Nationale Eigenständigkeit wurde in der Sowjetunion stets unter den Verdacht des „bourgeoisen Nationalismus“ gestellt. Am Beispiel der KGB-Akten, die in der Ukraine seit 2015 für die Forschung zugänglich sind, lässt sich zeigen, wie der Geheimdienst das Feindbild des „bourgeoisen Nationalisten“ schuf und dafür auch die Populärkultur nutzte. Die aktuelle russische Kriegspropaganda greift auf diese Narrative zurück.

  • Evgenia Lezina

    Evgenia Lezina ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Leibniz-Zentrum für Zeitgeschichte in Potsdam, wo sie sich seit 2018 mit der Geschichte der sowjetischen Sicherheitsdienste in der Spätphase der Sowjetunion befasst. Zuvor war sie leitende Forscherin am Levada-Center in Moskau. Ihre Forschungsschwerpunkte sind die Geschichte der sowjetischen Geheimpolizei und die Übergangsjustiz. Derzeit arbeitet sie an einem Buch über den Kampf des KGB gegen den ukrainischen Nationalismus in der sowjetischen Nach-Stalin-Ära.

Im Früh­jahr 2022 erlebten sowje­ti­sche Propa­gan­da­filme über den „ukrai­ni­schen Natio­na­lismus“ eine zweite Blüte­zeit. Auf YouTube hoch­ge­la­dene Filme, die Jahr­zehnte zuvor gedreht worden waren, gaben Anlass zu Kommen­taren, die scheinbar durch die Zeit gereist waren. Doch die Sprache war unver­kennbar zeit­ge­nös­sisch: Ukrainer wurden als „Bande­risten“ bezeichnet, ukrai­ni­sche Natio­na­listen als „Faschisten“ und „Diener des Westens“, und Russ­lands Krieg wurde als Fort­set­zung des Kampfes gegen ein bekanntes Feind­bild dargestellt.

Ein eindrucks­volles Beispiel dieser Feind­bild­kon­struk­tion ist der 1987 produ­zierte sowje­ti­sche Fern­seh­film Die Staats­grenze: Jenseits der Schwelle zum Sieg. Er zeigt sowje­ti­sche Grenz­sol­daten, die 1946 im Rahmen des anhal­tenden Nach­kriegs­kampfes gegen die OUN und die UPA gegen ukrai­ni­sche Aufstän­di­sche kämpfen. Jahr­zehnte später betrachten die Zuschauer:innen die Darstel­lung der „ukrai­ni­schen Natio­na­listen“ nicht als histo­ri­sches Arte­fakt, sondern als Beschrei­bung der Gegen­wart. Für diese Zuschauer hatte sich der Feind kaum verän­dert; nur das Datum war ein anderes.

Dies wirft eine umfas­sen­dere Frage auf: Wie konnten die von der sowje­ti­schen Propa­ganda geschaf­fenen Kate­go­rien und Stereo­typen ihre Kraft bewahren, um im post­so­wje­ti­schen Russ­land wieder­be­lebt zu werden? Die Antwort liegt nicht nur im Fort­be­stehen der Propa­gan­da­nar­ra­tive, sondern in den insti­tu­tio­nellen Mecha­nismen, mit denen die sowje­ti­schen Sicher­heits­or­gane zu deren Entste­hung beitrugen. Der KGB unter­drückte nicht nur dieje­nigen, die als Natio­na­listen galten; er trug auch dazu bei, zu defi­nieren, was ein „ukrai­ni­scher Natio­na­list“ sein sollte, und verwan­delte so ein hete­ro­genes Spek­trum poli­ti­scher, kultu­reller und natio­naler Forde­rungen in eine erkenn­bare Kate­gorie ideo­lo­gi­scher Gefahr. Dies war beson­ders wichtig, da die Kate­gorie nicht nur die orga­ni­sierte poli­ti­sche Oppo­si­tion, sondern auch Forde­rungen nach sprach­li­cher, kultu­reller und natio­naler Auto­nomie der Ukraine umfassen konnte.

