Selbst im postheroischen Zeitalter können tödliche Gefahren des Bergsports verdrängt und Märtyrer gefeiert werden. Das liegt auch an einer spirituellen Aufladung des Alpinismus, deren Spuren bis in die frühmoderne Naturverehrung zurückreichen. Ein Text zu den religionsgeschichtlichen Aspekten der modernen Bergbegeisterung.

  • David Atwood

    David Atwood ist Assistenzprofessor für Religion und Öffentlichkeit an der Universität Zürich. Er beschäftigt sich mit den Zusammenhängen von Religion, Politik und Recht sowie mit Phänomenen der zeitgenössischen Religionsgeschichte wie Alpinismus oder Hip-Hop.
Geschichte der Gegenwart
Geschichte der Gegenwart 
Die Reli­gion der Berge und ihre Märtyrer
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Alljähr­lich im Früh­ling publi­ziert der Schwei­ze­ri­sche Alpen­club SAC mit verschie­denen Part­ner­or­ga­ni­sa­tionen zusammen die Berg­not­fall­sta­tistik. Darin werden die Rettungs­ein­sätze aufge­führt und nach Sportart, Unfall- oder Todes­ur­sache diffe­ren­ziert. Der Tod bleibt dabei eine rein statis­ti­sche Tatsache, eine Zahl. Die Psycho­ana­lyse hat dafür eine einfache Erklä­rung, denn sie behauptet, dass unser Unbe­wusstes den eigenen Tod nicht kennt und von seiner Unsterb­lich­keit über­zeugt ist. Diese beiden Seiten – die Unkenntnis des eigenen Tods und die Über­zeugt­heit der eigenen Unsterb­lich­keit – sind zwei mäch­tige Quellen für viele kultu­relle Errun­gen­schaften und Prak­tiken, ohne die der moderne Alpi­nismus kaum denkbar ist.

Der verdrängte Tod

Während der mögliche Unfalltod im Auto durch Tempo­li­mits, Sicher­heits­ab­stände oder -gurte einge­grenzt wird, scheut man ein eindeu­tiges Urteil, wenn es um frei­zeit­liche Todes­fälle geht: Die Frei­zeit­ge­stal­tung wird als Teil der persön­li­chen Frei­heit jedes Menschen betrachtet. So mahnt die neue Präven­ti­ons­kam­pagne der schwei­ze­ri­schen Bera­tungs­stelle für Unfall­ver­hü­tung (bfu) „Sicher über Stock und Stein“ von 2024 zwar eine ausrei­chende Vorbe­rei­tung für Berg­wan­de­rungen an, doch Präven­tion und Werbung oder zumin­dest eine posi­tive Bewer­tung des Wanderns (die Schweiz ist „wanderbar“) gehen hier zusammen. Die Unfall­sta­tis­tiken im Berg­sport sind kaum je Anlass, poli­tisch neue Ver- oder Gebote zu erlassen und etwa ab einer bestimmten Expo­si­tion Fixseile obli­ga­to­risch zu machen. Bei wenigen Akti­vi­täten erscheint das Inkauf­nehmen tödli­cher Gefahren – trotz des schon längst ausge­ru­fenen post­he­roi­schen Zeit­al­ters – so legitim wie im Bereich des Bergsports.

Neben dem Brei­ten­berg­sport zeigt sich diese Risi­ko­be­reit­schaft und ihre gesell­schaft­liche Akzep­tanz auch im Extre­mal­pi­nismus, wie etwa bei der Diskus­sion zum Absturz des damals berühm­testen Schweizer Alpi­nisten Ueli Steck im Jahr 2017. Die Tatsache, dass er selbst immer wieder den eigenen Tod als Möglich­keit der alpi­nis­ti­schen Höchst­leis­tungen ansprach, minderte nicht die Aner­ken­nung und Bewun­de­rung seiner Taten. Eine Bewun­de­rung, die zwar nicht frei von Ambi­va­lenz war, ihn aber gleich­wohl zum attrak­tiven Werbe­träger machte.

Nun waren die alpi­nis­ti­schen Leis­tungen von Steck zwar alles andere als eine Frei­zeit­ak­ti­vität, sondern spon­so­ren­fi­nan­zierter Lebens­in­halt, sie inspi­rierten und faszi­nierten aller­dings auch die große Masse der Bergsportler:innen. Selbst wenn diese nie auch nur annä­hernd an den Leis­tungs­be­reich von Ueli Steck heran­kamen, war es ihnen sehr wohl möglich, ihre eigenen Projekte und Vorhaben im Lichte des Extre­mal­pi­nisten zu spiegeln.

