Putins Vorwand, die Ukraine zu „entnazifizieren“, baut auf der Rhetorik auf, den Gegner als „Faschisten“ zu bezeichnen. Hinter ihr verbirgt sich eine Geschichte, die bis in den Zweiten Weltkrieg zurückreicht und die die heute so unterschiedlichen Erinnerungskulturen der Ukraine und Russlands prägt.

  • Juliane Fürst ist Osteuropahistorikerin und Leiterin der Abteilung "Kommunismus und Gesellschaft" am Leibnitz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam

Wenn man die Worte hört, die in diesem jüngsten Krieg in Europa gespro­chen werden (und die Anspie­lungen in den nicht gesagten Worten), lässt sich ein irri­tierter Blick auf den Kalender kaum vermeiden. Wir schreiben das Jahr 2022, und auf dem Terri­to­rium des souve­ränen Staates Ukraine wird ein Angriffs­krieg geführt. Doch die Worte, die in offi­zi­ellen und inof­fi­zi­ellen Erklä­rungen geäu­ßert werden, scheinen aus einer früheren Zeit zu stammen: Es ist viel von „Faschismus“ und „Faschisten“, von „Nazismus“ und „Nazis“ (und „Entna­zi­fi­zie­rung“) und anderen Begriffen die Rede, die dem russi­schen Ohr aus dem Großen Vater­län­di­schen Krieg vertraut sind. In den sozialen Medien werden Bilder von Moskau und Kiew aus den Jahren 1941 und 1942 aufge­rufen (Menschen, die in einen Himmel voller feind­li­cher Flug­zeuge blicken, Zivi­listen, die in U-Bahn-Stationen Schutz suchen). Und natür­lich gibt es viele Analo­gien zu Hitler, zu den Ereig­nissen der Jahre 1939 und 1941. Der Zweite Welt­krieg scheint lebendig und präsent. Oder besser gesagt, der Kampf um seine Erin­ne­rung und sein mora­li­sches Erbe ist in vollem Gang und tritt der Gegen­wart brutal ins Gesicht.

Schwie­rige Vergangenheit

In den letzten Tagen haben selbst die skep­tischsten Beobachter:innen schmerz­lich gelernt, dass man Putins Äuße­rungen zur Geschichte ernst nehmen muss. Nicht, weil sie einen Beitrag zur Geschichte leisten, sondern weil sie in Politik über­setzt werden. Nicht, weil sie der Komple­xität der Geschichte, wie sie sich zuge­tragen hat, gerecht werden (ganz zu schweigen von der fach­li­chen Anfor­de­rung, unter­schied­liche Inter­pre­ta­tionen gegen­ein­ander abzu­wägen), sondern weil sie die Art und Weise beein­flussen – und zugleich wider­spie­geln –, wie viele Russ:innen die Situa­tion sehen. Und wich­tiger noch: Sie werden in den kommenden Jahren Teil der globalen Debatte sein, weil sie nicht nur an Millionen von Menschen, die in Russ­land leben, verbreitet wurden, sondern über russi­sche Medien auch weltweit.

Als Deut­sche ist mir die häufige und fast alltäg­liche Verwen­dung des Begriffs „Faschist“ in der russi­schen Sprache schon immer beson­ders aufge­fallen. Als Histo­ri­kerin, die sich mit der Kriegs- und Nach­kriegs­zeit befasst, konnte ich das Aufkommen dieses Begriffs in Archiv­do­ku­menten nach­voll­ziehen. Während in Berichten aus der Mitte des Krieges noch häufig von „deut­schen Inva­soren“ (neme­ckie zach­va­tčiki) oder „deutsch-faschistischen Inva­soren“ (nemecko-fašistskie zach­va­tčiki) die Rede war, kam es in den Nach­kriegs­jahren zu einer entschei­denden Verschie­bung hin zu einer Normie­rung der Rhetorik, die das deut­sche Element prak­tisch verschwinden ließ und die besiegten Nazis als Faschisten in der Erin­ne­rungs­kultur etablierte. Das lag zum einen an der Grün­dung der DDR und damit an der Schaf­fung eines „guten“ Deutsch­lands, zum anderen aber auch daran, dass man so die nicht­deut­schen Kolla­bo­ra­teure in die Erzäh­lung einbe­ziehen konnte, ohne kompli­zierte Unter­schei­dungen machen zu müssen. Ich hatte immer das Gefühl, dass ich persön­lich von diesem rheto­ri­schen Trick profi­tierte. Denn anders als im Verei­nigten König­reich, wo ich die meiste Zeit meines Lebens verbrachte, hatte ich in Russ­land oder in der Ukraine nie das Gefühl, in Defen­sivstel­lung gehen zu müssen, wenn ich meine Natio­na­lität preisgab. Deut­sche zu sein, bedeu­tete nicht unbe­dingt, eine Faschistin zu sein.