Das Ergebnis war eine lang­le­bige poli­ti­sche Sprache und Bild­sprache. Ihre zentralen Formu­lie­rungen erwiesen sich als bemer­kens­wert stabil: „Ukrai­ni­sche Natio­na­listen“ wurden als Faschisten, Verräter, auslän­di­sche Agenten und Feinde ihres eigenen Volkes darge­stellt. Dennoch hatte die Kate­gorie zu unter­schied­li­chen Zeiten unter­schied­liche Ziele: Die verall­ge­mei­nerte Figur des „Petl­ju­risten“ hatte bereits in den 1920er Jahren als sowje­ti­sches Feind­bild gedient; in den 1930er Jahren wurde der Begriff „bürger­li­cher Natio­na­lismus“ zuneh­mend auf sowjet­ukrai­ni­sche Intel­lek­tu­elle und Kultur­schaf­fende ange­wendet; und nach dem Zweiten Welt­krieg verla­gerte sich der Fokus auf den bewaff­neten natio­na­lis­ti­schen Unter­grund in der West­ukraine, während die Figur des „Bande­risten“ an Bedeu­tung gewann. Was fort­be­stand, war nicht eine einzelne poli­ti­sche Bewe­gung oder persön­liche Konti­nuität, sondern ein flexi­bles Voka­bular, um verschie­dene Formen ukrai­ni­schen natio­nalen Handelns als ideo­lo­gi­sche Gefahr darzustellen.

KGB-Lehrbücher zum Thema «bürger­li­cher Natio­na­lismus» in der Ukraine, in Belarus, Litauen ect. Quelle: HDA-SBU-Archiv, Collage der Autorin.

Vom bewaff­neten Wider­stand zum poli­ti­schen Mythos

Der Kampf gegen den ukrai­ni­schen bewaff­neten Wider­stand in der Nach­kriegs­zeit markierte eine entschei­dende Wand­lung dieses älteren Feind­bild­re­per­toires. Ab 1944 standen sowje­ti­sche Streit­kräfte der Ukrai­ni­schen Aufstän­di­schen Armee (UPA) und anderen Forma­tionen gegen­über, die sich in der West­ukraine der Sowje­ti­sie­rung wider­setzten. Die OUN und die UPA wurden zu zentralen Zielen sowje­ti­scher Sicher­heits­ope­ra­tionen und Propa­ganda, während die Figur des „Bande­risten“ nach und nach mit einem weitaus umfas­sen­deren Bild des ukrai­ni­schen Natio­na­lismus verbunden wurde.

Um die Unter­stüt­zung für den Unter­grund zu unter­graben, stellten die sowje­ti­schen Behörden ihn als krimi­nelle Kraft dar, die der ukrai­ni­schen Gesell­schaft fremd sei. Nach dem Krieg fokus­sierte die Propa­ganda zunächst die Kolla­bo­ra­tion von Teilen der OUN/UPA mit Nazi­deutsch­land. Ukrai­ni­sche Natio­na­listen wurden pauschal als „Banditen“, „Verräter“ und Komplizen des Feindes beschrieben. Sowje­ti­sche Mili­tär­me­moiren und andere Veröf­fent­li­chungen trugen zur Verbrei­tung dieser Bild­sprache bei und stellten den natio­na­lis­ti­schen Unter­grund nicht nur als Feind der Sowjet­macht, sondern auch des ukrai­ni­schen Volkes selbst dar.

Ende der 1940er Jahre hatte sich der poli­ti­sche Kontext jedoch gewan­delt. Als der Kalte Krieg das Bild der Sowjet­union vom Westen als ihrem Haupt­gegner festigte, wurde die Darstel­lung des ukrai­ni­schen Natio­na­lismus ange­passt. Die Figur des „ukrainisch-deutschen Natio­na­listen“ wich zuneh­mend der des „ukrai­ni­schen bürger­li­chen Natio­na­listen“, der angeb­lich von west­li­chen Geheim­diensten abhängig war. Der Begriff des „bürger­li­chen Natio­na­lismus“ wurde somit zuneh­mend mit Vorwürfen des Faschismus, des Verrats und der Abhän­gig­keit vom Ausland verknüpft.

