Die USA haben ein bewährtes System öffentlicher Bibliotheken, das dem Bereitstellen und Abbilden aller gesellschaftlicher Diskurse verpflichtet ist. Doch Bürgerinitiativen versuchen zunehmend Einfluss auf die Bibliotheken zu nehmen und Bücher zu entfernen, die nicht in ihr Weltbild passen, vor allem zu Themen wie lgbt und Rassismus. Wohin führt das?

  • Ulrich Johannes Schneider

    Ulrich Johannes Schneider war 2006–2022 Direktor der UB Leipzig und arbeitet als Professor am Institut für Kulturwissenschaften der Universität Leipzig. Forschungsthemen siehe www.ujschneider.de.

Die Stüt­zung der Biblio­theks­ar­beit durch Nach­bar­schaften („commu­ni­ties“) hat das ameri­ka­ni­sche System der „public libra­ries“ seit dessen Etablie­rung im späten 19. Jahr­hun­dert getragen und trägt es noch heute. Vermit­telndes Instru­ment ist meist eine Biblio­theks­kom­mis­sion, die es für jede einzelne Biblio­thek gibt und die zwar kein direktes poli­ti­sches Mandat hat, in der aber alle Ange­le­gen­heiten der Biblio­thek bespro­chen werden. Hier gab es in letzter Zeit mancher­orts Ärger.

Denn es wurden Sitzungen der Biblio­theks­kom­mis­sion gesprengt durch heftig auftre­tende Kritiker der Biblio­theks­ar­beit, die mit vielen Gleich­ge­sinnten laut­stark den Ausschluss uner­wünschter Lite­ratur verlangten. Die ameri­ka­ni­sche Biblio­theks­ver­ei­ni­gung („American Library Asso­cia­tion“, ALA) doku­men­tiert die Stei­ge­rung dieser Vorfälle auf ihrer Webseite; in Deutsch­land brachte die Frank­furter Allge­meine Zeitung im April 2023 einen Bericht zu den Vorgängen. Betroffen sind vor allem Schul­bi­blio­theken, immer öfter auch öffent­liche Bibliotheken.

Vertre­te­rinnen der ALA und ihres Büros für Gedan­ken­frei­heit („Office for Intellec­tual Freedom“) räumen ein, dass Wünsche nach der Entfer­nung bestimmter Bücher aus der Biblio­thek kein neues Phänomen sind. Manchmal geht das so weit, Harry Potter-Romane zu denun­zieren, weil sie Zauberei bewerben. Um Einzel­wün­sche jedoch, die indi­vi­duell beraten werden könnten, handelt es sich inzwi­schen nicht mehr, wie ein Urteil in Texas zeigt, wo ein Richter die durch Druck von Bürger­initia­tiven entfernten Bücher in die Biblio­thek zurück­be­or­derte, wie der Fern­seh­sender CNN berich­tete. Das Zensur­ver­langen scheint durchaus allge­meiner zu sein. Im September 2022 traten Bürge­rinnen und Bürger in Bonners Ferry, Idaho, auf und bewirkten den Rück­tritt der Biblio­theks­lei­terin Kimber Glidden und anderer, die gegen den Druck nicht ankamen und ihre normale Arbeit nicht mehr machen konnten; der Radio­sender NPR berich­tete. Im Staat Loui­siana gab es im April 2023 sogar einen Vorstoß der repu­bli­ka­ni­schen Mehr­heit im Parla­ment, die Finan­zie­rung für Biblio­theken ganz zu strei­chen, wie der Fern­seh­sender PBS berich­tete. Der Leiter der Nash­ville Public Library, Kent Oliver, spricht in einer Video­adresse von einem Kulturkrieg.

Wenn in den USA neuer­dings Einfluss auf Biblio­theken erfochten wird, dann gilt das haupt­säch­lich dem Schutz von Kindern und Jugend­li­chen vor Infor­ma­tionen über vermeint­lich schäd­liche Welt­sichten und Lebens­weisen. Dazu werden Peti­tionen verfasst und Biblio­theks­aus­schüsse von Menschen geka­pert, die außer der Zensur kein weiteres Inter­esse besitzen. Die Zahlen solcher Vorfälle sind von über 700 im Jahr 2021 auf fast 1.300 im Jahr 2022 gestiegen. Mehr als 2.500 Werke sollten entfernt werden: ein Anstieg um 18 Prozent, konsta­tiert die ALA. Der ameri­ka­ni­sche PEN gibt ähnlich hohe Zahlen. Die Vertreter der öffent­li­chen Biblio­theken in den USA sind alar­miert. Für den Oktober 2023 war eine US-weite Aktion gegen Bücher­ver­bote ange­sagt, eine „Woche des verbo­tenen Buches“ („Banned Books Week“, einge­führt 1982), bei der das Thema stärker in die Diskus­sion gehoben werden soll.

