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Vor zwanzig Jahren, am 23. Juni 2000, hielt Jacques Derrida an der Goethe-Universität Frank­furt am Main im geschichts­träch­tigen Hörsaal VI (Adorno!) auf Englisch einen öffent­li­chen Vortrag über die Zukunft der Univer­sität. Einen Vortrag, den er zwei Jahre zuvor schon an der (privaten) Stan­ford Univer­sity gehalten hatte. Im Jahr nach dem Frank­furter Vortrag erschien der Text in Buch­form, zuerst auf Fran­zö­sisch (L’Université sans condi­tion), kurz darauf auch in deut­scher Über­set­zung (Die unbe­dingte Univer­sität) sowie in weiteren Spra­chen. Zwanzig Jahre also sind seither vergangen. Sind die Über­le­gungen noch – oder heute gar erst recht – aktuell?

Der Vortrag als Event

Ich saß damals im Publikum des Frank­furter Vortrags. Das lag nahe, ich wohnte und arbei­tete in Frank­furt, außerdem beglei­teten mich Derridas Arbeiten schon seit einigen Jahren. Daher hatte ich auch gele­gent­lich an seinen Semi­nar­sit­zungen an der EHESS in Paris teil­ge­nommen. Dabei war leicht fest­zu­stellen, dass im Lauf der Zeit der Spagat zwischen der ursprüng­lich über­schau­baren Semi­nar­si­tua­tion und dem ›Event‹ des öffent­lich­keits­wirk­samen Derrida-Vortrags (vor allem in der jeweils ersten Semi­nar­sit­zung, die aus einem eröff­nenden grund­sätz­li­chen Vortrag zum Semi­nar­thema bestand, die folgenden Sitzungen waren im Wechsel mit Beiträgen der Seminarteilnehmer:innen dialo­gi­scher) immer größer wurde – Aufnah­me­ge­räte aller­orten, heute wären es Smart­phones.

Die Vorträge, die ich in Paris gehört hatte, waren insge­samt immer gut vorbe­reitet, konzen­triert und nach­voll­ziehbar abge­lesen, dabei im Duktus durchaus auf die Situa­tion des Zuhö­rens ausge­richtet. Zugleich hatten diese Vorträge den Charakter eines letzten, öffent­lich vorge­führten Korrek­tur­durch­gangs durch den prak­tisch druck­fer­tigen Text, an dem nur an der einen oder anderen Stelle noch ein Komma ergänzt oder ein Tipp­fehler berich­tigt wurde.

In Frank­furt war die Situa­tion anders. Nicht nur, weil Derrida (wie zuvor wohl schon in Stan­ford) eine engli­sche Über­set­zung seines Textes vortrug und damit indi­rekt auch sein Wirken und seine Rezep­tion jenseits des Atlan­tiks mit in Erin­ne­rung rief. Auch die Rahmung des gesamten Anlasses war außer­ge­wöhn­lich, da Jürgen Habermas es war, der den Gast aus Frank­reich einlud und vorstellte.

Habermas legte in seinen einlei­tenden Worten Wert darauf, dass er selbst es war, der Derrida (wenn ich mich richtig entsinne) schon vierzig Jahre zuvor für einen Vortrag nach Frank­furt geholt hatte und dass das Gespräch seither nicht abge­bro­chen sei. In meinen Ohren klang diese Einfüh­rung mindes­tens verdächtig. Hatte ich doch noch die abschät­zigen Bemer­kungen in Erin­ne­rung, mit denen Habermas wenige Jahre zuvor seinen fran­zö­si­schen Kollegen charak­te­ri­sierte (er tummle sich asso­zia­ti­ons­reich im »Ontologisch-Urschriftlichen«, zum Beispiel).

Bald darauf bahnte sich aller­dings nicht nur von Habermas, sondern auch von Derrida her eine Art Schul­ter­schluss an, was in meinem Umfeld (vor allem bei jenen, die sich mehr oder weniger nah um Werner Hama­cher grup­pierten) wiederum mit einigem Erstaunen regis­triert wurde: Das gefähr­dete Projekt Europa und, ja, auch die Lage der Univer­sität eben, traten in den Vorder­grund eines zumin­dest zeit­weilig gemein­samen Inter­esses. Was und wie sollte eine Univer­sität sein?

