Alljährlich im Frühling publiziert der Schweizerische Alpenclub SAC mit verschiedenen Partnerorganisationen zusammen die Bergnotfallstatistik. Darin werden die Rettungseinsätze aufgeführt und nach Sportart, Unfall- oder Todesursache differenziert. Der Tod bleibt dabei eine rein statistische Tatsache, eine Zahl. Die Psychoanalyse hat dafür eine einfache Erklärung, denn sie behauptet, dass unser Unbewusstes den eigenen Tod nicht kennt und von seiner Unsterblichkeit überzeugt ist. Diese beiden Seiten – die Unkenntnis des eigenen Tods und die Überzeugtheit der eigenen Unsterblichkeit – sind zwei mächtige Quellen für viele kulturelle Errungenschaften und Praktiken, ohne die der moderne Alpinismus kaum denkbar ist.
Der verdrängte Tod
Während der mögliche Unfalltod im Auto durch Tempolimits, Sicherheitsabstände oder -gurte eingegrenzt wird, scheut man ein eindeutiges Urteil, wenn es um freizeitliche Todesfälle geht: Die Freizeitgestaltung wird als Teil der persönlichen Freiheit jedes Menschen betrachtet. So mahnt die neue Präventionskampagne der schweizerischen Beratungsstelle für Unfallverhütung (bfu) „Sicher über Stock und Stein“ von 2024 zwar eine ausreichende Vorbereitung für Bergwanderungen an, doch Prävention und Werbung oder zumindest eine positive Bewertung des Wanderns (die Schweiz ist „wanderbar“) gehen hier zusammen. Die Unfallstatistiken im Bergsport sind kaum je Anlass, politisch neue Ver- oder Gebote zu erlassen und etwa ab einer bestimmten Exposition Fixseile obligatorisch zu machen. Bei wenigen Aktivitäten erscheint das Inkaufnehmen tödlicher Gefahren – trotz des schon längst ausgerufenen postheroischen Zeitalters – so legitim wie im Bereich des Bergsports.
Neben dem Breitenbergsport zeigt sich diese Risikobereitschaft und ihre gesellschaftliche Akzeptanz auch im Extremalpinismus, wie etwa bei der Diskussion zum Absturz des damals berühmtesten Schweizer Alpinisten Ueli Steck im Jahr 2017. Die Tatsache, dass er selbst immer wieder den eigenen Tod als Möglichkeit der alpinistischen Höchstleistungen ansprach, minderte nicht die Anerkennung und Bewunderung seiner Taten. Eine Bewunderung, die zwar nicht frei von Ambivalenz war, ihn aber gleichwohl zum attraktiven Werbeträger machte.
Nun waren die alpinistischen Leistungen von Steck zwar alles andere als eine Freizeitaktivität, sondern sponsorenfinanzierter Lebensinhalt, sie inspirierten und faszinierten allerdings auch die große Masse der Bergsportler:innen. Selbst wenn diese nie auch nur annähernd an den Leistungsbereich von Ueli Steck herankamen, war es ihnen sehr wohl möglich, ihre eigenen Projekte und Vorhaben im Lichte des Extremalpinisten zu spiegeln.
So steht also das Risiko des eigenen Todes, genauso wie die Überzeugung der eigenen Unsterblichkeit immer als Möglichkeit an der Seite der Bergsteiger:innen. Dass aber dieses Risiko überhaupt von so vielen Menschen auf sich genommen wird, hat einen komplexen Hintergrund: es ist die neuzeitliche Kultur- und Religionsgeschichte der Natur- und Bergfaszination, die im 19. Jahrhundert ihren Höhepunkt und bis heute kein Ende gefunden hat.
Gipfelerfahrung als Gotteserfahrung
Der religionsgeschichtliche Aspekt der modernen Bergbegeisterung ist zwar weniger bekannt, aber gerade die Sakralisierung von Bergen und Bergaktivitäten hat dafür eine große Bedeutung. Einen möglichen Anfang verdeutlicht die Geschichte des Pilatus, ein Bergmassiv an der Grenze der Kantone Nidwalden und Obwalden südlich von Luzern: Im Jahre 1585 unternahm Johann Müller, Stadtpfarrer in Luzern, mit der zwingend notwendigen Bewilligung der Stadt ein Experiment. Damals war der Volksglaube verbreitet, dass in einem See des Luzerner Stadtberges der Geist des Pontius Pilates hauste, der – wenn man ihn provoziere – ein Unwetter über die Stadt brächte. Um zu beweisen, dass dieser Glaube ein ,Aberglaube‘ war, warf der Pfarrer einen Stein in den See und bewies damit experimentell die Falschheit dieser Legende. Während also der Luzerner Pfarrer einen alpinen Volksglauben qua Experiment beendete und dabei auf einen bis dato verbotenen Berg stieg – zumindest bis zu besagtem See –, beginnt der eigentliche Alpinismus erst später, an der Grenze zum 18. Jahrhundert.
