Hochschulen verstehen sich selbst als weltoffen, vielfältig und fortschrittsorientiert. Doch wie verteidigen sie die Freiheit von Wissenschaft und Bildung vor autokratischen Eingriffen? Christoph Haker und Lukas Otterspeer mit einem Blick auf die deutschen Universitäten im 20. Jahrhundert.

  • Christoph Haker

    Christoph Haker ist Soziologe und Lehrer. Er arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Arbeitsbereich Theorie der Bildung des Lehrens und des Lernens an der Europa-Universität Flensburg. Neben Rechtspopulismus und Rechtsextremismus im Kontext von Bildung, Erziehung und Wissenschaft arbeitet er zu soziologischer Theorie und Wissenschaftstheorie.
  • Lukas Otterspeer

    Lukas Otterspeer ist Erziehungswissenschaftler an der Europa-Universität Flensburg. Dort forscht er zu Rechtsextremismus in Bildung, Kultur und Wissenschaft. Weitere Arbeitsschwerpunkte sind soziale Grenzen, Sozialtheorien und qualitative Sozialforschung.

Es ist offen­sicht­lich, dass Zugriffe auf wissen­schaft­liche Einrich­tungen für auto­ri­täre Regie­rungen ein Schlüs­sel­ele­ment darstellen. Hoch­schulen sind Orte, an denen um Deutungs­ho­heit gekämpft wird. Wer hier Einfluss gewinnt, beein­flusst, was als wissen­schaft­lich gilt und damit auch, was zur Legi­ti­ma­tion von poli­ti­schen Program­ma­tiken heran­ge­zogen werden kann. Auch Auto­kra­tien kommen nicht ohne technisch-instrumentelles Wissen und ohne Diskurse aus, die sich als wissen­schaft­lich fundiert und als Wahr­heit ausgeben.

Blau­pausen für auto­ri­täre Entwick­lungen an Hochschulen

Im Juli 2016 schei­terte ein Putsch­ver­such in der Türkei. Recep Tayyip Erdoğan reagierte mit einer weiter­ge­henden Auto­kra­ti­sie­rung. Hierzu gehörten Massen­ent­las­sungen an Univer­si­täten, die das Hoch­schul­system und die Auto­nomie der Wissen­schaft noch weiter einschränkten, als es ohnehin schon der Fall war. 2018 wurden in Ungarn von der Regie­rung die Gender Studies aus dem Verzeichnis für zuläs­sige Studi­en­gänge gelöscht und damit faktisch verboten. Dies geschah ohne wissen­schaft­liche Begrün­dung – allein durch eine minis­te­ri­elle Entschei­dung. Im selben Jahr wurden Hoch­schulen umstruk­tu­riert: Die Befug­nisse von Kanzler:innen, die von der Regie­rung einge­setzt werden, wurden ausge­weitet, so dass sie etwa über Budget­fragen mitent­scheiden können. Zeit­gleich wuchs das regie­rungs­nahe Mathias Corvinus Colle­gium zu einem finanz­kräf­tigen Think-Tank heran. Dieser Umbau der Hoch­schul­land­schaft zeigt konkrete Schritte, mit denen auto­ri­täre Regie­rungen das Wissen­schafts­system unter Druck setzen: Entlas­sungen und Verbote, Kontrolle durch Struk­tur­än­de­rungen sowie Diszi­pli­nie­rung durch Finanzen. Es sind Blau­pausen, gegen die einige Wissenschaftler:innen und Hoch­schulen sich zu wehren versuchen.

Aller­dings gibt es auch Fälle, in denen die Auto­kra­ti­sie­rung anders­herum verläuft: 2025 wurden zum Beispiel an der Univer­sity of North Texas bei über 200 Lehr­ver­an­stal­tungen von der Univer­si­täts­ad­mi­nis­tra­tion selbst Begriffe wie „race“, „gender“, „class“ oder „equity“ aus Titeln und Kurs­be­schrei­bungen entfernt – angeb­lich zur Einhal­tung neuer staat­li­cher Vorgaben gegen Diversity-Programme. So werden Univer­si­täten zu Unter­stüt­ze­rinnen auto­ri­tärer Politik. Die American Asso­cia­tion of Univer­sity Profes­sors (AAUP) spricht von voraus­ei­lendem Gehorsam, noch bevor direkter poli­ti­scher Zwang besteht.