So steht also das Risiko des eigenen Todes, genauso wie die Über­zeu­gung der eigenen Unsterb­lich­keit immer als Möglich­keit an der Seite der Bergsteiger:innen. Dass aber dieses Risiko über­haupt von so vielen Menschen auf sich genommen wird, hat einen komplexen Hinter­grund: es ist die neuzeit­liche Kultur- und Reli­gi­ons­ge­schichte der Natur- und Berg­fas­zi­na­tion, die im 19. Jahr­hun­dert ihren Höhe­punkt und bis heute kein Ende gefunden hat.

Gipfel­erfah­rung als Gotteserfahrung

Der reli­gi­ons­ge­schicht­liche Aspekt der modernen Berg­be­geis­te­rung ist zwar weniger bekannt, aber gerade die Sakra­li­sie­rung von Bergen und Berg­ak­ti­vi­täten hat dafür eine große Bedeu­tung. Einen mögli­chen Anfang verdeut­licht die Geschichte des Pilatus, ein Berg­massiv an der Grenze der Kantone Nidwalden und Obwalden südlich von Luzern: Im Jahre 1585 unter­nahm Johann Müller, Stadt­pfarrer in Luzern, mit der zwin­gend notwen­digen Bewil­li­gung der Stadt ein Expe­ri­ment. Damals war der Volks­glaube verbreitet, dass in einem See des Luzerner Stadt­berges der Geist des Pontius Pilates hauste, der – wenn man ihn provo­ziere – ein Unwetter über die Stadt brächte. Um zu beweisen, dass dieser Glaube ein ,Aber­glaube‘ war, warf der Pfarrer einen Stein in den See und bewies damit expe­ri­men­tell die Falsch­heit dieser Legende. Während also der Luzerner Pfarrer einen alpinen Volks­glauben qua Expe­ri­ment been­dete und dabei auf einen bis dato verbo­tenen Berg stieg – zumin­dest bis zu besagtem See –, beginnt der eigent­liche Alpi­nismus erst später, an der Grenze zum 18. Jahrhundert.

Der Bündner Alpi­nist und Natur­for­scher Placidus Spescha ist hier einer der frühen Vertreter und hat im Jahr 1800 mit seinen „Anwei­sungen, wie man sich zu den Berg­reisen vorbe­reiten, darin und hernach verhalten soll“ auch gleich einen der ersten Ratgeber fürs Berg­steigen verfasst. In dieser Lehr­schrift macht er deut­lich, dass für ihn „nirgends eine so voll­kom­mene Vorstel­lung von der Größe und Allmacht Gottes“ zu erfahren ist, wie auf den Bergen. Die Gipfel­erfah­rung als Gottes­er­fah­rung also. Aller­dings wird der Theismus ab 1800 zuse­hends auch aus der Reli­gi­ons­ge­schichte der Berge und des Alpi­nismus verdrängt, was aber nicht bedeutet, dass es keine alpinen Sakra­li­sie­rungen mehr gibt. Im Gegen­teil, hier setzen die Heilig­spre­chungen der Berge selbst über­haupt erst an. Prägnant dafür ist die Natur­re­li­gio­sität des revo­lu­tio­nären Frank­reichs: Nicht nur werden Kirchen umge­widmet und zu Tempeln der „Göttin der Vernunft“ erklärt, sondern einige Begeis­terte bauten im Massiv des Mont Blanc einen „Tempel der Natur“: Er entstand 1795, neun Jahre nach der Erst­be­stei­gung des höchsten Alpen­gip­fels durch Jacques Balmat und Michel-Gabriel Paccard, und wurde von verschie­denen Natur­for­schern und Alpen­in­ter­es­sierten um den Genfer Marc-Théodore Bourrit am Aussichts­punkt Monten­vers als Refu­gium errichtet. Neben der Widmung „à la nature“ über der Eingangs­türe sind an der Innen­wand verschie­dene Größen der Natur­for­schung abge­bildet, was die für die dama­lige Zeit charak­te­ris­ti­sche Nähe von Natur­ver­eh­rung und Natur­er­for­schung illustriert.