Der Bündner Alpinist und Naturforscher Placidus Spescha ist hier einer der frühen Vertreter und hat im Jahr 1800 mit seinen „Anweisungen, wie man sich zu den Bergreisen vorbereiten, darin und hernach verhalten soll“ auch gleich einen der ersten Ratgeber fürs Bergsteigen verfasst. In dieser Lehrschrift macht er deutlich, dass für ihn „nirgends eine so vollkommene Vorstellung von der Größe und Allmacht Gottes“ zu erfahren ist, wie auf den Bergen. Die Gipfelerfahrung als Gotteserfahrung also. Allerdings wird der Theismus ab 1800 zusehends auch aus der Religionsgeschichte der Berge und des Alpinismus verdrängt, was aber nicht bedeutet, dass es keine alpinen Sakralisierungen mehr gibt. Im Gegenteil, hier setzen die Heiligsprechungen der Berge selbst überhaupt erst an. Prägnant dafür ist die Naturreligiosität des revolutionären Frankreichs: Nicht nur werden Kirchen umgewidmet und zu Tempeln der „Göttin der Vernunft“ erklärt, sondern einige Begeisterte bauten im Massiv des Mont Blanc einen „Tempel der Natur“: Er entstand 1795, neun Jahre nach der Erstbesteigung des höchsten Alpengipfels durch Jacques Balmat und Michel-Gabriel Paccard, und wurde von verschiedenen Naturforschern und Alpeninteressierten um den Genfer Marc-Théodore Bourrit am Aussichtspunkt Montenvers als Refugium errichtet. Neben der Widmung „à la nature“ über der Eingangstüre sind an der Innenwand verschiedene Größen der Naturforschung abgebildet, was die für die damalige Zeit charakteristische Nähe von Naturverehrung und Naturerforschung illustriert.
Im 20. Jahrhundert ist eine derart ungebrochene Heiligung der Natur, wie sie für die aufklärerisch-revolutionäre und romantische Zeit charakteristisch war, längst nicht mehr möglich. Allerdings sind die Spuren der frühmodernen Naturverehrung bis heute noch im kulturellen Gedächtnis präsent. Sichtbar ist dies etwa in den tausendfach auf Instagram replizierten Versionen von Rückenfiguren wie dem „Wanderer über dem Nebelmeer“ von 1818, die Caspar David Friedrich zu Ikonen romantischer Naturverehrung gemacht hat. Die Verbindung von religiösen Begriffen wie „Tempel“ und „Gottesdienst“ mit Bergaktivitäten werden aber weiterhin auch von Alpinist:innen selbst verwendet: Der britische Alpinist und Mitglied des „Alpine Club“ Hugh Stutfield machte 1918 in einem Vortrag vor seinen Clubkollegen deutlich, dass für den „wahren Alpinisten“ das Bergsteigen deutlich mehr sei als nur eine Freizeitaktivität:
The outside world, for instance, persists in regarding mountaineering simply as a pastime – a rather peculiar pastime indulged in by very peculiar people. To the true mountaineer it is much more than that: it is a joy, a passion, an inspiration – one might say ‘a religion.’ […] The true mountaineer is not a mere gymnast, but a man who worships the mountains.
Moderne Bergspiritualität
Stutfields Vortrag verdeutlicht, wie eng Religion und Alpinismus zusammenhängen können. Darüber hinaus gibt er einen Hinweis darauf, wie der Religionsdiskurs im 20. Jahrhundert funktioniert: Das Feld der Religion bietet Vergleichspunkte an, mit denen auch etwas vermeintlich Nicht-Religiöses charakterisiert wird. Dieser Vergleich kann sowohl positiv sein – wie bei Stutfield, der mit seiner Religionsanalogie den Alpinismus hochlobte, wenn auch mit einer gewissen ironischen Pointe – oder negativ, wenn etwa über verschiedene „Sekten“ innerhalb des Bergsports gestritten wird. Der Sektenbegriff wurde von Hermann Kornacher 1964 verwendet, wenn er den Streit um Bohrhaken oder Sauerstoffflaschen zum alles entscheidenden Kriterium des wahren Alpinismus erhob. Diese Art des Religionsvergleichs ist für die Religion in der Moderne charakteristisch: Nach dem ausgerufenen Tode Gottes steht die Frage im Raum, wo der richtige Nachfolger Gottes zu finden ist. Gemäß Stutfield offenbar im Bereich des Alpinismus – wenn er denn richtig betrieben wird; die anderen gehören dann zur falschgläubigen Sekte.