Doch die promi­nente Rolle, die der Begriff „Faschist“ in der sowje­ti­schen und post­so­wje­ti­schen Geschichts­rhe­torik spielte und spielt, bedeu­tete auch, dass er dehnbar und allseits und allzeit verwendbar war. Die stärkste inner­so­wje­ti­sche Asso­zia­tion mit dem Begriff war den Westukrainer:innen zuge­ordnet. Mir wurde noch in den 1990er Jahren oft – fast beiläufig – gesagt, „dass dort alle Faschisten seien“. Die histo­ri­sche Grund­lage für diese (unwahre) Behaup­tung ist die kompli­zierte und oft sehr wider­sprüch­liche Rolle, die die ukrai­ni­sche Unab­hän­gig­keits­armee unter der Führung von Stepan Bandera in den Kriegs- und Nach­kriegs­jahren spielte. Manchmal kolla­bo­rierte man mit den Deut­schen, manchmal bekämpfte man sie. Der Wider­stand gegen das sowje­ti­sche Regime war Maxime und erlaubte Hand­lungen und Stra­te­gien, die sich auch oft gegen einhei­mi­sche Zivi­listen rich­teten. Bis Mitte der 1950er Jahre waren Bandera und seine Leute in einen Gueril­la­kampf mit dem sowje­ti­schen Militär und der sowje­ti­schen Zivil­ver­wal­tung verwi­ckelt und übten in der Tat erheb­liche Gewalt vor allen gegen Polen und Juden aus. Bandera und seine Truppen sind in der West­ukraine und bei den ukrai­ni­schen rechts­ge­rich­teten Para­mi­li­tärs seit 1991 zu Helden geworden (und im Verbor­genen waren sie es die ganze Zeit), was nicht nur von den Russ:innen, sondern auch von der jüdi­schen Gemeinde der Ukraine, von Polen sowie von Historiker:innen, die auf diesem Gebiet arbeiten, als äußerst proble­ma­tisch einge­stuft wird. Spätes­tens seit 2014 ist die unkri­ti­sche Vereh­rung des national-ukrainischen Kriegs- und Nach­kriegs­wi­der­stands nicht mehr nur ein lokales Phänomen, sondern steht im Zentrum der Debatten, die das ukrai­ni­sche Staats­nar­rativ mitprägen.

Umkämpfte Erin­ne­rung

Das alles macht deut­lich, dass bestimmte Daten wie 1991 (Unab­hän­gig­keit), 2004 (Oran­gene Revo­lu­tion) und 2014 (Euro­maidan) zwar wich­tige Markie­rungen in der jüngsten Geschichte der Ukraine sind, dass es aber auch eine Geschichte gibt, die wie ein unter­ir­di­scher Strom unter diesen allge­mein bekannten Zäsuren verläuft. Einer der tiefsten Gräben in der sowje­ti­schen Gesell­schaft verlief zwischen unter­schied­li­chen kollek­tiven und indi­vi­du­ellen Erin­ne­rungen an den Großen Vater­län­di­schen Krieg. Die Vereh­rung Banderas im ukrai­ni­schen Westen war nicht zuletzt auch eine Reak­tion auf ein kompro­miss­loses offi­zi­elles Narrativ (das von Stalin geschaffen und von Breschnew verstärkt wurde), das wenig Raum für Nuancen und jene persön­li­chen Erin­ne­rungen ließ, die der Geschichte der sowje­ti­schen Befreiung von Faschismus und natio­nal­so­zia­lis­ti­scher Besat­zung zuwi­der­liefen oder zumin­dest nicht mit der ihr inne­woh­nenden Heroi­sie­rung der sowje­ti­schen Armee über­ein­stimmten. Die Ukraine, und insbe­son­dere der Teil, der 1939 gemäß den Bestim­mungen des Molotow-Ribbentrop-Protokolls von der Sowjet­union annek­tiert wurde, hatte keine einfache Geschichte zu erzählen. Wie die Historiker:innen Frank­reichs, Däne­marks und anderer Länder beschrieben haben, hinter­lässt eine Okku­pa­tion mora­lisch verwor­rene Land­schaften, die sich einer einfa­chen Eintei­lung in Kolla­bo­ra­teure und Wider­stands­kämpfer entziehen. Und je länger eine Besat­zung andauert, desto unüber­sicht­li­cher wird das Bild und umso unhalt­barer werden Schwarz-Weiss-Erzählungen.

