Die Stützung der Bibliotheksarbeit durch Nachbarschaften („communities“) hat das amerikanische System der „public libraries“ seit dessen Etablierung im späten 19. Jahrhundert getragen und trägt es noch heute. Vermittelndes Instrument ist meist eine Bibliothekskommission, die es für jede einzelne Bibliothek gibt und die zwar kein direktes politisches Mandat hat, in der aber alle Angelegenheiten der Bibliothek besprochen werden. Hier gab es in letzter Zeit mancherorts Ärger.
Denn es wurden Sitzungen der Bibliothekskommission gesprengt durch heftig auftretende Kritiker der Bibliotheksarbeit, die mit vielen Gleichgesinnten lautstark den Ausschluss unerwünschter Literatur verlangten. Die amerikanische Bibliotheksvereinigung („American Library Association“, ALA) dokumentiert die Steigerung dieser Vorfälle auf ihrer Webseite; in Deutschland brachte die Frankfurter Allgemeine Zeitung im April 2023 einen Bericht zu den Vorgängen. Betroffen sind vor allem Schulbibliotheken, immer öfter auch öffentliche Bibliotheken.
Vertreterinnen der ALA und ihres Büros für Gedankenfreiheit („Office for Intellectual Freedom“) räumen ein, dass Wünsche nach der Entfernung bestimmter Bücher aus der Bibliothek kein neues Phänomen sind. Manchmal geht das so weit, Harry Potter-Romane zu denunzieren, weil sie Zauberei bewerben. Um Einzelwünsche jedoch, die individuell beraten werden könnten, handelt es sich inzwischen nicht mehr, wie ein Urteil in Texas zeigt, wo ein Richter die durch Druck von Bürgerinitiativen entfernten Bücher in die Bibliothek zurückbeorderte, wie der Fernsehsender CNN berichtete. Das Zensurverlangen scheint durchaus allgemeiner zu sein. Im September 2022 traten Bürgerinnen und Bürger in Bonners Ferry, Idaho, auf und bewirkten den Rücktritt der Bibliotheksleiterin Kimber Glidden und anderer, die gegen den Druck nicht ankamen und ihre normale Arbeit nicht mehr machen konnten; der Radiosender NPR berichtete. Im Staat Louisiana gab es im April 2023 sogar einen Vorstoß der republikanischen Mehrheit im Parlament, die Finanzierung für Bibliotheken ganz zu streichen, wie der Fernsehsender PBS berichtete. Der Leiter der Nashville Public Library, Kent Oliver, spricht in einer Videoadresse von einem Kulturkrieg.
Wenn in den USA neuerdings Einfluss auf Bibliotheken erfochten wird, dann gilt das hauptsächlich dem Schutz von Kindern und Jugendlichen vor Informationen über vermeintlich schädliche Weltsichten und Lebensweisen. Dazu werden Petitionen verfasst und Bibliotheksausschüsse von Menschen gekapert, die außer der Zensur kein weiteres Interesse besitzen. Die Zahlen solcher Vorfälle sind von über 700 im Jahr 2021 auf fast 1.300 im Jahr 2022 gestiegen. Mehr als 2.500 Werke sollten entfernt werden: ein Anstieg um 18 Prozent, konstatiert die ALA. Der amerikanische PEN gibt ähnlich hohe Zahlen. Die Vertreter der öffentlichen Bibliotheken in den USA sind alarmiert. Für den Oktober 2023 war eine US-weite Aktion gegen Bücherverbote angesagt, eine „Woche des verbotenen Buches“ („Banned Books Week“, eingeführt 1982), bei der das Thema stärker in die Diskussion gehoben werden soll.
Sind die amerikanischen Bibliotheksverhältnisse auf Europa übertragbar? Stehen wir vor ähnlichen Problemen? Im April 2023 wurden anlässlich der Kindervorlesestunde einer Drag Queen in Wien mehrere Protestdemonstrationen durchgeführt, was Gegenstand eines Interviews des Fernsehsenders Ö24 mit Candy Licious wurde. Im Mai 2023 geschah Ähnliches in Zürich und in München, worüber auch das ZDF berichtete. Beginnen wir auch im deutschsprachigen Teil der Bibliothekswelt über das Maß an Diversität in Kultur und Literatur öffentlich zu streiten?