Diese Wand­lung machte die Kate­gorie anpas­sungs­fähig. Sie bezog sich nicht mehr ausschließ­lich auf Mitglieder bestimmter Orga­ni­sa­tionen oder Teil­nehmer am bewaff­neten Wider­stand. „Bande­risten“ und „bürger­liche Natio­na­listen“ konnten zu allge­meinen poli­ti­schen Etiketten werden, die ukrai­ni­sche natio­nale Bestre­bungen mit Verrat, Faschismus und auslän­di­scher Einmi­schung in Verbin­dung brachten.

Anfangs musste die sowje­ti­sche Propa­ganda die ukrai­ni­sche Iden­tität als solche nicht leugnen. Sie unter­schied zwischen dem angeb­lich legi­timen ukrai­ni­schen Volk und einer fremden, faschis­ti­schen und natio­na­lis­ti­schen Kraft, die als gegen dieses Volk gerichtet darge­stellt wurde. Im Laufe der Zeit weitete sich die Kate­gorie des „Natio­na­listen“ jedoch aus und umfasste zuneh­mend brei­tere Formen ukrai­ni­schen poli­ti­schen Handelns.

Sie können uns unter­stützen, indem Sie diesen Artikel teilen: 

Der sowje­ti­sche Staat tat somit mehr, als nur einen histo­ri­schen Gegner zu unter­drü­cken. Er trug dazu bei, einen poli­ti­schen Typus zu konstruieren.

Von geheimen Akten zu öffent­li­chen Narrativen

Die Sicher­heits­or­gane spielten in diesem Prozess eine zentrale Rolle, da sie Zugang zu Infor­ma­tionen hatten, die in maßgeb­liche Darstel­lungen des Feindes umge­wan­delt werden konnten. Der KGB sammelte Doku­mente, führte Verhöre durch, unter­hielt Agen­ten­netz­werke und über­wachte Emigran­ten­or­ga­ni­sa­tionen. Doch dieses Mate­rial blieb nicht auf geheime Akten beschränkt. Es wurde in Bücher, Filme, Zeitungs­ar­tikel, Vorträge und Ausstel­lungen über­setzt. Opera­tive Infor­ma­tionen wurden zu kultu­rellem Wissen.

Erleich­tert wurde dies durch die insti­tu­tio­nelle Präsenz des KGB im kultu­rellen Bereich. Im Rahmen der soge­nannten „Tschekisten-Themen“ übten die Sicher­heits­or­gane Zensur- und redak­tio­nelle Funk­tionen aus, während die „propa­gan­dis­ti­sche Unter­stüt­zung opera­tiver Akti­vi­täten“ einen Rahmen für ihr Enga­ge­ment in der öffent­li­chen Kommu­ni­ka­tion bot.

Ein aufschluss­rei­cher Fall ist das Anfang der 1960er Jahre erschie­nene Buch Echo des schwarzen Waldes, das für junge Leser geschrieben wurde. Einer der Autoren, Vladimir Beljaev, war ein produk­tiver ‚anti­na­tio­na­lis­ti­scher‘ Schrift­steller mit engen Verbin­dungen zu den Sicher­heits­or­ganen. Sein Co-Autor, der unter dem Pseud­onym Illa­rion Podo­li­anyn schrieb, war in Wirk­lich­keit Illa­rion Chamazjuk, ein hoch­ran­giger KGB-Offizier, der für die Bekämp­fung „bürger­li­cher Natio­na­listen“ und des Klerus zuständig war und KGB-Schulungsmaterialien zur anti­na­tio­na­lis­ti­schen Arbeit verfasste.

In der popu­lären sowje­ti­schen Parti­sa­nen­li­te­ratur der unmit­tel­baren Nach­kriegs­zeit wurden „ukrai­ni­sche Natio­na­listen“ oft in äusserst nega­tivem Licht darge­stellt. Quelle: Collage des Autors.

Das Manu­skript wurde an den ukrai­ni­schen KGB weiter­ge­leitet, nachdem es bereits in Moskau geprüft worden war. Im Jahr 1963 über­mit­telte die ukrai­ni­sche Dienst­stelle einen vier­zehn­sei­tigen Bericht, in dem „schwer­wie­gende Mängel“ fest­ge­stellt und neun­und­fünfzig Korrek­turen vorge­schlagen wurden, darunter sach­liche, ideo­lo­gi­sche und stilis­ti­sche Ände­rungen. Der Bericht wurde von Vitaliy Niki­tčenko, dem Leiter des ukrai­ni­schen KGB, unterzeichnet.

