Totgesagte leben länger. Nach jahrelangem Streit um das Humboldt Forum hat die Macht des Faktischen gesiegt. Eine historische Bestandsaufnahme.

  • Peter Probst

    Peter Probst ist Professor für Kunstgeschichte an der Tufts University in Boston. Im Mai 2024 erscheint die deutsche Übersetzung seines jüngsten Buches What is African Art? A Short History bei Konstanz University Press.

Die Ruine schafft die gegen­wär­tige Form eines vergan­genen Lebens, nicht nach seinen Inhalten oder Resten, sondern nach seiner Vergan­gen­heit als solcher. Georg Simmel, 1919

Was gibt es noch zu schreiben über das Humboldt Forum? Die Geschichte scheint auser­zählt – für den Moment jeden­falls. Hin und wieder liest man noch eine kurze Notiz über Konzerte, Lesungen oder neue Resti­tu­ti­ons­ab­kommen. Aber die Ausein­an­der­set­zungen sind beendet, die Kontra­henten ermüdet. Man hat sich abge­funden mit dem Ergebnis. Was über­wiegt, ist Ernüch­te­rung ob der Hinfäl­lig­keit einer Idee. Heim­ge­sucht von heftigen post- und deko­lo­nialen Stürmen sind nur noch Bruch­stücke der ehema­ligen Vision einer welt­of­fenen, sich der Tradi­tion der euro­päi­schen Aufklä­rung verpflich­teten Gesell­schaft stehen­ge­blieben. Hinter der ocker­gelben Barock­fas­sade steckt heute eine konzep­tu­elle Ruine, archi­tek­to­nisch flan­kiert zwar von anderen preu­ßi­schen Baukör­pern, aber dennoch abseits und gleichsam verloren im Niemands­land zwischen natio­nalem Erfah­rungs­raum und deko­lo­nialem Erwar­tungs­ho­ri­zont, um Rein­hart Kosellecks promi­nente Formel dem Gegen­stand entspre­chend abzu­wan­deln.

Tod und Tausch

Eigent­lich ein Trau­er­spiel, und man könnte es mit einem Kopf­schüt­teln bewenden lassen, wenn das Humboldt Forum spätes­tens mit seiner finalen Eröff­nung im September 2022 nicht auch ein Faktum geworden wäre. Massig, raum­grei­fend und unüber­sehbar steht es in der Mitte Berlins, wo es auch gerade wegen seiner scheinbar aus der Zeit gefal­lenen Exis­tenz zu einem fait social total geworden ist, einer „totalen sozialen Tatsache.“ 

Der Begriff stammt von dem fran­zö­si­schen Ethno­logen Marcel Mauss. Dieser prägte ihn 1924/25 in seinem berühmten Essay über Die Gabe und meinte damit die Tota­lität der Gabe im Sinne ihrer Drei­tei­lung von geben, annehmen und erwi­dern. Mit der sie bestim­menden Logik der Rezi­pro­zität verdichte der Gaben­tausch, so das Argu­ment, gleichsam die Tota­lität des Sozialen. Poli­ti­sche, wirt­schaft­liche, juris­ti­sche, gesell­schaft­liche, aber auch reli­giöse und künst­le­ri­sche Aspekte über­schneiden sich, ganz wie in der Debatte um das Humboldt Forum und das dort gezeigte „Kultur­erbe“ indi­gener Kulturen.

Selt­sa­mer­weise hat sich Mauss mit der Idee und Praxis des Erbes als inter­ge­ne­ra­tio­nale Form der Rezi­pro­zität nicht beschäf­tigt. Diachrone Bezie­hungen zwischen Gene­ra­tionen inter­es­sierten ihn nicht. Oder jeden­falls nicht unmit­telbar. Tief geprägt von den Erfah­rungen des Ersten Welt­kriegs sah er in den ethno­gra­phi­schen Berichten über den Austausch von Pres­ti­ge­ob­jekten in Neuguinea, Nord­ame­rika oder Neusee­land Modelle der Konflikt­prä­ven­tion: Vertrag und Koope­ra­tion gegen mili­tä­ri­sche Gewalt und natio­na­lis­ti­sche Kriegs­trei­berei, das war die poli­ti­sche Idee. Dabei war er sich des mora­li­schen Verhält­nisses von Tod und Tausch durchaus bewusst. Im Deut­schen ist die Bezie­hung bereits in der Sprache ange­zeigt. Sterben und Erben sind nicht nur phone­tisch nah beiein­ander. Die Toten hinter­lassen den Lebenden Besitz, den diese durch zumeist bild­haftes Gedenken an die Toten erwi­dern. Vermögen gegen Gedenken, so lässt sich die in der Ethno­logie und Geschichts­wis­sen­schaft viel­fach belegte Logik dieser Jenseits­öko­nomie auf den Begriff bringen, in dem beide Seiten Gläu­biger wie Schuldner zugleich sind. Frei­lich ist auch dies eine poli­ti­sche Konstel­la­tion. Die gegen­sei­tige Verpflich­tung stellt Bezie­hungen auf Dauer und schafft damit Herkunft und Iden­tität. Sie enthält aber auch Spreng­stoff. Woher kommt der von den Toten ange­häufte Besitz? Wieviel Macht sollen die Toten über die Lebenden haben? Wie kann die Gegen­wart den Druck der Vergan­gen­heit auf Abstand halten? 

