Die Ruine schafft die gegenwärtige Form eines vergangenen Lebens, nicht nach seinen Inhalten oder Resten, sondern nach seiner Vergangenheit als solcher. Georg Simmel, 1919
Was gibt es noch zu schreiben über das Humboldt Forum? Die Geschichte scheint auserzählt – für den Moment jedenfalls. Hin und wieder liest man noch eine kurze Notiz über Konzerte, Lesungen oder neue Restitutionsabkommen. Aber die Auseinandersetzungen sind beendet, die Kontrahenten ermüdet. Man hat sich abgefunden mit dem Ergebnis. Was überwiegt, ist Ernüchterung ob der Hinfälligkeit einer Idee. Heimgesucht von heftigen post- und dekolonialen Stürmen sind nur noch Bruchstücke der ehemaligen Vision einer weltoffenen, sich der Tradition der europäischen Aufklärung verpflichteten Gesellschaft stehengeblieben. Hinter der ockergelben Barockfassade steckt heute eine konzeptuelle Ruine, architektonisch flankiert zwar von anderen preußischen Baukörpern, aber dennoch abseits und gleichsam verloren im Niemandsland zwischen nationalem Erfahrungsraum und dekolonialem Erwartungshorizont, um Reinhart Kosellecks prominente Formel dem Gegenstand entsprechend abzuwandeln.
Tod und Tausch
Eigentlich ein Trauerspiel, und man könnte es mit einem Kopfschütteln bewenden lassen, wenn das Humboldt Forum spätestens mit seiner finalen Eröffnung im September 2022 nicht auch ein Faktum geworden wäre. Massig, raumgreifend und unübersehbar steht es in der Mitte Berlins, wo es auch gerade wegen seiner scheinbar aus der Zeit gefallenen Existenz zu einem fait social total geworden ist, einer „totalen sozialen Tatsache.“
Der Begriff stammt von dem französischen Ethnologen Marcel Mauss. Dieser prägte ihn 1924/25 in seinem berühmten Essay über Die Gabe und meinte damit die Totalität der Gabe im Sinne ihrer Dreiteilung von geben, annehmen und erwidern. Mit der sie bestimmenden Logik der Reziprozität verdichte der Gabentausch, so das Argument, gleichsam die Totalität des Sozialen. Politische, wirtschaftliche, juristische, gesellschaftliche, aber auch religiöse und künstlerische Aspekte überschneiden sich, ganz wie in der Debatte um das Humboldt Forum und das dort gezeigte „Kulturerbe“ indigener Kulturen.
Seltsamerweise hat sich Mauss mit der Idee und Praxis des Erbes als intergenerationale Form der Reziprozität nicht beschäftigt. Diachrone Beziehungen zwischen Generationen interessierten ihn nicht. Oder jedenfalls nicht unmittelbar. Tief geprägt von den Erfahrungen des Ersten Weltkriegs sah er in den ethnographischen Berichten über den Austausch von Prestigeobjekten in Neuguinea, Nordamerika oder Neuseeland Modelle der Konfliktprävention: Vertrag und Kooperation gegen militärische Gewalt und nationalistische Kriegstreiberei, das war die politische Idee. Dabei war er sich des moralischen Verhältnisses von Tod und Tausch durchaus bewusst. Im Deutschen ist die Beziehung bereits in der Sprache angezeigt. Sterben und Erben sind nicht nur phonetisch nah beieinander. Die Toten hinterlassen den Lebenden Besitz, den diese durch zumeist bildhaftes Gedenken an die Toten erwidern. Vermögen gegen Gedenken, so lässt sich die in der Ethnologie und Geschichtswissenschaft vielfach belegte Logik dieser Jenseitsökonomie auf den Begriff bringen, in dem beide Seiten Gläubiger wie Schuldner zugleich sind. Freilich ist auch dies eine politische Konstellation. Die gegenseitige Verpflichtung stellt Beziehungen auf Dauer und schafft damit Herkunft und Identität. Sie enthält aber auch Sprengstoff. Woher kommt der von den Toten angehäufte Besitz? Wieviel Macht sollen die Toten über die Lebenden haben? Wie kann die Gegenwart den Druck der Vergangenheit auf Abstand halten?