Hier wird der Mecha­nismus sichtbar: Ein Sicher­heits­be­amter, der an der Bekämp­fung des „ukrai­ni­schen Natio­na­lismus“ betei­ligt war, wirkte gleich­zeitig an der Erstel­lung einer popu­lären Darstel­lung dieses Feindes mit. Der KGB prüfte nicht ledig­lich, ob ein Text zur Veröf­fent­li­chung geeignet war. Er trug dazu bei, die Botschaft zu defi­nieren, die der Text vermit­teln sollte.

Eine Begut­ach­tung des Manu­skripts «Der letzte Winter» von Oleksiy Fedorov durch den ukrai­ni­schen KGB aus dem Jahr 1963. Quelle: Archiv der HDA SBU.

Derselbe Mecha­nismus zeigte sich in der Arbeit des KGB an den Memoiren von Oleksii Fedorov, einem promi­nenten sowje­ti­schen Parti­sa­nen­kom­man­danten. Im Jahr 1963 empfahl der Ausschuss Ände­rungen, darunter eine Passage, in der Stepan Banderas OUN als „eine Orga­ni­sa­tion rein faschis­ti­scher Prägung“ beschrieben und deren Mitglieder als bereit darge­stellt wurden, Terror, Verrat, Raub und die Anstif­tung zu natio­nalem Hass einzu­setzen. Die Passage wurde in den veröf­fent­lichten Text aufgenommen.

Solche Eingriffe offen­baren einen umfas­sen­deren Mecha­nismus ideo­lo­gi­scher Produk­tion. Die Sicher­heits­or­gane lieferten nicht nur Infor­ma­tionen, sondern auch Formeln: wieder­keh­rende Beschrei­bungen des Feindes, die in verschie­denen Genres und Medien repro­du­ziert werden konnten.

Der Gesell­schaft beibringen, den Feind zu erkennen

Diese Produk­tion von Narra­tiven stand in engem Zusam­men­hang mit dem sowje­ti­schen Konzept der „Profilak­tika“ (Prophy­laxe). Vor allem nach Stalins Tod umfasste die poli­ti­sche Kontrolle zuneh­mend auch Präven­tion: poten­ziell gefähr­liche Haltungen sollten iden­ti­fi­ziert werden, bevor sie sich zu orga­ni­sierter Oppo­si­tion entwickelten.

„Profilak­tika“ hatte auch eine erzie­he­ri­sche Dimen­sion: Der Bevöl­ke­rung musste durch präven­tive Gespräche, Vorträge, öffent­liche Bekennt­nisse, Zeitungs­kam­pa­gnen und kollek­tive Film­vor­füh­rungen beigebracht werden, wie man ideo­lo­gi­sche Gefahren erkennt.

Die Massen­kultur spielte dabei eine beson­ders wich­tige Rolle. Filme und Bücher verwan­delten abstrakte poli­ti­sche Kate­go­rien in erkenn­bare mensch­liche Figuren. Der „Natio­na­list“ konnte als Mörder, Kolla­bo­ra­teur, Lügner, reli­giöser Fana­tiker oder als Mario­nette darge­stellt werden, die von auslän­di­schen Geheim­diensten mani­pu­liert wurde – Darstel­lungen, die den Zweck hatten, die Komple­xität der ukrai­ni­schen poli­ti­schen Geschichte zu beseitigen.

Ein eindrucks­volles Beispiel dafür ist der Film Ivanna aus dem Jahr 1959, der im Dovženko-Filmstudio unter Verwen­dung von Mate­rial gedreht wurde, das von der KGB-Direktion im Oblast Lviv zur Verfü­gung gestellt worden war. Er stellte den ukrai­ni­schen Natio­na­lismus anhand der mitein­ander verfloch­tenen Figuren des natio­na­lis­ti­schen Unter­grunds und der griechisch-katholischen (unierten) Kirche dar. Seine Prot­ago­nistin bricht mit natio­na­lis­ti­schen und reli­giösen Kreisen und stirbt schließ­lich, nachdem sie sowje­ti­schen Parti­sanen geholfen hat. Der Film wurde zu einem großen Publi­kums­er­folg und erreichte mehrere zehn Millionen Zuschauer.