Natio­nal­staat und Kulturerbe

Zu den kultu­rellen Figu­ra­tionen des Erbes der von Mauss disku­tierten Gesell­schaften gehörte viel­fach entweder die Vertei­lung oder der kalku­lierte orga­ni­sche Verfall. Der von den Toten hinter­las­sene Besitz wurde mitsamt der indi­vi­du­ellen Erin­ne­rung an sie gleichsam entsorgt. Die der west­li­chen Moderne eigene Erfah­rung der Beschleu­ni­gung und Vernich­tung mit ihrem kompen­sa­to­ri­schen Impuls des Bewah­rens war weit­ge­hend unbe­kannt. Der Gebrauchs­wert der Objekte domi­nierte über dem Alters­wert. Mauss selbst hat diese Diffe­renz­punkte gemieden. In seiner großen, unvoll­endeten Studie über die Nation findet sich kein Hinweis auf die Kraft des Erbes und der Erin­ne­rung. Es scheint, als hätte er die natio­na­lis­ti­sche Aufla­dung des Themas bewusst ausgespart.

Der Ort, wo das Erbe hoch­ge­halten und sich seiner erin­nert wird, ist das Museum, oder genauer, das Natio­nal­mu­seum als archi­tek­to­ni­scher Spei­cher kultu­reller Iden­tität. Nicht zufällig geht die Entste­hung von der Idee der Nation mit der Ausbil­dung des Konzepts von Kultur­erbe zusammen. Beide haben ihren histo­ri­schen Ursprung im ausge­henden 18. Jahr­hun­dert. Beide treffen sich in der Feier neoklas­si­zis­ti­scher Tempel­ar­chi­tektur, man denke an das Alte Museum und die Alte Natio­nal­ga­lerie in unmit­tel­barer Nähe des Humboldt Forums, mittels derer das Kunst­mu­seum zum kulti­schen Ort der Vereh­rung (wie auch Verban­nung) der Toten und des von ihnen hinter­las­senen Erbes als Kunst­re­li­gion erhoben wurde.

Das Humboldt Forum weicht von dieser Form­ge­bung zwar ab. Auch ist es kein Museum, es versteht sich zumin­dest nicht als solches. Gleich­wohl fungiert auch hier die Archi­tektur als Ausdrucks­träger. Sicher­lich, auch das „Original“ war Umdeu­tung und Pastiche. Von Schlüter bis Eosander waren verschie­dene Archi­tekten zu verschie­denen Zeiten an dem Bau betei­ligt. Immer ging es um die glanz- und prunk­volle Darstel­lung von Macht und Herr­schaft. Aber das Barock hatte auch seine dunkle Seite. Schlü­ters Toten­kopf im nahe­ge­le­genen Zeug­haus zeugt davon. In den baro­cken Trau­er­spielen wurde gefol­tert, gemordet und gelitten. Grau­sam­keit wurde lust­voll zele­briert, aller­dings nicht um ihrer selbst willen, sondern als Alle­gorie und Erin­ne­rung an die Vergäng­lich­keit des Lebens und der irdi­schen Güter. Auch wenn die ersten preu­ßi­schen Könige kein Inter­esse an den bran­den­bur­gi­schen Kolo­nien im heutigen Ghana mehr hatten, das Barock war sich des Leidens in der Welt durchaus bewusst, ob auch des von ihm selbst verur­sachten Leidens in den impe­rialen Kolo­nien sei dahingestellt.