Was wäre, wenn? – Die AfD und deut­sche Hochschulen

In Deutsch­land scheinen diese Beispiele für viele weit weg zu sein, auch weil Wissen­schafts­frei­heit ein unver­äu­ßer­li­ches Grund­recht in der Verfas­sung ist. Nichts­des­to­trotz brüllt Alice Weidel auf dem Bundes­par­teitag der AfD im Vorfeld der Bundes­tags­wahlen 2025 in die Kameras und Mikro­phone: „Soll ich euch sagen, was wir tun werden, wenn wir am Ruder sind? Wir schließen alle Gender Studies und schmeißen diese Profes­soren raus! So! Unsere Kinder, unsere Jugend, die jungen Leute müssen wieder was Vernünf­tiges an den Univer­si­täten, an den Schulen lernen. Der Staat hat einen Bildungs­auf­trag und den darf er nicht vernach­läs­sigen! Und einen echten Bildungs­auf­trag wird es nur mit der Alter­na­tive für Deutsch­land geben!“ Ein solches Vorgehen wäre ein ekla­tanter Angriff auf die Wissen­schafts­frei­heit und die Umset­zung dieser Pläne mag undenkbar erscheinen. Das Thüringen-Projekt des Verfas­sungs­blogs zeigt jedoch, dass etwa eine autoritär-populistische Landes­re­gie­rung weit­rei­chende Einfluss­mög­lich­keiten hätte, und das gilt nicht nur für Thüringen: Das Strei­chen von Mitteln ermög­licht einen indi­rekten Einfluss auf Einstel­lungen und Entlas­sungen und damit verbunden auf Forschung sowie das Lehr­an­gebot, (nicht erreichte) Ziel- und Leis­tungs­ver­ein­ba­rungen können für weiter­ge­hende Diszi­pli­nie­rungen Anlass sein, extrem rechte Think-Tanks können parallel finan­ziell unter­stützt, Fächer, Fakul­täten und Hoch­schulen aufge­löst oder zusam­men­ge­legt und die Letzt­ent­schei­dung bei Beru­fungen von Professor:innen in das Minis­te­rium verlegt und hier aktiv genutzt werden.

Die skiz­zierten Angriffe zeigen, dass wir, als Scien­tific Commu­nity und kriti­sche Öffent­lich­keit, heute darüber spre­chen sollten, wie sich Univer­si­täten vor auto­ri­tären Regimen schützen können. Die Szena­rio­ana­lyse des Verfas­sungs­blogs macht deut­lich, wie angreifbar sie auch in demo­kra­ti­schen Gesell­schaften sind. Arne Sems­rotts Buch „Macht­über­nahme“ befasst sich etwa mit den Möglich­keiten inner­halb staat­li­cher Insti­tu­tionen, Wider­stand gegen poten­ziell rechts­extreme Regie­rungen zu leisten.

Darüber hinaus lohnt sich aber auch die allge­mei­nere Diskus­sion, welche Rolle Hoch­schulen in Phasen der Demo­kra­ti­sie­rung und in Prozessen der Auto­kra­ti­sie­rung spielen. An dieser Rolle von Hoch­schulen lässt sich ihr demo­kra­ti­sches Poten­zial in poli­ti­schen Trans­for­ma­ti­ons­pro­zessen abschätzen. Eine solche Diskus­sion bricht mit der Selbst­be­schrei­bung der Wissen­schaft und der Hoch­schulen als welt­offen und viel­fältig, weil Hoch­schulen nicht von vorn herein als Träger demo­kra­ti­scher Entwick­lungen ange­sehen werden können. Sie unter­läuft damit auch das extrem rechte Narrativ von Hoch­schulen als Orte linker Hege­monie. Können sich dieje­nigen, die für Demo­kra­ti­sie­rung und gegen Auto­kra­ti­sie­rung einstehen, auf die Wissen­schaft und auf Hoch­schulen als Part­ne­rinnen verlassen? Kann der Campus ein Ort des Protests und Wider­stands sein, wenn es zu weiteren auto­ri­tären Entwick­lungen kommt? Um einen Eindruck über die Rolle von Hoch­schulen in Phasen poli­ti­scher Trans­for­ma­tionen zu bekommen, werfen wir einen kurzen Blick zurück in die Geschichte der deut­schen Univer­si­täten im 20. Jahr­hun­dert. Ihre Rolle in der wech­sel­haften Geschichte vom Kaiser­reich über die Weimarer Repu­blik und den Natio­nal­so­zia­lismus bis hin zum auto­ri­tären Einpar­tei­en­staat der Deut­schen Demo­kra­ti­schen Repu­blik und dem demo­kra­ti­schen System der Bundes­re­pu­blik Deutsch­land beleuchten etwa Michael Grütt­ners „Talar und Haken­kreuz: Die Univer­si­täten im Dritten Reich“, Ulrich Herberts „Wer waren die Natio­nal­so­zia­listen?“ und mehrere Aufsätze des ameri­ka­ni­schen Wissen­schafts­his­to­ri­kers Mitchell G. Ash.