Für die bibliothekarische Zunft scheinen die aktuellen Diskussionen in den USA zwei Tendenzen anzuzeigen, wobei die eine die Bibliotheken herausfordert, stärker in die Gesellschaft hinein zu wirken, und die andere sich selbstkritisch mit der gesellschaftlichen Verstrickung der Bibliotheken befasst.
Die gesellschaftliche Rolle der Bibliotheken
Im Bereich der öffentlichen Bibliotheken war es vor einigen Jahren David Lankes, der mit seinem Atlas des neuen Bibliothekswesens (Atlas of New Librarianship, 2011) die bibliothekarischen Tätigkeiten mit missionarischen Zielsetzungen verbunden hat. Dieses Anliegen hat er in einer Folgepublikation Erwarten Sie mehr! (Expect more, 2016, dt. 2017) verstärkt. Lankes zeigt ein beinahe blindes Vertrauen in den Fortschritt, sieht Bibliothekare überall am Wahren und Guten arbeiten und will das für die Zukunft stärken. Sein Ausgangspunkt ist die Überzeugung, dass Bibliotheken am Zivilisationsprozess immer schon entscheidend beteiligt waren:
„Bibliotheken halfen Europa, aus dem dunklen Zeitalter in die Renaissance voranzuschreiten, und verhalfen der jungen Demokratie in den postkolonialen Vereinigten Staaten zur Blüte. Mit der Ankunft des Internets und dem Beginn eines neuen digitalen Zeitalters zeigen Bibliothekare abermals den Weg in eine bessere Gesellschaft.“
Lankes bezeichnet es als einen Mythos, in dem vor allem Bibliothekare befangen seien, dass moderne Bibliotheken allein wegen der Bücher errichtet wurden. Er definiert die Professionalität des Bibliothekarberufs um und findet unter den Werten der in Bibliotheken Arbeitenden vor allem Offenheit und Ehrlichkeit. Lankes warnt vor dem Ende der gesellschaftlichen Unterstützung der Bibliotheksarbeit, wenn nicht ein neues Selbstverständnis gefunden wird. Er schreibt in seinem Atlas of New Librarianship: „Wenn wir unsere Aufgabe nicht darin sehen, Wissen zu vermehren, haben wir bald keinen Beruf mehr.“
Ambivalenzen wissenschaftlicher Bibliotheksbestände
Im Bereich der wissenschaftlichen Bibliotheken ist die Lage in den USA der in Europa ähnlicher; akademische Bedürfnisse der Forschung führen nicht zur Literaturzensur, die sich höchstens auf wenige – pornographische und politisch extreme – Titel beschränkt, die für die wissenschaftlich Interessierten dennoch prinzipiell erreichbar sind. In den Lesesälen der Universitätsbibliotheken geht es in der Regel nicht um marktgesteuerten Massenkonsum.
Gleichwohl steht die Qualität mancher Bibliotheksbestände in der Diskussion, vor allem deren Provenienz. Die älteren und meist nur Spezialisten verständlichen Bestandssegmente werden neuerdings durch ein kritisches Denken herausgefordert, das auf die Legitimität des Besitzes zielt. Der Direktor der „Rare Book School“ der Bibliothek der University of California at Los Angeles (UCLA), Rob Montoya, hat vor wenigen Jahren die Mellon-Stiftung überzeugt, Geld für Aktivitäten auszugeben, die er unter dem Titel des „Radical Librarianship Institute“ bündelt.