Für die bauliche Form des Humboldt Forums mit seinen bis in die Wunder­kam­mern des 17. Jahr­hun­derts zurück­rei­chenden ethno­gra­phi­schen Samm­lungen gab es jeden­falls Anschluss­stellen. Dass sie in ihrer dämo­ni­schen Geschichte nicht erkannt und aufge­griffen wurden, musste Folgen haben. Die in die Muse­ums­tempel verbannten Toten wurden geweckt, aber nicht die eigenen, sondern die der anderen. Doch dazu später. Jeden­falls verwun­dert es nicht, dass die Endlos­de­batte über das Humboldt Forum mit einer Debatte über seinen Ort und seine Archi­tektur beginnt. Die Argu­mente der Kritiker sind noch in guter Erin­ne­rung. Ebenso die Debatte über die Raub­kunst. Weit­ge­hend über­sehen wurde dabei aller­dings die Engfüh­rung von Natio­nal­staat und Kultur­erbe, an deren Schnitt­stelle das Humboldt Forum stand und bis heute steht.

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Souve­rä­nität und Schuld

Wie eingangs mit Blick auf Mauss’ Tausch­per­spek­tive gezeigt, unter­liegen natio­nale Museen, oder Muse­ums­ver­bände wie die Stif­tung Preu­ßi­scher Kultur­be­sitz, der die im Humboldt Forum gezeigten Ethno­lo­gi­schen und Asia­ti­schen Samm­lungen unter­stehen, einer verti­kalen Logik. Das heißt: Als natio­naler Besitz bzw. Kultur­erbe wird letz­teres nach der Logik des inter­ge­ne­ra­tio­nalen Tauschs an die nach­fol­gende Gene­ra­tion weiter­ver­erbt, die sich dafür verpflichtet, das Erbe zu pflegen und zu bewahren. Da der Besitz als iden­ti­täts­stif­tend für die Nation gilt, ist er unver­äu­ßer­lich, darf also nicht verkauft oder wegge­geben werden. Es gehört der Staats­na­tion und damit allen Staats­bür­gern. Veräu­ße­rungen sind nur durch die von Staats­bür­gern gewählten poli­ti­sche Vertreter möglich. Dies jedoch steht dem kosmo­po­li­ti­schen Anspruch des Humboldt Forums mit seinem Fokus auf Viel­falt und Offen­heit entgegen.

Es ist jeden­falls augen­fällig, dass die vom „Förder­verein Berliner Schloss“ finan­zierte Simu­la­tion der Schloss­fas­sade im Juli 1993, ohne die es den öffent­li­chen Zuspruch zum Wieder­aufbau des Schlosses vermut­lich nicht gegeben hätte, im Anschluss an die Unter­zeich­nung des Vertrags von Maas­tricht über die Euro­päi­sche Union im Februar des voran­ge­gan­genen Jahres erfolgte. In der glei­chen Weise lässt sich der Parla­ments­be­schluss zur parti­ellen Rekon­struk­tion des Stadt­schlosses im Juli 2002 als impli­zite Reak­tion auf die fünf Monate zuvor erfolgte Einfüh­rung des Euro verstehen. In beiden Fällen demons­trierte die Zele­brie­rung natio­nalen Kultur­erbes natio­nale Stärke und Souve­rä­nität gegen­über einer neuen über­na­tio­nalen, rein wirtschaftlich-rational operie­renden Einheit. 

Die oben skiz­zierte verti­kale Orga­ni­sa­tion des Erbes entlang von Staats­bür­ger­schaft, Deszen­denz und Gene­ra­tion konf­li­gierte mit der hori­zon­talen Dynamik der Flucht­be­we­gung. Migra­tion war lange Zeit, auch und gerade wegen der rechts­extremen Anschläge auf Migranten, Flücht­linge und Vertrags­ar­beiter, ein poli­tisch vermintes Feld. Bis in die 2000er Jahre beharrte die Union darauf, Deutsch­land sei kein Einwan­de­rungs­land. Auch die nach­fol­gende rot-grüne Regie­rung hielt Migra­tion auf Distanz. „multi­kul­tu­relle“ Politik bedeu­tete in der Regel eine sepa­ra­tive Politik, die sich auf die Aner­ken­nung von Teil­kul­turen beschränkte, deren Mitglieder aber gerade dadurch in der Öffent­lich­keit zumeist unge­hört blieben. Diver­sität fand gleichsam im multi­kul­tu­rellen Draußen statt, nicht aber im Inneren; ein Verständnis, das auch der Idee und Planung des Humboldt Forums als Ort des „Austauschs zwischen euro­päi­schen und außer­eu­ro­päi­schen Kulturen“ zu Grunde lag. Begeg­nung und Dialog ja, substan­ti­elle Teil­habe am Erbe nein.