Univer­si­täten als Gegne­rinnen von Demo­kra­ti­sie­rungs­pro­zessen in der Weimarer Republik

Als nach 1918 das deut­sche Kaiser­reich zusam­men­brach, befanden sich auch Hoch­schulen in einem Trans­for­ma­ti­ons­pro­zess, der von Verän­de­rungen und Konti­nui­täten geprägt war. Die Hoch­schulen standen vor einer finan­ziell prekären Lage, Studie­rende hatten schlechte Berufs­aus­sichten, und der Status akade­mi­scher Eliten wurde in Frage gestellt. Gleich­zeitig änderte sich an den poli­ti­schen Einstel­lungen eben­dieser akade­mi­schen Elite wenig. Die neue Demo­kratie blieb vielen Profes­soren fremd, die in hohem Maße monar­chis­tisch, patri­ar­chal, klas­sis­tisch und auto­ritär sozia­li­siert waren. Mit Blick auf die Weimarer Repu­blik zeigt sich folg­lich ein Bild homo­gener und exklu­siver Hoch­schulen, etwa in Bezug auf die soziale Herkunft und das Geschlecht. Der monar­chis­ti­sche, mili­ta­ris­ti­sche und revan­chis­ti­sche Zeit­geist auf Seiten der Ordi­na­rien und Privat­do­zenten wurde als unpo­li­ti­sche Haltung kaschiert, weil er an dem bereits über­kom­menen Status quo des Kaiser­reichs fest­hielt und nur die Demo­kra­ti­sie­rung als Poli­ti­sie­rung kriti­sierte. Für die Studie­renden wurden Univer­si­täten aller­dings zu einem Milieu, in dem ihre völki­schen und natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Posi­tionen früh domi­nieren konnten. Anders als bei Befunden der jüngeren Einstel­lungs­for­schung zeigt sich, dass ein hoher Bildungs­grad in dieser Phase gerade nicht dazu beitrug, demo­kra­ti­sche Einstel­lungen auszu­bilden. Die Studie­renden der Weimarer Repu­blik bildeten einen völkisch sozia­li­sierten männ­lich domi­nierten akade­mi­schen Nach­wuchs für die spätere natio­nal­so­zia­lis­ti­sche Führungs­elite. In der beleuch­teten Zeit des Umbruchs stellten Hoch­schulen eher eine Konti­nuität des Alther­ge­brachten dar und waren selbst weniger Trei­be­rinnen, sondern im Gegen­teil Gegne­rinnen gesell­schaft­li­cher Demokratisierung.