Nationalstaat und Kulturerbe
Zu den kulturellen Figurationen des Erbes der von Mauss diskutierten Gesellschaften gehörte vielfach entweder die Verteilung oder der kalkulierte organische Verfall. Der von den Toten hinterlassene Besitz wurde mitsamt der individuellen Erinnerung an sie gleichsam entsorgt. Die der westlichen Moderne eigene Erfahrung der Beschleunigung und Vernichtung mit ihrem kompensatorischen Impuls des Bewahrens war weitgehend unbekannt. Der Gebrauchswert der Objekte dominierte über dem Alterswert. Mauss selbst hat diese Differenzpunkte gemieden. In seiner großen, unvollendeten Studie über die Nation findet sich kein Hinweis auf die Kraft des Erbes und der Erinnerung. Es scheint, als hätte er die nationalistische Aufladung des Themas bewusst ausgespart.
Der Ort, wo das Erbe hochgehalten und sich seiner erinnert wird, ist das Museum, oder genauer, das Nationalmuseum als architektonischer Speicher kultureller Identität. Nicht zufällig geht die Entstehung von der Idee der Nation mit der Ausbildung des Konzepts von Kulturerbe zusammen. Beide haben ihren historischen Ursprung im ausgehenden 18. Jahrhundert. Beide treffen sich in der Feier neoklassizistischer Tempelarchitektur, man denke an das Alte Museum und die Alte Nationalgalerie in unmittelbarer Nähe des Humboldt Forums, mittels derer das Kunstmuseum zum kultischen Ort der Verehrung (wie auch Verbannung) der Toten und des von ihnen hinterlassenen Erbes als Kunstreligion erhoben wurde.
Das Humboldt Forum weicht von dieser Formgebung zwar ab. Auch ist es kein Museum, es versteht sich zumindest nicht als solches. Gleichwohl fungiert auch hier die Architektur als Ausdrucksträger. Sicherlich, auch das „Original“ war Umdeutung und Pastiche. Von Schlüter bis Eosander waren verschiedene Architekten zu verschiedenen Zeiten an dem Bau beteiligt. Immer ging es um die glanz- und prunkvolle Darstellung von Macht und Herrschaft. Aber das Barock hatte auch seine dunkle Seite. Schlüters Totenkopf im nahegelegenen Zeughaus zeugt davon. In den barocken Trauerspielen wurde gefoltert, gemordet und gelitten. Grausamkeit wurde lustvoll zelebriert, allerdings nicht um ihrer selbst willen, sondern als Allegorie und Erinnerung an die Vergänglichkeit des Lebens und der irdischen Güter. Auch wenn die ersten preußischen Könige kein Interesse an den brandenburgischen Kolonien im heutigen Ghana mehr hatten, das Barock war sich des Leidens in der Welt durchaus bewusst, ob auch des von ihm selbst verursachten Leidens in den imperialen Kolonien sei dahingestellt.
Für die bauliche Form des Humboldt Forums mit seinen bis in die Wunderkammern des 17. Jahrhunderts zurückreichenden ethnographischen Sammlungen gab es jedenfalls Anschlussstellen. Dass sie in ihrer dämonischen Geschichte nicht erkannt und aufgegriffen wurden, musste Folgen haben. Die in die Museumstempel verbannten Toten wurden geweckt, aber nicht die eigenen, sondern die der anderen. Doch dazu später. Jedenfalls verwundert es nicht, dass die Endlosdebatte über das Humboldt Forum mit einer Debatte über seinen Ort und seine Architektur beginnt. Die Argumente der Kritiker sind noch in guter Erinnerung. Ebenso die Debatte über die Raubkunst. Weitgehend übersehen wurde dabei allerdings die Engführung von Nationalstaat und Kulturerbe, an deren Schnittstelle das Humboldt Forum stand und bis heute steht.
Souveränität und Schuld
Wie eingangs mit Blick auf Mauss’ Tauschperspektive gezeigt, unterliegen nationale Museen, oder Museumsverbände wie die Stiftung Preußischer Kulturbesitz, der die im Humboldt Forum gezeigten Ethnologischen und Asiatischen Sammlungen unterstehen, einer vertikalen Logik. Das heißt: Als nationaler Besitz bzw. Kulturerbe wird letzteres nach der Logik des intergenerationalen Tauschs an die nachfolgende Generation weitervererbt, die sich dafür verpflichtet, das Erbe zu pflegen und zu bewahren. Da der Besitz als identitätsstiftend für die Nation gilt, ist er unveräußerlich, darf also nicht verkauft oder weggegeben werden. Es gehört der Staatsnation und damit allen Staatsbürgern. Veräußerungen sind nur durch die von Staatsbürgern gewählten politische Vertreter möglich. Dies jedoch steht dem kosmopolitischen Anspruch des Humboldt Forums mit seinem Fokus auf Vielfalt und Offenheit entgegen.