Dies sollte sich ändern. Mit Beginn der 2000er Jahre amal­ga­mierten post- und deko­lo­niale Posi­tionen mit neuen „post­mi­gran­ti­schen“ Diskursen als Forde­rungen nach Teil­habe, Aner­ken­nung und Sicht­bar­keit migran­ti­scher Realität in Kultur und Bildung. Beinhaltet in dieser Forde­rung war die Teil­habe an der Diskus­sion um das Kultur­erbe, oder genauer, beinhaltet in dieser Forde­rung war die Aufgabe der „kultu­rellen Normung des Erbes“ als „durch Herkunft legi­ti­miert“ wie dies Sigrid Weigel in ihrer Kritik der Idee der Kultur­na­tion als Resi­duum von Natio­nal­kultur formu­liert hatte. Vertreter der diaspo­ri­schen Gemeinden nahmen die von der Stif­tung Preu­ßi­scher Kultur­be­sitz bemühte Rede vom „geteiltem Erbe“ (shared heri­tage) beim Wort und forderten Teil­habe und Mitsprache bei der Orga­ni­sa­tion des Erbes. Im Zeit­alter sozialer Medien bedeu­tete dies die Dyna­mi­sie­rung von Objekt­be­zie­hungen und damit auch eine Über­nahme von Resti­tu­ti­ons­for­de­rungen durch die Diaspora. Die dabei vorge­brachten Argu­mente hatten neben recht­li­chen und histo­risch formu­lierten Ansprü­chen auch einen entschieden mora­li­schen Charakter. Gefor­dert wurde und wird derge­stalt die Aner­ken­nung der Pflicht zur Einlö­sung der Schuld gegen­über den Verstor­benen. Es ging und geht um die Aner­ken­nung der Präsenz der Toten. Letz­tere erscheinen nicht als museal wegge­sperrt und mauso­liert, sondern als wirk­mäch­tige, ins Leben eingrei­fende und an die Logik der Rezi­pro­zität erin­nernde Akteure, denen Rech­nung zu tragen ist. Daher die Notwen­dig­keit und Dring­lich­keit der Resti­tu­tion. Es war die (allmäh­liche) Aner­ken­nung dieser anderen Onto­logie, die das Humboldt Forum als hoff­nungs­voll gedachten Ort des Dialogs in einen scham­haften Ort des Schuld­be­kennt­nisses verwandelte.

Arbeit am Erbe

Kolo­niale Gewalt und Geschichte wird heute vor allem in der Afrika-Ausstellung thema­ti­siert, wo frag­ment­ar­tige „Leer­stellen“ an die post­ko­lo­niale Ästhetik der Repa­ratur und Heilung erin­nern. So aktuell der Bezug, der kura­to­ri­sche Gestus steht in einer langen Tradi­tion des Denkens über das Frag­ment als Signatur und Leit­me­ta­pher der Moderne. In der Tat ist die Kehr­seite des gebannten Blicks auf Frag­ment und Zerstück­lung die Sehn­sucht nach orga­ni­scher Ganz­heit. Hier trifft sich der deko­lo­niale Affekt gegen das Forum mit dem natio­nalen Impuls seiner Befür­worter. Beide verlangen nach Heilung der Wunden, die die Moderne geschlagen hat. Mit dem Wieder­aufbau des Schlosses ist dabei aller­dings der Erfolg der einen zum Schmerz der anderen geworden.

Kann das Humboldt Forum diese Gegen­sätz­lich­keit auflösen? Vorerst nicht, so lässt sich konsta­tieren. Wider­sprüche und Para­do­xien sind dem Forum gleichsam einge­schrieben. Das Humboldt Forum hat sich zwar Deko­lo­nia­lität auf die Fahnen geschrieben, doch die eigene Praxis unter­läuft oftmals diesen Anspruch. Auch ist ein einheit­li­ches Konzept der drei das Forum bespie­lenden Insti­tu­tionen nicht ersicht­lich. Unge­achtet der auch im Forum prak­ti­zierten Verflüs­si­gung, Rela­tio­na­li­sie­rung und Kreo­li­sie­rung gängiger Denk­ka­te­go­rien, folgen die Besu­cher weiterhin Schil­dern, die den Weg zu „Afrika“ und „Asien“ weisen, als handle es sich um fest verschlos­sene Kultur­be­hälter. Kontra­punk­tisch dazu die Ausstel­lungen des Berlin Museums und der Humboldt Univer­sität, der beiden anderen Player mit einer Feier der Diver­sität und der wissen­schaft­li­chen Inno­va­tionen. Wie das alles zusammen geht oder gehen soll, fragt man sich.