Ein bekannter Vertreter dieser Berg-Spiritualität ist der Extremalpinist Reinhold Messner. Er äußert sich immer wieder kritisch gegenüber institutionalisierter Religion, bezeichnet sich aber gleichzeitig als spirituellen Menschen und repräsentiert damit einen für die Spätmoderne klassischen Typus des religiösen Menschen: „spirituell, aber nicht religiös“. Messners nicht einfach zu fassende Spiritualität ist geprägt von seinen Begegnungen mit monotheistischen wie auch polytheistischen asiatischen Religionen, hat sich aber ebenso die moderne Religionskritik des 19. Jahrhunderts zu eigen gemacht, der zufolge Götter die Erfindung der Menschen sind. Schließlich spielen für Messner auch seine eigene Nahtod-Erfahrung 1970 während einer Expedition unter Leitung von Karl Herrligkoffer zum Nanga Parbat und – bei derselben Expedition an Messners „Schicksalsberg“ – der Tod seines Bruders Günther eine zentrale Rolle. Er spricht von Bergen explizit als „tödliche, angstauslösende Mittel“. So werden in der als entzaubert wahrgenommen Moderne Berge zu „magnetischen“, „mysteriösen“ oder „magischen“ Orten, die im Extremfall aber ihre Märtyrer einfordern.
Auch wenn Messner gerade nicht als moderner Bergsteiger-Guru gesehen werden möchte, so wiederholte er doch immer wieder seine bis heute klassische Anleitung zum Extrembergsteigen, die etwa den Verzicht auf Sauerstoffflaschen, Helikopterflüge zum Base-Camp oder überhaupt das allzu technische Möglichmachen einer ansonsten unmöglichen alpinistischen Leistung beinhaltet. Denn wer sich an diese Regeln nicht hält, beginge einen „Mord am Unmöglichen“, wie er es im gleichnamigen Essay von 1968 formulierte. Messner entwarf damit nicht nur eine Kletterethik, sondern er wurde auch zum Dogmatiker des Alpinismus. Der religiöse Aspekt ist allerdings in Messners „Mord am Unmöglichen“ nicht ganz so offensichtlich wie bei Stutfield. Nichtsdestotrotz ist er auch hier vorhanden, denn das Unmögliche markiert eine Transzendenz, die zwar immer wieder verschoben werden kann, die aber gleichwohl respektiert und nicht einer technischen Machbarkeit unterworfen werden soll – dies zumindest fordert Messner.
Eine neue Erreichbarkeit
Nicht nur unter Alpinisten ist der Griff zu religiöser Semantik beliebt, wenn es darum geht, den Weg auf eine Bergspitze zu bewerten. Der heute wenig bekannte Schweizer Literaturnobelpreisträger Carl Spitteler hatte sich 1899 pointiert in die Diskussion um den Bau der Jungfraubahn (1896-1912) eingebracht. Während vor allem alpinistische Kritiker dieses Bauprojekts als eine „Entweihung der Alpen“ brandmarkten, machte sich Spitteler selbstironisch zum Vertreter der „Partei der Invaliden“, welche jede Art der Mobilitätsvereinfachung willkommen heißen, die auch Nicht-Alpinisten wie ihn an einen Ort wie das Jungfraujoch bringen können. Spitteler kritisierte insbesondere die Rede von einer „Naturentweihung“, denn diese setze ja die „Heiligkeit der Natur voraus“. Spitteler dazu: „Und warum schwatzt man dergleichen? Aus Phrase, weil abgestorbene, faule Fetzen aus Rousseaus menschenfeindlicher Philanthropie noch in der Luft herumfliegen […].“ Spitteler polemisiert hier heftig gegen Jean-Jacques Rousseau, der im 18. Jahrhundert das Wandern, Flanieren und Genießen der Natur zum neuen Heilmittel gegen Zivilisationskoller erhoben hatte und dabei zum Stifter einer erfundenen Natur-Heiligkeit wurde.
Auch beim erklärten Nutzer einer alpentouristischen Infrastruktur Carl Spitteler läuft also die Diskussion und die Bewertung alpiner Orte und ihrer Erreichbarkeit über das religiöse Vokabular. Allein, er verurteilt die sakralisierende Aufladung der Berggipfel im Begriff der „Entweihung“ und die damit einhergehende Verurteilung massentouristischer Infrastrukturen. Zwischen der Fraktion von Stutfield und Messner auf der einen und einem Carl Spitteler auf der anderen Seite gibt es also eine riesige Kluft in der Bewertung der „Religion der Berge“. Damit einher geht die unterschiedliche Risikobereitschaft – und damit die Akzeptanz des Todes am Berg. Gleichwohl nehmen beide Seiten Bezug auf eine religiöse Sprache, entweder positiv oder aber im Fall von Spitteler negativ, als moderner Religionskritiker der naturromantischen Aufklärungsphilosophie. Beides prägt bis heute noch unsere Bergwahrnehmung mit.
Spittelers Bevorzugung der „Partei der Invaliden“ ist nicht nur eine ironische Kritik an einem romantischen Natur- und Bergfaszinosum, sondern Parteinahme für die Menschen, die Berggipfel mit Hilfe von Technik – der Jungfraubahn – erklimmen wollen. Die „Invaliden“ sind vielleicht nicht so trittsicher und risikobereit, wie die Alpinist:innen. Allerdings ist bei ihnen auch die Möglichkeit deutlich kleiner, dass sie den eigenen Tod riskieren.