Sind die ameri­ka­ni­schen Biblio­theks­ver­hält­nisse auf Europa über­tragbar? Stehen wir vor ähnli­chen Problemen? Im April 2023 wurden anläss­lich der Kinder­vor­le­se­stunde einer Drag Queen in Wien mehrere Protest­de­mons­tra­tionen durch­ge­führt, was Gegen­stand eines Inter­views des Fern­seh­sen­ders Ö24 mit Candy Licious wurde. Im Mai 2023 geschah Ähnli­ches in Zürich und in München, worüber auch das ZDF berich­tete. Beginnen wir auch im deutsch­spra­chigen Teil der Biblio­theks­welt über das Maß an Diver­sität in Kultur und Lite­ratur öffent­lich zu streiten?

Für die biblio­the­ka­ri­sche Zunft scheinen die aktu­ellen Diskus­sionen in den USA zwei Tendenzen anzu­zeigen, wobei die eine die Biblio­theken heraus­for­dert, stärker in die Gesell­schaft hinein zu wirken, und die andere sich selbst­kri­tisch mit der gesell­schaft­li­chen Verstri­ckung der Biblio­theken befasst.

Die gesell­schaft­liche Rolle der Bibliotheken

Im Bereich der öffent­li­chen Biblio­theken war es vor einigen Jahren David Lankes, der mit seinem Atlas des neuen Biblio­theks­we­sens (Atlas of New Libra­ri­an­ship, 2011) die biblio­the­ka­ri­schen Tätig­keiten mit missio­na­ri­schen Ziel­set­zungen verbunden hat. Dieses Anliegen hat er in einer Folge­pu­bli­ka­tion Erwarten Sie mehr! (Expect more, 2016, dt. 2017) verstärkt. Lankes zeigt ein beinahe blindes Vertrauen in den Fort­schritt, sieht Biblio­the­kare überall am Wahren und Guten arbeiten und will das für die Zukunft stärken. Sein Ausgangs­punkt ist die Über­zeu­gung, dass Biblio­theken am Zivi­li­sa­ti­ons­pro­zess immer schon entschei­dend betei­ligt waren:

„Biblio­theken halfen Europa, aus dem dunklen Zeit­alter in die Renais­sance voran­zu­schreiten, und verhalfen der jungen Demo­kratie in den post­ko­lo­nialen Verei­nigten Staaten zur Blüte. Mit der Ankunft des Inter­nets und dem Beginn eines neuen digi­talen Zeit­al­ters zeigen Biblio­the­kare aber­mals den Weg in eine bessere Gesellschaft.“

Lankes bezeichnet es als einen Mythos, in dem vor allem Biblio­the­kare befangen seien, dass moderne Biblio­theken allein wegen der Bücher errichtet wurden. Er defi­niert die Profes­sio­na­lität des Biblio­the­kar­be­rufs um und findet unter den Werten der in Biblio­theken Arbei­tenden vor allem Offen­heit und Ehrlich­keit. Lankes warnt vor dem Ende der gesell­schaft­li­chen Unter­stüt­zung der Biblio­theks­ar­beit, wenn nicht ein neues Selbst­ver­ständnis gefunden wird. Er schreibt in seinem Atlas of New Libra­ri­an­ship: „Wenn wir unsere Aufgabe nicht darin sehen, Wissen zu vermehren, haben wir bald keinen Beruf mehr.“

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Ambi­va­lenzen wissen­schaft­li­cher Bibliotheksbestände

Im Bereich der wissen­schaft­li­chen Biblio­theken ist die Lage in den USA der in Europa ähnli­cher; akade­mi­sche Bedürf­nisse der Forschung führen nicht zur Lite­ra­tur­zensur, die sich höchs­tens auf wenige – porno­gra­phi­sche und poli­tisch extreme – Titel beschränkt, die für die wissen­schaft­lich Inter­es­sierten dennoch prin­zi­piell erreichbar sind. In den Lese­sälen der Univer­si­täts­bi­blio­theken geht es in der Regel nicht um markt­ge­steu­erten Massenkonsum.

Gleich­wohl steht die Qualität mancher Biblio­theks­be­stände in der Diskus­sion, vor allem deren Prove­nienz. Die älteren und meist nur Spezia­listen verständ­li­chen Bestands­seg­mente werden neuer­dings durch ein kriti­sches Denken heraus­ge­for­dert, das auf die Legi­ti­mität des Besitzes zielt. Der Direktor der „Rare Book School“ der Biblio­thek der Univer­sity of Cali­fornia at Los Angeles (UCLA), Rob Montoya, hat vor wenigen Jahren die Mellon-Stiftung über­zeugt, Geld für Akti­vi­täten auszu­geben, die er unter dem Titel des „Radical Libra­ri­an­ship Insti­tute“ bündelt.