Im 20. Jahr­hun­dert ist eine derart unge­bro­chene Heili­gung der Natur, wie sie für die aufklärerisch-revolutionäre und roman­ti­sche Zeit charak­te­ris­tisch war, längst nicht mehr möglich. Aller­dings sind die Spuren der früh­mo­dernen Natur­ver­eh­rung bis heute noch im kultu­rellen Gedächtnis präsent. Sichtbar ist dies etwa in den tausend­fach auf Insta­gram repli­zierten Versionen von Rücken­fi­guren wie dem „Wanderer über dem Nebel­meer“ von 1818, die Caspar David Fried­rich zu Ikonen roman­ti­scher Natur­ver­eh­rung gemacht hat. Die Verbin­dung von reli­giösen Begriffen wie „Tempel“ und „Gottes­dienst“ mit Berg­ak­ti­vi­täten werden aber weiterhin auch von Alpinist:innen selbst verwendet: Der briti­sche Alpi­nist und Mitglied des „Alpine Club“ Hugh Stut­field machte 1918 in einem Vortrag vor seinen Club­kol­legen deut­lich, dass für den „wahren Alpi­nisten“ das Berg­steigen deut­lich mehr sei als nur eine Freizeitaktivität:

The outside world, for instance, persists in regar­ding moun­tai­nee­ring simply as a pastime – a rather pecu­liar pastime indulged in by very pecu­liar people. To the true moun­tai­neer it is much more than that: it is a joy, a passion, an inspi­ra­tion – one might say ‘a reli­gion.’ […] The true moun­tai­neer is not a mere gymnast, but a man who worships the moun­tains.

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Moderne Berg­spi­ri­tua­lität

Stut­fields Vortrag verdeut­licht, wie eng Reli­gion und Alpi­nismus zusam­men­hängen können. Darüber hinaus gibt er einen Hinweis darauf, wie der Reli­gi­ons­dis­kurs im 20. Jahr­hun­dert funk­tio­niert: Das Feld der Reli­gion bietet Vergleichs­punkte an, mit denen auch etwas vermeint­lich Nicht-Religiöses charak­te­ri­siert wird. Dieser Vergleich kann sowohl positiv sein – wie bei Stut­field, der mit seiner Reli­gi­ons­ana­logie den Alpi­nismus hoch­lobte, wenn auch mit einer gewissen ironi­schen Pointe – oder negativ, wenn etwa über verschie­dene „Sekten“ inner­halb des Berg­sports gestritten wird. Der Sekten­be­griff wurde von Hermann Kornacher 1964 verwendet, wenn er den Streit um Bohr­haken oder Sauer­stoff­fla­schen zum alles entschei­denden Krite­rium des wahren Alpi­nismus erhob. Diese Art des Reli­gi­ons­ver­gleichs ist für die Reli­gion in der Moderne charak­te­ris­tisch: Nach dem ausge­ru­fenen Tode Gottes steht die Frage im Raum, wo der rich­tige Nach­folger Gottes zu finden ist. Gemäß Stut­field offenbar im Bereich des Alpi­nismus – wenn er denn richtig betrieben wird; die anderen gehören dann zur falsch­gläu­bigen Sekte.

Ein bekannter Vertreter dieser Berg-Spiritualität ist der Extre­mal­pi­nist Rein­hold Messner. Er äußert sich immer wieder kritisch gegen­über insti­tu­tio­na­li­sierter Reli­gion, bezeichnet sich aber gleich­zeitig als spiri­tu­ellen Menschen und reprä­sen­tiert damit einen für die Spät­mo­derne klas­si­schen Typus des reli­giösen Menschen: „spiri­tuell, aber nicht reli­giös“. Mess­ners nicht einfach zu fassende Spiri­tua­lität ist geprägt von seinen Begeg­nungen mit mono­the­is­ti­schen wie auch poly­the­is­ti­schen asia­ti­schen Reli­gionen, hat sich aber ebenso die moderne Reli­gi­ons­kritik des 19. Jahr­hun­derts zu eigen gemacht, der zufolge Götter die Erfin­dung der Menschen sind. Schließ­lich spielen für Messner auch seine eigene Nahtod-Erfahrung 1970 während einer Expe­di­tion unter Leitung von Karl Herr­lig­koffer zum Nanga Parbat und – bei derselben Expe­di­tion an Mess­ners „Schick­sals­berg“ – der Tod seines Bruders Günther eine zentrale Rolle. Er spricht von Bergen explizit als „tödliche, angst­aus­lö­sende Mittel“. So werden in der als entzau­bert wahr­ge­nommen Moderne Berge zu „magne­ti­schen“, „myste­riösen“ oder „magi­schen“ Orten, die im Extrem­fall aber ihre Märtyrer einfordern.