Was es zu sagen gilt

Vom Event­cha­rakter seiner dama­ligen Auftritte und Inter­ven­tionen in einem inter­na­tio­nalen akade­mi­schen Betrieb mit entspre­chenden Budgets, Räum­lich­keiten und PR-Abteilungen liest man in den Ausfüh­rungen Derridas nichts. Das ist inso­fern merk­würdig, als Derrida sich im Vortrags­text selbst explizit gegen die Gefahr wendet, sich »zu jedem Preis einnehmen und kaufen zu lassen«. Die Frage nach der Unbe­dingt­heit der Univer­sität zielt für Derrida gerade darauf ab, »Wider­stand zu leisten« gegen­über jedem Versuch der »poli­ti­schen, recht­li­chen, ökono­mi­schen« Aneig­nung, die von Inter­essen geleitet ist, die nicht dieje­nigen der Univer­sität – in Derridas Sinne – sind.

Worauf es bei einer Univer­sität für Derrida ankommt, ist in aller­erster Linie dies: die »unbe­dingte Frei­heit der Frage und Äuße­rung« und damit verbunden

das Recht, öffent­lich auszu­spre­chen, was immer es im Inter­esse eines auf Wahr­heit gerich­teten Forschens, Wissens und Fragens zu sagen gilt.

Dabei sieht Derrida in diesem Recht den Streit darüber mitbe­rück­sich­tigt, wie Wahr­heit zu denken sei. Wichtig ist aller­dings, dass der Streit »in der Univer­sität« (und durchaus auch darüber hinaus) über­haupt möglich ist, wobei Derrida den ›Huma­nities‹ (frz. ›huma­nités‹) – also denje­nigen Fach­ge­bieten, die auch als ›Geistes-‹ oder ›Kultur­wis­sen­schaften‹ bezeichnet werden – ein beson­deres Gewicht beimisst.

Der in den ›Huma­nities‹ enthal­tene Begriff des Menschen und der Mensch­lich­keit ist es denn auch, der für Derrida einen steten Bezugs­punkt bildet: Wie wird der Mensch gedacht? Wie wäre er zu denken? Was heißt Verbre­chen gegen die Mensch­lich­keit? Wo und wie verlaufen die – frag­li­chen – Grenzen zwischen den Geschlech­tern? Wie zwischen Menschen und anderen Lebe­wesen? Was bedeutet Arbeit? Was sollte sie bedeuten? Wie sollte sie an der Univer­sität sein?

als ob

Auf die genannten Fragen gibt Derrida weniger Antworten – als dass er den Vorgang des Fragens selbst ins Zentrum stellt. Gegen Ende des Textes formu­liert er in sieben Punkten jedoch eine Art Programm für das, was die ›neuen Huma­nities‹ in Zukunft (also heute…) umtreiben sollte. Dabei räumt er vorab dem Studium der jewei­ligen Geschichte der einzelnen Diszi­plinen und Forschungs­ge­biete einen beson­deren Stel­len­wert ein:

Die Huma­nities von morgen werden, in sämt­li­chen Fach­be­rei­chen, ihre Geschichte studieren müssen, die Geschichte der Begriffe, die die jewei­ligen Diszi­plinen konstru­iert, und das heißt: diese Diszi­plinen gegründet haben und mit ihnen umfangs­gleich gewesen sind.

Gefragt werden sollte dabei – so Derridas Vorschlag – mindes­tens nach folgenden sieben Punkten:

Jacques Derrida: Die unbe­dingte Univer­sität, Buch­cover, Quelle: suhrkamp.de

1) nach der »Geschichte des Menschen« (der »Idee« und der »Figur des Menschen«) und nach dem, was diese Geschichte bis hin zur »Frage der Geschlech­ter­dif­fe­renzen« oder jener nach den »Verbre­chen gegen die Mensch­lich­keit« auszeichnet oder auszeichnen sollte (das Problem der von Menschen herbei­ge­führten Umwelt­ver­schmut­zung und Klima­er­wär­mung wäre hier mitzu­denken, was aber für Derrida noch nicht akut war),

2) nach der Geschichte (und von daher auch der Zukunft) der Demo­kratie und der darin invol­vierten Souve­rä­ni­täts­be­griffe, -behaup­tungen und -prak­tiken,

3) nach der Geschichte der perfor­ma­tiven Hand­lungen im öffent­li­chen Reden und Bekennen, im ›professer‹ also, dem öffent­li­chen Kundtun (an das insbe­son­dere die Profes­soren und Profes­so­rinnen sich erin­nern sollten),

