vom Staat profi­tierten, ja dem Frei­heits­kampf entge­gen­standen – um letzt­lich die Sprache der Aufar­bei­tung des SED-Unrechts auf die Bundes­po­litik anzu­wenden. Erst jüngst erin­nerte der Bürger­rechtler Werner Schulz an die Tradi­tion der ehema­ligen PDS, die sozialen Diffe­renzen zwischen Ost und West allein dem Verei­ni­gungs­pro­zess, anstatt ihrer Vorgän­ger­partei der SED zuzu­schreiben. Die damit einher­ge­hende Markie­rung der „Ostdeut­schen“ als die Benach­tei­ligten der Wieder­ver­ei­ni­gung resul­tiert in einer entmün­di­genden Inter­es­sens­ver­tre­tung: Galten sie einst als jene, denen die Frei­heit vom Westen erst gebracht und dann beigebracht werden musste, werden sie nun zu jenen, denen die Frei­heit mehr nahm als gab. Wer sein Nach­wen­de­leben als (hart erkämpften) Erfolg versteht, muss sich einfügen oder passt nicht in die derart codierte Grup­pen­iden­tität der „Ostdeut­schen“.

„Mauer­springer“ von Fernando Sanchez Castillo aus kleinen Soldaten-Figuren, 11. „Ostrale“ in Dresden 2017.

Diesen hoch­po­li­ti­sierten Aspekt der Benach­tei­li­gung muss man von dem der kultu­rellen Verlus­ter­fah­rung trennen. Denn während ökono­misch in den letzten Jahren große Anstren­gungen zur Anglei­chung der Lebens­ver­hält­nisse unter­nommen wurden, mangelt es an einer grund­le­genden Ausein­an­der­set­zung mit der Diver­sität der Lebens­welten bis in die 1990er Jahre. Die Wahr­neh­mung dessen, was als eine deut­sche Kultur verstanden wird, leitet sich ganz von Westen her. So wird im kollek­tiven Gedächtnis, um absicht­lich ganz beliebig zu illus­trieren, das Wissen über Werner Fass­bin­ders Angst essen Seele auf oder Hein­rich Bölls Die verlo­rene Ehre der Katha­rina Blum als ikonen­hafte deut­sche Kultur­pro­dukte erwartet, wohin­gegen Manfred Krug in Spur der Steine, die Bedeu­tung der Legende von Paul und Paula oder Karats Blauer Planet als DDR-Spartenwissen abge­son­dert werden. Hier lebt der west­deut­sche Allein­ver­tre­tungs­an­spruch im Alltag nach und verhin­dert eine inte­grierte Narra­tion deut­scher Zeit­ge­schichte.

Kultu­relle Wirkung des Neoli­be­ra­lismus

Anhand harter Indi­ka­toren wie Einkommen und Infra­struktur betonen die Berichte zum Stand der deut­schen Einheit neben einigen hart­nä­ckigen Unter­schieden vor allem die immensen Fort­schritte. Und doch scheint die Unzu­frie­den­heit mit den Ergeb­nissen der Wieder­ver­ei­ni­gung zu steigen. Dem liegen nicht nur über­höhte Erwar­tungen, sondern vor allem eine irre­füh­rende Prämisse zugrunde. Die Rede vom „Aufholen“ des Ostens blendet die Dyna­miken des modernen Kapi­ta­lismus und des euro­päi­schen Struk­tur­wan­dels aus. Der Siegeszug des Neoli­be­ra­lismus hat nicht nur ökono­mi­sche, sondern vor allem auch kultu­relle Wirkungen. Es führt eine Linie von Margret That­chers „there is no such thing as society“ zur Verödung ganzer Land­striche in Bran­den­burg.

Kani Alavi, Es geschah im November (1990)

Der Wandel des Industrie- zum Finanz­ka­pi­ta­lismus ging in West­eu­ropa seit den 1980er Jahren mit einer Abwer­tung aller nicht poten­tiell markt­fä­higen Facetten der Gesell­schaft einher. In den west­deut­schen Bundes­län­dern wurde dieser Wandel jedoch durch Ideen der sozialen Markt­wirt­schaft, Kämpfe von Gewerk­schaften und auch verant­wor­tungs­be­wusste, regional verwur­zelte Unter­nehmer zunächst einge­dämmt. In der zerfal­lenen DDR fehlte diese Schutz­zone. Der über Nacht fällige System­wandel rich­tete sich nie am Ideal der sozialen Markt­wirt­schaft aus, sondern an Inves­to­ren­lo­giken. Kritiker der Hoff­nung auf die „unsicht­bare Hand des Marktes“ wurden als Ewig­gest­rige abge­stem­pelt. Wie die Bevöl­ke­rung zahl­rei­cher Länder Mittel- und Osteu­ropas mussten sich auch die Bewohner der neuen Bundes­länder nicht auf den Kapi­ta­lismus einstellen, wie land­läufig behauptet, sondern auf einen Kapi­ta­lismus, den auch der Westen nicht kannte. Die Gleich­set­zung von Neoli­be­ra­lismus und Demo­kratie gab der neuen Frei­heit den Unterton von Allein­ver­ant­wor­tung. Was dies bedeutet, sehen wir langsam auch im Rest Europas: Abwer­tung nicht markt­fä­higer Bildung, Rückbau des Sozi­al­we­sens zur Notver­sor­gung, Kahl­schlag der Kultur­land­schaft; also der Rotstift als Medium der „Krisen­be­wäl­ti­gung“.