Seine Bedeu­tung liegt darin, wie poli­ti­sche Thesen in emotional fesselnde Geschichten umge­wan­delt wurden. Die ukrai­ni­sche natio­nale Iden­tität konnte als ein Weg darge­stellt werden, der zu Faschismus, reli­giösem Fana­tismus und Gewalt führte, während der Bruch damit zu einer Form mora­li­scher Befreiung wurde.

Die gleiche Struktur zeigte sich genre­über­grei­fend: sowje­ti­scher Inter­na­tio­na­lismus versus ukrai­ni­scher Natio­na­lismus; Loya­lität versus Verrat; das Volk versus eine kleine Gruppe von Krimi­nellen, die von auslän­di­schen Mächten mani­pu­liert wurden. Wieder­ho­lung war keine Schwäche des Systems. Sie war eine seiner Stärken.

Von Natio­na­listen zu Dissidenten

Kari­katur, veröf­fent­licht 1956 in der sowje­ti­schen Sati­re­zeit­schrift „Perets“.
Quelle: Online-Archiv von „Perets“.

In den 1960er Jahren hatte sich das Haupt­ziel der Kampagne verschoben. Der bewaff­nete Wider­stand war nieder­ge­schlagen worden, doch die ukrai­ni­schen natio­nalen Bestre­bungen waren nicht verschwunden. Eine neue Gene­ra­tion von Intel­lek­tu­ellen wider­setzte sich dem wach­senden Druck zur Russi­fi­zie­rung und vertei­digte die ukrai­ni­sche Sprache, Kultur, das histo­ri­sche Gedächtnis und die kultu­relle Auto­nomie. Ihr Enga­ge­ment stand in engem Zusam­men­hang mit dem Wider­stand gegen die zuneh­mende Domi­nanz des Russi­schen in Bildung, Verlags­wesen und öffent­li­chem Kultur­leben. Die Bewe­gung der Sech­ziger (shist­desiat­nyky) war nicht gleich­be­deu­tend mit dem bewaff­neten natio­na­lis­ti­schen Unter­grund, und auch forderten nicht alle ihre Mitglieder sofort poli­ti­sche Unab­hän­gig­keit. Dennoch inter­pre­tierten die sowje­ti­schen Behörden solche Forde­rungen zuneh­mend anhand von Kate­go­rien, die aus dem früheren Kampf über­nommen worden waren. Die Kate­gorie des Feindes ließ sich übertragen.

Der ukrai­ni­sche Dissi­dent konnte als ideo­lo­gi­scher Nach­folger des Natio­na­listen aus Kriegs­zeiten darge­stellt werden. So konnten Forde­rungen nach dem Schutz der ukrai­ni­schen Sprache und des kultu­rellen Raums vor der Russi­fi­zie­rung selbst als Beweis für „bürger­li­chen Natio­na­lismus“ umge­deutet werden. Die Vertei­di­gung des histo­ri­schen Gedächt­nisses konnte als Reha­bi­li­tie­rung der OUN darge­stellt, Kontakte zur ukrai­ni­schen Diaspora zum Beweis für auslän­di­sche Mani­pu­la­tion werden.

Der KGB musste daher nicht jedes Mal, wenn er mit einer neuen Form des Wider­stands konfron­tiert wurde, eine neue poli­ti­sche Sprache erfinden. Er über­nahm und adap­tierte ein älteres Reper­toire an Anschul­di­gungen und wendete es gegen neue poli­ti­sche Subjekte an. Die Kate­go­rien waren nie völlig statisch: Ihre Ziele verla­gerten sich vom Bild des „Petl­ju­risten“, das mit dem Wider­stand gegen die Bolsche­wiki während des Bürger­kriegs verbunden war, auf den natio­na­lis­ti­schen Unter­grund während des Krieges und der Nach­kriegs­zeit und später auf Dissi­denten und Menschen­rechts­ak­ti­visten. Was blieb, war die zugrunde liegende Logik, ukrai­ni­sches natio­nales Handeln als Beweis für ideo­lo­gi­sche Feind­se­lig­keit darzustellen.