Montoya ergänzt die regel­mä­ßigen Fort­bil­dungs­pro­gramme für Sonder­samm­lungs­bi­blio­the­ka­rinnen und -biblio­the­kare in Los Angeles um solche, die speziell der poli­ti­schen Durch­leuch­tung der Samm­lungen dienen. Ein Beispiel dafür findet sich auf der Webseite des Insti­tuts, wo ein Hand­schrif­ten­ex­perte von „rassis­ti­schem Kapi­ta­lismus“ („racial capi­ta­lism“) spricht und davon, dass in den Hand­schrif­ten­samm­lungen „die Werte aus einer Euro-Amerikanischen Ideo­logie des weißen Supre­ma­tismus“ („the values emer­ging from Euro-American white supre­macist ideo­lo­gies“) impli­ziert seien. Was das „Radical Libra­ri­an­ship Insti­tute“ mit dem Video­vor­trag des Hand­schrif­ten­spe­zia­listen doku­men­tiert, sind jedoch weniger die Methoden und Ergeb­nisse bestimmter Forschungs­vor­haben, als viel­mehr die exklu­sive Beto­nung des unaus­ge­wie­senen Besitzes.

In dieser radi­kalen Perspek­tive werden die histo­ri­schen Umstände, Moti­va­tionen und Inter­ak­tionen lange zurück­lie­gender Erwer­bungen abge­kürzt als Rassismus und weißes Über­le­gen­heits­denken stig­ma­ti­siert. Damit wird direkt ein aktu­eller gesell­schaft­li­cher Streit zwischen den Ultra­rechten („white supre­ma­tists“) und den Libe­ralen, wie sie in den USA heißen, in den Zusam­men­hang von Buch­be­sitz proji­ziert. Es geht in diesem Diskurs um die gesell­schaft­liche Verant­wor­tung der Sammler und späterer Kura­toren, deren Taten – Sammeln, Erwer­bern, Erfor­schen – allein über die Diffe­renz zwischen Ursprungs­kultur und Erwer­bungs­kultur beur­teilt werden.

Lehren für Europa?

Der Biblio­theks­his­to­riker Wayne Wiegand, der mehrere große Studien zur Biblio­theks­ge­schichte der USA vorge­legt hat, schreibt in einem seiner letzten Bücher über Biblio­theken als „Part of our Lives“ zu deren sozialer Rolle jenseits ihres profes­sio­nellen Tuns: „Was die öffent­li­chen Biblio­theken schon mehr als andert­halb Jahr­hun­derte zur Verfü­gung stellen – Infor­ma­tion, Lektüre und Lese­saal­plätze – hilft dabei, diverse Gruppen zu (großen und kleinen, realen wie imagi­nären) Gemein­schaften zu verschmelzen und Millionen Menschen ein Gefühl der Zuge­hö­rig­keit zu vermitteln.“

In dieser Aussage trifft sich das ameri­ka­ni­sche Selbst­be­wusst­sein der Biblio­the­ka­rinnen und Biblio­the­kare mit Sozio­lo­ginnen und Sozio­logen wie Klinen­berg und anderen, die eine Gemein­schaft nicht für allzeit gegeben, sondern für jeder­zeit entwi­ckelbar halten.

In Europa dagegen scheint die Biblio­theks­ar­beit vergleichs­weise profes­sio­nell verschwiegen zu laufen und ein diskur­sives Niveau noch nicht einmal dann zu errei­chen, wenn Probleme eska­lieren wie etwa bei den über 70 Brand­stif­tungen in fran­zö­si­schen Biblio­theken zwischen 1994 und 2014. Der Sozio­loge Denis Merklen – der als einziger diese Geschichte darge­stellt und proble­ma­ti­siert hat – beschreibt die Brand­stif­tungen als schwei­gende Akte des Protests:

„Die Stadt­teil­bi­blio­theken befinden sich auf dem Terri­to­rium der unteren Schichten, aber sie sind in dem Maße entpo­li­ti­siert, wie ihr Personal sich profes­sio­na­li­siert hat und die Insti­tu­tion ein öffent­li­cher Dienst geworden ist, der sich an gesichts­lose Benutzer richtet.“

Merklen sieht aber Schweigen auch auf der Seite derer, die eigent­lich hätten reagieren müssen, d. h. auf jour­na­lis­ti­scher und poli­ti­scher Seite, nicht zuletzt auch seitens der biblio­the­ka­ri­schen Zunft. Wenn das, was in Frank­reich in den Zerstö­rungs­akten mani­fest wurde, die gesell­schaft­liche Rolle von Biblio­theken adres­siert, dann muss man das aner­kennen und proble­ma­ti­sieren. Merklen zufolge ist das nicht geschehen.

Ohne gute Kenntnis der Konflikt­lagen, in die Biblio­theken geraten können oder an denen sie teil­haben, lässt sich deren Bedeu­tung für die (national und kultu­rell verschie­denen) Gemein­wesen nicht ermessen und quali­fi­zieren. Das lehrt der Blick in die USA, wo Biblio­theken schon lange in der Mitte einer streit­baren demo­kra­ti­schen Gesell­schaft ange­kommen sind.

Auszug aus einem gleich­na­migen Beitrag zu einem demnächst erschei­nenden Tagungs­band, mit freund­li­cher Geneh­mi­gung der Heraus­geber: 1. Öster­rei­chi­scher Biblio­theks­kon­gress, Inns­bruck, 2. bis 5. Mai 2023. Hrsg. von Andreas Ferus, Chris­tina Kren­mayr und Pamela Stückler. Graz: Graz Univer­sity Library Publi­shing 2024 (= Schriften der VÖB, Bd. 18).