Univer­si­täten und die Iden­ti­fi­ka­tion mit dem Nationalsozialismus

Als die Natio­nal­so­zia­listen 1933 die Macht über­nahmen, trafen sie an den Hoch­schulen unter den Profes­soren auf wenig Wider­stand. Es waren zu diesem Zeit­punkt zwar wenige Hoch­schul­lehrer Mitglied der NSDAP, aller­dings teilten sie deren Über­zeu­gungen viel­fach, auch wenn aufgrund der Wissen­schafts­feind­lich­keit der Natio­nal­so­zia­listen eine gewisse Distanz herrschte. Dennoch wurde die Macht­über­nahme begrüßt und auch an Hoch­schulen schnell voll­zogen. Jüdi­sche und oppo­si­tio­nelle Lehrende wurden aus den Hoch­schulen entfernt, ohne nennens­werte Einsprüche und Soli­da­rität zu erfahren. Anti­se­mi­tismus war sowohl unter Profes­soren als auch unter Studie­renden verbreitet. Habi­li­tierte ohne feste Stelle waren gegen­über den plan­mä­ßigen Profes­soren in der Über­zahl und deut­lich akti­vere Natio­nal­so­zia­listen. Sie rich­teten sozi­al­öko­no­mi­sche Hoff­nungen auf die NSDAP, die ihrer­seits ihren Einfluss durch Beru­fungen vergrö­ßern konnte. Allge­mein ist für die Mehr­heit der Profes­soren bis 1939 davon auszu­gehen, dass gegen­über dem natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Regime eine grund­sätz­liche Befür­wor­tung mit Skepsis in Bezug auf Detail­fragen vorherr­schend war. Diese Skepsis verflog in der Euphorie des Kriegs­be­ginns und wurde von zuneh­mender Iden­ti­fi­ka­tion abge­löst. Im Verlauf des Krieges fielen etwa in der medi­zi­ni­schen Forschung ethi­sche Hemm­nisse. Forschungs­felder wie Rassen­kunde, völki­sche Wissen­schaft oder Wehr­machts­psy­cho­logie erlebten einen Aufschwung und waren im Sinne ange­wandter Forschung unmit­telbar am Regime betei­ligt. Erst zum Kriegs­ende kam es ange­sichts der abseh­baren Nieder­lage unter den Hoch­schul­leh­renden zu Distan­zie­rungen, ohne aller­dings in einen Wider­stand zu münden.

Verspä­tete Ausein­an­der­set­zung mit der eigenen Geschichte

Die Betrach­tung der Zeit nach 1945 zeigt, dass eine schnell wieder zurück­ge­nom­mene Entna­zi­fi­zie­rungs­po­litik ab den späten 1940er Jahren dazu führte, dass sowohl perso­nell als auch inhalt­lich, wenn­gleich nicht mühe- und bruchlos, Konti­nui­täten an Hoch­schulen in der DDR und in der BRD bestehen blieben. Eine selbst­kri­ti­sche wissen­schaft­liche Thema­ti­sie­rung der eigenen Geschichte als Teil des Natio­nal­so­zia­lismus blieb lange aus.

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So führt Michael Grüttner in seinem Buch „Talar und Haken­kreuz“ aus, dass in der DDR sukzes­sive Forschende mit NSDAP-Vergangenheit an die Hoch­schulen zurück­kehren konnten und 1961 drei von zehn Profes­soren Ehema­lige der NSDAP waren. 33 der 56 Profes­soren, die zwischen 1954 und 1963 Rektor einer Hoch­schule der DDR waren, hatten eine NSDAP Vergan­gen­heit. Von ihnen ist unge­fähr die Hälfte Mitglied der SED geworden.

An west­deut­schen Hoch­schulen begeg­neten Profes­soren auch in der Nach­kriegs­zeit den aus dem Hoch­schul­dienst entfernten jüdi­schen und oppo­si­tio­nellen Kollegen mit Gleich­gül­tig­keit, während viele der im Zuge der alli­ierten Entna­zi­fi­zie­rungs­po­litik entlas­senen Hoch­schul­lehrer zurück­kehren konnten. Eine selbst­kri­ti­sche Aufar­bei­tung wurde durch die Nähe und Abhän­gig­keit von Wissenschaftler:innen zur Gene­ra­tion von Kolleg:innen und Vorge­setzten verzö­gert, die im Natio­nal­so­zia­lismus bereits gelehrt hatten bzw. studierten. Das Wirken von Profes­soren wie dem Juristen Erich Schwinge, dem Biologen Rainer Knuß­mann, dem Sozio­logen und Ethno­logen Wilhelm Mühl­mann sowie von dem Human­ge­ne­tiker Otmar Frei­herr von Verschuer zeigt beispiel­haft, dass Posi­tionen, die bereits im Natio­nal­so­zia­lismus vertreten wurden, teils anders nuan­ciert auch das Wirken dieser Personen bzw. des wissen­schaft­li­chen Nach­wuchses in der Nach­kriegs­zeit bestimmten.