Entspre­chend sind auch die kultu­rellen Effekte des Neoli­be­ra­lismus in den neuen Bundes­län­dern stärker ausge­prägt, bzw. weiter fort­ge­schritten, als in den alten. Die ersten Strei­chungs­opfer in vielen Klein­städten waren die Kultur­träger: die Theater, die Jugend­klubs, die Sozial- und Frei­zeit­an­ge­bote. Diese Räume füllten gezielt Rechts­ra­di­kale, darunter viele aus dem Westen kommende oder agie­rende Stra­tegen des Hasses. Sie hofften, in der demo­kra­tie­u­ner­fah­renen und großen­teils migra­ti­ons­feind­lich sozia­li­sierten DDR-Gesellschaft einen frucht­baren Boden zu finden.

Mauer­graf­fiti, Künstler*in unbe­kannt, Quelle: http://kunstakut.de

Während die Struk­tur­för­de­rung in den ersten Jahren lang­fristig großen­teils erfolglos versuchte, Groß­un­ter­nehmer und inter­na­tional operie­rende Konzerne anzu­ziehen, fruchtet in den letzten Jahren eine die Stärken der Regionen aufgrei­fende Mittel­stands­för­de­rung. Für diese fehlen nun aber Fach­kräfte, die in die entspre­chenden Regionen ziehen wollen. Auch große Teile der noch in der DDR gebo­renen und im vereinten Deutsch­land aufge­wach­senen Genera­tion haben ihren länd­li­chen und klein­städ­ti­schen Herkunfts­re­gionen im Osten den Rücken zuge­wandt. Dies hat wenig mit Jobs zu tun, sondern viel­mehr mit zu geringen Erfolgen, ostdeut­sche Städte und Regionen jenseits eines völkelnden Heimat­ge­fühls lebens­wert zu machen. Dass dies funk­tio­nieren kann, dafür gibt es gute Beispiele. Leipzig bietet viel Kultur und ist seit längerem die am schnellsten wach­sende Stadt Deutsch­lands, Rostock hat nach erschüt­ternder Gewalt 1992 neue Wege inklu­siver Politik erprobt und in Ebers­walde, um eine Klein­stadt zu nennen, wandelt eine Hoch­schule für nach­hal­tige Entwick­lung (HNE) das Stadt­bild. Diese Städte wachsen.

Das poli­ti­sche Kapital der Mauer

Stand die „Mauer im Kopf“ einst für die Prägung durch unter­schied­liche Wirtschafts- und Gesell­schafts­sys­teme, wurde sie nach der Wieder­ver­ei­ni­gung zu poli­ti­schem Kapital. Sie ermög­licht es auf zwei Ebenen, an den bestehenden Problemen im Land vorbei­zu­bli­cken. Erstens dient sie dazu, die angeb­liche Über­nahme des Ostens durch den Westen als Wurzel allen Übels in den ostdeut­schen Bundes­län­dern darzu­stellen, als ob weder die Geschichte der DDR noch die poli­ti­schen Prak­tiken und Posi­tionen der Gegen­wart dafür rele­vant wären. Zwei­tens dient sie dazu, eben­dieses Übel, sei es die Verödung der Kultur­land­schaft jenseits der Groß­städte, sei es der Aufstieg Rechts­ex­tremer in Gesell­schaft und Politik, gedank­lich nach Osten zu entsorgen, als ob Neoli­be­ra­lismus und AfD rein ostdeut­sche Probleme wären. Dies öffnet Tür und Tor für Popu­lismus bis zu Demo­kra­tie­feind­schaft, weil es sie räum­lich zuordnet und damit norma­li­siert.

Susanne Kunjappu-Jellinek, „Curri­culum Vitae“ (1990)

Versuche, den Erfolg der AfD durch eine Essen­tia­li­sie­rung „der ostdeut­schen Erfah­rung“ zu begegnen, sind also nicht nur aussichtslos, sondern kontra­pro­duktiv. Dies gilt insbe­son­dere für die poli­ti­sche Forde­rung nach „gesell­schaft­li­chem Zusam­men­halt“, was letzt­lich oft ein Chiffre für die Einbin­dung ausge­rechnet jener Kräfte ist, die vom rechten Rand her und mit stetem verschwö­rungs­theo­re­ti­schem Gemunkel gesell­schaft­liche Homo­ge­nität anstatt tole­ranter Diver­sität herstellen wollen. Dies stärkt die stereo­ty­pi­sie­rende Verein­heit­li­chung, wo es einer erhöhten Sensi­bi­li­sie­rung für inner­ge­sell­schaft­liche Hete­ro­ge­nität bedarf – inklu­sive der diversen Erfah­rungen deut­scher Zeit­ge­schichte jenseits der Kate­go­rien von Ost und West. Anstatt auf der „Mauer im Kopf“ aufzu­bauen, sollten wir sie fein säuber­lich frei­legen und musea­li­sieren.

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