Nun könnte man sich milde geben. Erbe ist Arbeit, hatte Hegel einst im Hörsaal der Friedrich-Wilhelms-Universität unweit des Schlosses ausge­führt. Ein Diktum, das auch und gerade für die Arbeit am Erbe des Schlosses gilt. Folgt man der von Mauss erör­terten Logik des Tauschs so wird die nächste Gene­ra­tion neue Tausch­partner hervor­bringen, die sich des Schlosses annehmen und es verän­dern werden. So weit so gut und versöhn­lich. Aber hier zu enden würde bedeuten, die Pointe des Bezugs auf Mauss zu verkennen. In einer kleinen Miszelle hatte Mauss kurz vor dem Erscheinen seines Essays über die Gabe auf die etymo­lo­gi­sche Verwandt­schaft von Gift und Gabe hinge­wiesen. Der Grund lag in der Frage nach der Aufrich­tig­keit der Gabe als bezie­hungs­stif­tende Hand­lung. Mauss hatte den etymo­lo­gi­schen Befund als Verweis auf die Aufgabe der Frei­heit gedeutet, die sich aus dem Einlassen auf die Logik von Gabe und Gegen­gabe ergibt. Für ihn war der Tausch nicht nur bezie­hungs­stif­tend und konflikt­prä­ventiv, sondern auch eine Praxis der Unter­wer­fung, was in unserem Fall heißt: Unter­wer­fung unter die Auto­rität des Staats. Ganz zurecht begriff DIE ZEITbei der virtu­ellen Eröff­nung des Humboldt Forums das Schloss als „ein Geschenk des Staates an den Staat“.

Das Geschenk war gleich­wohl vergiftet, provo­zierte es doch Debatten über Diffe­renz und Exklu­sion. Wem gehört das Geschenk und wem nicht? Was hieß: Wer gehört zum Staat und wer nicht? Ange­sichts der gegen­wärtig wieder viru­lenten Debatte um Migra­tion und Gene­ra­tion lohnt es sich, in die frühen 2010er Jahre zurück­zu­gehen. Im Oktober 2012 hielt der Geschäfts­führer der Stif­tung Humboldt Forum, Manfred Rettig, einen Vortrag zur Zukunft des Forums. Empha­tisch prognos­ti­zierte er darin die Gesell­schaft, der sich das Humboldt Forum bei seiner Eröff­nung – damals noch vorge­sehen für 2019 – gegen­über­sehe: „Schauen Sie sich unsere gesell­schaft­liche Entwick­lung an, schauen Sie sich Berlin an, denken Sie an melting pot, lassen Sie ein zwei Gene­ra­tionen vergehen, im Moment heiratet die Türkin den Deut­schen und der Asiate heiratet die Ameri­ka­nerin, die kriegen Kinder und die Kinder kriegen auch wieder Kinder, das heißt wir haben inner­halb von zwei Gene­ra­tionen einen Kulturmix sogar in den Fami­lien drin, wo die Frage der Spuren­suche eine ganz andere sein wird als es heute der Fall ist, und das Humboldt-Forum wird auf diese Frage eine Antwort geben.“

Es ist bekannt­lich anders gekommen. Stich­wort Ruine. Dass das Humboldt Forum gerade für seine Moder­nität gefeiert würde, behauptet heute keiner mehr. Einig­keit besteht ledig­lich in der Aner­ken­nung des post­mi­gran­ti­schen „Kulturmix“. Das Thema führt ins Zentrum der Debatte um Iden­tität und Erbe. Die affek­tive Aufla­dung ist offen­sicht­lich, aber die Frage nach ihrer Gestal­tung bleibt poli­tisch vermint. Umso wich­tiger wäre die damals von Seiten der Stif­tung Humboldt Forum in Aussicht gestellte Antwort. Auf sie wartet man bis heute jedoch vergeblich. 

 

Der vorlie­gende Text ist eine gekürzte, leicht verän­derte Fassung des Essays „Arbeit ist Erbe“ erschienen in Lettre Inter­na­tional, Nr. 142, Herbst, 2023.