Das groß ange­legte harte Vorgehen gegen den ukrai­ni­schen natio­nalen und kultu­rellen Akti­vismus im Jahr 1972 verdeut­lichte diese Stra­tegie. Dissi­denten wurden als mit auslän­di­schen natio­na­lis­ti­schen Zentren und west­li­chen Geheim­diensten verbunden beschrieben. Ihre Akti­vi­täten wurden nicht als Ausdruck kultu­rellen oder poli­ti­schen Wider­spruchs darge­stellt, sondern als Teil einer feind­li­chen Kampagne gegen den sowje­ti­schen Staat.

Die lang­jäh­rige KGB-Akte „Blok“ zur „opera­tiven Bear­bei­tung von Gruppen“, die sich gegen ukrai­ni­sche Dissi­denten rich­tete, veran­schau­licht diesen Ansatz. Einzel­per­sonen konnten je nach ihrer einge­schätzten Bedeu­tung und ihrer Koope­ra­ti­ons­be­reit­schaft über­wacht, diskre­di­tiert, einge­schüch­tert oder verhaftet werden. Der ideo­lo­gi­sche Rahmen blieb jedoch unverändert.

Diese Konti­nuität zeigte sich beson­ders deut­lich im Umgang der Behörden mit der ukrai­ni­schen Helsinki-Bewegung in den späten 1970er und 1980er Jahren. Orga­ni­sierter Menschen­rechts­ak­ti­vismus stellte eine neue poli­ti­sche Heraus­for­de­rung dar, doch die Behörden erklärten ihn weiterhin mit Begriffen wie Natio­na­lismus, auslän­di­scher Einfluss und Verrat.

Die Unter­schei­dung zwischen dem Natio­na­listen der Kriegs­zeit und dem zeit­ge­nös­si­schen Dissi­denten wurde somit syste­ma­tisch verwischt.

Propa­ganda als opera­tives Instrument

In den späten 1970er und 1980er Jahren hatte sich die Zusam­men­ar­beit zwischen dem KGB und Kultur- und Medi­en­in­sti­tu­tionen zuneh­mend insti­tu­tio­na­li­siert. Die Grün­dung der Ukrai­ni­schen Helsinki-Gruppe im Jahr 1976 hatte den Kampf um die Rechte der Ukrainer in eine orga­ni­sierte Menschen­rechts­be­we­gung verwan­delt. Als Reak­tion darauf versuchte die sowje­ti­sche Führung nicht nur, deren Mitglieder zu unter­drü­cken, sondern auch die ideo­lo­gi­sche Offen­sive gegen sie zu verstärken.

Ein entschei­dender Wende­punkt kam im Mai 1977, als das Polit­büro eine Kampagne zur Stär­kung der „poli­ti­schen Wach­sam­keit“ star­tete. Der KGB baute seine Zusam­men­ar­beit mit Verlagen, Filme­ma­chern, Jour­na­listen und akade­mi­schen Einrich­tungen aus, während das Pres­se­büro des KGB eine immer wich­ti­gere Rolle bei der Über­wa­chung und Förde­rung ideo­lo­gi­scher Inhalte übernahm.

Poster for the 1959 Soviet film Ivanna. Source: Online source.

Jahres­be­richte des ukrai­ni­schen KGB verdeut­li­chen das Ausmaß dieser Auswei­tung. Zwischen Ende der 1970er und Anfang der 1980er Jahre verzehn­fachte sich die Produk­tion von Doku­men­tar­filmen, Spiel­filmen und Vorträgen nahezu; öffent­liche Veran­stal­tungen nahmen um den Faktor 4,6 zu; das Radio- und Fern­seh­pro­gramm wurde um etwa das 3,5-fache erwei­tert; und die Zahl der „krea­tiven Gruppen“ von Schrift­stel­lern, die sich mit „Tschekisten-Themen“ befassten, versechs­fachte sich.

Entschei­dend war nicht nur das Ausmaß dieser Auswei­tung, sondern auch die dahin­ter­ste­hende Infra­struktur. Die anti­na­tio­na­lis­ti­sche Propa­ganda war insti­tu­tio­na­li­siert worden. Die Sicher­heits­or­gane konnten ein Kultur­pro­jekt initi­ieren oder unter­stützen, Archiv­ma­te­rial zur Verfü­gung stellen, ideo­lo­gi­sche Korrek­turen empfehlen, Vorfüh­rungen orga­ni­sieren und die Reak­tionen der Öffent­lich­keit beob­achten. Die daraus resul­tie­renden Werke konnten dann für die „massen­po­li­ti­sche Arbeit“ genutzt werden.

