Die Plastik-Revolution. 45 RPM

Plastik war der demokratische Stoff schlechthin. In der Nachkriegszeit stand er für wachsenden Massenwohlstand und revolutionierte in Form der Vinyl-Schallplatte die Populärkultur. Selbst die Kritik an der Konsumgesellschaft wurde im Medium der Rock- und Popmusik formuliert – auf global vermarkteten Plastikscheiben.



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Riesige Teppiche aus Plastik treiben auf den Weltmeeren, manche so gross wie kleine Inseln. In unzugänglichen Unterwassertälern und auf den von Menschenhand unberührten Meeresböden schlummern Millionen Tonnen an Kunststoffgegenständen in ewiger Nacht. Langsam zerreibt der Wellengang das Plastik zu mikroskopisch kleinen Partikeln, die Seite an Seite mit Algen und Plankton im Salzwasser schweben und sich längst in die Nahrungskette eingeklinkt haben. Auf diesem Weg wandert der Abfall in Meeresfrüchten auf unsere Teller, in unsere Mägen, in unser organisch Innerstes. Plastik, aus Erdöl gewonnen, in Labors entwickelt, mittels chemischer Prozesse der Natur abgetrickst: ein Fremdkörper, so scheint es, eine Metapher für den Gegenspieler des Lebens, ein granulares Stück Antinatur.

Die Plastifizierung des Lebens

Dabei war Plastik in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts der Rohstoff tiefgreifender Umwälzungen. In den 1930er Jahren konnten Chemiker in Laboratorien deutscher Grossunternehmen erstmals thermoplastische Kunststoffe herstellen: Polystyrol, Polyacrynitril und das bekannte Polyvinylchlorid (PVC). Diese Thermoplaste übertrafen in ihrer Formbarkeit jeden anderen Stoff, und bald zeigte sich, dass ihre Anwendungsbereiche grenzenlos sind. Das Ausgangsmaterial liess sich erhitzt in jede erdenkliche Form pressen, und unter Beigabe besonderer Zusatzstoffe konnten alle möglichen Härtegrade erreicht werden. Im Nu war das Material nicht mehr wegzudenken aus der Industrie und breitete sich von dort stetig weiter aus. Der Übergang von der Nachkriegszeit zum westlichen Wirtschafts- und Konsumwunder im Kalten Krieg wäre nicht denkbar gewesen ohne diesen durch und durch demokratischen Rohstoff. Plastik half mit, politische Stabilität und demokratische Rechte mit einer für breite Schichten zugänglichen Teilhabe an materiellen Gütern zu ergänzen, die nun ihrerseits zu einem nicht unwesentlichen Teil eines Gleichheitsversprechens wurden. Es war eine folgenreiche Verschmelzung, der allerdings um die Mitte der 1960er Jahre ein massives Unbehagen entgegenzuschlagen begann, artikuliert insbesondere von linken Intellektuellen.

Immer tiefer waren die Kunststoffe in sämtliche Lebensbereiche eingezogen. Sei es als Bodenbeläge, flexible und widerstandsfähige Ummantelungen elektrischer Kabel, Rohre, Behältnisse aller Art, Gehäuse von Apparaten, Hygieneartikel, Werkzeuge oder Kleiderstoffe wie Polyester – es wurde zur Selbstverständlichkeit, aus Plastik zu essen, sich in Plastik zu kleiden, seine unmittelbare Umgebung damit zu überziehen, zu verschönern, praktischer und handlicher zu gestalten. Kurz, in einer Welt aus Plastik zu leben. Kein Wunder, stand dieses Material 1956 auch im Zentrum einer Ausstellung in Paris.

Hier wurde ein begehbares Plastikhaus vorgestellt, vollständig aus PVC gefertigt, in futuristischer, aber auch scheinbar natürlicher Schneckenform gegossen – das Gehäuse einer neuen Zeit. Die Ausstellung wurde von Hunderttausenden besucht und die Hauptattraktion war zweifellos eine Maschine, die demonstrierte, wie PVC in jede erdenkliche Gestalt gebracht werden konnte. Vorne wurde die Apparatur über einen grossen Trichter mit Granulat gefüttert – kleine, matt schimmernde und vollkommen gleichförmige Kristalle aus Plastik, die im Innern der Maschine verschwanden, um danach in der Form kleiner praktischer Kunststoffschalen wieder ausgestossen zu werden.