Unge­achtet solcher Komple­xi­täten war das Resultat dieser extrem kontrol­lierten sowje­ti­schen Rhetorik und Erin­ne­rungs­kultur an den Krieg, dass spätes­tens seit den 1970er Jahren der ulti­ma­tive Mittel­finger gegen das sowje­ti­sche Regime darin bestand, Nazi­sym­bole zur Schau zu stellen oder sich ander­weitig durch Insi­gnien oder Worte, mit ‚Faschisten‘ zu iden­ti­fi­zieren (selten jedoch explizit ideo­lo­gisch, fast immer ober­fläch­lich symbo­lisch). In meinen Inter­views mit ehema­ligen, sowje­ti­schen Hippies war nicht selten neben Frie­dens­zei­chen und folk­lo­ris­ti­schen Schmuck­stü­cken auch von Haken­kreuzen und Nazi-Uniformen, die das Hippie­re­per­toire ergänzten, die Rede. Solche Prak­tiken waren nicht nur unter den Hippies der Fall. Bei den Bayreu­ther Musik­fest­spielen kam es vor einigen Jahren zu einem Skandal um den russi­schen Opern­sänger Evgenii Nikitin, bei dem ein täto­wiertes Haken­kreuz auf der Brust entdeckt worden war. Seine Recht­fer­ti­gung, dass dies nichts mit dem Natio­nal­so­zia­lismus zu tun habe, klang für die deut­schen Orga­ni­sa­toren nicht glaub­würdig. Hier­zu­lande ist das Haken­kreuz eindeutig belegt. Für dieje­nigen jedoch, die die sowje­ti­sche Heavy-Metal-Szene in den späten 1980er und 90er Jahren kannten, die gera­dezu gesät­tigt war von dieser Art von Symbolik, machte seine Aussage durchaus Sinn. Am Ende der Sowjet­zeit lag nicht nur die ideo­lo­gi­sche Klar­heit des Kommu­nismus in Scherben. Auch der Faschismus war zu einer Chiffre degra­diert worden, die für eine vage Vorstel­lung von Provo­ka­tion stand, seine dunklen Züge und seine düstere Geschichte jedoch ausblen­dete. Dieser Prozess der Verharm­lo­sung hat sich dann in der post­so­wje­ti­schen Ära teil­weise wieder etwas revi­diert: Die russi­schen Opfer im Großen Vater­län­di­schen Krieg wurden in der Puti­nära einer der wich­tigsten Kris­tal­li­sa­ti­ons­punkte der russi­schen Iden­tität. Die Faschisten waren wieder die anderen. Haken­kreuze tauchten aber zum Beispiel vor ein paar Tagen in einem Mobi­li­sa­ti­ons­video für ‚Z‘ auf – der Buch­stabe, der die russi­sche Kriegs­kam­pagne anführt. Es ist nicht klar, wer diese Videos, die auch marschie­rende deut­sche SS-Truppen zeigen, produ­ziert hat. Sie kursierten aber weit und unge­hin­dert im russi­schen Internet.

Die Ukraine verlegte ihren feier­li­chen Erin­ne­rungstag an den Krieg im Einklang mit dem übrigen Europa  schon vor ein paar Jahren vom 9. auf den 8. Mai – ein enorm symbol­träch­tiger Akt, der zeigt, dass die Ukraine ihre Unab­hän­gig­keit selbst auf dieses heiligste aller kollek­tiven Gedächt­nisse bezieht, die sie mit Russ­land teilt. Die Ukraine erin­nert sich anders. Und seitdem der Feiertag in Russ­land immer mehr mili­ta­ri­siert wurde, an dem man selbst Klein­kinder in Welt­kriegs­uni­formen steckte und sich immer mehr zu einem impli­ziten Mantra russi­scher Größe bekannte, wurde die Distanz zwischen den ukrai­ni­schen, ambi­va­len­teren Erin­ne­rungen und derer des ‚großen Bruders‘ immer grösser. Putins Beschwö­rung ukrai­ni­scher „Faschisten“ ist daher ein eindring­li­cher Sammel­ap­pell an all jene post­so­wje­ti­schen Menschen, die den Großen Vater­län­di­schen Krieg wie er als mili­tä­ri­schen und mora­li­schen Sieg der Sowjet­union und ihres wich­tigsten Nach­fol­ge­staates Russ­land deuten und sich dementspre­chend an ihn erin­nern und beschwören. Es die Beschwö­rung jenes Geschichts­bildes, das er durch die strenge Kontrolle eines mili­ta­ri­sierten und gesäu­berten Geschichts­lehr­plans und durch die staat­lich geför­derten Feiern zum „Tag des Sieges“ am 9. Mai mit immer größerem Nach­druck propa­giert hat. Es ist eine Kriegs­er­klä­rung an dieje­nigen, deren Erin­ne­rung anders ist – und die daher per Defi­ni­tion der Feind sind. In der Kriegs­po­litik gibt es kein Grau und schon gar nicht in Putins Welt­an­schauung. Der Feind war und bleibt ein Faschist.