Auch wenn Messner gerade nicht als moderner Bergsteiger-Guru gesehen werden möchte, so wieder­holte er doch immer wieder seine bis heute klas­si­sche Anlei­tung zum Extrem­berg­steigen, die etwa den Verzicht auf Sauer­stoff­fla­schen, Heli­ko­pter­flüge zum Base-Camp oder über­haupt das allzu tech­ni­sche Möglich­ma­chen einer ansonsten unmög­li­chen alpi­nis­ti­schen Leis­tung beinhaltet. Denn wer sich an diese Regeln nicht hält, beginge einen „Mord am Unmög­li­chen“, wie er es im gleich­na­migen Essay von 1968 formu­lierte. Messner entwarf damit nicht nur eine Klet­ter­ethik, sondern er wurde auch zum Dogma­tiker des Alpi­nismus. Der reli­giöse Aspekt ist aller­dings in Mess­ners „Mord am Unmög­li­chen“ nicht ganz so offen­sicht­lich wie bei Stut­field. Nichts­des­to­trotz ist er auch hier vorhanden, denn das Unmög­liche markiert eine Tran­szen­denz, die zwar immer wieder verschoben werden kann, die aber gleich­wohl respek­tiert und nicht einer tech­ni­schen Mach­bar­keit unter­worfen werden soll – dies zumin­dest fordert Messner.

Eine neue Erreichbarkeit

Nicht nur unter Alpi­nisten ist der Griff zu reli­giöser Semantik beliebt, wenn es darum geht, den Weg auf eine Berg­spitze zu bewerten. Der heute wenig bekannte Schweizer Lite­ra­tur­no­bel­preis­träger Carl Spit­teler hatte sich 1899 poin­tiert in die Diskus­sion um den Bau der Jung­frau­bahn (1896-1912) einge­bracht. Während vor allem alpi­nis­ti­sche Kritiker dieses Baupro­jekts als eine „Entwei­hung der Alpen“ brand­markten, machte sich Spit­teler selbst­iro­nisch zum Vertreter der „Partei der Inva­liden“, welche jede Art der Mobi­li­täts­ver­ein­fa­chung will­kommen heißen, die auch Nicht-Alpinisten wie ihn an einen Ort wie das Jung­frau­joch bringen können. Spit­teler kriti­sierte insbe­son­dere die Rede von einer „Natur­ent­wei­hung“, denn diese setze ja die „Heilig­keit der Natur voraus“. Spit­teler dazu: „Und warum schwatzt man derglei­chen? Aus Phrase, weil abge­stor­bene, faule Fetzen aus Rous­seaus menschen­feind­li­cher Phil­an­thropie noch in der Luft herum­fliegen […].“ Spit­teler pole­mi­siert hier heftig gegen Jean-Jacques Rous­seau, der im 18. Jahr­hun­dert das Wandern, Flanieren und Genießen der Natur zum neuen Heil­mittel gegen Zivi­li­sa­ti­ons­koller erhoben hatte und dabei zum Stifter einer erfun­denen Natur-Heiligkeit wurde.

Auch beim erklärten Nutzer einer alpen­tou­ris­ti­schen Infra­struktur Carl Spit­teler läuft also die Diskus­sion und die Bewer­tung alpiner Orte und ihrer Erreich­bar­keit über das reli­giöse Voka­bular. Allein, er verur­teilt die sakra­li­sie­rende Aufla­dung der Berg­gipfel im Begriff der „Entwei­hung“ und die damit einher­ge­hende Verur­tei­lung massen­tou­ris­ti­scher Infra­struk­turen. Zwischen der Frak­tion von Stut­field und Messner auf der einen und einem Carl Spit­teler auf der anderen Seite gibt es also eine riesige Kluft in der Bewer­tung der „Reli­gion der Berge“. Damit einher geht die unter­schied­liche Risi­ko­be­reit­schaft – und damit die Akzep­tanz des Todes am Berg. Gleich­wohl nehmen beide Seiten Bezug auf eine reli­giöse Sprache, entweder positiv oder aber im Fall von Spit­teler negativ, als moderner Reli­gi­ons­kri­tiker der natur­ro­man­ti­schen Aufklä­rungs­phi­lo­so­phie. Beides prägt bis heute noch unsere Berg­wahr­neh­mung mit.

Spit­telers Bevor­zu­gung der „Partei der Inva­liden“ ist nicht nur eine ironi­sche Kritik an einem roman­ti­schen Natur- und Berg­fas­zi­nosum, sondern Partei­nahme für die Menschen, die Berg­gipfel mit Hilfe von Technik – der Jung­frau­bahn – erklimmen wollen. Die „Inva­liden“ sind viel­leicht nicht so tritt­si­cher und risi­ko­be­reit, wie die Alpinist:innen. Aller­dings ist bei ihnen auch die Möglich­keit deut­lich kleiner, dass sie den eigenen Tod riskieren.