Plastik und Gesellschaftskritik

Auch der Literatur- und Zeichentheoretiker Roland Barthes stand vor dieser Produktionsstrasse, betrachtete verblüfft das Entstehen einer in ihrer Formbarkeit unbegrenzten, materiellen Alltagskultur aus einem einzigen homogenen Material. Der Analytiker der „Mythen des Alltags“ – sein gleichnamiges Buch erschien im Jahr darauf – war überzeugt: Mit dem Plastik werde der bürgerliche Brauch der Imitation zerschlagen. Nicht mehr um Schein und Einzigartigkeit, sondern um den nackten Nutzen gehe es mit der Verwendung dieses Stoffs, der überhaupt ganz aufs Alltägliche ziele. Und warnend – man ist versucht zu sagen: hellsichtig – fügte er in seinem kurzen Ausstellungsbericht hinzu, dass die unendliche Wandelbarkeit des Plastiks die Hierarchie der Substanzen zerstöre. Die ganze Welt könne nun plastifiziert werden, und vermutlich auch bald das Leben selbst.

Diese noch unsichere, tastende Denkbewegung erfuhr bald eine radikale Zuspitzung. Nachdem sich die neomarxistische Kritische Theorie schon in den 1930er und 40er Jahren intensiv mit der sogenannten Kulturindustrie befasst hatte, richtete Herbert Marcuse im 1964 erschienen Bestseller One-Dimensional Man erneute den traurigen Blick der Frankfurter Schule auf sie. Nun war es der neuartige Massenkonsum, der im Fokus stand. Angesichts des Wirtschafts- und Konsumbooms und seiner vielfältigen, verwirrenden Effekte schien der marxistischen Linken ein allgemeiner, über die Befriedigung unmittelbarer Bedürfnisse hinausgehender Wohlstand für alle nicht länger erstrebenswert. Im Gegenteil. Im Massenkonsum zeige sich ein falsches Bewusstsein. Es hätten sich an die Stelle echter Bedürfnisse die falschen gesetzt, nämlich die sich immer weiter fortpflanzenden, grundsätzlich unersättlichen – die nach materiellem Besitz. Wie Roland Barthes angesichts der Produktion von Alltagsdingen über die Denaturierung des Lebens nachdachte, so war sich Marcuse angesichts der alles durchdringenden Konsumpraktiken sicher, dass in der Wohlstandsgesellschaft alle menschlichen Werte nach und nach durch materielle Güter ersetzt werden würden.

In der studentischen, ausserparlamentarischen Linken fand Marcuses Schrift ein gewaltiges Echo, das bis weit in die 1980er Jahre nachhallte – und bekanntlich galten 1968 die ersten terroristischen Aktionen des Kerns der späteren „Roten Armee Fraktion“ (RAF) zwei Frankfurter Kaufhäusern: Brandanschläge, um mit dem Feuer symbolisch an die Napalmbomben der U.S.-Truppen in Nordvietnam zu erinnern, und Kaufhäuser, um zum Konsumboykott aufzurufen.

45 Revolutions per Minute

Zehn Jahre zuvor waren Bill Haley & His Comets durch Deutschland getourt. Die Rock’n’Roll-Welle war aus den USA herübergeschwappt: „Rock Around the Clock“, Haleys Hit-Single, verkaufte sich in Deutschland rund eine halbe Million mal. Der amerikanische Kinofilm „Saat der Gewalt“ („Blackboard Jungle“, R: Richard Brooks, 1955) hatte den Song berühmt und, wie eine Journalistin schrieb, zur „Marseillaise der Jugendrevolte“ gemacht. Doch was für eine Revolte war das eigentlich? (Video) Den ganzen Tag tanzen wollen, den Alltag vergessen, sich hübsch machen, sich mit schönen, erschwinglichen Dingen umgeben – war das ein Auf-Abstand-Gehen zum kalten Arbeitsethos der Vätergeneration, die noch in den Krieg gezogen war? Oder zeigte sich darin, wie kulturkritische Stimmen später behaupten sollten, etwa bloss die Selbstnarkotisierung der Gesellschaft im Hamsterrad? Eines ist sicher: Mit der Ausbreitung des Plastiks ging eine Neuformatierung der Populärkultur einher.