4) nach der Geschichte der Lite­ratur inklu­sive des Begriffs von Lite­ratur, weil in ihr die »Kraft des ›als ob‹« und das Recht »alles zu sagen (oder nicht alles zu sagen)« jeweils mit zur Diskus­sion stehen (weshalb ihr Studium grund­le­gend ist),

5) nach der Geschichte der ›profes­sion‹, die ausge­hend von der Univer­sität über diese hinaus­geht und auch hinaus­gehen muss (eine Auswei­tung von Punkt 3 – die von Derrida in seinem Vortrag ansatz­weise schon wahr­ge­nom­mene Diskus­sion rund um digi­tale Tech­niken und deren Auswir­kung auf Kommu­ni­ka­tion und »Tele-Arbeit«, wie Derrida schreibt, gehört hierher),

6) nach der »Geschichte des ›als ob‹« (gene­rell) in Verbin­dung mit entspre­chenden perfor­ma­tiven und konsta­tiven Akten, weil ohne diese schlicht nichts passiert, sich nichts ›ereignet‹,

7) nach dem, was tatsäch­lich – als ›Ereignis‹ – passieren sollte, in oder als Zukunft, als das, was auf uns zukommt (und mit dem bestim­menden ›apophan­ti­schen‹ Wört­chen ›als‹ schon eine mögliche Tendenz zur Verfeh­lung in sich trägt).

Souve­rä­ni­täts­phan­tasma

Der siebte Punkt rund um das (indi­rekt von Heidegger herge­dachte) ›Ereignis‹ ist der kniff­ligste in den ganzen Ausfüh­rungen Derridas. Es geht Derrida offenbar darum, mit dem ›Ereignis‹ das zu denken (oder besser: denkbar werden zu lassen, in Zukunft), was nicht bereits bekannt ist und dennoch laufend geschieht oder noch geschehen wird (den unab­lässig über seine aktu­ellen Gewiss­heiten und Einsichten hinaus­grei­fenden Prozess des Denkens nennt Derrida ›Dekon­struk­tion‹).

Jacques Derrida, L’Université sans condi­tion, Buch­cover, Quelle: editions-galilee.fr

Die Abgren­zungen, die Derrida im Sinn hat, verlaufen an den Grenzen zu den tradi­tio­nellen Mustern eines ›als ob‹, das ein bloßes Abstraktum des Denkens wäre, zu den Präfe­renzen eines Wirk­lich­keits­be­griffs, der nur die Entfal­tung bereits vorhan­dener Möglich­keiten vorsähe, oder zu einem Verständnis von perfor­ma­tiven Akten, deren Effekte und Bahnen von Anfang an fest­stünden.

Derrida sieht die Ereig­nis­haf­tig­keit des Denkens – und demnach die Grund­lage der Univer­sität – insge­samt bedroht durch jene Ansprüche poli­ti­scher, recht­li­cher und ökono­mi­scher Art, die sich durch ein »Souve­rä­ni­täts­phan­tasma« defi­nieren: zu glauben, man könne und solle über das Denken und die Bedin­gungen, die es ermög­li­chen, abschlie­ßend verfügen.

Konse­quent ist deshalb die Geste am Ende des Textes, an dem Derrida das (weitest­ge­hend offen­blei­bende) Zu-Denkende als Aufgabe an die Zuhörer:innen oder Leser:innen weiter­gibt: »sich das auszu­denken, über­lasse ich Ihnen.«

Man mag diese Geste als Koket­terie oder als Zeichen eines gestei­gerten Geraunes (miss)verstehen – oder, was zutref­fender und zugleich sympa­thi­scher wäre, als Geste, die tatsäch­lich ernst­macht mit der Verab­schie­dung des Souve­rä­ni­täts­phan­tasmas:

Nichts und niemand, auch Derrida nicht, sollte sich einbilden, für andere bestimmen zu sollen, wie die zu stel­lenden Fragen oder gar die zu gebenden Antworten in oder ausge­hend von einer unbe­dingten Univer­sität lauten sollen – einer unbe­dingten Univer­sität, die als Idee vermut­lich immer ein Stück­weit uner­reichbar bleiben wird, aber gerade deshalb als Idee nötig ist. Nur dass diese Fragen – vernehmbar – gestellt und beant­wortet werden können, dafür muss gesorgt werden.