Es ist jedenfalls augenfällig, dass die vom „Förderverein Berliner Schloss“ finanzierte Simulation der Schlossfassade im Juli 1993, ohne die es den öffentlichen Zuspruch zum Wiederaufbau des Schlosses vermutlich nicht gegeben hätte, im Anschluss an die Unterzeichnung des Vertrags von Maastricht über die Europäische Union im Februar des vorangegangenen Jahres erfolgte. In der gleichen Weise lässt sich der Parlamentsbeschluss zur partiellen Rekonstruktion des Stadtschlosses im Juli 2002 als implizite Reaktion auf die fünf Monate zuvor erfolgte Einführung des Euro verstehen. In beiden Fällen demonstrierte die Zelebrierung nationalen Kulturerbes nationale Stärke und Souveränität gegenüber einer neuen übernationalen, rein wirtschaftlich-rational operierenden Einheit.
Die oben skizzierte vertikale Organisation des Erbes entlang von Staatsbürgerschaft, Deszendenz und Generation konfligierte mit der horizontalen Dynamik der Fluchtbewegung. Migration war lange Zeit, auch und gerade wegen der rechtsextremen Anschläge auf Migranten, Flüchtlinge und Vertragsarbeiter, ein politisch vermintes Feld. Bis in die 2000er Jahre beharrte die Union darauf, Deutschland sei kein Einwanderungsland. Auch die nachfolgende rot-grüne Regierung hielt Migration auf Distanz. „multikulturelle“ Politik bedeutete in der Regel eine separative Politik, die sich auf die Anerkennung von Teilkulturen beschränkte, deren Mitglieder aber gerade dadurch in der Öffentlichkeit zumeist ungehört blieben. Diversität fand gleichsam im multikulturellen Draußen statt, nicht aber im Inneren; ein Verständnis, das auch der Idee und Planung des Humboldt Forums als Ort des „Austauschs zwischen europäischen und außereuropäischen Kulturen“ zu Grunde lag. Begegnung und Dialog ja, substantielle Teilhabe am Erbe nein.
Dies sollte sich ändern. Mit Beginn der 2000er Jahre amalgamierten post- und dekoloniale Positionen mit neuen „postmigrantischen“ Diskursen als Forderungen nach Teilhabe, Anerkennung und Sichtbarkeit migrantischer Realität in Kultur und Bildung. Beinhaltet in dieser Forderung war die Teilhabe an der Diskussion um das Kulturerbe, oder genauer, beinhaltet in dieser Forderung war die Aufgabe der „kulturellen Normung des Erbes“ als „durch Herkunft legitimiert“ wie dies Sigrid Weigel in ihrer Kritik der Idee der Kulturnation als Residuum von Nationalkultur formuliert hatte. Vertreter der diasporischen Gemeinden nahmen die von der Stiftung Preußischer Kulturbesitz bemühte Rede vom „geteiltem Erbe“ (shared heritage) beim Wort und forderten Teilhabe und Mitsprache bei der Organisation des Erbes. Im Zeitalter sozialer Medien bedeutete dies die Dynamisierung von Objektbeziehungen und damit auch eine Übernahme von Restitutionsforderungen durch die Diaspora. Die dabei vorgebrachten Argumente hatten neben rechtlichen und historisch formulierten Ansprüchen auch einen entschieden moralischen Charakter. Gefordert wurde und wird dergestalt die Anerkennung der Pflicht zur Einlösung der Schuld gegenüber den Verstorbenen. Es ging und geht um die Anerkennung der Präsenz der Toten. Letztere erscheinen nicht als museal weggesperrt und mausoliert, sondern als wirkmächtige, ins Leben eingreifende und an die Logik der Reziprozität erinnernde Akteure, denen Rechnung zu tragen ist. Daher die Notwendigkeit und Dringlichkeit der Restitution. Es war die (allmähliche) Anerkennung dieser anderen Ontologie, die das Humboldt Forum als hoffnungsvoll gedachten Ort des Dialogs in einen schamhaften Ort des Schuldbekenntnisses verwandelte.
Arbeit am Erbe
Koloniale Gewalt und Geschichte wird heute vor allem in der Afrika-Ausstellung thematisiert, wo fragmentartige „Leerstellen“ an die postkoloniale Ästhetik der Reparatur und Heilung erinnern. So aktuell der Bezug, der kuratorische Gestus steht in einer langen Tradition des Denkens über das Fragment als Signatur und Leitmetapher der Moderne. In der Tat ist die Kehrseite des gebannten Blicks auf Fragment und Zerstücklung die Sehnsucht nach organischer Ganzheit. Hier trifft sich der dekoloniale Affekt gegen das Forum mit dem nationalen Impuls seiner Befürworter. Beide verlangen nach Heilung der Wunden, die die Moderne geschlagen hat. Mit dem Wiederaufbau des Schlosses ist dabei allerdings der Erfolg der einen zum Schmerz der anderen geworden.