„Stalins Geschenk“

Dieser Krieg um die Erin­ne­rung hat sich bereits in den frühen 2000er Jahren im Kleinen in den heftigen Kontro­versen um Denk­mäler für sowje­ti­sche Soldaten in Riga und Tallinn abge­spielt. Doch in der Ukraine geht es um ganz andere Dimen­sionen. Von der Ukraine wurde nie nur passive Akzep­tanz eines staats­stif­tenden Erin­ne­rungs­nar­rativ erwartet. Die Ukraine sollte dieses Narrativ, aktiv unter­stützen und Teil des russi­schen Selbst­ver­ständ­nisses sein. Und Teil dieses Narra­tives war, und ist, eine gewisse posi­tive Bele­gung der Sowjet­union – hier ganz explizit als Union verschie­dener Ethnien und Repu­blik. Nicht die Ukraine und auch nicht Russ­land hat den Krieg gewonnen, sondern die Sowjet­union. Die Behaup­tung der ukrai­ni­schen Souve­rä­nität als solche ist eine Provo­ka­tion gegen dieses Geschichts­bild, weil sie die 1944/45 etablierte Nach­kriegs­ord­nung und ihre Grenzen in Frage stellt. Sie verla­gert die Akteurs­ebene vom Staat – der in Putins Augen ein heiliges Gebilde ist – auf das Volk, das 1991 mit über 92 % für die Unab­hän­gig­keit gestimmt hat. Dies ist die Legi­ti­mität des ukrai­ni­schen Staates und sein Selbstverständnis.

In Putins Augen exis­tiert die Ukraine in ihrer jetzigen Form jedoch nur aufgrund dessen, was er als „Stalins Geschenke“ bezeichnet (neben weiteren soge­nannten ‚Geschenken‘ aus der Zaren- und Revo­lu­ti­ons­zeit). Damit ist der nach 1945 ethnisch gerei­nigte ukrai­ni­sche Westen der Ukraine gemeint (die zahlen­mäßig große jüdi­sche Bevöl­ke­rung wurde von den Nazis getötet und die noch größere polni­sche Bevöl­ke­rung war Teil eines Bevöl­ke­rungs­aus­tauschs mit Polen). In Putins Welt­bild wurde die ukrai­ni­sche Nach­kriegs­re­pu­blik somit 1945 von Stalin geschaffen und damit als Teil des Sieges über den Faschismus mora­lisch legi­ti­miert; sie schulde daher Putin, der sich als den recht­mä­ßigen Erben von Stalins Mission und Macht sieht, Bünd­nis­treue – auch im Jahre 2022.