Überhaupt war es nicht zuletzt die Musik, die der Plastik umformte. Zum einen, indem er die noch aus dem späten 19. Jahrhundert stammende Schallplattentechnik grundlegend veränderte. Bis zum Zeitalter des PVC war es ein Naturrohstoff gewesen, der das unverzichtbare Material für die Tonträgerherstellung lieferte. Gewonnen aus dem Sekret indischer Lackläuse, wurde Schellack über die grossen Rohstoffbörsen gehandelt, vor allem jene in London, in begrenzten Mengen und daher zu schwankenden Preisen. Er war ein typisches Luxusprodukt der Vor- und Zwischenkriegszeit, und das waren daher auch die kratzigen und leicht zerbrechlichen Schellackschallplatten – ebenso wie die Abspielgeräte: schwere und unbewegliche Phonographen, die mit ihren kunstvoll geschwungenen Schalltrichtern die Salons des kulturbeflissenen Bürgertums veredelten.

Die Praxis dieses häuslichen Musikkonsums demokratisierte sich erst mit der verbreiteten Elektrifizierung einfacher Haushalte und, dank Plastik, der Massenproduktion moderner, auch tragbarer Plattenspieler in den 1950er Jahren. Entscheidend aber war der kommerzielle Durchbruch der Vinyl-Schallplatte in der Mitte dieses Jahrzehnts. Ihr Trägermaterial war modern, war das Morgen im Heute, und die Vinylsingle war ihren Vorläufern in allen Aspekten weit überlegen.

Ihre charakteristische Drehzahl von 45 RPM (Revolutions per Minute) wurde zum medialen Signum der Popkultur. Was an Musikstilen zuvor bloss regional bekannt und verankert war, wurde nun dank der billigen Vinyl-Schallplatte in Zirkulation gesetzt und konnte klassenübergreifend und – manchmal mit, manchmal ohne das Zutun von Rundfunkstationen – global gehört und angeeignet werden. Hitsingles liessen sich kostengünstig in Millionenauflagen pressen, insbesondere aber nahm die Anzahl neuer Veröffentlichung weltweit exponentiell und in nie gekannten Zahlen zu. Eine stetig wachsende Bandbreite an Musik wurde dadurch zum Teil des täglichen Lebens. Erst jetzt, in den 1950er Jahren, wurden die Platten zudem auch in eigens gestaltete, bunt bedruckte Kartonhüllen gesteckt. Quasi nebenbei eröffnete sich mit aufwendig gestalteten Plattencovern ein eigenes Designfeld, das stilprägende Ikonen der globalen Massenkultur hervorbrachte.

Gleichzeitig revolutionierte der PVC als Trägermaterial für Magnettonbänder die Technik der Tonaufnahmen und damit die Musik selbst. Das Gelingen einer Aufnahme war nicht mehr länger von jenem singulären Moment abhängig, in dem für einen perfekten Augenblick im Studio alles zusammenpasste, die Musiker jeden Ton trafen, eingefangen von schallschluckenden Trichtern, die den Ton eins zu eins weiterleiteten, damit er auf die Matrize geschnitten werden konnte, von der danach die Schallplatten im Pressverfahren abgezogen wurden. Nun erlaubte es die Tonspeicherung auf Magnettonbänder, jedes Musikstück in seine Einzelteile zu zerlegen und zu bearbeiteten. Von nun an liess sich jedes Instrument separat aufnehmen und später zu einem neuen Ganzen kombinieren. Als Folge einer Kette technischer Innovationen entschied sich künftig erst am Mischpult, wie die Musik klingen soll. Techniker und Soundexperten schoben sich zwischen MusikerInnen und Songs, neue Akteure wurden Teil der Musikproduktion und zerschlugen in Tonstudios, die mehr und mehr eigentlichen Hightech-Laboratorien glichen, auch in der Erzeugung von Musik den letzten Anschein von Natürlichkeit und Authentizität.