Wirkungs­ge­schichte

Die drei Bücher des Kollek­tivs »Unbe­dingte Univer­si­täten«

Verge­gen­wär­tigt man sich die Wirkungs­ge­schichte von Derridas Vortrag, so wird man zunächst tatsäch­lich fest­stellen können, dass die Anre­gungen sowohl mit Blick auf die sieben Punkte als auch mit Blick auf das, was im Weiteren noch zu denken und zu tun sein sollte, eine vergleichs­weise inten­sive Rezep­tion erfahren haben. So etwa in den drei Publi­ka­tionen des studen­ti­schen Kollek­tivs »Unbe­dingte Univer­si­täten« der Münchner Univer­sität, die alle im Diaphanes Verlag erschienen sind: 1) Was passiert? Stel­lung­nahmen zur Lage der Univer­sität (2010), 2) Was ist Univer­sität? Texte und Posi­tionen zu einer Idee (2010) und 3) Bologna-Bestiarium (2013).

Im Zuge univer­si­tärer Dauer­re­formen mit ihren impli­ziten Kontroll­zwängen und ihren oftmals aufge­bla­senen rheto­ri­schen Begleit­erschei­nungen ermög­li­chen diese Publi­ka­tionen – in Kombi­na­tion mit der Lektüre von Derridas kleinem Buch – nach wie vor Stunden der Besin­nung. Wer sein Wissen noch histo­risch vertiefen möchte, dem seien zudem die unnach­gie­bigen Stel­lung­nahmen Peter Szondis Über eine »Freie (d.h. freie) Univer­sität« ans Herz gelegt.

Was zu fragen bleibt

Es bleibt die Frage, ob nicht (bzw. wie sehr und wie sehr nicht) das von Derrida gefor­derte Angehen gegen das »Souve­rä­ni­täts­phan­tasma« selbst auf phan­tas­ma­ti­schen Annahmen beruht. So wie das von Derrida anvi­sierte ›Ereignis‹ nicht davor gefeit ist, sich als ein reines ›Event‹ heraus­zu­stellen (das ist genau die Gefah­ren­zone, in der sich seine Vorträge bewegten), so kann der Wider­stand gegen das »Souve­rä­ni­täts­phan­tasma« selbst phan­tas­ma­ti­sche Züge tragen:

Wem oder was wird auf gegne­ri­scher Seite (wieviel?) Macht unter­stellt oder einge­räumt? Oder hat man es tatsäch­lich mit konkret werdenden Souve­rä­ni­täts­phan­tasmen zu tun, die (etwa durch Schlie­ßung von Insti­tu­tionen, durch Verbote von ganzen Forschungs­ge­bieten, persön­liche Drang­sa­lie­rungen oder frag­wür­dige Förder­struk­turen) auf eine Zerstö­rung der intel­lek­tu­ellen, ›humanen‹ und insti­tu­tio­nellen Infra­struktur einer Univer­sität zielen? Und was wäre dagegen zu unter­nehmen? Mit welchem Macht­an­spruch tritt der Wider­stand auf – oder muss er gar auftreten, um etwas ermög­li­chen zu können?

Diese Fragen bleiben weiterhin zu stellen und zu beant­worten. Ganz prak­tisch, aber auch situativ und diffe­ren­ziert. Denn welt­weit befinden sich die Univer­si­täten und die Huma­nities im Beson­deren in sehr unter­schied­li­chen Situa­tionen. Dass sie ihre Rele­vanz – pauschal – verloren hätten, ist ein Mythos, der seit Jahr­zehnten immer wieder aufge­wärmt und nicht deshalb schon wahr wird. Auch für Intellektuellen-Schelte gibt es einen Markt. Derridas Plädoyer für eine unbe­dingte Univer­sität ist deshalb in ihren Grund­zügen immer noch triftig.

Bedau­er­lich bleibt, dass das Pathos in der Rede vom ›Ereignis‹ dazu verleitet, die wenig spek­ta­ku­lären Gesten der Zurück­hal­tung, der konzen­trierten Kritik sowie des ange­strebten Verzichts auf ›Denk­herr­schaft‹ zu über­sehen, die Derridas Ausfüh­rungen auch und viel­leicht vor allem auszeichnen – jenseits auch ihres eigenen Event­cha­rak­ters. Gerade jetzt, wo der Philo­so­phie Derridas gele­gent­lich pauschal jegliche Rele­vanz abge­spro­chen wird oder über­haupt das Ende der Figur des Intel­lek­tu­ellen (einmal mehr) fest­ge­stellt oder beklagt wird, sollte daran erin­nert werden.

Jacques Derrida, Die unbe­dingte Univer­sität, aus dem Fran­zö­si­schen von Stefan Lorenzer, Frank­furt am Main: Suhr­kamp 2001.

 

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