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Es ist aufschluss­reich, sich an dieser Stelle an den Begriff zu erin­nern, den Putin zu Beginn der Mili­tär­inva­sion einge­führt hat: die „Entna­zi­fi­zie­rung“ der Ukraine. Auch dies ist ein stali­nis­ti­scher Begriff. Während vor dem Krieg die gängige Floskel zur poli­ti­schen Verfol­gung „Volks­feind“ lautete, mutierte sie in den Nach­kriegs­jahren zu „Faschist“ oder „Kolla­bo­ra­teur“. Beide Kate­go­rien waren dehnbar und dienten dazu, Rech­nungen auf vielen Ebenen zu beglei­chen. Auch nur der Hauch eines Kontakts mit den deut­schen Besat­zern – ja schon der reine Aufent­halt auf besetzten Gebiet – hatte nega­tive Konse­quenzen für Millionen von Sowjet­bür­gern, beson­ders für die Tausende von Ostarbeiter:innen, die zumeist gegen ihren Willen verschleppt wurden. Diese Leute wurden sozial ausge­grenzt, durften nicht studieren, durften keine leis­tenden Posi­tionen inne­haben und sich nicht kultu­rell betä­tigen. Auch ihre Kriegs­er­in­ne­rung kam in der offi­zi­ellen Erzäh­lung nicht vor. Wie die Säube­rungen in den 1930er Jahren bedeu­tete Entna­zi­fi­zie­rung im sowje­ti­schen Kontext keinen Versuch zu diffe­ren­zieren oder Mittä­ter­schaft zu analy­sieren; sie folgte viel­mehr einer Ausgrenzungs-, ja einer Vernich­tungs­logik. Sie knüpfte an Bilder der Konta­mi­na­tion an (eine weitere Obses­sion, die Stalin und Putin teilen) und wurde sowohl kollektiv als auch indi­vi­duell verstanden. Putins Verwen­dung des Begriffs „Entna­zi­fi­zie­rung“ lässt erahnen, was für eine Ukraine er sich nach seinem Krieg vorstellt. Unter dem Deck­mantel eines Begriffs, der in der ganzen Welt als Zeichen für die Wieder­her­stel­lung von Gerech­tig­keit verstanden wird, plant Putin für die Ukrainer:innen nicht nur, die physi­sche Realität eines Lebens im eigenen Staat zu zerstören, sondern auch ihr Selbst­ver­ständnis als Volk zu vernichten. Ihr Selbst­ver­ständnis als eine unab­hän­gige Nation ist in seiner Wahr­neh­mung per se unmo­ra­lisch und deshalb den Verbre­chen der Nazis gleichzusetzen.

Fehl­ein­schät­zungen

Die letzten Tage haben aber auch gezeigt, dass sich Putin hinsicht­lich der emotio­nalen Kraft seiner Rhetorik und ihrer Wirkung auf sein haupt­säch­li­ches Ziel­pu­blikum, die russi­sche Bevöl­ke­rung, zum Teil geirrt hat. Der Mangel an Gegen­wär­tig­keit in den offi­zi­ellen Verlaut­ba­rungen ist beson­ders für die jüngere Genera­tion in schmerz­li­cher Weise offen­sicht­lich. Putins Reden stehen in krassem Gegen­satz zu der Vision eines modernen Staates, die Selen­skyi in den letzten Tagen in seinen Reden auf Russisch an russi­sche Staats­bürger skiz­ziert hat. Zudem hat der Begriff „Faschist“, wie ich bereits ange­deutet habe, schon zu Sowjet­zeiten seinen Glanz und damit auch seine Kraft verloren. Er hat zumeist bei der älteren Genera­tion eine gewisse Reso­nanz. Bei den unter 30-jährigen ist diese Reso­nanz allen­falls perfor­mativ. Aber es ist schwer, die offi­zi­elle Propa­ganda mit den eigenen Lebens­er­fah­rungen zu verein­baren. Zu viele Russen haben Freunde und Familie in der Ukraine, um eine solche Quadratur des Kreises mit Leich­tig­keit zu schaffen. Nichts­des­to­trotz gibt es auch viele Berichte von ukrai­ni­schen Bürgern, die erzählen, dass ihre Verwandten ihnen auch noch unter russi­schem Bomben­be­schuss erzählen, dass sie bald von den „ihrigen“ (d.h. den Russen) gerettet würden.

Das russi­sche Narrativ hat Kraft, aber auch Schwach­stellen. Putin hat die Feier­lich­keiten zum 9. Mai im Laufe der Jahre zu einem mili­ta­ri­sierten Zirkus mit Klein­kin­dern degra­diert, die in Uniformen der Sowjet­armee herum­laufen. Aber in den letzten dreißig Jahren fand parallel dazu auch eine Ausein­an­der­set­zung auf sehr persön­li­cher Ebene mit dem Krieg statt. Dazu gehören Initia­tiven wie „Das unsterb­liche Regi­ment“, bei der Menschen bei Paraden die Bilder ihrer Väter und Groß­väter tragen und den Krieg auf diese Weise als Teil der Fami­li­en­ge­schichte zu verstehen versu­chen.  Diese Art des Geden­kens eignet sich wenig für krie­ge­ri­sche Zwecke, da ihre emotio­nale Botschaft von Trauer und Verlust geprägt ist und damit eher eine Art Pazi­fismus fördert. Man sollte nicht vergessen, dass schon im 1. Tsche­tsche­ni­en­krieg es die Verei­ni­gung der Solda­ten­mütter war, die den stärksten Druck auf die dama­lige Regie­rung Jeltzin ausübte. Die Tatsache, dass Selen­skyi jüdisch ist und daher ein Opfer des Faschismus gewesen wäre und kein Täter, unter­streicht die Absur­dität der Anschul­di­gungen gegen seine Regie­rung als „Nazi­junta“, auch wenn dieser Aspekt im Westen wahr­schein­lich stärker beachtet wird als in Russland.