Die Politik des Konsums

Die Geschichte des Plastiks lässt sich nicht linear erzählen. Der Stoff – er ist schon im Namen nichts als eine Metapher – steht für die unlösbaren Verbindungen, die die Dinge mit den sie erzeugenden und gebrauchenden Menschen eingehen. Die plastikbefeuerte Massenkonsumwelt brachte alle möglichen Lebensstile und ihre Gegenentwürfe hervor, und der Konsum selbst wurde, ob man das wollte oder nicht, zu einer politischen Handlung. Die Überlappung der medialen Felder von Musik, Film, Modeindustrie, Design und Werbung, wälzte die gesamte Verbraucherökonomie um. Mit tiefgreifen, auf die Subjekte wirkenden Folgen: In der oft belächelten neuen Fankultur der Popmusik etwa, in der kreischende junge Frauen, in den Medien bis heute als „hysterisch“ abgetan, für ein neues Regime der Sichtbarkeit stehen, das weibliches Begehren ins Blickfeld rückt – mithin in der ganzen Widersprüchlichkeit eines kommerziellen Felds, in dem sich wie nirgends sonst die untrennbare Verschränkung von Subjektivierung und Konsum manifestiert, mit seinen emanzipatorischen Vektoren genauso wie mit seinen sexistischen.

Auch im weiteren Verlauf der 1960er Jahre, als das Zeitalter der Verbraucherdemokratie im Zeichen der Konsumkritik weltweit Risse bekam, waren es die Schallplatten und ihre KünstlerInnen, die diese skeptischen Töne am effektvollsten transportierten. Zwar kritisierten Intellektuelle in den theoriebegeisterten, aber überschaubaren Zirkeln der Neuen Linken wortreich die hohe Konsumbereitschaft als erkauften, falschen Frieden.

Vor allem jedoch waren es Musikerinnen und Musiker wie Joan Baez, Janis Joplin, die Rolling Stones, Bob Dylan und unzählige weitere, die einen diffusen Dissens in die Welt trugen. In den zwei, drei Jahrzehnten, in denen die Popkultur eine Kraft der gesellschaftlichen Modernisierung war, verliefen die Gräben durch die Gesellschaft wahrscheinlich weit weniger entlang von politischen als entlang von lebensweltlichen, ja ästhetischen Entscheidungen. Das zeigt sich auch daran, dass selbst noch die heftigste Ablehnung gegen eine als verkrustet und veraltet angesehene Gesellschaft immer Teil der kommerziellen Popkultur blieb – selbst und gerade dann, wenn in der Musik das „Wahre“ gegen das „Falsche“, das „Natürliche“ gegen das „Künstliche“ gestellt wurde.

Heute ist der Konsumdiskurs ein vollkommen anderer geworden. Er behauptet nicht länger, die Wohlstandsgesellschaft sei nichts anderes als ein ausgeklügeltes, kapitalistisches Täuschungsmanöver – eine neomarxistische Kritik, die in ihren homöopathischen Ausläufern bis in die unmittelbare Vergangenheit noch das narrative Grundgerüst für ungezählte Bücher, Songs und Filme geliefert hatte. Heute betreffen die Bedrohungen, die von Klimaerwärmung und schwindenden Rohstoffen ausgehen, alle. Es hat sich auch die Einsicht durchgesetzt, in der Summe menschlichen Handelns die treibende Kraft zu sehen, die den gesamten Planeten als solchen stark und unvermutet rasch verändert. Nun mag man, um einen Gedanken des Historikers Dipesh Chakrabarty aufzugreifen, unterscheiden zwischen einer globalen, also der politischen und ökonomischen, und der planetarischen Dimension dieser Veränderungen – also einer, die alle Menschen katastrophal betreffen könnte. Denn immerhin bleibt das Modell des Massenkonsums, als Ziel der Globalisierung, von weltweit ungebrochener Attraktivität. Wer würde auch dagegen argumentieren wollen? Soviel ist klar geworden: In der europäischen Situation von 1945 und den Jahren der Nachkriegszeit mag dies anders gewesen sein, doch im Blick auf Länder wie China oder Russland zeigt sich, dass mit der Etablierung von Gesellschaften relativen Wohlstands nicht zwangsläufig und unumkehrbar eine Stärkung von Demokratie und Emanzipation einhergeht.

Doch was tun, um wenigstens der Plastikflut beizukommen? Versuche, die Mikropartikeln aus den Gewässern zu filtern und mittels schwimmender Barrieren den Kunststoff auf den Meeren abzuschöpfen, muten hilflos an, während die unauflösbare Verflechtung zwischen Menschen, Dingen und Stoffen still und unsichtbar eine in alle Richtungen strahlende Kontingenz bleibt. Dass sich in historischer Perspektive gerade in diesen Prozessen die Endlichkeit des Planeten zeigt, ist Teil davon.