Kann das Humboldt Forum diese Gegensätzlichkeit auflösen? Vorerst nicht, so lässt sich konstatieren. Widersprüche und Paradoxien sind dem Forum gleichsam eingeschrieben. Das Humboldt Forum hat sich zwar Dekolonialität auf die Fahnen geschrieben, doch die eigene Praxis unterläuft oftmals diesen Anspruch. Auch ist ein einheitliches Konzept der drei das Forum bespielenden Institutionen nicht ersichtlich. Ungeachtet der auch im Forum praktizierten Verflüssigung, Relationalisierung und Kreolisierung gängiger Denkkategorien, folgen die Besucher weiterhin Schildern, die den Weg zu „Afrika“ und „Asien“ weisen, als handle es sich um fest verschlossene Kulturbehälter. Kontrapunktisch dazu die Ausstellungen des Berlin Museums und der Humboldt Universität, der beiden anderen Player mit einer Feier der Diversität und der wissenschaftlichen Innovationen. Wie das alles zusammen geht oder gehen soll, fragt man sich.
Nun könnte man sich milde geben. Erbe ist Arbeit, hatte Hegel einst im Hörsaal der Friedrich-Wilhelms-Universität unweit des Schlosses ausgeführt. Ein Diktum, das auch und gerade für die Arbeit am Erbe des Schlosses gilt. Folgt man der von Mauss erörterten Logik des Tauschs so wird die nächste Generation neue Tauschpartner hervorbringen, die sich des Schlosses annehmen und es verändern werden. So weit so gut und versöhnlich. Aber hier zu enden würde bedeuten, die Pointe des Bezugs auf Mauss zu verkennen. In einer kleinen Miszelle hatte Mauss kurz vor dem Erscheinen seines Essays über die Gabe auf die etymologische Verwandtschaft von Gift und Gabe hingewiesen. Der Grund lag in der Frage nach der Aufrichtigkeit der Gabe als beziehungsstiftende Handlung. Mauss hatte den etymologischen Befund als Verweis auf die Aufgabe der Freiheit gedeutet, die sich aus dem Einlassen auf die Logik von Gabe und Gegengabe ergibt. Für ihn war der Tausch nicht nur beziehungsstiftend und konfliktpräventiv, sondern auch eine Praxis der Unterwerfung, was in unserem Fall heißt: Unterwerfung unter die Autorität des Staats. Ganz zurecht begriff DIE ZEITbei der virtuellen Eröffnung des Humboldt Forums das Schloss als „ein Geschenk des Staates an den Staat“.
Das Geschenk war gleichwohl vergiftet, provozierte es doch Debatten über Differenz und Exklusion. Wem gehört das Geschenk und wem nicht? Was hieß: Wer gehört zum Staat und wer nicht? Angesichts der gegenwärtig wieder virulenten Debatte um Migration und Generation lohnt es sich, in die frühen 2010er Jahre zurückzugehen. Im Oktober 2012 hielt der Geschäftsführer der Stiftung Humboldt Forum, Manfred Rettig, einen Vortrag zur Zukunft des Forums. Emphatisch prognostizierte er darin die Gesellschaft, der sich das Humboldt Forum bei seiner Eröffnung – damals noch vorgesehen für 2019 – gegenübersehe: „Schauen Sie sich unsere gesellschaftliche Entwicklung an, schauen Sie sich Berlin an, denken Sie an melting pot, lassen Sie ein zwei Generationen vergehen, im Moment heiratet die Türkin den Deutschen und der Asiate heiratet die Amerikanerin, die kriegen Kinder und die Kinder kriegen auch wieder Kinder, das heißt wir haben innerhalb von zwei Generationen einen Kulturmix sogar in den Familien drin, wo die Frage der Spurensuche eine ganz andere sein wird als es heute der Fall ist, und das Humboldt-Forum wird auf diese Frage eine Antwort geben.“
Es ist bekanntlich anders gekommen. Stichwort Ruine. Dass das Humboldt Forum gerade für seine Modernität gefeiert würde, behauptet heute keiner mehr. Einigkeit besteht lediglich in der Anerkennung des postmigrantischen „Kulturmix“. Das Thema führt ins Zentrum der Debatte um Identität und Erbe. Die affektive Aufladung ist offensichtlich, aber die Frage nach ihrer Gestaltung bleibt politisch vermint. Umso wichtiger wäre die damals von Seiten der Stiftung Humboldt Forum in Aussicht gestellte Antwort. Auf sie wartet man bis heute jedoch vergeblich.