In den nächsten Tagen, Wochen oder sogar Monaten wird viel Blut vergossen werden und es werden viele Verlet­zungen entstehen, die wiederum Poten­tial für weitere Konflikte schaffen. So wie sich die Sowjet­union nie von dem äußeren und inneren Impe­rium erholt hat, das sie 1945 geschaffen hat, wird die Ukraine, auch eine unter­wor­fene Ukraine, für die russi­sche Politik eine eiternde Wunde bleiben. Sie wird als Lack­mus­test für Loya­lität dienen (wie wir es schon jetzt in den Unter­stüt­zer­briefen der russi­schen Univer­si­täten sehen), gleich­zeitig aber auch Banner des inner­rus­si­schen Wider­stands werden. Und es hat Russ­land in der Welt bereits gezeichnet. Als Deut­sche weiß ich, was es heißt, sich für die Taten des eigenen Landes zu schämen, lange nachdem sie geschehen sind und auch ohne persön­liche Betei­li­gung. Als Kind habe ich meine Eltern ange­fleht, im Urlaub nicht zu laut zu spre­chen. Der mili­tä­ri­sche Sieg mag viel­leicht an Russ­land gehen. Aber Scham ist ein hoher Preis, der noch lange zu zahlen sein wird.

Post­scriptum

Nachdem ich den vorste­henden Artikel verfasst hatte, wurde mir klar, dass er zwar meine Gedanken als Histo­ri­kerin wider­spie­gelt, aber keines­wegs ange­messen wieder­gibt, was ich als Expertin, Besu­cherin und Freundin der Ukraine und Russ­lands empfinde. Ich bin vor allem wegen der Menschen in der Ukraine zutiefst verzwei­felt. Es gab für mich so viele glück­liche Stunden in den letzten dreissig Jahren, in denen ich durch Kiew, Odessa, Lemberg, Czer­no­witz und Simferopol streifte. Auf der Krim verbrachte ich den größten Teil des Jahres 1999. Hier lernte ich alles mögliche Sowje­ti­sche, Russi­sche, Ukrai­ni­sche, Tata­ri­sche und Karai­ti­sche – und noch einiges mehr. Es bricht mir das Herz, wenn ich Aufnahmen von diesen Orten und ihren Bewohner:innen sehe, die beschossen, bedroht oder besetzt werden. Als Histo­ri­kerin, die zur Sowjet­union forscht, ist man es gewohnt, viel Leid zu sehen, nicht nur in der Geschichte, sondern auch im heutigen post­so­wje­ti­schen Raum. Doch die Bösar­tig­keit und Unnö­tig­keit dessen, was jetzt geschieht, über­steigt dieses Ausmaß. In gewisser Weise macht eine histo­ri­sche Betrach­tung im Moment wenig Sinn, denn es gibt keine Analyse, die einen unpro­vo­zierten Angriff mit Tausenden von Opfern erklären kann. Ich muss zugeben, dass ich auch Angst habe, denn obwohl Putins Russ­land von Anfang an repressiv und aggressiv war (Putin begann seine Amts­zeit als Präsi­dent mit dem zweiten Tsche­tsche­ni­en­krieg), gab es immer gewisse Grenzen. Jetzt scheint es so, dass es keine Grenzen gibt, die nicht über­schritten werden könnten. Die umfas­sende „Säube­rungs­ak­tion“ begann im November mit der Liqui­die­rung von Memo­rial – einer der Säulen des Perestroika-Wandels. Sie setzt sich fort mit einer ange­strebten Liqui­die­rung der Ukraine als Staat. Die rheto­ri­schen Drohungen haben Schweden und Finn­land erreicht. Putin ist dabei, die Uhr zurück­zu­drehen. Und niemand weiß, wo er sie stoppen will. Schon jetzt ist klar, dass er bereit ist, für dieses Vorhaben sowohl die Ukrainer als auch die eigenen Leute zu opfern.

 

Über­set­zung Svenja Golter­mann und Philipp Sarasin. Der Beitrag erschien zuerst am 26.2.2022 auf dem New Fascism Syllabus und wurde von der Autorin für die deut­sche Publi­ka­tion überarbeitet.