Die Grenze zwischen Repres­sion und Propa­ganda verschwamm folg­lich. Ein Film konnte Teil einer opera­tiven Kampagne sein. Ein Prozess konnte Mate­rial für einen Doku­men­tar­film liefern. Ein Geständnis konnte zu einem Zeitungs­ar­tikel werden. Ein Artikel konnte auf einer öffent­li­chen Versamm­lung disku­tiert werden. Das System funk­tio­nierte durch Verbreitung.

Pere­stroika und das Fort­be­stehen des Feindes

Man hätte erwarten können, dass die Pere­stroika dieses System unter­graben würde. Die Glas­nost eröff­nete Raum für poli­ti­sche Debatten, ehema­lige Dissi­denten kehrten ins öffent­liche Leben zurück, und es entstanden Orga­ni­sa­tionen, die sich für die Unab­hän­gig­keit der Ukraine einsetzten. Doch das alte Reper­toire verschwand nicht. Statt­dessen wurden die im Spät­so­zia­lismus entwi­ckelten Mecha­nismen an ein sich wandelndes Medi­en­um­feld angepasst.

Ein beson­ders aufschluss­rei­cher Fall stammt aus dem Jahr 1987. Im Oktober schickte der Chef des ukrai­ni­schen KGB, Nikolay Goluško, der repu­bli­ka­ni­schen Partei­füh­rung den Entwurf eines Arti­kels, der zur Veröf­fent­li­chung in der Presse bestimmt war. Der acht­sei­tige Text mit dem Titel „Inter­view unter den Dielen“ sollte die Führer der Ukrai­ni­schen Helsinki-Gruppe, darunter Vyačeslav Čornovil und Mykhailo Horyn, diskre­di­tieren. Der Artikel warf ihnen vor, „auslän­di­schen Herren“ zu dienen und es an echtem Patrio­tismus mangeln zu lassen. Außerdem griff er Anschul­di­gungen gegen Čornovil wieder auf, die der KGB zuvor selbst mitge­fälscht hatte.

Der Text war keine unab­hän­gige jour­na­lis­ti­sche Recherche, sondern ein operativ ausge­ar­bei­tetes Instru­ment, das für die Veröf­fent­li­chung bestimmt war. Der Leser sollte nicht wissen, woher die Geschichte stammte. Nach der Veröf­fent­li­chung erschien sie als jour­na­lis­ti­scher Beitrag.

Diese Episode ist gerade deshalb von beson­derer Bedeu­tung, weil sie aus der Zeit der Glas­nost stammt. Der KGB vertei­digte nicht einfach nur das alte Propa­gan­da­system gegen eine neue Öffent­lich­keit; er versuchte viel­mehr, zu seinen eigenen Bedin­gungen in diese Öffent­lich­keit einzudringen.

Bereits 1990 forderten Empfeh­lungen des KGB und des Innen­mi­nis­te­riums an die Partei­füh­rung der ukrai­ni­schen Sowjet­re­pu­blik, die „volks­feind­li­chen krimi­nellen Akti­vi­täten“ der OUN und der UPA sowie deren Verbin­dungen zu den natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Geheim­diensten aufzu­de­cken. Sie empfahlen Pres­se­kon­fe­renzen, Treffen mit Arbei­tern, die Neuauf­lage anti­na­tio­na­lis­ti­scher Werke, Erklä­rungen ehema­liger UPA-Kommandeure sowie Vorfüh­rungen von Filmen, die unter Mitwir­kung des KGB produ­ziert worden waren.

Im Juli 1991, nur wenige Monate vor der Auflö­sung der Sowjet­union, verwies KGB-Chef Vladimir Krjučkov noch immer auf öffent­liche Film­vor­füh­rungen über die „blutigen Machen­schaften“ ukrai­ni­scher bürger­li­cher Natio­na­listen als Vorbild für Sicher­heits­or­gane in anderen Ländern. Der sowje­ti­sche Staat verschwand. Der Feind jedoch nicht.