Dies hatte nicht nur eine gesell­schafts­po­li­ti­sche Dimen­sion, sondern brachte auch die wissen­schafts­in­terne Proble­matik mit sich, dass wissen­schaft­li­cher Fort­schritt und der Anschluss an den inter­na­tio­nalen Forschungs­stand in manchen Fächern blockiert waren. In Bezug auf Studie­rende zeigten Jürgen Habermas, Ludwig von Frie­de­burg, Chris­toph Ohler und Fried­rich Weltz 1961 in dem Buch „Student und Politik. Eine sozio­lo­gi­sche Unter­su­chung zum poli­ti­schen Bewußt­sein Frank­furter Studenten“, dass gerade Studie­rende aus akade­mi­schen Eltern­häu­sern tenden­ziell auto­ri­tärer sozia­li­siert waren und dass noch Ende der 1950er Jahre anti­de­mo­kra­ti­sche Einstel­lungen verbrei­teter waren als genuin demo­kra­ti­sche Einstel­lungen, während poli­tisch unein­deu­tige Einstel­lungen dominierten.

Auch der aufkom­mende studen­ti­sche Protest und Akti­vismus in den 1960ern verdeut­licht weniger eine verbrei­tete und tief­ge­hende progres­sive und demo­kra­ti­sche Haltung an Hoch­schulen, sondern zeigen die großen Behar­rungs­kräfte gegen eine selbst­kri­ti­sche Ausein­an­der­set­zung im deut­schen Wissen­schafts­system auf. Herbert verweist in „Wer waren die Natio­nal­so­zia­listen?“ darauf, dass es sich eher um einen politisch-generationellen Konflikt als um eine wissen­schafts­ge­schicht­liche Refle­xion handelte. Dieser gene­ra­tio­nelle Konflikt wurde durch demo­gra­phi­sche Entwick­lungen verstärkt: 1945 gab es auf dem Gebiet der späteren Bundes­re­pu­blik noch 15 Hoch­schulen. Anschlie­ßend setzte eine massive Bildungs­expan­sion ein. Die wissen­schaft­liche Ausein­an­der­set­zung mit den natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Verstri­ckungen der deut­schen Univer­si­täten begann in West­deutsch­land erst in den 1980er und 1990er Jahren, als jene Profes­soren, die die Konti­nuität nach dem Natio­nal­so­zia­lismus verkör­perten, die Hoch­schulen endgültig verließen. Ein Beispiel sind etwa die Arbeiten der „AG gegen Rassen­kunde“, die 1998 „Texte gegen rassis­ti­sche und sexis­ti­sche Konti­nuität in der Human­bio­logie“ veröf­fent­lichten. Diese Aufar­bei­tung hält bis heute an, wie Grütt­ners 2024 erschie­nene histo­ri­sche Studie „Talar und Haken­kreuz“ zeigt. Die Hoch­schulen der Nach­kriegs­zeit waren folg­lich nicht Orga­ni­sa­tionen, die eine selbst­kri­ti­sche Ausein­an­der­set­zung mit der eigenen Geschichte voran­ge­trieben haben und die Initia­toren einer gesell­schaft­li­chen Demo­kra­ti­sie­rung waren. Die Zuwen­dung der Hoch­schulen zur demo­kra­ti­schen Bundes­re­pu­blik zeigt eher die grund­sätz­liche Anpas­sungs­fä­hig­keit von Wissenschaftler:innen an die poli­ti­schen Verhält­nisse, in die Hoch­schulen einge­bettet sind, als ihre grund­sätz­lich demo­kra­ti­sche Orien­tie­rung. Dies bestä­tigte sich auch in der DDR, wo es ebenso zu Anpas­sungs­pro­zessen, aller­dings unter auto­ri­tären Bedin­gungen kam. Mitchell G. Ash arbei­tete in seinem Aufsatz „Verord­nete Umbrüche – Konstru­ierte Konti­nui­täten. Zur Entna­zi­fi­zie­rung von Wissen­schaft­lern und Wissen­schaften nach 1945“ heraus, dass Wissenschaftler:innen im Natio­nal­so­zia­lismus und nach 1945 sich nicht nur als Legi­ti­ma­ti­ons­in­stanz und Wissens­pro­du­zenten für den Staat verstanden, sondern den jewei­ligen Staat auch als Mittel­geber für sich selbst zu nutzen wussten.