Montoya ergänzt die regelmäßigen Fortbildungsprogramme für Sondersammlungsbibliothekarinnen und -bibliothekare in Los Angeles um solche, die speziell der politischen Durchleuchtung der Sammlungen dienen. Ein Beispiel dafür findet sich auf der Webseite des Instituts, wo ein Handschriftenexperte von „rassistischem Kapitalismus“ („racial capitalism“) spricht und davon, dass in den Handschriftensammlungen „die Werte aus einer Euro-Amerikanischen Ideologie des weißen Suprematismus“ („the values emerging from Euro-American white supremacist ideologies“) impliziert seien. Was das „Radical Librarianship Institute“ mit dem Videovortrag des Handschriftenspezialisten dokumentiert, sind jedoch weniger die Methoden und Ergebnisse bestimmter Forschungsvorhaben, als vielmehr die exklusive Betonung des unausgewiesenen Besitzes.
In dieser radikalen Perspektive werden die historischen Umstände, Motivationen und Interaktionen lange zurückliegender Erwerbungen abgekürzt als Rassismus und weißes Überlegenheitsdenken stigmatisiert. Damit wird direkt ein aktueller gesellschaftlicher Streit zwischen den Ultrarechten („white suprematists“) und den Liberalen, wie sie in den USA heißen, in den Zusammenhang von Buchbesitz projiziert. Es geht in diesem Diskurs um die gesellschaftliche Verantwortung der Sammler und späterer Kuratoren, deren Taten – Sammeln, Erwerbern, Erforschen – allein über die Differenz zwischen Ursprungskultur und Erwerbungskultur beurteilt werden.
Lehren für Europa?
Der Bibliothekshistoriker Wayne Wiegand, der mehrere große Studien zur Bibliotheksgeschichte der USA vorgelegt hat, schreibt in einem seiner letzten Bücher über Bibliotheken als „Part of our Lives“ zu deren sozialer Rolle jenseits ihres professionellen Tuns: „Was die öffentlichen Bibliotheken schon mehr als anderthalb Jahrhunderte zur Verfügung stellen – Information, Lektüre und Lesesaalplätze – hilft dabei, diverse Gruppen zu (großen und kleinen, realen wie imaginären) Gemeinschaften zu verschmelzen und Millionen Menschen ein Gefühl der Zugehörigkeit zu vermitteln.“
In dieser Aussage trifft sich das amerikanische Selbstbewusstsein der Bibliothekarinnen und Bibliothekare mit Soziologinnen und Soziologen wie Klinenberg und anderen, die eine Gemeinschaft nicht für allzeit gegeben, sondern für jederzeit entwickelbar halten.
In Europa dagegen scheint die Bibliotheksarbeit vergleichsweise professionell verschwiegen zu laufen und ein diskursives Niveau noch nicht einmal dann zu erreichen, wenn Probleme eskalieren wie etwa bei den über 70 Brandstiftungen in französischen Bibliotheken zwischen 1994 und 2014. Der Soziologe Denis Merklen – der als einziger diese Geschichte dargestellt und problematisiert hat – beschreibt die Brandstiftungen als schweigende Akte des Protests:
„Die Stadtteilbibliotheken befinden sich auf dem Territorium der unteren Schichten, aber sie sind in dem Maße entpolitisiert, wie ihr Personal sich professionalisiert hat und die Institution ein öffentlicher Dienst geworden ist, der sich an gesichtslose Benutzer richtet.“
Merklen sieht aber Schweigen auch auf der Seite derer, die eigentlich hätten reagieren müssen, d. h. auf journalistischer und politischer Seite, nicht zuletzt auch seitens der bibliothekarischen Zunft. Wenn das, was in Frankreich in den Zerstörungsakten manifest wurde, die gesellschaftliche Rolle von Bibliotheken adressiert, dann muss man das anerkennen und problematisieren. Merklen zufolge ist das nicht geschehen.
Ohne gute Kenntnis der Konfliktlagen, in die Bibliotheken geraten können oder an denen sie teilhaben, lässt sich deren Bedeutung für die (national und kulturell verschiedenen) Gemeinwesen nicht ermessen und qualifizieren. Das lehrt der Blick in die USA, wo Bibliotheken schon lange in der Mitte einer streitbaren demokratischen Gesellschaft angekommen sind.