Das Nach­leben einer sowje­ti­schen Kategorie

Diese Bestän­dig­keit hilft zu erklären, warum die russi­sche Propa­ganda im Zusam­men­hang mit der groß­an­ge­legten Inva­sion der Ukraine im Jahr 2022 ausgiebig Begriffe wie „Bande­risten“, „Nazis“ und „Entna­zi­fi­zie­rung“ verwen­dete. Diese Begriffe gehörten zu einer poli­ti­schen Sprache, deren insti­tu­tio­nelle Grund­lagen bereits Jahr­zehnte zuvor gelegt worden waren.

Diese Konti­nuität sollte jedoch nicht als einfache Weiter­gabe sowje­ti­scher Propa­ganda von einer Gene­ra­tion zur nächsten verstanden werden. Was über­lebte, war etwas Flexi­bleres: ein Mecha­nismus, um das eigen­stän­dige poli­ti­sche Handeln der Ukraine als Beweis für auslän­di­sche Mani­pu­la­tion und Extre­mismus zu interpretieren.

Die Iden­tität des Feindes verschob sich, während die zugrunde liegende Struktur bemer­kens­wert stabil blieb. Die Kate­gorie konnte sich von bewaff­neten Gegnern der Sowjet­macht auf kultu­relle Akti­visten, Dissi­denten und Menschen­rechts­ak­ti­visten ausweiten, behielt dabei jedoch ihre Kern­as­so­zia­tionen mit Faschismus, Verrat und auslän­di­scher Mani­pu­la­tion bei. Was sich also änderte, war weniger das Voka­bular selbst als viel­mehr die poli­ti­schen Subjekte, auf die es ange­wendet wurde. In der zeit­ge­nös­si­schen russi­schen Propa­ganda wurde diese dehn­bare Kate­gorie so weit ausge­dehnt, dass sie die Ukraine als Ganzes umfasst.

Deshalb ist das sowje­ti­sche Erbe von Bedeu­tung. Die nach­hal­tigste Errun­gen­schaft des Propa­gan­da­sys­tems war nicht ein einzelner Film oder ein einzelnes Buch. Es war die Schaf­fung eines Rahmens, in dem eigen­stän­dige ukrai­ni­sche Bestre­bungen als Faschismus, Verrat, auslän­di­sche Mani­pu­la­tion oder Feind­se­lig­keit gegen­über den angeb­lich „wahren“ Inter­essen des ukrai­ni­schen Volkes inter­pre­tiert werden konnten.

Der KGB spielte in diesem Prozess eine zentrale Rolle. Er ermit­telte gegen vermeint­liche Feinde, sammelte Infor­ma­tionen über sie und trug dazu bei, diese Infor­ma­tionen in öffent­liche Narra­tive umzu­wan­deln. Er zensierte kultu­relle Produkte, trug aber auch zu deren Entste­hung bei. Er diskre­di­tierte Einzel­per­sonen, lieferte aber auch die Sprache, in der sie diffa­miert werden konnten.

Die Geschichte der sowje­ti­schen anti­ukrai­ni­schen Propa­ganda ist daher nicht einfach die Geschichte eines Staates, der seine Gegner falsch darstellt. Es ist die Geschichte eines insti­tu­tio­nellen Systems zur Herstel­lung poli­ti­scher Kategorien.

Die russi­sche Propa­ganda hat seit 2014 – und mit neuer Inten­sität seit Februar 2022 – das Voka­bular, durch das die eigen­stän­dige ukrai­ni­sche natio­nale Hand­lungs­fä­hig­keit als exis­ten­zi­elle Bedro­hung darge­stellt wurde, nicht neu erfunden. Sie hat ein Reper­toire reak­ti­viert und ange­passt, dessen Ziele und Bedeu­tungen sich seit der frühen Sowjet­zeit wieder­holt gewan­delt hatten.

Dies hilft zu erklären, warum sowje­ti­sche Filme auf YouTube auch im Jahr 2022 noch als Propa­ganda wirken konnten: Die Zuschauer sahen sich nicht bloß histo­ri­sche Darstel­lungen eines längst vergan­genen Konflikts an, sondern begeg­neten einem vorge­fer­tigten Voka­bular zur Inter­pre­ta­tion der Gegenwart.