DDR-Hochschulen 1989 keine Orte der fried­li­chen Revolution

Mit dem Mauer­fall 1989 und der anschlie­ßenden deut­schen Verei­ni­gung kam es zu einem weiteren poli­ti­schen Trans­for­ma­ti­ons­pro­zess, der zur Refle­xion der Rolle von Hoch­schulen in Demo­kra­ti­sie­rungs­pro­zessen geeignet ist. Hoch­schulen und Univer­si­täten gelten nicht als Orte der fried­li­chen Revo­lu­tion von 1989, auch wenn es nach dem Mauer­fall zu verstärkten studen­ti­schen Protesten und Enga­ge­ment kam. Gleich­zeitig war die Umge­stal­tung des wissen­schaft­li­chen Feldes ein wich­tiger Aspekt des Verei­ni­gungs­pro­zesses. Mitchell G. Ash hat die histo­ri­sche Forschung zu diesem Aspekt wie folgt zusam­men­ge­fasst: Der insti­tu­tio­nelle Trans­for­ma­ti­ons­pro­zess an Hoch­schulen vollzog sich schnell und war Mitte der 90er Jahre weit­ge­hend abge­schlossen. Er war durch hohen Zeit­druck gekenn­zeichnet und von lokalen Entschei­dungen und uner­war­teten Wand­lungen geprägt. 1990 wurden 21 Prozent des wissen­schaft­li­chen Perso­nals an ostdeut­schen Hoch­schulen entlassen. Insbe­son­dere die Fächer Jura, Wirt­schafts­wis­sen­schaften, Pädagogik, Philo­so­phie und Geschichte wurden so abge­wi­ckelt, dass zwischen 1990 und 1995 bis zu 100 Prozent der neube­ru­fenen Professor:innen aus dem Westen kamen. In anderen sozi­al­wis­sen­schaft­li­chen Fächern und den Natur­wis­sen­schaften ist dieser Trend aber nicht so eindeutig. Die Rektoren der Ost-Universitäten kamen im ersten Jahr der Wieder­ver­ei­ni­gung ausschließ­lich aus Ostdeutsch­land. Anschlie­ßend arbei­teten oft ostdeut­sche Rektor:innen mit west­deut­schen Kanzler:innen zusammen. Auch wenn der Anpas­sungs­druck an das demo­kra­ti­sche System der Bundes­re­pu­blik Deutsch­land damit hoch war und schnell voll­zogen wurde, ist die Verei­ni­gung nicht einfach als Verein­nah­mung zu charak­te­ri­sieren. Viel­mehr kam es, wie Peer Paster­nack betont, zu einem Ausein­an­der­driften der raschen insti­tu­tio­nellen Inte­gra­tion und der lang­sa­meren Sozi­al­in­te­gra­tion, zum Nach­teil ostdeut­scher Wissenschaftler:innen.

Hoch­schulen zeigen sich nicht als wider­stän­dige Orte

Der Blick auf die Geschichte der deut­schen Univer­si­täten im 20. Jahr­hun­dert zeigt, dass sie als Insti­tu­tionen äußerst anpas­sungs­fähig an die poli­ti­schen Gege­ben­heiten waren. Gleich­zeitig traten sie in Demo­kra­ti­sie­rungs­pro­zessen nach 1918, 1945 und vor 1989 nicht als Treiber demo­kra­ti­scher Entwick­lungen auf.

Der Schluss­satz der bereits erwähnten Studie „Student und Politik“ scheint heute unter umge­kehrtem Vorzei­chen zu stehen. In den späten 1950ern galt hinsicht­lich der Mehr­heit der unpo­li­ti­schen bzw. poli­tisch unein­deu­tigen BRD-Studierenden: Es „ließe sich positiv nur etwas ausma­chen, wenn wir statt der Subjekte die gesell­schaft­li­chen Tendenzen selber zum Ausgangs­punkt wählen könnten, die sich der Menschen dann um so eher bloß bedienen können, wenn sie, wie die Unpro­fi­lierten, ihrem Poten­tial nach bereits zur Passi­vität neigen, eben dazu, gesell­schaft­li­chen Bewe­gungen von sich aus in gerin­gerem Maße Wider­stand entge­gen­zu­setzen“. Konnten die Frank­furter zu Beginn der 1960er Jahre noch auf Demo­kra­ti­sie­rung hoffen, sind die auto­ri­tären Tendenzen heute nicht zu über­sehen. Ob sich Hoch­schulen als wider­stän­dige Orte für die Stär­kung der Demo­kratie erweisen können, erscheint auch vor dem Hinter­grund ihrer eigenen Geschichte zumin­dest fragwürdig.